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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Öffentliche Gesundheitspflege 36.1904 Michigan"

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Cassel 





Deutsche Vierteljahrsschrift für 
öffentliche Gesundheitspflege 


Carl Heinrich Reclam, Georg Varrentrapp, 
Alexander Spiess, Moritz Pistor, Emanuel Roth, ... 



















































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Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege 


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Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

öffentliche Gesundheitspflege 

• • 

Organ 

des 

„Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“ 

Herausgegeben von 

Oberbürgermeister Dr. F. Adickes (Frankfurt a. M.), Oberbürger¬ 
meister P. Fass (Kiel), Geh. Medizinalrat Professor Dr. G. Gaffky 
(Gießen), Hofrat Professor Dr. Max Gräber (München), Geh. Ober- 
Medizinalrat Dr. M. Pistor (Berlin), Medizinalrat Dr. J. J. Reineke 
(Hamburg), Regierungs- und Geh. Medizinalrat Dr. Roth (Potsdam), 
Ober- und Geh. Baurat Dr. J. Stfibben (Berlin), Regierungs- und 
Geh. Medizinalrat Dr. R. Wehmer (Berlin) 

Redigiert 

von 

Dr. A. Spiess und Dr. M. Pistor 

Frankfurt a. M. (f 31. Jan. 1904) Berlin 


Sechsunddrfcifsigster Band 


Braunschweig 

Druck und Verlag yon Friedrich Vieweg und Sohn 

1904 


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Alle Rechte, namentlich dasjenige der Übersetzung in fremde Sprachen, 

Vorbehalten 



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Inhalt des seohsunddreißigsten Bandes. 


Erstes Heft. 

Alexander Spless +. Nachruf.I — IV 

Bericht des Ausschusses über die Achtundzwanzigste Versammlung des 
„llentscheii Vereins für Öffentliche Gesundheitspflege 44 zu Dresden 

am 16. t 17. und 18. September 1903. . 1 

Erste Sitzung. 

Eröffnung der Versammlung, Rechenschaftsbericht. 2 

Nr. I. Nach welcher Rieh tung bedürfen unsere derzeitigen 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose 

der Ergänzung?. 11 

Schlußsätze des Referenten Geheimen Medizinalrat Pro¬ 
fessor Dr. Gaffky (Gießen). 11 

Referat von Geh. Medizinalrat Professor Dr. Gaffky . 12 

Diskussion. 26 

Nr. II. Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und 

Scbank8tätten. 41 

Leitsätze des Referenten Regierungs- und Medizinalrat 

Dr. Bornträger (Düsseldorf). 41 

Referat von Regierungs- und Medizinalrat Dr. Born- 

träger. 41 

Diskussion. 88 

Zweite Sitzung. 

Nr. III. Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs 

mit Milch. 91 

Leitsätze des Referenten Professor Dr. Dun bar (Ham¬ 
burg) . 91 

Referat von Professor Dr. Dunbar. 92 

Diskussion.113 

Nr. IV. Reinigung des Trinkwassers durch Ozon.132 

Leitsätze des Referenten Geheimen Regierungsrat Dr. 

Ohlmüller (Berlin).132 

Referat von Geheimem Regierungsrat Dr. Ohlmüller 132 

Diskussion.148 

Dritte Sitzung. 

Neuwahl des Ausschusses.151 

NV. V. Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Ge¬ 
sundheitspflege .152 

Leitsätze der Referenten Geheimen Regierungsrat Dr. 
Rumpelt (Dresden) und Geh. Banrat Stübben 

(Köln).152 

Referat von Geh. Regierungsrat Dr. Rumpelt . . 156 

Korreferat von Geh. Baurat Stübben.172 

Diskussion.191 

Schluß der Versammlung. ...211 


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VI 


Inhalt des sechsunddreißigsten Bandes. 


Beite 


Kritiken und Besprechungen: 

Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates im Jahre 1901. (E. Pfeiffer, 

Hamburg).216 

Dr. med. A. Grotjahn und Dr. phil. F. Kriegei: Jahresbericht über 
die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiete der sozialen Hy¬ 
giene und Demographie. (Altschul, Prag).216 

Prof. Dr. Max Rubner: Lehrbuch der Hygiene. (F. A.).217 

Prof. Dr. Ludwig Heim: Lehrbuch der Hygiene. (F. A.).218 

Prof. Dr. II. Büchner: Acht Vorträge aus der Gesundheitslehre. (A. S.) 218 
Hafenarzt Dr. Nocht: Der Dienst des Hafenarztes in Hamburg. 

(F. Reiche, Hamburg)..219 

Sanitätsrat Dr. G. Herzfeld: Handbuch der bahnärztlichen Praxis. 

(Stich, Nürnberg).220 

Dr. R. Wehmer: Enzyklopädisches Handbuch der Schulhygiene. 

(Arthur Hartmann, Berlin).221 

Paul Johannes Müller: Das Schulzimmer. (Altschal, Prag) . . . 222 
Dr. Paul Ritter: Zahn- und Mundhygiene im Dienste der öffentlichen 

Gesundheitspflege. (Roth, Potsdam).222 

Dr. med. Sohwarz: Bau, Einrichtung und Betrieb öffentlicher Schlacht- 

und Viehhöfe. (Landsberger, Charlottenburg).223 

Professor Dr. Otto Busse: Das Obduktionsprotokoll. (F. Straßman n, 

Berlin).224 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege (100. Ver¬ 
zeichnis) . . . 225 

Zweites Heft. 

Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. Von Th. Oehmcke (Groß- 

Lichterfelde)..237 

Schwefelwasserstoff. Seine Gefahren für Sielarbeiter. Von Dr. E. Pfeiffer 

(Hamburg)...306 

Hygiene und volkswirtschaftliche Bedeutung des Fleisches. Von Dr. med. 

S. Oberndorfer (München).311 

Das staatliche Aufsichtsrecht bei zentralen Wasserversorgungsanlagen. Von 

Regierungsrat Krenzlin (Arnsberg).362 

Kritiken und Besprechungen. 

Prof. C. O. Jensen (Kopenhagen): Grundriß der Milchkunde und Milch¬ 
hygiene. (von Oh len, Hamburg).386 

Leo Burgerstein (Wien): a) Gesundheitsregeln für Schüler und 
Schülerinnen; b) Zur häuslichen Gesundheitspflege der Schuljugend. 

(Altschul, Prag).387 

Johannes Berninger: Ziele und Aufgaben der modernen Schul- und 

Volkshygiene. (Altschul, Prag).389 

Prof. Dr. Pannwitz: Zur Tuberkulosebekämpfung 1903. (Lands¬ 
berger, Charlottenburg).391 

Dr. R. Doll: Die häusliche Pflege bei ansteckenden Krankheiten, ins¬ 
besondere bei ansteckenden Kinderkrankheiten. (Landsberger, 

Charlottenburg).391 

Geh. Reg.-Rat R. Hartmaun, Professor und Senats Vorsitzender im Reichs¬ 
versicherungsamt: Unfallversicherung für Industrie und Landwirt¬ 
schaft. (Landsberger, Charlottenburg).392 

Dr. Gustav Wolzendorff: Gesundheitspflege und Medizin der Bibel. 

(Christus als Arzt.) (Landsberger, Charlottenburg).392 


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Inhalt des sechsunddreißigsten Bandes, 


VII 

Seite 


Pinkenburg, G.: Der Lärm in den Städten und seine Verhinderung. 
Leymann, H.: Die Verunreinigung der Luft durch gewerbliche 
Betriebe. Tschorn, Os.: Die Rauchplage. (E. Roth, Potsdam) . 392 
Prof. Dr. K. B. Lehmann und Dr. R. 0. Neu mann: Bakteriologische 

Diagnostik. (W. Ko Ile, Berlin).395 

Neu erschienene Schriften über öffentl. Gesundheitspflege. (101. Verzeichnis) 396 

Drittes Heft. » 

Womit sind die ansteckenden Geschlechtskrankheiten als Volksseuche im 

Deutschen Reiche wirksam zu bekämpfen? Von Dr. Kühn (Hoyaa. W.) 405 
Der Schulunterricht jn der allgemeinen Naturkunde als Grundlage zur Er¬ 
lernung sachkundiger Gesundheits- und Krankenpflege. Von Dr. Oscar 

Schwartz (Köln a. Rh.).435 

Die neueren Erfahrungen über die Entstehung von Abdom in altyphus in der 
Armee und in der Zivilbevölkerung sowohl infolge von Verunreinigung 
von Trinkwasser, als infolge von Ansteckung vom sanitätspolizeilichen 

Standpunkte aus. Von Dr. Albert Deutsch (Halle a. S.).439 

Die Wohnung in ihrer Beziehung zur Tuberkulose. Von Dr. Julian Mar- 

cuse (Mannheim).493 

Die Milch Versorgung unserer Großstädte unter Anlehnung an die Hamburger 

Milchausstellung 1903. Von Dr. Pro 11s (Scheeßel).508 

Gesundheitsstörungen durch Geräusche und ihre sanitatspolizeiliche Be¬ 
handlung. Von Dr. med. W. Hanauer (Frankfurt a. M.).535 

Über Caissonkrankheiten und Caissoneinrichtungen. Von R. v. Mouillard 

(Kölu a. Rh.).549 

Kritiken and Besprechungen. 

Dr. Gerloff: Die öffentliche Gesundheitspflege. (E. Pfeiffer) .... 553 
Die Lüftung und Heizung der Schulen. (Ingenieur Schumacher, Berlin) 553 
A. Pfeiffer: Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf 


dem Gebiete der Hgiene usw. (E. Roth, Potsdam).564 

H. Weicker: Beiträge zur Frage der Volksheilstätten. (E. Roth, Potsdam) 555 
H. Weicker: Tuberkulose.— Heilstätten. — Dauererfolge. (E. Roth, 

Potsdam).555 

Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. XX. Band. (W. Kiß- 

kalt, Gießen).567 

Tuberkulose-Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. I. Heft. 

Die Hühnertuberkulose. (W. Kißkalt, Gießen).561 

Prof. Gruber (München): Führt die Hygiene zur Entartung der Rasse? 

(Landsberger, Charlottenburg).502 

Prof. Dr. phil. Bloch mann (Tübingen): Ist die Schutzpockenimpfung 
mit allen notwendigen Kautelen umgeben? (Landsberger, Char¬ 
lottenburg) .563 

Krankheiten und Ehe. (Landsberger, Charlottenburg).564 

Gustav Paul: Lehrbuch der Somatologie und Hygiene für Lyzeen und 

verwandte Institute. (Landsberger, Charlottenburg).565 

Das Goldene Buch der Gesundheit. (Landsberger, Charlottenburg) . 666 

Czaplewski: Kurzes Lehrbuch der Desinfektion.' (Landsberger, 

Charlottenburg).567 

Dr. med. W. Pfaff: Die Alkoholfrage. (Dr. A. Baer, Berlin) .... 567 

Das Schulzimmer. (Altschul, Prag).568 

Prof. Carl Hinträger: Die Volksschulhäuser in den verschiedenen 

Ländern. UI. Volksschulhäuser in Frankreich. (Altschul, Prag) 569 

Luftverunreinigung und Ventilation, mit besonderer Rücksicht auf In¬ 
dustrie und Gewerbe. (H. Schumacher, Berlin).570 

Neu erschienene Schriften über öffentl. Gesundheitspflege (102. Verzeichnis) 572 


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VIII 


Inhalt des sechsunddreißigsten Bandes. 


Seite 


Viertes Heft: Erste Hälfte. 

Über Versuche mit einer hygienischen Geschirrspülmaschine. Von Dr. 

Czaplewski (Köln).679 

Die hygienischen Fortschritte der Stadt Beuthen (Oberschlesien) innerhalb 

des letzten Dezenniums. Von Dr. Bloch (Beuthen) .696 

Die Verbreitung des Typhus in Preußen während des Jahrzehntes 1892 
bis 1901 nebst Bemerkungen über Entstehung, Verbreitung und Be¬ 
kämpfung der Krankheit. Von M. Pistor.617 

Über den Wert ärztlicher Todesbescheinigungen für die Todesursachen- 

statistik. Von Dr. J. J. Reineke (Hamburg).650 

Eine neue Methode zur Bestimmung des Luftstaubes und ihre Verwendung 
zur Prüfung eines neuen Wassersprengapparates. Von Dr. Konrad 
Stich (Leipzig).655 

Kritiken nnd Besprechungen: 

Dr. Max Seiffert: Die Versorgung der großen Städte mit Kindermilch. 

(Dr. von Oh len, Hamburg).667 

E. Neißer und K. Pollack: Tuberkulosebüchlein. (E. Roth, Potsdam) 670 
Der Kampf gegen die Tuberkulose in Bremen. (E. Roth, Potsdam) . 671 
Pannwitz: Bericht über die I. Versammlung der Tuberkuloseärzte. 

(E. Roth, Potsdam) . . . ..672 

Wese ne r: Über Säuglingssterblichkeit und Säuglingsfürsorge mit beson¬ 
derer Berücksichtigung Aachens. (Landsberger, Charlottenburg) 672 
Schumburg: Die Tuberkulose. (Landsberger, Charlottenburg) . . 673 
Medizinalrat Räuber: Die Bestimmungen über den Verkehr mit Giften. 

(Landsberger, Charlottenburg).674 

Aus Natur- und Geisteswelt. (M. P.).674 

Dr. Fridolin Schüler: Erinnerungen eines Sieben zigjährigen. (M. P.) 674 
Symptome, Wesen und Behandlung der Malaria (Wechselfieber). (M. P.) 675 

Schroeter: Das Fleischbeschaugesetz. (M. P.). 676 

Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates im Jahre 1902. (M. P.) 676 

Bericht über die IX. Versammlung des Deutschen Vereins für Volkshygiene 
zu Frankfurt a. Main am 4. Juni 1904. (Dr. Julian Marcuse, Mann¬ 
heim) . 679 

Vereine and Versammlungen: 

Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. Neunundzwanzigste 

Versammlung zu Danzig am 14. bis 17. September 1904 684 

Neu erschienene Schriften über öffentliche Gesundheitspflege. (103. Ver¬ 
zeichnis) .685 

Viertes Heft: Zweite Hälfte. 

Der Unterleibstyphus und seine Bekämpfung. Von Dr. Schlegtendal und 

Dr. Peren.691 

Über den ersten internationalen Kongreß für Schulhygiene zu Nürnberg vom 

4. bis 9. April 1904. Von R. Wehm er (Berlin). .... 742 

Repertorium der im Laufe des Jahres 1903 in deutschen und ausländischen 
Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesundheitspflege. 
Zusammengestellt von Geh. San.-Rat Dr. Spiess. + 31. Januar 1904, und 
Frau ClotildeSpiess.765 

Generalregister zum XXXV. und XXXVI. Rande .996 


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Bericht des Ausschusses 

über die 

Achtundzwanzigste Versammlung 

des 

Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

zu Dresden 

am 16., 17. und 18. September 1903. 


Tagesordnung;: 

Mittwoch, den 16. September. 

9 Uhr vormittags: 

Erste Sitzung 

im großen Saale des Gewerbehanses (Ostraallee 13). 

Eröffnung der Versammlung; Rechenschaftsbericht und geschäftliche 
Mitteilungen. 

Hach welcher Richtung bedürfen unsere derzeitigen Maßnahmen zur Be¬ 
kämpfung der Tuberkulose der Ergänzung? 

Referent: Geh. Medizinalrat Professor Dr. Gaffky (Gießen). 
Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 

Referent: Reg.- und Medizinalrat Dr. Borntr&ger (Düsseldorf). 


Donnerstag, den 17. September. 


9 Uhr vormittags: 


Zweite Sitzung. 


Die gesundheitliche Überwachung des Yerkehrs mit Milch. 

Referent: Professor Dr. Dun bar (Hamburg). 
Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 

Referent: Geh. Regierungsrat Dr. Ohlmüller (Berlin). 


Freitag, den 18. September. 

9 Uhr vormittags: 

Dritte Sitzung. 

Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 

Referenten: Geh. Regierungsrat Dr. Rumpelt (Dresden). 
Geh. Banrat Stübben (Köln). 


Vierteljahruchrift ffLr GMondhsitepflege, 1904. 


1 


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2 


XXVIII. Versammlung des Deutschen Vereins 


Erste Sitzung. 

Mittwoch, den 16. September, vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender, Geh. Baurat Stubben (Köln): 

„Hochverehrte Versammlung! Es sind 25 Jahre her, daß der Deutsche 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege hier in Dresden getagt hat. Das 
allein ist schon eine Veranlassung für uns gewesen, unsere Schritte wieder 
nach der sächsischen Hauptstadt zu lenken, in diese Stadt, die, wie jeder 
bei dem Eintritt in dieselbe bemerkt, auf so vielen Gebieten des kulturellen 
Fortschrittes lebhaft tätig ist und in mannigfacher Hinsicht ein Vorbild ge¬ 
worden ist, in die Hauptstadt des Landes, das durch industriellen Fleiß, 
durch eine außerordentlich glückliche Entwickelung sich auszeichnet vor 
anderen Teilen des Vaterlandes. 

„Eine zweite Veranlassung war es, die uns den Rat erteilte, gerade 
Dresden als diesjährigen Versammlungsort zu wählen. Das war die glänzende 
Veranstaltung der deutschen Städteausstellung, die Sie ja in diesen Tagen 
Gelegenheit haben werden, eingehend zu betrachten, die uns viel Stoff zur 
Belehrung darbietet und die uns Einblick gewährt in die hygienische Tätig¬ 
keit so vieler deutscher Städte. 

„Wir freuen uns darüber, von neuem in dieser Stadt versammelt zu 
sein. Namens des Ausschusses begrüße ich Sie hier, in der Hoffnung, daß 
uns gute Tage beschieden sein werden und daß die Versammlung von Er¬ 
folg begleitet sein möge. 

„Bevor wir aber in die Tagesordnung eintreten, habe ich einen kurzen 
Rückblick zu werfen auf die Geschichte unseres Vereins. 

„Meine Herren! Es sind in diesem Jahre gerade 30 Jahre her, daß in 
Bingen einige Herren, die sich für die Fragen der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege besonders interessierten, zusammengetreten sind, um den Deutschen 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege ins Leben zu rufen. Es waren dies die 
Herren Börner, Varrentrapp, Graf, Lent, Sander, Baurat Hobrecht 
und Spieß sen. und jun. Sie haben damals den Grund gelegt zu dem in¬ 
zwischen so herrlich aufgeblühten Verein, zu diesem Baume, der so viele 
Früchte für uns und für das Vaterland getragen hat. Bald nachher fand 
dann die konstituierende Sitzung des Vereins und die erste Versammlung 
desselben in Frankfurt a. M. unter dem Vorsitze des damaligen Ober¬ 
bürgermeisters von Berlin, späteren Staatsministers Hobrecht statt. 

„Seit jener Zeit, meine Herren, hat Dr. Alexander Spieß als ständiger 
Sekretär unseres Vereins dessen Geschäfte geführt. Unermüdlich, mit 
eisernem Fleiß und mit großer Umsicht hat er alles das vorbereitet, geplant, 
geordnet und nachher zur Ausführung gebracht, was der Verein zu be¬ 
schließen hatte, was er für gut befand, in die Öffentlichkeit zu bringen, den 
Behörden zu unterbreiten, für die weitere Ausführung den Staaten und 
den Städten darzulegen. In welcher Weise Herr Spieß diese Aufgabe er¬ 
füllt hat, das ist allen denen bekannt, die seit jener Zeit — deren sind aber 
wenige — oder doch wenigstens seit langer Zeit die Tätigkeit des Herrn 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden. 


3 


Spieß beobachtet haben. Nur einer ist unter uns, der seit jener Zeit mit 
Herrn Spieß hier in dem Verein gearbeitet hat, das ist der Geh. Sanitätsrat 
Prof. Dr. Lent aus Köln, den ich als Mitbegründer des Vereins hierdurch 
herzlich begrüße. 

„Spieß selbst ist, wie gesagt, ununterbrochen tätig gewesen. Wer im 
Ausschuß war, der weiß, wie viel dazu gehört, einen so großen Verein be¬ 
ständig, wenn ich so sagen soll, in Ordnung zu halten. Unser Verein ohne 
Herrn Spieß, das wäre eine Stadt ohne Bürgermeister, das wäre ein Haus¬ 
halt ohne Hausfrau. Er hat vorzubereiten, er hat für die Vorträge zu 
sorgen, mit den Referenten zu verkehren — und das ist häufig recht 
schwer — die Thesen für die Versammlung zusammenzustellen, die ganzen 
Verhandlungen zu ordnen, die Ausführung der Beschlüsse ins Werk zu 
setzen. Er hat auch die Redaktion des Organs unseres Vereins, der Deut¬ 
schen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, seither ununter¬ 
brochen geführt. 

„In Anerkennung der außerordentlich großen Verdienste, die Herr 
Geheimrat Dr. Spieß sich im Laufe dieser 30 Jahre erworben hat, hat nun 
Ihr Ausschuß die Empfindung, daß es geboten sei, Herrn Dr. Spieß eine 
besondere Ehrung zuteil werden zu lassen. (Bravo!) Selbst hat der Aus¬ 
schuß bereits in einer Adresse seine Glückwünsche dem Herrn Dr. Spieß 
dargebracht, um so mehr, als er auch in diesem Jahre sein 70. Lebensjahr 
vollendet hat. Das ist ja im allgemeinen minder erfreulich, als wenn man 
in ein jüngeres Lebensalter eintritt, aber bei dieser außerordentlichen geistigen 
und körperlichen Frische, die Herr Spieß sich bisher bewahrt hat und 
hoffentlich noch lange bewahren wird, ist dieser Tag für Herrn Spieß ein 
außerordentlich erfreulicher gewesen. Von vielen Seiten sind ihm Ehrungen 
zuteil geworden. Die staatswirtschaftliche Fakultät der Universität München 
hat ihn ehrenhalber zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Auch 
dazu, glaube ich, dürfen wir nicht unterlassen, Herrn Spieß unsere Glück¬ 
wünsche darzubringen. 

„Was aber der Ausschuß Ihnen vorschlägt, das ist das, daß Sie Herrn 
Spieß die größte Ehrung zuteil werden lassen, die ein Verein 
überhaupt zu vergeben hat, daß Sie ihn zum Ehronmitgllode des 
Vereins ernennen. 

„Ich bitte diejenigen Herren, die zu diesem Vorschläge, den ich namens 
des Ausschusses lebhaft befürworte, das Wort zu ergreifen wünschen, sich 
zu melden.“ 

Geh. Hofrat Prof. Dr. Gärtner (Jena): 

„Meine Damen und Herren! Wir haben eben schon gehört, was alles 
unserem Vorstande obliegt; wir haben ferner gehört, daß als die Mutter des 
Vereins der ständige Sekretär gilt, der die Arbeiten des Vereins leitet. Wir 
wissen aber als Familienväter, meine Herren, daß die Mutter jederzeit das 
Regiment im Hause hat und daß nach ihrer Pfeife das ganze Haus tanzt. 
Es sind ja keine Damen hier, deshalb darf ich das so offen bekennen. 

„Nun, meine Herren, in der Tat, was die Mutter zu Hause ist, das ist 
Spieß für uns gewesen durch lange lange Jahre hindurch. 

„Aber ich möchte noch einen anderen Vergleich ziehen. Das Wesen 

1 * 


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4 


XXVIII. Versammlung des Deutschen Vereins 

der Hausfrau ist es, still zu arbeiten, und nach dieser Richtung hin ist die 
Hausfrau auch vergleichbar mit dem städtischen Tiefbauingenieur, und so, 
meine Herren, wie der Tiefbauingenieur gewöhnlich unten herumbuddelt und 
nur selten einmal eine Blüte nach oben treibt, so ist es bei unserem ständigen 
Sekretär Spieß gewesen. Die ganze ruhige Arbeit das ganze Jahr hindurch 
hat auf seinen Schultern geruht, und wenn dann die Vereinstage kamen, dann 
ist Spieß bescheiden auf die Seite getreten. 

„Aber noch nach einer anderen Richtung hin ist er mit dem Leiter 
des Tiefbaues zu vergleichen. Wir merken das Wesen des Tiefbaues meistens 
daran, daß — ich will einmal sagen — die Verdauung der Stadt ganz glatt 
vor sich geht, und daß zu gleicher Zeit die Steuern, die eingezogen werden 
müssen — und zwar nicht gerade selten — durch den Tiefbau erhöht 
werden. Nun, meine Herren, daß die Vereins Verhandlungen stets glatt ab¬ 
laufen, haben wir Spieß zu verdanken. Es ist nicht immer leicht, die 
Referenten für die einzelnen Themen zu gewinnen und sie nachher auch zur 
Stelle zu bringen; es ist nicht leicht, die Manuskripte, besonders wenn sie 
nicht da sind, aus den einzelnen Referenten herauszuholen und sie zu publi¬ 
zieren, und es ist auch nicht immer leicht, mit den geringen Geldern, die 
zur Verfügung stehen — unser Sekretär ist auch unser Schatzmeister — 
auszukommen. Spieß ist auch unser Steuerdirektor gewesen, und in dieser 
Beziehung ist er allerdings seinem früheren Chef und unserem verstorbenen 
Mitgliede Miquel nicht ganz gefolgt. Der war in der Ausnutzung der 
Steuerkraft besser veranlagt, als unser ständiger Sekretär und Bankier es 
jemals gewesen ist. Das wollen wir ihm aber nicht übel nehmen. 

„Wir können unseren verdienten Freund in der Tat kaum anders ehren, 
als wie vom Ausschuß vorgeschlagen ist; wir können ihm keinen Orden 
geben, wir können ihn nicht einmal zum Geheimsekretär ernennen, aber 
die größte Anerkennung, die wir ihm gewähren können und wollen, ist die, 
daß wir ihn zum Ehrenmitgliede machen. Für die stille, ruhige Arbeit der 
30 Jahre, die er für den Verein gewirkt hat, müssen wir ihm dankbar sein; 
wir ehren ihn und uns, meine Herren, und wir Ärzte — in deren Namen 
ich hier sprechen möchte — fühlen es als eine Ehrung unseres ganzen 
Standes, wenn wir Spieß zum Ehrenmitgliede machen, und ich glaube in 
Ihrer aller Namen sagen zu können: Wir begrüßen freudig und von ganzem 
Herzen das, was uns unser Vorstand soeben vorgeschlagen hat.“ 

Oberbürgermeister Fuß (Kiel): 

„Meine Herren! Gestatten Sie nur noch ganz wenige Worte dem 
hinzuzufügen, was soeben einer der ersten Vertreterder wissenschaftlichen 
Hygiene zu Gunsten des Vorschlages unseres Ausschusses ausgeführt hat. 
Ihm werden alle zustimmen, die Spieß’ außerordentlich tiefgründige wissen¬ 
schaftliche Arbeit schätzen gelernt haben. Ich glaube aber auch, aus dem 
Herzen aller derer hinaus, die vom praktischen Standpunkt der Verwaltung 
in diesem Vereine tätig gewesen sind, erklären zu sollen, daß wir die Arbeits¬ 
kraft, die selbstverleugnende Bescheidenheit, die Unermüdlichkeit unseres 
Spieß, sowie sein Verdienst um die praktischen Erfolge unseres Vereins 
gar nicht hoch genug anschlagen können. 

»Sie haben gehört, daß Geheimrat Spieß sein siebzigstes Lebensjahr 


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für öffentliche Gesundheitspflege zn Dresden. 


5 


vollendet hat. Im Interesse unseres Vereins wünsche ich, daß ihm die Ge¬ 
sundheit und Kraft, die ihm bis jetzt unvermindert innewohnen, noch lange 
erhalten bleiben mögen; denn es wird schwer für uns sein, ohne einen 
solchen Mann wie Spieß unsere Aufgaben in gleicher Weise wie bisher zu 
erfüllen. (Sehr richtig!) 

„Meine Herren, ich glaube, es hieße Eulen nach Athen tragen, mehr 
zur Unterstützung des Vorschlages des Ausschusses auszuführen. Ich er¬ 
laube mir nur noch, Sie zu bitten, durch die Einmütigkeit, mit der Sie, wie 
ich nicht zweifle, den Vorschlag des Ausschusses annehmen werden, auch 
implizite unseren Dank für diesen ausgezeichneten Vorschlag zum Ausdruck 
zu bringen, einen der besten, die der Ausschuß uns je unterbreitet hat.“ 

Vorsitzender Geheimrat Stübben: 

„Meine hochverehrten Anwesenden! Darf ich feststellen, daß der 
Verein einstimmig beschließt, Herrn Geh. Sanitätsrat Dr. Spieß 
in Frankfurt zu seinem Ehrenmitglieds zu ernennen? (Lebhafte 
Zustimmung.) Dann bitte ich die Versammlung, sich zu Ehren unseres 
Ehrenmitgliedes von ihren Sitzen zu erheben. (Geschieht.) Ich danke 
Ihnen, meine Herren. 

(Geheimrat Dr. Spieß erscheint im Saal und wird mit lebhaftem Bei¬ 
fall begrüßt.) 

„Hochgeehrter Herr Geheimrat! Sie hören an dem Beifallklatschen bei 
Ihrem Erscheinen, daß etwas besonderes vorgekommen ist. Der Verein hat 
einstimmig, wie ich mich freue,Ihnen mitteilen zu können, Ihnen die Ehren¬ 
mitgliedschaft unseres Vereins übertragen. Es ist die allerhöchste Ehre, 
welche ein Verein einem Mitglieds erweisen kann. Er hat sie Ihnen er¬ 
wiesen, Herr Geheimrat, weil keiner vorhanden ist, der in einer solchen 
Weise für den Verein während 30 Jahre, während eines ganzen 
Menschenalters gesorgt hat, der uns als Vater und Mutter geführt und 
Überall uns den richtigen Weg geleitet hat. Wir sind Ihnen von ganzem 
Herzen dankbar für alles, was Sie für den Verein, was Sie für die Deutsche 
Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, was Sie für unsere 
Versammlungen geleistet haben, und was Sie geleistet haben für die 
Zwecke der öffentlichen Gesundheitspflege und dadurch für das Wohl unseres 
Vaterlandes. 

„Gestatten Sie mir, sehr geehrter Herr Geheimrat, daß ich Ihnen 
namens dieser hochansehnlichen Versammlung ferner unsere herzlichsten 
Glückwünsche zur Vollendung Ihres 70. Lebensjahres, aber namentlich 
dazu ausspreche, dass Sie in so voller Frische des Körpers und des Geistes 
dieses Alter angetreten haben, und daß Sie nunmehr unser einziges und 
verehrtes Ehrenmitglied sind. Möge das noch lange Jahre Ihnen Freude 
bereiten, möge noch lange Jahre Ihnen Kraft und Gesundheit des Geistes 
und des Körpers verliehen sein, um, wie bisher, für uns alle tätig zu sein. 
Ad multos annos! tt 

Geh. S&nit&tsr&t Dr. Spiel! (Frankfurt a. M.): 

„Herr Präsident! Ich sagen Ihnen und damit der ganzen Versamm¬ 
lung meinen allerherzlichsten Dank für die Auszeichnung, für die hohe Ehre, 


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6 XXVIII. Versammlung des Deutschen Vereins 

die Sie mir in wirklich ganz unverdienter Weise haben zuteil werden 
lassen. 

„Ich bin allerdings seit 30 Jahren ständiger Sekretär dieses Vereins, 
und ich darf sagen, daß mir von den mannigfachen Tätigkeiten, die ich in 
meinem Leben gehabt habe, keine größere Freude und keine größere Genug¬ 
tuung bereitet hat, als diese Stelle, das Amt des ständigen Sekretärs des 
Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 

„Wenn Sie davon sprechen, daß ich das noch eine Reihe von Jahren 
fortsetzen‘möge, so, glaube ich, gehen Sie über das menschliche hinaus. 
Wer bereits 70 Jahre hinter sich hat, für den ist die Spanne, die vor ihm 
liegt, keine große mehr. Ich habe schon wiederholt in Ausschußsitzungen 
in Anregung gebracht, einen Ersatzmann für mich zu wählen. Die Kündi¬ 
gung ist aber bis jetzt vom Ausschuß noch nicht angenommen worden. In 
der nächsten Zeit wird sie freilich kommen müssen. Ich werde mit schwerem 
Herzen das Amt niederlegen, ich werde mit schwerem Herzen mich trennen 
von dem Verein, der mir so lieb geworden ist. 

„Die außerordentliche Ehrung, die Sie mir aber heute hier zuteil 
werden lassen, macht mir eine ganz besondere Freude, und ich spreche 
Ihnen allen dafür nochmals meinen allerherzlichsten Dank aus. u 

Vorsitzender Gehoimrat Stütohen: 

„Noch ist die Zeit zu scheiden nicht gekommen. Ich denke, wir werden 
noch lange uns der Gegenwart und der Mitarbeit unseres verehrten Herrn 
Dr. Spieß zu erfreuen haben. 

„Meine Herren! Ich habe nunmehr im Aufträge des Ausschusses Sie 
zu bitten, das Bureau dieser Versammlung zu besetzen, und zwar bitte ich 
zunächst Herrn Oberbürgermeister Geh. Finanzrat Dr. Beutler aus Dresden, 
die Freundlichkeit zu haben, das Amt als erster stellvertretender Vorsitzender 
zu übernehmen. Dann habe ich die Ehre, Herrn Geh. Medizinalrat Prof. 
Dr. Löffler zu bitten, als zweiter stellvertretender Vorsitzender hier an 
dem Tische Platz zu nehmen. Als stellvertretenden Schriftführer bitte ich 
Herrn Stadtbaurat Pauly aus Kiel, hier Platz zu nehmen. 

„Dann habe ich Ihnen die Mitteilung zu machen, daß ein Vertreter 
der königlich sächsischen Staatsregierung, Herr Geh. Regierungsrat Kunze 
aus dem Ministerium des Innern, die Liebenswürdigkeit haben will, die Ver¬ 
sammlung zu begrüßen. Darf ich den Herrn Geheimrat bitten.“ 

Geh. Regierungsrat Kunze (Dresden): 

„Hochgeehrte Anwesende! Ich schätze es als besondere Ehre, namens 
des königlichen Ministeriums des Inneren den Deutschen Verein für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege bei seiner diesmaligen Zusammenkunft im Sachsen¬ 
lande herzlich willkommen zu heißen. 

„Seine Excellenz der Herr Staatsminister von Metzsch bedauert leb¬ 
haft, daß er verhindert ist, Sie persönlich zu begrüßen und seine vollen, 
warmen Sympathien ebenso wie die des Ministeriums auszusprechen. Ich 
erlaube mir in seinem Aufträge und Namen und zugleich auch in meinem 
Namen dies hiermit zu tun, in dem vollen Bewußtsein der großen Wichtig- 


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7 


für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden. 

keit und Bedeutung, welche ein so hervorragender Verein wie der Ihre für 
die ärztliche Wissenschaft und Praxis und damit für die Allgemeinheit hat. 

„Nochmals den Ausdruck herzlichen Willkommens und bester Wünsche 
in jeder Richtung/ 

Oberbürgermeister Geh. Finanzrat Dr. Beutler (Dresden): 

„Meine hochgeehrten Herren! Auch namens der Stadt Dresden erlaube 
ich mir, Sie herzlich zu begrüßen und nach einer Zeitspanne von 25 Jahren 
hier in Dresden willkommen zu heißen. 

„Meine hochgeehrten Herren! Diejenigen von Ihnen — es werden 
wohl nicht mehr sehr viele sein — die vor 25 Jahren schon in Dresden 
waren, und die sonst einmal unsere Stadt kennen gelernt haben, werden 
gewiß bestätigen, daß sie in diesem Zeiträume sich wesentlich verändert hat 
— ob zu ihrem Vorteil, das steht bei Ihnen, zu beurteilen. Der Verein 
selbst aber, der heute wiederkehrt, hat sich nur in einer Richtung ver¬ 
ändert: er hat sich vergrößert und erweitert über das ganze Gebiet unseres 
Reiches und hat an Mitgliederzahl sehr bedeutend gewonnen. Im übrigen, 
in seiner Tätigkeit, in seiner ganzen Tendenz ist er der alte geblieben, und 
das, meine Herren, ist dem Verein ganz besonders hoch anzurechnen; dafür 
sind wir ihm von ganzem Herzen dankbar. 

„Wenn vorhin der Herr Vorsitzende die Freundlichkeit hatte, an die 
deutsche Städteausstellung zu erinnern, so sind wir, die Veranstalter dieser 
Ausstellung, in erster Linie auch dem Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege dafür dankbar, daß das, was dort das Aufsehen in Deutschland, ja in 
der ganzen Welt erregt hat, vorgeführt werden konnte; denn die Fortschritte 
in der Gesundung unserer großen Städte, in der gesamten Volkshygiene 
verdanken wir nicht zu einem kleinen Teil Ihren Anregungen, Ihren Be¬ 
strebungen, die dann als allgemein gültiges und fruchtbares Fluidum in die 
Verwaltungskörper der Städte hineingekommen sind und von dort aus als 
selbständige momentan von dort ausgegangene Anregungen wieder in die 
Wirklichkeit übersetzt worden sind. Ich darf das um so mehr aussprechen, 
als ich selbst die Erfahrung gemacht habe, daß, wenn man in den Annalen 
des Vereins zurückgeblättert, man dort Anregungen findet, die in neuester 
Zeit erst wieder als etwas Neues aufgestellt wurden. 

„So sind wir Ihnen denn ganz besonders dankbar, daß Sie nach einigen 
Jahren wieder hierher nach Dresden gekommen sind, und ich darf aus¬ 
sprechen, daß die Bestrebungen Ihres Vereins, wie sie auch auf der dies¬ 
jährigen Tagesordnung ausgedrückt sind, die größte Aufmerksamkeit unserer 
städtischen Verwaltung für sich beanspruchen. 

„Es sind in den letzten Jahren ja noch Konkurrenten, möchte ich sdgen, 
von diesem Verein gebildet worden, Vereine, die ähnlichen Bestrebungen 
nachgehen. Ich glaube, der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege braucht diese Konkurrenten nicht zu scheuen. Zum Teil decken 
sich die Bestrebungen derselben mit den Ihrigen, und dann schadet es 
ja nichts, wenn zwei dasselbe tun oder wenigstens an demselben Strange 
ziehen. Zum Teil sind kleine Verschiedenheiten, vorhanden, und wir 
können abwarten, wie diese jüngeren Korporationen etwa mit uns zu¬ 
sammen arbeiten. 


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8 


XXVm. Versammlung des Deutschen Vereins 

„Jedenfalls freut es mich, Sie hier ganz herzlich willkommen zu heißen 
und Ihren diesjährigen Arbeiten den besten Erfolg zu wünschen. . Noch¬ 
mals willkommen in Dresden. u 

Vorsitzender Geheimrat Stübben: 

„Im Namen der Versammlung danke ich dem Herrn Vertreter der 
Staatsregierung und dem Herrn Vertreter der Stadt Dresden auf das herz¬ 
lichste für die freundlichen Willkommensgrüße. Ich danke um so mehr 
dafür, als wir uns bewußt sind, daß wir unsere Absichten nur dann in die 
Wirklichkeit übersetzen können, wenn die Staaten und Städte uns unter¬ 
stützen, denn das sind diejenigen, die die Mittel dazu in der Hand haben. 
Das sind wir nicht. Wir können eben nur anregen und freuen uns, wenn 
unsere Anregungen auf guten Boden fallen. Daß die sächsische Staats¬ 
regierung auf diesem Gebiete großes geleistet hat in Gesetzgebung und 
Verwaltung, ist bekannt; man braucht nur die Blätter der Gesetzgebung 
aufzuschlagen, um zu sehen, wie gerade hier auf unserem Gebiete besonders 
fruchtbar gearbeitet worden ist. Und was die Stadt Dresden betrifft, so kann 
ich die Frage, die der Herr Oberbürgermeister vorhin gestellt hat, ob 
Dresden sich in den letzten 25 Jahren — ich kann allerdings nicht gerade 
von 25 Jahren reden, aber von nahezu 25 Jahren — zu seinem Besseren 
entwickelt hat, ich glaube mit Ihrer aller Zustimmung mit einem lebhaften 
Ja beantworten, und dieses Ja werden Sie um so mehr bestätigen, wenn Sie 
die Ausstellung besuchen und auf der Ausstellung alles das sehen werden, 
was Dresden in so ausführlicher und eingehender Weise auf dem Bau- und 
Gesundheitsgebiete ausgestellt hat. 

„Ich danke den verehrten Herren nochmals für ihre liebenswürdige 
Begrüßung und schlage vor, daß wir nunmehr in die Arbeiten unserer 
Tagesordnung eintreten. Zu diesem Zwecke erteile ich das Wort unserem 
Herrn ständigen Sekretär zur Verlesung des Rechenschaftsberichts/ 

Der ständige Sekretär Dr. Spieß verliest hierauf den 
Rechenschafts-Bericht 

des Ausschusses des Deutschen Vereins für öffentliche Gesund¬ 
heitspflege für das Rechnungsjahr 1902 bis 1903. 

Durch Beschluß der Vereinsversammlung in München wurde der Aus¬ 
schuß für das Rechnungsjahr 1902/1903, wie folgt, zusammengesetzt: 

Professor Dr. Albrecht (Groß-Lichterfelde), 

Oberbürgermeister Beck (Chejpnitz), 

Erster rechtskundiger Bürgermeister v. Bor seht (München), 
Geh. Medizinalrat*Professor Dr. Karl Fränkel (Halle a. S.), 
Reg.- u. Geh. Medizinalrat Dr. Roth (Potsdam), 

Geh. Baurat Stübben (Köln) und 

Dr. Spieß (Frankfurt a. M.), ständiger Sekretär. 

Nach Schluß der Versammlung trat der Ausschuß zu einer Sitzung 
zusammen und wählte gemäß § 7 der Satzungen Herrn Geh, Baurat 
Stübben zum Vorsitzenden für das Geschäftsjahr 1902/1903. 


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9 


für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden. 

Auf der Münchener Versammlung hat der Ausschuß beschlossen, für 
das zu errichtende Pettenkoferdenkmal aus der Kasse des Vereins 
500 Mk. beizusteuern; auch hat er bei jener Gelegenheit einen Kranz am 
Grabe Pettenkofers niedergelegt, wofür dem Ausschuß dann ein Dank¬ 
schreiben der Tochter Pettenkofers zuging. 

Das Referat des Herrn Oberbürgermeister Dr. Ebel in g auf der 
Münchener Versammlung, betr. Fürsorge für bestehende und Beschaf¬ 
fung neuer kleiner Wohnungen wurde nebst der dazu erfolgten Dis¬ 
kussion an die sämtlichen Stadtgemeinden übersandt, an welche seinerzeit 
die Fragebogen geschickt worden waren. 

Der Ausschuß trat satzungsgemäß am 7. und 8. Februar d. J. zu einer 
vollzähligen Sitzung in Frankfurt a. M. zusammen. 

Einem Gesuch des Vorstandes der Hamburger Ausstellung für hygie¬ 
nische Milchversorgung entsprechend wurde beschlossen, eine Preisauf¬ 
gabe zu stellen, und zwar für eine „hervorragende Leistung auf dem 
Gebiete derKindermilchversorgung für die ärmere Bevölkerung“, 
und wurde seitens des Ausschusses dafür die Summe von 500 Mk. aus¬ 
gesetzt. Der Preis konnte aber keinem der Aussteller zuerteilt werden, 
so daß derselbe nun wieder dem Verein zur Verfügung steht 

Die Rechnung s ab läge für das Jahr 1902 wurde von dem Ausschuß 
geprüft und richtig befunden. 

Es betrug danach: 

Kassenbestand am 1. Januar 1902 . 3140*26 M. 

Einnahmen durch Mitgliederbeiträge und Zinsen . . 10427*50 „ 

Mithin zusammen Einnahmen 13 567*76 M. 

Dagegen an Ausgaben. 10 502*77 „ 

Bleibt ein Kassenbestand für 1903 von . . 3064*99 M. 

Ferner bestimmte der Ausschuß Dresden als Ort der nächsten Ver¬ 
sammlung, als Zeit die Tage vom 16. bis 20. September und stellte die 
Tagesordnung in der den Mitgliedern seinerzeit zugegangenen Fassung 
auf. Eine Änderung erfuhr dieselbe nachträglich, indem Herr Geh. Medi¬ 
zinalrat Professor Dr. Fränkel aus Gesundheitsrücksichten sich genötigt sah, 
von dem Referat zu dem ersten Punkt der Tagesordnung zurückzutreten, 
und an seiner Statt Herr Geh. Medizinalrat Professor Dr. Gaffky die große 
Güte hatte, das Referat zum gleichen Thema zu übernehmen. 

Die Mitgliederzahl des Vereins betrug zu Ende des Jahres 1902: 1700. 
Von diesen sind im laufenden Jahre ausgetreten 154, davon 27 durch Tod. 

Es sind dies die Herren: 

Mechaniker Karl Behn (Hamburg), 

Geheimerat Professor Dr. Bockend ah 1 (Kiel), 

Hofrat Professor Dr. Böhm (Wien), 


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10 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Stadtbaurat Dörich (Bunzlau), 

Medizinalrat Dr. Dornblüth (Rostock), 

Geheimerat Dr. Ehrenhaus (Berlin), 

Geheimerat Dr. Frömmelt (Altenburg), 

Sanitätsrat Dr. Glaser (Danzig), 

Polizeipräsident v. Hergenhahn (Frankfurt a. M.), 

Fabrikant Otto Herz (Frankfurt a. M.), 

Präsident Hinrichsen (Hamburg), 

Geheimerat Professor Dr. Käst (Breslau), 

Medizinalrat Dr. Kellermann (Schopfheim), 

Obermedizinalrat Dr. Krauser (Darmstadt), 

Generalarzt Dr. Lieber (Neubabelsberg), 

Chemiker Dr. Lucius (Frankfurt a. M.), 

Dr. med. Ludwig Mayer (Mainz), 

Rentner Friedrich Modera (Frankfurt a. M.), 

Redakteur Ralph Neste (München), 

Geheimerat Dr. Osswald (Arnstadt), 

Landrat v. Richter (Weißenfels), 

Reichstags abgeordneter Dr. Rick er t (Danzig), 

Geheimerat Professor Dr. Schede (Bonn), 

Hofrat Dr. Schöner (München), 

Bürgermeister Steinberg (Culm), 

Generalarzt Dr. Struck (Blankenburg i. Harz) und 
Professor Dr. Julius Ziegler (Frankfurt a. M.). 

Neu eingetreten sind 190 Mitglieder, so daß der Verein zurzeit 1 ) 
1736 Mitglieder zählt, von denen 579 als in Dresden anwesend gemeldet sind. 

Vorsitzender, Geh. Baurat Stübben: „Verehrte Anwesende! 
Sie werden mit Schmerz vernommen haben, daß der Tod wieder eine reich¬ 
liche Ernte unter unseren Mitgliedern gehalten hat. Es befinden sich 
darunter eine große Anzahl von Kollegen, die wir sehr oft in unseren Ver¬ 
sammlungen begrüßt haben. Um so schmerzlicher ist dieser Verlust. Ich 
nenne namentlich Herrn Medizinalrat Dr. Dornblüth aus Rostock, der ein 
ständiger Besucher unserer Versammlungen gewesen ist und der durch seine 
populären Schriften die Gesundheitspflege in der verdienstlichsten Weise 
gefördert hat. 

„Ich bitte Sie, zu Ehren der Verstorbenen und zu ihrem treuen An¬ 
denken sich von Ihren Sitzen zu erheben.“ (Geschieht.) 

Der Vorsitzende stellt hierauf den ersten Gegenstand der Tagesordnung 
zur Verhandlung: 


l ) Die Zahlen sind die nach Schluß der Versammlung festgestellten. 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


11 


Nach, welcher Kichtung bedürfen unsere der¬ 
zeitigen Maßnahmen zur Bekämpfung der 
Tuberkulose der Ergänzung? 

Es lauten die von dem Referenten, Geh. Medizinalrat Professor 
Dr. GafTky (Gießen), aufgestellten 

Schlußsätze: 

I. Die unverkennbare Abnahme der Sterblichkeit an Lungenschwindsucht 

zeigt, daß wir mit unseren derzeitigen Maßnahmen zur Bekämpfung der 

Tuberkulose auf dem richtigen Wege uns befinden. 

II. Einer Ergänzung bedürfen die Maßnahmen nach folgenden Richtungen: 

1. Es sipd in hinreichender Zahl öffentliche Unter Buchungsstellen zu 
schaffen, durch welche den Ärzten in Stadt und Land die Möglichkeit 
geboten wird, die Absonderungen tuberkuloseverdächtiger Kranker 
unentgeltlich auf das Vorhandensein von Tuberkelbazillen untersuchen 
zu lassen. Die Einsendung der Proben an die Untersuchungsstellen ist 
den Ärzten tunlichst zu erleichtern. 

2. Den Ärzten ist eine beschränkte Anzeigepflicht aufzuerlegen, welche 
sich zum mindesten zu erstrecken hat: 

a) auf jeden Todesfall an Lungen- oder Kehlkopfschwindsucht; 

b) auf jeden Fall, in welchem ein an vorgeschrittener Lungen- oder 
KehlkopfBchwindsucht Erkrankter aus seiner Wohmjng verzieht oder 
in eine Heilanstalt gebracht wird; 

c) auf jeden Fall, in welchem ein an vorgeschrittener Lungen- oder 
Kehlkopfschwindsucht Erkrankter in Rücksicht auf seine Wohnungs¬ 
verhältnisse oder unsauberen Lebensgewohnheiten seine Umgebung 
hochgradig gefährdet. 

3. Für die Fälle unter 2 a und 2 b ist die Desinfektionspflicht einzuführen. 
Die Kosten der Desinfektion sind, zum mindesten soweit es sich um 
wenig bemittelte Personen handelt, aus öffentlichen Mitteln zu be¬ 
etreiten. 

4. In den Fällen unter 2 c hat die Behörde tunlichst im Einvernehmen 
mit dem behandelnden Arzte diejenigen Anordnungen zu treffen, welche 
zur Verhütung der Krankheitsübertragung geeignet erscheinen. 

5. Das wirksamste Mittel, unter ungünstigen Wohnungsverhältnissen und 
bei unsauberen Lebensgewohnheiten der Kranken die Krankheitsüber¬ 
tragung zu verhüten, besteht in der Verbringung der Kranken in ein 
Krankenhaus. Eine besonders dringende Aufgabe ist daher die weitere 
Schaffung von Heimstätten und Asylen, sowie von besonderen Abtei¬ 
lungen in den allgemeinen Krankenhäusern, in welchen unbemittelte, 
für die Heilstätten nicht geeignete Schwindsüchtige unentgeltlich oder 
gegen geringes Entgelt Aufnahme finden können. 

6. Sofern in den Fällen unter 2 c die Entfernung des Kranken aus der 
Wohnung sich nicht erreichen läßt, ist die Entfernung der Gesunden, 
soweit sie nicht zur Pflege nötig sind, namentlich aber der Kinder 
anzustreben. Durch Errichtung von Säuglingsheimen und Kinderasylen 
ist in weiterem Umfange als bisher die Möglichkeit zu schaffen, der in 
früher Jugend besonders großen Gefahr einer tuberkulösen Infektion 
vorzubeugen. 


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12 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

7. Es ist darauf hinzuwirken, daß tuberkulöse Personen solchen Berufen 
und Beschäftigungen ferngehalten werden, welche die Gefahr einer 
Übertragung der Krankheit besonders naheliegend erscheinen lassen, 
z. B. dem Seemannsberufe, der Beschäftigung in stauberzeugenden Be¬ 
trieben, der Beschäftigung in Verkaufsstellen von Nahrungsmitteln u. dgl. 

Referent, Geh. Medizinalrat Professor Dr. Gaffky: 

„Hochgeehrte Damen und Herren! Sie alle werden mit mir auf das 
lebhafteste bedauern, daß unser vorjähriger Vorsitzender Herr Geheimrat 
Frankel, dessen ausgezeichnete Geschäftsführung und hervorragende Be¬ 
redsamkeit so wesentlich zu dem überaus glücklichen Verlaufe unserer 
Münchener Versammlung beigetragen hat, den zugesagten Bericht über den 
ersten Gegenstand unserer diesjährigen Verhandlungen zu erstatten ver¬ 
hindert ist. Wenn ich es übernommen habe, an Stelle meines Kollegen und 
Freundes hier vor Ihnen zu sprechen, so bin ich mir der Schwierigkeit einer 
solchen Stellvertretung wohl bewußt, darf aber wohl um so mehr auf Ihre 
Nachsicht rechnen, als die mir zur Verfügung stehende Zeit sehr knapp 
bemessen war. 

„Um die großartigen Fortschritte richtig zu würdigen, welche auf einem 
der wichtigsten Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege, in der Bekämp¬ 
fung der sogenannten Infektionskrankheiten, im Laufe der letzten drei 
Jahrzehnte gemacht worden sind, genügt es, einige wenige Tatsachen sich 
zu vergegenwärtigen: Eine der größten Plagen des Menschengeschlechtes, 
welche noch in nicht weit hinter uns liegenden Zeiten unzählige blühende 
Leben dahinraffte, die Pockenkrankheit, ist in Deutschland so selten ge¬ 
worden, daß viele Ärzte sie aus eigener Erfahrung überhaupt nicht mehr 
kennen. Große Gemeinwesen, die früher als sogenannte Typhusnester ver¬ 
rufen waren, sind dank den zielbewußt durchgeführten sanitären Verbesse¬ 
rungen von der Seuche so gut wie völlig befreit. Dem unheimlichen in¬ 
dischen Gaste, der asiatischen Cholera, sieht man heute im Vertrauen auf 
die im Kampfe mit ihr bewährten Waffen verhältnismäßig ruhig entgegen. 
Und auch gegenüber der Pest, einer Seuche, die an sich im Laufe der Jahr¬ 
hunderte von ihrer verderblichen Macht nichts verloren hat, wie die Heka¬ 
tomben ihrer jüngsten asiatischen Opfer beweisen, stehen wir — zuversicht¬ 
lich dürfen wir es hoffen — wohlgerüstet da. 

„So hocherfreulich diese und viele andere zum Segen der Menschheit 
errungenen Fortschritte aber auch sind, wir können uns nicht verhehlen, 
daß uns der größte Teil der Aufgabe noch zu lösen bleibt. Es geht uns 
hier wie dem Bergsteiger, der nach dem glücklichen Überwinden der ersten 
Höhen erst recht zu erkennen vermag, welche Arbeit seiner noch harrt bis 
zur Gewinnung des ersehnten Zieles. 

„Ich möchte Sie nur daran erinnern, welche Verheerungen in den 
jüngeren Altersklassen übertragbare und daher mehr oder weniger vermeid¬ 
bare Krankheiten wie Keuchhusten, Scharlach, Masern, Diphtherie und 
Croup — letztere trotz der Löfflers und v. Behrings Entdeckungen 
zu dankenden unverkennbaren Abnahme — noch immer verursachen. Nach 
der neuesten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte bekannt gegebenen 
Zusammenstellung, in welcher überdies einige kleinere Bundesstaaten noch 
nicht mit berücksichtigt werden konnten, sind im Jahre 1900 im Deutschen 


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13 


Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 

Reiche nicht weniger als 66 000 Todesfälle durch die genannten Krankheiten 
zusammen verursacht. 

„Noch nachdrücklicher werden wir durch die Ergebnisse der Statistik 
hingewiesen auf die Dringlichkeit der uns heute beschäftigenden besonderen 
Aufgabe. Denn wir erfahren, daß die Tuberkulose der Lungen auch im 
Jahre 1900 wieder nahezu 112 000, die Tuberkulose anderer Organe mehr 
als 10000 Todesfälle, die Tuberkulose überhaupt mehr als 122000 Todes¬ 
fälle im Deutschen Reiche herbeigeführt hat. 

„Daß diese Zahlen hinter der Wirklichkeit noch Zurückbleiben, daß sie 
nicht unbeträchtlich sich erhöhen würden, wenn man alle, tatsächlich der 
Tuberkulose zur Last zu legenden Todesfälle statistisch zu erfassen ver¬ 
möchte, wer wollte das bezweifeln ? Aber auch so, wie sie sind, bedeuten die 
Zahlen bereits, daß nahezu jeder zehnte Todesfall auf Rechnung der Tuber¬ 
kulose kommt. 

„Die Statistik lehrt uns bekanntlich ferner, daß bei weitem am schwer¬ 
sten von der Tuberkulose das erwerbsfähige Alter betroffen wird. 

„Mehr als zwei Drittel jener 122 000 Todesfälle an Tuberkulose ent¬ 
fallen auf die Altersklasse von 15 bis 60 Jahren. Betrachtet man diese 
Altersklasse für sich, so ergibt sich, daß nahezu der dritte Teil aller in ihr 
überhaupt Verstorbenen der Tuberkulose erlegen ist. 

„Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Zahlen und das in ihnen zum 
Ausdruck kommende Elend erscheinen in noch schärferer Beleuchtung, wenn 
man sich vergegenwärtigt, daß in der Regel dem Tode an Tuberkulose ein 
langes, schweres Siechtum voran geht. 

„So düster das durch die Registrierung der Todesfälle gewonnene 
Bild aber auch ist, von dem Umfange, in welchem überhaupt tuberkulöse 
Infektionen erfolgen, gibt es uns doch nur eine sehr unvollkommene Vor¬ 
stellung. Denn überaus häufig bleibt infolge mangelnder Disposition die 
Wirkung der Infektion so gering oder die Ausheilung des Krankheits- 
prozesses erfolgt so frühzeitig und so vollständig, daß das Leiden während 
des Lebens überhaupt nicht als tuberkulöses erkannt wird. Erst wenn der 
Tod infolge irgend einer anderen Krankheit eingetreten ist, finden sich in 
solchen Fällen bei der Obduktion die Überreste einer tuberkulösen Infek¬ 
tion, von der vorher niemand etwas geahnt hatte. Mit der Zunahme des 
Lebensalters der Verstorbenen steigt die Häufigkeit der in den Leichen ge¬ 
fundenen tuberkulösen Prozesse. So hat Dr. Naegeli mitgeteilt, daß die 
im Züricher pathologisch-anatomischen Institut zur Obduktion gekommenen 
Leichen, soweit sie über 30 Jahre alten Personen angehörten, ausnahmslos 
tuberkulöse Veränderungen zeigten, welche nur zum kleineren Teile frisch, 
zum größeren ausgeheilt waren. Im Dresdener Stadtkrankenhause bat 
Dr. Bnrckhardt auf Grund der Obduktionsbefunde bei 1400 Verstorbenen 
feststellen können, daß bei 91 Proz. aller Erwachsenen Veränderungen vor¬ 
handen waren, welche auf frische oder alte Tuberkulose bezogen werden 
mußten. 

„Diese und ähnliche Beobachtungen scheinen auf den ersten Blick 
geeignet, denen recht zu geben, welche alle gegen den Krankheitserreger 
selbst gerichteten Maßnahmen für wenig aussichtsvoll halten, das Heil viel¬ 
mehr ausschließlich in der Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Körpers 


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14 XXVIIL Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

erblicken. Einer derartigen Auffassung würde man in der Tat eine gewisse 
Berechtigung nicht absprechen können, wenn es keinen Unterschied be¬ 
deuten würde, ob jemand häufig oder selten der Infektion ausgesetzt wird, 
ob zahlreiche oder nur vereinzelte Krankheitskeime in den Körper eingeführt 
werden. Wissenschaft und Praxis lehren aber, daß dem nicht so ist, daß 
vielmehr mit der Häufigkeit und der Intensität der Infektion die Gefahr 
erheblich steigt. 

„Da, wo Menschen eng und unreinlich zusammen hausen, findet be¬ 
kanntlich die Tuberkulose die bei weitem größte Zahl ihrer Opfer, und es 
stehen daher unter den allgemeinen Maßnahmen zur Bekämpfung der 
Krankheit die Besserung der Wohnverhältnisse und die Erziehung der Be¬ 
völkerung zur Reinlichkeit ohne Zweifel in erster Linie. Diese Erkenntnis 
darf uns aber nicht abhalten, mit allem Nachdrucke auch den Kampf gegen 
den Krankheitserreger selbst zu führen, unbeirrt durch die Stimmen derer, 
welche unter Hinweis auf die allgemeine Verbreitung der Tuberkelbazillen, 
ihre sogenannte Ubiquität, über Bazillenfurcht und Bazillenjäger spötteln. 
Übrigens macht man sich von dieser Ubiquität auch vielfach übertriebene 
Vorstellungen. Beispielsweise ist es gar nicht so leicht, in dem leider 
immer noch die Bürgersteige unserer Straßen verunreinigenden Auswurf 
Tuberkelbazillen nachzuweisen. In Gießen hat sich auf meinen Wunsch Herr 
Kreisassistenzarzt Dr. Bötticher der freilich nicht gerade angenehmen 
Aufgabe unterzogen, nach dieser Richtung Untersuchungen anzustellen. Es 
zeigte sich dabei, daß unter 243 in den verschiedensten Straßen der Stadt 
gesammelten Proben auch nicht eine einzige war, in welcher dürch die mikro¬ 
skopische Untersuchung Tuberkelbazillen hätten festgestellt werden können. 
Freilich ist dies Ergebnis offenbar ein ungewöhnlich günstiges; denn in 
Liverpool sind bei ähnlichen Untersuchungen — allerdings unter Be¬ 
nutzung der empfindlicheren Untersuchungsmethode des Tierversuchs, — 
etwa 5 Proz. der gesammelten Sputa tuberkulös gefunden. Die Straßen¬ 
schleppen unserer Damen und der ihnen nacheifernden Frauen aus dem Volke 
bleiben also nach wie vor gefährlich. 

„Rationelle besondere Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose 
wurden erst möglich, als durch Robert Kochs geniale Untersuchungen 
das Dunkel gelichtet war, welches bis dahin die Krankheitsentstehung ver¬ 
hüllte. Naturgemäß mußten alle jene Maßnahmen darauf abzielen, die Ge¬ 
sunden tunlichst vor der Berührung mit den spezifischen Krankheitskeimen, 
den Tuberkelbazillen, zu bewahren. Vor allem sorgte man dafür, daß die 
Belehrung über die Verbreitungsweise der Krankheit und die Mittel, sich 
gegen die Ansteckung zu schützen, in die weitesten Volkskreise getragen 
wurde. Die von tuberkulösen Tieren dem Menschen drohenden Gefahren 
bekämpfte man durch geeignete veterinär-polizeiliche Maßnahmen und durch 
Warnungen vor dem Genuß roher Milch und rohen Fleisches. Der un¬ 
schädlichen Beseitigung des gefährlichsten Krankheitsvermittlers, des Lungen- 
auswurfs, wandte man besondere Aufmerksamkeit auch insofern zu, als in 
öffentlichen Gebäuden, Schulen, Fabriken, Werkstätten, Gefängnissen usw. 
Speigefäße aufgestellt und Verunreinigungen des Bodens tunlichst ver¬ 
hindert wurden. Neuerdings haben ohne Zweifel auch die Lungenheil¬ 
stätten sehr viel dazu beigetragen, die Kenntnis der zur Verhütung von 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 15 

tuberkulösen Infektionen erforderlichen Maßnahmen der Bevölkerung zu 
eigen zu machen. Selbst diejenigen, welche auch heute noch gegen eine 
Überschätzung der Heilerfolge dieser Anstalten ihre warnende Stimme er¬ 
heben, werden den großen Wert der hygienischen Schulung anerkennen 
müssen, welche in den Anstalten erworben und jetzt schon alljährlich durch 
etwa 30000 Lungenkranke weiten Kreisen vermittelt wird. Allein von 
diesem Gesichtspunkte aus betrachtet bedeutet jede neue Lungenheilstätte 
einen Fortschritt. 

„Daß im Kampfe mit der Tuberkulose Erfolge nur langsam zu erzielen 
sein würden, lag bei der Indolenz breiter Volksschichten, bei den auf dem 
Gebiete des Wohnungswesens vorhandenen, nur langsam zu bessernden 
schweren Mißständen, welche eine persönliche Prophylaxe vielfach aufs 
äußerste erschweren, klar zu Tage. Auch war zu berücksichtigen, daß 
überaus häufig der tuberkulöse Keim im Körper zunächst nur geringe Ver¬ 
änderungen hervormft und erst nach Ablauf von Jahren, ja Jahrzehnten 
zu schwerer Erkrankung und zum Tode Veranlassung gibt. So gemessen 
erscheint in der Tat der seit dem Bekanntwerden der Koch sehen Ent¬ 
deckung verflossene, etwa 20jährige Zeitraum als ein verhältnismäßig noch 
kurzer. Und doch läßt sich die höchst erfreuliche Tatsache feststellen, daß 
in allen Kulturländern (von örtlichen Verschiedenheiten und zeitlichen 
Schwankungen abgesehen) die Tuberkulosesterblichkeit in unverkennbarer 
Abnahme begriffen ist. Wer sich für die Ergebnisse der einschlägigen 
Statistik näher interessiert, findet in der Städteausstellung, und zwar in 
dem Pavillon für Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung, in dem auch 
sonst hinsichtlich der Tuberkulose reiche Belehrung geboten ist, anschau¬ 
liche Darstellungen. Hier sei es mir gestattet, auf ein mir besonders nahe 
liegendes Beispiel hinzuweisen, das Großherzogtum Hessen, einen Bundes¬ 
staat, in dem bereits im Jahre 1841 die obligatorische Leichenschau ein¬ 
geführt ist und zu einem erheblichen Teile in den Händen von Ärzten liegt. 
In Hessen starben von je 100000 Einwohnern durchschnittlich jährlich an 
Lungenschwindsucht in dem fünfjährigen Zeiträume von 1885/89 285 Per¬ 
sonen, in den beiden folgenden fünfjährigen Zeiträumen 269 und 239 Per¬ 
sonen. Noch stärker tritt die Abnahme in den größeren Städten hervor. So 
ist in Mainz in jenen drei Jahrfünften die Sterblichkeit an Lungenschwind¬ 
sucht, auf 100000 Einwohner umgerechnet, von 351 auf 261, in Darmstadt 
von 278 auf 198, in Offenbach von 365 auf 240, in Worms von 305 auf 
236 und in Gießen von 378 auf 263 gesunken. Faßt man die Bevölkerung 
der genannten fünf größten hessischen Städte zusammen, so ergibt sich, daß 
in den drei Jahrfünften die jährliche Sterblichkeit an Lungenschwindsucht, 
auf je 100000 Einwohner berechnet, von 335 auf 240 sich vermindert hat 
und damit auf die für das ganze Großherzogtum ermittelte Durchschnitts- 
ziffer gesunken ist. Dabei sind die in den städtischen Krankenhäusern und 
Kliniken verstorbenen Ortsfremden noch nicht einmal in Abzug gebracht. 

„Es muß jedem überlassen bleiben, inwieweit er die Ursachen einer 
solchen erfreulichen Verminderung der Schwindsuchtssterblichkeit der Ver¬ 
besserung der Lebensbedingungen überhaupt und der Wohnungsverhältnisse 
im besonderen zuschreiben will, inwieweit er sie andererseits auf Rechnung 
der in der Bevölkerung mehr und mehr sich verbreitenden Erkenntnis zu 


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16 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

setzen geneigt ist, daß die Tuberkulose eine übertragbare Krankheit ist, 
gegen welche man sich durch geeignete Vorsichtsmaßregeln in erheblichem 
Maße schützen kann. Jedenfalls ist die Annahme wohl berechtigt, daß jene 
Erkenntnis in der Bevölkerung der Städte schneller Boden gefaßt hat als 
in der ländlichen Bevölkerung. 

„Die Anfang dieses Jahres erschienene, im Kaiserlichen Gesundheits- 
amte bearbeitete Denkschrift über die Tuberkulose und ihre Bekämpfung 
weist die Abnahme der Sterblichkeit an Tuberkulose in allen Staaten des 
Deutschen Reiches überzeugend nach. Die in der Denkschrift mitgeteilten 
Zahlen berechtigen zu der Annahme, daß im Deutschen Reiche während 
der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts etwa 38 000 Menschen weniger 
an Tuberkulose gestorben sind als während der ersten Hälfte, wahrlich eine 
höchst erfreuliche Tatsache. Angesichts einer solchen Abnahme der Tuber¬ 
kulosesterblichkeit dürfen wir überzeugt sein, daß wir mit unseren derzeitigen 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit auf dem richtigen Wege uns 
tbefinden. Auch die Maßnahmen zur Verhütung einer von tuberkulösen 
Tieren ausgehenden Krankheitsübertragung werden wir wenigstens zurzeit 
nicht aufgeben dürfen, obwohl kein geringerer alsRobertKoch vor kurzem 
bekanntlich dahin sich ausgesprochen hat, daß er den Menschen einer Infektion 
mit sogenannten Perlsuchtbazillen für zu wenig zugänglich halte, um irgend 
welche Maßregeln gegen eine Krankheitsübertragung durch Milch, Butter 
und Fleisch von perlsüchtigen Tieren zu ergreifen. Die Frage ist inzwischen 
auch im Kaiserlichen Gesundheitsamte unter Mitwirkung eines Unteraus¬ 
schusses des Reichsgesundheitsrats einer eingehenden Prüfung unterzogen, 
Über welche vor kurzem Regierungsrat Professor Dr. Kos sei einen aus¬ 
gezeichneten Bericht erstattet hat. Aber auch nach dieser Prüfung stehen 
wir vor einem: „Non liquet tt . Es werden ohne Zweifel noch umfangreiche 
Untersuchungen ausgeführt und zahlreiche Beobachtungen gesammelt werden 
müssen, bevor in eine Revision unserer bezüglichen praktischen Maßnahmen 
eingetreten werden kann. 

„Wenn ich mich nunmehr der uns beschäftigenden Frage zuwende, 
nach welchen Richtungen unsere derzeitigen Maßnahmen zur Bekämpfung 
der Tuberkulose der Ergänzung bedürfen, so möchte ich vorweg hervor¬ 
heben, daß es sich bei meinen Vorschlägen überall nur um den weiteren 
Ausbau und die allgemeinere Durchführung in ihren Anfängen bereits vor¬ 
handener Einrichtungen handelt. Auch erhebe ich keineswegs den An¬ 
spruch, die umfangreiche Materie hier erschöpfend behandeln zu wollen, 
möchte mich vielmehr darauf beschränken, diejenigen Aufgaben hervor¬ 
zuheben, welche mir für die nächste Zeit als die wichtigsten erscheinen. 

„Unerläßlich für eine erfolgreiche Kriegführung ist ein gut organisierter 
Aufklärungsdienst. Auf die Bekämpfung der Tuberkulose angewandt be¬ 
deutet dieser Satz, daß in tunlichst weitem Umfange und so frühzeitig wie 
möglich bei verdächtigen Erkrankungen die Diagnose gesichert wird. Erst 
wenn der Kranke und seine Umgebung über die Natur des Leidens auf¬ 
geklärt sind, wird erwartet werden können, daß den zur Verhütung der 
Weiterverbreitung erforderlichen Maßnahmen die nötige Aufmerksamkeit 
zugewandt wird. Auch im Interesse des Kranken selbst liegt es, daß die 
Krankheitsdiagnose ihm nicht verheimlicht wird, da sonst nur allzu leicht 


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17 


Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 

die ärztlichen Ratschläge gerade in einer Zeit vernachlässigt werden, in 
welcher ihre Befolgung für den weiteren Verlauf entscheidend ist. Der 
Vorwurf der Inhumanität, den man früher einer solchen Offenheit machen 
durfte, hat heute, wo die Überzeugung von der Heilbarkeit der Tuberkulose 
in alle Volksschichten eingedrungen ist, keine Berechtigung mehr. 

„Auch auf diesem wichtigen Gebiete der Krankheitsermittelung hat die 
großartige unter dem Protektorate Ihrer Majestät der Kaiserin und der ziel¬ 
bewußten Leitung des 1895 begründeten Zentralkomitees stehende Heil¬ 
stättenbewegung im Deutschen Reiche bereits Vortreffliches geleistet. Ist 
sie doch darauf angewiesen, ihre Fürsorge gerade den im Anfangsstadium 
befindlichen Kranken zuzuwenden. 

„Die in einer Anzahl von Städten bereits geschaffenen Auskunfts-, 
Untersuchung»- und Beobachtungsstationen bieten die Möglichkeit, in 
zweifelhaften Fällen frühzeitig die erforderliche Klärung herbeizuführen. 
Nicht zu unterschätzen ist auch, daß die Vertrauenspersonen der Heilstätten¬ 
vereine und Lande8ver8icherungsan8talten, sowie die als Gemeindeschwestern 
tätigen Mitglieder der Frauenvereine vom Roten Kreuz bemüht sind, gerade 
die im Anfangsstadium befindlichen Kranken ausfindig zu machen, um sie 
einer geeigneten Behandlung zuzuführen. So sehr aber auch zu wünschen 
ist, daß die hier eingeschlagqnen Wege immer weiter ausgebaut werden, 
in erster Linie wird es doch immer Aufgabe der praktischen Ärzte und 
namentlich der Krankenkassenärzte bleiben, die für ihre Umgebung gefähr¬ 
lichen Kranken, d. h. solche, welche mit ihren Ausscheidungen Tuberkel¬ 
bazillen verbreiten, zu ermitteln. Dieser wichtigen Aufgabe können die 
Ärzte aber nur dann in vollem Umfange gerecht werden, wenn ihnen die 
Arbeit der bakteriologischen Untersuchung abgenommen wird. Abgesehen 
davon, daß sie selbst vielfach nicht die nötigen Instrumente und Einrich¬ 
tungen besitzen, steht ihnen in der Regel bei der Art ihrer Beschäftigung 
nicht die zur Ausführung der Untersuchungen erforderliche Zeit und Ruhe 
zur Verfügung. Hier müssen Staat und Kommunalverbände eintreten; denn 
ohne Zweifel handelt es sich um ein wichtiges öffentliches Interesse und 
dies um so mehr, als die zu schaffenden Untersuchungsstellen naturgemäß 
auch bei der Ermittelung anderer übertragbarer Krankheiten wertvolle 
Dienste zu leisten berufen sind. Unerläßliche Voraussetzung für eine leb¬ 
hafte Inanspruchnahme der bakteriologischen Stationen ist, daß die Unter¬ 
suchung unentgeltlich geschieht, und daß die Einsendung der Proben den 
Ärzten tunlichst erleichtert wird. 

„Vortrefflich hat man nach jener Richtung bereits in Belgien gesorgt, 
angeregt durch die während der letzten Cholerainvasion gemachten Erfah¬ 
rungen. Es bestehen dort zur Zeit sechs Provinziallaboratorien, die bei 
den günstigen Verkehrsverhältnissen in der Lage sind, jedem praktischen 
Arzte auch in den abgelegensten Orten des Landes über die Natur des von 
seinen Kranken herrührenden Materials in kürzester Frist unentgeltlich 
Aufschluß zu geben. Die Aufklärung des Terrains durch die bakteriologische 
Untersuchung aller verdächtigen Fälle gilt dementsprechend in Belgien 
beute für eins der wesentlichsten Mittel im Kampfe mit der Tuberkulose. 

„In Deutschland bleibt auf diesem Gebiete noch sehr viel zu tun, wenn 
auch in den letzten Jahren der Wirkungskreis der vorhandenen öffentlichen 

Vlerteljikhrsechrift für Gesundheitspflege, 1904. 2 


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18 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Anstalten in erfreulicher Weise sich erweitert hat. So ist dem städtischen 
Untersuchungsamte in Halle, das im Jahre 1900 im Anschluß an das 
hygienische Institut der Universität errichtet ist, vom 1. April des laufenden 
Jahres an ein ebensolches staatliches Amt für den ganzen etwa 1190000 Ein¬ 
wohner zählenden Regierungsbezirk Merseburg angegliedert. In Gießen, wo 
ebenfalls in Verbindung mit dem hygienischen Institut eine Untersuchungs- 
stelle geschaffen worden ist, erstreckt sich deren Tätigkeit zurzeit auf die 
ganze Provinz Oberhessen; noch im Laufe dieses Jahres soll sie auf die 
Provinz Starkenburg und im nächsten Jahre auf die Provinz Rheinhessen 
und damit auf das ganze Großherzogtum ausgedehnt werden. Zurzeit 
werden in der Gießener Stelle im Durchschnitt etwa 60 Sputa monatlich 
untersucht. Die Organisation ist so, daß die Transportgefaße in den Apo¬ 
theken niedergelegt sind, und daß dem Arzte oder dem Kranken außer dem 
Porto für die Einsendung der Proben keinerlei Kosten durch die Unter¬ 
suchung erwachsen. Werden Tuberkelbazillen nicht gefunden, so wird den 
Ärzten empfohlen, bei Fortbestehen des Krankheitsverdachtes wiederholt 
Proben einzusenden. 

„Die Inanspruchnahme der bestehenden öffentlichen Untersuchungs- 
ämter seitens der praktischen Ärzte ist in stetiger Zunahme begriffen. Auch 
wird bei der Auswahl der Kranken anscheinend von den Ärzten immer 
sorgfältiger verfahren. Bemerkenswert ist in dieser Beziehung, daß bei den 
in Gießen untersuchten Sputumproben die Verhältniszahl der Fälle, in 
welchen Tuberkelbazillen nachweisbar waren, ständig abgenommen hat. Im 
ersten Jahre hatten wir in 40 Proz. der Proben einen positiven Befund, im 
nächsten Jahre bei 33, dann bei 30 und im laufenden Jahre nur bei 
29 Proz. 

„Im Königreich Sachsen hat seit Oktober vorigen Jahres jeder prak¬ 
tische Arzt die Möglichkeit, infektionsverdächtiges Material in der Zentral¬ 
stelle für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden bakteriologisch unter¬ 
suchen zu lassen. Auch hier geschieht die Untersuchung, um — wie es in 
der Ministerialbekanntmachung heißt — ihre Unterlassung aus Scheu vor 
den entstehenden Kosten zu verhüten, unentgeltlich. Die Transportgeffiße 
werden seitens der Zentralstelle den Ärzten auf Antrag zur Verfügung 
gestellt. 

„Handelt es sich bei der Schaffung derartiger bakteriologischer Unter¬ 
suchungsstationen um eine Maßnahme, die höchstens in den Finanzministerien 
ein gewisses, bei der geringen Höhe der erforderlichen Mittel aber selbst in 
unseren geldknappen Zeiten wohl überwindbares Bedenken erregen kann, 
so wird die Forderung einer weiteren, zur Ermittelung gewisser Tuberkulose¬ 
fälle nicht mehr zu entbehrenden Einrichtung vielleicht hier und da noch 
grundsätzlichem Widerspruch begegnen; ich meine die Forderung einer 
wenn auch beschränkten Anzeigepflicht. Die Anzeigen sollen nicht etwa 
statistischen Zwecken dienen, sondern der Krankheitsbekämpfung. Es ge¬ 
nügt daher, wenn sie sich vorerst nur auf solche Tuberkulosefälle erstrecken, 
in welchen die Anordnung oder doch die Überwachung bestimmter Schutz¬ 
maßregeln seitens der Behörde im öffentlichen Interesse unbedingt geboten 
ist. In erster Linie sind dies: Todesfälle an Lungen- oder Kehlkopfschwind¬ 
sucht, ferner die Fälle, in welchen an vorgeschrittener Lungen- oder Kehl- 


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19 


Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 

kopfsch windsucht Erkrankte aus ihren Wohnungen verziehen oder in eine 
Heilanstalt gebracht werden, und endlich die Fälle , in welchen an vor¬ 
geschrittener Lungen- oder Eehlkopfschwindsucht Erkrankte in Rücksicht 
auf ihre Wohnungsverhältnisse oder unsauberen Lebensgewohnheiten ihre 
Umgebung hochgradig gefährden. Es wird meines Erachtens genügen, die 
Anzeigepflicht den behandelnden Ärzten aufzuerlegen, deren pflichtmäßigem 
Ermessen es anheimgestellt bleiben muß, welche Krankheitsfälle als vor¬ 
geschritten anzusehen sind, und wo eine hochgradige Gefährdung als vor¬ 
handen zu erachten ist. Ferner möchte ich empfehlen, in den zu erlassenden 
Verordnungen von jeder Strafbestimmung abzusehen , da die erhofften Er¬ 
folge doch nur zu erreichen sind, wenn die Ärzte ihre Mitwirkung bereit¬ 
willig und aus eigener Überzeugung gewähren. Den Wert der Verordnungen 
sehe ich zu einem nicht geringen Teile darin, daß den Ärzten gegenüber 
ihren Kranken und deren Angehörigen der nötige Rückhalt geschaffen wird. 
Nur allmählich werden wir auf diesem schwierigen Gebiete vorwärts kommen 
können, und wir werden es in den Kauf nehmen müssen, wenn den Ver¬ 
ordnungen von einem Teil der Ärzte zunächst nicht Rechnung getragen 
wird. Wo eine allgemeine Leichenschau bereits eingeführt ist, wird auch 
den Leichen8chauern die Anzeigepflicht für Tuberkulosetodesfälle aufzuer¬ 
legen sein. 

„Mit der Einführung der Anzeigepflicht für Tuberkulose machen wir 
heute keinen Sprung ins Dunkle mehr. Außerhalb und innerhalb des 
Deutschen Reiches verfügt man bereits über Erfahrungen, welche hinreichen, 
ihre Durchführbarkeit außer Zweifel zu stellen. Am frühesten und im 
weitesten Umfange hat man in New York von ihr Gebrauch gemacht, wo 
der Vorsteher des Gesundheitsamtes Dr. Biggs den Kampf gegen die 
Seuche energisch und mit so vorzüglichem Erfolge in die Wege geleitet hat, 
daß seit Mitte der 80er Jahre die Sterblichkeit an Tuberkulose um mehr 
als 35 Proz. verringert worden ist. In Norwegen sind nach den Bestim¬ 
mungen eines im Jahre 1900 erlassenen, sehr beachtenswerten besonderen 
Tuberkulosegesetzes nicht nur alle Todesfälle an Tuberkulose, sondern auch 
die Erkrankungsfälle und zwar insoweit anzeigepflichtig, als sie mit Ab¬ 
scheidungen verbunden sind, welche eine Gefahr für die Ausbreitung der 
Krankheit als naheliegend erscheinen lassen. Auch in Italien ist durch die 
im Jahre 1901 erlassenen Ausführungsbestimmungen zu dem bestehenden 
Gesundheitspflegegesetz eine beschränkte Anzeigepflicht für Tuberkulose 
eingeführt. Was Deutschland betrifft, so hat im Jahre 1897 der preußische 
Minister der Medizinalangelegenheiten die oberen Verwaltungsbehörden auf 
die Notwendigkeit hingewiesen, die Einführung der Anzeigepflicht wenig¬ 
stens für die Todesfälle an Tuberkulose anzustreben. Dementsprechend ist 
denn auch in dem vor wenigen Monaten im preußischen Abgeordnetenhause 
verhandelten, leider nicht zur Verabschiedung gekommenen Entwürfe eines 
Ausführungsgesetzes zum Reichsseuchengesetze die Anzeigepflicht für Todes¬ 
fälle an Lungen- und Kehlkopfschwindsucht allgemein vorgesehen, für 
Krankheitsfälle zunächst aber nur insoweit, als ein an vorgeschrittener 
Lungen- und Kehlkopftuberkulose Leidender seine Wohnung wechselt. 
Übrigens soll das Staatsministerium nach dem Entwürfe die Berechtigung 
haben, die Anzeigepflicht bei Lungen- und Kehlkopfschwindsucht über den 

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20 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

bezeichneten Umfang hinaus zu erweitern. Für das Königreich Sachsen ist 
bereits im Jahre 1900 eine beschränkte Anzeigepflicht eingeführt, und das 
Großherzogtum Baden ist diesem Vorgänge im Jahre 1902 gefolgt. In 
beiden Bundesstaaten ist durch MinisterialVerordnung den Ärzten die Ver¬ 
pflichtung auferlegt, vorgeschrittene Fälle von Lungen- oder Kehlkopf¬ 
schwindsucht nicht nur beim Wohnungswechsel, sondern auch bei hoch¬ 
gradiger Gefährdung der Umgebung zur Anzeige zu bringen. Außerdem 
sind in Sachsen noch alle Fälle von Lungen- oder Kehlkopfschwindsucht 
anzeigepflichtig, welche in Privatkrankenanstalten, in Waisen-, Armen- und 
Siechenhäusern, sowie in Gast- und Logierhäusern, Herbergen, Schlafstellen, 
Internaten und Pensionaten Vorkommen. In Baden hat man von diesen 
Zusatzbestimmungen abgesehen, dagegen die in Schulen und Erziehungs¬ 
anstalten, sowie in den zu ihnen gehörigen Räumen vorkommenden Erkran¬ 
kungen anzeigepflichtig gemacht.* Erwähnen will ich noch, daß in einer 
Anzahl von preußischen Städten und VerwaltungBgebieten auf Grund von 
Polizeiverordnungen eine beschränkte Anzeigepflicht eingeführt ist, und daß 
das Großherzogtum Hessen voraussichtlich dem von Sachsen und Baden 
gegebenen Beispiele bald folgen wird. 

„So sehen wir denn immer mehr die Erkenntnis sich Bahn brechen, 
daß der Staat auch der Tuberkulose gegenüber auf eine Maßnahme nicht 
verzichten kann, deren Anwendung bei der Bekämpfung anderer gefährlicher 
Infektionskrankheiten sich bewährt hat und als selbstverständlich gilt. 

„Die Frage, welche Anordnungen von den Behörden auf die erfolgten 
Anzeigen hin getroffen werden sollen, läßt sich für die Todesfälle, sowie für 
die Fälle, in welchen ein an vorgeschrittener Schwindsucht Erkrankter aus 
seiner Wohnung verzieht oder in eine Heilanstalt gebracht wird, leicht be¬ 
antworten. Für alle diese Fälle ist, wie es beispielsweise in Sachsen und 
Baden geschehen ist, die obligatorische Desinfektion einzuführen. Die 
Wiederbenutzung der infizierten Räume darf nicht eher gestattet werden, 
als bis die Desinfektion beendet ist. Bei Todesfällen hat die Desinfektion 
auch auf die von den Kranken benutzten Gegenstände, soweit sie nicht als 
wertlos vernichtet werden können, sich zu erstrecken. Die Durchführung 
dieser Maßnahmen macht in den größeren und mittleren Städten, in welchen 
besondere mit Dampfapparaten ausgestattete Desinfektionsanstalten und ge¬ 
schulte Desinfektionskolonnen zur Verfügung stehen, keine Schwierigkeiten. 
Um so mehr ist das der Fall in den kleinen Städten und auf dem flachen 
Lande. Hier gilt es zunächst dafür zu sorgen, daß in genügender Zahl 
zuverlässige und intelligente Leute zu Desinfektoren ausgebildet werden, 
deren Tätigkeit der Überwachung durch die beamteten Ärzte zu unterstellen 
ist. Übrigens werden Desinfektionen aus Anlaß des Wohnungswechsels bei 
weitem am häufigsten in städtischen Gemeinwesen auszuführen sein, wo die 
hauptsächlich von der Tuberkulose heimgesuchten unteren Bevölkerungs- 
Schichten bei der Geringfügigkeit ihres Hausrats überaus beweglich zu sein 
pflegen. Die aus der Häufung der Desinfektionen an den Umzugsterminen 
sich etwa ergebenden Schwierigkeiten werden durch Heranziehung geschulten 
ReBervepersonals zu überwinden sein. 

„Nicht zu bestreiten ist, daß unsere Desinfektionstechnik, auch nach 
Einführung des Formaldehydverfahrens, noch an manchen Mängeln leidet 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 

und der völligen Zuverlässigkeit entbehrt. Um so notwendiger ist es, der 
Wohnongsdesinfektion eine gründliche Wohnungsreinigung anzuschließen, 
dem Desinfektor die Scheuerfrau folgen zu lassen, wie das hier in Dresden 
ganz regelmäßig geschieht. 

„ Schon vor 13 Jahren habe ich als Berichterstatter unseres Vereins 
gelegentlich der in Braunschweig abgehaltenen Versammlung den Satz ver¬ 
treten, daß die Kosten, welche durch die obligatorische Wohnungsdesinfek- 
tion erwachsen, aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten seien. Auf diesem 
Standpunkte stehe ich nooh heute. Zum mindesten aber sollte für wenig 
bemittelte Personen die Desinfektion unentgeltlich sein. 

„Hervorheben möchte ich, daß in Hamburg schon seit dem Jahre 1894 
für alle Fälle, in welchen eine Desinfektion auf behördliche Anordnung oder 
auf Grund gesetzlicher Vorschriften erfolgen muß, Gebührenfreiheit gewähr¬ 
leistet ist. 

„Auch da, wo ein Desinfektionszwang für die Krankheit noch nicht 
besteht, pflegt heute bereits ein erheblicher Teil, wenn nicht die Mehrzahl 
der überhaupt ausgeführten Wohnungsdesinfektionen durch Tuberkulose 
veranlaßt zu sein, ein Beweis, wie sehr die Überzeugung von ihrer An- 
steckungsfähigkeit in den einsichtigen Kreisen der Bevölkerung sich be¬ 
festigt hat, und wie gut der Boden für Einführung der obligatorischen Des¬ 
infektion vorbereitet ist. 

„Daß die überfüllten Wohnungen der Armen die eigentlichen Brut¬ 
stätten der Tuberkulose sind, liegt heute klar zutage. Aus eigener reicher 
Erfahrung hat Robert Koch auf dem vor zwei Jahren abgehaltenen bri¬ 
tischen Tuberkulosekongreß diese Verhältnisse anschaulich mit folgenden 
Worten geschildert: „Die ganze Familie ist auf einen oder zwei enge, 
schlecht ventilierte Räume angewiesen. Der hilfsbedürftige Schwindsüchtige 
ist ohne Pflege, weil die leistungsfähigen Mitglieder der Familie auf Arbeit 
gehen müssen. Wie kann unter solchen Verhältnissen für die notwendige 
Reinlichkeit gesorgt werden? Wie soll ein solcher hilfloser Kranker seinen 
Auswurf so beseitigen, daß er keinen Schaden mehr anrichtet? Nun male 
man sich aber noch weiter aus, wie sich die Zustände in der Wohnung des 
unbemittelten Schwindsüchtigen des Nachts gestalten. Da schläft die ganze 
Familie zusammengedrängt in einem engen Raum. Der Schwindsüchtige 
verstreut beim Husten, auch wenn er noch so vorsichtig ist, den von seiner 
kranken Lunge abgesonderten Krankheitsstoff, und seine in nächster Nähe 
befindlichen Angehörigen müssen dieses Gift einatmen. In solcher Weise 
werden ganze Familien infiziert. Sie verfallen dem Schicksal des Aus¬ 
sterbens und erweckten bei denen, welche die Ansteckungsfähigkeit der 
Tuberkulose noch nicht kannten, den Anschein, als sei die Tuberkulose ver¬ 
erbbar, während es sich dabei doch nur um die einfachsten Ansteckungs¬ 
vorgänge handelt, welche deswegen nicht so in die Augen springend sind, 
weil die Folgen der Ansteckung nicht sofort, sondern gewöhnlich erst nach 
Jahren zum Vorschein kommen.“ 

„Klarer und nachdrücklicher, als es mit diesen Worten geschehen ist, 
kann wohl nicht darauf hingewiesen werden, nach welcher Richtung unsere 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose heute besonders der Er¬ 
gänzung bedürfen. Fälle wie die geschilderten sollten nicht länger sich 


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22 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

selbst überlassen bleiben; auf die erstattete Anzeige hin wird vielmehr 
seitens der Behörde und ihres berufenen Vertreters, des beamteteten Arztes, 
zu erwägen sein, und zwar tunlichst im Einvernehmen mit dem behandelnden 
Arzte, wie nach Lage des Falles Abhilfe geschaffen werden kann. Das 
wirksamste Mittel, unter ungünstigen WohnungsVerhältnissen und bei un¬ 
sauberen Lebensgewohnheiten der Kranken weitere Infektionen zu ver¬ 
hindern, besteht, darüber herrscht wohl völlige Übereinstimmung, in der 
Verbringung der Kranken in ein Krankenhaus. Hier ist überdies für sie 
selbst am besten gesorgt, und es lassen sich leicht die erforderlichen Vor¬ 
sichtsmaßregeln durchführen, auch ohne daß eine schwer empfundene Ab¬ 
sonderung erforderlich ist. Die Zustimmung der Kranken und ihrer 
Angehörigen zu erlangen, bietet nach den bisherigen Erfahrungen im all¬ 
gemeinen keine großen Schwierigkeiten. Auf der einen Seite wird die 
Überredung durch die von den meisten Schwindsüchtigen auch im vor¬ 
geschrittenen Krankheitsstadium zähe festgehaltene Hoffnung auf Genesung 
erleichtert, auf der anderen Seite durch den Umstand, daß der Familie eine 
schwere Last abgenommen wird. Einen Zwang auszuüben, wie er z. B. in 
dem norwegischen Tuberkulosegesetz als letztes Mittel vorgesehen ist, 
erscheint bei der derzeitigen Verbreitung der Krankheit für uns weder Tät¬ 
lich, noch erforderlich. Nicht die Abneigung gegen die Unterbringung in 
Hospitälern oder Invalidenheimen ist es, welche heute noch der allgemeineren 
Durchführung der Maßnahme hinderlich ist, sondern der Mangel an den 
erforderlichen Anstalten und die Schwierigkeit, die zur Unterhaltung der 
Kranken nötigen, sehr erheblichen Geldmittel aufzubringen. Die hier zu 
lösende Aufgabe ist eine so gewaltige, daß wir auch dann, wenn alle ver¬ 
fügbaren Kräfte, Staat, Gemeinden und Gemeindeverbände, Vereine und 
Private mitwirken, nur sehr langsam dem Ziele uns werden nähern können. 
Andererseits dürfen wir uns aber auch angesichts der im Kampfe mit der 
Tuberkulose schon jetzt gewonnenen Erfolge der berechtigten Hoffnung 
hingeben, daß die Aufgabe von Jahrzehnt zu Jahrzehnt leichter werden 
wird. 

„Es ist verständlich, daß diejenigen, welche in der Unterbringung 
der ihre Umgebung gefährdenden Schwindsüchtigen in Heimstätten und 
Asylen oder in besonderen Abteilungen bestehender Krankenhäuser eine 
der wichtigsten Maßnahmen gegen die Tuberkulose erblicken, ihre Hoff¬ 
nungen in erster Linie auf die Landesversicherungsanstalten setzen, durch 
deren Mitwirkung ja auch die Anstaltsfürsorge für die heilungsfähigen 
Kranken ihre großartigen Erfolge hauptsächlich erreicht hat. In der Tat 
gibt bekanntlich der §25 des Invalidenversicherungsgesetzes die Möglichkeit, 
an vorgeschrittener Lungenschwindsucht leidenden Rentenempfängern auf 
ihren Antrag an Stelle der Rente die Aufnahme in ein Invalidenhaus oder 
ähnliche von Dritten unterhaltene Anstalten auf Kosten der Versicherungs¬ 
anstalt zu gewähren. Der so eröffnete Weg ist auch hier und da schon 
beschritten worden. So haben die Landesversicherungsanstalten Berlin, 
Braunschweig und Thüringen bereits je ein Invalidenheim für Lungenkranke 
in Betrieb, und vor wenigen Monaten ist das von der hanseatischen Landes¬ 
versicherungsanstalt zu Großhansdorf bei Hamburg errichtete, dem gleichen 
Zwecke dienende Invalidenheim eingeweiht worden. Einige andere Ver- 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


23 


8icherang8&n8talten weisen schon jetzt an Lungenschwindsucht leidende 
Rentenempfänger Krankenhäusern zu, wobei sich, wie besonders von der 
Versicherungsanstalt Oldenburg hervorgehoben wird, der Vorteil ergibt, daß 
die Kranken von ihren Angehörigen nicht durch allzu große Entfernungen 
getrennt werden. 

„Es ist zu hoffen, daß die Versicherungsanstalten in immer weiterem 
Umfange von der durch den § 25 des Gesetzes gegebenen Befugnis Gebrauch 
machen werden, obwohl die Kosten für die Unterbringung in einem Inva¬ 
lidenheim oder Krankenbause den Betrag der Rente erheblich übersteigen 
und mit den verhältnismäßig geringen Kosten der Heilstättenfürsorge nicht 
in eine Linie zu stellen sind. Klar und überzeugend hat die hier zu über¬ 
windenden finanziellen Schwierigkeiten gelegentlich der im vorigen Jahre 
in Berlin abgehaltenen ersten internationalen Tuberkulosekonferenz der um 
die Bekämpfung der Krankheit hochverdiente Direktor der hanseatischen 
Versicherungsanstalt dargelegt, dessen 1895 in Stuttgart erstatteter Bericht 
über die Erbauung von Heilstätten für Lungenkranke in den Annalen unseres 
Vereins stets eine hervorragende Stelle einnehmen wird. Mit vollem Rechte 
hat Herr Direktor Gebhard gelegentlich jener Konferenz die Notwendig¬ 
keit betont, die zu errichtenden Invalidenheime so zu gestalten und zu 
betreiben, daß die Gefahr der Krankheitsverbreitung in ihnen selbst und in 
ihrer Umgebung nach Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß andererseits aber 
auch ihren Insassen das Gefühl zu weit gehender Abgeschlossenheit erspart 
bleibt. Auch darin kann man ihm nur zustimmen, daß kleinere Gebäude 
den Vorzug vor größeren verdienen, daß vor allem größere gemeinschaft¬ 
liche Schlafsäle zu vermeiden sind, und daß beim Bau und im Betriebe der 
Anstalten von jedem unnützen Luxus abzusehen ist. Je niedriger die Kosten 
für ein Bett sich stellen, um so zahlreicheren Bedürftigen wird die Wohl¬ 
tat der Unterbringung zuteil werden können; je vollkommener es gelingt, 
den Aufenthalt den Verhältnissen der Familie entsprechend zu gestalten, 
um so leichter werden die Kranken zum Eintritt und zum Verbleiben geneigt 
sein. Möge allen Schwierigkeiten zum Trotz die von Herrn Direktor 
Gebhard ausgesprochene Hoffnung sich erfüllen, „daß durch das Vorgehen 
der Versicherungsanstalten auch andere Kräfte wachgerufen werden, an 
dem großen Werke mitzuarbeiten, und daß wir durch das hingebungsvolle 
Zusammenwirken aller Beteiligten in Deutschland bald eine dem Bedürf¬ 
nisse wenigstens einigermaßen genügende Zahl von Isolieranstalten für 
solche Lungenkranke, die ihre Umgebung gefährden, werden entstehen 
sehen tf . 

„Ist die Verbringung des seine Umgebung hochgradig gefährdenden 
Schwindsüchtigen in ein Krankenhaus oder eine Heimstätte das wirksamste 
Mittel, weitere Infektionen zu verhüten, so dürfen wir in den Fällen, in 
welchen sich der Durchführung jener Maßnahme unüberwindliche Hinder¬ 
nisse entgegenstellen, die Hände doch nicht in den Schoß legen. Schon 
durch Belehrung, durch Schaffung von Speigefaßen und Desinfektionsmitteln, 
sowie durch eine ständige Überwachung ist erfahrungsgemäß manches zu 
erreichen. Sehr bemerkenswert ist auf diesem Gebiete unter anderem die 
Tätigkeit der neuerdings in Frankreich und in Belgien ins Leben gerufenen 
Dispensaires antüuberctäeux , die in erster Linie hygienische Erziehung und 


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24 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Verhütung von Infektionen in den Familien sich zur Aufgabe gemacht 
haben. Ganz besonders nachahmenswert aber sind die neuerdings hier und 
da hervorgetretenen Bestrebungen, die Isolierung des Schwindsüchtigen in 
seiner eigenen Familie durch die Verbesserung der Wohnungs Verhältnisse 
nach Möglichkeit zu fördern. 

„Als vorbildlich kann hier das Vorgehen des Zweigvereins zur Be¬ 
kämpfung der Schwindsucht in der Stadt Halle gelten, über das vor kurzem 
der Vereins Vorsitzende Herr Stadtrat Pütt er in der Zeitschrift für Tuber¬ 
kulose und Heilstättenwesen einen in mehrfacher Beziehung sehr beachtens¬ 
werten Bericht erstattet hat. 

„Der Verein sucht die Isolierung innerhalb der Familie nicht nur da¬ 
durch zu erreichen, daß dem Kranken besonderes, von ihm allein zu 
benutzendes Eß*, Trink- und Waschgeschirr gesichert wird; er sorgt auch 
dafür, daß der Kranke weder mit Angehörigen in einem Bette schläft, noch 
mit ihnen ein Zimmer teilt. Erforderlichenfalls werden der Familie die 
Mittel gewährt, entweder ein geeignetes Zimmer zuzumieten oder eine neue 
passende Wohnung zu entsprechend höherem Preise zu nehmen. Bei der 
fortlaufenden Überwachung solcher Wohnungen wird besonderes Gewicht 
auf gute Lüftung und größte Sauberkeit gelegt. Dem Vereine, dessen Vor¬ 
sitzender auch den Vorsitz in der städtischen Armen Verwaltung und im Ge¬ 
meindewaisenrat innehat, stehen neun besoldete städtische Waisenpflege¬ 
rinnen, den gebildeten Ständen angehörend, zur Verfügung. Seine Mittel 
belaufen sich auf jährlich 8000 bis 10000 Mk., von denen die Stadtver¬ 
waltung 3000 Mk. beisteuert. 

„In ganz ähnlicher Weise, wie es in Halle geschieht, sorgt im Kreise 
Altena i. W. ein Großindustrieller, der Geheime Kommerzienrat Selve, auf 
seinen Werken für die Arbeiterfamilien, in denen sich tuberkulöse Mitglieder 
befinden. Ich entnehme das neben manchem anderen dem ausgezeich¬ 
neten Berichte, welchen der unermüdliche Generalsekretär des Zentral¬ 
komitees zur Errichtung von Heilstätten, Prof. Dr. Pannwitz, über den 
Stand der Tuberkulosebekämpfung im Frühjahr 1903 veröffentlicht hat. 

„Wo die Entfernung eines an vorgeschrittener Schwindsucht leidenden, 
seine Umgebung hochgradig gefährdenden Kranken aus seiner Wohnung 
sich nicht erreichen läßt, da werden unter Umständen die gesunden Familien¬ 
angehörigen, soweit sie nicht zur Pflege des Kranken erforderlich sind, 
anderweitig untergebracht und so vor der Infektion geschützt werden 
können. Ich denke hier hauptsächlich an die im Kindesalter stehenden 
Familienmitglieder, welche an sich schon der Ansteckung in hervorragendem 
Maße zugänglich sind und zudem über keinerlei Mittel verfügen, sich vor 
ihr zu schützen. In unmittelbarer Umgebung des Kranken, auf seinem 
Bette und auf dem häufig mit dem Luugenauswnrf unmittelbar verun¬ 
reinigten Fußboden spielend, jeden Gegenstand und ihre mit dem An¬ 
steckungsstoff verunreinigten Finger fortwährend in den Mund führend, 
dazu schlecht ernährt und ohne die nötigste Pflege sind sie der Infektion 
so gut wie sicher verfallen. Wie erst die Verhältnisse sich gestalten, 
wenn das erkrankte Mitglied der Familie die Mutter ist, wenn unter den 
Kindern auch noch ein Säugling sich befindet , das brauche ich Ihnen nicht 
weiter auszumalen. 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


25 


„Hier bleibt der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege noch ein 
weites Feld fflr segensreiche Arbeit. Vor allem gilt es, Säuglingsasyle and 
Kinderheime za schaffen, in denen die Kinder nicht nar vor weiterer An¬ 
steckungsgefahr bewahrt, sondern auch durch sorgsamste Pflege und Er¬ 
nährung zur Überwindung etwa schon erfolgter Infektionen befähigt werden. 
Was solche Anstalten selbst unter schwierigen äußeren Verhältnissen in der 
Hand erfahrener Kinderärzte zur Rettung elender und erkrankter Säug¬ 
linge zu leisten vermögen, dafür bietet das unter der Leitung des Herrn 
Prof. Dr. Schloßmann stehende Säuglingsheim hier in Dresden einen 
schlagenden Beweis. 

„Der Bekämpfung der Tuberkulose im Kindesalter wird erfreulicher¬ 
weise auch seitens der Heilstättenbewegung mehr und mehr Rechnung ge¬ 
tragen. Es sei hier auf zwei neueröffnete Anstalten, die Kinderheilstätte 
in Belzig und die vom Vaterländischen Frauenverein zu Halle errichtete 
Kinderheilstätte hingewiesen. Nach einem von Herrn Prof. Pannwitz 
mitgeteilten Berichte entstammen die Insassen der Hallenser Anstalt zu 
mehr als einem Drittel tuberkulösen Familien. Die gemachten Erfahrungen 
sind auch hier fast durchweg gute; Lungenkatarrhe erblich belasteter Kinder 
geben zurück, Drüsenpakete verschwinden, skrofulöse Hautausschläge heilen 
aus, Blutarme und Eßunlustige erhalten rote Backen und Appetit. 

„Schon reichlich lange habe ich, meine hochgeehrten Damen und Herren, 
Ihre Geduld in Anspruch genommen. Gestatten Sie mir, bevor ich schließe, 
nur noch auf einen Punkt hinzuweisen, in dem meines Erachtens unsere 
Maßnahmen noch sehr unzureichend sind, ich meine die Fernhaltung tuber¬ 
kulöser Personen von solchen Berufen und Beschäftigungen, welche die 
Gefahr einer Übertragung der Krankheit besonders naheliegend erscheinen 
lassen. Es gilt, hier denselben Grundsatz anzuwenden, dessen Beachtung 
wohl in erster Linie die im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte in der 
deutschen Armee erzielte außerordentliche Abnahme der Tuberkulose zu 
danken ist. Nach einer von Herrn Hafenarzt Dr. Nocht veröffentlichten 
Statistik sind von den in Hamburger und Bremer Krankenhäusern während 
der Jahre 1888 bis 1895 gestorbenen Seeleuten nicht weniger als 38 Proz., 
also mehr als der dritte Teil, der Tuberkulose erlegen. Gewiß ist an¬ 
zuerkennen, daß in vielen Fällen die mit dem Seemannsberufe verbundenen 
Schädlichkeiten den vielleicht schon in früher Jugend in den Körper auf¬ 
genommenen Krankheitskeim zu verderblicher Entwickelung angeregt 
haben mögen; andererseits läßt sich doch aber auch nicht bestreiten, daß 
durch das Zusammenleben in den engen und dunkeln Mannschaftsräumen 
der Schiffe die Ansteckung von Person zu Person besonders begünstigt 
wird. Die Fernhaltung tuberkulöser Personen vom Seemannsberufe liegt also 
ebensosehr in ihrem eigenen Interesse, wie in dem der gesunden Schiffs¬ 
bevölkerung. 

„Noch weit größere Verheerungen als unter den Seeleuten richtet die 
Tuberkulose unter den Arbeitern mancher stauberzeugenden Betriebe an. 
So sind bei den Steinhauern und Metallschleifern nach den angestellten 
Erhebungen 50 Proz. aller Todesfälle und mehr auf Rechnung der Tuber¬ 
kulose zu setzen. Erfreulicherweise wird neuerdings den nachteiligen 
Einwirkungen des Staubes auf die gewerblichen Arbeiter seitens der Behörden 


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26 xxvni. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

und vor allem seitens des Bundesrats nachdrücklich entgegengewirkt und 
dabei namentlich auf den Schutz der jugendlichen Arbeiter gebührende 
Rücksicht genommen; es sollte aber auch der hier besonders großen An¬ 
steckungefahr dadurch vorgebeugt werden, daß Arbeiter, die mit ihrem 
Auswurf Tuberkelbazillen entleeren, nach Möglichkeit von der Beschäftigung 
in diesen Betrieben ausgeschlossen werden. 

„An offener Tuberkulose leidende Personen gehören ohne Zweifel auch 
nicht in solche Betriebe, in welchen Nahrungs- und Genußmittel hergestellt 
oder feilgehalten werden, z. B. Molkereien, Bäckereien, Zigarrenfabriken 
und die zugehörigen Verkaufsstätten. Noch vor kurzem ist ein für diese 
Frage sehr bezeichnender Fall zu meiner Kenntnis gekommen. Ein an 
vorgeschrittener Schwindsucht leidender Mann verkaufte bis zu seinem auf 
der Straße an Blutsturz erfolgten Tode in einer Selterswasserbude Mineral¬ 
wasser, Gebäck, Süßigkeiten, Obst, Zigarren u. dgl. m. Die Gefahr einer 
Krankheitsübertragung durch infizierte Nahrungs- und Genußmittel mußte 
unter diesen Umständen um so näher liegen, als zu den Kunden des Mannes 
begreiflicherweise auch vielfach Kinder gehörten. 

„So dringend zu wünschen nun aber auch der grundsätzliche Ausschluß 
Schwindsüchtiger aus manchen Betrieben ist, so schwer wird er bei der 
heutigen Verbreitung der Tuberkulose aus Gründen, die ich hier wohl nicht 
zu erörtern brauche, sich erreichen lassen. Wir werden vorerst zufrieden 
sein müssen, wenn die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Maßnahmen 
immer allgemeiner wird und ihre Anwendung überall da angestrebt wird, 
wo sie ohne Härte möglich erscheint. 

„Wenn ich nunmehr meine Ausführungen schließe, so tue ich es in der 
zuversichtlichen Hoffnung, daß bis dahin, wo unser Deutscher Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege wiederum, und dann zum fünften Male, mit 
der Tuberkulose sich beschäftigen wird, im Kampfe mit der Krankheit neue 
unverkennbare Fortschritte erzielt sein werden. Wie sollte das auch anders 
sein in einer Zeit, in der unablässig an der Milderung des Wohnungselends 
gearbeitet, der Sinn für Reinlichkeit durch überall entstehende Volks- und 
Schulbäder gefördert, dem verderblichen Alkoholmißbrauch nachdrücklich 
entgegengewirkt, für die Herstellung der heilungsfähigen Lungenkranken 
in großartigster Weise gesorgt wird, und die besonderen Maßnahmen zur 
Verhütung der Krankheit unablässig vervollkommnet und ausgebaut werden. 

„Möge man da, wo die Meinungen über die im Kampfe einzuschlagen¬ 
den Wege auseinandergehen, der Losung folgen: „Getrennt marschieren, 
vereint schlagen!“ 

Der Vorsitzende eröffnet hierauf die Diskussion. 

Stadtarzt Direktor Dr. Petruschky (Danzig) begrüßt es mit 
Freuden, daß nach dem Vorschlag des Herrn Referenten die sanitätspolizei¬ 
liche Bekämpfung der Tuberkulose etwas schärfer in die Hand genommen 
werden solle, daß die Untersuchungsstationen für tuberkulösen Auswurf 
vermehrt werden sollen, daß auch die in Braunschweig vor etwa sechs 
Jahren von ihm gewagte Anregung zur Begründung besonderer „Heim- 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


27 


statten“ für nicht mehr heilbare, invalide Tuberkulöse auf fruchtbaren 
Boden gefallen sei. 

Aber alles dies erscheine ihm doch noch nicht genügend für den 
gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse und Erfahrungen. 
Die wissenschaftliche Grundlage der heutigen Tuberkulosebekämpfung reiche 
etwa 20 Jahre zurück, als Robert Koch den Tuberkelbazillus entdeckt 
und Brehmer seine Erfahrungen über die Heilbarkeit der Tuberkulose in 
Sanatorien der Öffentlichkeit übergeben habe. Inzwischen aber sei die 
Wissenschaft nicht stehen geblieben. Man habe in der Zeit viel gelernt 
auf dem Gebiete der Tuberkulose, und so habe man auch gelernt, daß man 
durch die Untersuchung des Auswurfs auf Tuberkelbazillen immer nur 
späte Diagnosen stellen könne, nur das Stadium, in welchem die Tuber¬ 
kulose kaum noch heilbar sei, und der. Tuberkulöse ein außerordentlich ge¬ 
fährliches Objekt für seine Mitmenschen geworden sei. Diesem Stadium 
gehe aber bekanntermaßen ein jahrelanges Frühstadium voraus, in welchem 
die Diagnose schwer zu stellen sei. Zur Erkennung der Tuberkulose in 
diesem Frühstadium gewähre das Koch sehe Tuberkulin ein ausgezeichnetes 
Mittel, das es ermögliche, die Tuberkulose mit exakter wissenschaftlicher 
Sicherheit zu einer Zeit zu erkennen, in der sie noch keine ansteckende 
Krankheit sei, und sie auch durch die spezifische Erhöhung der Wider¬ 
standsfähigkeit des Kranken zu beseitigen. 

Wenn man also eine Vermehrung der wissenschaftlichen Stationen zur 
Untersuchung auf Tuberkulose erwirken wolle, dürfe man sich nicht damit 
begnügen, Stationen zur Untersuchung des Auswurfs zu empfehlen, sondern 
man ltifese Sachen, Untersuchungsstationen zu schaffen, die imstande seien, 
auch die Frühdiagnose mittels Tuberkulin in sachgemäßer Weise zu 
handhaben. 

Dieselben Stationen seien dann auch in der Lage, die Nachunter¬ 
suchung der anscheinend Geheilten, z. B. der aus den Heilstätten Ent¬ 
lassenen, in die Hand zu nehmen, die Nichtgeheilten in weitere Beobachtung, 
ev. Behandlung mit Tuberkulin zu nehmen, oder sie zu geeigneter Weiter¬ 
behandlung an andere Ärzte zu überweisen, solange bis wirklich exakte 
Tuberkuloseheilung erzielt sei, bis der Betreffende dauernd nicht mehr 
auf Tuberkulin reagiere. 

Dieser Vorschlag enthalte nicht etwas ganz Neues und Unerhörtes, da 
bereits manche Stadt eine solche Station besitze, wie Danzig und Stettin, 
wo sie aus der freien Initiative der Ärzte hervorgegangen sei, oder Breslau, 
wo sie vor mehr als Jahresfrist durch die dortige Landes versicherungs • 
anstalt ins Leben gerufen worden sei, und wo innerhalb eines Jahres mehr 
als S00 Frühdiagnosen mittels Tuberkulin gestellt worden seien. 

Er erlaube sich deshalb, den Leitsätzen des Herrn Referenten noch 
zwei weitere hinzuzufügen, etwa folgenden Wortlauts: 

„Zu einer wirksamen Bekämpfung der Tuberkulose 
bedürfen wir wissenschaftlicher Untersuchungsstationen, 
welche nicht nur die Untersuchung des Auswurfs, sondern 
auch die Frühdiagnose mittels Tuberkulin sachverständig 
zu handhaben verstehen.“ 


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28 XXVIU. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Und der zweite Leitsatz möchte so lauten: 

„Den Stadtgemeinden ist zu empfehlen, die armen¬ 
ärztliche Fürsorge für die Tuberkulösen im Sinne der 
französischen Dispensaires zu zentralisieren.“ 

Vielleicht lasse sich eine Vereinigung dieser beiden Arten von Stationen 
bewerkstelligen. Die Zentralisation habe vor allem den Zweck, tuberkulösen 
Seuchenherden, deren jede größere Stadt welche habe, energischer zu 
Leibe zu gehen als bisher, sie in ihren Schlupfwinkeln aufzusuchen und sie 
so weit als möglich allmählich zu beseitigen. 

Beigeordneter Lehwald (Duisburg) betont, daß das auch für den 
Laien so überaus klar und verständlich erstattete Referat des Herrn Geheim¬ 
rat Gaffky für den Verwaltungsbeamten eine große Fülle von Anregungen 
enthalte. Wie der Referent bemerkt habe, sei ein Teil der von ihm hier 
vorgeschlagenen Maßnahmen bereits in einer Anzahl von Städten durch¬ 
geführt, und zwar treffe dies besonders zu für die unter 2, 3 und 4 der 
Schlußsätze geforderten Maßnahmen. Man könne freilich darüber streiten, 
ob es richtig sei, in diesem Falle einen polizeilichen Zwang auszuüben, ob 
es nötig sei, für die Ärzte die Anzeigepflicht festzusetzen und insbesondere 
gegenüber den Inhabern der gefährdeten Wohnungen einen Desinfektions¬ 
zwang auszuüben, oder ob nicht vielmehr der gewollte Zweck ebensogut 
dadurch erreicht werde, daß die Menschheit mehr und mehr zur Selbsthilfe 
erzogen werde. Durch eine geeignete Erziehung lasse sich auch auf diesem 
Gebiete recht viel erreichen. Diesen Versuch habe er in Duisburg gemacht, 
indem er sowohl die Ärzte als auch die Krankenhäuser ersucht habe, ihm 
freiwillig von allen hier in Frage kommenden Fällen Anzeige zu erstatten, 
und indem er den Inhabern der als verseucht bezeiehneten Wohnungen an¬ 
heimstellte, ihre Wohnung bzw. sich selbst der Desinfektion zu unter¬ 
werfen, — und er habe hiermit bis jetzt recht gute Erfolge zu verzeichnen 
gehabt. Wenn überall darauf hingearbeitet werde, daß die Einsicht und 
das Verständnis für den guten Zweck dieser Sache weitere Verbreitung 
finde, dann werde auch jedermann ohne Zwang diese Maßnahme gern bei 
sich anwenden. 

In seinen Schlußsätzen wie in seinem Vortrag habe der Herr Referent 
die Forderung betont, unter ungünstigen Wohnungsverhältnissen und bei 
unsauberen Lebensgewohnheiten die Tuberkulösen zur Verhütung der Krank- 
heitsübertragung einem Krankenhause zuzuführen und sie möglichst lange 
dort zu halten. Dem könne er nicht unbedingt zustimmen, er halte es für 
richtiger, daß man zunächst die Wurzel des Übels zu beseitigen suche, indem 
man die Wohnungsverhältnisse günstiger gestalte und die Lebensgewohn¬ 
heiten verbessere, als daß man das Familienleben der minder bemittelten 
Stände immer mehr zerstöre, indem man die einzelnen Familienglieder 
möglichst lange voneinander trenne. Da Krankheiten Vorbeugen immer 
noch besser sei, als Krankheiten heilen, so solle man vor allem darauf be¬ 
dacht sein , daß der schlimmsten aller Krankheiten schon von vornherein 
der Boden der Weiterverbreitung nach Möglichkeit abgegraben werde, und 
das lasse sich am zweckmäßigsten durch eine geeignete Wohnungspflege 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


29 


erreichen. Eine solche Wohnungspflege könne mit der Wohnungsaufsicht, 
wie sie z. B. im Regierungsbezirk Düsseldorf eingeführt sei, verbunden 
werden; für richtiger und auch erfolgreicher aber halte er es, wenn sich 
besondere freiwillige Vereine bilden, um eine geeignete Wohnungspflege in 
den minder bemittelten Kreisen auszuüben. 

Sanitätsrat Dr* Altschul (Prag) gibt zu, daß die Ausführungen des 
Referenten nach der wissenschaftlich theoretischen Seite hin unanfechtbar 
seien, hält sich aber für verpflichtet, einige gegensätzliche Bemerkungen 
Ton einem mehr praktischen Standpunkt zuzufügen. 

Wenn es im ersten der Schlußsätze heiße, die unverkennbare Abnahme 
der Sterblichkeit an Lungenschwindsucht zeige, daß man mit den derzeitigen 
Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose sich auf dem richtigen Wege 
befinde, so könne man die Tatsache zugeben, wenn auch dieser Weg noch 
immer nicht der kürzeste und auch nicht der einzig richtige Weg sein 
müsse. Daraus folge aber noch nicht, daß die Tuberkulose deshalb ab¬ 
genommen, weil man sich auf dem richtigen Wege befinde, sondern es sei 
statistisch nachweisbar, daß die Tuberkulosesterblichkeit schon abgenommen 
habe, bevor man sich auf diesem Wege befunden habe. Andererseits aber 
müsse er auch daraufhinweisen, daß man auf Grund der statistischen Ergeb¬ 
nisse, wie heute die Medizinalstatistik getrieben werde, zu weitgehenden 
Schlüssen absolut nicht berechtigt sei, daß eine Reform der Medizinal¬ 
statistik die Grundbedingung für jede prophylaktische Maßnahme in epi¬ 
demiologischer Beziehung sein müsse. Wie die Statistik als Grundlage für 
epidemiologische Schlüsse nur mit großer Vorsicht anzuwenden sei, dafür 
könne er ein klassisches Beispiel aus seiner engeren Heimat Böhmen an- 
führen. In Böhmen habe man vor Jahren sehr viel Blattern gehabt, seit 
fünf Jahren seien sie fast ganz verschwunden. Da liege es nun nahe zu 
sagen, hiervon sei die Impfung die Ursache. Aber in Österreich existiere 
kein Impfzwang, und in der Tat habe die Impfung in den letzten Jahren 
ganz erheblich abgenommen, und dennoch seien die Blattern verschwunden. 
Wenn man nun einen Schluß auf diese Tatsache hin wage und sage, die 
Blattern seien deshalb verschwunden, weil man eine bessere Impfung habe, 
so entspreche das nicht den Tatsachen. Auch die Tuberkulose sei in 
Böhmen zurückgegangen, aber diesen Rückgang bezeichne die offizielle 
Medizinalstatistik selbst nur als einen scheinbaren, weil jetzt eine andere 
Bearbeitung der Tuberkulosesterblichkeit stattfinde, als dies früher der 
Fall gewesen sei. 

Was nun ferner die Anzeigepflicbt bei Tuberkulose betreffe, so müsse 
die gewiß von jedem gewünscht werden. Aber die Verpflichtungen der 
Arzte seien in stetem Wachsen, man habe lauter Pflichten und wenig Rechte. 
In England werde die Anzeige von Infektionskrankheiten honoriert, und 
wenn man dazu bei uns noch nicht so bald kommen werde, so solle man 
wenigstens vom Arzt die Anzeige nur in allerkürzester Form verlangen, 
es dem Sanitätsbeamten überlassend, die Sache weiter zu verfolgen. 

In bezug auf die Desinfektion scheine es ihm zu genügen, wenn man 
nach dem Vorschlag von Teleky in Wien die Desinfektion nur bei Todes¬ 
fällen an Tuberkulose obligatorisch mache. 


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30 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Was nun die Unterbringung der Tuberkulösen in einem Erankenbanse 
betreffe, so sei dies gewiß eins der wirksamsten Mittel zur Verhütung der Weiter¬ 
verbreitung der Tuberkulose, in der Praxis sei dies aber oft schwer durch¬ 
zuführen. Es sei sehr leicht möglich, einem hoffnungsfreudigen Tuberkulösen, 
der sich in einem unheilbaren Stadium befinde, zu sagen, er sei lungenkrank, 
er werde geheilt werden, aber sehr schwer sei es, einem Menschen, der anfange 
zu hüsteln, zu sagen, in seinem Auswurf seien Tuberkelbazillen gefunden 
worden, er sei tuberkulös, er müsse isoliert werden, dürfe mit seiner Familie 
nicht Zusammenkommen u. dgl. Darum werde es häufig Vorkommen, daß 
man dem Kranken seine Krankheit verheimlichen müsse. Dann brauche 
man aber nicht die Waffen zu strecken, man werde ihm sagen, er müsse 
sich schonen, er dürfe seinen Auswurf nicht hier- und dorthin deponieren 
u. dgl. Aber allgemein jemand zu sagen, er sei tuberkulös, das halte er 
nach dem heutigen Stande der sozialen Zustände für undurchführbar; denn 
die heutige Generation, trotzdem man sie versichere, die Tuberkulose sei 
heilbar, fürchte sich vor der Schwindsucht. 

Die Bekämpfung der Tuberkulose müsse, wie auch bereits der Herr 
Referent betont habe, in der Schule beginnen, es müsse schon hier den 
Kindern beigebracbt werden, nicht auf die Straße oder den Boden auszu¬ 
speien, und zwar nicht weil der Betreffende tuberkulös sei, sondern weil es 
eine Unart sei, auf den Boden zu spucken. 

Zum Schluß wolle er noch einen Punkt berühren, es sei dies die Ent¬ 
fernung der Gesunden von den Kranken. Auf diesem Wege lasse sich aller¬ 
dings sehr viel erreichen, und da sei vor allem zu denken an die Kinder¬ 
asyle. Wenn die Kinder hier auch nur am Tage von Hause entfernt seien, 
so liege der Segen solcher Anstalten doch auch darin, daß die Eltern er¬ 
fahrungsgemäß durch derartige Asyle hygienisch erzogen werden, indem 
man ihnen zeige, wie die Kinder auch im Hause zu behandeln seien. Neben 
all den hier vorgeschlagenen Maßregeln sei ein Weg, der nicht nur zur 
Bekämpfung der Tuberkulose, sondern sämtlicher Seuchen führe, die Erzie¬ 
hung zur Reinlichkeit Reinlichkeit im Leben, Reinlichkeit in der Wohnung, 
das sei das beste prophylaktische Mittel gegen die Tuberkulose wie gegen 
alle Seuchen. 

Oberbürgermeister Schmidt (Erfurt) ist der Ansicht, daß die in 
These 2 geforderte Untersuchung des Auswurfs gewiß am besten durch 
hygienische und bakteriologische Institute vorgenommen werde. Aber auch 
eine Stadt, die nicht so glücklich sei, ein solches Institut zu besitzen, 
brauche darum auf diesem Gebiet nicht müßig zu sein. In Erfurt, einer 
Stadt von jetzt gegen 90000 Einwohnern, die ein derartiges Institut nicht 
habe, sei eine unentgeltliche Untersuchung des Auswurfs von Kranken 
auf Tuberkulose schon seit dem Jahr 1897 eingeführt, und zwar werde 
diese Untersuchung im Krankenhause vorgenommen, dem die von den Be¬ 
treffenden auf den Polizeirevieren eingelieferten Fläschchen mit Sputum 
vom Revier, wo auch die numerierten Fläschchen mit Gebrauchsanweisung 
zu haben seien, zugeführt werden, und wo dann einige Zeit nachher der 
Betreffende das Resultat erfahren könne. Seien Tuberkelbazillen gefunden 
worden, dann werde mit diesem Ergebnis eine kurze Anweisung mitgeteilt, 


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31 


Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 

wie der Kranke sich zunächst zu verhalten habe, namentlich werde er 
darauf hingewiesen, daß er, wenn es noch nicht geschehen sei, ärztliche 
Hilfe in Anspruch nehmen möge; auch werde ihm das vom Reichsgesund- 
heitsamt ausgearbeitete „Merkblatt“ ebenfalls mitgegeben. Von dieser Ein¬ 
richtung werde im Jahr durchschnittlich von 150 Personen, steigend von 
anfangs 100 auf 200, Gebrauch gemacht, und in etwa 20 Proz. seien Tu¬ 
berkelbazillen gefunden worden. 

Auch eine zwangsweise Desinfektion bei Tuberkulose sei in Erfurt 
schon Beit einer Reihe von Jahren eingeführt, allerdings beschränkt auf die 
Todesfälle. Den Ärzten sei eine Anzeigepflicht für Todesfälle an Tuber¬ 
kulose auferlegt worden, und diese Anzeige, die man allerdings den Ärzten 
so viel als möglich erleichtere, werde von diesen im ganzen sehr gewissen¬ 
haft ausgeübt. Diese Desinfektion auch in allen Fällen von Wohnungs¬ 
wechsel Tuberkulöser eintreten zu lassen, habe man erstrebt, aber man 
habe noch keinen praktischen Weg Anden können, um hier die Anzeige zu 
sichern. Sie den Ärzten aufzuerlegen, führe wohl kaum zum Ziel, weil die 
an chronischer Tuberkulose Leidenden vielfach gar nicht in ständiger ärzt¬ 
licher Behandlung seien. Man versuche jetzt die Leute zu veranlassen, 
selbst die Desinfektion zu verlangen, die ihnen unentgeltlich gewährt werde, 
sobald von einem Arzt die Bescheinigung gegeben werde, daß Tuberkulose 
vorliege. Letzteres müsse allerdings verlangt werden, weil dies sonst mi߬ 
bräuchlich ausgenutzt werden könnte, und die Leute sich auf städtische 
Kosten ihre Wohnung reinigen ließen. 

Hofrat Dr. med. Wolff (Raiboldsgrün) ist, wie auch andere Heil¬ 
stättenbesitzer, seiner Ansicht treu geblieben, daß die Gefahr der direkten 
Übertragung der Tuberkulose überschätzt werde; in diesem Punkt seien 
sehr wichtige Vorfragen noch durchaus ungelöst. Wenn er auch in den 
meisten Punkten den Ausführungen des Herrn Referenten beistimmen 
könne, so glaube er doch nicht verschweigen zu sollen, wie in dem Kopf 
eines Heilstättenarztes sich die Frage, welche Maßregeln zur Bekämpfung 
der Tuberkulose der Ergänzung bedürfen, beantworten würde, nämlich 
wesentlich anders, als es durch den Referenten geschehen sei. 

Es sei von dem Herrn Referenten betont worden, daß ein Hauptteil 
der Heilstättentätigkeit in der Erziehung liege, daß der Kranke erzogen 
werde. Dem stimme er durchaus bei. Indessen sei es für die Prophylaxe 
zu spät, den Kranken zu erziehen. Die Hauptsache sei, daß mit der Erzie¬ 
hung zur Hygiene im allgemeinen und speziell zur Hygiene gegen die 
Tuberkulose in der Jugend begonnen werde, daß der Schüler schon unter¬ 
wiesen werde, daß es abscheulich sei, den Boden zu beschmutzen, sich 
gegenseitig anzuspucken u. dgl. Aber man müsse weiter gehen, man müsse 
in den Seminaren der Lehrer, der Prediger die Hygiene als Unterrichts¬ 
gegenstand einführen, man müsse namentlich auch durch die Schulärzte 
nach dieser Richtung auf die Kinder einwirken. 

Weiter sei er der Ansicht, daß, wie auch Herr Altschul schon be¬ 
merkt habe, Sauberkeit die Hauptsache sei, und daß in diesem Sinn nament¬ 
lich auch der Verein für Volksbäder ein mächtiger Bundesgenosse im Kampf 
gegen die Tuberkulose sei. 


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32 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Die Hauptsache aber sei und bleibe die Hygiene der Wohnungen, denn 
alle Unterweisung in den Heilstätten helfe nichts, wenn der Kranke wieder 
in die unhygienischen Verhältnisse der Wohnung, der Werkstatt zuruck- 
kehre. Die Heilstätte werde erst voll ihren Wert haben, wenn der hygie¬ 
nisch wohlerzogene Mensch in ein Heim zurückkehre, das wenigstens 
einigermaßen dem Sanatorium gleiche. Das seien keine Utopien. Luft, 
Licht und Wasser könne man jedem verschaffen, und man sei ja auf dem 
besten Wege dazu, den Leuten ein gesundes Heim zu schaffen, wie dies 
seitens des Halleschen und anderer Vereine in lobenswerter Weise bereits 
geschehen sei. 

Nach der hier angedeuteten Richtung hin seien die Schlußsätze seines 
Erachtens noch einer Ergänzung bedürftig. 

Geh. Obermedizinalrat Prof. Dr. Kirchner (Berlin) begrüßt 
zunächst die Versammlung namens des preußischen Herrn Kultusministers, 
in dessen Vertretung er beauftragt sei, den Verhandlungen beizuwohnen. 

Wie der Referent bereits mitgeteilt habe, sei in Preußen ein Ausfüh¬ 
rungsgesetz zum Reichsseuchengesetz ausgearbeitet worden. Dieser Gesetz¬ 
entwurf sei aber mehr, er sei ein Seuchengesetz für alle diejenigen Krank¬ 
heiten, welche in dem Reichsgesetz nicht berührt worden seien. Bei der 
ihm übertragenen Bearbeitung dieses Gesetzentwurfs habe er zunächst die 
Tuberkulose unberücksichtigt gelassen, bis ihn die Statistik dann eines 
besseren belehrt habe. In Preußen seien bis nach dem Jahr 1880 jährlich 
320 von je 100000 der Bevölkerung an Tuberkulose gestorben. Nach der 
Entdeckung des Tuberkelbazillus jedoch, als die Maßregeln, welche vom 
bakteriologischen Standpunkt aus zur Bekämpfung der Tuberkulose empfohlen 
worden seien, sich mehr und mehr einzubürgern begonnen haben, habe 
sich eine deutliche Abnahme der Tuberkulose in Preußen bemerklich zu 
machen begonnen. Von Jahr zu Jahr sei die Zahl der Tuberkulösen ge¬ 
sunken, im Jahre 1898 habe sie 200*8 betragen gegen 320 auf 100000 der 
Bevölkerung zu Anfang der achtziger Jahre, oder mit anderen Worten, 

1898 seien in Preußen über 17 000 Menschen weniger an Tuberkulose ge¬ 
storben als in einem Jahr der vorbakteriologischen Zeit. Seit dem Jahr, 

1899 sei dann die Zahl der Tuberkulosetodesfälle wieder etwas gestiegen, 
trotzdem schon eine Reihe vorzüglicher Heilstätten bestehe, die Kranken- 
Alters- und Invaliditätspflicht eingeführt sei, sich die öffentliche Wohltätig¬ 
keit eifrig an dem Kampf gegen die Tuberkulose beteilige, kurz alles zu¬ 
sammenwirke, um die Tuberkulose einzudämmen. 

Woran das liege, sei nicht schwer zu erkennen. Die mit Recht betonte 
Erziehung der Tuberkulösen zur Reinlichkeit und zu einer gesundheits¬ 
gemäßen Lebensweise sei gewiß ein trefflich Ding, aber eie allein sei auf 
die Dauer doch nicht imstande, das, was sonst fehle, zu ersetzen; und das 
liege in erster Linie an den ungünstigen Wohnungsverhältnissen. In 
Preußen sei man jetzt dabei, dem schönen Beispiel von Sachsen und Bayern 
folgend, ein Wohnungsgesetz auszuarbeiten, von dem zu hoffen sei, daß es 
einen Markstein in der Geschichte der Hygiene in Preußen bilden werde. 
Aber auch dieses Gesetz werde nicht imstande sein, dem oft grauenhaften 
Wohnungselend ausreichend zu steuern. Und selbst wenn man es könnte, 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 33 

käme man damit doch nicht zum Ziel, denn die Tuberkulose sei nicht nur 
eine Wohnungskrankheit, sie sei in viel stärkerem Maße eine Familien¬ 
krankheit, welche von einem Familienmitglied zum andern übertragen 
werde. 

Die nenerdings so viel ventilierte Frage, ob Tuberkulose und Perlsucht 
identisch seien, ob die Übertragung der Tuberkulose vorwiegend durch die 
Milch perlsücbtiger Kühe erfolge, diese und ähnliche Fragen seien zurzeit 
noch gänzlich unentschieden. Aber wie auch, die Entscheidung fallen möge, 
das stehe schon heute fest, daß nicht das Kind, sondern der tuberkulöse 
Mensch es sei, welcher die Menschen gefährde, und hier müsse man an¬ 
setzen, wenn man hoffen wolle, der Tuberkulose Herr zu werden. 

Von dieser Voraussetzung ausgehend, habe er in Übereinstimmung mit 
Koch, Flügge und Gerhardt und unter Zustimmung der wissenschaft¬ 
lichen Deputation in das neue Gesetz auch die Tuberkulose aufgenommen, 
und zwar ganz in der Weise, wie dies in den Schlußsätzen des Referenten 
&u8gedrückt sei. Die Basis alles Vorgehens müsse die Anzeigepflicht 
werden, um den Kranken zu fassen und ihm und seinen Angehörigen das 
▼orschreiben zu können, was zur Verhütung der Weiterverbreitung der 
Krankheit erforderlich sei. 

Die Frage der Anzeige der Tuberkulose stoße, wie begreiflich, auf leb¬ 
haften Widerspruch; man befürchte, der Kranke, der an Tuberkulose leide, 
werde sozusagen an den Pranger gestellt, er werde zum Gegenstand des 
öffentlichen Abscheus gemacht und in seinem Erwerb empfindlich geschädigt, 
wenn man die Tuberkulose anzeigepflichtig mache. Darum sei es erfreulich, 
daß auch der Referent und die bis jetzt gepflogene Verhandlung die An¬ 
zeigepflicht für erforderlich halte, also denselben Standpunkt einnehme wie der 
zehnte internationale Hygienekongreß in Paris 1900 und der internationale 
Tuberkulosekongreß in London 1901. In Frankreich trage man zurzeit 
noch Bedenken, die Anzeigepflicht für Tuberkulose einzuführen, in England 
wolle man die fakultative Anzeigepflicht einführen, in Belgien bestehe über¬ 
haupt keine Anzeigepflicht, während Norwegen, Italien, die Schweiz, Öster¬ 
reich und von deutschen Staaten Sachsen, Baden und andere für Einführung 
der Anzeigepflicht seien, ebenso wie Preußen. 

Dagegen aber habe er Bedenken, daß nach dem Vorschlag des Refe¬ 
renten die Anzeigepflicht allein den Ärzten auferlegt werden solle, und zwar 
weil, wenn man die Anzeigepflicht bei Infektionskrankheiten ausschließlich 
für Ärzte eipführe, diese vielfach nicht zugezogen würden, und der Kranke 
sich lieber an einen Kurpfuscher wenden würde, der zur Anzeige nicht ver¬ 
pflichtet sei. Wenn aber eine ganze Reihe von Leuten aus Furcht, tuber¬ 
kulös zu sein, keinen Arzt konsultiere, müsse die Sicherheit der Erkennung 
und Bekämpfung der Krankheit in hohem Grade beeinträchtigt werden. 
Deswegen sei er dafür, daß die Anzeigepflicht generell eingeführt werden 
müsse für jedermann, der mit dem betreffenden Kranken zu tun habe, also 
in Familien, die keinen Arzt haben, für die etwa sonst mit der Behandlung 
beauftragten Personen, ev. müsse der Haushaltungsvorstand die Pflicht 
übernehmen. 

Was die Desinfektionspflicht betreffe, so solle man diese nicht be¬ 
schränken auf Wohnungswechsel und Todesfälle, sondern man solle, wenn 

Vfertejjahnschrift für Getan dheitspflege, 1904. 3 


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34 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

es irgend möglich sei, eine regelmäßige Ausführung der Desinfektion für 
die ganze Dauer des Krankenlagers vorschreiben. Ein Tuberkulöser ent¬ 
leere täglich mehrere Kubikzentimeter Auswurf, in welchem Milliarden von 
Bakterien enthalten seien, fähig, die Krankheit zu übertragen. Der Gefahr 
der Krankheitsübertragung könne man nur begegnen, wenn man die Tu¬ 
berkelbazillen, die der Kranke täglich um sich verbreite, auch täglich des¬ 
infiziere. Das müsse angestrebt und mit Nachdruck durchgeführt werden. 

Die weiteren Forderungen des Referenten, der Absonderungs- und 
Krankenhauszwang, die Überwachung bei gewissen Gewerbebetrieben u. dgl., 
seien theoretisch gewiß richtig und nötig, und man werde mit der Zeit auf 
sie zurückkommen; zurzeit aber werde man wohl noch darauf verzichten 
müssen. 

Was die weiteren Maßregeln zur Bekämpfung der Tuberkulose betreffe, 
so habe man sich bisher, durchdrungen von der Zweckmäßigkeit der Heil¬ 
stättenbewegung, darauf beschränkt, Heilstätten zu bauen und die Tuber¬ 
kulösen in den Heilstätten zu behandeln. Seien die erzielten Erfolge auch 
Über allen Zweifel erhaben, so dürfe man doch nicht glauben, daß man mit 
den Heilstätten allein gegenüber der Tuberkulose auskomme. Es sei zweifel¬ 
los von hohem erzieherischem und auch therapeutischem Wert, wenn Leute 
im Anfangsstadium der Tuberkulose auf drei oder vier Monate in eine 
Heilstätte gebracht und dort ordentlich gepflegt und gekräftigt werden und 
lernen, wie sie unschädlich für ihre Umgebung zu leben haben. Allein 
wenn sie wieder nach Hause in ihre alten Verhältnisse, in ihre schlechten 
Wohnungen, an ihre anstrengende Arbeit zurückkehren, so halte die gün¬ 
stige Wirkung nicht immer lange vor. Für Kranke in vorgeschrittenerem 
Stadium der Tuberkulose, die doch gerade für ihre Umgebung besonders 
gefährlich seien, sei in den Heilstätten kein Platz. Aber gerade für diese 
müsse gesorgt werden, wolle man die Tuberkulose erfolgreich bekämpfen. 
Deshalb bedürfe die Heilstättenbewegung einer Ergänzung, der auch der 
Referent schon gedacht habe, indem er die Dispensaires in Frankreich er¬ 
wähnt habe. Ein Dispensaire habe Ähnlichkeit mit der in Deutschland 
gebräuchlichen Poliklinik, sie gehe aber nach manchen Richtungen über 
diese hinaus und stelle eine Vereinigung von Sprechstunde und Wohlfahrts¬ 
einrichtung dar. Glaube einer, er sei vielleicht tuberkulös, so gehe er in 
ein Dispensaire , werde dort untersucht, bakteriologisch und körperlich. 
Sobald Tuberkulose festgestellt sei, werde der Betreffende in die Liste ein¬ 
getragen und in die dauernde Obhut des Dispensaires genommen, zur Be¬ 
handlung aber seinem Arzt zugewiesen. Der Kranke erhalte vom Dispen¬ 
saire einen Beutel, in dem er alle acht Tage seine Wäsche zur Desinfektion 
bringe, er erhalte, wenn er arm sei, täglich frische, sterilisierte Milch ge¬ 
liefert, seine Wohnung werde von einem Beamten des Dispensaire unter¬ 
sucht und so weit möglich verbessert, kurz das Dispensaire sorge, daß die 
Tuberkulösen, welche nicht in Heilstätten seien, in einigermaßen gesund- 
heitsgemäße Verhältnisse kommen. Bei der Frage der Absonderung von 
Tuberkulösen komme nicht nur die Gefahr der Ansteckung, sondern auch 
die Rücksicht auf die Empfindungen der Kranken und ihrer Angehörigen 
in Betracht, und man müsse deshalb immer prüfen, ob man nicht dasselbe 
dadurch erreiche, daß man die Leute für eine gewisse Zeit in eine Heilstätte 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


35 


bringe und, wenn sie wieder arbeitsfähig geworden seien, dauernd in Ob¬ 
hut behalte, um sie für ihre Umgebung ungefährlich zu machen. Auf 
diesem Wege werde man weiter kommen als mit Heilstätten allein, und 
deshalb solle man auch in Deutschland neben den Lungenheilstätten der¬ 
artige Dispensaires gründen, die mit jenen Handln Hand gehen, sich gegen¬ 
seitig ergänzen, die Tuberkulösen dauernd überwachen und auf diese Weise 
für ihre Umgebung unschädlich machen. 

ln bezug auf die Untersuchungsanstalten stimme er dem Herrn Refe¬ 
renten vollkommen bei. In Preußen sei man bestrebt, den Wirkungskreis 
der staatlichen Untersuchungsanstalten zu erweitern, ihr Personal und Ma¬ 
terial zu vermehren und sie in Konnex zu bringen mit den städtischen, 
Kreis- und Provinzialbehörden, um gemeinsam mit ihnen gegen die Tuber¬ 
kulose in den Kampf zu ziehen. 

Die Bekämpfung der Tuberkulose müsse in ein neues Stadium treten, 
es müsse gegenüber dieser furchtbaren Krankheit, der noch immer in Preußen 
jährlich über 70000 Menschen erliegen, noch mehr geschehen als bisher. 
Man müsse aufhören, sich dem Gedanken hinzugeben, allein mit den Heil¬ 
stätten die Tuberkulose bekämpfen zu können; man müsse sich klar machen, 
daß der tuberkulöse Mensch die Krankheit verbreite, und daß über ihn nicht 
nur im Anfangsstadium, sondern während der ganzen Dauer der Krankheit 
die fürsorgende Hand des Staates, der Kommune und der freien Liebestätig¬ 
keit ausgebreitet werden müsse. Erst wenn dies geschehe, dürfe man hoffen, 
mit der Zeit der Tuberkulose Herr zu werden. Im Mittelalter habe es eine 
Krankheit gegeben, welche damals über die ganze zivilisierte Welt verbreitet 
gewesen sei, der Aussatz; durch energische Bekämpfung sei er im Laufe 
der Jahrhunderte in einem großen Teil von Europa so gut wie verschwunden. 
Das sei ein Beispiel dafür, daß es möglich sei, mit Umsicht und Energie 
auch anscheinend furchtbarer Krankheiten Herr zu werden. Wenn man 
stets im Auge behalte, daß die Tuberkulose eine übertragbare Krankheit sei, 
und daraus die Konsequenzen ziehe, werde auch ihr gegenüber der Erfolg 
nicht fehlen. 

Bürgermeister Dr. Johansen (Minden) schließt sich dem Vor¬ 
redner an, daß man die Heilstättenbewegung nicht überschätzen solle. Mit¬ 
teilungen von 80 Proz. Dauererfolg, wie er solche z. B. in der Täglichen 
Rundschau noch neuerdings gelesen habe, solle man mißtrauen. Nach den 
in der Städteausstellung vorgeführten Statistiken sei die Prozentzahl der 
Geheilten eine sehr viel geringere, und es sei gefährlich, wenn durch Ver¬ 
breitung zu hoher Genesungsziffern die öffentliche Meinung irregeleitet werde. 

Dann müsse er sich auch gegen einen der Vorredner wenden, der ge¬ 
sagt habe, es sei Inhumanität, wenn man gegen den Lungenkranken mit 
Isolierung vorgehe. Er halte es für eine falsche Humanität, wenn man 
einen schwer Erkrankten, der an vorgeschrittener Tuberkulose leide, die 
seine Umgebung gefährde, nicht isoliere. Man tue damit einem Gutes und 
tue einer größeren Anzahl anderer Menschen Unrecht. Das müsse der 
leitende Gesichtspunkt sein, vor falscher Humanität solle man sich hüten. 
Die richtige Humanität liege darin, ein gesundes Volk zu schaffen, nicht dem 
einzelnen Kranken zu helfen. 

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36 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Von der Berechtigung der Landesversicherungsanstalten, Lungenkranke 
in Heilstätten unterzubringen, worauf der Herr Referent hingewiesen habe, 
sei von verschiedenen Landesversicherungsanstalten noch kaum Gebrauch 
gemacht worden, so beispielsweise in Westfalen, wo die Versicherungs¬ 
anstalt jetzt zu dem Resultat gekommen sei, daß, nachdem die Zahl der 
Anmeldungen eine so geringe gewesen sei, vielleicht überhaupt kein Bedürf¬ 
nis für eine derartige Aufnahme vorliege. Leider sei die spezielle Fürsorge 
für die schwer an Lungentuberkulose Erkrankten noch nicht ausdrücklich 
als Aufgabe der Invaliditätsanstalten aufgenommen. Es sei sehr zu wünschen, 
daß vom Reichsversicherungsamt und von den einzelnen Landesversicherungs¬ 
anstalten erwogen werde, von der Befugnis des § 25, 7 in denjenigen Fällen 
in erster Linie Gebrauch zu machen, wo es sich um vorgeschrittene Tuber¬ 
kulose handle, die eine große Gefahr für ihre Umgebung bilde. Außerdem 
aber empfehle es sich auch, die Krankenkassen mehr heranzuziehen. Im 
Krankenkassengesetz stehe die Bestimmung, daß auf Grund statutarischer 
Anordnung jeder unverheiratete Kranke einem Krankenhause überwiesen 
werden könne, und die verheirateten auch unter gewissen Bedingungen, und 
eine dieser Voraussetzungen sei die, daß die Krankheit eine ansteckende sei. 
Hier solle die Aufsichtsbehörde auf die Krankenkassen hinwirken, daß sie 
von dieser Unterbringung ihrer Kranken in Krankenhäuser in allen Fällen 
Gebrauch machen, wo eben diese Gefahr vorliege, und wozu sie schon das 
gesetzliche Recht in der Hand haben. Erfordernis hierfür sei allerdings, 
daß man den Kranken nicht weit fortbringe, in entfernt gelegene, hierfür 
speziell gegründete Asyle, sondern in die städtischen oder Kreiskranken¬ 
häuser, in denen man natürlich besondere Abteilungen für Schwindsüchtige 
einrichten müsse. Dahin werde der Kranke auch eher gehen, er bleibe in 
Konnex mit seiner Familie, könne von dieser besucht werden u. s. w. Und 
wenn dann Kreis oder Gemeinde für solche Kranke in ihren eigenen Kranken¬ 
häusern ermäßigte Pflegesätze einführen und damit die Hauptschwierigkeit, 
die große pekuniäre Last, in gewisser Weise mildern, so könne damit ein 
großer Erfolg errungen werden. 

Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Löffler (Greifswald) schließt an di© 
Ausführungen des Herrn Petruschky an, daß es ein Mittel gebe, die 
Anfangsstadien der Tuberkulose zu erkennen, in welchen Tuberkelbazillen 
noch nicht nachweisbar seien, das Tuberkulin. Das sei richtig und stimme 
mit dem überein, was Robert Koch in seiner ersten Veröffentlichung ge¬ 
sagt habe, daß er im Tuberkulin ein Mittel habe, mit welchem er beginnende 
Tuberkulose zu erkennen imstande sei und mit welchem er diese beginnende 
Tuberkulose zu heilen hoffe. Diese Angabe Kochs habe sich im Laufe der 
Zeit als durchaus richtig erwiesen, das Tuberkulin sei als ein zuverlässiges 
diagnostisches Hilfsmittel anerkannt worden, und es habe sich auch mehr 
und mehr herausgestellt, daß man beginnende Fälle von Tuberkulose, die 
eben auf Tuberkulin reagieren, durch geeignete spezifische Behandlung mit 
Tuberkulin zur Heilung führen könne, so daß der Kranke nicht mehr rea¬ 
giere, an Körpergewicht zunehme, sich frisch und leistungsfähig fühle, daß 
er also geheilt sei. 

Es sei gewiß recht schwierig, derartige Einrichtungen öffentlicher Art 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


37 


zu treffen, wie sie Herr Petruschky erwähnt habe. Aber auf ein Gebiet 
wolle er hinweisen, in welchem diese Maßnahme doch eventuell von sehr 
großem Erfolg sein könne, nämlich bei der Untersuchung der in den Militär¬ 
dienst Eintretenden, worauf auch bereits von militärärztlicher Seite hinge¬ 
wiesen sei. Die Tuberkulose in der Armee sei ja dank den ausgezeich¬ 
neten verbesserten Untersuchungen mehr und mehr znrückgegangen, aber 
es komme doch immer noch eine große Reihe von Tuberkulosefallen in der 
Armee vor. ln einer großen Zahl dieser Fälle handle es sich um Individuen, 
die vor ihrem Eintritt in den Militärdienst bereits infiziert gewesen seien. 
Wenn man nun in allen den Fällen, in welchen eine sorgfältige Anamnese 
ergebe, daß in der Familie des Betreffenden Tuberkuloseerkrankungen vor¬ 
gekommen seien, eine prüfende Tuberkulininjektion an wendete, so würde 
voraussichtlich eine ganze Reihe von Leuten von vornherein von dem Dienst 
ausgeschlossen werden, welche bisher, bei der Einstellung als tuberkulös 
infiziert nicht erkennbar, während ihrer Dienstzeit infolge der Anstrengungen, 
welche der Militärdienst mit sich bringe, an offenkundiger Tuberkulose 
erkranken, ln dieser Richtung werde mit den Tuberkulineinspritzungen 
ein großer Segen geschaffen werden können. 

In der Heimstättenfrage stehe er durchaus auf dem Standpunkt des 
Referenten, wie er ihn auch vor einigen Jahren auf dem Tuberkulosekongreß 
vertreten habe. In Greifswald habe man versucht, ein Heim für Tuberku¬ 
löse ins Leben zu rufen, und habe sich zu dem Zweck an die Landes¬ 
versicherungsanstalt in Stettin gewandt. Diese aber habe sich nicht in der 
Lage erklärt, zu dem Zweck ihre Hilfe in Aussicht zu stellen, und auch die 
Darlegung, daß durch das Entfernen der Schwererkrankten, die Familien 
bedrohenden Individuen, aus den Familien später die Zahl der Neuerkran- 
klingen sich sehr vermindern und dadurch der Anstalt ein außerordent- 
licher Vorteil erwachsen würde, habe nicht vermocht, diese ablehnende 
Haltung za ändern. Man sei im allgemeinen jetzt noch wenig geneigt, für 
die Heimstätten einzutreten, sondern man wolle bis jetzt immer noch nur 
die Heilstätten fordern, weil in den Heilstätten der Kranke nur eine relativ 
kurze Zeit bleibe und infolgedessen die Ausgabe lange nicht so hoch sei 
wie die, welche für die Kranken in Heimstätten erforderlich wäre. Als ein 
außerordentlicher Fortschritt werde es zu begrüßen sein, wenn aus der 
heutigen Verhandlung die Überzeugung hervorgehen sollte, daß es dringend 
geboten erscheine, die Heimstättenbewegung zu fördern. 

Kreisassistenzarzt Dr. Ascher (Königsberg) erwähnt, daß der 
Leiter der Statistik des kaiserlichen Gesundheitsamts an verschiedenen 
Stellen darauf aufmerksam gemacht habe, daß der Gewinn, der durch die 
Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit in England und auch in Deutsch¬ 
land erzielt worden sei, aufgehoben werde durch die Zunahme anderer Lungen¬ 
krankheiten, besonders der akuten. Besehe man daraufhin die offizielle 
preußische Statistik für die Jahre 1875 bis 1901, so komme man zu dem 
Resultate, daß die Kurve der Tuberkulosesterblichkeit, welche im Jahre 1875 
weit über der der nicht tuberkulösen Erkrankungen der Atmungsorgane ge¬ 
standen habe, von 1880, also in der vorbakteriellen Zeit, bereits abnehme. 
Seitdem sei eine Annäherung der beiden Kurven gefolgt, die im Jahre 1890 


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38 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

sich geschnitten haben, so daß die Kurve der nicht tuberkulösen jetzt weit 
über der der tuberkulösen stehe. Von Jahrfünft zu Jahrfünft sei die Tuber¬ 
kulose in Preußen hinter die nicht tuberkulösen Erkrankungen der Atmungs¬ 
organe an Bedeutung zurückgetreten. Vergleiche man die sämtlichen Todes¬ 
fälle an Erkrankungen der Atmungsorgane in den beiden Jahrfünften 1875 
bis 1879 und 1897 bis 1901, so ergebe sich, daß in beiden Perioden 50 von 
10000 an sämtlichen Erkrankungen der Atmungsorgane zusammen ge¬ 
storben seien. 

Bei diesem Resultat frage es sich, ob die bisherigen Maßnahmen zur 
Bekämpfung der Tuberkulose unrichtig, oder ob sie undurchführbar seien, 
oder ob sie nicht durchgeführt worden seien. Unrichtig seien sie jedenfalls 
nicht, denn sie seien theoretisch so gut fundiert, daß daran nicht gezweifelt 
werden könne. Durchführbar seien sie zum großen Teile auch, aber nach 
seinen in den verschiedenen Arbeiterkreisen und bei den Haltekindern in 
Königsberg gemachten Erfahrungen seien sie nicht durohgeführt worden. 
Von allen Belehrungen und Empfehlungen, ärztlichen Belehrungen und Be¬ 
lehrungen durch die Zeitungen dringe zu wenig ins Volk. Er habe das bei 
der ihm unterstellten Beaufsichtigung des Haltekinderwesens in Königsberg 
kennen gelernt. Dort habe man Bchon seit Jahren die Einrichtung, daß 
jeder Wöchnerin eine gedruckte Anweisung für die Behandlung des Säuglings 
gegeben werde. Bei seinen Nachforschungen hierüber habe er nur ein ein¬ 
ziges Mal eine solche gedruckte Anweisung gefunden, und diese sei nicht 
verstanden worden; die gleiche Erfahrung habe man übrigens in Leipzig, 
Halle und anderen Orten auch gemacht. Erst die beständige Kontrolle der 
Haltekinder durch den Arzt mit Hilfe der Waisenpflegerinnen habe in 
Königsberg eine Besserung herbeigeführt. Dies weise den Weg, wie man 
auch bei der Tuberkulose vorzugehen habe. Beständige Belehrung, nicht 
den Kranken aus dem Gesichtsfelde verlieren, immer und immer wieder den 
Kranken an Vorsicht mit dem Auswurf erinnern und mahnen, das sei die 
Aufgabe. Dies könne natürlich nicht nur durch den beamteten Arzt ge¬ 
schehen, dazu bedürfe es weiteren Personals. Eine ähnliche Einrichtung 
besitze man in den Hafeninspektoren, England habe seine Gesundheitsauf¬ 
seher, und er wolle anregen, ähnliche Institutionen auch für die Durch¬ 
führung der Tuberkulosebekämpfung oder noch besser für die Durchführung 
der Bekämpfung aller Seuchen einzurichten. 

Professor Dr. Hahn (München) begrüßt es mit besonderer Freude, 
daß der Herr Referent auch des Schutzes der Kinder gedacht habe. Es be¬ 
ruhe dies wohl zum Teil auf der alten hygienischen Erfahrung, daß das¬ 
jenige Kapital, welches man auf die Gesundheit der Kinder verwende, sich 
am besten verzinse. Deshalb möge man auch im Kampf gegen die Tuber¬ 
kulose des Schutzes der Kinder etwas mehr gedenken, als es bisher ge¬ 
schehen sei, man möge den Kinderasylen größere Aufmerksamkeit zuwenden, 
man möge in solchen Kinderasylen eine besondere körperliche Pflege für 
die Kinder aus tuberkulösen Familien einführen, um bei diesen Kindern 
vielleicht durch das energische Ausbilden des Brustkorbes gewisse Disposi¬ 
tionen zu mildern. Sicherlich gründe sich eine Empfehlung der Kinderasyle 
nicht bloß auf die Verminderung der Infektionsmöglichkeit, sondern auch 


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Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose. 


39 


auf eine Anerkennung des Dispositionsbegriffes, wie sie ja der Herr Referent 
erfreulicherweise in etwas abgeschwächter Form auch im Eingang seiner 
Erörterungen abgegeben habe. Ohne den Dispositionsbegriff werde man 
nicht ganz auskommen. Im Kampf gegen die Tuberkulose habe man gewiß 
ror allen Dingen mit den auf den kranken Menschen gerichteten Be¬ 
strebungen zu rechnen und diese zu verfolgen. Aber in einem Punkt müsse 
man doch der Disposition etwas mehr Rechnung tragen, es sei dies bei der 
Berufswahl. Es sei darauf hinzuwirken, daß von den die Tuberkulose¬ 
übertragung begünstigenden Berufen und Beschäftigungen nicht bloß bereits 
tuberkulöse Personen ferngehalten werden, sondern auch die Kinder aus 
tuberkulösen Familien. Die Aufgabe, solchen Kindern eine richtige An¬ 
weisung in bezug auf die Berufswahl zu geben, werde großenteils dem 
Schularzt zufallen, wie dies ja in manchen Orten auch schon geschehe. Man 
müsse nach Möglichkeit zu verhindern suchen, daß Kinder mit ausgesprochenem 
phthisischen Habitus oder Kinder aus tuberkulös veranlagten Familien sich 
Staubgewerben u. dgl. zuwenden. 

Professor Dr. V. Esmarch (Göttingen) spricht sich dahin aus, daß 
nicht nur, wie der Referent es vorgeschlagen habe, die Kosten der Desinfek¬ 
tion zum mindesten, soweit es sich um wenig bemittelte Personen handle, 
aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten seien, sondern daß ohne weiteres für 
jeden, auch für den Wohlhabenden, die WohnungBdesinfektion kostenlos ein¬ 
gerichtet werde. Es entspreche dies nicht nur dem Gebot der Zweckmäßig¬ 
keit, sondern auch dem Gebot der Billigkeit. Die Wohnungsdesinfektion, 
soweit sie am Schluß der Krankheit stattfinde, sei eine öffentliche Maßregel 
und solle aus öffentlichen Mitteln bestritten werden. Dadurch werde man 
auch erreichen, daß die Wohnungsdesinfektion beliebter werde, und dies 9ei 
zweifellos ein Mittel, derselben mehr als bisher Eingang zu verschaffen. In 
einer Reihe von Städten sei die kostenlose Desinfektion bereits eingeführt. 
Die Befürchtung, daß eine solche Maßregel die Gemeindekasse zu sehr be¬ 
laste, sei unbegründet. Bei einer Anfrage, die er vor kurzem an etwa 300 
deutsche Städte gerichtet habe, habe sich ergeben, daß von diesen 300 
Städten nur 47 jährliche Unkosten von über 1000 Mark von der Wohnungs¬ 
desinfektion haben, der größte Teil der Unkosten werde aber ersetzt durch 
die Einnahmen, die die wohlhabende Bevölkerung für die Wohnungs¬ 
desinfektion zahle. In 60 Städten belaufe sich die jährliche Ausgabe für 
Wohnungsdesinfektion auf 100 bis 1000 Mark, und von 55 derselben — 
es seien dies lauter Städte von 40000 Einwohnern — sei die Erklärung 
eingegangen, daß ihnen die Wohnungsdesinfektion bisher nichts koste. 
Solche Zustände seien doch dem derzeitigen Stande der Seuchenbekämpfung 
nicht ganz entsprechend, und deshalb müsse allmählich der Grundsatz immer 
mehr in der Praxis durchdringen, daß die Wohnungsdesinfektion durchweg 
kostenlos vorgenommen werde. Dann erst sei sie ein wichtiges Glied in 
der Kette der Maßregeln gegen die Infektionskrankheiten. 

Hiermit ist die Diskussion geschlossen und es erhält das Schlußwort 


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40 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Referent, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Gaffky: 

„Hochgeehrte Damen und Herren! Ich könnte auf das Schlußwort, 
welches mir unser Herr Vorsitzender eben gibt, verzichten, wenn ich nicht zwei 
Punkte noch zur Sprache bringen wollte. Die Herren, die an der Diskussion 
teilgenommen haben, haben ja zum größten Teil schon auf das erwidert, 
was von anderer Seite her gegen die Anschauungen, die ich hier vertreten 
habe, etwa eingewendet werden könnte. 

„Der erste Punkt betrifft gar nicht die Bekämpfung der Tuberkulose, 
sondern eine Maßregel, die wir mit vollem Recht nach unserer Erfahrung 
als die allerwirksamste im Kampfe mit den Pocken erachten. Es ist eine 
Bemerkung des Herrn Kollegen Alt schul aus Prag, welche mir 
Veranlassung gibt, diesen Punkt hier zu erwähnen. Herr Kollege Altschul 
hat gesagt, die Pocken wären aus Böhmen verschwunden, obwohl die Zahl 
der Impfungen ständig zurückgegangen wäre. Meine Herren! Ich bezweifle, 
daß die Pocken aus Böhmen verschwunden sind, und ich mache zweitens 
darauf aufmerksam, daß dieses scheinbare Verschwinden der Pocken gefolgt 
sein könnte von recht unangenehmen Ereignissen. Ich verweise auf Eng¬ 
land, wo man in gleicher Weise glaubt Vorgehen, jene allerwichtigste Maßregel 
vernachlässigen zu können, und wo man bereits üble Erfahrungen gemacht 
hat, und zwar u. a. da, wo Jenner zuerst seine Tätigkeit entfaltet hat. 

„Ich möchte sodann meiner hohen Befriedigung darüber Ausdruck 
geben, daß eine so große Einmütigkeit besteht über das, was wir im Kampfe 
mit der Tuberkulose zu tun haben. Alles, was an Differenzen hervor¬ 
getreten ist, betrifft meines Erachtens untergeordnete Punkte. Diejenigen, 
welche der Meinung sind, daß, um ein bekanntes Bild zu gebrauchen, 
vor allen Dingen die Strohdächer zu beseitigen sind, und daß die Feuer¬ 
spritze nebensächlich wäre, haben dieser Meinung sehr vorsichtig Ausdruck 
gegeben. Im allgemeinen, scheint mir, gehören wir zu denen, die glauben, 
wir sollen feuersichere Hauser bauen, wir sollen aber auch ein gutes 
Feuerlöschwesen schaffen und unterhalten.“ 

Vorsitzender, Güheimerat Stübben: 

„Meine Herren! Die Thesen sind nicht zur Abstimmung bestimmt. Das 
ist auch nicht nötig. Die wenigen Abweichungen in den Ansichten werden 
ja zur Geltung kommen in dem Vereinsbericht, der in unserer Vierteljahrs¬ 
schrift erscheint. Aber ich glaube doch einem Bedürfnis Ihrer aller zu ent¬ 
sprechen, wenn ich Herrn Professor Gaffky für diesen ausgezeichneten 
Vortrag und für diese bedeutungsvollen Anregungen, die er gegeben hat, 
unsern Dank ausspreche und ihn beglückwünsche zu dieser Tat, und ich 
glaube ferner die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß die heutige, vierte 
Behandlung der Tuberkulosefrage im Deutschen Verein für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege eine bedeutsame, glückliche Etappe sein möge für die weite¬ 
ren Fortschritte in der Bekämpfung dieser Volksseuche.“ 


Pause von 12 1 /? bis 1 Uhr. 


Nach Wiedereröffnung der Sitzung stellt der Vorsitzende den zweiten 
Gegenstand der Tagesordnung zur Verhandlung: 


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Hygienische Hinrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 


41 


Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser 
und Schankstätten. 

Es lauten die von dem Referenten, Regierungs- und Medizinalrat 
Dr. Born träger (Düsseldorf), aufgestellten 

Leitsätze: 

1. Gasthäuser und Schankstätten, nötige und nützliche Anstalten des öffent¬ 
lichen Verkehrs, bedingen zufolge der Eigentümlichkeiten des Wirtschafts¬ 
lebens leicht gewisse besondere gesundheitliche Gefahren für die Gäste, daneben 
auch für das Personal und für weitere Bevölkerungskreise (Übertragung 
ansteckender Krankheiten, Verursachung sonstiger Erkrankungen, Ge¬ 
sundheitsschädigungen, Belästigungen und Störungen des seelischen und 
körperlichen Wohlbefindens). 

2. Es sind daber hygienische Einrichtungen am Platze, so namentlich: 

a) Versorgung der ganzen Wirtschaft mit reichlichem, zu jedem Zwecke 
der Körperpflege und Haushaltung geeignetem, infektionBsicherem 
Wasser und seine bequeme Bereitstellung für Gäste, Personal und 
gesamten Betrieb. 

b) Vorkehrungen für eine bequeme, belästigungslose, unschädliche Be¬ 
seitigung sämtlicher Abfallstoffe. 

c) Zweckentsprechende und gesundheitsmäßige Anlage, Bauart und 
Einrichtung der ganzen Wirtschaft. 

d) Geordneter, sauber und gesundheitsgemäß durchgeführter Betrieb. 

e) Gesunde Verpflegung ohne Trinkzwang. 

f) Gesundheitliche Fürsorge für das Personal. 

g) Gehörige Berücksichtigung der im Hause auftretenden, insbesondere 
ansteckenden Krankheiten. 

h) Maßnahmen gegen mit dem Wirtschaftsverkehr gelegentlich ver¬ 
bundene Auswüchse auf moral- und sozialhygienischem Gebiet. 

3. Manche dieser hygienischen Einrichtungen sind vorgeschrieben, manche 
hier und da von einsichtigen Wirten aus eigenem Antrieb eingeführt; im 
allgemeinen ist ein größeres praktisches Interesse zur Sache dringend zu 
wünschen; und der vorsichtige Besucher von Gasthäusern und Schank¬ 
stätten wird zum Schutze seiner Gesundheit gewisser privater hygienischer 
Maßnahmen nicht entraten wollen. 

4. Die große Bedeutung hygienischer Einrichtungen in Gasthäusern und 
Schankstätten im Verein mit der Vielseitigkeit der Interessen und der 
Zersplitterung der einschlägigen Bestimmungen rechtfertigt in der Ge¬ 
sundheitspflege die Ausgestaltung eines besonderen Kapitels Gasthaus¬ 
hygiene. 

„Hygiene, die alle Welt beleckt, hat auf die Gasthäuser sich erstreckt ! tf 

„So mögen variierend manche rufen, wenn sie die Behandlung des 
Themas „Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schank¬ 
stätten“ erfahren. Und zwar werden es die einen spöttelnd sagen, als ob 
die Hygiene sich schon um zu viel bekümmere, die anderen mit Genugtuung, 
weil sie einen nachhaltigen hygienischen Einfluß auf diese Verkehrsstätten 
als sehr wichtig ansehen. In der Tat ist es eigenartig, daß wir gegenüber 
den vielen Zweigen der Hygiene, welche sich mit der Ansammlung vieler 
Menschen an gewissen Orten beschäftigen, also gegenüber der Schulhygiene, 


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42 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Gefängnishygiene, Eisenbahnhygiene, Krankenhanshygiene, auch der Hygiene 
in den Barbierstuben u. s. w., ein eigenes Kapitel „GasthauBhygiene“ nicht 
kennen. Ein solches findet sich weder aufgestellt in den Hand- und Lehr¬ 
büchern der Hygiene, noch auf Kongressen der Hygiene, wo doch alles 
mögliche besprochen und zusammengefaßt wird, was nur irgend mit der 
Gesundheitspflege in Zusammenhang zu bringen ist, noch sonst irgendwo. 

„Es soll damit keineswegs gesagt sein, daß in bezug auf Gasthäuser 
nichts Hygienisches vorgesehen wäre. Dafür hat Bchon das gesteigerte 
Empfinden und die wachsende hygienische Durchbildung des Publikums 
gesorgt. Einsichtige ebenso wie spekulative Wirte sind selbständig vor¬ 
gegangen, und der „Deutsche Gastwirts-Verband“ und sein Organ, die 
Zeitung „Das Gasthaus“, haben hygienisches Streben nach mancherlei Rich¬ 
tungen gezeigt. Auf der Weltausstellung in Paris 1900 war von Ingenieur 
Rives ein hygienisches Hotelzimmer ausgestellt und auf dem internationalen 
Hygienekongreß ebenda besprochen. 

„Endlich ist die Gesetzgebung an den Gasthäusern nicht achtlos 
vorübergegangen. Im Deutschen Reiche ist die Konzessionierung in der 
Gewerbeordnung geregelt. Das Reichsgesetz vom 30. März 1903 betreffend 
die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben beschäftigt sich besonders auch 
mit den Gast- und Schankwirtschaften. Der Bundesrat hat eine Bekannt¬ 
machung vom 23. Januar 1902, besonders über die Beschäftigung von 
Gehilfen und Lehrlingen in Gast- und Schankwirtschaften, erlassen. 

„Hieran reihen sich verschiedene Bestimmungen gegen die Trunk¬ 
sucht, über die Verabfolgung von geistigen Getränken an Minderjährige und 
zu gewissen Tageszeiten, über die Polizeistunde und dergleichen an. Weiter 
hat der preußische Minister des Innern, unter dem 1. März 1890 ergänzte, 
„Anforderungen, welche in baulicher und gesundheitlicher Beziehung an die 
Gasthäuser und Schankwirtschaften zu stellen sind“, am 26. August 1886 
als „Anhalt“ für die Konzessionsbehörden ergehen lassen, und ihnen sind 
Polizeiverordnungen, teils erheblich weiter gehend, zahlreich gefolgt. Ebenso 
sind Polizeiverordnungen erlassen über das Spülen der Trinkgefäße in 
Schankstätten, über die Bierdruckleitungen, über den Gebrauch von Patent¬ 
verschlüssen der Flaschen, über weibliche Bedienung in Schankwirtschaften, 
über die Anzeige ansteckender Krankheiten, über die Anlage und Reinigung 
von Stallungen bei Gasthöfen u. a. m. Die Reichsgesetze über den 
Verkehr mit Nahrungsmitteln, mit bleihaltigen Gegenständen, mit Wein, 
mit Margarine, über die Fleischschau u. s. w. berühren alle die Wirtschaften 
ebenso wie mancherlei andere allgemeine Gesetze und Verordnungen, z. B. 
der Baupolizei. 

„Und ähnlich wie in Preußen ist es in allen deutschen wie außerdeutschen 
zivilisierten Ländern; die Bestimmungen sind teils gleich, teils weitergehend, 
teils zurückbleibend. 

„Die Regelung der hygienischen Seite der Gasthäuser ist also keineswegs 
unterblieben; aber auffallend bleibt es doch, daß ein einheitliches Kapitel 
„Gasthaushygiene“ als besonderes Ei im hygienischen Brütofen noch 
nicht behandelt worden ist. Wer aber viel reist, und besonders wer nicht 
nur die allerersten und allerneuesten Gasthöfe aufsuchen kann, wird zugeben, 
daß hier noch mancherlei zu bessern ist. Alle diese ungezählten Tausende 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 43 

von Leuten, welche geschäftlich, als Kranke, zu ihrem Vergnügen oder 
wie sonst immer auf Reisen und auch sonst auf Gasthäuser und Schankwirt¬ 
schaften angewiesen sind, bedürfen des hygienischen Schutzes ebensogut 
wie andere Bürger; und ein richtiger Ausgleich der Interessen wird sich 
immer nur bei Beratung über ein begrenztes Kapitel, hier also die Gast¬ 
haushygiene, finden lassen. Und daß dies Kapitel weite Kreise bewegt, 
habe ich aus den mannigfachen Zuschriften unbekannter Personen ersehen, 
welche aus den Zeitungen auf die Behandlung dieses Themas aufmerksam 
gemacht waren. 

„Sprechen wir nun von „Gasthäusern" und „Schankstätten", so müssen 
wir uns bewußt bleiben, daß wir recht Heterogenes unter diese Begriffe 
zusammenfassen. Welch eine Skala ist es vom monströsen internationalen 
Blockhotel durchs Gasthaus der Kleinstadt zum Dorfkrug und andererseits 
vom fashionablen Weinrestaurant des High life durch die Studentenkneipe zur 
Fuseldestille oder Kellerspelunke! Alles „Gasthöfe“ und „Schankstätten“! 
Das 17 Stock hohe Waldorf-Astoria-Hotel in New York, das nach Zeitungs¬ 
nachrichten einen ganzen Block an der 5. Avenue einnimmt und ein Personal 
von 1636Köpfenfüretwa 3 Mill.Mark jährlich beschäftigt, während 1500 Logier¬ 
zimmer vorhanden sind, von denen 1200 eigene Badezellen besitzen, über¬ 
trifft nach jeder Richtung gar manche Klein-, ja Mittelstadt an Bedeutung 
mit seinen eigenen Telegraphen-, Telephon- und Rohrposteinrichtungen, 
eigenen Photographen, Ärzten, Personal für Maniküren und Pediküren, Fri¬ 
seuren, Tischlern, Schlossern, Uhrmachern, Tischzeugvergoldern, mit eigener 
Eisfabrik, Bäckerei, großen Wein- und Zigarrendepots, mit den Maschinen 
von 3000 Pferdekräften und einem Verbrauch von jährlich 1 Mill. Bogen 
Briefpapier, täglich aber, je nach der Jahreszeit, an 25 Ochsen, 20 bis 
25 Lämmern, 20 Schinken, 100 Rebhühnern, 200 Schnepfen, 100 Truthähnen, 
30 Dutzend Tauben, 10 Dutzend Enten, 8000 Broten, während ebenfalls täg¬ 
lich für 700 Mark Milch und 400 Mark Pilze konsumiert werden und angeb¬ 
lich 17 Personen fortgesetzt mit dem Öffnen von Austern beschäftigt sind. 
Welche Gemeinschaft besteht zwischen dem Besucher dieser Hotelstadt, 
welche sich für manche Appartements täglich angeblich bis 2000 Mark be¬ 
zahlen läßt und ihre Säle nur für 4000 Mark den Abend vermietet, und 
dem verstaubten Handwerksburschen, der um 10 bis 20 Pfennig ein Nacht¬ 
lager im gemeinsamen Schlafraum einer Penne erwirbt oder sich mit einer 
Dorfschönen im staubigen und muffigen, um 10 Mark vom Kriegerverein 
ermieteten Tanzsaale der Schenke dreht? Anscheinend gar keine. Aber 
wie Milliardär und Handwerksbursche zur gemeinsamen Gattung „Mensch“ und 
„Staatsbürger“ gehören, die vor dem Gesetze gleich sind, so fallen auch Hotel- 
ztadt, Bierpalast und Dorfkrug unter dieselbe Gruppe von Verkehrsanstalten, 
welche gemeinsame, der Allgemeinheit nicht gleichgültige Eigentümlichkeiten 
besitzen und demgemäß auch einer gewissen gleichartigen Behandlung vor 
Publikum und Gesetz unterworfen sind, naturgemäß im Verhältnis zu ihrer 
Spezialbestimmung und Leistungsfähigkeit. 

„Welches sind nun die Tatsachen, welche ein besonderes hygienisches 
Interesse an den Gasthäusern rechtfertigen? Ich möchte da zunächst einige 
Beobachtungen anführen über die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten 
durch Gasthäuser, und zwar will ich sie ungeordnet, wie sie die Lektüre 


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44 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

ergab, den amtlichen Berichten über das Gesundheitswesen in 
Preußen entnehmen, einer Quelle, welche leider für die Seuchenforschung 
viel zu wenig benutzt wird, auch neuerdings in ihren Einzelströmen nicht 
mehr fließt. 

„In Polnisch - Bahnau, Kreis Heiligenbeil, erkrankte der Besitzer eines 
von Stromern vielbesuchten Kruges im Dezember 1893 an Fleokfleber; 
trotzdem wurde hier eine von den Dorfbewohnern reichlich besuchte Tanz¬ 
festlichkeit gefeiert, und die Folge war die Erkrankung von 9 Personen: 
Schließung des Kruges folgte. Vorher aber war hier ein Viehhändler ein¬ 
gekehrt und dann in den Krug, zu Mühlhausen, Kreis Pr.-Eylau, gegangen. 
Er steckte diesen Krugwirt an, der am 31. Januar 1894 erkrankte und am 
14. Februar starb, aber durch eine in seinem Kruge abgehaltene Fastnachts¬ 
feier noch Anlaß zur Erkrankung von 4 Teilnehmern gegeben hatte. In 
dem 12 km entfernten Frise hing schlossen sich an eine am 4. Februar 
abgehaltene Fastnachtsfeier wie mit einem Schlage in der folgenden Woche 
11 Erkrankungen Beteiligter, darunter des Krugwirtes, der mit 4 anderen 
Erkrankten starb. Im ganzen kam es hier zu 20 Erkrankungen, außerdem 
folgten hierauf 3 weitere Erkrankungen in Aderwangen, darunter des be¬ 
handelnden Arztes. An diese Erkrankungen schlossen sich noch weitere, ja 
der Berichterstatter ist geneigt, die insgesamt 116 Fälle von Fleckfieber 
im Regierungsbezirk Königsberg im Jahre 1894 mit mehr oder minder 
großer Wahrscheinlichkeit auf jenen erkrankten Krugwirt in Polnisch-Bahnau 
zurückzuführen. (Nath, 6. Generalbericht über das öffentliche Gesundheits¬ 
wesen im Regierungsbezirk Königsberg 1892 bis 1894, S. 85 bis 86.) 

„Im Januar 1894 machte eine vagabundierende Person in der Gast¬ 
wirtschaft zu Bischdorf, Kreis Rosenberg, den Flecktyphus durch und 
gab Anlaß zur Erkrankung des Gastwirtes und seiner 3 Kinder sowie 
10 Dorfbewohner, welche in dem Wirtshause verkehrt hatten; 2 Personen 
starben. (Barnick, Generalbericht über daB öffentliche Gesundheitswesen 
des Regierungsbezirks Marienwerder 1889 bis 1894, S. 183.) 

„In Strasburg, Regierungsbezirk Marienwerder, wurde 1887 als 
Ausgangspunkt einer kleinen Epidemie von 9 Erkrankungen und 4 Todes¬ 
fällen an Flecktyphus die Herberge festgestellt, in welcher ein zugewanderter 
Vagabund mehrere Tage krank sich aufgehalten hatte, bis im Kreislazarett 
Flecktyphus festgestellt wurde. (Michelsen, Das öffentliche Gesundheits¬ 
wesen des Regierungsbezirkes Marienwerder 1886 bis 1888, S. 65.) 

„Im Jahre 1892 trat in Willershausen, Regierungsbezirk Kassel, in 
einem Hause der Darmtyphus auf. Hier infizierten sich die Bewohner der 
Gastwirtschaft, und nun schlossen sich weitere Erkrankungen durch An¬ 
steckung an. (Weiß, Das öffentliche Gesundheitswesen im Regierungs¬ 
bezirk Kassel 1892 bis 1894, S. 70.) 

„Im Juni 1891 kehrten in einem Gasthause zu Langenhagen, 
Regierungsbezirk Hildesheim, zum Logieren 2 reisende Handwerksburschen 
ein, von denen der eine anscheinend an Darmtyphus litt und den Abort 
stark verunreinigte; einige Wochen darauf erkrankten 9 Personen aus der 
Gastwirtschaft an Typhus. (Grün, Generalbericht über das öffentliche 
Gesundheitswesen im Regierungsbezirk Hildesheim, S. 41.) 

„Die Frau eines Försters in Wahlerscheid, Regierungsbezirk Aachen, 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 45 

infizierte sich 1888 bei dem Besuche typh ns kranker Verwandter und wurde 
selbst leicht typhuskrank. Das Forsthaus lag ganz isoliert. Es erkrankten 
noch 6 Personen im Anschluß hieran, von denen 4 nur kurze Zeit im Hause 
verweilt und etwas genossen hatten. (Trost, Generalbericht des öffentlichen 
Gesundheitswesens für den Regierungsbezirk Aachen 1886 bis 1888.) 

„ln Ennigerloh, Regierungsbezirk Münster, wurde in einer Gastwirt¬ 
schaft, wo die Wirtsfrau kurz vorher am Typhus gelitten hatte, im Juni 
1889 eine Hochzeit gefeiert; nach einiger Zeit erkrankten 14 der Teilnehmer, 
darunter die Brautleute, etwa gleichzeitig an Typhus und infizierten noch 
eine weitere Anzahl von Personen. (Hölker, 6. Generalbericht über das 
öffentliche Gesundheitswesen im Regierungsbezirk Münster 1889 bis 1891, 
S. 36.) 

„Am 15. April 1893 kam ein Trupp russischer Arbeiter auf dem Haupt¬ 
bahnhof in Frankfurt a. M. an und übernachtete im Wartesaal 3. Klasse; 
unter ihnen war, wie sich später herausstellte, eine Person, die leicht an 
Pocken erkrankt war. Diese Person infizierte, direkt oder indirekt, 
nicht nur weiterhin 3 Leute auf dem Arbeitsplätze, sondern hatte zunächst 
den Buffetier des Wartesaales angesteckt, der Ende April erkrankte und, 
da er 8 Tage lang als an „Influenza“ leidend ärztlich behandelt wurde, 
Gelegenheit fand, zur Erkrankung von noch weiteren 14 Personen Anlaß zu 
geben. (Pfeiffer, Bericht über die Verwaltung des Medizinal- und Sanitäts¬ 
wesens im Regierungsbezirk Wiesbaden 1892 bis 1894, S. 14 bis 15.) 

„In Mittelstenahe, Regierungsbezirk Stade, wurde die Ruhr durch 
aus Amerika kommende Personen ins Wirtshaus eingeschleppt; nacheinander 
erkrankten hier 5 Personen und weitere 11 Personen am Orte, denen noch 
andere Fälle in 2 Dörfern folgten. Nirgends sonst fand sich diese Seuche 
in jener Gegend. (Rohde, Das öffentliche Gesundheitswesen im Regierungs¬ 
bezirk Stade 1883 bis 1885, S. 61.) 

„Bei einer Zigeunerbande, welche 1883 in einem Gasthofe Brombergs 
einkehrte, waren die Pocken vorhanden; es erkrankten in Bromberg 
5 Personen (außerdem in den weiter berührten Dörfern noch zahlreiche 
andere). (Strahler, Generalbericht über das Medizinal- und Sanitätswesen 
des Regierungsbezirks Bromberg 1883 bis 1886, S. 23 bis 24.) 

„In der Osterwoche 1883 hatte eine umherziehende Familie mit einem 
pockenkranken Säuglinge im Kruge zu Kl.-Massow, Regierungsbezirk 
Köslin, übernachtet; nach etwa 14 Tagen erkrankten ein ungeimpftes Kind 
des Krügers und mehrere Leute im Dorfe, welche die Krugstube, wenn auch 
nur für Augenblicke, betreten hatten. (Wernich, 4. Generalbericht über 
das Sanitäts- und Medizinalwesen des Regierungsbezirks Köslin 1883 bis 
1885, S. 58.) 

„Ein Schiffer kam Weihnachten 1885 heim nach Bauerhufen, Re¬ 
gierungsbezirk Köslin, und machte sämtliche Weihnachts- und Neujahrs¬ 
tanzvergnügen mit, obwohl er, wie sich erst später herausstellte, bereits 
maBernkrank war. Zum Jahresschluß legte sich bereits ein Teil seiner 
Haupttänzerinnen masernkrank nieder, und ihnen folgten schnell die Schul¬ 
kinder — es entwickelte sich hieraus in mächtiger Ausbreitung eine 6 Monate 
dauernde Masernepidemie, welche 1886 den ganzen Westen des Regierungs¬ 
bezirks Köslin überzog. (Ebenda, S. 105.) 


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46 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„In Fiddichow, Regierungsbezirk Stettin, erkrankte im Mai 1881 
die Herbergswirtin an Flecktyphus; ihr folgten der behandelnde Arzt, 
2 Töchter und das Dienstmädchen. (Weiß, Das öffentliche Gesundheits¬ 
wesen des Regierungsbezirks Stettin 1881, S. 19.) 

„In Pommersch-Stargard wurden am 23. Januar 1880 5 Vagabunden 
flecktyphuskrank aus 2 Herbergen gemeldet, sie waren teils dort erst 
erkrankt, teils schon krank angekommen; obwohl gründliche Desinfektion 
durchgeführt und die Anzeigepflicht eingeschärft wurde, kamen hier in den 
nächsten Monaten noch 27 Fleckfieber unter den Landstreichern vor. (Der¬ 
selbe, für 1880, S. 17.) 

„Am 2. Juli 1890 veranstaltete der Verein der Bienenfreunde in Fulda 
ein Festmahl; im Laufe des Juli und August erkrankten etwa 35 Festteil¬ 
nehmer in und um Fulda an den Erscheinungen des Typhus, außerdem 
einige andere Personen. Die Natur der Krankheit war nicht ganz zweifel¬ 
frei aufgeklärt, Untersuchungen gegen den Wirt brachten kein Ergebnis. 
(Weiß, 4. Generalbericht über das öffentliche Gesundheitswesen des Re¬ 
gierungsbezirks Kassel 1889 bis 1891, S. 53 bis 54.) 

„Im März 1883 gelangte ein Handwerksbursche an den Pocken 
leidend in den Kreis Biederkopf, Regierungsbezirk Kassel, und infizierte 
einen Maun. Dieser letztere wurde von seiner Gemeindeverwaltung an¬ 
gewiesen, sich zu Fuß in das Krankenhaus zu Marburg zu begeben. Er 
kehrte auf seinem Marsche in ein Wirtshaus bei Kal dem ein, mit dem Erfolge, 
daß die Wirtsfrau und ihr 4 Monate altes Kind, letzteres tödlich, an den 
Pocken erkrankten und die Ansteckungsquelle abgaben für 9 weitere Er¬ 
krankungen in Kaldern und 4 außerhalb, davon 2 in Marburg. (Rookwitz, 
2. Generalbericht über das öffentliche Gesundheitswesen im Regierungsbezirk 
Kassel 1880 bis 1885, S. 52 bis 53.) 

„Am 5. April 1880 machten 26 Konfirmanden von Karlshafen, Re¬ 
gierungsbezirk Kassel, einen gemeinschaftlichen Ausflug nach Herstelle, 
kehrten im Wirtshause daselbst ein und verzehrten mitgebrachten Kuchen, 
außerdem hier bestelltes Bier und Kaffee; endlich kauften sich 24 Kinder 
im Wirtshause Wurst, die schlecht aussah und schmeckte, daher von 
2 Kindern zurückgewiesen wurde. Von jenen 24 Kindern erkrankten nun 
meist innerhalb 12 bis 14 Tagen 11 an Darmtyphus, der bei einem der 
Gestorbenen an der Leiche bestimmt festgestellt wurde. Typhus war hier 
sonst nicht vorhanden. (Ebenda S. 56.) 

„Die Tochter aus einem Wirtshause in Hoheneiche, Regierungsbezirk 
Kassel, mit dem ein Kramladeu verbunden war, hatte typhuskranke Ver¬ 
wandte in Reichensachsen Anfang Mai 1882 nur auf einige Stunden besucht; 
nach 14 Tagen erkrankte sie an Darmtyphus, 3 Wochen später ihre 
Mutter und 3 Geschwister, nach weiteren 3 Tagen der Vater; gleich¬ 
zeitig mit letzterem noch 11 Personen in Hoheneiche in 8 verschiedenen 
Wohnungen. Insgesamt erkrankten in etwa 3 Monaten von den 378 Ein¬ 
wohnern 48 = 13 Proz. mit 6 Todesfällen; außerdem reihten sich noch 
27 Erkrankungen in der Nähe an, es waren insgesamt also 75. (Ebenda 
S. 70.) 

„Im Kreise Ziegenhain wurden 1891 die in Kantinen und Herbergen 
untergebrachten Eisenbahnarbeiter ganz besonders häufig und heftig von 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 47 

Influenza ergriffen. (Pippow, Ö. Generalbericht über das Medizinal- 
und Sanitätswesen im Regierungsbezirk Erfurt 1892 bis 1894, S. 49.) 

„1892 fuhr ein Wirt aus Liliendorf, Regierungsbezirk Bromberg, zum 
Pferdemarkt nach Rußland und übernachtete in einem Gasthause dort. Er 
erkrankte bald nach der Rückkehr an Pocken, ihm folgten sein kleines Kind 
und 2 andere Personen, die den Verkehr mit dem Wirtshause aufrecht er¬ 
halten hatten. (Siedamgrot zky, Generalsanitätsbericht über das öffentliche 
Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Bromberg 1891 bis 1894, S. 34.) 

„Im Kruge des Dorfes Rogallen, Regierungsbezirk Gumbinnen, in dem 
bereits früher Typhus vorgekommen zu sein scheint, wurde am 21. Juni 
1891 ein Tanzvergnügen abgehalten, an dem auch Bewohner der Umgebung 
teilnahmen; der Brunnen war offen und schlecht. Nach 8 bis 14 Tagen 
erkrankten mehrere Festteilnehmer an Darmtyphus, bis zum 24. Juli 
mehr als 20 von ihnen; sie infizierten weiter, so daß es zu insgesamt 
83 Erkrankungen kam. 

„In Wabbeln, Regierungsbezirk Gumbinnen, kam es 1892 zu einer 
Hausepidemie von Darmtyphus in einer Gastwirtschaft, die geschlossen 
werden mußte. (Pass au er, Das öffentliche Gesundheitswesen im Regierungs¬ 
bezirk Gumbinnen 1892 bis 1894, S. 94.) 

„In Bad Lauchstedt, Regierungsbezirk Merseburg, folgten auf einige 
Darmtyphuserkrankungen in der Nähe im Juli 1890 die Frau des Pächters 
der Badewirtschaft, im August das Dienstmädchen, zwei Kellner und schlie߬ 
lich der Pächter selbst, dann aber eine Reihe von Personen, die das Bad 
besucht und dort Speisen oder Getränke genossen hatten, und außerdem 
noch mindestens 18 weitere Personen in den umliegenden Dörfern, die im 
Bade und seiner Wirtschaft verkehrt hatten. Insgesamt sind in und um 
Lauchstedt 77 Personen typhuskrank gewesen; inwieweit alle diese mit 
der Bade Wirtschaft direkt oder indirekt Zusammenhängen, wurden nicht sicher 
ermittelt. (Wolff, Bericht über das Öffentliche Gesundheitswesen im Reg.- 
Bez. Merseburg 1889/91, S. 54.) 

„Im Jahre 1889 wurde der Typhus in ein Logierhaus in Borkum 
eingeschleppt. Es entwickelten sich eine Hausepidemie und eine Reihe von 
Erkrankungen von Leuten, welche mit dem Logierhausein Verbindung standen. 
Mehrere Personen reisten ab und erwiesen sich teils auf der Heimreise, 
teils in ihrer Heimat als krank. Insgesamt wurden etwa 50 Personen er¬ 
mittelt, welche in der Zeit von Mitte Juli bis Mitte September auf diese 
Weise erkrankten, nämlich 30 auf der Insel, 20 außerhalb. Welches Un¬ 
heilletztere weiter angerichtet haben, ist nicht angegeben. fQuittel, Dritter 
Gesamtbericht über das öffentliche Gesundheitswesen im Regierungsbezirk 
Aurich 1889/91, 8. 25.) 

„In Rybnik, Regierungsbezirk Oppeln, kehrten 1883 Zigeuner in der 
Dorfschänke ein, von denen 5 sich später als pockenkrank erwiesen; darauf 
erkrankten unter den Bewohnern zehn Personen, von denen mehrere mit 
jenen in der Schänke direkt zusammengekommen waren. 1884 wurden auf 
diese Weise durch Zigeuner iu Wirtshäusern jener Gegend mehrfach Pocken- 
epidemieen verursacht; im Kreise Rybnik allein kam es zur Erkrankung von 
423 Personen in 29Ortschaften. (Noack, 5. Generalbericht über das öffent¬ 
liche Gesundheitswesen des Regierungsbezirks Oppeln 1883/85, S. 74.) 


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48 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Ende 1889 starb eine Frau in Belgien an den Pocken. Ihr zwei¬ 
jähriges Kind folgte in der Krankheit. Ende Dezember wurde es in einen 
Gasthof zu München-Gladbach geschafft, dann ins Krankenhaus. Im 
Laufe des Januars 1890 erkrankte nun in Stadt und Umgebung eine Reihe 
von Personen an den Pocken; von ihnen allen ließ sich nachweisen, daß sie 
in der Zeit von Weihnachten bis Neujahr in der betreffenden Gastwirtschaft 
verkehrt hatten, sofern nicht einzelne sonst mit dem Kinde in Berührung ge¬ 
kommen waren. Von diesen Fällen verbreitete sich die Krankheit weiter, 
so daß es zu insgesamt 94 Verseuchungen kam. (Das Sanitätswesen des 
preußischen Staates 1889/91, S. 103.) 

„In Aachen erkrankte ein Gastwirt an pockenähnlichem Ausschlage 
im August 1890, bald darauf sein zehn Monate altes Kind, sodann folgten 
24 weitere Personen. (Ebenda S. 105.) 

„In einer Herberge im Kreise B er ent, Regierungsbezirk Danzig, er¬ 
krankten innerhalb vier Tagen sechs Personen an Flecktyphus. (Ebenda 
1895/97, S. 179.) 

„Bei einer Hochzeit in Broesen, Regierungsbezirk Danzig, beteiligten 
sich einige eben von der Diphtherie genesene Kinder von auswärts; die 
Folge war, daß von den in Frage kommenden 109 Einwohnern 23 an 
Diphtherie erkrankten. (Ebenda S. 255.) 

„Bekannt ist auch noch dieser Fall: Am 4. Februar 1894 erkrankte 
ein Kind in einem großen Berliner Hotel an Diphtherie, die aber erst am 
8. sicher erkannt wurde; am 6. fand ein Festmahl im Hotel statt, und die 
Folge war, daß ein Kellner und ein Mädchen, welche serviert hatten, sowie 
mehrere Gäste an Diphtherie erkrankten. (Henius, Deutsche medizinische 
Wochenschrift 1894, S. 798 ff.) 

„Diesen Beispielen kann ich noch anfügen: Bei einem Diner servierte 
ein influenzakranker Kellner in Danzig; es erkrankten zahlreiche Teil¬ 
nehmer in den nächsten Tagen an Influenza. 

„Im Sommer 1902 brachten mehrere Familien im Gasthause zu Adlers- 
hörst, Regierungsbezirk Danzig, mit ihren Kindern die Schulferien zu; eine 
Tochter des Wirtes war schar lach krank und infizierte so mehrere Kinder 
der Pensionäre. 

„In demselben Jahre kehrte ein Scharlach krankes Mädchen von Danzig 
zurück in eine Gastwirtschaft des einsamen Nehrungsortes Heia; sechs Schar¬ 
lacherkrankungen von Kindern schlossen sich alsbald hieran. 

„Ganz neuerdings im Juli 1903 wurde eine Typhusepidemie in 
Braunschweig bekannt, welche sich an den Milchgenuß bei Waldspielen 
ansohloß; von den 496 beteiligten Kindern erkrankten 201 an Typhus. 
Es ist dies ein Vorkommnis, das zu unserm Thema jedenfalls in naher Be¬ 
ziehung steht, wenn mir auch nicht bekannt ist, daß die Milch der Molkerei 
durch Vermittelung eines Gasthofes geliefert war; jedenfalls handelte es 
sich um eine Massenbewirtung. 

„Aus diesen Beispielen, welche unschwer erheblich vermehrt werden 
könnten, ergibt sich, welche Rolle die Gasthäuser und Wirtschaften in der 
Verbreitung der ansteckenden Krankheiten spielen. 

„Und wie vieler chronischer Krankheiten ist hierbei gar nicht gedacht! 
Wie viele Tuberkulöse mögen sich ihr Leiden im Hotel geholt haben! 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Sch&nkstätten. 


49 


Wie viele Augengranulöse auch! Vielleicht wie viele KarzinomatÖse, Sarko- 
matöse 1 )! 

„Nun entstehen diese Krankheiten naturgemäß nicht im Gasthof, sie 
werden dort erst eingeschleppt, und zwar im wesentlichen durch den 
Verkehr, also durch die Gäste, und demgemäß zeigt uns die Literatur eben¬ 
falls, in welch hohem Grade die Gasthausbewohner selbst Ansteckungen 
ausgesetzt sind. Wieder und wieder finden wir, daß diese Personen an 
Seuchen erkrankten, von denen die Gegend ringsum frei war; so brechen 
z. B. plötzlich in seuchefreier Zeit gerade im Gasthause Ruhr oder 
Typhus, ganz besonders oft Fleckfieber und Pocken, Rückfalltyphus, 
Scharlach, auch Diphtherie aus; man weiß nicht, woher die Ansteckung 
stammt, oder man findet auch später das übertragende Glied, gleichviel; 
besonders an den Grenzen oder sonst in Gegenden mit großem Reiseverkehr 
ereignet sich solches. Und nichts ist natürlicher als dies. Mancher Gast 
ist erst im Beginn der Krankheit oder Rekonvaleszent oder trägt Ansteckungs¬ 
keime, irgendwo aufgelesen, mit sich an seinen Händen herum, in allen 
Fällen seiner Ansteckungsfähigkeit Bich unbewußt, daher ohne Arg reisend 
oder ein Gasthaus aufsuchend; oder er sucht gerade wegen seines Unwohl¬ 
seins ein Gasthaus auf, unterbricht deswegen die Reise und kehrt ein; 
oder er begibt sich in ein Bad* einen Kurort, zu einem berühmten Arzt und 
ist genötigt, unterwegs ein Hotel aufzusuchen, oder auch er sucht Unter¬ 
kunft in einem Gasthof eines Kurortes selbst. Kranke allerlei Arten sind 
daher in Gasthäusern nichts Seltenes, darunter natürlich auch an Infektions¬ 
krankheiten leidende. 

„Das Verhältnis ist also dieses: Einmal schleppt der Reiseverkehr 
besonders leicht Seuchen in die Gasthäuser ein, und dann ver¬ 
mitteln die Gasthäuser weiter die Übertragung auf dort ver¬ 
kehrende Personen. 

„Eine besondere Rolle spielt die Übertragung von Geschlechtskrank¬ 
heiten durch Gasthäuser; hier sind die Kellnerinnen, zumal im 
Norden Deutschlands, und manchmal auch die Hausmädchen die Ver¬ 
mittlerinnen. Es hält z. B. in Danzig die Polizei sämtliche Kellnerinnen, 
mit einer Ausnahme, fortlaufend seit Jahren unter sittenärztlicher Kon¬ 
trolle als der Prostitution dringend verdächtig; eine unberechtigte Unter¬ 
suchung hat sich noch nie ergeben; 1902 wurden an den 69 Kellnerinnen 
951 Untersuchungen vorgenommen und dabei 21 Geschlechtskrankheiten 
ermittelt. 


*) Strauß (Zeitschr. f. Medizioalbeamte, Nr. 21, Jabrg. 1903, 8. 75) hat 
soeben Folgenden bekannt gegeben: In einer Gemeinde des Oberamtabezirks 
Hechingen herrschte die Tuberkulose in drei oder vier Wirtschaften. In der einen 
starben Vater und drei erwachsene Kinder kurz hintereinander daran, in derselben 
Zeit erkrankten mehrere in der Nachbarschaft wohnende und zu ihrem Besucher¬ 
kreise gehörige Personen ebenfalls an Tuberkulose und übertrugen die Krankheit 
weiter auf Angehörige. Ähnlich war es in der zweiten Wirtschaft, wo Mutter 
und Sohn an der Schwindsucht starben. In der dritten Wirtschaft ist erst neuer¬ 
dings die Besitzerin an Tuberkulose erkrankt. Der Verfasser erinnert daran, wie 
arbeitsbeschränkte Tuberkulöse ihre Zeit gern in den ländlichen Wirtschaften ver¬ 
bringen, ihren Auswurf unvorsichtig beseitigen, was bei dem Mangel an Beinlich- 
keit in diesen Wirtschaften besonders gefährlich sei. 

Vierte ljehreschrift für Gesundheitspflege, 1904. 4 


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50 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Weiter kommen Ungezieferkrankheiten in Betracht. Krätze und 
Verlausung führen manchmal ihren Ursprung auf Gasthöfe zurück, des¬ 
gleichen können Flöhe erworben werden und Krankheiten übertragen; 
und in Gegenden mit PeBt spielen Ratten, besonders im Süden oft Mücken 
wegen der Malaria eine Rolle. 

„Den Infektionskrankheiten nahe stehen die Zoonosen. Trichinöses, 
finniges, milzbrandkrankes Fleisch kann in Gasthöfen auf einmal viele 
Personen krank machen und hat es schon getan. 

„Dann kommen die Intoxikationen, seien sie anorganischer oder animali¬ 
scher Art, also Vergiftungen mit Toxinen in Fleisch oder Fischen oder Milch 
oder mit Blei oder Kupfer der Trink- und Kochgefäße u. dgl. m.; Kohlen¬ 
oxyd-, Leuchtgas- oder Schwefelwasserstoffgasvergiftungen können sich 
ebenfalls ereignen. Beispiele: Beim Sängerfeste in Adelfingen 1839 aßen 
727 Personen verdorbenen Braten und Schinken; es erkrankten 445, von 
denen 10 starben. Ebenfalls infolge Genusses verdorbenen Kalbsbratens 
(die Tiere waren 14 Tage vorher geschlachtet) wurden 1878 auf dem 
Sängerfest in Kloten 643 Personen krank (Ebstein, Die chronische Stuhl¬ 
verstopfung) 1 ). 

„Wir sind hiermit bereits auf ein anderes Gebiet von Krankheiten ge¬ 
kommen; bei den letzten Gruppen von Erkrankungen ist es nicht mehr der 
herumziehende Mensch, welcher die Krankheitskeime ausstreut und die Er¬ 
krankung vermittelt, sondern der Ursprung liegt in der Örtlichkeit, in 
den Einrichtungen und dem Betriebe u. dergl. des Gasthauses, und diese 
Schädlichkeiten wirken wieder deswegen so weit hin und in einer die All¬ 
gemeinheit interessierenden Weise, weil gleichzeitig immer eine Vielheit 
von Personen bedroht ist. 

„Derselbe Gesichtspunkt ist maßgebend bei anderen Gesundheits¬ 
störungen, so, wenn feuchte und zugige Räume Erkältungskrankheiten, 
rauchige und zu stark gefüllte oder zu enge Stuben ohne genügende Luft¬ 
erneuerung Katarrhe der Atemwege, Kopfschmerzen, selbst Ohnmächten, 
laute Zimmer Nervosität, die Nähe unreiner Lokalitäten Kopfdruck, Übelkeit, 
Benommenheit bewirken u. dgl. m. 

„Eine weitere Gruppe von Schädlichkeiten, welche die Gasthöfe ver¬ 
mitteln, ist auf das Essen und Trinken zurückzuführen. Nicht nur die Her¬ 
kunft und gesundheitliche Beschaffenheit der Nahrungsmittel spielen hier 
eine große Rolle und können gelegentlich schwere und weit verbreitete 
Infektionskrankheiten und andere Erkrankungen hervorrufen. Die 
Hotelküche selbst mit ihrem Table d’hote- und Weinzwang hat schon un¬ 
zählige Körper geschädigt. Die vielen Gänge, das Übermaß an Fleisch in 
den Gerichten führen zu einer Überernährung, also zum Fettwerden, äußer¬ 
lich und innerlich; sie begünstigen auch die Entstehung von Gicht, Magen¬ 
darm-, Nieren- und Herzkrankheiten, Verkalkungen der Arterien. Unter¬ 
stützt wird alles dies durch das unnötige Trinken bei und nach Tisch, das, 
zumal in Form von Bier und von Weinen, welche letzteren dazu nicht ganz 


l ) Soeben kommt die Nachricht, daß vier Personen, welche in einer Wirt¬ 
schaft in Wesel verdächtiges Fleisch aßen, an Fleischvergiftung erkrankt seien 
und einer daran bereits gestorben. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser and Soh&nkstätten. 51 

selten noch recht wenig rein sind, das Entstehen aller jener Krankheiten 
beschleunigt. Hat so ein Hotelgast sich mit Suppen, Fleischübermaß, 
fetten Saucen und Alkoholiken den Magen gründlich überladen, so folgt 
zur Förderung der Verdauung des im Magen befindlichen „Ragouts“ das 
obligate Schnäpschen, dann ein Schläfchen oder zur Überwindung der 
Müdigkeit eine schwere Zigarre und eine Tasse starken Kaffees, und eine 
solche Mahlzeit hat nicht, wie sie sollte, zur Kräftigung des Gastes beigetragen, 
sondern ihn gewissen Erkrankungen näher gerückt. Die Berufsreisenden 
sind ein trauriges Beispiel der üblen Folgen dieser Lebensweise. 

„Welche Rolle auch sonst der Alkohol im Leben spielt, ist allgemein 
bekannt; und die Gasthäuser von den Schnapspennen und Animierkneipen 
bis zu den Sektstuben sind wesentliche Vermittler der akuten und chronischen 
Alkoholvergiftung, ganz im Gegensatz zu ihrer eigentlichen Bestimmung, 
den Besuchern Unterkunft, Verpflegung und Erfrischung zu gewähren. Es 
ist geradezu ein Widersinn, daß heutzutage mit dem Aufsuchen eines Gast¬ 
hauses stets der Genuß von Alkohol fast unvermeidlich verbunden sein muß, 
jedenfalls macht es meist Schwierigkeiten, ohne solchen auszukommen. Warum 
das? Bis ins 16. Jahrhundert soll in Deutschland der Verkauf von Alkohol 
nur als Arznei in den Apotheken gestattet gewesen sein; der jetzige Zustand 
ist an sich geradezu gesundheitswidrig. 

„Meine Darstellung der Schädlichkeiten in Gasthäusern würde unvoll¬ 
ständig sein, wenn ich nicht noch einige Worte den nicht immer beliebten, 
aber doch unvermeidlichen Kellnern widmen wollte. Bekanntlich gehört es 
zur Berufswahl, daß vorzugsweise schwächliche Personen den Kellnerberuf 
ergreifen. Lonquet wies auf dem hygienischen Kongreß in Paris 1900 nach, 
daß die Kellner durchschnittlich die kleinsten Personen in allen Berufen sind, 
53 mm kleiner als der Durchschnitt der Studenten, und er sagt, die Kellner 
bildeten überall den „schäbigen Rest, in den wie Trümmer die physischen 
und moralischen Unzulänglichkeiten aller Stände zu stranden pflegen 11 . 
Mag das auch übertrieben sein, so liegt doch sicher viel Wahres in diesen 
Worten. Ist nun dieser Rest an sich schon schwächlich, oft kränklich, nicht 
selten auch tuberkulös, so bringt ihn das Gewerbe noch mehr herunter: 
Das Beschäftigtsein Nacht für Nacht in oft dumpfigen und durchräucherten 
Lokalen, großer Mangel an frischer Luft, gleicher Mangel an Schlaf, täg¬ 
liche Arbeitszeit von oft 16 bis 18 Stunden wirkt schon erheblich schädlich. 
Dazu kommt die naheliegende Versuchung in Gestalt des Alkohols und 
anderer Verführungen, daher der Umstand, daß die Kellner nicht im Rufe 
großer Moral stehen, vielmehr sich allerlei Ausschweifungen hingeben. 
Denkt man endlich daran, daß ganz allgemein 12- bis 14 jährige Jungen als 
„Piccolo 11 eingestellt werden und ebenfalls gleich ihre 14 bis 16 Stunden 
unter denselben ungünstigen Umständen im Dienst sein müssen, so ist es 
nicht zu verwundern, daß die Kellner an sich vielfach krank sind und 
damit auch die Gäste gefährden. „Der größte Kellner der Gegenwart“, 
Max Nauke, der sich jetzt öffentlich produziert, angeblich etwa 500 Pfund (!) 
schwer, dürfte auch kein Muster der Gesundheit sein! 

„Besonders eigenartig sind die Verhältnisse bei den Kellnerinnen. 
Sie leben unter denselben ungünstigen Einflüssen wie die Kellner, sind in 
geschlechtlicher Beziehung besonders gefährdet und später gefährdend und 

4* 


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52 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

in den sogenannten Animierkneipen ebenfalls dem Alkoholismus und damit 
der Demoralisation besonders ausgesetzt. 

n Die Krankenkassenärzte wissen von den Krankheiten der Kellner 
und Kellnerinnen Ungünstiges genug zu berichten. Esche (Vorschläge 
für Schankstättenpolizei) zitiert Sendter, daß in München die über 20 Jahre 
alte weibliche Bevölkerung ein Alter von durchschnittlich 56*8 Jahren, die 
Kellnerinnen davon aber nur von 26*8 Jahren erreichen. 

„Kellner und Kellnerinnen gehören also zu denjenigen Angestellten, 
welche besonderen Schädigungen ausgesetzt sind. 

„Endlich sei des allgemeinen Einflusses der Gasthöfe auf Herz 
und Gemüt gedacht. Wie ein gutes Gasthaus in richtiger Lage dem müden, 
erfrischungsbedürftigen Wanderer ein Bedürfnis und Labsal, dem Reisenden 
eine notwendige Unterkunft, dem überanstrengten und ruhebedürftigen 
Städter ein Genesungsheim darstellt, so wird ein ungesundes, ohne rechtes 
Bedürfnis im Dunkeln errichtetes, bis um den Morgen geöffnetes Wirtshaus 
mit dumpfen Räumen, verkappter Prostitution, schlechten Speisen und Ge¬ 
tränken, geheimen Spielen die Quelle der geistigen und körperlichen Ver¬ 
sumpfung von hoch und niedrig, alt und besonders jung, ein Krebsschaden am 
Marke des Volkes. 

„Wir kommen also zu dem folgenden Resultat: Gasthöfe und Schank¬ 
stätten, ( an sich gehörend zu den nötigsten und nützlichsten Anstalten des 
öffentlichen Verkehrs, bedingen eine gewisse Reihe von gesundheitlichen Ge¬ 
fährdungen, welche teils mit der Art des Betriebes organisch verbunden sind 
und sich herleiten im wesentlichen aus dem fortlaufenden Ab- und Zu¬ 
strömen von Menschen aus allen möglichen Gegenden und aus dem gleich¬ 
zeitigen Aufenthalte häufig zahlreicher Personen in denselben Häusern oder 
Räumen zu Unterkunft, Verpflegung und Erfrischung bei Tag und Nacht, 
teils aus einer gewissen gewohnheitsmäßigen Vernachlässigung der gehörigen 
hygienischen Gesichtspunkte bei Anlage, Einrichtung und Betrieb, teils 
direkt aus Mißbräuchen. Die Folgen dieser Verhältnisse sind: Übertragung 
ansteckender Krankheiten durch und auf die Gäste, Hervorrufung ander¬ 
weitiger Erkrankungen, Verursachung mancher Gesundheitsschädigungen, 
Belästigungen und Störungen des seelischen und körperlichen Wohlbefindens. 
Gefährdet sind die Gasthausbewohner und -angesteilten, die Gäste und damit 
auch weitere Bevölkerungskreise, in die sich die Gäste wieder zerstreuen, 
also das Publikum überhaupt. Durch diese Vielheit der Gefährdungen, denen 
auch speziell die zahlreichen, auf die Wirtshäuser angewiesenen Personen, 
als Reisende (zum Vergnügen oder aus geschäftlichen Gründen), Wandernde, 
Wohnungslose, Kranke, Alleinstehende, Erfrischungsbedürftige und sonstige 
ausgesetzt sind, wird ein erhebliches öffentliches Interesse begründet 
und das allgemeine Bedürfnis nach hygienischen Einrichtungen in Gast¬ 
häusern und Schankstätten nachgewiesen. 

„Welche hygienischen Maßnahmen sind nun für Gasthäuser 
und Schankstätten am Platze? 

„Zunächst eine Vorbemerkung: Bezüglich der Schankstätten ver¬ 
langen wir zu allererst, daß nicht mehr entstehen bzw. konzessioniert 
werden, als das Bedürfnis durchaus verlangt; nicht soll umgekehrt durch 
Schankstätten ein noch nicht vorhandenes Bedürfnis erst geweckt werden. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 


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Gans besondere gilt diese Forderang für Branntwein schenken, die hier 
und da über alles Maß wie Pilze aus der Erde schießen. Nicht überall 
wird hier mit der gehörigen Zurückhaltung verfahren, und wenn man die 
Schar der Schenken an manchem Ort sieht, so will man nicht glauben, daß 
man in einem Zeitalter lebt, in dem sich die einflußreichsten Personen gegen 
den Mißbrauch alkoholischer Getränke zusammengetan haben; dieKonzessions- 
behörden aller Arten und Grade werden hier härter und zurückhaltender 
werden müssen. 

„Der bekannte industrielle Reiseberichterstatter der Times hat neuer¬ 
dings, wohl aus den internationalen Übersichten des britischen Handels¬ 
amtes, folgende Zahlen für die Rheinprovinz angegeben: Es kam ein Wirts¬ 
haus in Essen auf 437 Bewohner, in Oberhausen auf 426, in Rheydt auf 
402, in Düsseldorf auf 394, in Elberfeld auf 320, in Grefeld auf 274, in 
München-Gladbach auf 273, in Duisburg auf 272, in Mühlheim a. d. Ruhr auf 
235, in Remscheid auf 203, in Ruhrort auf 172, in Solingen auf 141; in 
kleineren Orten soll häufig ein Wirtshaus auf 70 bis 80 Einwohner kommen, 
und in den drei Tagen des Faschings 1903 sollen in einem bekannten Hotel 
in Düsseldorf um 10000 Flaschen Wein vertilgt sein! ln England sind 
die Verhältnisse nicht wesentlich anders, z. B. entfällt in Sheffield ein Wirts¬ 
haus auf je 273 Einwohner. 

„In Deutschland kommen auf den Kopf der Bevölkerung 0*77 Gallonen 
(= 4*6 Liter) Wein, 27*1 Bier, 1*85 Branntwein, in Groß-Britannien 0*41 
bzw. 31*9 bezw. 1*03. 

„Die erste generelle ungemein wichtige eigentlich hygienische Einrich¬ 
tung der Gasthäuser nun betrifft die Wasserversorgung. Die erwähnten 
ministeriellen „Anforderungen 11 verlangen im § 4, Absatz 4: „Gast- und 
Schankwirtschaften dürfen nur Auf solchen Grundstücken errichtet werden, 
welche entweder an eine öffentliche Wasserleitung angeschlossen sind oder 
einen eigenen Brunnen mit völlig ausreichender Wassermenge haben. “ Hier 
ist schon recht viel gefordert, und es ist insbesondere wichtig, daß die 
Grundstücke der Wirtschaften einen eigenen Brunnen haben sollen; aber 
es muß bedauert werden, daß gar keine Anforderungen an die Güte des 
Wassers und des Brunnens gestellt werden; andererseits ist nicht recht 
einzusehen, warum es gerade ein Brunnen sein muß. Sollen Quellen aus¬ 
geschlossen sein? 

„Da die Wirtschaften dem öffentlichen Verkehr dienen, da keiner 
der Gäste kontrollieren kann, ob die ihm Vorgesetzten Speisen und Getränke 
mit einwandfreiem Wasser hergerichtet, das Geschirr mit solchem gereinigt, 
die Wäsche mit solchem gespült, die Stuben damit gewaschen sind, anderer¬ 
seits aber auch alles von diesem abhängig ist, so gilt es, die harmlos Ein¬ 
kehrenden vor Erkrankungen durch das Wasser unbedingt zu schützen, und 
es muß von dem Wasser bestimmt verlangt werden, daß es rein und gesund, 
in physikalischer und chemischer Hinsicht zu allen Zwecken des 
Haushaltes wohl geeignet und infektionssicher sei. Die Geeignet¬ 
heit zu allen Haushaltungszwecken ist auch deswegen nötig, weil sonst 
andere Wasserentnahmestellen unkontrollierbarer Natur nebenbei benutzt 
werden, so z. B. offene Wasserläufe zum Waschen, wenn das Brunnen- oder 
Leitungswasser hart oder eisenhaltig ist. 


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54 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Welche speziellen Anforderangen an Brunnen u. 8. w. za stellen sind, 
braucht hier nicht erörtert zu werden; es ist allen Hygienikern bekannt. 

„Wie sieht es nun in der Wirklichkeit aus? Man staunt, welch einen 
geringen Einfluß selbst in unserm straff regierten Preußen solche von den 
zuständigen Ministern „zum Anhalt a herausgegebenen Anforderungen 
haben 1 Auf dem Lande entnehmen zahllose Wirtshäuser fort und 
fort ihr gesamtes Gebrauchswasser vielseitig benutzten Seen, Teichen, Laken, 
Rinnsalen und Bächen, Flüssen, Tümpeln, selbst Moorbrüchen, von einem 
eigenen Brunnen des Grundstückes ist gar keine Spur. Daß dies alles 
vor 1886 eröffnete Gasthäuser seien, wird niemand behaupten wollen. 
Andere Gasthäuser wiederum besitzen offene und undichte Kessel- und Kasten¬ 
brunnen, oft in greulich verschmutzter Umgebung und selbst ganz un¬ 
saubere oder mangelhafte Pumpen, oft im Stall, die ein stark verunreinigtes 
Wasser zutage fördern. Wer viel Reisen machen muß und noch da¬ 
zu Spezialist in der Sache ist, sieht allerlei, was nicht appetitreizend wirkt. 

„Nicht besonders besser ist es in Klein-, Mittel-, selbst Großstädten, 
welche keine einwandfreie Wasserleitung haben; das Verständnis für die ver¬ 
nünftigen, man sollte eigentlich meinen, selbstverständlichen Anforderungen 
an ein gesundes Wasser ist bis hoch hinauf noch recht gering. Man sieht 
da Wasser schöpfen aus Wasserläufen, in welche unmittelbar oberhalb eine 
Straßengasse oder ein öffentliches Pissoir oder der Abfluß eines Misthaufens 
oder einer Felltrocknungsniederlage mündet, oder in welchem ebenfalls gleich 
oberhalb eine Badeanstalt liegt oder Zeug gewaschen wird u. s. w., alles von 
mir selbst und anderen wiederholt beobachtet. Ich denke mit Schaudern an so 
manche Tasse Kaffee und an so manches Glas Bier, das ich in Gasthöfen zu mir 
nehmen mußte, deren Brunnen aus Holz war und nahe dem überfließenden 
Dunghaufen stand, oder dessen Wasserader ein Bächlein war, welches un¬ 
mittelbar oberhalb die Zuflüsse von den Höfen, Gerbereien, Färbereien, Straßen¬ 
gossen hatte. Da hieß es: Hinuntergießen unter Ausschaltung der Hygiene- 
und Gedächtniszellen. Vae victimis! Auch kenne ich in der Großstadt 
Danzig eine Gastwirtschaft, die zwar eine gute Kegelbahn und gute Kost 
hat, übrigens an die Wasserleitung angeschlossen und sonst durchaus rein 
gehalten ist; aber die Wirtin kann sich nicht davon überzeugen, warum es 
unsauber und unrecht sein sollte, das an dem Wirtshause vorbeifließende 
Fließ, das bis weit oberhalb hin bebaut ist, die unglaublichsten Gossen- und 
sonstigen Abwässer, Fäkalien verbotener Weise nicht ausgeschlossen, auf¬ 
nimmt und notorisch alljährlich eine ganze Reihe von Typhuserkrankungen 
erzeugt, heimlich zum Waschen der Stuben und Wäsche und, wie ich vermute, 
selbst von Geschirr zu benutzen, wie es von alters her immer geschehen sei. 

„Und nun gar in fremden Ländern. Welch ein Wasser wird manch¬ 
mal in den Trattorien Italiens und erst in den Fondas de Espana „kredenzt“! 
Wie sehen in den südlichen Ländern oft die Zisternen aus, wie werden 
sie behandelt! Sauve qui peut! 

„Demgegenüber sind diejenigen Wirtshäuser zu loben, welche für ein 
unbeanstandbares Wasser im Hause sorgen und es sich Kosten und Mühe 
nicht verdrießen lassen, ein solches zu beschaffen, wofür es denn doch auch 
Beispiele gibt, selbst in kleinen Orten. Sieht man z. B., daß ein ländlicher 
Gasthausbesitzer in dem kleinen Dorfe Kahlbude, Regbez. Danzig, von den 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 55 

nahen Abhängen die Quellen abfängt» um sein Haus bequem mit gutem 
Wasser zu versorgen, so ist das sehr erfreulich; und vor manchen größeren 
Hotelbesitzern möchte man den Hut abnehmen, wenn man sieht, welche 
Energie sie auf eine gute Wasserversorgung gewandt haben. 

„Hat nun ein Gasthaus, wie es überall sein sollte, eine gute und aus¬ 
reichende Wasserquelle, so kommt es weiter darauf an, sie richtig aus- 
zunutzen und zur Verfügung zu stellen. 

„Da ist zunächst die Anbringung zahlreicher Zapfstellen zu 
Genuß- und anderen Zwecken in Haus und Hof zu wünschen, nämlich 
in den Fremdenzimmern, auf den Korridoren, im Billardraum, auf der Kegel¬ 
bahn, in der Küche; die Einrichtung besonderer Waschräume für das 
Publikum ist ebenfalls dringend zu fordern, ebenso besondere Wasoh- 
gelegenheiten für das Personal, namentlich auch für die Leute am 
Büffett und für die Kellner; diese haben es äußerst nötig, sich die Hände 
leicht und oft zu waschen, zumal da sie gewohnt sind, die Nahrungsmittel 
unnötig oft mit den Händen anzufassen. Sah ich doch noch erst vor 
wenigen Wochen, wie ein Büffettier in dem Wartesaal II. Kl. einer Gro߬ 
stadt kalte Bratklopse und Schweinekotelettes — nomen et omen — mit 
den Händen auf den Teller legte! Wenn Montaigne in seinem französi¬ 
schen Reisetagebuch von 1580 klagt, daß man in deutschen Gasthäusern 
mit dem Wasser spare, indem sich nur in der Ecke des Speisesaales ein 
kleines Waschbecken befinde, so haben wir uns von diesem Zustande noch 
nicht allgemein weit genug entfernt. 

„Wir werden weiter wünschen, daß nicht nur reichlich kaltes, sondern 
tunlichst auch warmes Wasser an den Zapfstellen zur Verfügung steht 
zumal auch in den Fremdenzimmern, werden solche Forderungen aber zu¬ 
nächst auf die größten Hotels beschränken müssen; erfordert doch schon 
die Herrichtung von Zapfstellen Bedingungen, die nur in günstig gelegenen 
Gasthäusern, welche Leitungswasser oder Pumpwerke u. dgl. zur Verfügung 
haben, erfüllt werden können. 

fcAm weitesten scheint mir die Benutzung des fließenden Wassers in 
Rußland vorgeschritten zu sein; man findet dort weit verbreitet die Zapf¬ 
hähne über den festen, im Grunde durchlochten Becken, was den großen 
Vorzug bat der leichten Beseitigung des einmal benutzten Wassers sowie 
der Wassererneuerung gegenüber unseren soliden transportablen Schüs¬ 
seln und Kannen. Derart fließendes Wasser ersetzt auch die — selten 
wirklich reinen und selten genügend oft gefüllten — Wasserflaschen für 
das Trink- und Mundspülwasser und gestattet eine gründliche Reinigung 
der Gläser durch die Gäste selbst, wenn diese Gläser — wie ach so oft — 
nach dem Zahnpulver oder dem heute unvermeidlichen Odol des Vorgängers 
riechen oder gar Reste desselben, d. h. des Zahnpulvers, vielleicht auch des 
Vorgängers selbst, aufweisen, wie mir ersteres z. B. einmal zur Cholerazeit 
1894 in Lüttich geschah. Es bleibt da in dubio nur übrig, den Früh¬ 
stückskaffee oder eine Flasche Rotwein — ohne Glasinterpolierung — zur 
Mundreinigung heranzuziehen. 

„Unbedingt reichlich gutes Wasser muß ferner für die Reinigung 
und Spülung des Geschirrs und der Trinkgläser fortlaufeud zur 
Verfügung stehen. 


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„Die Polizei pflegt so reichlichen Zulauf zum Spülwasser der Trink- 
gefftße zu fordern, daß das ,zu benutzende Wasser nicht trübe aussieht. 
Das wird das Minimum sein. Im Interesse der Reinlichkeit wie der Krank¬ 
heitsvorbeugung müssen wir mehr verlangen. Wir können unmöglich alle 
ansteckend Kranken vom Gasthausbesuch ausschließen; Syphilis, Diphtherie, 
Tuberkulose, Typhus können z. B. ganz unzweifelhaft durch mangelhaft 
gereinigte Gefäße übertragen werden, und das Spülwasser kann die Ver¬ 
mittelung zur Infektion von Gefäßen abgeben. Es sollte daher von kochen¬ 
dem Wasser der weitgehendste Gebrauch zur Reinigung gemacht werden, 
und wo sich dessen Anwendung durchaus verbietet, sollte eine besondere 
Schlußspülung in fließendem Wasser wenigstens für die Trinkgläser, 
Obertassen und Teller wie des Essgeschirrs eingeführt werden. 

„Aus denselben Gründen ist für Gasthäuser das Auskochen der ge¬ 
samten Wäsche dringend erforderlich. Diese Wäschereinigung ist ein 
ganz besonders wichtiger Punkt in hygienischer Beziehung. Jedes gute 
Gasthaus wird also ausgiebiger guter Waschvorrichtungen bedürfen. 
Das bloße Anfeuchten und Durchmangeln äußerlich rein erscheinender, aber 
gebrauchter Wäsche, wie es offenbar nicht selten zur Kostenersparnis geübt 
wird, ist eine grobe Unsitte, die polizeilich verboten werden könnte und 
sollte. 

„Höchst angenehm und auch hygienisch wichtig für Gäste wäre es, 
wenn tunlichst viele Gasthäuser Vorkehrungen für gutes sicheres Waschen 
der Wäsche der Reisenden schüfen, damit man weder gezwungen ist, die 
unreinen Sachen im Koffer mitzuschleppen, noch sie unkontrollierbaren 
Wäscherinnen und unmöglichem Wasser anzuvertrauen. 

„Auch zu Badezwecken ist das Wasser reichlich bereit zu stellen; 
dabei sind die Badestuben in genügender Anzahl ein zu richten, dürfen nur 
dem einen Zwecke dienen, müssen hell, geräumig, gut zu reinigen, erwärm¬ 
bar, durchsonnbar und durchlüftbar und heizbar sein; auch wäre es gut, 
wenn sie — einschließlich der Badewannen und des Badewassers — un¬ 
schwer desinflzierbar wären. Die Verlegung von Badestuben in den Keller, 
in dunkle Räume oder in alte gewöhnliche Hotelzimmer ist durchaus zu 
widerraten; es entwickelt sich in solchen Stuben eine feuchte, kalte, muffige, 
nach Schimmelbildungen riechende Luft, zumal wenn hier auch noch die 
Schrubber aufbewahrt und die Nachtstühle deponiert werden, und wenn 
irgendwo, so kann in solchen unhygienischen Badestuben die Entstehung 
und Übertragung von Krankheiten vor sich gehen. Nur ein reichlicher 
Zutritt von Licht, Luft und Sonne erhält ein übrigens richtig an¬ 
gelegtes Badezimmer in zweckentsprechender Qualität. 

„Toiletten räume mit Wasch Vorrichtungen für den allgemeinen 
Gebrauch der Gäste, in der Nähe der Restaurationsräume in genügender 
Zahl und Ausstattung errichtet, sind ebenfalls hervorragend hygienische 
Einrichtungen, am zweckmäßigsten als Vorräume für die Aborte; sie 
müssen aber groß, lüftbar und genügend erwärmbar hergestellt sowie für 
die Geschlechter gehörig getrennt sein. Eine Crux für diese Toilettezimmer 
sind die Seife und die Handtücher. Erstere läßt sich allenfalls noch 
gemeinsam benutzen, letztere zeichnen sich gewöhnlich bald durch einen 
solchen Grad von Unsauberkeit aus, daß sie unbrauchbar sind. Will oder 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 


57 


kann der Wirt in häufiger Erneuerung derselben nicht exzellieren, so 
sollte er an die Aufstellung yon Automaten gehen, ähnlich wie es die 
Eisenbahnzöge in den Aborten haben, wo für 10 Pfg. Sitzpapier, Klosett¬ 
papier, ein kleines Stück Seife und ein Stück Stoff als Handtuch verkauft 
werden; für 5 Pfg. würde man unzweifelhaft ein Stückchen Seife und Stoff 
zum Abtrocknen der Hände herstellen und verkaufen können, dies zur Be¬ 
nutzung deijenigen, welche das allgemeine Handtuch nicht benutzen wollen 
und 5 Pfg. lieber für die reinliche Behandlung ihrer Hände als zur ganz 
unnützen Extrabesoldung eines Schaffners der elektrischen Bahn ausgeben. 
Es fehlt dann nur ein Behältnis, wo die benutzten Sachen zunächst hinein¬ 
geworfen werden, um später vernichtet zu werden. Ganz zweckmäßig er¬ 
schien mir die italienische und auch spanische Sitte, Zitronenstückchen 
statt der Seife zur Säuberung der Hände zu verwenden und dann wegzu¬ 
werfen; diese Säure wirkt bekanntlich desinfizierend. 

„Zweifellos ist die Einrichtung der Toilettenräume bei uns im Steigen; 
auch kleinere Gasthäuser richten sie ein, und die Erkenntnis der Gewohn¬ 
heit, nach der Klosetbenutzung und vor den Mahlzeiten sich regelmäßig 
die Hände waschen zu müssen, nimmt zu; aber man spart bei uns noch zu 
viel an Raum und Licht und Ausstattung. In Italien und nun gar in 
Spanien ist es noch viel schlimmer, in letzterem Lande liegt das Hotelwesen 
überhaupt und speziell die Hotelhygiene noch sehr im Argen. Geräumige 
und gute, daher denn auch viel benutzte Toiletteräume sind mir in Paris in 
den Souterrains der Restaurants aufgefallen, z. B. im Restaurant des großen 
Hotels „Terminus 41 am Bahnhofe St. Lazare. 

„Endlich ist das Wasser, wo es irgend durchführbar ist, zur Spülung 
der Aborte zu verwenden; denn nur so erreicht man einigermaßen geruch¬ 
lose Klosetts und die sofortige Beseitigung der Abfallstoffe aus dem Hause 
oder doch wenigstens aus der Wohnung. Freilich sollten die ekelhaft ge¬ 
räuschvollen WaBserkästen beseitigt werden, welche allen Bewohnern 
der Nachbarstuben wie mit Hornsignal die Beendigung der eben statt¬ 
gehabten Arbeitsleistung verkünden. 

„Wer im Auslande bekannt ist, kennt die z. B. in Indien übliche 
Sitte, auf den Klosetts eine Reihe von Flaschen mit Wasser für die Säube¬ 
rung aufzustellen; Papier ist dann nur zum Abtrocknen nötig — ein 
Hämorrhoidarern sehr zu empfehlender Brauch, also auch eine hygie¬ 
nische Einrichtung. 

„Übrigens ist die bei uns jetzt in besseren Hotels durchgeführte Sitte, 
festes Klosettpapier zur Verfügung zu stellen, ebenfalls ein hygienischer 
Fortschritt — wenn es nur immer rechtzeitig erneuert würde! 

„Hiermit sind wir bei einer zweiten, sehr wichtigen allgemeinen 
hygienischen Anforderung angelangt, nämlich der sachmäßigen 
Beseitigung der Abfallstoffe. In öffentlichen Gasthäusern, wo so viele 
Leute aus allen möglichen Orten einkehren, darunter unkontrolliert auch 
solche mit ansteckenden Keimen an sich und in ihren Abgängen, z. B. kli¬ 
nisch gesunde Bazillenträger, Rekonvaleszenten von Typhus, Cholera, Ruhr, 
Diphtherie, Personen im Anfänge von solchen Erkrankungen, Tuberkulöse, 
Ärzte, Krankenpflegepersonal und andere, da ist die unschädliche Beseiti¬ 
gung der Abfallstoffe doppelt und vielfach nötig. Welche Anforde- 


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rungen an diese Beseitigung zu stellen sind, richtet sich nach 
allgemeinen Grundsätzen und ist von Fall zu Fall besonders zu prüfen. 
Die ministeriellen „Anforderungen“ sagen in § 5: „Bei jeder Gast- 
und Schenkwirtschaft muß die nötige Anzahl mit den erforderlichen Elinrich¬ 
tungen für Abfluß und Luftreinigang versehener Pissoirs und Abtritte 
vorhanden sein, zu welchen der Zugang nicht durch Wohn- oder Wirt- 
schaftsräume, noch über die Straße führen und niemals behindert sein darf. 
Diese Bedürfnisanstalten dürfen keinen unmittelbaren Zugang zu den Schlaf¬ 
räumen haben, und ihre Einrichtung muß eine derartige sein, daß eine Ver¬ 
unreinigung der Luft in den Gastzimmern ausgeschlossen ist. Im übrigen 
kommen hinsichtlich der Entleerung, Reinhaltung u. 8. w. derselben die in 
dieser Beziehung an dem betreffenden Orte bestehenden polizeilichen Vor¬ 
schriften zur Anwendung.“ 

„Sehr schön! Besondere Vorschriften bezüglich der Beseitigung 
der Abfallstoffe finden sich also für die Gasthäuser hier nicht. Und wie 
sieht es denn in der Wirklichkeit mit der Befolgung dieser Vorschrif¬ 
ten aus ? 

„Da ist zunächst zu betonen, daß es trotz aller Vorschriften in unserem 
schönen Vaterlande noch immer Schank- und Gastwirtschaften gibt, welche 
gar keine Aborte und Pissoirs haben. Man gehe nur aufs Land! Auch 
kenne ich eine Stadt in Westpreußen mit etwa 3000 Bewohnern, von wel¬ 
chen weitaus die meisten in oder bei den Häusern keinen Abort haben; die 
vor einigen Jahren eingerichteten sind verfallen, die eine Schule hat ihr 
Pissoir in einem alten Rauchfang, der gestrenge Herr Bürgermeister ver¬ 
fügt nur über einen Nachtstuhl unter der Treppe. Natürlich wollen die 
Gastwirte nicht höher hinaus als ihre Mitbürger. Das Hotel der Stadt, vor 
dem auch der Regierungsbeamte nicht immer sich schützen kann, „spotten* 
der Weise“ „Deutsches Haus“ genannt, verweist die Gäste zu ihrer Erleichte¬ 
rung in den nach der Straße zu offenen Pferdestall; doch dürfen die Hono¬ 
ratioren, wenn sie ein „großes Geschäft“ Vorhaben, den Familienabort be¬ 
nutzen, der sich in einem dunkeln Verschlage der Familienwohnstube 
befindet. 

„Dies ist zwar sehr bedauerlich, aber doch für derartige Verhältnisse 
nicht so ungeheuerlich; denn man findet noch heute in so mancher schönen 
Großstadt, im Osten wie im Westen, eine ganze Reihe von Wohnungen, in 
welchen das Klosett in der Küche oder in Wand verschlügen einer Stube liegt 
oder einen direkten Zugang von der Schlafstube hat; und in den kleineren 
Städten ist es schon gar nicht anders. Und daß man durch Stuben 
gehen muß, um zum Abort zu gelangen, findet man auch in Gastwirt¬ 
schaften nicht so ganz selten. 

„Recht häufig ist auch die Lage der Aborte und Pissoirs derart, daß 
Küche, Korridor und Gaststube ihre Dünste mit ihnen austauschen. Man 
findet da auf dem Lande die bedenklichsten Konstruktionen: die Urin¬ 
rinnen unmittelbar vor den Fenstern oder der Tür der Küche oder an der 
Heerstraße und vor den Fenstern der Gaststube, als Abort tront ein alter 
Lehnstuhl in einer ehemaligen Fremdenstube, deren Fußboden infolge der 
Undichtigkeit des Kübels imprägniert mit Jauche ist; oder Abort und 
Pissoir sind ohne jedes Fenster, die Tür mündet aber direkt in irgend 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 59 

eine Stabe, z. B. die Gaststube; umgekehrt liegt der Abort wohl auch 
auf dem Hofe, weit weg von der Gaststube, so daß bei Schneegestöber 
der seiner benötigende Gast ausrufen möchte: „ein Königreich für 
30 Tropfen Opiumtinktur“. Eine ungewöhnliche nahe Verbindung des 
Abortes und der Urinrinnen mit der Zubereitungs - und Aufbewahrungs¬ 
statte von Eßwaren habe ich nun schon wiederholt in Konditoreien 
gesehen; Schlagsahne, Torten, Kuchen stehen da in verschiedenen Lokalen 
deutscher Großstädte in unmittelbarer Nähe und Geruchssphäre jener. 
Das Wunderlichste aber mit von allem, was ich gesehen habe, ist folgen¬ 
des. In einer deutschen Großstadt, „das Antlitz gegen Osten a , befindet 
sich ein ganz neu gebautes Restaurant ersten Ranges, von einem nam¬ 
haften Baumeister errichtet; die geräumige Urin- und Abortanlage liegt 
mitten im Hause, ohne direkte Verbindung mit der Außenluft. Die Tür 
führt aus dem Restaurant direkt in diesen Raum, jedes öffnen bringt einen 
riechbaren Strom urinösen Geruches an die Speisenden und Trinkenden. 
Nun ventiliert aber jener Raum nach dem Treppen- und Lichthof des 
Hauses, von dem auch die Küche vis-a-vis bedient wird; zur Ventilation ist 
Öffnen der mattgestrichenen Scheiben nötig; dies öffnen muß naturgemäß 
reichlich erfolgen, um die Luft im Urin - und Abortraum erträglich zu er¬ 
halten. Dann entwickelt sich folgendes: die Luft aus Küche und Urin¬ 
raum tauscht sich aus, auch das in der Küche und das im Urinraum befind¬ 
liche Menschenvolk tauscht Blicke, und da man beiderseits verschiedenen 
Geschlechtern angehört, so ist die Anlage nach dieser Richtung ebenfalls 
„nicht einwandfrei“. Ob sich das Restaurant gerade wegen dieser Kon¬ 
struktion ebenfalls „Deutsches Haus“ nennt, weiß ich nicht 

„Auch sonst wird freilich die „Ungeniertheit“ bei uns neuerdings 
anscheinend gefördert. Auffallend sind da die Eisenbahnverwaltungen, deren 
Bahnrestaurants ja auch zu unserem Thema gehören. Die Abortanlagen 
werden neuerdings durchweg so konstruiert, daß die Trennwand zwischen 
den Aborten für Männer und für Frauen im Interesse einer guten Lüftung 
nicht mehr bis zur Decke durchgeht; die beiderseitige Tätigkeit ist dadurch, 
wenn auch noch nicht hinüber und herüber sichtbar, so doch hörbar und 
die reine „Flucht in die Öffentlichkeit“ statt der früheren „Retirade“; ja 
selbst der Raum für die Wartefrau ist in diesen allgemeinen Luftraum 
einbezogen, sie muß hier sitzen, essen und trinken; und wenn ein Mann den 
▼ erschlossenen Abort besuchen will, so muß sie zum Öffnen oder Reinigen 
in den allgemeinen Pissoirraum eintreten! Die hier für beide Teile 
nach allgemeinen Begriffen doch eigentlich nicht mehr als wohlanständig zu 
bezeichnende Einrichtung findet sich in den neuen Bahnhöfen in Frank¬ 
furt a./M., Danzig, Düsseldorf, Essen u. s. w. Sind denn wirklich die Eisen¬ 
bahnbaumeister nicht im stände, gut gelüftete Klosettanlagen unter Berück¬ 
sichtigung berechtigter Schamhaftigkeit zu konstruieren? Daß es geht, 
zeigt z. B. die neue vortreffliche Anlage in Duisburg-Bahnhof. Leider aber 
habe ich gleiche Einrichtungen schon anderwärts gefunden, z. B. im Hof¬ 
garten zu Düsseldorf. In einem recht guten Restaurant in Lüttich fand 
ich neuerdings sogar die Einrichtung, daß der Abort für Damen durch das 
Pissoir betreten werden mußte! Wollen wir den Franzosen, Italienern, 
Belgiern und Spaniern etwas nachmachen, so haben diese Völker, wenigstens 


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60 XXVIH. Versammlung d. D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden« 

die ersten drei, anderes Nachahmenswertes, die Ungeniertheit wollen wir 
ihnen allein lassen. 

„Wie denken die Vereine zur Hebung der Sittlichkeit oder zur Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten über die Sache? 

„Im übrigen sind die Aborte überhaupt ein wunder Punkt bei den 
romanischen Völkern. Schon in Nordfrankreich; nun aber erst in Süd¬ 
frankreich! Da findet man in guten Restaurants für Einheimische einen 
einzigen Abtritt im Hause, d. h. in einem zementierten Kämmerchen ein 
Loch in dem Fußboden und davor als Wegweiser und Rettungsstation bei 
der herrschenden Sündflut zwei auswärts gekehrte erhöhte Fußabdrücke — 
voilä tout! Aber in Spanien! Was da unter dem Namen Klosett zur Ver¬ 
fügung gestellt wird, das läßt sieb überhaupt nicht beschreiben. 

„Was wir in Bezug auf Klosetts fordern müssen, das wollen wir lieber 
den Amerikanern und Engländern absehen. Wir sind meist noch weit da¬ 
von entfernt, die nach jeder Richtung hin vortrefflichen großen, hellen» 
sauberen, mit Vorraum und Toilette bestens ausgerüsteten Klosetträume der 
Gasthäuser in diesen Ländern zu erreichen; ja, man würde solche als einen 
Luxus bei uns vielfach ansehen. Und doch — wie ungemein hygienisch ist 
eine solche Einrichtung! Sie wirkt auch erziehlich. 

„Vieles ist bei uns jetzt schon besser geworden, und es wird hoffentlich 
weiter auch nach dieser Richtung die Gasthofhygiene vorschreiten. 

„Wir brauchen in Schank- und Gasthäusern dann eine genügende 
Anzahl leicht erreichbarer Klosetts; das Spalierbilden der Inter¬ 
essenten am Morgen, wie es die Sparsamkeit der Klosetts in manchen 
Hotels, z. B. in Italien, zeitigt, darf nicht nötig werden. 

„Die Klosetträume müssen wasserdichten Fußboden haben, genügend 
erwärmbar, leicht rein zu halten und stets rein gehalten sein und dürfen nur 
dem einen Zwecke dienen, nicht etwa, wie ich das in Spanien sah, auch 
für das Kleiderreinigen bestimmt sein, auch nicht für die Aufbewahrung 
von Reinigungsgerät oder gar für die Badewanne nach neuester Sitte. Sie 
müssen direkt nach außen gehende Fenster und Lüftungsvor¬ 
richtungen, Sitz, Fußboden und Wände leicht abwaschbar, haben» 
hell und, wo es möglich ist, erwärmbar sowie jederzeit erhellbar 
sein und sollten auch vom Korridor, jedenfalls aber unbedingt von 
jedem bewohnten Raume, durch einen Vorraum getrennt sein, der 
seinerseits wiederum direkt nach außen gehörig entlüftet. Ferner: 

„Zugänge vom Gastzimmer sind nur gestattet, wenn da¬ 
zwischen ein hinreichend großer Raum liegt, welcher Luft und 
Licht reichlich direkt von außen erhält. In diesem Zwischenraum 
werden zweckmäßig die Wascheinrichtungen untergebracht. 

„Daß die Klosetträume nicht mit Küche, Speisekammer, Fremden- und 
Wohnzimmer Zusammenhängen dürfen, ist selbstverständlich; ebensowenig 
dürfen sie in die Korridore direkt entlüften. 

„Wirklich ausreichend rein und tunlichst geruchlos sind nur die Wasser¬ 
spülklosetts, auch genügen sie am besten allen hygienischen Anforderungen 
wegen definitiver Beseitigung der Fäkalien. Zahlreiche Versuche der Wirte» 
durch besondere Desodorantien oder Geruchübertäubungsmittel den 
Klosettgeruch zu beseitigen, sind durchaus anerkennenswert, sie fassen das 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 61 

Übel aber nicht an der Wurzel an und sind die Folgen meist mißverstandener 
Auffassung von Desinfektion. 

„Auch sollten die Klosetts für die Gäste und für die Bewohner 
des Gasthauses getrennt sein; in größeren Gasthäusern sollte auch das 
Personal besondere Klosetts haben. 

„Für Pissoirs gelten dieselben Anforderungen; sie erscheinen entbehr¬ 
lich, wo porzellanene Klosettbecken mit selbsttätig hochstehendem Deckel 
vorhanden sind; so wird wohl am besten der sonst fast unvermeidliche urinöse 
Geruch vermieden. Für regelmäßige ausreichende Reinigung des 
Fußbodens um die Becken ist zu sorgen. Werden besondere Urin¬ 
becken gewählt, so empfiehlt es sich, Stücke von Seife oder Naphthalin oder 
Kampfer dauernd darin liegen zu lassen. Ölpissoirs erscheinen gut. Über 
Torfitanlagen, welche keinen Geruch auf kommen lassen sollen, habe ich 
keine Erfahrung. 

„Die Klosetts für Mänuer und Frauen sind, zumal für die 
Gastzimmer, wie gesagt, gehörig räumlich zu trennen. In manchen 
Hotels findet man als hygienische Einrichtung, was besonders registriert 
werden mag, in einigen Fremdenzimmern Bidets für die Frauenwelt. 

„Desinfektionen der ganzen Anlagen nebst Inhalt sollten jederzeit 
möglich sein. 

„Indessen mit Beseitigung der Fäkalien und des Urins sind wir nicht 
fertig. Gerade in einem Gasthause gibt es noch vielerlei zu Beseitigendes. 
Die Abfälle der Küche unterscheiden eich im wesentlichen nur quanti¬ 
tativ von denen des gewöhnlichen Haushaltes; doch dürfte gerade hier 
häufiger wegen Nichtverwendnng Verdorbenes und Übelriechendes zu ent¬ 
fernen sein; die Beseitigung muß also gründlich und unschädlich 
erfolgen. 

„Gefährlich und leicht infektiös wird aber der Kehricht aus den Gast- 
und Fremdenzimmern sein können. Der trockene Müll ist also in sicherer 
Weise, je nach der Örtlichkeit, dauernd zu beseitigen. 

„Für die immer sich findenden Hustenden, und zwar nicht bloß für 
Tuberkulöse, ist das Ausspeien auf den Fußboden durchaus zu verbieten. 

„Spucknäpfe sind genügend aufzustellen. Der Inhalt ist unschädlich 
zu verbringen und zu desinfizieren. 

„Ist die Beseitigung wässeriger Abfall Stoffe sachgemäß, z. B. in 
eine Kanalisation oder eine dichte Grube, so können auch die Spuck- 
n&pfe, das Spülwasser, das Badewasser, Wasch- und Schmutz¬ 
wasser u. s. w. gleichzeitig dahin entleert werden. 

„Eine sehr zweckmäßige Neueinrichtung sah ich unlängst wiederholt 
im Westen, so in Belgien und in Düsseldorf, neuerdings auch weiter. Es ist 
eine, auf einem etwa lm hohen Ständer befestigte, vernickelte Hohleisen¬ 
blechkugel, deren eines Segment drehbar ist, also die Kugel bald schließt, 
bald öffnet. Hier werden alte Wischtücher oder auch Zigarrenstummel, die 
ja bekanntlich die Luft so verderben, Tabaksasche, Glasscherben, trockene 
Speisereste und aller sonstiger trockene Abfall unsichtbar und geruchlos 
untergebracht, um demnächst beseitigt zu werden. Das Ding sieht wie ein 
Schmuckstück aus und dürfte zur Nachahmung, auch übrigens als Spuck¬ 
napfmodell, anregen. Man nennt sie „Boules ä torchom u = Lappenkugeln. 


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62 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Für die Reinigung der Stiefel sind Fußkratzer, Vorlagen, Matten 
und Mattenvorsatz in genügender Menge und am richtigen Ort einzustellen 
und selbst gehörig zu reinigen. Praktisch erscheinen die ausglühbaren 
Fußmatten von Heppe in Hagenau (Elsaß). 

„Endlich gehört es auch zur Beseitigung des Abfalles, daß der Staub 
von den auszubürstenden Kleidern der Gäste richtig beseitigt wird. Dies 
Ausbürsten und Ausklopfen muß natürlich im Freien geschehen, 
ebenso ist das Teppichklopfen, das Reinigen in den Korridoren, vor der 
Küche, in der Schlafstube des Hausknechts u. s. w. ungehörig. Im übrigen 
ist es nichts weniger als hygienisch, wenn mit einer und derselben 
Bürste nacheinander Kleider der fremden Gäste abgebürstet werden. Wer 
weiß, was da alles übertragen wird! . Zum wenigsten sollte eine tägliche 
gründliche Reinigung der Bürste dem Hausdiener abverlangt werden, 
was freilich nicht leicht ist, wenn nicht gerade Sonne scheint. Es dürfte 
eine nützliche Studie für Bakteriologen sein, einmal festzustellen, was für 
Bakterien so einer Kleiderbürste anhaften, wie sie sich im Laufe des Ab- 
bürstens mehren, und wie die Bürsten schnell und bequem zu desinfizieren 
seien; Auskochen geht bekanntlich wegen des Leimes nicht, ebensowenig 
die gründliche Anwendung desinfizierender Lösungen, auch trocknen die 
Bürsten zu langsam. Es ist dieselbe Kalamität wie mit den Haarbürsten 
der Friseure. Meines Erachtens dürfte Eintauchen der Bürstenhaare in 
desinfizierende Lösungen, z. B. in warme Sodaseifenlösung, für ein bis zwei 
Stunden, doch zum Ziele führen *). 

„Ich komme nun zum dritten wichtigen Punkte, die allgemeine 
Bauart und Einrichtung der Gasthäuser betreffend. 

„Die ministeriellen Anforderungen verlangen: „Lage der Gast- 
und Schankwirtschaften an öffentlichen Wegen, in Städten an beleuchteten 
Straßen, unter Ausschluß von Häusern mit gewerbsmäßiger Unzucht — 
weiter ist nicht gegangen — und von Räumen, welche zu Wohn-, Wirt¬ 
schafts- oder fremdartigen Gewerbezwecken dienen, sowie der Nähe von 
Krankenhäusern; etwaige Treppen müssen genügend breit, nicht zu steil, 
mit einem festen Geländer versehen sein, die Türen eine entsprechende Breite 
haben (§§ 1 und 2); ferner müssen (§ 3) die Gastzimmer und Schlafräume 
durchaus trocken, mit gedielten Fußböden, sowie mit verschließbaren Türen 
und mit gut schließenden, zum öffnen eingerichteten Fenstern, welche einen 
hinreichenden Zutritt von Luft und Licht unmittelbar von der Straße 
oder vom Hof aus gestatten, und, soweit nötig, mit sonstigen zur Her¬ 
stellung eines genügenden Luftwechsels erforderlichen Einrichtungen ver¬ 
sehen und überhaupt ihrer ganzen Anlage nach so beschaffen sein, daß sie 
die menschliche Gesundheit in keiner Weise gefährden. 

„An den in diesen Zimmern vorhandenen Öfen dürfen Verschlußvorrich- 
tungen, welche den Abzug des Rauches nach dem Schornsteine zu verhindern 
geeignet sind, als Klappen, Schieber oder dergleichen, nicht vorhanden sein. 

„Sämtliche Räumlichkeiten sind mit den erforderlichen Ausstattungs- 


l ) Auf der Städteausstellung in Dresden im hygienischen Pavillon war eine 
zweckdienlich erscheinende Desinfektions- und Reinigungseinrichtung für Bürsten 
von Ritter von Fritsch ausgestellt. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 68 

gegenständen zu versehen. tf Ferner ist bestimmt durch den Zusatz im Er¬ 
lasse vom 1. März 1990: „Kellergeschosse dürfen als Schlafräume für Gäste 
überhaupt nicht, als Schanklokale aber nur unter den Bedingungen benutzt 
werden, daß die bezüglichen Räume gegen das Eindringen und Aufsteigen 
der Erdfeuchtigkeit geschützt, und daß die Fußböden nicht tiefer als 1 m 
unter dem umgebenden Erdboden belegen sind. Bei ungleicher Höhenlage 
des umgebenden Erdbodens ist die Tiefenbemessung von 1 m im Durch¬ 
schnitt vorzunehmen. u 

„Endlich sagt noch § 4: „In jeder Gast- und Schankwirtschaft muß 
sich ein Zimmer von mindestens 25 qm Bodenfläche zum gemeinschaftlichen 
Aufenthalte der Gäste befinden, und es müssen ferner in jeder Gastwirtschaft 
mindestens drei wohl eingerichtete Schlafzimmer für Fremde vorhanden 
sein.“ 

„Für sämtliche Gast- und Schlafzimmer wird eine lichte Höhe von 
mindestens 2*80 m erfordert. 

„Für die Schlafzimmer sind mindestens 3 qm Bodenfläche und 12 cbm 
Luftraum auf jeden einzelnen Gast zu rechnen. 

„Endlich wird, was selbstverständlich erscheint, gefordert (§ 3 Schluß), 
daß die „Gast- und Fremdenzimmer außerdem allen Anforderungen ent¬ 
sprechen, welche durch die baupolizeilichen Vorschriften des Ortes vor¬ 
gesehen sind“. 

„Das alles ist ganz schön und gut, zum Teil auch ziemlich weitgehend, 
besonders wichtig ist das ausdrückliche Verbot gesundheitsgefähr¬ 
licher Beschaffenheit der Räume; nach manchen Richtungen sind aber 
die Bestimmungen sehr milde, z. B. fehlt jede bestimmte Vorschrift über die 
Heizbarkeit der Räume, auch ist das Maß des für die Schlafgäste 
geforderten Platzes sehr bescheiden. 

„Und doch: wie weit bleibt oft noch die Wirklichkeit hinter diesen 
bescheidenen Anforderungen zurück! Während freilich große prächtige 
Hotels entstanden sind, die weit mehr bieten. 

„Und das ist nötig. Gasthäuser sollten keine Stätten sein, wo man 
seine Gesundheit irgendwie gefährdet; wie man an Krankenhäuser heute 
hohe Anforderungen stellt, so muß man das auch an Gasthäuser, ent¬ 
sprechend dem heutigen Grundsätze der Hygiene: Krankheiten vorzubeugen 
ist noch wichtiger als sie zu heilen! 

„Die Polizeiverordnungen sind über die Bestimmungen oft weit hinaus- 
gegangen, z. B. fordert Breslau vom Flur direkt zugängliche Schlafstellen 
mit 6 qm Bodenfläche und 20 cbm Luftraum pro Gast, ferner 3 m Höhe der 
Gaststuben und 3'5 qm Bodenfläche. 

„Da liegt mir auch eine Polizeiverordnung vom 10. Oktober 1901 
für den Kreis Mettmann im Regierungsbezirk Düsseldorf vor. Darin 
wird u. a. bestimmt: Wirtschaften, in denen Zugtiere untergestellt werden, 
müssen einen gut ab wässernden Hof haben usw. (§ 2); die Gebäude „müssen 
aus gutem Material massiv gebaut, trocken und luftig sein“, Feuersicher¬ 
heit ist vorzusehen, die sämtlichen Zimmer müssen auf dem Lande 
mindestens 3*5m, in geschlossenen Orten 4 m hoch sein, durchaus 
trocken, mit gedieltem Fußboden, mit gut schließenden, zum öffnen ein¬ 
gerichteten Fenstern, welche einen hinreichenden Zutritt von Luft und 


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64 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege za Dresden. 

Licht unmittelbar von der Straße oder vom Hofe aus gestatten und, 
soweit notig, mit sonstiger zur Herstellung eines genQgenden Luftwechsels 
erforderlichen Einrichtung versehen sein, und überhaupt ihrer ganzen 
Anlage nach so beschaffen sein, daß sie die menschliche Gesund¬ 
heit in keiner Weise gefährden. Für die Beleuchtung ist, soweit 
möglich, Gas oder Elektrizität zu verwenden (§ 3). „Die sogenannten 
Stehbierhallen müssen einen freien Flächenraum von nicht unter 15 qm 
haben und diesem Größenverhältnis entsprechend mit Sitzgelegenheit ver¬ 
sehen sein a (§ 5). „Außer einem ausreichend großen Pissoir mit mindestens 
drei getrennten Ständen sind je für Männer und Frauen Aborte anzu¬ 
legen, die vollständig getrennte Zugänge haben und von denjenigen für 
Hausbewohner getrennt sein müssen. Die Abortanlagen und Pissoirs 
müssen sich stets in einem sauberen Zustande befinden und nach Bedürfnis 
desinfiziert werden. Diese Anstalten dürfen mit den Wirtschaftsräumen 
nicht durch eine Tür in unmittelbarer Verbindung stehen, müssen jedoch 
durch einen überdachten Gang zu erreichen sein. tf 

„Die Bedürfnisanstalten müssen in geschlossenen Orten, wo 
Wasserleitung vorhanden, und überall, wo Anschluß an eine 
Wasserleitung möglich ist, stets mit Wasserspülung, sonst mit 
Torfstreuung versehen sein. Jede Wirtschaft, die Wasserleitungs - 
anschluß hat oder haben kann, muß mindestens eine für die 
Gäste bestimmte und stets zugängliche Waschgelegenheit in 
einem Vor- oder Nebenraume der Aborte haben. Es muß stets 
Seife und ein sauberes Handtuch zur Stelle sein und der Raum 
immer in sauberem Zustande gehalten werden (§6). Die Fremden¬ 
zimmer müssen 10 bis 12 qm Bodenfläche haben; erforderlichen¬ 
falls ein stets im gebrauchsfähigen Zustande zu haltendes Bade¬ 
zimmer haben (§ 7). Gartenwirtschaften außerhalb geschlossener 
Ortschaften müssen ausreichend geräumige, leicht abwässernde Garten¬ 
anlagen mit schattengewährenden Baumgruppen und Lauben, benutzbare 
Spiel- und Tummelplätze für Kinder und Erwachsene und soviel Raum 
in Gebäuden, z. B. Sälen, überdachten Hallen u. dgl. haben, daß darin 
die sämtlichen Anwesenden untergebracht werden können (bei schlechtem 
Wetter) (§ 9). 

„Das sind allerdings Anforderungen eines noch dazu großenteils länd¬ 
lichen Kreises, die sich im Anfänge des 20. Jahrhunderts sehen lassen 
können; besonders wertvoll sind auch die Bestimmungen über Garten¬ 
wirtschaften am Schluß. Aber wie viele Kreise haben gleiche Bestim¬ 
mungen? 

„Allgemein sei nun zum Bau noch folgendes bemerkt: 

„Bezüglich der Lage der Gasthäuser ist natürlich ein gesunder Bau¬ 
grund, dann aber auch eine hinlängliche Entfernung von störendem 
Geräusch (Bahnhöfen, Fabriken, Verkehrslärm) und sonstigen Belästi¬ 
gungen (Rauch, Sumpf, Mücken- und Fliegenplage), zumal in Gegenden 
mit Malariau.dgl.m., sowie tunlichst freie Lage zu wünschen. Räume, 
die ihre Luft aus dumpfen Gassen, Stallungen, von übelriechenden gewerb¬ 
lichen Anlagen u. dgl. m. beziehen, sind zu Gasthäusern schon gar nicht 
geeignet. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 65 

„Zweifellos ist eine gewisse Abgesondertheit der Wirtshäuser gegen 
die Umgebung und Nachbarschaft gut, zum wenigsten bezüglich der Ein¬ 
gänge, des Hofes, der Klosetts, auch der Nebenräume. 

„Mailgebendes Prinzip für den eigentlichen Bau muß nunmehr, 
abgesehen von der bereits erörterten Frage der begonnenen Wasserzuführung 
und der sachmäßigen Beseitigung aller Abfallstoffe, und abgesehen weiter von 
der Feuersicherheit sein: Freier reichlicher Zutritt von reiner Luft 
und Sonnen- wie Tageslicht in alle für die Gäste bestimmten 
Räume. 

„Alle diese Räume werden daher in guten Wirtschaften hoch und ge¬ 
räumig hergestellt und einerseits direkt mit der Außenluft, andererseits direkt 
mit dem Korridor in Verbindung gebracht, der seinerseits ebenfalls breit, 
hoch, ohne viele Winkel, direkt dem Tageslicht und der freien Luft reich¬ 
lich zugänglich konstruiert wird. Ist ein Mittelgang im Interesse der Spar¬ 
samkeit nicht zu vermeiden, so muß er an den Kopfseiten mit ausreichenden 
Fenstern und Ventilationsvorrichtungen versehen sein. Die winkligen, an 
natürlichem Licht und Luft armen Korridore der alten Gasthäuser sind 
durchaus ungesund und um so verwerflicher, da die Fremdenzimmer hierher 
münden, die ihrerseits wieder größtenteils auf die Luftzufuhr von diesen 
Korridoren angewiesen sind. 

„W. Ehrhardt regt in einer kleinen Schrift „Zeitgemäße Gasthäuser“ 
an, in jedem Gasthause einen von der Kellersohle bis zum Dach reichenden, 
mindestens 4 qm breiten Schacht für die Einbringung der Leitungen und 
Röhren sowie für die Entlüftungen einzubauen, was mir nicht unpraktisch 
erscheint. 

„Gastzimmer sollten jedenfalls ihr Licht nicht allein von Norden 
erhalten. 

„Die Fenster sind hoch und breit zu gestalten und zwar tunlichst 
so, daß sie ganz nach oben oder nach unten zu öffnen sind, also als Glas¬ 
türen oder Schiebefenster. Besondere Ventilationsvorrichtungen dürfen 
nicht fehlen. 

„Wie unendlich viel angenehmer und hygienischer wirkt ein großes, 
helles, von Tageslicht und frischer Luft durchströmtes, in seinen Wänden 
hell und einfach solid dekorativ gehaltenes Speise- oder Restaurationszimmer 
mit freistehenden kleinen Tischen als ein wie ein Schiffsraum von kabinen¬ 
gleich durch Portieren abgeschalteten Gabinets separts umgebener Raum, 
der im Ganzen wie in seinen Einzelheiten nur künstlich erhellbar ist, nie 
bis in alle Winkel von frischer reiner Luft durchströmt, noch weniger von 
Sonnenstrahlen getroffen wird! Welch eine Unsumme mikroskopischer, 
schlecht zerstörter organischer Materien, von Bakterien ganz zu schweigen, 
mag sich an diesen dunkeln Stellen anhäufen, wo ein Mensch den anderen 
ablöst, speisend, rauchend, sich räuspernd, ausdünstend, atmend u. s. w. 

„Also Licht und Luft im Gasthause überall! Dasselbe gilt von 
den Toiletten und auch tunlichst von den Neben räumen. 

„Alle Fremdenzimmer müssen unbedingt direkt Licht und Luft 
von außen erhalten und direkt mit dem Korridor in Verbindung stehen; die 
dunkeln lnfterneuerungsarmen Zimmer, eingeschachtelt, oft nur eins durch 
das andere zugänglich, wie man sie in älteren Hotels findet, sind durchaus 

Viertel jahrsschrift Air Gesundheitspflege, 1904. 5 


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66 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

verwerflich und sollten direkt geschlossen werden. Auch die fensterlosen 
Zimmer Italiens, nach alter Sitte um das Atrium, offen dahin, gruppiert, 
können nicht als vollhygienisch angesehen werden. 

„Auf dem hygienischen Kongreß in Paris 1900 berichtete, wie ein¬ 
gangs erwähnt, Rives über das von dem „Touring Club “, der 80000 Mit¬ 
glieder zählt, auf der Pariser Ausstellung vorgeführte „hygienische 
Hotelzimmer“ für kleinere Hotels unter folgenden Forderungen: Die 
Hotelzimmer sollten, wenn irgend möglich, der Sonne ausgesetzt und 
von einer Bodenfläche von mindestens 3 X 5m = 15 qm und von einer 
Höhe von mindestens 3 m, also von einem Inhalte von 45 cbm sein. 
Die Fenster sollen groß, hoch, zweiflügelig, oben mit VentilationsVorrich¬ 
tungen, mit äußeren Jalousien versehen sein; am besten sind die seit¬ 
wärts völlig zurückzuziehenden Fensterläden, welche nicht, wie die hinauf¬ 
zuziehenden, den oberen Teil der Fenster verdecken und verdunkeln. Der 
Ofen oder Kamin soll ohne viel Ecken und Buchten, hellfarbig, groß, mit 
Ventilationsvorrichtungen ausgestattet, die Decke eben, kein Staubfänger 
sein, ohne Karnies; die Wände sollen ausgekehlt sich an Decke und Fu߬ 
boden anschließen, der Fußboden sei von Parkett, ohne Fugen, wasser¬ 
dicht,die Tür einflügelig; die plastischen Dekorationen, Leisten u.s. w., 
werden soviel als irgend möglich vermieden, da sie Staub- und Insekten¬ 
niederlagen darstellen; desgleichen sind Tapeten zu vermeiden, da sie Un¬ 
ebenheiten bilden, der Klebstoff sich leicht zersetzt, Schimmelbildung entsteht, 
das Abwaschen unmöglich ist; die Wände sollen daher mit Ölfarbe oder, wo 
dies zu kostspielig ist, mit Kalkfarbe gestrichen werden und zwar in heller 
Farbe. So ist das ganze Zimmer leicht waschbar und desinfizierbar. 

„Ich möchte dies alles im allgemeinen unterschreiben und die gleichen 
Wünsche für die Gastzimmer und manche Nebenräume aufstellen; besonders 
wichtig ist zweifellos der Eintritt der Sonnenstrahlen; sie absorbieren im 
Verein mit der Lüftung die Feuchtigkeit und vernichten die Ansteckungs¬ 
keime, denen wir doch nicht fortgesetzt mit Desinfizientien nachsetzen können. 
Zweifelhaft ist nur der Vorteil des Ölanstriches, der jetzt so allgemein ge¬ 
priesen wird; die Reinlichkeit ist dabei freilich am größten, aber die völlige 
Undurchlässigkeit der Wände hemmt die Verdunstung, begünstigt also die 
Feuchtigkeit; wenigstens an der Außenwand sollte sie wegbleiben. Und 
dann wird keine Neigung sein, auch kaum ein zwingender Grund, auf die 
ungemein dekorativ wirkende und doch auch reinigungbare und des¬ 
infizierbare Tapete zu verzichten. 

„Eine böse Unsitte ist die einfache Verbindungstür zwischen zwei 
Stuben; dadurch wird der Aufenthalt fast öffentlich; man hört seinen Nachbar 
reden, husten, räuspern, spucken und — entsetzlich! — schnarchen u.8.w., 
man spürt den Zigarrenrauch und wird durch alles dieses empfindlich ge¬ 
stört; ganz besonders unleidlich ist es, wenn man über einem Restaurant 
wohnt und die Gäste bis in die Nacht hinein schreien und kommersieren 
hört und nicht schlafen kann. Bei den heutigen Eisenkonstruktionen ist 
diese Hellhörigkeit besonders lästig. Dies sollte vermieden und bei Neu¬ 
einrichtungen sogar polizeilich verhindert werden. 

„Ebenso müssen die Wände zwischen je zwei Zimmern so dick sein, 
daß sie die gewöhnlichen Geräusche nicht durchdringen lassen. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 67 

„Jedenfalls ist auch das yod Rives betonte Prinzip der leichten 
Waschbarkeit und eventuellen Desinfizierbarkeit der Räume ein 
anzuerkennendes und sollte daher bei der Erbauung von Gasthäusern neben 
dem der freien Durchlichtung und Durchlüftung bis zu einem gewissen 
Grade gewahrt werden. 

„Von Einzelheiten des Baues sei der bequemen und feuersicheren 
Treppen, Nottreppen und Notausgänge, wie des ebenfalls sicheren Auf¬ 
zuges gedacht. Anregen möchte ich hierbei nur, ob es sich nicht empfehlen 
würde, an Stelle der Treppen in großen Häusern hier und da die bequemeren, 
langsam steigenden Wendelgänge einzurichten, wie ein solcher z. B. im 
Campanile zu Venedig war. 

„Die Heizung sei wie die künstliche Beleuchtung, wenn irgend 
möglich, zentralisiert, letztere natürlich im Interesse der reinen Luft 
womöglich elektrisch. Nur eine Zentralheizung gewährleistet eine gleich¬ 
mäßige fortgesetzte Durchwärmung der gesamten Räume einschließlich der 
Wände. Ist sie durchaus nicht zu haben, so sind Öfen von guter moderner 
Konstruktion und mit Ventilationsvorrichtungen aufzustellen. 

„Endlich ist bei der Anlage eines Gasthauses vorzusehen, daß den 
Gästen im Sommer wie im Winter und bei jeder Witterung Gelegenheit 
gegeben werde, sich im Freien oder doch unter dem energischen Ein¬ 
fluß der freien Luft aufzuhalten. Es sind also erwünscht Terrassen, 
Balkons, Veranden, Wintergärten, gedeckte, aber reichlich öffenbare Hallen, 
gedeckte Gänge, Wandel- und Ruhekolonnaden, womöglich mit Ausblick auf 
die See oder den Wald oder sonst ins Freie, platte Dächer, Zeltdächer über 
freien Plätzen, auch auf der Straße, Gärten mit Lauben, schattigen Stellen 
und Spielplätzen, wie es die Polizei Verordnung für Mettmann verständig 
vorsieht. Wenn man neuerdings in den Vororten Berlins im Sommer die 
Billards ins Freie setzt, so ist das auch schon ein hygienischer Fortschritt; 
das Billardspiel kommt damit dem Kegelspiel, d.h. demjenigen im Freien, 
nahe. Die Winterkegelbahnen können keineswegs als hygienisch gelten 
und verdienen noch manche Verbesserung, zumal für Lufterneuerung, Zug¬ 
mangel und gleichmäßige Durchheizung. 

„Wundervolle Gartenanlagen mit Glasveranden und künstlerisch schön 
geschmücktem Hofe sah ich unlängst im Hotel d’Orange in Spa; eine herr¬ 
liche Kolonnade zum Gehen und Liegen besitzt das neue monumentale 
Royal Palace Hotel in Ostende. Auf der Straße vor dem Restaurant sitzt 
man bekanntlich vielfach im Süden und Westen, bei uns dem Klima ent¬ 
sprechend nicht so viel; um so mehr sind hier uns gedeckte Veranden 
nötig. Die Dächer könnten, zumal im Süden, aber auch wohl bei uns mehr 
für den Aufenthalt der Gäste hergerichtet werden. Ich fand unlängst im 
Hotel Bristol zu Tanger-Marokko diesen Wunsch erfüllt. Ausgebildet sind 
die „ Roofgardens a in Nordamerika, z. B. in New York und Chicago; vgl. das 
Auditorium-Hotel in Chicago und das Majestic-Hotel in New-York, das auf 
dem Dache des zehnten Stockes sogar Lauben aus Topfbäumen hergestellt 
enthält. Es läßt sich eben viel machen, wenn man nur will. Bekannt wegen 
seines hübschen Wintergartens ist das Albergo Bonciani in Florenz. 

„Werden Lese-, Konversations-, Rauch- und auch Speise¬ 
zimmer tunlichst ins Freie oder doch Halbfreie verlegt, so ist 

5* 


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G8 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

damit viel für die Gesundheitlichkeit der Gasthäuser gewonnen. Und 
könnte man nicht noch einen Schritt weitergehen? 

„Überblicken wir den Fortschritt im Bau von Hotels in der neueren 
Zeit, so finden wir immer schönere und größere Riesenbauten mit allem 
möglichen Luxus und dementsprechenden Preise erstehen. Da fallt aber 
auf, daß man nicht umgekehrt die Auflösung der großen Gebäude in 
viele kleinere, wie wir sie einerseits im Pavillonstil der Krankenhäuser, 
andererseits in dem Eigen- oder Kleinhaus im Privatleben sehen, im 
Hotelbau nachahmt. Freilich wäre ein solcher Bau teuer und der Betrieb 
schwierig und ebenfalls teuer; aber das Geld dürfte heute da sein. Gewiß 
würde so mancher Reisende, der heute in ältere Pensionen trotz aller ihrer 
Mängel einkehrt, um ruhig zu leben und nicht von Portiers, Kellnern, 
Dienstmädchen, Fremden usw. umlaufen zu sein, mit seiner Familie ein 
kleines Haus oder Halbhaus oder meinetwegen Viertelhaus mit Gärtchen 
oder im Park für erheblich teueres Geld gern mieten und dazu die Annehm¬ 
lichkeiten des guten Hotels in Kauf nehmen, wenn es eben derartig zerteilte 
Hotels gäbe. Es wundert wirklich, daß das noch nie versucht ist; ich glaube, 
an so manchen vielbesuchten Reiseplätzen an der See oder im Gebirge und 
in Kurorten würde es sich lohnen, so zu bauen. Dann könnte man leicht 
auch Kranke in besonderen Häuschen unterbringen und so absondern. 

„Und damit wäre die Hygiene des Hotelbaues und Hotellebens einen 
ganz erheblichen Schritt weiter gekommen *). 

„Der Bauart muß nun die Einrichtung und Ausstattung ent¬ 
sprechen. Auch hier müssen die Prinzipien walten: keine Störung der 
Durchlichtung und Durchlüftung! leichte Reinbarkeit! In Gast- 
wie Fremdenzimmern soll man alle unnötigen Staubfänger tunlichst ver¬ 
meiden, Gardinen, Portieren, Stores möglichst einschränken, größere, 
schwer bewegliche oder gar festgenagelte Teppiche jedenfalls durchaus fern 
halten; am besten sollte man sich in den Fremdenzimmern mit kleinen 
Bettvorlagen, übrigens mit Linoleum begnügen. Nichts im Zimmer wird 
mehr allerhand Keime festhalten als ein großer, weicher Teppich; man be¬ 
trachte nur einmal einen solchen in nicht absolut sauberen Hotels! Ab¬ 
gesehen von Wolken von Staub beherbergt er sichtbare Schmutzstücke aller 
Art und Flecken, eingetrocknete Sputa, abgeschnittene Nägel von Händen 
und Füßen, dementsprechend gewiß auch Nagelschmutz, Speisereste usw.; 
unter dem Teppich aber liegt eine Schicht dichten Staubes. Es ist über¬ 
haupt lehrreich, was die Vorgänger in dem Hotelzimmer alles zurücklassen! 
Der Schrank und der Ofen sind die häufigsten Zeugen, man findet aber auch 


') Ich bin nachträglich darauf aufmerksam gemacht worden, daß es solche 
Hotels gibt. So das „Hawaian-Hotel“ in Honolulu mit seinen „Family-Cottages“. 
Ferner sind auf dem Nordseebad Lakolk auf Röm Blockhäuser mit zwei bis sechs 
Zimmern (Familienhäuser) für die Gäste errichtet und untereinander wie mit der 
Kaiserhalle durch Holzwandelbahnen verbunden. Es wird zum Essen in der 
Kaiserhalle wie auch gegen Preisaufschlag in den Blockhäusern serviert. Endlich 
findet sich ein Ansatz zum Eigenhaus gelegentlich in ausländischen Hotels, z. B. 
Nordamerikas, d. h. ein in sich abgeschlossener und vom übrigen Hotel getrennter 
Komplex von zwei bis drei Stuben, Badezimmer, Klosett, mit besonderem Eingang, 
nur im Ganzen zu vermieten. 


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Hygienische Hinrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 


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vergessene Taschentücher, natürlich benutzte, unter dem Bett; ja, in Granada 
mußte ich gar zwei mit Kloakeninhalt gefüllte Nachttöpfe konstatieren. Hieran 
war aber niemand im Hotel schuld, denn ich kam an am frühesten Morgen 
nach der eben erfolgten Abreise einer englischen Lady nebst Miss. 

„Alle Möbel sollten leicht, ohne große Verschnörkelungen und so her¬ 
gestellt sein, daß sie regelmäßige Waschungen vertragen. Plüsch ist nicht 
leicht zu reinigen, am besten sind Leder und andere glatte Stoffe, Holz, 
Bambus, Metall; waschbare Überzüge für Stühle sind sehr empfehlens¬ 
wert. 

„Zumal zu Bettstellen sollte nur Metall verwendet werden; schon der 
Wanzen wegen, dann aber auch der leichteren Reinbarkeit halber sind 
eiserne Bettstellen in Hotels durchaus vorzuziehen. 

„Der Boules ä torchons ist schon gedacht, ebenso der Spucknäpfe, 
die in genügender Anzahl vorhanden sein müssen. Vortrefflich zeigte sich 
diese Angelegenheit in Gasthäusern Genuas geregelt. 

„Beachtenswert erscheinen mir die von Heppe in Hagenau angefertigten, 
etwa 60cm hohen hohlen Speisäulen aus farbigem Blech, Steingut usw., 
da sie ästhetisch nicht so verletzend wirken; sie sind nach Angabe des 
Verfertigers in Gebrauch in Ems und Frankfurt a. M., Hauptbahnhof. 

„Besondere Beachtung erfordert das Bettzeug; es muß tunlichst viel 
Waschbares da sein und auch oft gewaschen werden. 

„Die wollenen Decken oder Steppdecken nicht in geschlossene 
Überzüge völlig einzuhüllen, sondern nur teilweise mit einem Leinen und 
zwar an der Unterfläche zu bedecken, ist trotz der schönen Seidenverzierungen 
eine grobe Unsitte, besonders im Westen und Süden im Schwünge; denn 
die Decken kommen so, da die wenigsten Menschen absolut ruhig liegen, 
direkt mit dem Körper eines Gastes hinter dem anderen in Berührung. Und 
dies ist nicht nur ungemein ekelhaft, sondern kann auch zur Übertragung 
■von Krankheiten führen. Hier ist ein Punkt, der, soweit einsichtige Wirte 
nicht von selbst bessernd Vorgehen, das Publikum oder die Polizeigewalt 
einschreiten sollte. 

„Federbetten und Federkopfkissen sammeln mit der Zeit eine 
Unsumme von Unreinlichkeiten an; sie sollten nur auf besonderen Wunsch 
gegeben werden. 

„Sodann ist ein energisches Wort zu Gunsten der Papierwäsche in 
Wirtschaften, insbesondere der Papierservietten zu reden. Diese sind 
absolut hygienisch; sie werden nach der Benutzung verbrannt. Nicht so 
die Zeugservietten, da sie nicht überall sicher nach jeder Benutzung wirklich 
gewaschen bzw. auch durchgekocht werden; vielmehr ist es eine anscheinend 
immer mehr sich einnistende Unsitte, gebrauchte Servietten, wenn sie ohne 
deutliche Flecken sind, nur anzufeuchten und durch die Mangel zu ziehen. 
Derartige Servietten fühlen sich feucht an, riechen dumpf und selbst nach 
Speisen und sind ganz gewiß nicht „einwandfrei u , sondern eben „mangel¬ 
haft“. Wer es also gut mit seinen Mitmenschen oder vielmehr Nachfolgern 
so meint, der lege in einem zweifelhaften Hotel — und sie gehen weit hin¬ 
auf — nie eine Leinwandserviette ohne deutliche Flecke aus der Hand; 
Saucen, Kaffee, Rotwein, Bier oder Obst wird man ja wohl immer zur Dis¬ 
position haben; dann muß die Serviette auf alle Fälle ausgewaschen werden. 


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70 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Es wird aber auch dem Tischtuch nichts schaden, wenn der Gast 
seine Fürsorge ihm in gleicher Weise zuwendet. Suum cuique! Ein Wirt, 
der gebrauchte Wäsche nicht wirklich waschen läßt, nähert sich dem 
genus suum und verdient keine bessere Behandlung. Auch hier durften 
Tischdecken von Papier einführbar sein. Bei der Bettwäsche ist die un¬ 
auffällige Erzeugung von Flecken weniger leicht. 

„Daß im übrigen die gesamte Ausrüstung für den Hotelbetrieb 
reichlich vorhanden sein muß, braucht nur gestreift zu werden. Jedem 
Gaste sollten stets zwei Handtücher, wie in guten Hotels, zur Verfügung 
gestellt und hinreichend häufig gewechselt werden. 

„Die Tische zum Speisen, insbesondere auch für die sogenannte 
Tabled’höte, sollten recht breit sein und die Gäste recht weit voneinander 
sitzen, damit die Mundsprühtröpfchen der Speisenden und dabei Redenden 
und Hustenden nicht auf die Teller, Gläser und Bestecke der Gegenüber 
und Nachbarn fliegen. 

„Den Speisenwagen der Eisenbahnzüge seien bei dieser Gelegenheit 
im Interesse der Bequemlichkeit und Reinlichkeit die Hängetischchen 
empfohlen, wie sie in den Messen der Seeschiffe im Gebrauch sind. 

„Endlich ist noch der Vorrichtungen gegen Feuersgefahr zu 
gedenken: abgesehen von den im Bau vorgesehenen feuersicheren Treppen, 
Nottreppen und Notausgängen wird für Feuerlöschgerät im Hause, Extink- 
toren, Rettungsapparate und eioe gewisse Kenntnis des Personals mit diesen 
Dingen zu sorgen sein. 

„BesondereBestimmungen gelten den Bierdruckvorrichtungen und 
Bierhähnen, zu vergl. z. B. Polizei Verordnung für den Regierungsbezirk 
Köln vom 26. Oktober 1899: „Als Druckmittel darf nur atmosphärische 
Luft oder flüssige Kohlensäure verwendet werden“ (§ 3). Die Luftpumpe 
ist in einem großen, reinen Raum aufzustellen, die Luft muß aus dem Freien 
entnommen werden und einer Verunreinigung nicht ausgesetzt sein; das 
Ende des zuführenden Rohres muß 3 m über dem Erdboden, mindestens 
5 m von Bedürfnisanstalten und Düngergruben entfernt und mit einer feinen 
Siebplatte versehen sein. Zwischen Luftpumpe und Windkessel muß sich 
ein Reinigungsapparat (Ölfänger) mit Hahn und ein Kontrollglas befinden, 
welcher stets rein zu halten ist und oben mit gereinigter, entfetteter Baum¬ 
wolle bzw. Salicylwatte fest ausgestopft ist; diese ist mindestens alle 
14 Tage, bzw. wenn sie schmutzig ist, zu erneuern. Die Bierleitungsrohre 
müssen durchweg leicht zu reinigen sein und alle Woche mit Bürste und 
durchgeleitetem Wasser gereinigt werden; sie müssen aus reinem oder höchstens 
1 Proz. Blei enthaltendem Zinn gefertigt sein. Die Einschaltung von Kaut¬ 
schukstücken ist nur zwischen Faßhahn und dem festen Zinnrohre gestattet; 
der Kautschukschlauch darf nur 25 cm lang und muß bleifrei sein. Rohr 
und Kran müssen aus Metallen bestehen, welche auch bei längerem Gebrauch 
keine der menschlichen Gesundheit schädigende Stoffe in das Bier abgeben, 
eventuell sind sie zu verzinnen oder zu vernickeln (§ 4). Gasförmige 
Kohlensäure darf, weil nicht rein, nicht verwendet werden, nur flüssige 
(siehe Anweisung dazu). Außerdem mehrfache Sicherheits- und Kontroll- 
vorschriften (§ .5). Handspritzen, Spritzhähne, um Luft den Trinkgefäßen 
zuzuführen, sind ebenso verboten, wie der Gebrauch von Pumpen, welche 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 71 

das Hier unmittelbar aus den Lager- nach den Verbrauchsräumen oder das 
Bier unmittelbar aus dem Fasse aufsaugen (§ 2). 

„Ähnlich sind die Verordnungen in anderen Regierungsbezirken. Viel¬ 
fach ist die Luft ganz ausgeschaltet und nur die absolut reine Kohlen¬ 
säure zum Drucke zugelassen. 

„Die Kontraventionen gegen diese Verordnungen sind eben nicht selten. 
Im Regierungsbezirk Minden führten 349 Revisionen im Jahre 1901 zu 
144 Bestrafungen. 

„Im übrigen wünscht Pauli sch, „daß der Weg vom Faß des Wirtes 
zum Trinkgefaß des Konsumenten möglichst abgekürzt wird tt , und eine 
Überfüllung des Bieres aus Flaschen mit Syphonapparaten, die natürlich aus 
Metalllegierungen bestehen müssen, welche höchstens 1 Proz. Blei enthalten. 
(Reichsgesetz vom 25. Juni 1887, § 1, Abs. 3.) 

„Bezüglich dieser Flaschen ist eine wachsende Bewegung im Gange, 
welche sich gegen die Patentverschlüsse richtet, weil der Gummi nicht 
nur manchmal bleihaltig, sondern ganz besonders allen möglichen Ver¬ 
schmutzungen durch Hände u. 8. w. ausgesetzt ist. Dieser Bewegung ist die 
Berechtigung nicht ganz zu versagen. Es dürfen jedenfalls nur Verschlüsse 
angewendet werden, welche vor jeder Neufüllung der Flasche völlig ge¬ 
reinigt sind. Mit dieser Frage beschäftigt sich eingehend eine Schrift von 
Dr. Landgraf: Die mechanischen und speziell die sogenannten Flaschen¬ 
patentverschlüsse, vom gesundheitlichen Standpunkt aus betrachtet. Es geht 
daraus unter anderem hervor, daß auf dem 29. Deutschen Gastwirtstage in 
Gera von einer Seite gegen diese Verschlüsse gesprochen wurde, daß in Öster¬ 
reich-Ungarn durch Verordnung vom 30. März 1899 ihre Anwendung teilweise 
verboten ist, und daß in Deutschland an verschiedenen Orten Polizei¬ 
vorschriften wenigstens über das Reinigen der Verschlüsse bestehen. Hinzu¬ 
zufügen ist, daß neuerdings in München-Gladbach, Regierungsbezirk Düssel¬ 
dorf, eine Polizeiverordnung vom 29. Mai 1903 erlassen ist, welche die 
Verwendung der Gummiverschlüsse allen denjenigen verbietet, welche 
Flaschenbier gewerbsmäßig feilhalten oder verkaufen wollen; die den Kon¬ 
sumenten gehörenden Flaschen sind ausgenommen. Ich meine, sind die 
Verschlüsse völlig bleifrei und ist ihre Reinigung sichergestellt, so wird 
gegen diese bequeme Art des Verschlusses nichts zu sagen sein. 

„Die Bleifreiheit ist auch wichtig für die Biergläser und Bier¬ 
krüge. E. Falk fand, daß von sechs Bierglasdeckeln in Zwickau fünf 
10 bis 22*6 Proz. Blei enthielten; ein Deckel hatte im Beschläge sogar über 
52 Proz. Und von 91 untersuchten Zinnhähnen an Spirituosenfässern waren 
81 ebenfalls zu beanstanden, da sie 30 bis 40 Proz., einer sogar über 66 Proz. 
Blei enthielten. 

„Das Reichsgesetz vom 25. Juni 1887 betr. den Bleigehalt der Trink - 
gefäße muß also in Wirtschaften unbedingt erfüllt werden, und seine Er¬ 
füllung sollte kontrolliert werden. 

„Nun möchte ich bezüglich der Einrichtung der Gasthäuser noch zwei 
Fragen anregen: Erstens, sollte es nicht erstrebenswert sein, die in Bahn- 
restaurant8, Eisenbahnwaggons und auch sonst hier und da übliche Sitte 
nachzuahmen, besondere Räume für Damen und für Nichtraucher 
einzurichten? Damit diejenigen, welche reine Luft dem Tabaksqualm vor- 


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72 XXVUI. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

ziehen, solche auch haben können? Es dürfte dies auch sogar für die 
Fremdenzimmer zu erwägen sein, die oft recht unangenehm nach Tabak 
riechen. Auf die bereits bestehenden Damenrestaurants sei hierbei be¬ 
sonders verwiesen. 

„Dann zweiteus: Sollte es nicht ebensfalls erstrebenswert sein, wenn 
in größeren Hotels eigene Krankenzimmer wären? Es sind doch nicht 
alles Vergnügungs-, Dienst- oder Geschäftsreisende; so mancher reist, um 
einen Arzt zu konsultieren oder um einen Kurort aufzusuchen, oder er ist 
oder wird krank, auch wenn die Krankheit nicht die Ursache seiner Reise 
ist; wäre es da nicht sehr angebracht und nützlich, wenn er ein besonders 
eingerichtetes, ruhiges Zimmer, mit einem Nebenzimmer für die Pflegerin, 
bekommen könnte? Natürlich ist solches nicht von kleinsten Gasthäusern 
zu verlangen; am nötigsten wäre es aber in Kurorten und auf der Heer¬ 
straße zu diesen. Es ist doch sicher nicht zu billigen, wenn z. 6. in einem 
Hotel oder in einer Pension in einem Kurorte beute ein Tuberkulöser für 
einige Zeit Wohnung nimmt, dann das Zimmer geräumt und von irgend 
einem Gesunden wieder bezogen wird, ohne daß inzwischen die erforderliche 
Unschädlichmachung erfolgt ist. Existierten aber gründlich desinflzierbare 
Krankenzimmer, und wäre der Wirt angewiesen oder von selbst bereit, alle 
Kranken in diesen unterzubringen und jedes von einem Kranken benutzte 
Zimmer nach dem Verlassen amtlich desinfizieren zu lassen, sofern nicht 
die völlige Ungefährlichkeit der Krankheit für andere ärztlich bescheinigt 
wird, so wäre alles geschehen, um Übertragung zu verhüten. 

„Natürlich müßte auch bezüglich der Wartung des Kranken, der 
Reinigung seines Gesöhirrs u. s. w. während des Aufenthaltes im Hotel das 
Zweckentsprechende geschehen. Und um alles dieses zu erreichen, kommen 
große Hotels in exponierten Orten vielleicht noch einmal zur Anstellung 
eines Hotelarztes im Sinne eines hygienischen Beraters, auch um sich 
mit gewissen allernötigsten Bandagen, Rettungsmitteln und sonstigen 
Hilfsmitteln zur Krankenpflege und zum Transport eines Kranken aus¬ 
zurüsten, sofern Unfallstationen nicht gerade in der Nähe sind. 

„Wir kommen nunmehr zum Betriebe der Gast- und Schankwirt¬ 
schaften. Da ist meines Erachtens auf dreierlei in Bezug auf Hygiene 
besonderer Wert zu legen, nämlich: 

1. auf die allgemeine Ordnung und Sauberkeit, 

2. die richtige Verpflegung, 

3. eventuelle Bekämpfung ansteckender Krankheiten. 

„Was die Ordnung und Sauberkeit anlangt, so bedarf es in 

Gasthäusern natürlich eines bis ins Detail aufgestellten und in seiner Aus¬ 
führung kontrollierten Planes über periodische, seien es tägliche, seien es 
wöchentliche u. s. w., Reinigungen, über die Rollenverteilung hierbei, die Auf¬ 
sicht u. s. w. Diese streng durchgeführte Reinlichkeit und Ord¬ 
nung ist eine der wichtigsten hygienischen Einrichtungen 
eines jeden Gasthauses, vom größten herab bis zum kleinsten. 

„Wie ich einem auf Anfrage an mich gerichteten Schreiben des Vor¬ 
sitzenden des Vorstandes des deutschen Gastwirtsverbandes Herrn Ringel 
in Berlin entnehme, bemühen sich die Wirte vielfach, die Reinigung der 
Schankräume, insbesondere des Fußbodens, unter Zuhilfenahme von „tech- 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 73 

nischen Hilfsmitteln und staubniederhaltende Chemikalien 
(Stauböl, Bronil) und ähnlichen ölhaltigen Substanzen tf vorzunehmen. Es 
sind das dieselben beachtenswerten Bestrebungen, welche wir in den Schulen 
gemacht sehen; und nach den hiernach gewonnenen Erfahrungen kann man 
hoffen, daß eine etwa viermalige Bearbeitung des Fußbodens mit einem 
staubbmdenden öle, z. B. dem „deutschen Fußbodenöle“, in der Tat eine 
gewisse Staubniederhaltung und damit einen hygienischen Zweck erreichen 
wird. 

„Sehr eingehender Bestimmungen mit Kontrollierung der Ausführung 
bedarf die fortlaufende Säuberung des Geschirrs, insbesondere der 
Gläser und Tassen. In der Stadt Breslau gibt es eine Polizeiver¬ 
ordnung vom 4. Oktober 1892, betreffend die Reinigung undSpülung 
der Trinkgefäße in fließendem Wasser; da ist bestimmt, daß die 
Gefäße, abgesehen von häufiger nötig werdenden Reinigungen, täglich ab¬ 
gescheuert, gebürstet und nachgespült werden müssen, und zwar sind sie 
entweder unterzutauchen in fließendes reines Wasser oder von innen 
und außen völlig zu benetzen in einem vom Polizeipräsidenten zweckent¬ 
sprechend befundenen Apparat; das Wasser im Spülgefäß muß stets klar 
sein. Solche Verordnungen existieren zahlreiche, das ist aber wahrlich das 
Allermindeste, was man fordern muß. Gut sind die von unten nach oben 
spritzenden Reinigungsvorrichtungen. 

„Recht bedenklich ist oft die Reinigung des Eßgeschirrs. 
Dr. Martius-Kulmbach sagt, es sei eine „bekannte, durch Untersuchungen 
wiederholt erwiesene Tatsache, daß sich in Eßgeräten nach der bei uns 
üblichen Reinigung noch virulente Tuberkelbazillen befinden“, und fordert 
gesetzliche Bestimmungen über die Desinfektion des Geschirrs in Apparaten 
in Hotels, Restaurants u. s. w. Es dürfte jedenfalls dahin zu wirken sein, daß 
Cßgeschirre und Bestecke nach jedesmaligem Gebrauche ausgekocht 
werden. 

„Ein Kriterium für die Sauberkeit in einem Restaurant gibt der Zu¬ 
stand derEssig-, Öl-, Pfeffer- und Salzbehälter; oft sind sie tadel¬ 
los außen und innen, oft „wohnt das Grauen“ darin. 

„Sodann ist das Waschen der Wäsche und die Reinlichkeit in der 
Zubereitung der Speisen sorgfältig durchzuführen, welche sich auch auf 
den ganzen Küchen betrieb einschließlich der Kleidung und Hände 
des Personals, der Gefäße und Zutaten und der ganzen Gewohnheiten 
zu erstrecken hat. Auf folgendes sei noch besonders hingewiesen: Einmal 
muß darauf gehalten werden, daß alles zum rohen Genüsse bestimmte 
Gemüse und Obst in einwandfreiem Wasser unbedingt und grundsätz¬ 
lich vor dem Genüsse gewaschen werde; in manchen Ländern, z. B. in 
manchen Gegenden Italiens, ist es Sitte, zum Servieren des Obstes Schalen 
mit reinem Wasser für das Waschen zu geben. Sodann sind, wo es irgend 
geht, reine Löffel und Zangen statt der Hände zu gebrauchen, 
so z. B. beim Salzen der Speisen, beim Bestreuen mit Zucker und Mehl. 
Müssen die Hände unbedingt direkt an die Speisen kommen, so müssen sie 
unmittelbar vorher mit warmem Wasser abgeseift, mit reinem Wasser 
nachgespült und an reinem Tuche abgetrocknet sein; während der Zu¬ 
bereitung dürfen die Hände nichts Unreines anfassen, wozu auch der 


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74 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

menschliche Körper einschließlich von Ohren, Mund und Nase, außen und 
innen, gehört. 

„Löflei in die Speisen zu führen, um zu schmecken, und sie dann un¬ 
gereinigt wieder in die Speisen zu senken, ist eine grobe Unsitte. 

„Kurz und gut, Küchen- und Kellnerpersonal muß zur größten, biß 
ins Detail durchgeführten Sauberkeit, insbesondere auch in bezug auf 
Hände und Nägel, erzogen werden, auch dahin, daß auf jede Bedürfnisver¬ 
richtung ein Händeseifen mit derselben Regelmäßigkeit zu folgen hat wie 
der Donner auf den Blitz. 

„Speziell nochmals zu gedenken ist der notwendigen R ei n igung der 
Korke sowie auch der Porzellanstöpsel, Gummiringe, Gummi¬ 
scheiben u. dgl. m. zum Verschluß der Flaschen. Dasselbe gilt bezüglich 
der Reinigung von Flaschen und Fässern. Erst kürzlich wurde mir noch 
ein Fall bekannt, wo eine Strafe eintreten mußte, weil die Flaschen im 
selben Gefäß mit der Hauswäsche gereinigt wurden. 

„Von besonderer Wichtigkeit ist es, daß die auf den Büfetts um¬ 
herstehenden Speisen stets bedeckt sind und nie unnötig angefaßt werden; 
nimmt ein Gast sich selbst, so muß er behalten, was er berührt. Ich möchte 
die Speicbeltröpfchen nicht sehen, die an den Speisen sind, welche tagsüber 
vor den dahinterstehenden und sprechenden Verkäufern ausgebreitet sind. 

„Die Speisen, welche auf den Bahnsteigen herumgetragen und feil¬ 
geboten werden, sollten auch mehr vor Verunreinigung geschützt werden, 
auch vor dem Munde des darüber ausrufenden, hustenden, sich schneuzenden 
Kellners. Es ist noch gar nicht lange her, da wollte ich mir auf einem 
Bahnhofe ein sehr schön aussehendes Schinkenbrot erstehen. Im selben 
Augenblicke aber blieb der Jünger des Gambrinus stehen und fuhr sich zu 
Häupten meiner erspähten Stulle mit dem Finger in die weit offen stehende 
Nase. — Sapienti sat! Ich war satt! 

„Ein anderes Mal sah ich einen Bahnhofsjüngling über das vor ihm 
getragene Tablet mit Speisen hinwegniesen — auch recht appetitlich! 

„Warum deckt man die Speisen nicht dauernd zu! Gibt es doch fahr¬ 
bare Wagen mit dazu bestimmten Drahtnetzen für Bahnsteige, wie ich 
jüngst sah. Andere reinliche Bahnhofswirte wickeln das Eßbare vor dem 
Umhertragen oder Auslegen ein, es geht also doch. 

„Für Gäste, Wirte und Personal kann es von erziehlicher Wirkung 
sein, wenn Sinnsprüche an geeigneten Stellen angebracht werden. So fand 
ich in einem Hotel Berlins über dem Waschtische in einem Zimmer diesen 
Spruch angebracht: 

Rein wie der Herzensgrund 
Seien Hände und Mund! 

„Auch sonst zeigt sich bei den Wirten vielfach ein eigenes Streben 
nach Förderung der Reinlichkeit. 

„So hat der Deutsche Gastwirtsverband vor einigen Jahren ein Preis¬ 
ausschreiben erlassen, welches auf die Herstellung einer brauchbaren Brot¬ 
schneidemaschine abzielte. Der Vorsitzende schreibt mir darüber: 
„Diese Brotschneidemaschine sollte in möglichst vielen Exemplaren zur Be¬ 
nutzung der Gäste bereit stehen, um das unappetitliche und unter Umstän¬ 
den gesundheitsgefährliche Berühren des Brotes durch die Gäste zu ver- 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 


75 


hüten. Die Maschine sollte das Brot unter einem Glaszylinder bergen und 
der Gast könnte durch eine Manipulation am Griff der Maschine nur stets 
so viel Brot erhalten, als er gerade bedurfte, ohne den Laib Brot selbst in 
die Hand nehmen zu können. Ebenso war eine Vorrichtung geplant, 
welche dem Gast, auf einen entsprechenden Griff hin, nur die Zulieferung 
eines kleinen Brötchens (wenn Weißbrot gewünscht wurde) ermöglichte, 
den übrigen Vorrat der Brötchen indes unter Verschluß hielt. Nach Ent¬ 
nahme des Brötchens rückt ein anderes automatisch vor. Diese Maschine 
ist tatsächlich konstruiert worden und hat den ausgesetzten Preis erhalten. 
Leider zeigte es sich, daß der Gedanke 
an der Kostspieligkeit der Beschaffung 
solcher Maschinen und nicht zum wenig¬ 
sten auch an so manchen noch vor¬ 
handenen Mängeln der Konstruktion 
scheiterte. Neuerdings ist ein ähn¬ 
licher Apparat in Erscheinung getreten 
und erst in Nr. 71 des „Gasthaus“ 
vom 3. September d. J. unter Abbildung 
beschrieben worden.“ 

„In der Beilage zum „Gasthaus“ 

Nr. 71 vom 3. September 1903 ist dieser 
„Menageapparat“ abgebildet und vom 
Prüfungsausschuß des Deutschen Gast¬ 
wirtsverbandes wie folgt begutachtet: 

„Prüfungsausschuß des Deutschen 
Gastwirtsverbandes. Menageappa¬ 
rat von Julius Brandes, Berlin, Bran- 
denburgstr. 20. 

„Der praktisch und sinnreich kon¬ 
struierte Apparat verhindert in erster 
Linie das Betasten des Gebäckes. Wie 
aus der Figur ersichtlich, befindet sich 
im unteren Teile der Säule der Behälter 
für die Brötchen, während im oberen 
Teile ein Behälter für das Schwarzbrot an¬ 
gebracht ist. Durch das Herausziehen 
eines Schiebers kommt ein Brötchen bzw. 
eine Scheibe Schwarzbrot aus dem Behälter heraus. Das Backwerk kann nicht 
mehr in den Apparat zurückgelegt werden. Die Nachfüllung erfolgt in der 
Weise, daß man mit einem Griff die leeren Kästen herausnimmt und durch 
gefüllte ersetzt. Ein weiterer Vorzug der Erfindung liegt darin, daß sich an 
dem Apparate auch sämtliche anderen zur Menage erforderlichen Gegen¬ 
stände, wie Pfeffer und Salz, Essig und Öl, Mostrich und Zahnstocher, und zwar 
in verschlossenen Gefäßen, befinden und hierdurch vor den Einwirkungen von 
Staub und Tabaksqualm geschützt sind. Auch bedingt die Vereinigung der 
angegebenen Zubehörteile eine wertvolle Raumersparnis auf den Tischen. 
Nicht zu unterschätzen ist auch das gefällige Aussehen des Apparates. Die 
Erfindung ist zweifellos mit großen Ersparnissen verknüpft; so kann von 



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76 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

jetzt ab z. B. die oberste, angeblich trockene Scheibe des Schwarzbrotes 
nicht mehr von den Gästen abgeschnitten und unverbraucht beiseite gelegt 
werden. 

„Aus den angeführten Gründen können wir den Menageapparat den 
Kollegen auf das wärmste empfehlen, um so mehr, als die Apparate in be¬ 
liebiger Anzahl unentgeltlich in den Gastwirtschaften Aufstel¬ 
lung finden sollen. Die unentgeltliche Hergabe der Apparate wird 
dadurch ermöglicht, daß die leeren Felder der Säulen für Reklamezwecke 
in vornehmer Art ausgenutzt werden.“ 

„Sehr gut hat mir auch ein im Restaurant Stiehlen in Brüssel auf der 
Speisekarte vermerktes, gegen das Füttern der Hunde aus dem Eß- 
geschirr für Menschen, das bekanntlich so unappetitlich wie gefährlich 
ist, gerichtetes Verbot gefallen: „II est expressement defendu de laiBser cir- 
culer les chiens dans l’Etablissement ou de les nourrir dans le materiel de 
la Maison.“ 

„Was dann die Verpflegung anlangt, so sollte zunächst allen Gast¬ 
wirten in die Konzession die Bedingung aufgenommen werden, auch 
alkoholfreie Getränke und einfache Speisen feilzuhalten und an For¬ 
dernde zu angemessenen Preisen abzugeben, wie letzteres in Sachsen 
durch die Armenordnung vom 22. Oktober 1840 (§ 136) vorgeschrieben 
war, wie es in Schweden Gesetz (vom 29. Mai 1885) ist, und wie es z. B. 
auf den preußischen Bahnhöfen und in den Restaurationswagen ebenfalls 
angeordnet ist. Auch ist den Konzessionären zu verbieten, den Preis für 
das Essen zu verteuern, sofern nicht alkoholische Getränke genommen wer¬ 
den. Bekanntlich findet sich in manchen Restaurationen eine Bestimmung: 
bei Nichtabnahme von Getränken verteuert sich der Preis für das Essen um 
so und so viel; und unter Getränken werden stillschweigend nur „alkoho¬ 
lische“ gemeint, soweit nicht direkt die Bestellung von „Wein“ oder „Bier“ 
vorgeschrieben ist. Neuerdings ist man hiergegen vorgegangen. Insbeson¬ 
dere haben die Eisenbahnverwaltungen für die Bahnrestaurants und Speise¬ 
wagen die Bestimmung erlassen, daß ein derartiger Druck zum Genießen 
von Alkoholiken unzulässig sei. 

„Für viele Gegenden wird es genügen, wenn Selterswasser, Limonade, 
Kaffee zu haben sind; für andere wird größere Mannigfaltigkeit erwünscht 
sein. Mag man zum Alkohol stehen, wie man wolle — ich selbst halte es für 
ebenso undenkbar wie unerwünscht, ihn vollständig aus der Zahl der Ge¬ 
tränke auszumerzen — jedenfalls ist jeder Zwang und Drang zum Genießen 
von Alkohol verwerflich, und es muß den im allgemeinen Interesse kon¬ 
zessionierten Wirtshäusern unbedingt auferlegt werden, auch für solche 
Gäste Getränke feilzuhalten, welche keine Alkoholika wünschen. Auch im 
Interesse der Radfahrer ist solches Gebot dringend erforderlich. Eventuell 
sind die Reformgasthäuser zu fördern. Höchst praktisch ist es, daß in 
Italien, Spanien, Marokko und anderen südlichen Ländern einfaches Wasser 
auf der Straße wie in den Bahnhöfen verkauft und gekauft wird. In 
unseren Bahnhöfen soll solches jetzt unentgeltlich zur Verfügung stehen. 
Bei uns geniert man sich aber geradezu, etwas Alkoholfreies zu sich zu 
nehmen, es erscheint „unmännlich“. Glücklicherweise nimmt hiergegen eine 
gemäßigte Reaktion zu, und namhafte Gelehrte wenden sich gegen den Miß- 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 77 

brauch des Alkohols; ich erinnere hierbei an den unlängst gehaltenen Vor¬ 
trag von C. Fraenkel über „Gesundheit und Alkohol“. 

„Wir kommen hier vorwärts, wobei gerade die Heißsporne viel Nütz¬ 
liches geleistet haben. Überall entstehen „Reformgasthäuser“; die Zahl 
der alkoholfreien Getränke wächst (Pomril, Limonaden, Fruchtsäfte), auch 
Milchwirtschaften mit Verkauf von Milch in Gläsern mehren sich und ren¬ 
tieren; so besteht ein solcher Milchausscbank größeren (Jmfanges seit Jahren 
bei der Schroederschen Meierei in Elbing, der drittgrößten Meierei Deutsch¬ 
lands, bei welcher die Eigentümlichkeit besteht, daß im Interesse der Rein¬ 
lichkeit und Gefahrlosigkeit vor den Maschinen die weiblichen Angestellten 
in Männerkleidem umhergehen müssen. 

„Zweifellos nimmt der Konsum der alkoholfreien Getränke stetig zu, 
und die Wirtshäuser richten sich danach ein; es erschien mir doch jüngst 
als ein Zeichen der Zeit, als ich in einem alten guten Weinrestaurant in 
Düsseldorf auf der „Weinkarte“ eine besondere Rubrik für „Alkoholfreie 
Weine“ einschließlich Sekt fand. Vivant sequentes! Und es gibt in der 
Tat „Sequentes!“ Hat doch der 16. Zonentag der westfälischen Zone des 
Deutschen Gastwirtverbandes in Altena unlängst beschlossen, es sollten die 
Wirte auch alkoholfreie Getränke führen. 

„Ich kann auf diese wichtigen Bestrebungen gegen den Mißbrauch 
alkoholischer Getränke, die allein ein großes Kapitel der Gasthaus- und 
Schankstättenhygiene bilden, natürlich nicht näher eingehen, will nur noch 
erwähnen, daß neuerdings durch Verordnung vom 2. März 1903 auch in 
Samoa deutscherseits gegen den Alkoholismus vorgegangen wird, indem die 
Verabfolgung von alkoholartigen Getränken an Eingeborene ganz, ferner an 
Trunkenbolde und Trunkene verboten ist, weiter die Schankstätten für ge¬ 
wisse Nacht- und an Sonntagen auch Tagesstunden geschlossen werden; 
Gastwirten, die dreimal wegen Zuwiderhandelns bestraft sind, kann die Kon¬ 
zession entzogen werden. Übrigens bestanden hier bereits ähnliche Bestim¬ 
mungen aus früherer Zeit. 

„Der „Polizeistunde“ muß hier übrigens ebenfalls als einer alkohol- 
gegnerischen bzw. hygienischen Maßnahme gedacht werden; desgleichen 
der englischen, sich allmählich weiter ausbreitenden Sitte, am Sonntag den 
Ausschank für Einheimische einzustellen. In Norwegen darf Branntwein 
und starker Wein glasweise überhaupt nicht an Gäste abgegeben werden, 
auch nicht in Hotels; in Nordamerika herrschen ebenfalls strenge Bestim¬ 
mungen. Freilich gibt es überall Ausfluchtsmittel. 

„Etwas eigentümlich berührt es, wenn man in Gastzimmern Plakate 
findet, die zum Trinken anregen. So habe ich in Westpreußen Plakate fol¬ 
genden Inhalts gefunden: 

Trost für Zecher. 

Lebensdauer der Trinker und Nichttrinker. Die „British 
Medical Association “ hatte vor längerer Zeit einen Ausschuß da¬ 
mit beauftragt, sorgfältige Ermittelungen darüber anzustellen, 
in welchem Verhältnisse zur durchschnittlichen Lebensdauer die 
gänzliche Enthaltung von geistigen Getränken und der mäßige 
oder unmäßige Genuß derselben stehen. Dieser Ausschuß hat 


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78 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

seine Untersuchung über 4234 Todesfälle ausgedehnt, und der 
Bericht ist für die Prohibitionisten geradezu verblüffend. Man 
teilte die Verstorbenen in fünf Klassen ein: 

1. Solche, die gar nicht trinken (Wassersimpel); 

2. An mäßigen Genuß gewöhnte Trinker; 

3. Trinker, welche sich in Acht nehmen; 

4. Trinker, welche sich keinerlei Zwang auferlegen; 

5. Entschiedene Säufer. 

Das Alter, welches im Durchschnitt in den verschiedenen 
Klassen erreicht wurde, war folgendes: 

Klasse 1 (Wassersimpel): 51*22; Klasse 2: 63*13; 

Klasse 3: 59*67; Klasse 4: 57*59; Klasse 5: 53*03. 

Es ergibt sich also die merkwürdige Tatsache, daß die 

kürzeste Lebensdauer die der Garnichtstrinker 
und die längste die der mäßigen Trinker ist, 
welche letztere die der Wassersimpel um 11 Jahre übersteigt. 

Selbst der versoffenste Trinker lebt im Durchschnitt ein Jahr 
länger, als der Total-Abstinenzler! In einer anderen von dem 
Ausschüsse vorgelegten Zusammenstellung sind alle Todesfälle 
unter dem Alter von 30 Jahren ausgeschlossen, und das durch¬ 
schnittliche Lebensalter der fünf angegebenen Klassen ergibt 
sich wie folgt: 

Klasse 1 (Wassersimpel): 57*31; Klasse 2: 66*48; 

Klasse 3: 61*52; Klasse 4: 58*87; Klasse 5: 53*62. 

Es stellt sich also auch hier wieder die für die Prohibitionisten 
unangenehme Tatsache heraus, daß der mäßige Genuß geistiger 
Getränke eine weit längere Lebensdauer gewährleistet als gänz¬ 
liche Enthaltsamkeit. 

Hoch jubelt laut, Ihr lust’gen Zecher! 

Nicht winkt der Tod uns aus dem Becher, 

Wie man bisher es uns gelehrt. 

Nein, längeres Leben bringt das Trinken 
Und früher Tod wird dem nur winken, 

Der sich vom Becher ganz abkehrt! 


„Es schmeckt das stark nach Pro domo und kann schädlich wirken. 

„Gegen die Anbringung heiterer Trinksprüche soll deswegen nicht ge¬ 
eifert werden, wie denn überhaupt die Alkoholfeindscbaft nicht in „Wasser¬ 
sucht“ ausarten soll. Front gegen den Mißbrauch alkoholischer Getränke, 
Ermöglichung des Wirtshausbesuches ohne Alkoholgenuß; aber denen, 
die nach der Sitte der Väter einen oder auch mehrere „gute Tropfen“ sich 
genehmigen und in froher Laune sich über die Widerwärtigkeiten des all¬ 
täglichen Lebens hinwegsetzen wollen, soll das ebenfalls nicht verkümmert 
werden. Fern sei es, zu befürworten, daß die teilweise hoch entwickelte 
uralte Weinkelterei und Bierbrauerei, die Apfelwein- und selbst Likörfabri¬ 
kation, die Darstellung von alkoholhaltigem Kwas, von Kehr, Kawakawa, 
Ttschitsche, Sakke, Palmenwein, und wie diese mehr oder weniger kunst- 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 79 

voll hergestellten Getränke alle heißen, von der Bildfläcbe verschwinden, 
daß die herrlichen Weinberge am Rhein und an der Mosel, in der Champagne, 
Spanien, Ungarn, Levante und Griechenland ausgerottet oder nur für den 
Verkauf von Trauben und Traubensaft geduldet, daß die begeisterte Trink¬ 
liederdichtkunst aller Völker als minderwertig degradiert und die Menschheit 
eich des Mittels dieser künstlichen Begeisterungsmittel völlig beraube, von 
seiner gelegentlichen stärkenden und wohltuenden Wirkung ganz abgesehen. 
Und ist denn niemand unter den Alkoholgegnern, der sich nicht fröhlicher 
Zechstunden und begeisterten Genießens in den herrlichen Gartenwirtschaften 
am Rhein, ja, in der Weinlaune entstandener und später durchgeführten guter 
Entschlüsse und Ideen gern erinnerte? Der Alkoholgenuß schafft doch nicht 
bloß Übles, unsere gemeinsame Gegnerschaft gilt doch nur dem Mi߬ 
brauch! „aQiözov phv vdcoQ , aber — {irjdhv ayav\ u 

„In bezug auf das Essen ist dahin zu wirken, daß die überreich¬ 
liche, fett- und fleischreiche und dabei so unendlich einförmige Hotel¬ 
kost geändert werde. Hier könnten Vereinigungen, Beamten- und Offiziers¬ 
vereine u. s. w. viel Gutes tun und einen Druck ausüben, daß eine gute 
Hausmannskost unter Bevorzugung von Gemüsen und Obst in richtiger Zu¬ 
bereitung gereicht werde, z. B. indem Wirte, die solchem Wunsche nach- 
kommen, begünstigt werden. Auch gegen den Table d’höte-Zwang ist 
vorzugehen. An den Gerichten der vegetarischen Küche sollte man doch 
nicht gar so gleichgültig Vorbeigehen. 

„Eine Kalamität bildet auch der zwar sehr gut schmeckende, aber auf 
die Dauer ungesunde starke Kaffee, der am Morgen und nach dem 
Essen und ebenso in den Wiener Caf£s gereicht wird. Es gibt nicht wenige 
Personen, welche nach einer einzigen Tasse derartigen Kaffees Herzklopfen 
und selbst Atemnot bekommen, während sie sonst weder überhaupt noch 
nach Kaffeegenuß daran leiden. Ich bin nicht sicher, ob solches auf den 
starken Kaffeezusatz, also auf das Koffein, oder nicht vielmehr auf irgend 
unbekannte Surrogate zu schieben ist. 

„Überhaupt verdienten die in Gast- und Wirtshäusern gebrauchten 
Nahrungs- und Genußmittel einer gewissen Beaufsichtigung. Wie ist 
es z. B. mit der Butter und der Margarine? Das Backwerk in manchen 
Cafös schmeckt recht eigenartig, desgleichen das Butterbrot hier und da in 
Wirtschaften. Hier sollte die Deklarationspflicht bestehen, damit deijenige, 
welcher butterbereitete Speisen und Gebäcke haben will, ev. „ein Haus 
weiter“ geht. Und wie ist es mit der Güte der Butter, Fette und 
sonstigen Eßwaren und Zutaten? 

„Gerichtliche Prozesse bringen manchmal wunderliche Dinge über die 
Qualität der in Gasthäusern verwandten Eßwaren zutage. Manchmal 
wurde der Billigkeit wegen gewohnheitsmäßig Fleisch von krankem oder 
gefallenem Vieh, von krepiertem Geflügel u. dgl. m. verarbeitet; erst in 
allerjüngster Zeit ging wieder ein Prozeß durch die Blätter, der ergab, wie 
in Berlin von einer Speisewirtschaft jahrelang krepierte Gänse in der Markt¬ 
halle für je 1 Mk. aufgekauft und den Gästen schön knusprig braun gebraten 
und mit viel Gewürz versetzt vorgesetzt worden waren. Daß das im 
Restaurant Vorgesetzte Fleisch recht häufig einen unberechtigten „haut 
goüt u hat, weiß jeder, der riecht und schmeckt; in einem Falle eines recht 


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80 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

großen Bahnrestaurants wurde festgestellt, daß das Abkochwasser der sog. 
Frankfurter Würstchen als Bouillon abgegeben wurde; Fischsalate, Hummer¬ 
mayonnaisen und alle scharfen Ragouts, Zrasys u. dgl. sind bekanntlich 
sehr häufig die Begräbnisstätten für nicht mehr tadelloses Fleisch. Darüber, 
was aus den ausgesogenen Krebs- und Hummerscheren und -schwänzen 
wird, sind sich die Gelehrten auch nicht einig; zu vgl. Kapitel „Krebs- 
suppe“. Von einem bekannten Speisekeller in Berlin wurde vor Jahren 
einmal ruchbar, daß die so beliebten Schweinsohrenstückchen in der Erbsen¬ 
suppe in gewissem Sinne ein perpetuum mobile darstellen sollten, indem 
sie, immer wieder benutzt, von dem Munde des einen Gastes sich in den 
des andern bewegten; wie oft sie diesen circulus vitiosus durchmachen 
konnten, ist nicht festgestellt; jedenfalls sollen sie immer wieder mit dem¬ 
selben Appetit ausgelutscht worden sein. 

„Wiederholt sind mehrfache Vergiftungen vorgekommen durch das 
Essen in Gasthäusern, so z. B. durch Austern. Ich selbst kenne zwei 
derartige nicht veröffentlichte Ereignisse, eins aus Neapel und eins aus 
Genua; in letzterem Falle war es eine Reihe von Personen, welche nach 
dem Genuß von Austern in einem Restaurant mehr oder minder heftig 
an Typhus erkrankten. 

„Und wie ist es mit der Qualität der Weine und Branntweine, 
mit den Branntweinschärfen und sonstigen nicht ungefährlichen Zu¬ 
sätzen, mit den „natürlichen“ und „unnatürlichen“ Mineralwässern? Es 
wäre recht segensreich, wenn eine periodische Kontrolle über die Quali¬ 
tät der Speisenrohstoffe und der Getränke und auch über die Art der Zu¬ 
bereitung in den Gasthäusern und Schänken ausgeübt und nicht, soweit sie 
überhaupt stattfindet, auf die Lieferanten beschränkt würde. Ein besonderes 
Interesse hat der Verbleib der Bierreste und des überfließenden 
Bierschaumes, die manchmal wieder verwertet werden, wie in Prozessen 
manchmal gerichtlich festgestellt wurde. 

„In dem „Hotel Rauch“ in Elbing besteht die Spezialität, die ich sonst 
nirgends fand, vom Herbst an jedem Logiergast abends einen schönen Apfel 
mit Teller und Obstmesser auf den Nachttisch zu stellen. Ich habe es immer 
sehr angenehm empfunden, nach des Tages Arbeit und dem Rauch- und 
Bierdunst des Abends vor dem Schlafengehen dies Stück reines Obst zu 
genießen. Und dann: kleine Geschenke erhalten die Freundschaft! 

„Im übrigen ist hier die spanische, italienische und französische Sitte 
zu loben, nämlich daß eine halbe Flasche leichten Landweines zum 
Kuvert gehört; der Wirt hat dann nicht ein nahe liegendes Interesse, 
durch Pfeffern und Salzen der Speisen den Durst der Gäste anzuregen, un¬ 
bekümmert um die üblen Folgen auf deren Magen und Nieren. 

„Andererseits will mir das in diesen Ländern übliche Trinken leicht 
alkalischer Wässer, z. B. des Vichy, zum Tisch nicht recht geeignet er¬ 
scheinen, da es doch die zum Verdauungsprozeß nötige Salzsäure des Magens 
abstumpft. Ebenso will es mir scheinen, als ob das reichliche Ausspülen 
des Mundes sofort nach dem Essen ebenfalls nicht rationell sei, da es doch 
recht viel Speichel und damit Verdauungssäfte, die sonst zur Verdauung 
verschluckt werden würden, beseitigt. 

„Niemals sollte natürliches Eis zum Essen verwandt werden, nur 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstatten. 81 

künstliches; dabei sollten geeiste Getränke wenigstens nicht abwechselnd 
mit warmen Speisen genossen werden. Den gelegentlichen Genuß eiskalter 
Getränke in nicht zu großen Mengen halte ich für ebenso unschädlich wie 
das Essen von Gefrorenem. 

„Wo Eßwaren mitgegeben werden, sollte die Einwickelung in ge¬ 
brauchtes Papier, wie Zeitungspapier, alte Schreibhefte und andere Maku¬ 
latur, verboten werden. So ist es in Frankreich seit 1902 generell be¬ 
stimmt, so bestimmen es bei uns auch gewisse Polizei Verordnungen, so z. B. 
in Wiesbaden vom 2. Dezember 1902. 

„Ein wichtiger Begleiter der Mahlzeit ist der Zahnstocher. Man 
findet ihn in verschiedenen Exemplaren. Untauglich, weil die Zähne 
ruinierend, sind die großen, breiten und die scharfen, seien sie aus Holz, 
seien sie Federposen. Sodann ist es als eine Unsitte empfunden, daß die 
Zahnstocher offen herumstehen und von den Gästen der Reihe nach an¬ 
gefaßt und wohl gar auf dem Nagel probiert werden. Da sind die neuer¬ 
dings aufgekommenen Zahnstocher in plombierter Papierhülse zu loben, 
z. B. mit der Aufschrift: 

„Le Negri. 

Antiseptic and sterilized Tooth-Pick 
Paris 
France.“ 

„Dies also wohl ein englisches Fabrikat. Ich fand sie bisher nur 
vereinzelt. Sie haben den Vorteil, daß man einen noch nicht von anderer 
Hand berührten Zahnstocher benutzen kann. 

„Endlich noch eins: Neuerdings wird vor dem Gebrauche der in vielen 
Zigarrenläden wie Restaurants gratis zur Verfügung stehenden Zigarren¬ 
spitzen aus steifem Papier gewarnt, welche in unreiner Hausindustrie in 
Böhmen angefertigt werden sollen. 

„Was nun drittens die eventuelle Bekämpfung ansteckender 
Krankheiten anlangt, so kommt hier die Anzeigepflicht für Wirt und 
Arzt und weiter die Desinfektion in Betracht, die sich nach allgemeinen 
Grundsätzen richten, aber für Wirte besonders vorzuschreiben sind. Ist ein 
akut ansteckend Kranker im Gasthause, so sollte er sofort in ein Kranken¬ 
haus geschafft werden; ist die Evakuierung nicht möglich, so ist das Gast¬ 
haus zu schließen, sofern nicht durchgreifende und sichere Ab sperrmaßregeln 
bestimmt durchgeführt werden; besonders ist so auch bei Erkrankungen 
der festen Bewohner des Gasthauses zu verfahren, zumal in kleinen 
Häusern. Verläßt ein augenscheinlich Kranker das Gasthaus, dessen 
Krankheit dem Wirt unbekaunt ist, so sollte dieser zur Sicherheit desinfi¬ 
zieren, jedenfalls aber mit doppelter Energie säubern lassen. Das gilt ins¬ 
besondere auch für das von anscheinend Kranken benutzte Trink- und Eß- 
geschirr in Schankstätten. Ganz besonders ist so in bezug auf stark 
Aushustende zu verfahren. Bei der ungemeinen Verbreitung der Lungen¬ 
tuberkulose ist es ganz natürlich, daß zahlreiche solcher Kranker sich in 
Gast- und Schankstätten einfinden, und wie es einerseits nicht möglich ist, 
den Wirten zuzumuten, Sanitätsbeamten gleich auf die Gesundheit ihrer 
Gäste zu fahnden und Diagnosen zu stellen, so ist es andererseits nicht an¬ 
gängig, die an sich schon unglücklichen Tuberkulösen auf Schritt und Tritt 

Vierteljahroschrift f&r Gesundheitspflege, 1904. 0 


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82 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

su verfolgen und an ihr Leiden zu erinnern. Zweierlei aber kann und muß 
durchgeführt werden: wie es allgemein immer weiter jetzt eingerichtet wird* 
die Wohnungen Tuberkulöser nach ihrem Tode oder Wegzuge zu des¬ 
infizieren, so ist auch mit den Fremdenzimmern in Gasthäusern ebenso zu 
verfahren, d. h. es muß mit Inhalt desinfiziert werden, sowie ein lungen¬ 
tuberkulöser Gast es wieder verläßt. Das von ihm benutzte Eßgeschirr 
ist jedenfalls auszubrühen. Zweitens: es ist auf stark hustende Per¬ 
sonen überhaupt zu achten, und es ist im Zweifel mit den von ihnen be¬ 
nutzten Zimmern und Geschirr ebenso zu verfahren, als wenn es sich um 
notorisch Tuberkulöse handelte. 

„Manche Staaten, wie z. B. Sachsen und Baden, haben die Anzeige¬ 
pflicht über Tuberkulose den Wirten usw. auferlegt. 

„An manchen Orten gibt es besondere bezügliche Polizei Verord¬ 
nungen für Wirtschaften. So führe ich die Polizeiverordnuug vom 
26. April 1891 für Lippspringe, Regierungsbezirk Minden, an, wo ja bekannt¬ 
lich alljährlich zahlreiche Lungenkranke einkehren. Da ist bestimmt: 

„§ 1. Sämtliche von Kurgästen benutzten Räume nebst den Gegen¬ 
ständen darin sind jährlich nach Ablauf der Saison gründlich zu reinigen 
und zu desinfizieren. 

„Bei eventueller weiterer Benutzung ist das vor Beginn der neuen 
Saison zu wiederholen. 

„§ 2. In allen Gasthöfen usw. müssen in den Wohn- und Schlafräumen, 
Flur, Korridor, Teppenabsatz, Abort mit Wasser gefüllte Spucknäpfe stehen, 
welche in die Abortsgruben zu entleeren und mit heißem Wasser zu reinigen 
sind. 

„§ 3. Bei Todesfall an Tuberkulose sind die benutzten Räume nebst 
Gegenständen sofort vorschriftsmäßig zu reinigen und zu desinfizieren; vor¬ 
her dürfen sie anderen Personen nicht überwiesen werden. 

„Das gleiche gilt von denjenigen Fällen, in denen die Polizeibehörde 
auf Antrag des behandelnden Arztes die Desinfektion wegen Tuberkulose 
anordnet. 

„Im übrigen ist jeder Todesfall an Tuberkulose der Ortspolizeibehörde 
anzuzeigen, sind die erforderlichen Vorschriften bezüglich Einsargung und 
Aufbewahrung der Leichen zu befolgen und werden für alles dieses die 
Hotel- und Logierwirte besonders verantwortlich gemacht. 

„Wie wir sehen, richten sich diese Bestimmungen lediglich gegen Tuber¬ 
kulose, treffen naturgemäß nur das Notwendigste, enthalten aber noch keine 
allgemeine klare Anordnung, daß alle Wohnräume nach dem Wegzuge von 
Tuberkulösen zu desinfizieren seien, wie das jetzt bereits in manchen Städten 
durchgeführt ist. Mag man über die allgemeine Anzeigepflicht bei Lungen¬ 
tuberkulose denken, wie man will — ich persönlich bin dagegen —, so 
möchte ich doch glauben, daß sie in Kurorten, die bekanntermaßen 
Lungenkranke beherbergen, einzuführen sei, und zwar einmal für die Zu¬ 
gereisten, sodann für die Wirte selbst und andere Personen sowie für deren 
Familien, sofern sie Kurgäste aufnehmen. Letztere Verpflichtung könnte 
vielleicht ebenfalls sogar ganz verallgemeinert werden, d. h. also die An¬ 
zeigepflicht bezüglich der Inhaber von Wirtschaften, Pensionaten, sofern sie 
an irgend einer ansteckenden Krankheit einschließlich der Tuberkulose 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 83 

leiden, aufzuerlegen dem Arzte und dem Haushaltungsvorstande. Die er¬ 
forderliche Desinfektion, z. B. auch nach erfolgtem Wegzuge von Tuber¬ 
kulösen aus Gasthöfen usw., würde sich als selbstverständlich obligatorisch 
dann anschließen. 

„Manche Städte nehmen auf diese Umstände schon ganz gut Rücksicht. 
Ganz besonders gut ist die Polizei Verordnung betreffend die Desinfektion bei 
ansteckenden Krankheiten für Barmen vom 12. März 1903: 

„Nachdem in den § 1 und 2 die An^eigepflicht zwecks Desinfektion, und 
zwar nach Beendigung der Krankheit (Genesung, Wegtransport, Tod) 
allgemein festgesetzt ist, bestimmt § 3: „Ärzte, welche in Ga6thöfen, Logier¬ 
häusern, Herbergen, Pensionaten, Chambres garnies, Schlafstellen und 
anderen dem öffentlichen Verkehr dienenden Unterkunftsstätten an Lungen-, 
Kehlkopf- oder Darmtuberkulose Erkrankte behandeln, sind verpflichtet, der 
Polizeibehörde binnen 24 Stunden schriftlich Anzeige zu machen." 

„§ 4. Die HaushaltungsVorstände sowie die Unternehmer der dem 
öffentlichen Verkehr dienenden Unterkunftsstätten (§ 3) sind verpflichtet, 
bei Krankheiten und Sterbefällen der in § 1 gedachten Art (Diphtherie, 
Scharlach, Ruhr, Unterleibstyphus) ohne weiteres, bei Wochenbettfieber, 
Lungenschwindsucht, Rose, Masern und ansteckender Lungenentzündung 
auf besondere Anordnung der Polizeiverwaltung zu gestatten, daß die von 
den Kranken benutzten Gegenstände und Räume sowie die in diesen Räumen 
befindlichen Sachen gleichzeitig durch die von der Polizeiverwaltung ent¬ 
sandten Desinfektoren auf ihre Kosten desinfiziert werden. 

„Die Unternehmer und Leiter der dem öffentlichen Verkehr dienenden 
Unterkunftsanstalten sind außerdem verpflichtet, auf besondere Anordnung 
der Polizeiverwaltung auch bei Kehlkopf- und Darm tuberkulöse diese Des¬ 
infektionen eintreten zu lassen" usw. Diese Bestimmungen erscheinen mir 
ausgezeichnet; leider sind sie selten so. 

„Man darf übrigens aus derartigen Bestimmungen aus dem Westen nicht 
folgern, als ob dort alles so gut sei; manche Städte haben neue, aber bei weitem 
nicht so gute Verordnungen; und ein Zeitbild eigener Art war es, als vor eini¬ 
gen Wochen in der Nachbarstadt Barmens, nämlich in Elberfeld, eine Polizei¬ 
verordnung in der Stadtverordnetenversammlung als überflüssig zu Falle 
gebracht wurde, welche das Kneten des Schwarzbrotteiges mit den 
Füßen verbieten wollte! Also alle, die nach Elberfeld kommen: ca vete panem! 

„Endlich sind noch Vorsorgevorrichtungen für das Personal zu 
fordern. Es sollte, wenigstens der weibliche Teil, zum Gesinde des Wirtes 
gehören und im Hause wohnen, und zwar angemessen; alles, was diese 
Mädchen hygienisch oder moralisch schädigt, ist nach Kräften zu hinter¬ 
treiben (Animieren, Hinsetzen zu den Gästen, auffallende Trachten usw.); 
sie müssen die gehörige Zeit für sich und Nachtruhe (frei von 8, spätestens 
10 Uhr abends bis 8 Uhr morgens, frühestens 6 Uhr) haben. Letzteres gilt 
auch'von den Kellnern, insbesondere den jungen; Burschen unter 16 Jahren 
sollten, wie in Zürich, überhaupt zur Bedienung nicht geduldet werden. 
Allen ist gehörig Gelegenheit zum Sitzen, Waschen, Genießen alkoholfreier 
Getränke und zum Essen sowie zum Spazierengehen hinlänglich zu gewähr¬ 
leisten. 

„Das am 1. Januar 1904 in Geltung tretende Reichsgesetz vom 

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84 XXVIIL Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

30. März 1903 betreffs Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben 
bessert da schon manches. Es bestimmt unter anderem: „Im Betriebe von 
Gast- und Schank wirtschaften dürfen Kinder unter zwölf Jahren überhaupt 
nicht und Mädchen (unter 13 Jahren bzw. schulpflichtige) nicht 
bei der Bedienung der Gäste beschäftigt werden. Kinder über zwölf 
Jahre dürfen in der Zeit von abends acht Uhr bis morgens acht Uhr nicht 
beschäftigt werden, auch nicht an Sonn- und Feiertagen.“ 

„Danach ist jedem Gehilfen und Lehrling über 16 Jahre für die 
Woche mindestens siebenmal eine Ruhepause von acht Stunden, unter 
16 Jahren von neun Stunden zu gewähren. 

„Nur in Bade- und Kurorten kann diese Ruhezeit während der Saison 
von drei Monaten etwas verringert werden. 

„Außerdem sind noch zwei Stunden im Laufe des Tages und Zeit zum 
Essen zu geben. 

„Weiter muß auch alle zwei bis drei Wochen eine 24 ständige Ruhe¬ 
zeit gewährt werden, bzw. noch besondere sechs Nachtstunden. 

„Gehilfen und Lehrlinge unter 16 Jahren dürfen in der Zeit von zehn 
Uhr abends bis sechs Uhr morgens nicht beschäftigt werden; weibliche 
Personen zwischen 16 und 18 Jahren nicht zur Bedienung von Gästen in 
dieser Zeit. 

„Die Durchführung dieser Anordnung ist durch angeordnete Revisionen 
sichergestellt. 

„Daß die Angestellten der Restaurants selbst den Wunsch nach Besse¬ 
rung haben, zeigt folgende Zeitungsnotiz: 

„Der Verband der deutschen Köche hatte in einer Eingabe an die Reichs¬ 
regierung um reichsgesetzliche Regelung der Verhältnisse in den gastgewerb¬ 
lichen Küchen ersucht; es haben darauf auf Veranlassung der Reichsregierung 
Erhebungen stattgefunden, die jedoch die Notwendigkeit zu einem reichs¬ 
gesetzlichen Einschreiten nicht erkennen ließen. Auf Grund des Ergebnisses 
dieser Erhebungen hat das preußische Staatsministerium an sämtliche 
Polizeibehörden einen Erlaß gerichtet, in welchem es heißt, daß die in der 
Eingabe des Verbandes deutscher Köche behaupteten direkten Gesundheits¬ 
gefahren für das Küchenpersonal nicht bestehen. Immerhin seien aber 
gewerbliche Küchen mit mehr oder weniger erheblichen Mängeln angetroffen 
worden, und es habe sich unter anderem herausgestellt, daß die Lagen vieler 
Küchen, wenn sie sich in niedrigen und dunkeln Kellerräumen befinden, un¬ 
geeignet, der Luftraum für die einzelnen Angestellten ungenügend, die 
Lüftung unzureichend und die hierdurch beeinflußte Höhe der Temperatur 
der Gesundheit oft nachteilig sei. Im Hinblick auf die große Verschieden¬ 
heit der örtlichen Verhältnisse werde von der Erlassung allgemeiner Vor¬ 
schriften abgesehen, es erscheine vielmehr ausreichend, im Einzelfalle gegen 
Mängel bezüglich der Lage der Einrichtung der gewerblichen Küchen ein¬ 
zuschreiten bzw. solchen Mängeln vorzubeugen. Demgemäß sei den ge¬ 
werblichen Küchen von nun an eine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden 
und etwa zutage tretenden Mißständen abzuhelfen.“ 

„Tatsächlich ist auch das Wohnen des Gasthauspersonals in hygie¬ 
nischer wie moralischer Beziehung vielfach anfechtbar: im Keller, auf dem 
Dachboden, in irgend welchen Winkeln neben oder nahe den Klosetts, in der 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 85 

Küche, nach Geschlechtern und oft auch von den Gästen ungenügend ge¬ 
trennt, so unsauber, daß eine Reinlichkeit des Personals ganz unmöglich ist. 

„Die Fürsorge für das Wohnen des Gasthauspersonals ist eine 
ebenfalls wichtige hygienische Einrichtung. Kommt es einmal zuWohnungs- 
besuchskommissionen y 8o seien ihnen die Gasthäuser besonders empfohlen. 
Desgleichen schon jetzt den Kreisärzten bei den Ortsbesichtigungen und 
den WohnungBinspektoren. 

„Endlich ist hier wiederholt die Notwendigkeit zu betonen, dem Personal 
bequeme Gelegenheit zum Händewaschen zu geben. 

„Bei dieser Gelegenheit ist auch des Anzuges der Kellner zu ge¬ 
denken. Es macht ja einen zweifellos recht vornehmen Eindruck, wenn 
die Kellner eines feinen Restaurants in tadelloser Balltoilette, die einem 
Hofmann anstehen kann, erscheinen und sich unter die Gäste mischen, so 
daß man nicht vorher weiß, wer Gast, wer Kellner ist. Aber dieser Zustand 
ist doch nicht die allgemeine Regel. Es wäre daher eine weitere hygienische 
Einrichtung, wenn man dem Kellnerfrack, dem Träger so oft von „Urväter 
Unrat“, dessen Vergangenheit „woher er kommt der Fahrt“, meist in einer 
Art, die einem Lohengrin Ehre machen würde, unbekannt ist, ebenso wie 
anderen unmöglichen Anzügen deB männlichen Bedienungspersonals in Gast¬ 
häusern den Garaus machte und ihn durch waschbare Leinenkittel ersetzte« 
wie es die guten Restaurants, z. B. in Moskau, vereinzelt auch schon in 
Deutschland (vgl. z. B. Hotel Terminus in Saarbrücken) bereits längere Zeit 
haben. Man denke sich die Kellner eines Restaurants sämtlich plötzlich in 
blendendem Weiß und nach eifrig benutzter Waschgelegenheit mit sage und 
schreibe reinen Händen und Nägeln antreten, welch ein Zukunftsbild für 
den Hygieniker! 

„Gewissermaßen anhangsweise ist hier noch der Auswüchse zu ge¬ 
denken, welche, mit dem Gasthausgewerbe keineswegs organisch verbunden, 
sich gelegentlich damit vereint finden; es betrifft diejenigen Gastwirte, 
welche eine verkommene Abart ihrer Berufsgenossen bilden und ihr Lokal 
nicht in den Dienst des berechtigten öffentlichen Bedürfnisses nach Unter¬ 
kunft, Ernährung und Erfrischung, sondern des Lasters stellen, indem sie 
der Völlerei, zumal jugendlicher oder dem Trünke ergebener Personen, der 
Hehlerei, der Prostitution und Kuppelei, dem gewerbsmäßigen Glücksspiel, 
dem Unterschlupfe lichtscheuen Gesindels Vorschub leisten und darin ihren 
unehrlichen Verdienst finden. Gegen solche Lokale, die auch hygienisch 
interessieren, ist scharfe Polizeiaufsicht und Konzessionsentziehung am 
Platze. Besonders wichtig sind hier wieder die Wirtschaften mit weiblicher 
Bedienung, welche, im gewissen Gegensatz zu denen des Südens, im Norden 
unseres Vaterlandes vorwiegend einen unsoliden Hintergrund haben, mangel¬ 
hafte Speisen und Getränke führen und für alt und besonders jung gefähr¬ 
lich sind in moralischer wie hygienischer Beziehung. Alle Bestrebungen, 
diese Wirtschaften sowie insbesondere auch die darin beschäftigten Kellne¬ 
rinnen zu heben, sind unserer lebhaften sozialhygienischen Unterstützung 
durchaus wert. 

„Manche örtliche Polizeiverwaltungen sind hier selbständig vorgegangen. 
So bestimmt eine Polizeiverordnung von Neviges im Regierungsbezirk 
Düsseldorf vom 8. Mai 1903 für die Scbankwirtschaften mit Kellnerinnen u. a. 


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86 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öflentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

recht gut: Alle versteckten Plätze sind zu vermeiden. — Der Betrieb ist nur 
von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends gestattet. — Ein Verzeichnis der an- 
gestellten Kellnerinnen ist dem Polizeibureau einzuliefern. — Minderjährige 
dürfen ohne schriftliche Erlaubnis des Vaters bzw. Vormundes nicht an¬ 
genommen werden. — Die Kellnerinnen dürfen nicht zum Essen oder Trinken 
anlocken, nicht an den Gasttischen Platz nehmen usw. — müssen im Hause 
des Wirtes wohnen, dürfen sich zwischen 10 Uhr abends und 8 Uhr morgens 
nicht in den Wirtschaftsräumen aufhalten — für ihr Wohnen gelten die 
Bestimmungen über Quartiergänger u. dgl. 

„Möchte diese Verordnung recht viele Nachfolger Anden! 

„Wirksam würde es aber wohl noch sein, wenn diese Sache nicht bloß 
der Polizei überlassen, sondern auch von der privaten Wohlfahrts- und 
Liebestätigkeit in die Hand genommen wird; die Frauenvereine haben 
hier bereits manches Interesse gezeigt und können in der Tat weiter viel 
nützen; insbesondere durch Eingreifen von Fall zu Fall werden die Frauen 
in ihrer praktischen ruhigen Weise auch hier gute Erfolge nach und nach 
erzielen. — 

„Man sieht, die hygienischen Gesichtspunkte für das Gasthausgewerbe 
sind zahlreich und wichtig, und hygienische Einrichtungen sind hier durchaus 
angebracht. Zu sondern ist natürlich nach Art, Ort und Umfang des Be¬ 
triebes; doch habe ich von derartigen Gliederungen, die selbstverständlich 
sind, abgesehen, da ich kein Gesetz zu entwerfen, sondern Gesichtspunkte* 
und zwar für eine im Ganzen einheitlich wenig bearbeitete Einrichtung, zu 
entwerfen mir vorgesetzt hatte. 

„Manches von dem Vorgebrachten ist hier und da eingeführt, auf 
manches wird gedrungen; Publikum und Polizei fordern Besserungen; die 
Wirte sehen das nicht immer gern, aber einsichtige gehen selbständig vor 
und ersinnen neue hygienische Einrichtungen. Vielleicht gründet einer ein¬ 
mal ein „Hygienegasthaus u oder ein „Restaurant zur Hygiene“ oder „Zur 
Keimfreiheit“ und führt ein, was nur irgend des Hygienikers Wunsch ist. Wir 
werden hoffen und auch glauben, daß dieser Wirt einen guten Zuspruch 
und Verdienst haben wird. Aber bis dahin und zumal bis zur Aus¬ 
breitung solcher Gasthäuser wird noch mancher unsaubere Frack aus dem 
Trödlerladen in die armselige Kellnergarderobe wandern, wird noch mancher 
Gast unter bakterienreicher, zur Bedeckung vieler Vorgänger benutzter 
Wolldecken im ventilationsarmen Hotelzimmer schlafen, wird noch mancher 
sonstige Mißstand bleiben und noch manche Krankheit im Gasthause entstehen. 

„Die besondere Ausbildung eines Kapitels „Gasthaus¬ 
hygiene“ liegt also im allseitigen Interesse. 

„Zum Schluß möchte ich noch einige privathygienische Winke 
für Gasthausbesucher geben, welche auf Reinlichkeit besonders halten 
und sich vor Schädigungen bewahren wollen. Ambrosius Lehmann sagt 
in seinem Reisehandbuche des 18. Jahrhunderts: „Der Reisende soll sich 
einen Wachsstock in einer blechernen Büchse nebst einem fertigen Feuer¬ 
zeug und nebst seinem Gewehr des Abends vor sein Bett hinlegen, um es 
bei der Hand zu haben, wenn man es braucht; auch Schlösser soll er mit¬ 
nehmen, denn die Schlafkammern haben meist weder Schloss noch Riegel.“ 
Das war allerdings zu einer Zeit, in der er sagen konnte: „Reisen ist eine 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 87 

Sache, die man Zeit seines Lebens nur einmal macht.“ Hente ist das ganz 
anders, aber folgendes erscheint immer noch angebracht zu empfehlen: 

„Man meide, soweit es nur irgend geht, unsaubere und unordentliche 
Gasthäuser; die Sparsamkeit darf nicht dazu führen, seine Gesundheit aufs 
Spiel zu setzen. 

„Um nicht unreinem Bettzeug ausgesetzt zu sein, nehme man einen 
dünnen, leinenen 8chlafsack und einen Bezug oder Belag für das Kopfkissen 
oder auch ein kleines Gummikissen mit sich. 

„Da die Hausdiener mit derselben Kleiderbürste alle Kleider reinigen 
bzw. eigentlich nur überbürsten, so führe man eine eigene Bürste mit sich. 

„Auch in Hotels lasse man sich nicht „auf die Stiefel spucken u , sondern 
nehme Schuhkreme und Putzzeug mit, zumal wenn man in Gegenden reist, 
wo der „gebildete Hausknecht" noch nicht vorkommt. 

„Um vor hämorrhoidenerzeugendem Zeitungspapier ganz sicher zu sein, 
habe man stets Klosettpapier bei sich. 

„Eine weitere gute Reisebegleiterin ist eine Zitrone (zum Reinigen 
des Mundes, der Hände, Ansäuern des Wassers); nach einer schweren 
Mahlzeit hilft nichts so sicher über Verdauungsbeschwerden hinweg wie 
Zitronensaft. Eventuell geht auch etwas Zitronensäurepulver. Auch 
kann man mit Apfelsinen- und Zitronenschalen oder -Stückchen 
sich die Zähne gut abreiben. 

„Wo das Wasser nicht ganz sicher ist, verwende man den Morgen¬ 
oder Mittagskaffee oder Rotwein, natürliches Mineralwasser, Tee, gekochtes 
Wasser zum Mundreinigen. Gereinigte Watte kann als Zahnbürste dienen. 
Um sich von unreinen Gläsern zu emanzipieren, führe man auch ein Glas 
oder einen zusammenlegbaren Becher mit sich. 

„Man wasche zum mindesten das nicht zu schälende Obst vor dem Ge¬ 
nüsse; doch Achtung vor dem Wasser! Event, trockenes Abreiben des Obstes. 

„Man schone nicht allzu sehr die Wäsche, Tischtuch und Servietten 
des Gasthauses dort, wo das regelmäßige Auswaschen der Wäsche nicht 
sicher ist, damit ein wirkliches Durchwaschen erforderlich wird. 

„Ebenso vernichte man da Zahnstocher und Strohhalme zum Aufsaugen 
von Eiskaffee, Cocktail usw., um ihre Wiederbenutzung zu verhindern. 

„Um sich tunlichst zu emanzipieren, führe man auch Papierservietten 
mit sich. 

„Auch ist der Gebrauch von Papierwäsche (Kragen, Manschetten, 
Vorhemden, eventuell Taschentücher) auf Reisen sehr empfehlenswert, um 
Mitschleppen schmutziger Wäsche und Waschen in unreinen Wässern und 
bei unreinen Wäscherinnen zu vermeiden. 

„Man speise tunlichst an kleinen Tischen, nicht an der großen Table 
d’hote in der Nähe von ihrem Gesundheits- und Reinlichkeitszustande nach 
unbekannten, nach vorn und den Seiten Speicheltröpfchen entsendenden 
Personen. 

„Man beteilige sich nicht an dem reichlichen Fleischgenuß und dem 
unnötigen Trinken bei Tische, zumal alkoholischer oder alkalischer Getränke; 
Bondern man sättige sich, eventuell k la carte, unter gehöriger Würdigung 
der Gemüse und Früchte; besonders wer nach der Mahlzeit leistungs- oder 
genussfähig bleiben will, sei mäßig im Essen und Trinken. 


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88 XXVJII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Man führe Gläser und Tassen so zum Munde, wie es die Mehrheit 
der Menschen nicht tut. 

„Das Mitnehmen eigener Bestecks, das eigene Nachreinigen des Geschirrs 
und der Bestecks vor dem Gebrauche ist in zweifelhaften Gasthöfen sehr zu 
empfehlen, wenn es auch nicht gern gesehen wird. Zumal wo Hunde geduldet 
werden oder man sonst irgend Mißtrauen in die volle Reinlichkeit hat, speise 
man auf seinem Zimmer; man kann da die erforderlichen Nachreinigungen 
ungeniert vornehmen. 

„Muß man zu gemeinsamer Tafel gehen und da verschiedenen Leuten 
die Hand schütteln, so ziehe man sich vorher Handschuhe, am besten rein 
gewaschene, an und behalte sie auf, bis man sich gesetzt hat; man verun¬ 
reinigt sich da nicht die Hände unmittelbar vor dem Essen. 

„Zweckmäßig führt man ein Päckchen feiner Holzzahnstocher mit sich. 

‘ „Man esse und trinke in zweifelhaften Gastwirtschaften am besten über¬ 
haupt nichts oder, wenn es nicht zu umgehen ist, nur etwas, was nicht gut 
verunreinigt werden kann. Am besten sind in der Schale gekochte Eier; 
dann geht allenfalls das Innere einer unbeschädigten Semmel oder eines 
solchen Brotes. Zu vermeiden sind da ganz besonders alle aus Resten her¬ 
gestellten und alle mit scharfen Saucen servierten Speisen, wie Ragouts, 
Hachees, Fischsalate, Gulasch, Zrasy, Pasteten und wie alle die hochtönenden 
Namen für oft ausrangierte Dinge lauten mögen; gefürchtet sind auch Krebs- 
und Hummersuppen. 

„Man nehme nicht die stundenlang im Lokal oder auf dem Büfett 
herumstehenden oder herumgetragenen, allen Verunreinigungen durch 
Sprechende, Rauchende, Hände, Fliegen, Staub ausgesetzten Brötchen, Kuchen, 
Rettichschnitte, Koteletts u. dgl. 

„Man bediene sich zum Rauchen nicht der frei dargebotenen, oft un¬ 
sauberer Herkunft entstammenden Papierzigarrenspitzen, sondern führe 
eventuell eigene Spitzen mit sich. 

„Am Büfett nehme man die gewählten Sachen selbst, aber fasse nichts 
an, was man nicht behalten will; denn: 

„Was du nicht willst, das dir geschieht, 
das tu auch keinem andern nicht!“ 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Diskussion. 

Kreisarzt Dr. Steinberg (Hirschberg) will auf Grund seiner Er¬ 
fahrungen im Kreise Hirschberg mit seinem entwickelten Verkehr und seinen 
überaus zahlreichen Sommerfrischen einige ergänzende Bemerkungen zu 
dem Referat hinzufügen. 

Aus Gasthäusern die an ansteckenden Krankheiten Leidenden heraus¬ 
zubringen, gelinge bei ihnen meist ohne Schwierigkeit, da sich der Gastwirt 
in der Regel selbst die für ihn unangenehmen Folgen klar mache. Und mache 
einmal ein Gastwirt Schwierigkeiten, so genüge es, ihn vor die Alternative 
zu stellen, daß entweder der Kranke anderweitig untergebracht oder der 
Gasthausbetrieb geschlossen werde. Hierzu sei allerdings das Vorhandensein 
genügender Krankenhäuser nötig, wie dies in seinem Amtsbezirk in außer¬ 
ordentlich hohem Maße der Fall sei. 


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Hygienische Einrichtungen der Gasthäuser und Schankstätten. 89 

In betreff Wasserversorgung und Abwässerbeseitigung könne vor unvoll¬ 
kommener Nachahmung städtischer Verhältnisse nicht dringend genug ge¬ 
warnt werden. Der Sommergast wünscht auch auf dem Lande dieselben Be¬ 
quemlichkeiten zu finden, die er daheim habe, und frage daher mit in erster Linie 
nach Wasserleitung und Spülklosett. Die Wasserleitung verschaffe sich der Wirt 
dadurch, daß er aus seinem Brunnen mittels Rohrleitung und Druckpumpe 
das Wasser in einen kleinen Behälter unter Dach hebe und von dort aus 
sein Haus versorge. Dieses Wasser sei selbstverständlich nur dann ein¬ 
wandfrei, wenn der Brunnen einwandfrei sei, nicht aber, wenn aus ihm die 
Nachbaren ihr Wasser mit Kannen schöpfen, oder wenn er gar als Keller 
zum Kühlhalten von Milch und Butter benutzt werde. Ebenso bedenklich 
sei es, wenn der Wasservorrat nicht ausreiche, und das Spülwasser für die 
Küche durch eine zweite Leitung unmittelbar dem Bach entnommen werde. 
Die Größe der Gefahr bei einer so beschaffenen Wasserversorgung erhelle 
ohne weiteres, wenn man sich die Art der Abwässerbeseitigung ansehe. 
Aach auf dem Lande habe das Spülklosett seinen Einzug gehalten, und fraglos 
setze es den Wirt instand, alles aufs schnellste zu beseitigen, was er 
nicht im Hause behalten wolle. Nun das sei in einem großen Hotel sehr 
viel und solle doch beseitigt werden; aber wohin? Mache man sich klar ein 
dicht besiedeltes Gebirge mit wenig Flußläufen und noch weniger aufnahme¬ 
fähigem Boden. An Rieselfelder sei nicht zu denken, und die Abfuhr der 
Fäkalien während der Fremdenzeit mache die größten Schwierigkeiten. 
Da behelfe sich der Wirt viefach damit, sich eine große Grube herzustellen, 
in die sämtliche Abwässer hin ein geleitet werden, und lasse die nach seiner 
Ansicht „geklärten" Abwässer an der anderen Seite einfach überlaufen. 
Selbstverständlich sei, daß hierdurch die Fäkalien mehr oder minder un¬ 
mittelbar in die Flüsse hineingeraten oder versickern, so daß man dann die 
schönste Sickergrube habe. Das Gesagte gelte natürlich nicht von allen 
ländlichen Hotels, man habe dort vorzügliche Hotels in nicht geringer Zahl, 
und es liege ja auch im Interesse des Wirts, für die Gesundheit seiner Gäste 
zu sorgen. Aber man dürfe doch nicht verkennen, daß, wenn ein Hotel gute 
hygienische Einrichtungen habe, dann viele Konkurrenten es mit möglichst 
geringen Unkosten nachzuahmen suchen, und nachgeahmt werde selbst¬ 
verständlich in erster Linie das Äußerliche, was dem Laien an diesen Ein¬ 
richtungen auffalle, ohne Rücksicht darauf, ob im Einzelfalle auch wirklich 
das Endergebnis einwandfrei sei. Es müsse deshalb seitens der Hygieniker 
mit Nachdruck gefordert werden, daß in Gasthäusern die Herkunft des 
Trinkwassers und des Küchenspülwassers völlig einwandfrei sei, und daß die 
Herstellung von Spülklosettanlagen nur dann gestattet werde, wenn die end¬ 
gültige Beseitigung der Abwässer den Grundsätzen der Gesundheitspflege 
entspreche. 

Stadtverordneter Dr. phil. Scheven (Dresden) vermißt in den Aus¬ 
führungen des Herrn Referenten die besondere Betonung des Wassers als 
Trinkwasser. Wenn man es auch dem Wirt nicht verargen könne, daß 
er nicht für das Trinkwasser, das er unentgeltlich liefern müsse, besondere 
Propaganda mache, so sei es gerade Aufgabe von solchen Wirtschaften, 
welche nicht auf dem Prinzip des Gewinnes aufgebaut seien, sondern welche 


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90 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

naoh dem Prinzip der Gemeinnützigkeit bewirtschaftet würden, dafür zu 
sorgen, daß gutes Trinkwasser, wie man es jetzt in den deutschen Städten 
durch die Wasserleitungen überall finde, mehr zu Ehren komme. Der Ver¬ 
ein Volkswohl, dem er als Vorstandsmitglied angehöre, habe in seinen Volks- 
heimen die sehr praktische Einrichtung getroffen, daß neben dem Bierhahn, 
an dem der Gast sich sein Glas Bier abzapfen lasse, gleich ein Wasserhahn 
angebracht sei, wo jeder Eintretende unentgeltlich und ohne zu bitten von 
den danebenstehenden Gläsern Gebrauch machen könne, um sich ein Glas 
frischen Quellwassers dort gleich einzuschänken. Diese Einrichtung habe 
sich sehr bewährt, und auch von der Straße kommen häufig Kinder herein, 
um sich ein Glas Trinkwasser geben zu lassen. 

Schließlich wolle er nicht unterlassen, denjenigen Herren, die Interesse 
an der Gasthausfrage und auch wohl an der Alkoholfrage haben, zu emp¬ 
fehlen, sich auch mit den Veröffentlichungen und den Bestrebungen des 
Vereins „Gasthausreform a etwas bekannt zu machen, in dessen von Dr. Bode 
redigiertem Organ man viel Anregung finden werde, wie ein Gasthaus hygie¬ 
nisch, sozial und wirtschaftlich mustergültig zu behandeln und zu bewirt¬ 
schaften sei. 

Vorsitzender, Gflhoimorat Stübben: 

„Es hat sich niemand mehr zum Worte gemeldet. Die Verhandlung 
ist also geschlossen, und ich habe in aller Namen noch den herzlichen Dank 
auszusprechen für den so überaus sorgfältigen, ausführlichen Vortrag, in 
dem eine solche Menge von vortrefflichem Material zusammengestellt und 
uns dargelegt worden ist. Ich möchte für meinen Teil — und ich glaube 
auch in dem Sinne aller zu sprechen — die Hoffnung hinzufügen, daß 
aus dem Vortrage und aus dieser Verhandlung namentlich eine erhebliche 
Verbesserung gerade unserer Gasthöfe in Sommerfrischen und ähnlichen 
Orten hervorgehen möchte, über die oft sehr viel zu klagen ist. 

„Ich schließe damit die heutige Versammlung/ 


(Schluß der Sitzung 3 Uhr.) 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 


91 


Zweite Sitzung. 

Donnerstag, den 17. September, vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender, Gflheimerat Stübben eröffnet die Sitzung und stellt 
den dritten Gegenstand der Tagesosdnung zur Verhandlung: 

Die gesundheitliche Überwachung des 
Verkehrs mit Milch. 

Es lauten die von dem Referenten Professor Dr. Dunbar (Ham¬ 
burg) anfgestellten 

Leitsätze: 

1. Die derzeitigen städtischen Milchversorgungsverhältnisse genügen nicht 
den hygienischerseits zn stellenden Anforderungen. 

2. Aus der Tatsache allein schon, daß im Deutschen Reiche jährlich etwa 
150000 künstlich ernährte Säuglinge an dem Genüsse verdorbener Milch 
sterben, geht hervor, daß die Sanierung der Milch Versorgungsverhältnisse 
eine Aufgabe darstellt, die an Bedeutung keiner anderen Aufgabe der Städte¬ 
hygiene nachsteht. 

3. Bei dem hohen Entwickelungsstande der milchwirtschaftlichen Technik liegt 
die Möglichkeit vor, zur Versorgung der Städte mit einer allen gesund¬ 
heitlichen Anforderungen genügenden, insbesondere auch für die Kinder¬ 
ernährung geeigneten Milch zu demselben Preise, der zurzeit für die 
Marktmilch bezahlt wird. 

4. Daß diese Möglichkeit unbenutzt bleibt, liegt begründet in der auf Un¬ 
kenntnis beruhenden Gleichgültigkeit der städtischen Konsumenten und in 
der Tatsache, daß die städtischen Behörden noch keinen genügenden Ein¬ 
fluß auf die Milchproduktions- und Transportverhältnisse besitzen. 

5. Die übliche Überwachung des Milchverkehrs ist ungenügend. Die Unter¬ 
suchung von Milchproben, welche aus dem Verkehr entnommen werden, 
hat zwar den Nutzen, daß durch sie einer erheblichen Herabsetzung des 
Nährwertes der Milch und namentlich auch einer Anwendung von Konser¬ 
vierungsmitteln erfolgreich entgegengetreten werden kann. Für die Be¬ 
urteilung der Milch hat solche Untersuchung im übrigen aber nur den 
Wert, den die Untersuchung einer eingelieferten Brunnenwasserprobe haben 
könnte. Diese aber würde kein Hygieniker als ausreichende Grundlage 
anerkennen für die Beurteilung etwaiger Gesundheitsschädlichkeit des 
Brunnens, aus welchem die Probe stammte. Ebensowenig gibt uns die 
chemische, bzw. bakteriologische Untersuchung der aus dem Verkehr ent¬ 
nommenen Milchprobe einen genügenden Aufschluß über etwaige, am Pro¬ 
duktionsorte der Milch vorliegende Infektionsgefahr. 

6. Die Schwierigkeiten, welche einer einheitlichen Überwachung der ganzen 
Produktions-, Transport- und Verkehrsverhältnisse der für den städtischen 
Konsum bestimmten Milch entgegenstehen, sind auf reichsgesetzlichem Wege 
zu beseitigen. 

7. Diese Überwachung würde sich regeln lassen durch Einsetzen von Kom¬ 
missionen, in welche Mitglieder der Regierung, der Landwirtschaftskammern, 
sowie auch Vertreter der Städte zu entsenden wären. Den Kommissionen 


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92 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

müßte ein Landwirt, ein Tierarzt und ein Arzt angehören. Sie hätten den 
zuständigen Aufsichtsbehörden bei Lizenzerteilungen für den Milohhandel 
als beratende Instanz zur Seite zu stehen. 

8. Bis zur Erledigung der unter 6 und 7 bezeichneten Aufgaben sollten die 
städtischen Behörden es sich zur Pflicht machen, dafür zu sorgen, daß 
wenigstens für sämtliche künstlich zu ernährenden Säuglinge eine gesund¬ 
heitlich einwandsfreie Milch zum heutigen Preise der Marktmilch zur Ver¬ 
fügung steht. 

Referent: Professor Dr. Dnnbar: 

„Unser Vorstand hat mich mit dem Referat über ein Thema betraut, 
das bislang allzusehr zu denjenigen Aufgaben gerechnet wurde, die ihre 
Erledigung in dem Schoße einzelner Behörden, insbesondere der Polizei¬ 
behörden zu Anden hätten. Ich möchte den Versuch machen, Ihnen zu be¬ 
weisen, daß die Fragen, welche mit der städtischen Milch Versorgung Zu¬ 
sammenhängen , das Interesse und die Mitarbeit der weitesten Kreise 
erheischen, und Sie davon zu überzeugen, daß die Inangriffnahme der damit 
zusammenhängenden Arbeiten eine weitere Verzögerung nicht erleiden darf, 
wenn wir nicht zugeben wollen, daß Zustände weiter herrschen, die der 
Humanität Hohn sprechen und durch die unsere öffentliche Gesundheits¬ 
pflege, die sich, wie wir gestern von Herrn Geheimrat Gaffky gehört haben, 
nach verschiedenen Richtungen hin recht erfreulich gestaltet, auf einem sehr 
wichtigen Gebiete in einem recht bedenklichen Lichte erscheinen muß. Zur 
Begründung dieser meiner Meinung führe ich nur folgende Zahlen an: Im 
Deutschen Reiche werden jährlich etwa zwei Millionen Kinder geboren. Die 
Hälfte hiervon, vielleicht eine noch größere Zahl, wird nicht auf natürlichem 
Wege ernährt, an die Mutterbrust gelegt, sondern mit Kuhmilch künstlich 
großgezogen. Von diesen künstlich ernährten Säuglingen sterben jahraus 
jahrein nicht weniger als 150000 infolge des Genusses verdorbener Milch. 
Unser deutscher Nachwuchs wird also annähernd dezimiert infolge des un¬ 
zureichenden Standes unserer Milchversorgungsverhältnisse. 

„Angesichts dieser Zahlen und Tatsachen bedarf das Vorgehen unseres 
Vorstandes keiner näheren Begründung, der die Frage der Milchversorgung 
innerhalb vier Jahren zum dritten Male auf seine Tagesordnung setzte. 

„Die Sanierung unserer Milchversorgungsverhältnisse stellt ohne Zweifel 
eine der wichtigsten, wenn nicht die bedeutungsvollste Aufgabe der modernen 
Wohlfahrtsbestrebungen dar. Deshalb hat sie der Deutsche Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege mit großen Lettern auf seine Fahne geschrieben 
und er wird sie mit der ihm eigentümlichen Zähigkeit vertreten und verfolgen 
bis zum Ziele. Dieses Ziel konnte nach dem Gesamteindruck, den die 
Rostocker und Trierer Verhandlungen hinterließen, als noch in weiter Ferne 
liegend erscheinen. Gar zu sehr schien man sich davor zu scheuen, mangel¬ 
hafte Zustände zu tadeln und an Bestehendem zu rütteln. Herr Geheim¬ 
rat Löffler hat in seinem Rostocker Vortrage aber mit Recht hervorgehoben, 
daß der Hygieniker sich von seiner Aufgabe, die der Gesundheit nachteiligen 
Momente herauszufinden und aufzudecken und dadurch (Jie Möglichkeit zur 
Abhilfe zu schaffen, nicht abhalten lassen darf durch die Erwägung, daß er 
in der Verfolgung seines Zieles manchen verletzen und die vitalsten Inter¬ 
essen einzelner Erwerbszweige berühren könnte. Und wenn irgendwo, so 


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93 


Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 

wird rückhaltlose Offenheit gerechtfertigt erscheinen, wo es sich am die Er¬ 
örterung einer Aufgabe von solcher Größe und Bedeutung handelt, wie sie 
die Sanierung der städtischen Milchversorgungsverhältnisse darstellt 

„In den drei mörderischen Feldzügen, welche dev Einigung des Deut¬ 
schen Reiches voraufgingen, wurden im ganzen annähernd 56000 deutsche 
Jünglinge und Männer geopfert, wovon etwa 34 000 den erhaltenen Wunden, 
die anderen verschiedenen Seuchen erlagen. Noch heute erfüllt uns der 
Gedanke an diese herben Verluste mit dem Gefühle tiefsten Bedauerns, und 
doch, was bedeuten ihre Zahlen gegenüber der Tatsache, daß von den 
400000 Säuglingen, welche im Deutschen Reiche jährlich sterben, nicht 
weniger als 150000 an mangelhafter oder verdorbener Nahrung zugrunde 
gehen. Diese Ärmsten erleiden einen rühmlosen Tod. Sie verfallen dem 
Moloch unhygienischer Zustände, der seine Opfer mit Vorliebe aus der ersten 
Blüte der Menschheit fordert. 

„Wennessich darum handelt, diese entsetzliche Opferstätte auszurotten, 
muß man, meine ich, jede Rücksicht auf solche Sonderinteressen fallen 
lassen, die dem Fortschritt und der nach großen Gesichtspunkten aufgefaßten 
Humanität im Wege stehen könnten. 

„Die Aufgabe, die hier zu lösen ist, erscheint mir nicht weniger be¬ 
deutungsvoll als die großen sozialgesetzlichen Maßnahmen, welche dem 
Alter und der Invalidität Schutz und Schirm brachten und mit Recht als 
eine der größten Taten unseres ersten Kaisers betrachtet werden. Sie ist 
unzweifelhaft ebenso bedeutungsvoll wie der Kampf gegen die Tuberkulose, 
dem sich jetzt eine große Zahl von humanitären Bestrebungen beseelter 
Männer und Frauen Deutschlands unter der persönlichen Fürsorge unserer 
erhabenen Kaiserin widmen. 

„Von Generation zu Generation hat sich infolge der durchgreifenden 
Umwälzungen, denen unser soziales Leben unterlegen hat, die Möglichkeit 
zur natürlichen Ernährung der Säuglinge in zunehmendem Maße verringert, 
hat die Konstitution des größeren Teiles unserer Frauen eine Veränderung 
erfahren, welche die Mutter brüst zum Versiegen brachte. Für hinreichen¬ 
den Ersatz ist aber — wenigstens soweit die breitesten Schichten unserer 
städtischen Bevölkerung in Betracht kommen —, nicht gesorgt worden. Wir 
haben uns den veränderten Verhältnissen noch in keiner Weise angepaßt 
und müssen dafür innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches mit den 
erwähnten enormen Opfern an Menschenleben büßen. Die Tuberkulose 
fordert, wie wir gestern gehört haben, jährlich etwa 120000 Opfer. Für die 
Bekämpfung derselben werden schon jetzt im Deutschen Reiche jährlich 
mehr als 100 Millionen Mark aufgewendet und sind für die Zukunft, wie 
sich aus den Worten der Herren Geheimräte Gaffky und Kirchner ent¬ 
nehmen ließ, erfreulicherweise noch größere Aufwendungen zu erwarten. 
Zum Schutz unserer Säuglinge ist aber noch nichts getan, was im Hinblick 
auf die Bedeutung dieser Aufgabe an dieser Stelle überhaupt genannt 
werden dürfte. 

„Der statistisch nachweisbare Schade, den unsere Nation erleidet durch 
das große Säuglingssterben, das sich jahraus jahrein in unvermindertem 
Maße wiederholt, ist es nicht allein, der uns mit Entsetzen erfüllt, sobald 
wir uns diesen Verhältnissen zuwenden, sondern viel mehr noch ist es der 


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94 XXV11I. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Gedanke, daß jährlich 150000 Mütter aus vermeidbaren Ursachen ihr Kind 
verlieren, das in vielen Fällen der einzige Lichtblick war, der sich ihnen in 
ihrem bedrängten Dasein bot. 

„Wenngleich ich über die gesundheitliche Überwachung des gesamten 
Milchverkehrs zu referieren habe und nicht allein über die Versorgung der 
Säuglinge mit gesunder Milch, so hebe ich diese letztere doch so sehr her¬ 
vor und betone ich sie so stark, weil sie mir zurzeit noch als der Kern der 
ganzen Milchversorgungsfrage erscheint. Sind erst die Grundlagen für eine 
unseren heutigen Kenntnissen und dem derzeitigen Stande der milchwirt¬ 
schaftlichen Technik entsprechende Milchversorgung für die künstlich zu 
ernährenden Säuglinge geschaffen, so werden damit alle übrigen mit der 
städtischen Milchversorgungsfrage zusammenhängenden Fragen ihre Erledi¬ 
gung ohne weiteres gefunden haben. Die ganzen mit der städtischen 
Milchversorgungsfrage zusammenhängenden Aufgaben spitzen sich auf die 
Frage zu, wie könnten wir es ermöglichen, die künstlich zu ernährenden 
Säuglinge, welche in unseren großen Städten die Hälfte, ja bis zu zwei 
Drittel der gesamten Säuglingszahl ausmachen, mit einwandfreier Milch zu 
versorgen. 

„Ich meine, es müßten doch wohl Schwierigkeiten ganz besonderer Art 
sein, welche uns an der Erfüllung derjenigen Pflichten hindern könnten, die 
uns aus dem geschilderten großen Säuglingssterben erwachsen. 

„Bei näherem Zusehen stellt sich aber heraus, daß diese Schwierigkeiten 
in gar keinem Verhältnis stehen zu der Bedeutung der zu lösenden Auf¬ 
gabe. Mir will scheinen, als ob sich selten eine Gelegenheit geboten hätte, 
so Großes, wie hier zu leisten ist, mit so geringer Mühe zu verwirklichen. 
Die reife Frucht fällt uns fast in den Schoß von einem Baume, der, vor mehr 
als drei Jahrzehnten gepflanzt, von den Städten fast unbemerkt heran¬ 
gewachsen ist und herrliche Blüten und Früchte getrieben hat. 

„Auf milchwirtschaftlichem Gebiete sind im Laufe der letzten Jahr¬ 
zehnte eminente Fortschritte zu verzeichnen gewesen. Die erzielten Erfolge 
sind aber der städtischen Milchversorgung bislang nur in recht dürftigem 
Maße zugute gekommen. 

„Man pflegt wohl darauf hinzuweisen, daß bis zu 90 Proz. derjenigen 
Produzenten, welche unsere Städte zurzeit mit Milch versorgen, kleine 
Bauern seien, welche nicht die Mittel besäßen, die für die Verbesserung 
ihrer Anlagen und für die Beschaffung der notwendigen apparativen Ein¬ 
richtungen erforderlich sein würden. Sind wir denn aber gehalten, gerade 
diejenigen Produkte zur Deckung des städtischen Milchbedarfs zu verwenden, 
die sich unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen ergeben? Damit 
würden wir geradezu erklären, daß uns das Schlechteste gut genug ist, 
während das Beste kaum eben ausreichen kann, um die Lücke auszufüllen, 
welche durch die starke Abnahme der natürlichen Ernährung unseres Nach¬ 
wuchses entstanden ist. 

„Wir sind gewohnt, zu hören, daß die Milch für die ärmere städtische 
Bevölkerung zu teuer werden würde, wenn man auch bei den für sie be¬ 
stimmten Produkten die Erfüllung aller hygienischen Forderungen verlangte. 
Ich bin aber der Überzeugung, daß wir eine gesundheitlich unschädliche 
Milch erhalten könnten, ohne überhaupt höhere Preise zu zahlen, als die- 


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95 


Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 

jenigen sind, die heute die ärmere Bevölkerung für schlechte Milch zu 
zahlen hat. 

„Bis vor etwa 30 Jahren hätten Bedenken nach dieser Richtung wohl 
noch gerechtfertigt erscheinen können, zurzeit fehlt ihnen aber jedweder 
Schein der Berechtigung. 

„Die Frage, ob eine gesundheitlich einwandfreie Milch ohne Erhöhung 
des derzeitigen Preises der Marktmilch tatsächlich zu beschaffen sei, ist von 
fundamentaler Bedeutung för unser Thema. Ich bitte deshalb mir gestatten 
zu wollen, daß ich auf den Entwickelungsgang, den die milchwirtschaftlichen 
Verhältnisse in Deutschland genommen haben, etwas näher eingehe. 

„Vor reichlich 20 Jahren hatte ich als Eleve auf einem größeren Gute 
Gelegenheit, einen gründlichen Einblick in die damals herrschende Molkerei¬ 
technik zu gewinnen. Unvergeßlich bleibt mir die unsaubere Magd, die 
mit ihrem besudelten Stühlchen, einem Eimer von zweifelhafter Reinheit 
und einer Laterne ausgerüstet, sich in aller Frühe in den dunkeln Stall be¬ 
gab, die in ihrem Kote lagernden, mit dicken Kotkrusten an den Schenkeln 
und am Bauche behafteten Kühe aufstörte und ohne weitere Formalitäten 
an ihr Melkgeschäft ging. Damals konnte solches noch als das typische 
Bild der herrschenden Meiereiverhältnisse gelten. Heute ist es, wenn auch 
noch nicht eine seltene Ausnahme, so doch, Gott sei Dank, auch nicht mehr 
die Regel. 

„Im Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts, also vor reichlich 
30 Jahren, hat der Altmeister auf milch wirtschaftlichem Gebiete, Benno 
Martiny, begonnen, auf die wachsende Bedeutung hinzuweisen, welche der 
Milchwirtschaft für die deutsche Landwirtschaft zukäme. Seit der genannten 
Zeit hat er mit nie ermüdendem Eifer gegen die eben skizzierten verwahr¬ 
losten Zustände mit Wort und Schrift gekämpft. Er gründete die Danziger 
„Milchzeitung“, die er als Organ für seine Bestrebungen benutzte, und unter 
seiner Beteiligung und Anregung entstand im Jahre 1874 zu Bremen der 
„Deutsche milch wirtschaftliche Verein 4 , als dessen hervorragende Mit¬ 
glieder Herr ökonomierat Boysen und Herr Geheim rat Fleischmann, 
sowie deren Mitarbeiter unentwegt auf die Verbesserung der milchwirtschaft- 
licben Verhältnisse hinwirkten, und zwar in erster Linie nicht sowohl aus 
ideellen und rein hygienischen Gesichtspunkten heraus, sondern im finan¬ 
ziellen Interesse der Landwirte selbst. Sie suchten den Landwirten be¬ 
greiflich zu machen, daß die Bestrebungen zur Hebung der Milchproduktion 
nicht sowohl auf eine bloße Vermehrung der Kopfzahl des Milchviehbestandes 
binauslaufen dürften, sondern daß es Mittel und Wege gäbe, die Erträgnisse 
jeder einzelnen Kuh zu vergrößern und sogar auf das Mehrfache des bis 
dahin geltenden Durchschnittes zu bringen durch sachgemäße Auswahl der 
Milchkühe, Pflege und Ernährung derselben, reinliche Gestaltung des Melk¬ 
geschäftes und sachgemäße Behandlung der gewonnenen Milch. 

„Sie wiesen nach, daß die praktisch noch überall zur Geltung kommende» 
althergebrachte Auffassung, als ob der Kuhstall die beste Düngerlagerungs¬ 
stelle sei, fallen müsse. Wenn die Kühe unausgesetzt auf dem fuß-, ja 
meterhoch unter ihnen sich ansammelnden Dünger stehen oder liegen und 
wenn sie die Ausdünstungen dieser monatelang unter ihnen lagernden, sich 
faulig zersetzenden Fäkalien atmen müssen, so wird dadurch nachgewiesener- 


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96 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

maßen nicht nur ein nachteiliger Einfluß auf die Größe der Milcherträgnisse 
ausgeübt, infolge herabgesetzter Freßlust der Kühe, sondern solche Auf¬ 
stallungsart bringt naturgemäß auch die Erkrankungsgefahr der Kühe mit 
sich und damit einhergehende finanzielle Verluste. Auch erleidet selbst¬ 
verständlich die Reinlichkeit des ganzen Melkgeschäftes unter solchen Stall¬ 
verhältnissen große Einbuße, und diese wieder wirkt ungünstig auf die Halt¬ 
barkeit und damit auf die Verwertbarkeit der Milch zurück. 

„In früheren Jahrzehnten galt es als ein gar nicht seltenes Vorkommnis, 
daß sich in der Milch bestimmter Kuhhaltungen ZersetzungsVorgänge ver¬ 
schiedenster Art epidemisch einnisteten, die man als Milchkrankheiten be- 
zeichnete. Die Milch solcher Stallungen nahm beim Stehen alsbald eine 
blaue, rote oder andere Farbe an, bedingt durch die Wucherung gewisser 
Bakterienarten in ihr. Diese, wie auch andere Fehler, welche die Milch 
fast unverkäuflich machten, waren Jahre hindurch aus den betreffenden 
Stallungen nicht auszurotten. Solche Vorkommnisse sind mit Geschick be¬ 
nutzt worden, um die Landwirte immer wieder darauf hinzuweisen, daß eine 
Sanierung der Milchproduktions Verhältnisse und damit eine Steigerung der 
finanziellen Erträgnisse ohne Sanierung der Kuhställe überhaupt undenkbar sei. 

„Wenn auch die vorhin geschilderte Aufstallungsart noch nicht voll¬ 
ständig aus der Welt geschafft ist, so kann sie doch heute, wie ich schon 
erwähnte, bei weitem nicht mehr als die Regel gelten. Man trifft selbst in 
kleinen Bauernhöfen jetzt schon Stallkonstruktionen an, welche verhindern, 
daß die Kühe sich mit ihrem Euter in ihre eigenen Fäkalien legen, und man 
sieht tatsächlich selbst in kleineren Gehöften schon Bestände von Kühen, 
die jederzeit reinlich aussehen und frei sind von den ekelerregenden, die 
ganzen Hinterschenkel bedeckenden, trockenen Kuhfladen, deren Vorhanden¬ 
sein früher als selbstverständlich galt. 

„Auch diejenigen Bestrebungen der milchwirtschaftlichen Vorkämpfer 
sind nicht ohne Erfolg geblieben, welche auf eine rationelle Gestaltung der 
Fütterungs- und Tränkvorrichtungen in den Kuhställen, auf eine gute Ven¬ 
tilation und auf sonstige hygienische Vervollkommnungen hinauszielten. 

„Ich will Sie heute nicht ermüden durch ein näheres Eingehen auf 
alle die hygienisch-tierärztlichen Anforderungen, welche an die Ausgestaltung 
der Kuhstallungen gestellt werden sollten und könnten. In dem unter 
Leitung des Herrn Physikus Sieveking für die hamburgische hygienische 
Milchausstellung geschriebenen Werke „Die Milch und ihre Bedeutung für 
Volkswirtschaft und Volksgesundheit 44 finden Sie nicht nur lesenswerte Aus¬ 
führungen über Stallhygiene, sowie auch über andere Fragen, die uns noch 
zu beschäftigen haben werden, sondern auch reichliche Literaturnachweise. 

„Die eminent wichtigen und angesichts der bestehenden starken Durch¬ 
seuchung unseres ganzen Milchviehbestandes sehr zeitgemäßen Bestrebungen 
zur Sanierung der Milchkuhbestände, insbesondere zur Tilgung der Rinder¬ 
tuberkulose, entwickeln sich erfreulicherweise in zunehmendem Maße zu 
einer rein wirtschaftlichen Frage. Nachdem der Landwirt das erst einge¬ 
sehen hat, können wir mit Bestimmtheit auf eine weitere energische Ver¬ 
folgung dieser Bestrebungen rechnen, durch welche eine der wichtigsten 
hygienischen Forderungen, die regelmäßige, gründliche tierärztliche Unter¬ 
suchung des Milchviehbestandes, erfüllt werden dürfte. 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 97 

„Zwei Errungenschaften der Neuzeit haben umwälzend auf die milch- 
wirtschaftlichen Verhältnisse und zugleich vorbereitend für die Sanierung 
der städtischen Milchversorgung gewirkt, die Einführung der Milchkühlung 
und die Zentrifuge. Auch diese beiden Neuerungen verfolgten zunächst 
lediglich wirtschaftliche Zwecke, sie haben sich aber ebenfalls sanitär von 
unberechenbarem Nutzen erwiesen. Die Anregung zur Einführung des 
Kühlverfahrens in den milchwirtschaftlichen Betrieb wird auf den schwe¬ 
dischen Gutsbesitzer Swartz zurückgeführt. Die Milchzentrifuge verdanken 
wir dem deutschen Ingenieur Lefeldt. 

„Die Bedeutung der Milchkühlung wird uns klar, wenn wir bedenken, 
daß die Milch ein ausgezeichnetes Nährmedium für Bakterien aller Art ist,* 
nicht allein für die sogenannten Saprophyten, sondern auch für wichtige 
Krankheitserreger, wie z. B. Typhusbazillen. Schon in den Ausführungs¬ 
kanälen der Zitzen, wo hinein sie von außen dringen, treten Bakterien mit 
der Milch in Berührung. Beim Melkgeschäft gelangen von den Händen 
der Melkenden, von dem Kuheuter, von der Bauchhaut der Kühe, sowie 
auch aus der oft staub- und bakterienreichen Luft des Stalles weitere Mikro¬ 
organismen in sie, und bei jeder folgenden Manipulation kommen in den 
vorher nicht ausgekochten Geräten und Gefäßen weitere Mikroorganismen 
in die Milch. 

„Die Milch verläßt die Kuh mit einer Temperatur, welche gerade die 
günstigsten Bedingungen für die Vermehrung aller dieser Bakterien bietet* 
Kühlt man sie aber nach der Gewinnung möglichst annähernd auf den Ge¬ 
frierpunkt ab, so sistiert man dadurch das Wachstum der weitaus größten 
Zahl dieser Bakterien und dadurch zugleich die Zersetzung, welche durch 
die Bakterienentwickelung sonst bewirkt wird. Hierin liegt die große Be¬ 
deutung des Milchkühlverfahrens, das inzwischen durch Helm, Casse und 
andere vervollkommnet ist und ohne Zweifel einer großen Zukunft ent* 
gegensieht. 

„Wenn es durch das Kühlverfahren gelingt, der Zersetzung der Milch 
anch nur für einen Tag entgegen zuwirken, so liegt darin schon ein großer 
sanitärer Gewinn. Den Städtern würde dadurch die Möglichkeit gegeben 
werden, sich in ihren Bezügen etwas unabhängiger zu stellen und die Milch, 
wenn nötig, aus größeren Entfernungen zu beziehen, als es ohne Kühlung 
möglich wäre. 

„Auch auf das Melkgeschäft könnte die allgemeine Einführung eines 
rationellen Kühlverfahrens reformierend wirken. Zurzeit erfolgt das erste 
Melken in den frühesten Morgenstunden, fast zur Nachtzeit, sehr häufig im 
dunkeln Stall, also unter Verhältnissen, welche eine reinliche Durchführung 
dieses wichtigen Geschäftes kaum zulassen. Dieser Brauch leitet sich zum 
Teil daher ab, daß der Produzent bestrebt ist, die Milch so früh nach der 
Stadt zu liefern, daß sie dort schon für das erste Frühstück zur Verfügung 
steht, zum Teil freilich aber auch daher, daß es für nötig erachtet wird, das 
Melkgeschäft zu erledigen, ehe die mit Verunreinigungen mancher Art ein¬ 
hergehende erste Fütterung der Kühe erfolgt. 

„Der Hygieniker könnte sich prinzipiell damit einverstanden erklären, 
daß die Abendmilch, sofern sie einer rationellen Kühlung unterworfen wurde, 
erst am folgenden Morgen zum Konsumenten gelangt. Zurzeit schon er- 

Vierteljehreechrift für Gesundheitspflege, 1904. 7 


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98 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

hält der Konsument in der Regel nicht die reine Morgenmilch, sondern ein 
Gemisch der inzwischen aufgerahmten und entrahmten Abendmilch mit der 
Morgenmilch. 

„Die Forderung, daß das Melkgeschäft im hellen Stalle, womöglich bei 
Tageslicht, erfolgt, auf die der Hygieniker den größten Wert legen muß, 
wurde hierdurch für viele Fälle leichter erfüllbar werden. Wo das nicht 
der Fall ist, da wird der Hygieniker auf ausreichende künstliche Beleuch¬ 
tung des Kuhstalles dringen müssen. 

„Die Einführung des Kühl Verfahrens erfolgte nicht aus hygienischen, 
sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Dasselbe sollte günstige Bedingungen 
für den Aufrahmungsprozeß schaffen. Durch die Einführung der Zentrifuge 
ist aber die Notwendigkeit fortgefallen, die Milch zwecks Abscheidung des 
Fettes längere Zeit stehen zu lassen. Durch sie vermag man die Entrahmung 
schon sofort nach der Gewinnung in jedem gewünschten Maße, ohne nennens¬ 
werten Zeitverlust, zu vollziehen. Dieser Vorteil kommt in sanitärer Be¬ 
ziehung direkt mehr den Nebenprodukten, dem Rahm, der Magermilch, der 
Buttermilch und der Käsebereitung, zugute, nicht aber der städtischen 
Versorgung mit Vollmilch. Indirekt hat aber die Zentrifuge auch nach 
dieser Richtung hin in eminenter Weise vorbereitend gewirkt. Ihre Ein¬ 
führung war zu kostspielig, als daß jeder kleine Milchproduzent die Zentri¬ 
fuge für sich allein hätte zur Anwendung bringen können. Martiny und 
seine Mitarbeiter haben die Milchproduzenten deshalb auf die Gemeinsam¬ 
keit ihrer Interessen hingewiesen und auf ihren Zusammenschluß zu Ge¬ 
nossenschaften hingewirkt, und zwar mit dem Erfolge, daß zurzeit schon 
mehrere tausend Molkereigenossenschaften in Deutschland existieren. 

„Der ganze wirtschaftliche Segen, den die Gründung von Zentral¬ 
molkereien in sich barg, konnte erst in vollem Maße in Erscheinung treten, 
nachdem noch weitere ergänzende Schritte getan und gewisse Schwierig¬ 
keiten überwunden waren, auf die ich jetzt eingehen möchte. 

„In den Molkereien pflegt man die Milch mittels Zentrifuge sofort za 
entrahmen, den Rahm zur weiteren Verarbeitung zurückzubehalten, die 
Magermilch aber dem Produzenten zur eigenen Verwendung zurückzugeben. 
Enthielt nun die angelieferte Milch auch nur eines einzigen Gehöftes Krank¬ 
heitserreger, wie z. B. diejenigen der Maul- und Klauenseuche, Tuberkulose 
oder des Typhus, so wurden diese der ganzen Tageslieferung der betreffen¬ 
den Molkerei sofort mitgeteilt und in der Magermilch über sämtliche Gehöfte 
der genossenschaftlichen Produzenten verbreitet. Auf Grund von mancher¬ 
lei bedauernswerten Vorkommnissen solcher Art hat man sich entschließen 
müssen, die Milch einer Art Desinfektionsprozeß zu unterwerfen. Man erwärmt 
sie bis zu Temperaturen, welche die sichere Abtötung sämtlicher in Frage 
kommender Krankheitserreger gewährleisten, ohne den Geschmack der Milch 
nachteilig zu verändern, in der Regel auf etwa 60° bis 85° Celsius. Auch 
diese Sicherheitsmaßregel hat sich unerwarteterweise von unabsehbarem 
wirtschaftlichem Nutzen erwiesen. Es hat sich herausgestellt, daß der 
pasteurisierte Rahm nicht allein sich ebensogut verbuttern läßt wie der 
nicht erhitzte, sondern daß er sogar eine Butter von weit besserer Qualität 
und Haltbarkeit liefert. In Dänemark, welches Deutschland in milchwirt¬ 
schaftlichen Dingen überflügelt hat, ist deshalb die Herstellung der Butter 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 99 

aus pasteurisiertem Rahm schon allgemein durchgeführt worden. Wo man 
die Butter aus saurem Rahm herzustellen wünscht, vermag man bei dem 
zurzeit hoch entwickelten Stande der Milchbakteriologie, zu deren Auf- 
nahme die Arbeiten von Pasteur, Duclaux und Hüppe den Anstoß ge¬ 
geben haben, die Ansäuerung mittels Reinkulturen geeigneter Säurebakterien 
zu bewerkstelligen. Gewisse aromatische Substanzen lassen sich durch Aroma 
erzeugende Bakterien darstellen. Man ist deshalb nicht mehr gezwungen, 
als Säurewecker Milch zu verwenden, welche sich spontan zersetzt hatte. 

„Diese Vorgänge haben sich also in der Milchwirtschaft ähnlich ent¬ 
wickelt wie im Bäckerei betrieb, wo man auch nicht mehr allgemein den mit 
Bakterien aller Art behafteten Sauerteig anwendet, sondern die fast reine 
Preßhefe, und wie im Brauereibetriebe, wo man zurzeit bekanntlich fast 
überall mit Reinkulturen der Gärungserreger arbeitet. 

„Es hat sich herausgestellt, daß man die Vernichtung der in der Milch 
enthaltenen Bakterien am leichtesten erreicht, sowie auch die eben besprochene 
bakteriologische Technik am besten zu beherrschen vermag, wenn man das 
Melkgeschäft so reinlich wie möglich durchführt und die trotz aller Rein¬ 
lichkeitsmaßnahmen in die Milch gelangten Schmutzbestandteile durch 
geeignete maschinelle Vorrichtungen, Kiesfilter, oder besser noch Ent¬ 
schmutzungszentrifugen, so bald wie möglich aus ihr wieder entfernt, und 
wenn man schließlich durch geeignete Konstruktion und reinliche Haltung 
sämtlicher Milchgefaße und Geräte eine erneute Verunreinigung der Milch 
ausschließt. 

„Die eben beschriebene Entwickelung der Dinge ist hygienisch insofern 
▼on größter Bedeutung, als die Temperaturen, welche angewandt werden 
müssen, wenn man die spontane Zersetzung der Milch, soweit notwendig, 
sistieren und die Erreger der Maul- und Klauenseuche, der Rindertuber¬ 
kulose und anderer Krankheiten abtöten will, auch genügen, um alle die¬ 
jenigen Infektionserreger zu vernichten, welche für den Konsumenten der 
Trinkmilch von Bedeutung sind. Die Technik gestattet uns, wie gesagt, 
dieses Ziel zu erreichen, ohne daß darunter der Geschmack der Milch im 
geringsten leidet. 

„Neuerdings erweckt ein Verfahren, das von Gaulin in Paris ersonnene 
sogenannte Homogenisieren der Milch, berechtigtes Aufsehen, indem durch 
dasselbe die Möglichkeit gegeben zu sein scheint, die Milchkügelchen so 
weit zu verkleinern und zu zerstäuben, daß eine spätere Aufrahmung und 
damit auch eine auf Fälschung hinauszielende Entrahmung der Milch aus¬ 
geschlossen wird. 

„Das Verfahren erweist sich in erster Linie von Bedeutung für die 
Herstellung von Milchkonserven, die nach der Homogenisierung nicht mehr 
verbuttern, was sich ohne dies Verfahren schwer vermeiden ließ. Insbesondere 
wird, wie ich voraussetze, der Homogenisierungsprozeß auch Bedeutung für 
die Säuglingsernährung gewinnen. 

„Wir sehen also, daß die fortschreitende Entwickelung, welche die 
milchwirtschaftliche Technik im Interesse der Produzenten genommen hat, 
ohne weiteres die Befriedigung sämtlicher seitens der Hygieniker an die 
Milchproduktion gestellten Anforderungen mit sich bringt. Namentlich aber 
zeigt sich, daß die unter Berücksichtigung der hygienischen Forderungen 

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100 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

gewonnene Milch sich nicht teurer stellt als die Milch, bei deren Gewinnung 
man die eben beschriebenen Fortschritte gänzlich außer acht läßt. Die 
Mitglieder mustergültiger Genossenschaftsmolkereien erhalten für ihre Pro¬ 
dukte nicht einmal den Preis, den der Produzent erhält, welcher eine 
schlechte Milch nach der Stadt liefert. 

„Die Erfolge der eben geschilderten Fortschritte sind der städtischen 
Milchversorgung in kaum nennenswerter Weise zugute gekommen. Die 
milchtechnischen Fortschritte haben sich in erster Linie dort entwickelt, 
wo sich für die Milch städtische Abnehmer nicht fanden. Die hohe Ent¬ 
wickelung der milchwirtschaftlichen Technik ist zurückzuführen auf das 
Verlangen der Landwirte, auch dort einen angemessenen Nutzen aus der 
Milch zu ziehen, wo deren Verkauf als Trinkmilch ausgeschlossen erschien. 
Die getroffenen Maßnahmen haben sich also aus rein wirtschaftlichen 
Gesichtspunkten heraus entwickelt ohne irgend welche Rücksichtnahme auf 
etwaige sanitäre Forderungen. Sie müssen sich bezahlt gemacht haben. 
Sonst wäre die erstaunliche Entwickelung, welche die Molkereigenossen¬ 
schaften genommen haben, völlig unerklärlich. Es wäre also vollständig 
unberechtigt, zu behaupten, daß diejenigen Milchproduzenten, welche ihre 
Produkte nach der Stadt liefern, finanziell nicht in der Lage wären, das¬ 
selbe zu leisten. Sie haben bislang aus dem Grunde ja gerade nichts 
geleistet, weil sie, ohne daß sie der Entwickelung der milchwirtschaftlichen 
Technik folgten, ihre Produkte jederzeit zu hohen Preisen an die Städter 
verkaufen konnten, die sie so, wie sie waren, kritiklos hinnahmen. Erst 
neuerdings beginnen auch die nach den Städten liefernden Landwirte sich 
zusammenzuschließen und Zentralmolkereien zu gründen, und zwar keines¬ 
wegs, um den sanitären Anforderungen zu genügen, sondern um sich den 
enormen täglichen Schwankungen, die sich im städtischen Milchverbrauch 
zeigen, ohne große Verluste anzupassen, ihre Restbestände in geeigneter 
Weise verwerten zu können. Somit beginnen denn die Fortschritte der 
milch wirtschaftlichen Technik allmählich auch den Städten zugute zu 
kommen. Jedoch kann man hier erst von den allerersten Anfängen 
sprechen. 

„Ich schließe meine Ausführungen über die Milchproduk- 
tionsverhältnisse, wie sie tatsächlich liegen, und wie sie aus 
sanitären Gründen zu fordern wären, mit der Erklärung, daß 
jede Stadt mit voller Berechtigung fordern dürfte, daß nach ihr 
ausschließlich solche Milch geliefert wird, die unter völliger 
Berücksichtigung sämtlicher Fortschritte produziert wurde, 
welche die landwirtschaftliche, die milchwirtschaftliche und die 
tierärztliche Technik aufzuweisen hat. 

„Die größeren Städte vermögen ihren Bedarf an Milch seit geraumer 
Zeit schon nicht mehr aus der näheren Umgebung zu decken, sondern sie 
holen sie von weit her, aus Entfernungen von 100 km und mehr. 

„Durch gütiges Entgegenkommen des Herrn Regierungsrat Grunow 
in Altona und des Herrn Dr. Beukemann in Hamburg bin ich in der 
Lage, Ihnen die vorzüglichen einschlägigen Übersichten vorzuführen, welche 
die genannten beiden Herren in mühevollster Arbeit auf Grund von nur 
durchaus authentischen Auskünften zusammengestellt haben. Aus der großen 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 101 

Granowachen Tabelle ersehen Sie, daß die Milchzufuhrstraßen von Berlin 
and Dresden einerseits und von Berlin und Hannover andererseits sich 
kreuzen, daß Berlin Milch ans Gegenden bezieht, die jenseits Stettin liegen. 
Des weiteren zeigt dieses Kartenmaterial, daß den St&dten im Laufe des 
Jahres eine ganz ungeheure Menge von Milch durch Eisenbahnen zugetragen 
wird. 

„Ich komme auf die Schwierigkeiten, welche durch diese Tatsache in 
bezug auf die Regelung der Milchkontrolle erwachsen, später zurück. 

„Nach den Eisenbahnstationen wird die Milch zurzeit vielfach in 
Kannen gebracht, die man in der Regel nicht hoch über die Räder stellt, 
sondern zwischen dieselben hängt, um sie nicht so hoch heben zu müssen. 
Dabei werden die Kannen naturgemäß von den Rädern her mit Schmutz 
beworfen. Wer je als Radfahrer ohne Schutzstreifen an einem nassen Tage 
gefahren ist, der kann sich ein ungefähres Bild davon machen, was so ein 
Rad innerhalb kurzer Zeit an Schmutz aufzuwerfen vermag. Die Milch¬ 
transportwagen , die ich gesehen habe, waren durchweg ohne Schatz¬ 
streifen, und die Kannen waren nicht immer so dicht verschlossen, daß der 
gegen und auf sie geworfene Schmutz nicht auch in die Milch hätte ge¬ 
langen können. 

„Nach den Darlegungen von Hans Braun, „Beiträge zur Milch¬ 
frage mit besonderer Berücksichtigung der Erlanger Marktmilch tt , Berlin 
1898, wurden die Milchkannen in manchen Gegenden vor kurzem noch 
gelegentlich mit einem Strohwisch zugestopft oder aber mit Lappen zu¬ 
gebunden, die von Schürzen und anderen Wäscheartikeln stammten. Wo 
die Zufuhr der Milch nach den Städten durch die Eisenbahnen geschieht, 
da erfolgt die Verladung noch häufig oder gar vorwiegend auf offenen 
Waggons, auf denen die, wie schon erwähnt, nicht immer dichten Milch¬ 
kannen der prallen Sonne, dem Staub oder dom Regen, je nach der 
Witterung, während des oft vielstündigen Transportes schutzlos prois- 
gegeben sind. 

„In den Vereinigten Staaten von Nordamerika werden Austern in 
Spezialwagen verschickt, die mit schlechten Wärmeleitern und mit Eis¬ 
packung versehen sind, welch letztere auf dem tagelangen Transport regel¬ 
mäßig ergänzt wird. Auch werden Südfrüchte in Amerika schon unter 
diesen Vorsichtsmaßregeln verschickt Sollte die Einführung solcher Vor¬ 
kehrungen für den Transport unseres wichtigsten Nahrungsmittels da wohl 
noch für undurchführbar gehalten werden können? 

„Die zunehmende Ausdehnung des Milchversorgungsgebietes 
unserer Städte läßt eine Verbesserung der Transportvorkeh¬ 
rungen als durchaus notwendig erscheinen. 

„Man sollte meinen, daß die per Wagen, Schiff oder Eisenbahn nach 
der Stadt zusammengefahrene Miloh an den Eingangspforten der sanitären 
Kontrolle seitens der städtischen Aufsichtsorgane ohne weiteres zugänglich 
sein müßte. Das ist aber nicht immer der Fall. Nach gerichtlichen Ent¬ 
scheidungen befindet sich dann die Milch noch nicht im Verkehr. Der 
Händler braucht sich die Untersuchung der Milch in manchen Städten, wie 
z. B. noch in Hamburg, nicht gefallen zu lassen, ehe er sie in seinen Laden 
gebracht und ausdrücklich für den Verkehr bestimmt hat. 


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102 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Da die städtischen Behörden außerhalb ihres Gebietes, auf dem Lande, 
nicht ohne weiteres das Recht der Kontrolle haben, somit die vorhin ge¬ 
schilderte Art von Transportverhältnissen nicht zu überwachen vermögen, 
auch selbst nicht immer an den Eingangspforten mit ihrer Kontrolle ein- 
setzen können, so sind sie unter Umständen noch durchaus auf die Kon¬ 
trolle des Zwischenhandels angewiesen. 

„Vergleicht man an Hand der vorhin erwähnten Beukemannschen 
Diagramme die Menge der in den Städten täglich konsumierten Milch mit 
der Zahl der Milchhändler, so findet man — wenigstens in Hamburg ist 
das der Fall — daß ein Zwischenhändler pro Tag durchschnittlich weniger 
als 200 Liter Milch zum Verkauf bringt. Nach den mir gewordenen In¬ 
formationen soll es gar nicht wenige Milchhändler geben, die nur etwa 
100 Liter Milch pro Tag verkaufen. Durch einen reell durchgeführten 
Handel mit täglich 100 Litern Milch, oder sagen wir 200 Litern Milch pro 
Tag, lassen sich nun aber schlechterdings keine Einnahmen erzielen, welche 
gestatteten, Räumlichkeiten zu mieten und in gutem Zustande zu erhalten, 
wie sie hygienischerseits für den Milchhandel zu fordern sind. Der Händler 
soll doch auch seine Familie ernähren. Der kleine Gewinn, den der reelle 
Handel mit 100 bis 200 Litern Milch täglich abwirft, kann aber kaum hierzu 
genügen. Darüber hinaus können die nicht geringen Spesen, welche ord¬ 
nungsmäßig au8ge8tattete Lager-, Spül- und Verkaufsräume erfordern, nicht 
auch noch aus solchem Gewinn bestritten werden. 

„Ich will nicht so weit gehen, wie diejenigen, welche den Milchzwischen- 
handel gewissermaßen zu einem unehrlichen Gewerbe stempeln wollten und 
meinten, daß der Kleinhandel durchweg in den Händen von Leuten läge, 
die keine Bedenken trügen, sich auf betrügerische Weise zu ernähren. Das 
aber darf behauptet werden, daß unter den Zwischenhändlern sich viele 
Leute finden, welche die Sachkenntnis, die ihr verantwortungsvoller Beruf 
verlangt, nicht besitzen. Wenn bei irgend einem Beruf, so erscheint 
mir gerade bei dem Milchhändler ein Befähigungsausweis not¬ 
wendig. 

„In der völligen Verständnislosigkeit für die Forderungen, welche 
hygienischerseits an den Milchhandel zu stellen sind, findet ein großer Teil 
der mangelhaften Zustände seine Erklärung, die wir heutzutage noch in 
manchen städtischen Milchhandlungen antreffen. Da der Verkauf einer so 
geringen Milchmenge, wie sie durchschnittlich auf den einzelnen Milch¬ 
händler entfällt, wie erwähnt, einen genügenden Gewinn nicht abwirft und 
abwerfen kann, so sucht der Milchhändler allerlei Nebenbeschäftigungen, 
welche er in den Räumen der Milchhandlung betreibt. Da die Gesamtein¬ 
nahme zur Anmietung zweckmäßiger Räume auch dann in der Regel noch 
nicht ausreicht, so findet man den Milchvorrat gelegentlich in den Wohn-, 
ja in den Schlafräumen der Familie, wo Hunde und Kinder zwischen den 
Kannen herumlaufen. Unter solchen äußerlichen Verhältnissen läßt sich, 
selbst wenn der Milchhändler von den reellsten Absichten beseelt ist, eine 
Behandlung der Milch, wie sie zu fordern ist, schlechterdings nicht durch¬ 
führen. Nun ist es aber ja leider eine nicht zu verleugnende Tatsache, mit 
der wir auf Grund aller gemachten Beobachtungen zu rechnen haben, daß sich 
unter den Zwischenhändlern auch Leute finden, die ihr Gewerbe nicht auf 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 108 

reeller Basis betreiben, und da stehen wir denn vor der Frage, ob die¬ 
jenigen Organe, welche berufen sind, den Milchhandel zu kontrollieren, eine 
wirksame Beaufsichtigung des Milchverkehrs unter den geschilderten Ver¬ 
hältnissen überhaupt durchzuführen in der Lage sind. Ich behaupte: nein. 
Ich meine, es ist selbst für die eifrigsten und bestgeschulten Polizeiorgane 
ein Ding der Unmöglichkeit, den verzettelten Milchverkehr, wie er in den 
meisten Städten noch besteht, wirksam zu kontrollieren. 

„Wenn wir von Milchkontrolle hören, so denken wir unwillkürlich an 
den Schutzmann, der den Milchhändler auf der Straße anhält und einen 
Areometer in seine Milchkannen steckt. Diese Manipulation schließt ja, 
wie ich nicht erst zu betonen brauche, nicht alles in sich ein, was die Milch- 
nntersuchungstechnik bietet. Leider beschränkt sich aber die Milchkon¬ 
trolle vielerorten tatsächlich fast noch ganz auf die eben bezeichnete 
Tätigkeit des Schutzmannes. Ich halte eine solche Art der Kontrolle — 
die natürlich mit geringen Kosten die Beschaffung einer reichlichen Unter¬ 
suchungsstatistik ermöglicht — nicht allein für ganz nutzlos, sondern sogar 
für gefährlich. Denn der Milchhändler braucht gar nicht besonders sach¬ 
verständig zu sein, um sich trotz kräftiger Fälschung den areometrischen 
Anforderungen anzupassen. Und wenn man gelegentlich sieht, wie die 
Händler, nachdem der Schutzmann fort ist, mit aller Gemütsruhe den Inhalt 
verschiedener Kannen zusammenschütten, so muß der Nutzen einer der¬ 
artigen Untersuchungsweise völlig illusorisch erscheinen. Wer sollte wohl 
kontrollieren, ob der Händler das als Vollmilch zu verkaufende Produkt 
nicht zum Teil aus dem mit Magermilch bezeichneten Gefäß entnimmt, 
oder die sogenannte Vollmilch aus dem mit Halbmilch bezeichneten Gefäß 
schöpft, wo solche noch zugelassen wird? 

„Ich will nicht so weit gehen, wie es gelegentlich geschieht, und sagen, 
daß eine im Stadium des Zwischenhandels durchgeführte Kontrolle über¬ 
haupt gar keinen Nutzen haben könnte. In solchen Städten, die ein 
Nahrungsmitteluntersuchungslaboratorium eingerichtet haben und eine ge¬ 
nügende Anzahl von Nahrungsmittelchemikern beschäftigen, läßt sich ohne 
Zweifel erreichen, daß die zum Verkauf gebrachte Milch durchweg von 
äußerlich normaler Beschaffenheit ist, einen Fettgehalt aufweist, der nicht zu 
sehr unter demjenigen der normalen Milch liegt, und daß die Milch nicht mit 
Konservierungsmitteln oder anderen gesundheitsschädlichen Substanzen ver¬ 
setzt ist. 

„Einen ganz besonderen Wert lege ich auf den Ausschluß der Konser¬ 
vierungsmittel. Der Versuchung, solche zu benutzen, ist der Händler im 
höchsten Grade ausgesetzt, nicht allein durch die Anpreisungen der Präparate, 
die an ihn herantreten, sondern namentlich auch dadurch, daß er die Milch 
häufig in halb zersetztem Zustande erhält und seine liebe Not hat, sie an 
den Mann zu bringen, ehe sie geronnen ist. 

„Systematisch durchgeführte Untersuchungen des Zustandes, in welchem 
die Milch sich befindet in dem Momente, wo sie an den Konsumenten ab¬ 
gegeben wird, haben ergeben, daß die Marktmilch in der Regel ein bis 
zwei Millionen entwickelungsfähige Keime pro Kubikzentimeter aufweist 
und daß man gar nicht selten [weit höhere Zahlen findet, 10 Millionen, 
20, ja 30 Millionen Keime in 20 Tropfen Milch. 


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104 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

n lm Hinblick auf die von Flügge und Lübbert festgestellte Tat¬ 
sache, daß die Milch nicht allein dann schädlich wirkt, wenn sie Infektions¬ 
erreger enthält, sondern daß sie auch durch die Tätigkeit solcher Mikro¬ 
organismen, die sich in jeder Marktmilch finden, in ein für Kinder giftiges 
Produkt verwandelt werden kann, muß die Forderung unerläßlich erscheinen, 
daß die Milch bei der Ablieferung an den Konsumenten nicht allein un¬ 
gefälscht, sondern auch frisch und unzersetzt sei. 

„Das erhöhte Säuglingssterben, welches sich überall in der wärmeren 
Jahreszeit bei den künstlich ernährten Säuglingen der ärmeren Klasse, und 
zwar fast ausschließlich nur bei diesen einstellt, ist ohne Zweifel als eine 
Folge des Genusses zersetzter Milch anzusehen. Alle Maßregeln, welche 
auf eine Einschränkung der sich hieraus ergebenden ungeheuren Verluste 
an Menschenleben hinzielen, müssen einsetzen mit der Verhinderung des 
Verkaufs halb oder nahezu ganz zersetzter Milch. Vorschriften nach dieser 
Richtung, d. h. Bestimmungen in bezug auf das Alter, welches die Milch 
bei Ablieferung an den Konsumenten haben darf, habe ich auffallenderweise 
in keiner Milchverordnung finden können. In der neuen Stettiner Polizei¬ 
verordnung, betr. den Verkehr mit Milch, welche mir dieser Tage zu Händen 
kam, findet sich allerdings die ^Bestimmung, daß die Milch bei der Abliefe¬ 
rung die Alkohol- und die Kochprobe bestehen müsse, d. b. bei Zusatz von 
Alkohol bzw. beim Aufkochen nicht gerinnen dürfe. In der Berliner Polizei¬ 
verordnung, betr. den Verkehr mit Kuhmilch und Sahne, findet sich die Be¬ 
stimmung, daß Milch, die älter als zwölf Stunden ist, nicht zur Herstellung 
von sterilisierter Milch benutzt werden dürfe. Das sind die einzigen ein¬ 
schlägigen Bestimmungen, die ich aufzufinden vermochte, und doch scheint 
mir gerade in der Forderung, daß die Milch frisch sein soll, einer der aller¬ 
wichtigsten Punkte der gesundheitlichen Überwachung des Milchverkehrs 
zu liegen. 

„Freilich bietet die Kontrolle nach dieser Richtung noch gewisse 
Schwierigkeiten. Bei der Bestimmung des Keimgehalts steht das Resultat 
frühestens nach zwei Tagen fest. Mit derartigen Schwierigkeiten haben 
wir aber auch bei anderweitigen Kontrollmaßregeln, z. B. bei der Kontrolle 
von Sandfiltern, zu rechnen, bei welcher die bakteriologische Kontrolle allein 
uns einen sicheren Aufschluß über das Funktionieren der einzelnen Filter 
gibt. Man kann natürlich die Milch bis zur Feststellung des Resultats nicht 
außer Verkehr setzen. Findet man aber, wenn auch um zwei Tage ver¬ 
spätet, daß die aus bestimmten Handlungen stammende Milch sich stets 
durch einen sehr hohen Keimgehalt auszeichnet, so ist man auf Grund 
solcher Befunde in der Lage, Nachforschungen einzuleiten und die in sol¬ 
chen Fällen sicher vorhandenen Übelstände für die Zukunft abzustellen 
Ich halte deshalb die Kontrolle der Keimzahl der Milch für sehr 
wichtig und empfehlenswert. 

„Nach meinen Erfahrungen gelingt es bei Beobachtung sämtlicher zu 
fordernden Reinlichkeitsmaßregeln und bei sofortiger Kühlung der Milch 
nach ihrer Gewinnung, die letztere selbst bei mehrstündigem Transport mit 
einem Keimgehalt an den Konsumenten abzuliefern, der unter etwa 20000 
pro Kubikzentimeter liegt und sich demnach von dem Keimgehalt der in 
der Regel angetroffenen Marktmilch himmelweit unterscheidet. 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Miloh. 105 

„Plaut hat eine Methodik ausgearbeitet, nach welcher die Milch auf 
eine bestimmte höhere Temperatur erwärmt und nach Ablauf einer gewissen 
kurzen Zeit auf Grund des inzwischen in beschleunigter Weise erreichten 
Zersetzungsgrades Rückschlüsse gezogen werden sollen in bezug auf das 
Alter, welches die Milch bei der Ablieferung hatte. Auf Grund von Nach¬ 
prüfungen, die ich mehrere Jahre durchgeführt habe, kann ich diese Me¬ 
thode nicht für rationell halten. 

„Meines Erachtens würde es sich empfehlen, die Forderung aufzu¬ 
stellen, daß die Milch nach Ablieferung an den Konsumenten sich bei 
Zimmertemperatur, etwa 23°C, 12 Stunden halten soll, ohne sich in grob- 
sinnlich wahrnehmbarer Weise zu zersetzen. 

„Angesichts der Tatsache, daß ja hygienischerseits allgemein darauf 
gedrungen wird, daß die Milch sofort nach der Ablieferung aufgekocht wer¬ 
den sollte, könnte das Verlangen unnötig erscheinen, daß die Milch sich 
12 Stunden nach Ablieferung halten soll. Ich halte die Forderung für 
gerechtfertigt, daß jede Marktmilch nach Ablieferung abgekocht, bzw. pasteu¬ 
risiert werden sollte, sofern nicht volle Garantie dafür geboten werden kann, 
daß diese Maßregeln schon in zuverlässiger Weise vorher getroffen wurden. 
Man darf aber nicht vergessen, daß die Milch nachgewiesenermaßen erheb¬ 
licher bakterieller Zersetzung unterliegen kann, ohne daß diese grobsinnlich 
wahrnehmbar in Erscheinung tritt, und einer so veränderten Milch kann 
man durch Aufkochen ihre ursprüngliche normale Beschaffenheit nicht wieder¬ 
geben. Eine Milch, welche sich ohne künstliche Konservierungsmittel bei 
23° C 12 Stunden lang hält, ohne sich in grobsinnlich nachweisbarer Weise 
zu zersetzen, wird aber im Moment der Ablieferung, also zu der Zeit, wo 
ihre Abkochung vorgenommen werden kann, nach allen Erfahrungen noch 
keine nennenswerten Mengen von giftigen Zersetzungsprodukten enthalten. 
Auch bei einer solchen Prüfungsweise kann die Milch bis zur Erledigung 
der Untersuchung nicht außer Verkehr gesetzt werden. Der Erfolg dieser 
Kontrolle muß, wie es ja überhaupt auf dem Gebiete der Nahrungsmittel¬ 
kontrolle sehr häufig ist, in der erzieherischen Wirkung gesucht werden. 

„Die hygienischerseits an den Milchverkehr zu stellenden 
Anforderungen bedürfen nach dem Gesagten dringend ergän¬ 
zender Bestimmungen in bezug auf das Alter, bzw. den Zer- 
setzungsgrad, weiche die Milch bis zur Ablieferung an den Kon¬ 
sumenten nicht überschreiten darf. 

„Mögen wir aber die Untersuchung der im Verkehr befindlichen Milch 
anch noch so sehr verschärfen oder ausdehnen, zum Ziel werden wir damit 
allein, wie gesagt, doch nie kommen können. Welcher Hygieniker würde 
heute wohl noch auf Grund der Untersuchung einer ihm eingelieferten 
Wasserprobe erklären, daß der Brunnen, aus welchem die Probe stammte, 
hygienisch einwandfrei sei? Ohne eingehende Kenntnis der Brunnenanlage 
und ihrer Umgebung kann niemand ein Urteil über die Schädlichkeit oder 
Unschädlichkeit des daraus geschöpften Wassers fällen. Ebensowenig ver¬ 
mag man aber auf Grund einer ausgeführten Untersuchung darüber zu ent¬ 
scheiden, ob eine Milchprobe schädlich oder unschädlich sei. Die Hygieniker 
haben sich fast ohne Ausnahme auf den Standpunkt gestellt, daß jede Milch¬ 
probe von vornherein als infektionsverdächtig anzusehen und daß deshalb 


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106 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

die Abkochung der Milch zwecks Unschädlichmachung derselben erforderlich 
sei. Die Milch enthält aber in dem Eiweiß eine Substanz, die durch die 
Tätigkeit der in jeder Milch vorhandenen peptonisierenden Bakterien in ein 
für Säuglinge tödlich wirkendes Gift verwandelt werden kann. Durch die 
Abkochung läßt sich eine schon halb oder annähernd ganz zersetzte Milch 
nicht wieder in ein Produkt von normaler chemischer Zusammensetzung 
verwandeln, das wir unseren Säuglingen und Kindern darbieten dürften, 
ohne ihre Gesundheit zu gefährden. Wir müssen also darauf bestehen, daß 
die Milch in noch frischem, unzersetztem Zustande in die Hände des Kon¬ 
sumenten gelangt. Durch die zur Zeit möglichen Kon trollmaßregeln wird 
die Erfüllung dieser wichtigen Forderung aber keineswegs gewährleistet. 

„Auf Grund meiner Darlegungen gelange ich zu dem Re¬ 
sultat, daß eine befriedigende sanitäre Überwachung der städti¬ 
schen Milch Versorgungsverhältnisse sich nur in dem Falle 
möglich erweist, daß die Kontrolle nicht in den Läden der ein¬ 
zelnen Milchhändler und auf der Straße beim Austragen der 
Milch beginnt, sondern an der Produktionsstelle selbst einsetzt 
und die Milch bis zur Ablieferung bei dem Konsumenten verfolgt. 

„Fordern wir aber, daß die Kontrolle des Milchverkehrs schon an der 
Produktionsstelle einsetzt, so beschwören wir dadurch Kompetenzkonflikte 
schwerwiegendster Art herauf, die in den Zuständigkeitsverhältnissen der 
staatlichen und städtischen Aufsichtsbehörden begründet liegen. Das ham- 
burgische Milchgesetz gestattet z. B. den Vertretern der hamburgischen 
Aufsichtsbehörden zwar, die auf hamburgischem Gebiete liegenden Milch¬ 
produktionsstellen zu betreten und zu kontrollieren. Der größte Teil der 
in Hamburg konsumierten Milch stammt aber aus Preußen, und dort haben 
die hamburgischen Beamten keinerlei Aufsichtsrecht. 

„Die Vertreter preußischer Städte und der Städte anderer deutscher 
Bundesstaaten haben auch ihrerseits keine Rechte jenseits der bundesstaat¬ 
lichen Grenzen, ja selbst oft nicht jenseits des Weichbildes der Stadt. 

„Gewiß würden auch schon Maßnahmen der einzelnen Bundesstaaten 
erheblich zur Verbesserung der bestehenden Zustände beitragen können. 
Die Grenzen der Bundesstaaten decken sich aber nicht immer mit den 
Grenzen der städtischen Milchzufuhr. Aus der Grünowachen Karte 
können Sie ersehen, daß z. B. Berlin Milch aus Mecklenburg und aus 
Sachsen bezieht. Die Möglichkeit einer Einschränkung der Milchzufuhr 
aus fremden Bundesstaaten — etwa nach der Richtung, daß die Zu¬ 
fuhr von der Gestattung einer Kontrolle abhängig gemacht würde — 
erscheint mir aber nach den herrschenden Verkehrsusancen, sowie auch 
nach den in Kraft befindlichen gesetzlichen Bestimmungen ausgeschlossen. 
Gründliche Abhilfe wäre hiernach nur von einem zu erlassenden 
Reichsgesetz zu erwarten. Mit dem Gedanken, ein derartiges Gesetz 
zu erlassen, haben sich die zuständigen Behörden schon vor vielen Jahren 
beschäftigt. Sie sind aber zu der Ansicht gelangt, daß die Milchproduk¬ 
tionsverhältnisse in den verschiedenen Teilen des Reiches viel zu ver¬ 
schiedenartig seien, als daß sie einer einheitlichen reichsgesetzlichen Be¬ 
handlung zugänglich wären. Ich teile diese Bedenken, soweit es sich um 
die Anforderungen an die chemische Zusammensetzung der Milch handelt, 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 107 

bin aber der Meinung, daß gerade diejenigen Fragen, die uns Hygienikern 
außer der Forderung einer normalen chemischen Zusammensetzung am 
nächsten liegen — alle diejenigen Forderungen, welche sich auf die gesund¬ 
heitliche Überwachung des Milchviehes, auf die reinliche Aufstallung des¬ 
selben, auf die reinliche Durchführung des Melkgeschäftes und auf einen 
rationellen Transport der Milch beziehen — einer einheitlichen Behandlung 
für das ganze Reich zugänglich sind. Die eingangs dargelegten ganz un¬ 
haltbaren Zustände, welche in bezug auf die städtischen Milchversorgungs- 
verhältnisse herrschen, sind ohne Zweifel dazu angetan, alle Bedenken, die 
einer reichsgesetzlichen Regelung der Milchproduktionsverhältnisse im Wege 
stehen könnten, zu beseitigen. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß unsere 
heutigen Verhandlungen dazu beitragen möchten, die zuständigen Stellen 
von der Notwendigkeit eines solchen Vorgehens zu überzeugen. 

„Eine reichsgesetzliche Regelung der Milchproduktionsverhältnisse wird 
meines Erachtens aus dem Grunde auf keine erheblichen Schwierigkeiten 
stoßen können, weil es zur Durchführung der notwendigen gesetzlichen 
Bestimmungen keines großen Aufwandes bedarf. Die erforderlichen Ma߬ 
regeln werden sich in die bestehenden Verhältnisse ohne große Schwierig¬ 
keiten einfügen lassen. Ich kann es natürlich nicht als meine Aufgabe 
betrachten, Ihnen einen fertigen Entwurf zu einem einschlägigen Reichs- 
gesetz vorzulegen, vielmehr muß ich mich darauf beschränken, Ihnen anzu¬ 
deuten, wie etwa ich mir die reichsgesetzliche Regelung der Milchproduk¬ 
tions- und Verkehrsverhältnisse durchführbar denke. 

„Bei näherer Überlegung gelangt man zu der Überzeugung, daß die 
Hauptkontrolltätigkeit den Behörden der einzelnen Kreise zufallen müßte. 
Eine sachgemäße Kontrolle der Milchproduktionsverhältnisse läßt sich nur 
durchführen, wenn ein Landwirt, ein Tierarzt und ein Arzt zu dieser Tätig¬ 
keit herangezogen werden. Diese stehen aber den Landräten und den 
KreiBausschüssen schon jetzt zur Verfügung. Die Oberleitung der Kontroll- 
maßregeln würde den Regierungspräsidenten zufallen, bzw. den entsprechen¬ 
den Instanzen, welche in den landwirtschaftlichen Kammern, den Medizinal¬ 
räten und den zuständigen Tierärzten die geeigneten Sachverständigen zur 
Hand haben. Die Maßnahmen würden voraussichtlich darauf binauslaufen 
müssen, daß den geeignet befundenen Landwirten bzw. Händlern Lizenzen 
zur Produktion bzw. zum Handel mit Trinkmilch zu erteilen wären. Auf 
die Lizenzerteilung müßten die städtischen Behörden einen gewissen Ein¬ 
fluß haben. Vor allem müßte ein glatter Verkehr zwischen den Aufsichts¬ 
behörden der Stadt und des Landes gesichert sein. 

„Wende ich mich nun denjenigen Maßregeln zu, welche seitens der Städte 
getroffen werden müßten, um den vorhin geschilderten, aus dem verzettelten 
Zwischenhandel entstehenden unkontrollierbaren Mißständen zu begegnen, so 
liegt der schon von verschiedenen Seiten vorgetragene Gedanke sehr nahe, daß 
der Verkehr mit Milch in ähnlicher Weise zentralisiert werden müßte, wie es in 
bezug auf den Verkehr mit Fleisch schon geschehen ist. Die wirtschaftliche wie 
auch die sanitäre Bedeutung der Milch würde solche Maßnahme mindestens 
in ebenso hohem Maße rechtfertigen wie beim Fleisch verkehr. Einer ganz 
analogen Zentralisierung des Milchverkehrs stehen Schwierigkeiten im Wege, 
die in der leichten Zersetzlichkeit der Milch und in der Art der Milch- 


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108 XXVIIL Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

zufahr begründet liegen. Denken wir uns z. B. einen Städtekomplex wie 
Berlin oder Hamburg, zu dem ein großer Teil der Milchzufuhr aus den 
benachbarten Höfen und Gütern per Achse erfolgt, und stellen wir uns vor, 
daß die Milch von allen Seiten zunächst nach einem Zentraldepot zu fahien 
und von dort aus wieder über das ganze Stadtgebiet bis zu der äußersten 
Peripherie verteilt werden soll, so kann uns eine derartige Verwirklichung 
des Zentralisationsgedankens des Milchverkehrs kaum rationell erscheinen. 
Für größere Städte würde sich die Einrichtung einer größeren Zahl von 
Sammelstellen notwendig erweisen, die an geeigneten Punkten über das 
ganze Stadtgebiet zu verteilen wären. Damit nähern wir uns deijenigen 
Lösung, welcher die städtischen Milchversorgungsverhältnisse schon aus 
rein wirtschaftlichen Gründen höchst wahrscheinlich entgegengehen werden, 
sobald die städtischen Aufsichtsbehörden an den inneren Milchverkehr die¬ 
jenigen Anforderungen stellen, welche der Hygieniker im Hinblick auf die 
vorhin geschilderten zurzeit herrschenden, ganz unkontrollierbaren Zustände 
als durchaus unerläßlich betrachten muß. Ich will nicht so viel Wert 
darauf legen, daß die Sammelstellen, die ich mir in der Art von städtischen 
Zentralmolkereien denke, in allen Fällen unter städtischer Leitung stehen. 
Die Kontrolle würde uns auch in dem Falle in genügendem Maße ermöglicht 
werden, wenn diese städtischen Molkereien sich in Privathänden befänden. 
Es erscheint mir gar nicht ausgeschlossen, daß die Milchhändler, die sich im 
Lanfe der letzten Jahre zu einem großen deutschen Bunde zusammen- 
geschlossen haben und offenbar einzusehen beginnen, daß sie auf eine 
Hebung ihres Standesgefühls und auf eine rationelle Ausbildung ihrer Mit¬ 
glieder hinstreben müssen, sich mit der Zeit zu größeren Genossenschaften 
vereinigen und selbst Zentralmolkereien errichten, sowie auch sonstige Vor¬ 
kehrungen schaffen werden, mit denen sich der Hygieniker und die städti¬ 
schen Aufsichtsbehörden einverstanden erklären könnten. 

„Das Vertrauen, welches ich in die Kontrollierbarkeit solcher größeren 
Anlagen setze, schöpfe ich aus Erfahrungen, die wir bei der Nahrungsmittel¬ 
kontrolle in Hamburg auch in solchen Fällen machen konnten, wo uns jede 
gesetzliche Handhabe zur Beseitigung bestehender Mißstände fehlte. Als 
Beispiel führe ich nur folgende Vorgänge an. Vor einer Reihe von Jahren 
stellte sich heraus, daß einzelne hamburgische Brauereien ihren Produkten 
Konservierungsmittel zusetzten. Diesem Vorgehen standen wir damals 
ganz machtlos gegenüber, die Feststellung und Aufdeckung der Tatsache 
allein genügte aber schon, um sämtliche Hamburger Brauereien zu der Er¬ 
klärung zu veranlassen, sie würden in Zukunft streng nach den Vorschriften 
des bayerischen Braugesetzes verfahren. Tatsächlich sind seither in Ham¬ 
burg auf dem Gebiete der Bierproduktion durchaus erfreuliche Zustände zu 
verzeichnen. Aus der eigenen Initiative der Brauereien selbst heraus ist 
also mehr geschehen, als wir auf Grund unserer Gesetze verlangen konnten. 

„Ganz ebenso werden sich, wie ich glaube, die MilchVersorgungsver¬ 
hältnisse gestalten, sobald die Milchhändler zu genossenschaftlichen Ver¬ 
bindungen zusammengetreten sind, größere Kapitalien in mustergültigen 
Anlagen investiert und unter ihren Mitgliedern einen Reinigungs- und Auf¬ 
räumungsprozeß vorgenommen haben. Die größeren Unternehmungen 
würden sich gegenseitig eifersüchtig überwachen, und ein jeder würde be- 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 109 

strebt sein, das Beste zu liefern, um der Konkurrenz die Spitze bieten zu 
können. 

„Ich bin also der Auffassung, daß die Übernahme der städtischen 
Milchversorgung seitens der Stadtverwaltung nicht als ein unumgängliches 
Erfordernis hingestellt zu werden braucht, sofern sich Private, welche über 
die nötigen Kapitalien und über das nötige Sachverständnis verfügen, ent¬ 
schließen sollten, größere mustergültige Sammel- und Verteilungs- 
Stellen zu schaffen. Ohne solche scheint mir eine gründliche Sanierung, 
namentlich aber eine ausgiebige Kontrolle des städtischen Milchverkehrs 
undenkbar. 

„In solchen Städten, wo die Erfüllung der eben aufgestellten 
Forderungen auf Schwierigkeiten stößt, sollten sich die Auf¬ 
sichtsbehörden meines Erachtens verpflichtet fühlen, die be¬ 
stehenden Mißstände wenigstens insoweit durch eigene Initiative 
zu beseitigen, daß sie für die Deckung desBedarfs an Säuglings¬ 
milch. ev. auch an Milch für die eigenen städtischen Anstalten, 
wie Waisenhäuser, Krankenhäuser usw., selbständig sorgten. 
Zur Verwirklichung dieses Gedankens erscheint es mir nicht unumgänglich 
nötig, daß die Städte selbst einen Bestand von Milchkühen anschaffen, ich 
glaube vielmehr, daß sie durch Abmachungen mit geeigneten Produzenten 
zum Ziel kommen könnten, durch welche ihnen die vorhin als durchaus 
notwendig aufgestellte Ausdehnung der Kontrollmaßregeln bis zur Ursprungs- 
stütte der Milch hin ermöglicht würde. 

„Für je 100000 Einwohner würde bei dem derzeitigen Stande der 
Säuglingsernährungsverhältnisse eine Viehhaltung von etwa 200 Köpfen 
genügen, um die Beschaffung ausreichender Nahrung für sämtliche Säug¬ 
linge zu gewährleisten. Damit würde für jede Stadt von der bezeichneten 
Einwohnerzahl die Möglichkeit gegeben, jährlich reichlich 300 Säuglingen 
das Leben zu retten, die nach Ausweis unserer Statistiken sonst unrettbar 
dem Tode verfallen sein würden. Voraussetzung hierbei wäre allerdings, 
daß die betreffende Stadt nicht nur die Überwachung der Produktion, der 
Zufuhr und der Verteilung der Milch übernähme, sondern auch die Sorge 
dafür, daß diese Milch den Säuglingen in rationeller Weise verabreicht wird. 
Auf die Schwierigkeiten in bezug auf den letzten Punkt komme ich gleich 
zurück. 

„Dadurch, daß die Städte besondere Vorschriften für die Kindermilch 
aufstellen, werden sie ihren Pflichten unserem Nachwuchse gegenüber nie 
Tollständig gerecht werden können. Die ärmere Bevölkerung wird nach 
wie vor die Marktmilch kaufen und nicht die kostspieligere Kindermilch. 

„Gewisse polizeiliche Verordnungen stellen in bezug auf die Fütterungs¬ 
art derjenigen Kühe, welche die sogenannte Kindermilch liefern sollen, For¬ 
derungen auf, welche notwendigerweise zu einer erheblichen Verteuerung 
der Milch führen müssen. Eine solche Milch wird, wie mit Recht betont 
worden ist, nur den Säuglingen der wohlhabenden Bevölkerung zugute 
kommen können. Diese sind aber, sobald die bestehende und in Unkenntnis 
begründete Gleichgültigkeit der Konsumenten den Milchversorgungsfragen 
gegenüber fortfällt, zurzeit schon überall in der Lage, eine gesunde Milch 
zu Vorzugspreisen zu erhalten. Ich habe auch nichts dagegen, daß man 


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110 XXVIII. Versammlung d.D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

noch besondere Vorschriften für eine Vorzugsmilch erläßt. Als Hygieniker 
lege ich aber größeren Wert darauf, daß die Städte mit einer gesundheitlich 
einwandfreien Milch zu billigen Preisen genügend versorgt werden. Die 
Fütterungstabellen, welche die Rüben vollständig ausschließen und nur Heu, 
Grummet, Getreideschrot und Malzkörner als Futter zulassen, sind, wie ich 
ohne weiteres zugebe, geeignet, die Erfüllung meiner Forderungen unmög¬ 
lich zu machen. Ich würde nichts dagegen haben, daß andere Futtersorten, 
insbesondere Rüben, in mäßigem Maße mit zur Verwendung kommen, muß 
es allerdings auf das entschiedenste verwerfen, daß Milchkühe mit Küchen¬ 
trank und anderen in Gärung befindlichen Stoffen, wie namentlich auch mit 
Schlempe gefüttert werden. 

„Gehen wir in unseren Anforderungen betreffend die Auswahl der 
Futtermittel nicht zu weit, so können wir, wie ich glaube, Ihnen bewiesen 
zu haben, die Erfüllung aller sonstigen hygienischerseits aufgestellten For¬ 
derungen verlangen, ohne befürchten zu müssen, daß der Preis der Markt¬ 
milch dadurch erhöht zu werden braucht, bzw. daß der Landwirt nicht auf 
seine Kosten kommt. 

„Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß sich in einer größeren Zahl 
von Städten Vereine gegründet haben, zumteil auch von der städtischen 
Verwaltung selbst Vorkehrungen getroffen sind, so z. B. in Halle, welche 
sich die Versorgung der Säuglinge der ärmeren Bevölkerungsklassen mit 
gesunder Nahrung zum Ziele gesetzt haben. Die Erfahrungen, die man bei 
solchen Bestrebungen gemacht hat, sind zumteil außerordentlich günstige 
gewesen. Man hört aber auch von unbefriedigenden Ergebnissen, die damit 
größtenteils Zusammenhängen sollen, daß der Transport der Säuglingsmilch 
Kindern anvertraut wurde, welche die Flaschen unterwegs öffneten, teilweise 
austranken und mit Wasser wieder füllten, jedenfalls beschmutzten; ferner 
damit, daß den Müttern der Säuglinge jedwede Kenntnis ihrer mütterlichen 
Pflichten abging. 

„Wenn ich auf dieses letztere Thema komme, so fallt es mir schwer, 
mir die nötige Einschränkung aufzuerlegen und nicht eine bewegliche Klage 
anzuheben über die irrationelle Erziehung, welche unsere städtische weib¬ 
liche Jugend zurzeit fast durchweg erfährt. Sie wird zum großen Teil ohne 
jede Kenntnis irgend welcher häuslichen Pflichten aufgezogen. Ihre Un¬ 
kenntnis in bezug auf hauswirtschaftliche Aufgaben, in bezug auf die ele¬ 
mentarsten Küchenangelegenheiten, geht so weit, daß sie die Kontrolle über 
die einfachsten alltäglichsten Ernährungsangelegenheiten nicht mehr selbst 
auszuüben vermag. Die reichen Erfahrungen, welche eine langjährige Be¬ 
tätigung in der Nahrungsmittelkontrolle mir nach dieser Richtung zu sam¬ 
meln gestattete, haben in mir den Eindruck zurückgelassen, daß eine 
Verbesserung unserer Säuglingssterblichkeit nicht allein von 
einer ausgiebigen Sanierung und Kontrolle der Milchversor¬ 
gungsverhältnisse, sondern in nahezu demselben Maße von einer 
rationellen Ausbildung unserer weiblichen Jugend abhängig 
sein wird. 

„Auch dieses Thema, auf das ich heute nicht näher eingehen darf, 
obgleich es in innigster Beziehung zu den städtischen Milchversorgungs¬ 
verhältnissen steht, wäre wert, in das Repertoire unseres Vereins aufgenommen 


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111 


Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 

zu werden. Mit einer rationellen Heranbildung unserer städtischen weiblichen 
Jugend für die Pflichten einer Hausfrau würde die Gleichgültigkeit der Milch¬ 
konsumenten gegenüber allen beschriebenen Mißständen in Fortfall kommen. 
Die vollständige Gleichgültigkeit der Milchkonsumenten scheint mir zurzeit 
noch derjenige Punkt zu sein, an welchem der endgültige Erfolg aller Sanie¬ 
rungsversuche scheitern muß. 

„Was die eben erwähnten Vereine anbetrifft, so wollte ich noch darauf 
hinweisen, daß man in Frankreich unterscheidet zwischen „ Gouttes de Lait“ 
und „ Consultations de Nourrissons “. 

„Die ersteren stellen nach ärztlichen Vorschriften Milchpräparate her 
für die künstlich zu ernährenden Säuglinge, die letzteren befassen sich mit 
Raterteilungen an die Mütter. Während die Vertreter der „ Gouttes de 
Lait“ in dem Bereiche ihrer Tätigkeit die künstliche Ernährung der Säug¬ 
linge als selbstverständlich hinnehmen, haben die Vertreter der v Consid- 
tations de Nourrissons w sich das Ziel gesetzt, zu erreichen, daß die natürliche 
Ernährung der Säuglinge wieder eine allgemeine Aufnahme finde. Ihre 
Bestrebungen nach dieser Richtung sind nicht erfolglos gewesen, und es muß 
nach den gemachten Erfahrungen als eine Tatsache erscheinen, daß die 
Möglichkeit zu einer natürlichen Ernährung auch in den Städten heutzutage 
viel häufiger gegeben ist, als man gemeinhin annimmt. Auch scheint die 
Bequemlichkeit allein nicht immer der Grund zu sein, daß die Mütter von 
der natürlichen Ernährung ihrer Säuglinge absehen, wo ihnen von Natur 
die Möglichkeit dazu gegeben wäre, sondern es scheint vielfach tatsächlich 
mehr Nachahmung und Unkenntnis dabei im Spiel zu sein. 

„Die Bestrebungen, welche auf die Wiederaufnahme der 
natürlichen Ernährung der Säuglinge hinzielen, verdienen 
unsere wärmste Unterstützung. Wir dürfen aber nicht so sanguinisch 
sein, uns der Hoffnung hinzugeben, daß die Zeiten in absehbarer Zukunft 
wiederkommen könnten, in denen die künstliche Ernährung die Ausnahme 
bildete. Deshalb werden die vorbezeichneten Bestrebungen zur Beschaffung 
einer gesunden Nahrung für die Säuglinge unserer gesamten städtischen 
Bevölkerung ihre Bedeutung vorderhand nicht verlieren. 

„Eine genügende Fürsorge für die künstlich zu ernährenden Säuglinge 
und für das in erster Linie auf den Milchkonsum angewiesene Kindesalter 
wird aber, wie ich schon darlegte, durch gesetzliche Bestimmungen allein 
nicht zu verwirklichen sein. Der hierher fallende Teil der Kontrolle ist 
ohne individualisierende Belehrung nicht denkbar. Auch hier können die 
städtischen Aufsichtsbehörden, wie gesagt, durch geeignete Unterrichtung 
der weiblichen Jugend und durch mancherlei andere erziehliche Maßnahmen 
ohne Zweifel sehr segensreich wirken. Ohne die Betätigung von Privat- 
kreisen, insbesondere der Ärzte, werden wir aber nicht imstande sein, das 
gesteckte Ziel zu erreichen. Es bietet sich hier ein Arbeitsfeld, welches die 
reichste Ernte verspricht, auf dem fast jedes Samenkorn sich entwickeln und 
reiche Frucht tragen wird; ein Gebiet, auf dem namentlich derjenige Teil 
unserer Frauenwelt, der durch häusliche Pflichten nicht völlig in Anspruch 
genommen ist und sich nach befriedigender Betätigung sehnt, Aufgaben finden 
wird, welche nicht einseitig den Geist, sondern, wie es bei jeder Frauentätig¬ 
keit sein sollte, auch das Herz beschäftigen. 


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112 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Versetzen wir uns in das Stübchen einer Tagelöhnerin oder Fabrik- 
arbeiterin, welche für sich und ihren Mann, der ein Säufer ist, das tägliche 
Brot zu erwerben hat, in deren jammervolles trübes Dasein ein eben ge¬ 
borenes Kind den ersten Lichtblick werfen sollte. Die Mutterbrust versagt, 
und die gekaufte Kuhmilch bekommt dem Säugling nicht, er erkrankt, und 
mit ihm droht das einzige Glück, das der armen Frau beschieden war, zu 
Grabe getragen zu werden. Sagen Sie nicht, es sei ein Segen für die arme 
Frau, das Kind los zu werden. Wer diese oft gehörte Lebensanschauung 
in solchen Lagen vorträgt, der hat noch nie einen Einblick erhalten in die 
Tiefen der Mutterliebe, die schon beim Tier alle anderen Gefühle beherrscht 
und zurückdrängt und sich nicht weniger beim Menschen, selbst in den 
niedrigsten Schichten derselben und unter den bedrängtesten Lebensverhält¬ 
nissen bewährt, ja, abgesehen von seltenen Ausnahmen, eine viel höhere 
Entwickelung erfährt. „Wer das Säuglingssterben als eine aus sozialpoliti¬ 
schen Gründen erwünschte, jedenfalls als eine nicht sehr zu bedauernde Er¬ 
scheinung hinstellt, der setzt sich über alle diejenigen Gefühle hinweg, 
welche die Worte Mutterliebe und wahre Humanität in sich bergen. 

„Der Fall, den ich eben skizzierte, findet sich in jeder Stadt, jederzeit 
hundertfach und tausendfach vertreten. Hier zu helfen kann nicht Aufgabe 
der Gesetzgebung allein sein, hier müssen die von patriotischen Gefühlen 
getragenen und von humanitären Bestrebungen erfüllten Männer und 
Frauen für jede Stadt und für jeden Fall individualisierend eingreifen. 
Hier bietet sich für sie eine Aufgabe, wie sie poesievoller und gleichzeitig 
sozialhygienisch bedeutungsvoller nicht gedacht werden kann, eine Aufgabe, 
bei welcher sich nach allen bislang gemachten Erfahrungen Erfolge in über¬ 
raschend leichter Weise erzielen lassen, und nichts kann mir befriedigender 
erscheinen, nichts scheint mir die Freude am eigenen Dasein so erhöhen zu 
können, als der Gedanke, dazu beigetragen zu haben, daß solche kleinen 
hilflosen Wesen dem Tode entrissen und dem Leben erhalten wurden. 

„Als notwendigste Grundlagen, auf welchen sich eine ausreichende 
gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch aufbauen könnte, sind 
nach dem Gesagten anzusehen: 

1. ein zu erlassendes Reichsgesetz, welches die allgemeinen 
hygienischen Grundsätze der Milchproduktion, des Milch¬ 
transports und Verkehrs regelt; 

2. landesgesetzliche Bestimmungen, bzw. behördliche Ver¬ 
ordnungen, welche die zu fordernde Zusammensetzung der 
Milch, den lokalen Verhältnissen sich anpassend, ordnen; 

3. städtischerseits zu treffende Maßregeln, welche den inne¬ 
ren Verkehr mit Milch im Bereich der Stadt kontrollierbar 
gestalten und welche die Versorgung der künstlich zu er¬ 
nährenden Säuglinge der ärmeren Bevölkerung mit gesund¬ 
heitlich einwandfreier Nahrung gewährleisten; 

4. schließlich die Bildung privater Vereine in jeder Stadt, 
welche sich die Fürsorge für die Säuglings- und Kinder¬ 
ernährung zur Aufgabe machen.“ 


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113 


Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Diskussion. 

Professor Dr. Schlossmann (Dresden) wendet sich gegen die Be¬ 
hauptung des Referenten, daß die natürliche Ernährung der Säuglinge durch 
die Mutterbrust im Abnehmen begriffen sei. Im ganzen Deutschen Reiche 
ebenso wie in der übrigen Welt komme man mehr und mehr zu der Er¬ 
kenntnis, daß die natürliche Ernährung des Säuglings vom Hygieniker in 
erster Linie gefördert werden müsse und gefördert werde, und daß infolge¬ 
dessen jetzt in allen Kreisen, besonders in Frankreich, ganz entschieden eine 
Zunahme des Stillens festzustellen sei. Wenn dies in Hamburg nicht der 
Fall sei, so liege das daran, daß in Hamburg die Pädiatrie auf einem ab¬ 
soluten Tiefstand stehe und dort als ein nebensächlicher Appendix der 
inneren Klinik betrachtet werde. Aber dort, wo Pädiatrie wirklich betrieben 
werde, könne man in dieser Beziehung Wirkungen vermerken. Zum an¬ 
deren beruhe die Behauptung des Referenten auch darauf, daß vielfach die 
heutige Statistik eine außerordentlich mangelhafte sei. In Dresden habe 
man die Sache jetzt so geordnet: der Todesschein enthalte nicht mehr die 
Frage, ob das verstorbene Kind mit dieser oder jener Nahrung ernährt 
worden sei, sondern man frage bei jedem im ersten Lebensjahr gestorbenen 
Kinde, wie lange es gestillt worden sei. Auf diese Weise erhalte man einen 
Einblick, wieviele Kinder und wie lange sie gestillt worden seien. Auch 
sei neuerdings bei der zuständigen Behörde der Antrag gestellt worden, bei 
der nächsten Volkszählung für sämtliche Kinder unter einem Jahr eine Rubrik 
einzufOgen, ob das Kind zur Zeit der Zählung gestillt werde oder nicht. 
Auf diese Weise werde man mit der Zeit eine Statistik erhalten, mit der 
man werde rechnen können. 

Weiter habe der Referent in Nr. 3 seiner Leitsätze gesagt, daß die 
Möglichkeit vorliege, eine zur Kinderernährung geeignete Milch zu demselben 
Preise zu liefern, der zurzeit für die Vollmilch bezahlt werde. Leider aber 
habe der Referent nicht mitgeteilt, wie man das erreichen könne, und er 
müsse es für eine Unmöglichkeit erklären, zu dem Marktpreis von 16 bis 
18 Pfennig eine geeignete Kindermilch zu liefern. In einer vom Staat er¬ 
richteten, der Kgl. tierärztlichen Hochschule angeschlossenen und unter 
Aufsicht der Kgl. Veterinärkommission stehenden Anstalt stelle sich der 
Preis für das Liter Milch ab Stall auf 25 Pfennig, wobei die Verzinsung 
und Amortisation der Ställe, ebenso wie die Löhne und Gehälter außer 
Rechnung gelassen seien; die pure Ernährung der Tiere koste 25 Pfennige 
pro Liter. Das seien allerdings auch ganz besondere Tiere, und die Stall¬ 
gebäude mit ihren massiven Mauern, mit ihren vorzüglichen elektrischen 
Ventilationseinrichtungen, mit ihren ausgezeichneten Kühlvorrichtungen und 
ihrer elektrischen Beleuchtung seien imstande, das Gefühl des Neides zu er¬ 
regen, daß man für die kranken Kinder kein solches Gebäude habe. 

Über den Begriff „Kindermilch“ sei der Referent ziemlich leicht hin- 
weggegangen, und dafür sage er ihm insofern Dank, als der Begriff Kinder- 
milch ein Wort sei, das viel gebraucht werde, das aber eigentlich noch nicht 
definiert sei. Heutzutage stehe man nicht mehr auf dem Standpunkt, daß 
zu dem Begriff Kindermilch die Trockenfütterung gehöre. 

In bezug auf das von dem Referenten gewünschte Reichsgesetz könne 

Vierteljahnschrift Ar Gerondheitipflege, 1904. 3 


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114 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

er ihn nur zu seinem politischen Optimismus beglückwünschen, er stehe auf 
dem Standpunkte: der Himmel behüte uns vor einer reichsgesetzlichen Re¬ 
gelung dieser Sache. In Dresden wisse man schon ungefähr, was es heiße, 
wenn eine Zentralbehörde oder Landesverwaltung sich in diese Frage hin¬ 
einmische. In Dresden habe man früher ein Milchregulativ gehabt, das drei 
Prozent Mindestfettgehalt vorschreibe. Da sei eines Tages eine Ministerial- 
verordnung erschienen, gleichmäßig für das ganze Land, und darin heiße 
es, Milch, welcher nichts hinzugesetzt und auch nichts weggenommen sei, 
welche auch sonst nicht verändert worden sei, sei als Vollmilch zu be¬ 
zeichnen — mit anderen Worten, es sei in die Hände der Landwirte 
gelegt, wie fett sie ihre Milch machen wollen. Dazu sei zu bemerken, 
daß diese Verordnung zustande gekommen sei ohne die sonst übliche 
Befragung der ärztlichen Bezirks vereine und ohne Verhandlung in einer 
öffentlichen Sitzung des Kgl. Landesmedizinalkollegiums. Das sei nur 
eine Ministerialverordnung, ergehe aber erst ein Landesgesetz, so würde 
dies einen Paragraphen enthalten: Wer an der Milch nörgelt, der wird ein¬ 
gesperrt. Er glaube, ganz abgesehen davon, daß gar nicht möglich sei, für 
die verschiedenen Teile Deutschlands mit ihren verschiedenen landwirt¬ 
schaftlichen und industriellen Verhältnissen eine einheitliche gesetzliche 
Regelung herbeizuführen, daß dieses Gesetz bei der heutigen Zusammen¬ 
setzung des Reichstags einen Schlag bedeuten würde, von dem man sich gar 
nicht werde erholen können. In dieser Hinsicht müsse jede Stadt für sich 
sorgen, denn sie nehme die Interessen der Konsumenten, die Landesver¬ 
tretungen nur die Interessen der Produzenten wahr, und das seien Gegen¬ 
sätze, die schwer zu vereinigen seien. 

Am meisten Not tue, daß man in Deutschland lerne, was Milch sei. 
Vielfach könne man beobachten, daß eine Milch, welche reinlich gewonnen 
sei, dem Trinkenden fad schmecke, komme aber Stallduft oder Verunreini¬ 
gung durch Kuhschmutz hinein, so halte man sie für aromatisch. In dieser 
Beziehung sei es nötig, die Leute zu erziehen, daß sie darauf halten, daß 
ihnen überall eine anständige und gute Milch vorgesetzt werde. Jedes Land 
habe die Milch, die es verdiene. 

Professor Dr. A. Baginsky (Berlin) will vom Standpunkt des 
Kinderarztes einige der zur Diskussion stehenden Punkte beleuchten. Ge¬ 
legentlich einer von den preußischen Ministerien gemeinsam angesetzten 
Konferenz, der er als Delegierter des Kultusministeriums beigewohnt habe, 
habe sich in den Verhandlungen ein heftiger Widerstreit der Interessen der 
Milchproduzenten und der Milchhändler gezeigt, insbesondere sei die Frage, 
wo und wie die Kontrolle auszuführen sei, Gegenstand der heftigsten Kon¬ 
troverse gewesen. Seitens der Milchhändler sei jede Verdächtigung der 
Fälschung zurückgewiesen und auf der Prüfung der Milch im Stall bestan¬ 
den worden. 

Von den ärztlichen Mitgliedern der Konferenz sei die Bedeutung der 
Beschaffung einer wirklich tadellosen Kuhmilch für die Kinderernährung 
betont worden, wobei sich herausgestellt habe, daß die üblichen Anfor¬ 
derungen an die Milch in keiner Weise für diejenige Milch ausreichen, welche 
zur Säuglingsernährung dienen solle. Für letztere seien an die Reinlichkeit 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 115 

der Milch, also an die Art der ursprünglichen Milchgewinnnng, weiter¬ 
gehende Forderungen gestellt worden; selbstverständlich sei überdies absolute 
Intaktheit des Naturprodukts vorausgesetzt worden. Diesen Forderungen 
gegenüber sei seitens der Produzenten der Einwand erhoben worden, daß 
sie bei dem niedrigen Marktpreise der Milch unausführbar seien. Daraus 
sei schon zu ersehen, daß man zwischen Eindermilch im engeren Sinne und 
der einfachen Gebrauchsmilch wohl zu unterscheiden habe. An letztere 
werde man nicht nötig haben, die für die Kindermilch notwendigen Postulate 
zu stellen. Selbst in dem Kinderkrankenhause, dem er vorstehe, seien zwei 
Milchsorten vorhanden, die Säuglingsmilch, welche mit 36 Pfg. per Liter, 
und andere Milch für ältere Kinder und zum Kochverbrauch, die nur mit 
16 bis 17 Pfg. bezahlt werde. Daraus sei schon ersichtlich, daß eine ein¬ 
heitliche, die Gesamtmilch betreffende Gesetzgebung gar nicht möglich sei. 

Was nun die Kindersterblichkeit betreffe, so dürfe man doch wohl nicht 
so weit gehen, wie der Referent es getan habe, alles auf die Milch zu 
schieben, wenngleich gewiß die Diarrhoesterblichkeit im Sommer einen sehr 
wesentlichen Anteil an der Sterblichkeit habe; aber es gebe doch auch noch 
andere, auf sozialem Gebiet liegende, den Tod der Kinder befördernde Ur¬ 
sachen. Und endlich werde man, selbst wenn man die beste Fürsorge für 
die Milchgewinnung treffe, nicht verhindern können, daß die Kinder doch 
schlechte und verdorbene Milch erhalten, einfach deshalb, weil die beste 
Milch im Haushalt verdorben werde, wenn man nicht verständig mit der 
Milch und mit der Art ihrer Darreichung umzugehen gelernt habe. Tat¬ 
sächlich wisse nur ein geringer Teil der Mütter mit der normalen Behand¬ 
lungsweise der Milch im Hause und für das Kind Bescheid. So könne also 
auch hier Gesetzgebung und Kontrolle nicht alles machen. 

Weit wirksamer als die Gesetzgebung sei die Verbreitung hygienischer 
Kenntnisse im Publikum und die mit dieser gewonnene Selbstkontrolle der 
Produzenten und Konsumenten. Hier könne eine gute Vereinstätigkeit mehr 
wirken als jede Gesetzgebung. So habe Amerika durch seine in den sog. 
milk laboratories geübte Vereinstätigkeit geradezu ideale Milch Verhältnisse 
für seine Kinderwelt geschaffen. Wenn er also auch Gesetzgebung und 
Kontrolle nicht gerade in den Hintergrund drängen wolle, weil schließlich 
gewisse Normen doch auch gesetzlich aufgestellt werden müssen, so lege er 
doch auf die private Tätigkeit mehr Wert, die dahin gerichtet sein müsse, 
einmal die Kindermilch gut zu bezahlen und dann die gewonnene Sach¬ 
kenntnis in das Praktische zu übersetzen. 

Professor Dr. Fischer (Kiel) will nur eine Erfahrung mitteilen, die 
er vor ganz kurzer Zeit gemacht habe, und die ein Bild gebe von der Ge¬ 
fahr, welche mit dem Genuß einer ungekochten oder mangelhaft erwärmten 
Milch verbunden sein könne. 

Ende Juli und Anfang August d. J. seien auf einem großen Gut in 
Ostholstein kurz nacheinander 50 Personen an Erbrechen und heftigen Ko¬ 
liken erkrankt, mit Fieber und schweren Allgemeinerscheinungen; trotz¬ 
dem sei der Ausgang in allen Fällen ein günstiger gewesen. Die am Orte 
angestellte Untersuchung habe kaum einen Zweifel darüber gelassen, daß der 
Krankheitsstoff durch die Milch verbreitet worden sei, durch die Milch der 

8 * 


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116 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Gutsmeierei, welche entgegen den Betriebsbestimmungen entweder gar nicht 
oder doch nur mangelhaft pasteurisiert gewesen sei. In den Ausscheidungen 
der Erkrankten seien Bazillen nachgewiesen worden, welche für Versuchs¬ 
tiere in hohem Grade virulent gewesen seien, Bazillen, die den Typhus¬ 
bazillen ähnlich, von diesen aber doch mit Sicherheit zu unterscheiden ge¬ 
wesen seien. Auch sei bei einer großen Anzahl von Rekonvaleszenten der 
Nachweis erbracht worden, daß das Blut derselben gerade auf diese Bazillen 
in ganz bestimmter Weise reagiert habe. Von den milchliefernden Kühen 
sei eine vor Ausbruch der Epidemie, eine zweite im Beginn derselben ge¬ 
fallen, und aus den Kadavern dieser beiden Tiere sei es gelungen, genau 
dieselben Bakterien zu isolieren wie aus den Ausleerungen der Erkrankten. 
Es handle sich hier um Bakterien, die zwar keine Sporen bilden, die aber 
trotzdem recht widerstandsfähig seien, derart, daß sie noch nicht abgetötet 
worden seien, wenn sie 30 Minuten lang einer Temperatur von 70° C aus¬ 
gesetzt gewesen seien. Gerade diese Beobachtung habe ihn in der Annahme 
mit bestärkt, daß die Verbreitung der Krankheit durch die mangelhaft be¬ 
handelte Milch stattgefunden habe. 

Vor zwei Jahren habe bekanntlich Robert Koch sich dahin ausge¬ 
sprochen, daß bei der Verbreitung der Tuberkulose nicht die Perlsucht als 
Infektionsquelle in Betracht komme, sondern der tuberkulös erkrankte Mensch. 
Diese Mitteilung habe vielfach zu der irrigen Auffassung geführt, daß man 
heutzutage in betreff der Milch sich gleichgültiger verhalten könne, daß man 
die Milch nicht mehr zu kochen, zu sterilisieren, zu pasteurisieren brauche. 
Aber es gebe bei den Tieren eine ganze Anzahl von Krankheiten, bei welchen 
die Krankheitserreger in die Milch und mit der Milch auf den Menschen 
übergehen können. Je mehr man diese Verhältnisse studiere, um so größer 
werde die Zahl von solchen Tierkrankheiten, um so größer müsse man die 
Gefahr anschlagen, die mit der Aufnahme einer ungekochten oder einer 
mangelhaft erhitzten Milch verbunden sei. Wie auch heute wieder erwähnt 
worden sei, können aber in die Milch hinein auch die Krankheitskeime von 
erkrankten Menschen gelangen, und das gelte für eine ganze Reihe von 
menschlichen Krankheiten. 

Nach den mitgeteilten Erfahrungen müsse man festhalteu an dem Auf¬ 
kochen, bzw. Pasteurisieren der Milch vor dem Genuß. Dieses Pasteuri¬ 
sieren dürfe aber nicht in der früher üblichen Weise durch 30 Minuten 
langes Erhitzen der Milch auf 70° C erfolgen, da dies nach seinen Er¬ 
fahrungen in manchen Fällen nicht ausreichend sei zur Abtötung der Krank¬ 
heitserreger. 

Dr. med. Möinort (Dresden) betont, daß man in bezug auf alle Milch¬ 
fragen außerordentlich vorsichtig sein müsse. Er erinnere an die Soxhlet- 
periode. Als Soxhlet sein bekanntes Verfahren publiziert habe, habe überall 
große Begeisterung geherrscht, namentlich auch unter den Ärzten. Nach 
wenigen Jahren habe man behauptet, daß die Abnahme der Säuglingssterb¬ 
lichkeit mit dem Soxhletverfahren Zusammenhänge, obgleich es niemals in 
diejenigen Kreise gedrungen sei, die unter der Säuglingssterblichkeit zu 
leiden haben. Erst 12 Jahre später habe man eingesehen, daß der Nieder¬ 
gang der Kindersterblichkeit mit Temperaturverhältnissen Zusammenhänge, 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 117 

daß eben zufällig in jener Zeit eine Kälteperiode eingetreten sei. Als später 
wieder heiße Sommer gekommen seien, sei auch die Kindersterblichkeit 
wieder in früherem Umfang aufgetreten. Aber das Soxhletverfahren habe 
einen großen Nachteil gebracht, indem bei einstündigem Kochen der Milch 
die betreffenden Kinder vielfach rachitisch geworden seien. Flügge habe 
dann gezeigt, daß es vollständig genüge, die Milch zehn Minuten lang zu 
kochen, und seitdem sei die Rachitis wieder im Rückgang. 

Die Behauptung des Referenten, daß jährlich etwa 150000 künstlich 
ernährte Kinder an dem Genuß verdorbener Milch sterben, sei nicht richtig. 
Die große Sterblichkeit der Säuglinge sei im wesentlichen eine Hochsommer¬ 
krankheit, die ihren ganz besonderen Gesetzen folge. Trotzdem sei sie 
wohl vermeidlich, aber nicht auf dem bisher eingeschlagenen Wege. 

Im Jahre 1886 habe man in Dresden Untersuchungen angestellt über 
die WohnungsVerhältnisse der Kinder, welche den Sommerdiarrhöen erlegen 
seien, und unabhängig davon seien zur selben Zeit in Leicester ganz gleiche 
Untersuchungen gemacht worden. Dabei habe sich nun ergeben, daß die 
Säuglingssterblichkeit an gewisse Wohnungen gebunden gewesen sei, unab¬ 
hängig von der gleichen Milchversorgung und Milchbehandlung, daß in ge¬ 
wissen Wohnungen im Hochsommer klimatische Verhältnisse entstehen, in 
denen zweifelsohne der Keim des Verderbens für die Kinder der untersten 
Altersklasse liege. Es komme sehr auf die Dichtigkeit der Gebäude und 
auf die Durchlüftbarkeit der Wohnungen an. Diese Tatsache sei später von 
Prausnitzin Graz und von Engel Bei in Ägypten durch ihre dortigen Unter¬ 
suchungen bestätigt*worden. Diese Bestätigung durch Engel Bei sei des¬ 
halb so interessant, weil es sich in Ägypten ausschließlich um Brustkinder 
handle, die also ganz den gleichen Gesetzen und Schädlichkeiten des Klimas 
unterliegen wie in Deutschland. 

Mit den von dem Referenten vorgeschlagenen Mitteln bekämpfe man 
nur einen kleinen Teil der Säuglingssterblichkeit, für die größere Zahl müsse 
man andere Wege finden, und diese Wege liegen auf dem Gebiet der 
Wohnungshygiene, der Baupolizei, der allgemeinen Aufklärung und auch 
der Stillungsfrage, denn es sei zweifellos, daß die künstlich ernährten Kinder 
außerordentlich benachteiligt seien gegenüber den natürlich genährten Kin¬ 
dern. Das liege nicht lediglich an der Qualität der Milch, sondern an der 
Physiologie der Nahrungsaufnahme der Säuglinge, die durch keine künst¬ 
liche Ernährungsweise ersetzt werden könne. Deshalb sei die Stillungs¬ 
frage sehr wichtig, und er stimme dem Referenten durchaus zu, wenn dieser 
sage, man könne viel mehr Frauen zum Selbststillen erziehen. Daß die 
Frauen zu einem nicht unerheblichen Teil das Stillungsvermögen verloren 
haben, daran sei schuld die jahrhundertelange Wirkung der engen Kleidungs¬ 
stücke, die die Brustdrüsen, den Brustkorb zusammendrücken, und ferner 
sei schuld daran der Alkoholismus der Männer, welcher die Verkümmerung 
der Milchdrüsen bei den erzeugten Töchtern verschulde. Das seien alles 
Zustände, gegen die man ankämpfen müsse. 

Sanitätsrat Dr. Ältschul (Prag) fügt einige statistisch-epidemiolo¬ 
gische Erfahrungen an, die er in seiner Vaterstadt, Prag, gesammelt habe, 
and die, wie seine gestrigen Darlegungen, bewiesen, wie reformbedürftig die 


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118 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Medizinalstatistik sei. Aus den mitgeteilten Kurven betr. Säuglingssterb¬ 
lichkeit sehe man das starke Ansteigen der Kurve im Sommer; die Säuglings¬ 
sterblichkeit sei im Sommer eine ganz enorme. Das sei ein Typus für die 
deutschen Städte, nicht aber für Prag, dort habe man keine so kolossale 
Kindersterblichkeit. Bei der Säuglingssterblichkeit spiele bekanntlich die 
Verdünnung der Milch mit Wasser eine Rolle; in Prag habe man kein gutes 
Trinkwasser, die Stadt sei wenig saniert, und doch sei die Säuglingssterb¬ 
lichkeit eine sehr geringe. Die Ursache sei, daß es in Böhmen Landessitte 
sei, die Kinder zu stillen; die künstliche Ernährnng der Säuglinge sei eine 
weit geringere als in Deutschland, und daher die geringe Säuglingssterb¬ 
lichkeit. 

Die Säuglingssterblichkeit einer Stadt hänge in erster Linie zusammen 
mit der Geburtenhäufigkeit. Prag habe eine sehr hohe Geburtenziffer, 
37 Promille, und doch nur eine Säuglingssterblichkeit von 19 bis 20 Proz. aller 
Verstorbenen. Das sei eine Tatsache, die bei den schlechten sozialen Ver¬ 
hältnissen der dortigen Arbeiterbevölkerung und bei den sonstigen wenig 
guten hygienischen Verhältnissen der Stadt immerhin auffällig sei, die aber 
zum Teil ihre Erklärung darin finde, daß Prag eine große Landesgebär¬ 
anstalt mit 3000 Geburten im Jahr habe. Diese Anstalt bringe natürlich 
die Zahl der Geburten in die Höhe, ohne daß das wirklich die Geburten¬ 
häufigkeit von Prag bedeute. In Prag seien 47 Proz. aller Geburten un¬ 
ehelich, aber von den 47 Proz. entfallen 42 Proz. auf die Gebäranstalt. Die 
Bevölkerung sei somit eine ganz anständige, die Statistik aber sage, es sei 
eine unanständige Bevölkerung. Es beweise dies, daß man bei einer Statistik 
der Säuglingssterblichkeit doch Momente berücksichtigen müsse, die man von 
den Rohzahlen aus häufig nicht beurteilen könne. Wer in der Lage sei, 
Statistik zu treiben und Rohzahlen in die Hand zu bekommen, der werde 
einsehen, wie notwendig es sei, eine einheitliche Bearbeitung dieser Roh¬ 
zahlen zuwege zu bringen, denn aus denselben Rohzahlen könne man oft 
ganz verschiedene Verhältniszahlen herausrechnen. Alle Welt baue auf die 
Statistik und gewiß mit Recht, Statistik sei nötig, erst durch die Statistik 
der großen Säuglingssterblichkeit sei man auf die Milchversorgungsfrage 
gekommen. Die Statistik sei älter als die Hygiene, sie sei die Beraterin 
der Hygiene gewesen und solle es bleiben. Heutzutage aber sei sie nur eine 
Krücke, die zurechtgeschnitten werde, wie man wolle und wie man könne. 
Auf die Methode der Statistik komme ungemein viel an, und die Statistik 
könne nur eine wahre und echte sein, wenn sie einheitlich geordnet sei. 
Man brauche ein anderes Morbiditätsschema und einen ganz anderen Be¬ 
rechnungsmodus, und auch bei der Statistik der Säuglingssterblichkeit sei 
es nötig, auf einheitlicher Basis zu arbeiten. Heute arbeite jede Stadt nach 
ihrer eigenen Statistik, und wenn diese Statistiken verglichen werden, komme 
man zu falschen Resultaten. 

Stadtarzt Direktor Dr. Petruschky (Danzig) teilt mit, daß man 
selbstverständlich auch in Danzig sich mit der Frage der Säuglingssterblich¬ 
keit und der eng damit verbundenen Frage der Milchverderbnis eingehend 
beschäftigt habe. Bei den im dortigen Institut vorgenommenen Unter¬ 
suchungen in betreff der Keimzahl der Milch sei man zu ganz anderen Re- 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 119 

sultaten gelangt als der Herr Referent, und zwar deshalb, weil man das ge¬ 
wöhnlich benutzte Gelatineplatteny erfahren als unzulänglich erkannt habe. 
Man habe für die Milch dasselbe Verfahren der Keimbestimmung ange¬ 
wandt wie das für die Kloakenabwässer der Stadt eingeführte und sei da¬ 
mit zu dem Ergebnis gekommen, daß die gewöhnliche Verkaufsmüch nicht 
etwa weniger, sondern noch sehr viel mehr Bakterienkeime enthalte, wie es bei 
den Kloaken wässern der Fall sei. Während das Kloakenabwasser einer 
Stadt durchschnittlich zwei bis drei Millionen, also nur wenige Millionen 
Bakterienkeime im Kubikzentimeter enthalte, habe man in den untersuchten 
Milchproben nicht nur 20 bis 30 Millionen, wie der Herr Referent angegeben 
habe, sondern mehrere hundert Millionen im Kubikzentimeter gefunden, 
auch selbst in diesem kühlen Sommer. Das Bakterium, welches bei weitem 
am häufigsten vorgekommen sei, sei der Streptokokkus, der gerade bei der 
Gelatineplattenzählung vollständig entgehe, weil er hier durch andere 
Keime überwuchert werde. Es seien also in der Sommermilch immer einige 
hundert Millionen Streptokokken pro Kubikmeter enthalten, mehr als in gut 
gewachsenen Bouillonkulturen des Streptokokkus, und da der Streptokokkus 
zu seiner Entwickelung bekanntlich ziemlich hoher Temperatur bedürfe, so sei 
es erklärlich, daß gerade die Sommerwärme es sei, die ihn in der Milch zur 
Entwickelung bringe. Auch nach den Beobachtungen in Danzig gehe die 
Zahl der an Darmerkrankungen zugrunde gehenden Säuglinge mit der 
Sommerwärme auf und nieder, es sei also ganz zweifellos, daß die Einwir¬ 
kung der Hitze der Hauptfaktor für die sommerliche Säuglingssterblichkeit 
sei, und deshalb sei der Kampf mit diesem Faktor, der Kampf gegen die 
Milch Verderbnis durch die Hitze, sei es auf dem Wege der Gesetzgebung 
oder der Sanitätspolizei, der Stallkontrolle und aller anderen vorgeschlagenen 
Maßregeln ein vollkommen verzweifelter und aussichtsloser. Wolle man 
die Kühlmaßregeln in einerWeise durchführen, daß sie die Sommerhitze 
vollkommen ausschalten, so führe dies zu Milchpreisen, die für das Volk 
unerschwinglich seien. Es gebe nur einen Weg, um den Faktor der Hitze 
auszuschalten, nämlich die Benutzung von Milchkonserven in der heißen 
Jahreszeit. Wie die Hamburger Ausstellung gezeigt habe, gebe es eine 
ganze Anzahl solcher Konserven, und er möchte befürworten, einmal den 
Versuch im großen zu machen, für die heiße Zeit die gewöhnliche Milch für 
die Säuglingsernährung vollständig auszuschalten und dafür die Ernährung 
durch Milchkonserven einzuführen, solange die hohe Temperatur anhalte. 
Ob er mit diesem Vorschläge recht habe, das könne nur die Zukunft ent¬ 
scheiden; aber er glaube, sie werde ihm recht geben, daß es besser sei, 
Kinder in der Hitzzeit mit guten und billigen Konserven, als mit verdorbener 
und dazu teurer Milch zu ernähren. 

Aber die Einwirkung der Hitze auf die Milch sei es nicht allein, welche 
die Sterblichkeit verursache, sondern auch die Einwirkung der Hitze auf 
den Säugling, und namentlich auf den unsauberen Säugling. Es sei 
zweifellos, daß zersetzter Urin in sehr viel Fällen eine Quelle von Säug¬ 
lingserkrankungen werden könne, wenn der Säugling unsauber gehalten 
werde, ebenso auch zersetzter Schweiß. In der heißen Jahreszeit sei es un¬ 
vermeidlich, daß der Säugling stark schwitze, und daß, wenn er nicht mehr¬ 
mals täglich, vier- bis sechsmal, gewaschen werde, er dann Unreinlich- 


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120 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

keiten ausgesetzt sei, die auf seine Ernährung ganz unzweifelhaft einwirken 
müssen. 

Man besitze also auch ohne gesetzliche Maßnahmen zwei sehr einfache 
Mittel, um die Sterblichkeit der Säuglinge im Sommer einzuschränken: die 
Benutzung von Milchkonserven und Reinlichkeit. 

Stadtrat Ffitter (Halle) gibt einige Mitteilungen über die Fürsorge 
der Säuglinge in Halle. Hier habe die Sterblichkeit der Säuglinge erheblich 
abgenommen, seitdem man im Jahr 1900 die Ziehkinderkontrolle durch be¬ 
soldete Waisenpflegerinnen und einen besoldeten Ziehkinderarzt eingeführt 
habe. Durch diese Maßnahmen seien allerdings nur die Ziehkinder, d. b. 
die bei fremden Leuten untergebrachten Kinder berührt, und man habe 
deshalb darauf gesonnen, auch diejenigen Kinder zu bedenken, die bei ihren 
Müttern seien. Zu diesem Zwecke lasse man die sterilisierte Milch aus den 
Molkereien zu einem Preise liefern, der zwei Pfennige billiger sei als bei 
der gewöhnlichen Vollmilch. 

Die Organisation sei folgende: Die Stadt habe dem Frauenverein für 
Armen- und Krankenpflege im vorigen Jahr die Summe von 1000 Mark, in 
diesem Jahr 2000 Mark gegeben und ihn ersucht, Milchmarken an die 
Mütter der Säuglinge zu verteilen. Diese Milchmarke erhalte die Mutter 
in der Apotheke, die Milch selbst hole sie aus Niederlagen, die über die 
ganze Stadt verbreitet seien; in einem sehr entfernten Stadtteil fahre ein 
Milchwagen herum und gebe dort die Milch gegen die Marken ab. In der 
Apotheke werde der Name der Mutter notiert und an den Frauen verein 
abgegeben, deren Mitglieder sich zu den betreffenden Müttern begeben, sie 
kontrollieren und instruieren über das Wärmen der Milch, über die Rein¬ 
lichkeit der Sauger u. s. w., die gleichzeitig dafür sorgen, daß das Kind 
ordnungsmäßig behandelt und das Zimmer gelüftet werde u. dgl. 

Bei der Bestellung der Milch habe sich die bemerkenswerte Tatsache 
ergeben, daß, als man in diesem Frühjahr an die Molkerei herangetreten sei, 
von der im Sommer vorher die Milch geliefert worden sei, diese sowohl wie 
eine andere Konkurrenzmolkerei erklärt habe, so viel sterilisierte Milch 
könne sie nicht liefern. Nur durch Heranziehung zweier weiterer aus¬ 
wärtiger Molkereien habe man dasjenige Quantum sterilisierter Milcb be¬ 
kommen können, welches notwendig gewesen sei, um die Kinder zu ver¬ 
sorgen. 

Bemerken wolle er noch, daß die Gewährung dieser Milch sich nicht 
als Armenunterstützung darstelle, daß also das Bürgerrecht dadurch in 
keiner Weise beeinträchtigt werde. Zur Vermeidung jedes Zweifels in 
dieser Richtung und weil man glaube, daß es für die Mütter angenehmer 
sei, durch einen Frauenverein als durch Organe der Armenverwaltung 
instruiert zu werden, habe man die Sache an den Frauenverein abgegeben. 
Von diesem erhalte die städtische Behörde die Resultate und Rechnungs¬ 
legung, nicht aber die Namen der Milchempfänger, so daß eine deminutio 
capitis des Wählers gar nicht stattfinden könne. 

ProfüSSOr Dr. Wy98 (Zürich) teilt mit, daß man in Zürich seit etwa 
30 Jahren bereits das Augenmerk auf die Kindersterblichkeit gerichtet und 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 121 

immer danach gestrebt habe, dieselbe herabzumindern und eine bessere 
Ernährung der Kinder zu erzielen. Im Jahre 1893 sei die Stadt Zürich mit 
ihren Außengemeinden vereinigt worden und habe jetzt 150000 Einwohner. 
Seit jener Zeit habe man in Zürich eine städtische Statistik, auch über 
die Kindersterblichkeit, und man habe gehofft, es werde diese im Lauf der 
Jahre zurückgehen, um so mehr, als ja Zürich durch Kanalisation, Wasserversor¬ 
gung u a. sehr viel für sanitäre Verbesserungen getan habe. Aber statt 
der erhofften Abnahme habe sich in den letzten Jahren eine anfangs 
geringe Zunahme der Säuglingssterblichkeit eingestellt, und plötzlich im 
Jahre 1898 sei diese auf eine seit langen Jahren nicht vorhandene Höhe 
gestiegen. Als Grund habe sich ergeben, daß in der Umgebung von Zürich, 
zunächst in der nächsten Nähe, aber zum Teil auch in größerer Entfernung 
eine Seuche unter den Milchtieren verbreitet gewesen sei, die trotz mög¬ 
lichster Bekämpfung seitens der Landwirte doch eine ziemliche Ausdehnung 
erreicht habe. Diese gesteigerte Kindersterblichkeit habe sich damals 
nirgends anderswo in der Schweiz, nur im Kanton Zürich gezeigt. Außer 
in dem Bezirk Zürich, der zunächst die meiste Milch nach Zürich liefere, 
habe die Seuche auch in einer Anzahl anderer Bezirke des Kantons Zürich 
geherrscht. Es sei ihm gelungen, in 23 von 29 Gruppen von Erkrankungen 
der Tiere nach Landesbezirken und Monaten geordnet nachzuweisen, daß 
im gleichen Kalenderjahr oder in dem darauf folgenden Jahr eine gesteigerte 
Sterblichkeit der Säuglinge vorhanden gewesen sei. Man sei so zu dem 
Resultat gekommen, daß die Blasenseuche der Tiere da, wo sie aufgetreten 
sei, und besonders in Zürich eine höhere Sterblichkeit der Säuglinge hervor- 
gerufen habe, und zwar nicht unmittelbar nach ihrem Auftreten, sondern 
erst längere Zeit nachher. Dies erkläre sich daraus, daß die Milch von 
blasenseuchekranken Tieren nicht auf den Markt gebracht werden dürfe, 
daß dann aber, nach einem halben oder drittel Jahr, wenn die Tiere an¬ 
scheinend wieder gesund geworden, sie wieder in den Handel gebracht 
werde, zu einer Zeit, wenn sie noch nicht wieder völlig normal sei. Aus 
dieser Beobachtung resultiere, daß die Erkrankungen der Milcbtiere an 
Blasenseuche von großem Einfluß auf die Säuglingssterblichkeit seien. 
Deshalb müsse überall, wo Milch als Kindernahrung verwendet werde, die 
strenge Vorschrift bestehen, daß Milch von kranken Tieren nicht in den 
Handel gebracht werden dürfe, wie es in dem Züricher Kantonalgesetz von 
1898 auch vorgeschrieben sei. Auch abgesehen von der Tuberkulose sei es, 
wie auch die Mitteilung, die Herr Prof. Fischer vorhin gemacht habe, be¬ 
stätige, erforderlich, daß Gesetz oder Verordnung es ausspreche, daß der Land¬ 
wirt kein Recht habe, Milch von kranken Tieren in den Handel zu bringen. 

Stadtbezirksarzt Dr. Pötter (Chemnitz) glaubt, daß mit der von 
dem Referenten geforderten Lieferung einer einwandfreien Milch noch nicht 
viel genützt sei, wenn nicht als weitere Forderung daneben gestellt werde, 
daß die einwandfrei gelieferte Milch auch im Haushalt ordnungsmäßig und 
sachgemäß behandelt werde. Selbst wenn man sterilisierte Milch liefern 
wolle, wie es in Halle geschehe, so sei es auch nicht ausgeschlossen, daß im 
Haushalt durch viele unsachgemäße und schlechte Manipulationen auch diese 
Milch schlecht werde. 


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122 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

In Chemnitz habe man versucht, durch Einwirkung auf die Bevölkerung 
und vor allen Dingen auf die Berater der Bevölkerung — das seien mehr 
noch als die Ärzte die Hebammen — dahin zu wirken, die Bevölkerung 
aufzuklären, wie sie mit der Milch in richtigerWeise umzugehen habe. Bei 
der vorgeschriebenen halbjährigen Vorstellung der Hebammen bei dem 
Bezirksarzt werde diesen von ihm dringend ans Herz gelegt und zur Pflicht 
gemacht alle Vorsichtsmaßregeln, die zur Verbesserung der Ernährung und 
vor allen Dingen zur Behandlung der Milch im Haushalt erforderlich seien. 
In erster Linie empfehle er den Hebammen, auf das Stillen der Mütter hin¬ 
zuwirken, und dabei habe er die Erfahrung gemacht, daß es auf diese Weise 
gelinge, die Zahl der stillenden Frauen beträchtlich zu erhöhen, so daß das 
Vermögen zum Stillen entschieden nicht abgenommen habe; das Nichtstillen 
habe meist ganz andere Gründe als das Unvermögen der Brüste: Bequem¬ 
lichkeit der Frau, Armut, die die Frau nötige, arbeiten zu gehen, wohl 
auch Eitelkeit des Mannes, der glaube, die Frau werde durch Stillen an 
ihrer Schönheit einbüßen u. dgl. m. 

In zweiter Linie habe man dann versucht, durch Einwirkung auf die 
gesamte Bevölkerung die Kenntnis über die Behandlung der Milch zu ver¬ 
mehren, und zu diesem Zweck habe der Stadtrat auf seinen Antrag Be¬ 
lehrungen herausgegeben, welche Vorschriften enthalten, wie die Milch 
zu behandeln sei, und welche auf die Wichtigkeit des Stillens aufmerksam 
machen u. a. m. Diese Belehrungen seien an die Ärzte und Hebammen 
verteilt und werden bei jeder Meldung einer lebenden Geburt vom Standes¬ 
beamten den Leuten eingehändigt, und man glaube in Chemnitz auch schon 
den Beweis in Händen zu haben, daß sich die Kenntnisse bezüglich der 
Behandlung der Milch entschieden gemehrt und verbessert haben. 

Eine große Bedeutung für die Kenntnis der Milchernährung und der 
richtigen Behandlung der Milch im Haushalte habe auch das Ziehkinder¬ 
wesen. Es sei in Chemnitz Vorschrift, daß alle Ziehkinder regelmäßig dem 
Bezirksarzt vorgestellt werden; es seien etwa 600. Bei dieser Gelegenheit 
werde der Ziehmutter eine Vorlesung gehalten, wie sie mit der Milch um¬ 
zugehen habe. Es sei auffällig, wie gerade durch diese Ziehmütter die 
Kenntnis in der Bevölkerung weiter verbreitet werde. Da es es aber von 
Wichtigkeit sei, nicht auf einmalige Belehrung sich zu beschränken, sondern 
fortwährend die Kenntnis zu ergänzen und neue Anregung zu geben, habe 
er jetzt bei der Stadt die Errichtung eines sogenannten Kinderasyls be¬ 
antragt, wie ein solches in Dresden bestehe, in dem nicht nur kranke Säug¬ 
linge behandelt werden sollen, sondern das geradezu als Schule diene 
zunächst für die Ziehmütter und dann auch weiter für andere Bevölkerungs¬ 
klassen. 

Stadtrat Thiessen (Königsberg) stimmt Herrn Schlossmann bei, 
daß die Regelung der Frage und die Beseitigung der Schwierigkeiten, welche 
in bezug auf den Milchhandel und den Milchkonsum vorhanden seien, auf 
reichsgesetzlichem Wege schwer sein werde. Andererseits sei es aber auch 
nicht möglich, daß die Städte allein sich helfen, da die Überwachung der 
Milch an den Produktionsstätten von der allerwesentlichsten Bedeutung sei, 
und diese Produktionsstätten sich meist nicht innerhalb der Städte, sondern 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 123 

auf*dem Lande befinden, also dem Einfluß der Stadtverwaltung direkt ent¬ 
zogen seien. Deshalb erstrebe man jetzt in Königsberg für den Regierungs¬ 
bezirk eine solche Verordnung, welche insbesondere auch scharfe Über¬ 
wachung der Milchproduktionsstätten bezwecke. Er glaube nicht, daß der 
Widerstreit der Interessen zwischen Produzenten und Konsumenten ein so 
großer sei. Zu der Gesundheitskommission, in der die Milchfrage beraten 
worden sei, habe man einige der bekannten ostpreußischen Agrarier 
hinzugezogen, also Produzenten, und habe bei ihnen ein großes Entgegen¬ 
kommen gefunden. Und in der Tat walte bei einem großen Teil dieser 
Gutsbesitzer das Bestreben vor, in bezug auf Sauberkeit und hygienische 
Beschaffenheit der Ställe, der Milchproduktionsstätten das Möglichste zu 
erreichen zu suchen. 

Als er in die Gesundheitskommission eingetreten sei, habe er sich über 
die ihm als Jurist ziemlich fern liegende Frage zu orientieren gesucht, was 
Milch sei, und dabei habe er die Überzeugung gewonnen, daß Milch das 
bei weitem gefährlichste Genußmittel sein müsse, das existiere. Wenn man 
nämlich die Hygieniker und Bakteriologen höre, so müsse man als Laie die 
Überzeugung gewinnen, daß die Milch vom Euter der Kuh bis zum Munde 
des Säuglings mindestens vier- bis fünfmal verderbe und vier- bis fünfmal 
hygienisch in einen Zustand gebracht werden müsse, um sie nicht lebens¬ 
gefährlich wirken zu lassen. Dadurch sei man auch in Königsberg zu der 
Meinung gekommen, daß die Belehrung der Mütter und aller deijenigen, welche 
mit Säuglingen, insbesondere mit deren Ernährung zu tun haben, durchaus 
notwendig sei, und man habe dann einen Weg gewählt, der vielleicht auch 
bei anderen Stadtverwaltungen um deswillen eingeschlagen werden könnte, 
weil er sich mit sehr geringen Kosten und auf sehr einfache Art hersteilen 
lasse. Mit Hilfe des dem Magistrat im Ehrenamt angehörigen Hygienikers 
der Universität habe man eine Belehrung ausgearbeitet und diese Belehrung 
durch die Standesämter bei der Anzeige einer Geburt verteilen lassen. 
Damit glaube man immerhin einen kleinen Schritt vorwärts getan zu haben, 
denn es genüge nicht, daß die Milch keimfrei in das Haus geliefert werde, 
sondern die Milch verlange eine derartig subtile Behandlung, daß nur eine 
ganz spezielle Kenntnis der Art der Behandlung zu einem Resultat führen 
könne. 

Noch einen Punkt wolle er zum Schluß erwähnen. Die Milch und die 
bei der Prüfung und beim Genuß derselben aufgewandte Sorgfalt könne 
nicht allein den Grund liefern, die Sterblichkeit der Säuglinge zu heben 
oder zu vermindern. Unmittelbar vor den Toren Königsbergs liege ein 
kleiner Vorort, der noch zum Stadtbezirk gehöre. In diesem Vorort, in dem 
die hygienischen Verhältnisse bei weitem nicht so gute seien als innerhalb 
der Stadtenceinte selbst, seien auch Milchproduktionsstätten. Diese Ställe 
seien durchaus nicht in so gutem Zustande wie die Ställe auf den großen 
Gütern, im Gegenteil, sie seien ziemlich schlecht. Trotzdem sei festgestellt 
worden, daß die Kindersterblichkeit gerade in diesem Vorort, in welchem 
Milch absolut nicht in hygienisch einwandfreier Weise produziert werde, 
eine ganz unverhältnismäßig geringere sei als in der Stadt selbst. Es frage 
sich also, ob nicht das sogenannte Stadtgift, das allgemein in großen Städten 
als vorhanden bezeichnet werden müsse, eine gewisse Disposition bei den 


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124 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. offentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

Kindern schaffe, welche för sie den Genuß der Milch besonders gefährlich 
mache. 

Professor Dr. Elsner (Berlin) erwähnt, daß der Referent in seinen 
Ausführungen mit Recht das größte Gewicht auf diejenige Milch gelegt 
habe, die von auswärts in die Städte geliefert werde, und dann die Ma߬ 
nahmen angegeben habe, wie diese Milch am Produktionsorte kontrolliert 
werden könne, am besten dadurch, daß sich große Genossenschaften bilden 
und die Kontrolle von den Regierungsorganen, den zuständigen Kreisärzten 
u. s. w. ausgeübt werde. Er wolle aber auf die kleinen Betriebe aufmerksam 
machen. In Berlin z. B. habe man 800 Kuhställe in der Stadt, welche mit 
einem Durchschnittsbestand von etwa 20 Kühen täglich über 100000 Liter 
Milch abgeben. Diese Milch sei gerade bei den kleinen Haushaltungen sehr 
beliebt, aber eine dauernde sichere Kontrolle dieser Milch durch die be¬ 
treffenden Kreisärzte und Kreistierärzte lasse sich nicht wirksam durchführen. 
Von diesen 800 Molkereibesitzern in Berlin habe ein großer Teil, etwa 650, 
sich zu einem „Verband der Berliner Molkereibesitzer tt zusammengetan, und 
dieser Verein habe beschlossen, wesentlich auf Drängen der Ärzte, eine 
freiwillige Kontrolle seiner Molkereien durch Ärzte und Tierärzte einzu¬ 
führen; das sei bei der Menge von kleinen Betrieben wohl auch das einzig 
Mögliche. 

Außerdem sei es sehr empfehlenswert, wenn nach dem Vorschlag von 
Herrn Baginsky in großen Städten sich Vereine bilden, welche sich die 
Beschaffung von einwandfreier, billiger Milch angelegen sein lassen, und er 
glaube, die hier heute gegebene Anregung werde nicht auf unfruchtbaren 
Boden gefallen sein. In Berlin wenigstens werde es nicht lange dauern, bis 
derartige Bestrebungen an die Öffentlichkeit gelangen. 

Herr J. Lnley (Berlin), Vertreter des Verbandes deutscher Milch¬ 
händlervereine, will als Milchhändler und gleichzeitig Milchproduzent dem 
Gesagten noch einige Worte zufügen. Leider sei es ja nicht möglich, alle 
in der Milch Versorgung brennenden Fragen hier zur Erörterung zu bringen, 
und er werde sich daher mit einigen kurzen Hinweisungen begnügen 
müssen. 

Es sei schwer, Kindermilch aus weiteren Entfernungen nach den 
Städten zu bringen. Er habe es versucht, Kindermilch auf dem Lande 
produzieren zu lassen unter Beobachtung aller amtlichen Vorschriften, um 
diese Milch dann in den Verkehr zu bringen. Es sei dies nicht gelungen, 
wie bei den meisten ähnlichen Versuchen, weil eine sachgemäße Behandlung 
und besonders die nötige Sorgfalt in den Kuhställen auf dem Lande nicht 
ausgeübt werde. Das liege daran, daß der Produzent tatsächlich noch gar 
nicht die Bedeutung dieses hochwichtigen Nahrungsmittels richtig schätzen 
gelernt habe. Komme man aufs Land, an die Hauptprodnktionsstellen, so 
werde man immer finden, daß gerade der Milch die geringste Sorgfalt zu¬ 
gewendet werde. Es sei bereits erwähnt, daß der milchwirtschaftliche 
Aufschwung gerade zugunsten der Landwirtschaft sich vollzogen habe, 
und in der Tat sei in Gegenden, in denen man früher nicht den sechsten 
Teil der Milch produziert habe wie heute, durch den Fortschritt der Milch- 


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125 


Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. 

technik ein ganz gewaltiger Aufschwung in der Landwirtschaft zu ver¬ 
zeichnen. Um so mehr müsse der gerügte Mangel Verwunderung erregen. 

Bei der Eindermilch komme die Behandlung derselben in allererster 
Linie in Betracht. Vorhin sei mit Recht auf die Tiefkühlung hingewiesen 
worden. In Berlin, wo der tägliche Milchkonsum sich auf 700000 Liter 
belaufe, habe man in den vom Vorredner erwähnten Molkereien von dem 
Kühlen der Milch bis jetzt nichts gewußt und nichts gekannt, man habe die 
Milch kuhwarm in den Verkehr gebracht, und dadurch sei zweifellos manches 
Unheil gestiftet worden. Es sei vorgekommen, daß Milch, die eine Ent¬ 
fernung von 100 bis 160km zurückgelegt habe, sich einwandfrei gehalten 
habe, dagegen die frische Milch, die morgens gemolken worden sei, um 
11 Uhr vormittags bereits sauer gewesen sei. Also sei die Tiefkühlung ein 
Faktor, auf den besonderes Gewicht zu legen sei. Gleich nach dem Melken 
Tiefkühlung, dann möglichst rasche Beförderung an den Konsumenten« 
welcher seinerseits auch die sogen. Kühlhygiene anzuwenden habe, um die 
gut in die Küche gelieferte Milch dort durch falsche Behandlung nicht zu 
verderben. 

Fast in allen Städten bestehe die Kalamität der Kindermilchfrage. Ein 
richtiger Faktor hierbei seien die Futtermittel. Bedauerlicherweise sei die 
Anzahl der zulässigen Futtermittel bei Kindermilch eine allzu eng begrenzte; 
einwandfreie und notwendige Futtermittel, die das Tier haben müsse, seien 
verboten. Es sei längst bekannt, daß von dem Wohlbefinden des Tieres 
auch die Beschaffenheit der Milch abhänge. Wenn ein Tier von der eng¬ 
begrenzten Zahl von Futtermitteln, die gegenwärtig nur erlaubt seien, tag¬ 
täglich immer wieder dieselbe Ration bekomme, so verliere es die Freßlust. 
Deshalb sei eine neue Regelung, am besten eine reichsgesetzliche, erforder¬ 
lich. In Hamburg beispielsweise seien getrocknete Rübenschnitzel als Futter¬ 
mittel für Kindermilchkühe erlaubt, in Berlin seien sie verboten, während 
umgekehrt in Hamburg getrocknete Treber verboten, in Berlin erlaubt seien. 
Die Wahl der Futtermittel sei aber von besonderem Einfluß auf das Wohl 
der Tiere. Man könne der Kuh nicht zumuten, immer dasselbe zu genießen, 
sie verlange, genau wie der Mensch, auch einmal eine kleine Abwechselung, 
und das sei nach den amtlichen Bestimmungen absolut verboten. 

Was nun den Preis der Kindermilch anlange, so sei dies eine schwierige 
Frage. Eine Kindermilch, die allen hygienischen Anforderungen entspreche, 
zu demselben Preis herzustellen wie eine gewöhnliche Marktmilch, sei un¬ 
möglich. In Berlin habe man jetzt eine Genossenschaft gegründet, die be¬ 
müht sei, einwandfreie Milch auf genossenschaftlichem Wege zu einem billigen 
Preise — als solchen müsse er 30 Pfennig bezeichnen — an die Konsumenten 
und besonders an die ärmeren Bevölkerungsklassen abzugeben; bei Anstalten, 
Krippenvereinen, Asylen u. 8. w. ermäßige man den Preis um fünf Pfennige. 
Es sei also von seiten der Milchhändler bereits in die Hand genommen, auf 
genossenschaftlichem Wege die Kindermilchfrage möglichst zu fördern. 

Nach einer kurzen Bemerkung von Prof. B&ginsky, der Herrn Mein er t 
gegenüber anführt, daß man nicht als wissenschaftlich feststehend betrachten 
dürfe, die Anwendung des Soxhletverfahrene erzeuge Rachitis, und Herrn 
Petruschky gegenüber sich gegen die Anwendung von Milchkonserven 


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126 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

ausspricht, — wird die Diskussion geschlossen, und es erhält das 
Schlußwort 

Referent, Professor Dr. Dunbar: 

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die mir gestellte Aufgabe 
war insofern eine sehr undankbare, als ich nicht über Arbeiten berichten 
konnte, die sich im Flusse befinden, oder über Erfolge, die erzielt wären, 
vielmehr habe ich Ihnen nachweisen müssen, daß eins der wichtigsten Ge¬ 
biete der Städtehygiene, die städtische Milchversorgung, furchtbar vernach¬ 
lässigt worden ist. Die auf dem Gebiete der Milchversorgung herrschenden 
geradezu unerhörten Zustände habe ich mit rückhaltloser Offenheit ge¬ 
schildert. Im Anschluß daran habe ich nach verschiedenen Richtungen hin 
Forderungen für die gesetzgebenden Körperschaften sowohl, als auch für 
die staatlichen und städtischen Aufsichtsbehörden aufgestellt. 

„Nun hatte ich erwartet, daß entweder der Versuch gemacht werden 
würde, mir nachzuweisen, daß ich die bestehenden Zustände zu schwarz ge¬ 
schildert hätte, oder daß mir die Unerfüllbarkeit der aufgestellten und als 
dringend notwendig bezeichneten Forderungen bewiesen würde. Man kann 
sich doch kaum vorstellen, daß die entsetzlichen Zustände, die auf dem Ge¬ 
biete der städtischen Milchversorgung, namentlich der Säuglingsversorgung, 
herrschen, stillschweigend anerkannt und geduldet worden wären, wenn man 
zugibt, daß sich eine wesentliche Verbesserung in so leichter Weise erzielen 
ließe, wie ich es behauptete. 

„Daß die derzeitigen städtischen MilchversorgungsVerhältnisse von mir 
zutreffend beurteilt worden sind, wurde in der Diskussion allgemein zu¬ 
gestanden. Nach dieser Richtung brauche ich meine Reservetruppen also 
nicht mehr ins Gefecht zu führen. 

„Meine Verbesserungsvorschläge haben dagegen Widersprüche von ver¬ 
schiedenen Seiten hervorgerufen. Aber auch diese bieten mir ihrer Natur 
nach, wie auch nach der Art, wie sie begründet wurden, nur teilweise Anlaß 
zu eingehender Widerlegung. Die Diskussion bewegte sich zum großen 
Teile auf Gebieten, die mit unserem Thema, wie ich es aufgefaßt habe, nur 
in losem Zusammenhänge stehen. Ich möchte auf die zahlreichen erörterten 
Nebenfragen schon aus dem Grunde nicht näher eingehen, weil ich be¬ 
fürchten muß, dadurch den Rahmen des Bildes, das ich Ihnen recht scharf 
umschrieben vor Augen zu führen bemüht war, zu sehr zu verwischen. Mir 
lag es daran, die Notlage zu schildern, in welcher sich der ärmere Teil der 
städtischen Bevölkerung in bezug auf die Kinderernährung, insbesondere die 
Säuglingsernährung, befindet, und die Wege und Mittel darzulegen, durch 
welche Abhilfe möglich wäre. Aus diesem Grunde möchte ich auf alle die¬ 
jenigen Fragen, welche sich mit der Beschaffung guter Milch zu Vorzugs¬ 
preisen befassen, die der ärmeren Bevölkerung niemals allgemein zugänglich 
sein wird, jetzt überhaupt nicht eingehen, so sehr mich auch dieser Gegen¬ 
stand interessiert. Ich wiederhole nur, daß die Bedürfnisse desjenigen Teils 
unserer Bevölkerung, der Vorzugspreise bezahlen kann, sich selbst in den 
Großstädten zurzeit schon leicht befriedigen lassen. 

„Der rote Faden, der sich mehr oder weniger sichtbar durch meine 
ganzen gebrachten Darlegungen spinnt, ist die Beweisführung dafür, daß 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Miloh. 127 

der derzeitige Stand unserer milchwirtschaftlichen Technik uns gestattet, 
auch den Kindern der ärmeren Bevölkerung zu billigen Preisen eine gesund¬ 
heitlich einwandfreie Mileh zu beschaffen, sofern nur die gesetzgebenden 
Körperschaften und die Aufsichtsbehörden, die staatlichen sowohl als auch 
die städtischen, ihre Pflichten erfüllen, und sofern seitens der Stadt¬ 
verwaltungen und aus privaten Kreisen heraus für eine Aufklärung der 
Mütter gesorgt wird. 

„Ich hatte mich, wie gesagt, auf einen schweren Kampf vorbereitet, um 
diese meine Hauptthesen zu vertreten. Ich finde aber, daß ich mein schweres 
Geschütz gar nicht ins Gefecht zu führen brauche. Nur an zwei oder drei 
Punkten bedarf es desselben, im übrigen wird es sich nur um ein leichtes 
Geplänkel handeln. Ehe ich mich diesem zuwende, möchte ich meiner 
Freude darüber Ausdruck geben, daß Herr Luley, der als Vertreter des 
Verbandes deutscher Milchhändlervereine das Wort ergriff, meine Darlegungen 
mit ruhiger Objektivität aufgefaßt hat. Dem von ihm vertretenen Stande 
habe ich, sehr zu meinem Bedauern, vorwerfen müssen, daß er die hygie- 
nischerseits an ihn gestellten Forderungen fast durchweg nicht zu erfüllen 
imstande ist. 

„Sodann möchte ich nicht verfehlen, denjenigen Herren, welche sich 
schon wie Herr Stadtrat Pütter und Herr Stadtbezirksarzt Dr. Pötter 
eifrig mit der Sanierung der Säuglingsmilchversorgung befaßt haben, dafür 
zu danken, daß sie es mir nicht übel genommen haben, wenn ich dasjenige, 
was auf dem uns heute interessierenden Gebiete in Deutschland bislang ge¬ 
schehen ist, so gering veranschlagte. Damit wollte ich die Verdienste der¬ 
jenigen, die sich bislang um die Verbesserung unserer Milchversorgungs¬ 
verhältnisse bemüht haben, durchaus nicht schmälern, nur wollte ich betonen, 
daß das bisher Geleistete in gar keinem Verhältnis stände za der Größe der 
Aufgabe, die hier zu lösen ist. Die Zahl deijenigen, die sich mit dieser 
wichtigen Aufgabe befassen, erscheint mir noch weit zu gering. Im Zu¬ 
sammenhänge hiermit möchte ich die Mitteilungen des Herrn Professor 
Baginsky, wonach man glauben könnte, daß in den Vereinigten Staaten 
von Nordamerika durch die Tätigkeit eines Vereins schon zufriedenstellende 
Zustände auf dem uns interessierenden Gebiete geschaffen wären, dahin be¬ 
richtigen, daß die von ihm geschilderte Vereinstätigkeit doch noch lange 
nicht einen solchen Umfang angenommen hat. Ich glaube, daß wir die ver¬ 
schiedenen in Deutschland zu verzeichnenden Bestrebungen unterschätzen, 
wenn wir annehmen, daß der von Herrn Baginsky erwähnte Verein schon 
qualitativ oder quantitativ weit mehr geleistet hätte als die deutschen Vor¬ 
kämpfer auf diesem Gebiet. 

„Es hat mich mit Genugtuung erfüllt, daß ein so erfahrener Sach¬ 
verständiger, wie Herr Stadtrat T hi essen, mir darin recht gibt, daß die 
Stadtverwaltungen allein unmöglich die nötigen Vorkehrungen zur Über¬ 
wachung der Milch an den Produktionsstellen zu treffen in der Lage seien. 
Zwar hält Herr Stadtrat Thiessen eine reichsgesetzliche Regelung dieser 
Aufgaben für schwierig. Ich bin aber zufrieden mit der Konstatierung der 
Tatsache, daß die Städte sich nicht allein helfen können. Gibt man dieses 
zu, so leitet sich daraus die Notwendigkeit einer reichsgesetzlichen Regelung 
ohne weiteres ab. Ich habe Ihnen an der Hand der Grunowschen Karten 


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128 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

zeigen können, daß die städtische Milchzufuhr sich nicht an die bundes¬ 
staatlichen Grenzen hält. Alle Vorschläge zur Verbesserung der derzeitigen 
Zustände müssen, wie ich in meinem Vortrage hervorgehoben habe, mit 
dieser Tatsache rechnen. Ich gebe gern zu, daß die Stadt Königsberg ohne 
ein Reichsgesetz auskommen kann. Sie bezieht ihre ganze Milch aus einem 
und demselben Bundesstaat. Nicht so liegen die Verhältnisse für Berlin, 
Hamburg, Dresden und andere Großstädte. Daß sich durch Verständigung 
mit den Landwirtschaftskammern oder sonstigen zuständigen Instanzen sehr 
beachtenswerte Erfolge erzielen lassen, haben wir auch in Hamburg erfahren, 
wo im Zusammenhang mit unserer in diesem Jahre stattgehabten hygienischen 
Milchausstellung unter Mitwirkung der Landwirtschaftskammer zu Kiel eine 
Stallkontrollkommission eingesetzt wurde, deren Tätigkeit sich nicht nur 
auf hamburgisches, sondern auch auf preußisches Gebiet erstreckte. Solche 
Abmachungen sind aber von dem guten Willen einzelner Personen abhängig, 
und wie schwer es hält, auf solchem Wege zu befriedigenden Verhältnissen 
zu gelangen, zeigt sich, sobald man den Wunsch ausspricht, eine ständige 
Kontrollkommission einzusetzen. 

„Widersprüche gegen meine Darlegungen sind nach folgenden Rich¬ 
tungen laut geworden: 

„1. Wurde behauptet, eine gesundheitlich einwandfreie Milch lasse sich 
nicht so billig beschaffen, wie ich es angenommen habe. 

„2. Wurde die Möglichkeit einer reichsgesetzlichen Regelung des Milch¬ 
verkehrs bezweifelt. 

„3. Meinte man, die große Sterblichkeit, welche unter den künstlich er¬ 
nährten Säuglingen der ärmeren Bevölkerungsschichten im ganzen Deutschen 
Reiche herrscht, sei nicht sowohl auf den Genuß verdorbener Milch zurück¬ 
zuführen, als vielmehr auf andere schädigende Momente. 

„Andere Einwände, die mir gemacht wurden, hängen znm Teil, wie 
eingangs erwähnt, mit unserem Hauptthema zu lose zusammen, als daß ich 
auf sie eingehen möchte, zum Teil sind sie auf eine mißverständliche Auf¬ 
fassung meiner Darlegungen zurückzuführen. Ich beschränke mich in fol¬ 
gendem deshalb auf eine Besprechung der eben bezeichneten drei Gruppen 
von Einwänden. 

„Nur muß ich Herrn Professor Schlossmann vorher noch folgendes 
erwidern: Ihm ist es entgangen, daß ich auf die zurzeit an vielen Orten 
im Flusse befindlichen Bestrebungen zur Hebung der natürlichen Ernährung 
der Säuglinge hingewiesen und betont habe, daß diese Bestrebungen in 
erster Linie zu unterstützen und zu fördern seien. Auf die Frage, ob die 
Versuche zur Hebung der natürlichen Ernährung zurzeit schon von statistisch 
nachweisbaren Erfolgen gekrönt seien, bin ich gar nicht eingegangen. Ich 
habe nur konstatiert, daß die Hälfte bis zu zwei Drittel aller Säuglinge unserer 
Großstädte zurzeit nicht an der Mutterbrust, sondern künstlich mit Kuh¬ 
milch ernährt werden, und ich habe darauf hingewiesen, daß ich, so sehr 
ich auch den Bestrebungen zur Hebung der natürlichen Ernährung Erfolg 
wünsche, doch nicht glauben kann, daß wir in absehbarer Zeit damit rechnen 
können, daß die künstliche Ernährung wieder die Ausnahme bilden wird, wie 
es vor einigen Generationen noch der Fall war. 

„Von verschiedenen Seiten wurde mir entgegengehalten, eine gute 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Miloh. 129 

Säuglings- bzw. Kindermilch lasse sich nicht so billig beschaffen, wie ich es 
angenommen hätte. Diese Widersprüche leiten sich, wie ich ans der Art 
entnehme, wie sie begründet wurden, alle daher, daß man sich unter Säug¬ 
lingsmilch ungefähr dasjenige vorstellte, was ich unter dem Namen „ Vorzugs¬ 
milch“ besprochen habe. 

„Ich glaube, Ihnen in überzeugender Weise nachgewiesen zu haben, 
daß die größeren Molkereigenossenschaften bei dem derzeitigen Stande der 
Technik zu billigen Preisen eine Milch liefern können, welche künstlich ge¬ 
reinigt , pasteurisiert und gekühlt worden ist. Nach den von mir ein- 
gezogenen Erkundigungen sind diese Molkereigenossenschaften zum Teil 
froh, wenn sie für ein derartiges Produkt etwa neun Pfennig pro Liter er¬ 
zielen. Ich stehe nun auf dem Standpunkt, daß wir mit einer solchen 
Milch das wichtigste Ziel, welches uns vor Augen schwebt, die Herabsetzung 
der Säuglingssterblichkeit, erreichen können, und ich habe deshalb ausdrück¬ 
lich hervorgehoben, daß man an die für die ärmere Bevölkerung bestimmte 
Milch zunächst nicht weitergehende Forderungen stellen sollte. Ich gebe 
gern zu, daß es wünschenswert wäre, allen Säuglingen eine Milch zu ver¬ 
schaffen, die noch weitergehenden Ansprüchen genügt, jedoch mußte ich 
mich auf einen praktischen Standpunkt stellen. Ich durfte nicht das Un¬ 
erreichbare fordern. Solange wir eine Marktmilch zulassen, die nicht als 
einwandfreie Säuglingsnahrung angesehen werden kann, und daneben eine 
Kindermilch für einen höheren Preis, wird die ärmere Bevölkerung ihren 
Säuglingen stets die Marktmilch darreichen. Ihnen wird die sog. Kinder¬ 
milch nicht zugute kommen. Wir müssen also zunächst anstreben, daß die 
Marktmilch den von mir gestellten Forderungen genügt und allgemein ge¬ 
sundheitlich einwandfrei geliefert wird. Sehen wir aber von einer zu 
starken Einschränkung der für die Milchkühe zugelassenen Futtermittel ab, 
so kann tatsächlich eine allen gesundheitlichen Forderungen genügende 
Milch für den Preis der heutigen Marktmilch geliefert werden. Der Preis 
der Marktmilch schwankt ja, wie ich nicht besonders darzulegen brauche, 
in verschiedenen Gegenden des Reiches ganz gewaltig, zwischen etwa 14 und 
25 Pfennig pro Liter. Eine gesundheitlich einwandfreie Milch läßt sich, wie 
ich zugebe, nicht überall für neun Pfennig produzieren. Nach den Aussagen 
sachverständiger Produzenten muß ich aber annehmen, daß sich selbst 
unter den teuren Produktionsverhältnissen, die in der Umgebung von Ham¬ 
burg vorliegen, ein Produkt, welches alle die von mir gestellten Forderungen 
erfüllt, für etwa 14 bis 16 Pfennig pro Liter herstellen läßt. Da der Preis 
unserer Marktmilch oder besser gesagt „Vollmilch“ 25 Pfennig pro Liter 
beträgt, so kann der Transport und Vertrieb dieser Milch die ganz unver¬ 
hältnismäßig hohe Summe von etwa 10 Pfennig pro Liter verschlingen, 
ohne daß der Preis der Marktmilch überschritten wird. Ich weiß sehr wohl, 
daß die Milch sich nicht unter 30 bis 35 Pfennig, oder gar mehr, pro Liter 
produzieren läßt, wenn man als Futter für die Kühe nur Heu, Grumt, 
Getreideschrot und Malzkörner zulassen will. Deshalb bin ich, wie ich in 
meinem Vortrage betont habe, dafür, daß man auch die Verfütterung an¬ 
gemessener Mengen von Rüben und anderen einwandfreien billigen Futter¬ 
mitteln gestattet. 

„Der von Herrn Professor Schlossmann angeführte Fall, wonach in 

Vierteljabrsschrift für Gesundheitspflege, 1904. 9 


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130 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

einer Milchviehhaltung, deren Stallungen weit schöner sind als die Wohnungen, 
die wir den unbemittelten Menschenklassen zu bieten vermögen, ein Liter 
Milch 25 Pfennig Produktionskosten verursacht, ist wirklich nicht dazu an¬ 
getan, meine Behauptungen zu entkräften. Ich wundere mich nur, daß 
die Milch sich dort nicht noch teurer stellt. Solche Stallungen zu verlangen, 
wäre höchst irrationell. 

„Ich behaupte also nach wie vor, daß man eine gesundheitlich einwands¬ 
freie Milch, welche den Forderungen der Hygiene genügt, so billig produ¬ 
zieren kann, daß sie für den heutigen Preis der Marktmilch verkäuflich ist. 
Wer gegen diese meine Behauptung Stellung nehmen will, der muß mir 
nachweisen, daß mustergültig betriebene Molkereien einen höheren Preis für 
ihre Milch erzielen, oder aber, daß sie, bzw. die Genossenschaftler mit Unter¬ 
bilanz arbeiten. 

„Auch die verschiedenen Bedenken, welche gegen die Möglichkeit einer 
reichsgesetzlichen Regelung der Milchverkehrsverhältnisse vorgebracht wur¬ 
den, kann ich nicht als stichhaltig anerkennen. Ich habe in meinem Vor¬ 
trage selbst dargelegt, daß es gewisse Punkte gibt, wie z. B. die Anfor¬ 
derungen an die chemische Zusammensetzung der Milch, die einer reichs¬ 
gesetzlichen Regelung nicht zugänglich sind. Keiner von den Herren Red¬ 
nern hat aber den überzeugenden Beweis dafür zu erbringen vermocht, daß 
die Fragen allgemein hygienischer Art, welche mit der Aufstellung, Pflege 
und Kontrolle des Milchviehs, sowie mit der Behandlung, dem Transport 
und dem Verkauf der Milch Zusammenhängen, einer reichsgesetzlichen Re¬ 
gelung nicht zugänglich wären. Die hierher gehörigen Aussprüche des 
Herrn Professor Schlossmann veranlassen mich, meiner Überzeugung 
dahin Ausdruck zu verleihen, daß wir unseren gesetzgebenden Körperschaften 
und unseren zuständigen Reichsbehörden sehr wohl Zutrauen dürfen, daß 
sie imstande sind, ein Gesetz zu entwerfen, welches frei ist von solchen un¬ 
sinnigen Bestimmungen, wie sie Herr Schlossmann anführte. Ich kann 
nur mein Bedauern darüber ausdrücken, daß Herr Schlossmann in die 
Erörterung eines so außerordentlich wichtigen Themas so banale Redens¬ 
arten hineingetragen hat. 

„Wende ich mich nunmehr der dritten Gruppe von Ein wänden zu, die 
gegen meine Ausführungen erhoben wurden, so hat mir Herr Sänitätsrat 
Altschul, der eigentlich das Gegenteil beweisen wollte von dem, was ich 
gesagt hatte, durch Mitteilung der in Prag gemachten Erfahrungen meine 
Aufgabe ganz außerordentlich erleichtert. 

„Es war behauptet worden, die Zahl derjenigen Todesfälle unter den 
Säuglingen, welche auf Darreichung verdorbener Kuhmilch zurückzuführen 
seien, wäre weit geringer, als ich es angenommen hätte. Andererseita 
wurde die Tatsache, daß die Todesfälle unter den künstlich ernährten Säug¬ 
lingen der ärmeren städtischen Bevölkerung fast ausschließlich die anormal 
hohe Säuglingssterblichkeit bedingen, von verschiedenen Rednern zurückge¬ 
führt auf Sommerwärme, schlechte Wohnungen, auf Unreinlichkeit und an¬ 
dere Momente. Ich gebe ohne weiteres zu, daß alle diese Umstände an dem 
großen Säuglingssterben mit schuld sind. Sie sind aber nur indirekt daran 
beteiligt, insofern, als sie zum Verderben der für die Säuglinge bestimmten 
Kuhmilch mit beitragen. Wäre diese Auflassung nicht richtig, so müßte ea 


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Die gesundheitliche Überwachung des Verkehrs mit Milch. l8l 

ja völlig unerklärlich bleiben, daß nicht auch die natürlich ernährten Säug¬ 
linge der ärmeren Bevölkerung in so großer Zahl zugrunde gehen. 

„Herr Sanitätsrat Altschul hat uns erzählt, daß die hohe Sommer- 
Sterblichkeit der Säuglinge, welche in anderen Städten die Mehrzahl der 
Opfer fordert, in Prag völlig fehle. Nun frage ich mich, ist es in Prag 
weniger heiß als in den deutschen Großstädten, sind die Wohnungen in 
Frag hygienisch vollkommener als in unseren deutschen Großstädten, ist 
die ärmere Bevölkerung in Prag reinlicher als diejenige unserer deutschen 
Städte, werden in Prag die Säuglinge der ärmeren Bevölkerung, so wie 
Herr Direktor Petruschky es fordert, täglich sechs- bis achtmal gewaschen 
oder gebadet? Meine Damen und Herren, alle diese Fragen sind mit 
„nein“ zu beantworten. In Prag werden die Säuglinge aber, wie Herr 
Altschul uns darlegte, noch fast ausnahmslos an der Mutterbrust ernährt. 
Das ist das ausschlaggebende Moment, und darin liegt der Beweis dafür, daß 
fast ausschließlich die künstliche Ernährung Schuld trägt an der hohen 
Sommersterblichkeit, daß es also, wie meinerseits behauptet wurde, die un¬ 
zureichende verdorbene Milch ist, welche das Massensterben unter unseren 
Säuglingen zurzeit noch verursacht. Daß es nicht die Kuhmilch an und 
für sich ist, die so verderblich wirkt, sondern nur die zersetzte Kuhmilch, 
das ersehen wir ja daraus, daß in den besser situierten Familien auch die 
künstlich ernährten Säuglinge nicht in so unverhältnismäßig großer Zahl 
sterben, daß insbesondere die Todesfälle an Magen-Darmkrankheiten bei ihnen 
so gut wie gänzlich fehlen, auf welche bei den künstlich ernährten Säug¬ 
lingen der ärmeren Bevölkerung, wie Sie aus dem aufgehängten Karten¬ 
material ohne weiteres entnehmen können, die größte Masse der Säuglings¬ 
todesfälle zurückzuführen ist. Wir können es schließlich daraus entnehmen, 
daß auch die künstlich ernährten Säuglinge der ärmeren Bevölkerung am 
Leben erhalten blieben, wo immer man ihnen eine sorgfältig präparierte 
Kuhmilchnahrung verschaffte. 

„Möchten unsere heutigen Verhandlungen dazu beitragen, daß die zu¬ 
ständigen Behörden und private Vereine zusammentreten Und sich die Auf¬ 
gabe stellen, unserem Nachwuchs allgemein eine gesundheitlich einwand¬ 
freie Nahrung zu verschaffen und den Müttern das richtige Verständnis für 
die Behandlung der Säuglinge beizubringen.“ 


Pause von 12 l / 4 bis \2 l / % Uhr. 


Nach der Pause stellt der Vorsitzende den vierten Gegenstand der 
Tagesordnung zur Verhandlung: 


9* 


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132 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 


Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 

Es lauten die von dem Referenten, Geheimen Regierungsrat Dr. Ohl- 
mfiller (Berlin), aufgestellten 

Leitsätze: 

1. Das Ozon wirkt auf Bakterien im Wasser, auch auf Sporen von solchen, 
vernichtend unter gewissen Bedingungen. 

2. Krankheitserreger, wie die der Cholera, des Typhus und der Ruhr, unter¬ 
liegen im allgemeinen rascher der Ozon Wirkung als die Wasserbakterien. 

3. Die keimtötende Wirkung des Ozons ist von der Menge und Beschaffenheit 
der im Wasser befindlichen leblosen, oxydablen Stoffe, der organischen 
und anorganischen, abhängig; weniger kommt die Höhe der Keimzahl in 
Betracht. Diese Eigenschaften sind bei der Auswahl eines Wassers, dessen 
Reinigung durch Ozon beabsichtigt wird, besonders zu berücksichtigen. 

4. Sichtbare Schwimmstoffe müssen vor der Ozoneinwirkung durch eine 
Schnellfiltration von dem Wasser abgeschieden werden, teils aus ästhetischen 
Rücksichten, teils weil die von diesen eingeschlossenen Bakterien der Ozon¬ 
wirkung schwerer zugänglich sind, 

5. Der Konzentrationsgrad der ozonisierten Luft, d. h. deren Gehalt an Ozon, 
ist nach der Menge der oxydablen Stoffe des Wassers zu bemessen. 

6. Eine zuverlässige Wirkung des Ozons tritt nur dann ein, wenn eine innige 
Berührung des Ozons mit dem Wasser gewährleistet ist. 

7. Entsprechend der Vergrößerung der Einwirkungsoberfläche und der dadurch 
erzielten feineren Verteilung des Wassers daselbst kann nach Umständen 
(Menge der oxydablen Stoffe des Wassers) die Ozonkonzentration vermindert 
werden. 

8. Das gelieferte Ozon wird bei der Wasserreinigung nur zum geringeren Teil 
verbraucht. Die Zirkulation der ozonisierten Luft im Apparate ist daher 
vorteilhaft; nur ist für Nachschub frischer Luft zu sorgen, um die Ozon¬ 
konzentration auf bestimmter Höhe zu halten. 

9. Vor der Planung einer Ozonwasserreinigungsanlage sind die in Frage 
kommenden Eigenschaften des Wassers festzustellen; das Ergebnis ent¬ 
scheidet über die Zweckmäßigkeit der Anlage und bestimmt die Art der 
technischen Einrichtung derselben. 

10. Jede fertiggestellte Anlage ist, bevor sie dem Betriebe übergeben wird, 
einer Prüfung bezüglich ihrer bakteriologischen, physikalischen und che¬ 
mischen Wirksamkeit zu unterziehen. Diese ist bei eintretenden Ver¬ 
änderungen der Beschaffenheit des zu reinigenden Wassers, beispielsweise 
bei Vermehrung des Eisengehaltes oder bei zunehmender Verunreinigung, 
nach Bedarf zu wiederholen. 


Referent, Geh. Regierungsrat Dr. Ohlmiiller: 

„Das Ozon ist schon kurz nach seiner Entdeckung durch Schoenbein 
1840 Gegenstand eifrigster Forschung gewesen. Es ist hier nicht der Platz, 
den langwierigen Streit der zahlreichen chemischen Autoritäten über das 
Wesen des Ozons zu entwickeln, ich will nur erwähnen, daß erst 14 Jahre 
nach der Entdeckung seine Konstitution als eine allotrope Modifikation des 
Sauerstoffs durch Soret 1 ) festgelegt worden ist. Anfänglich beschränkte 


*) Comptes rendus LXI, S. 941. 


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Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 


133 


man die Darstellung des Ozons auf den chemischen Weg und den der 
Elektrolyse: doch war auch das Vorkommen des Ozons in der atmosphärischen 
Luft zu gewissen Zeiten schon Schoenbein bekannt, und es ist von ihm 
zum Nachweis desselben ein Ozonometer konstruiert worden. 

„Vermöge seiner starken oxydierenden Wirkung erachtete man das 
Ozon als einen wesentlichen Faktor zur Reinigung der Luft, zumal Carius *) 
nachgewiesen hatte, daß es in der Luft Ammoniak zu salpetriger und 
Salpetersäure oxydiert. Damit war auch die erste Veranlassung gegeben, 
daß sich die hygienische Wissenschaft eingehend mit dem Ozon befaßte. 
Ich darf vor allem an die heute noch mustergültigen Untersuchungen von 
Wolffhügel 8 ) erinnern. Durch Verbesserung des Schoenbeinschen 
Ozonometers konnte er die Ursachen aufklären, welche den Wechsel der 
Ozonmenge in der Atmosphäre bedingen. Die Beobachtung, daß das Ozon 
nach Gewittern mit starken Regengüssen mehr vertreten war und länger 
anhielt, führte ihn zu der Überzeugung, daß es in der Luft bei Gegenwart 
organischer und anderer oxydabler Stoffe rasch zur Oxydation verbraucht 
wird. Diese Tatsache bewies er durch das Experiment, indem er nachwies, 
daß die Luft an Ozongehalt rasch abnahm, wenn er Straßenstaub auf¬ 
wirbelte, daß dies aber nicht mehr der Fall war, wenn der Staub vorher 
geglüht war. So erklärte er auch seine Beobachtung, daß Ozon in Wohn- 
räumen nicht immer aufzufinden war oder in diesen rasch verschwand. Auf 
den vielverschlungenen Wegen durch das Mauerwerk und dergleichen (natür¬ 
liche Ventilation) und in den Räumen selbst fand das Ozon reichlich Ge¬ 
legenheit zur Oxydation. War die natürliche Ventilation durch starken 
Wind, hohe Temperaturdifierenzen begünstigt, waren damit die Verhältnisse 
für einen Nachschub günstiger, so war immer der Ozongehalt der Zimmer¬ 
luft reichlicher und anhaltender. 

„Diese Wahrnehmungen Wolffhügels wurden von Fox 8 ) bestätigt, 
der fand, daß die Luft beim Durchleiten durch eine lange Glasröhre weniger 
an Ozon einbüßt, wenn sie vorher einen Wattepfropfen passiert hat. 

„In Laienkreisen ist man auch heute noch vielfach der Ansicht, daß 
Ozon besonders heilkräftig sei, wiewohl schon Schoenbein nnd seine Zeit¬ 
genossen, wieHouzeau, Thenard, Dewar, Kendrick u. a., bereits erkannt 
hatten, daß es bei der Einatmung einen starken Reiz auf die Schleimhäute 
ausübt und bei kleineren Tieren den Eintritt des Todes im Gefolge hat 4 ). 

„Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Ozon einen wesentlichen Faktor 
zur Reinigung der atmosphärischen Luft darstellt, und von diesem Gesichts¬ 
punkte aus ist seine Anwesenheit in der Luft von hygienischer Bedeutung; 
eine direkte gesundheitsfördernde Wirkung kommt ihm aber nicht zu. Schon 
Wolffhügel führte den günstigen Einfluß der ozonreichen See- oder Land¬ 
luft mehr auf die veränderte Lebensweise zurück. Es will mir jedoch 
scheinen, daß das Ozon in der großen Verdünnung, in der wir es in der Luft 
atmen, anregend wirkt, ähnlich wie der aromatische, würzige Geruch in den 
Tannenwäldern. 

*) Mitgeteilt bei En gier, Historisch-kritische Studien über das Ozon, S. 38. 

*) Zeitschrift für Biologie, Band XI, S. 422. 

s ) Ozone and antozone, 8. 268. 

4 ) Mitgeteilt bei En gier, Historisch-kritische Studien über das Ozon, S. 57. 


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184 XXVIII. Versammlung d.D. Vereine f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Die hohe Oxydationskraft des Ozons hat auch zu dem Gedanken ge¬ 
führt, daß seine Anwesenheit in der Luft auf den Verlauf von Epidemieen 
von Einfluß sein kann. Von der früheren Voraussetzung ausgehend, daß 
gewisse Infektionskrankheiten durch Miasmen ausgelöst werden, nahm man 
an, daß diese organischen Stoffe durch das Ozon zerstört werden können. 
Die Bestimmungen der Ozon menge der Luft verglichen mit den statistischen 
Aufzeichnungen der Erkrankungs- und Todesfälle, speziell bei Cholera, führten 
aber zu ganz wechselnden Ergebnissen. 

„Inzwischen hatte uns die bakteriologische Wissenschaft gelehrt, daß 
die Infektionskrankheiten und auch die Fäulniserscheinungen auf geformte 
Elemente, auf Mikroorganismen, zurückzuführen sind. Nunmehr war auch 
die Anregung gegeben, die Einwirkung des Ozons auf diese kleinsten, pflanz¬ 
lichen Lebewesen zu studieren, um so mehr, als Werner von Siemens 1 ) 
durch die Konstruktion seines Ozonapparates im Jahre 1857 einen Weg zur 
bequemen Darstellung des Ozons aus Sauerstoff gezeigt hatte. Versuche in 
dieser Richtung liegen vor. So haben beispielsweise Großmann und 
Meyerhausen 3 ) mit Heu- und Froschinfusen, Krukowitsch s ) mit 
Fäulnisbakterien aus Hühnereiweiß, Szpilmann 4 ) mit anderen Fäulnis¬ 
bakterien, Sonntag 5 ) und Oberdoerffer 6 ) mit Milzbrandsporen und 
-Bazillen, Lukaschewitsch 7 ) mit Kommabazillen, Milzbrandbazillen, 
Bacillus subtilis, Labb6 und Oudin 8 ) mit Tuberkelbazillen gearbeitet. 
Die Ergebnisse stimmen nicht überein, wohl deshalb, weil die Versuchs¬ 
bedingungen nicht einheitlich waren. 

„Es blieb noch übrig, zu ermitteln, unter welchen Umständen Ozon 
auf Bakterien vernichtend wirkt. Die Vornahme solcher Untersuchungen 
erschien um so mehr angezeigt, als Frölich und seine Mitarbeiter Erl wein, 
Howe und Tietzen-Hennig im Berliner Laboratorium der Firma 
Siemens & Halske Apparate gebaut hatten, vermittelst derer durch elek¬ 
trische Energie aus atmosphärischer Luft Ozon in größerem Maßstabe 
hergestellt werden kann 9 ). Damit bestand vor allem die Aussicht, das Ozon 
in die Desinfektionspraxis einzuführen. 

„Ich hatte im Jahre 1892 im Kaiserlichen Gesundheitsamte Gelegenheit, 
mit den Frölich sehen Apparaten Versuche über die Einwirkung des Ozons, 
vielmehr der ozonisierten Luft auf Bakterien anzustellen 10 ). Um einen 
Einblick zu gewinnen, ob das Ozon zur Desinfektion von Gegenständen oder 
Räumen Verwendung Anden kann, wurden Bakterien verschiedener Arten 
auf Gewebestoffe, Holz, Glas und andere Materialien aufgebracht und in 
feuchtem oder trockenem Zustande wechselnden Konzentrationen ozonisierter 
Luft verschiedene Zeiten lang ausgesetzt. Diese Versuche bestätigten die 

l ) Poggendorffs Annal. d. Phys. u. Chem. Band CII, 8. 120. 

*) Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie, Band XV, 8. 265. 

8 ) Zeitschrift für Hygiene, Band IX, 8. 92. 

4 ) Zeitschrift für physiologische Chemie, Band XIV, 8. 365. 

5 ) Zeitschrift für Hygiene, Band VHI, 8. 119. 

•) Über die Einwirkung des Ozons auf Bakterien. Inaug.-Dissert. Bonn 1889. 

7 ) Zeitschrift für Hygiene, Band IX, 8. 93. 

8 ) Comptes rendus CXIII, S. 143 (1891). 

9 ) Elektrotechnische Zeitschrift (Zentralblatt für Elektrotechnik) 1891, Heft 26. 

10 ) Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, Band VIH, 8. 229. 


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135 


Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 

früheren oder stellten sie richtig; sie ergaben, daß das Ozon auf die Bak¬ 
terien einen schädigenden oder vernichtenden Einfluß ausübt. Jedoch war 
der Erfolg nicht so sicher, daß man die Anwendung des Ozons hätte zu 
solchem Zwecke empfehlen können. Aussichtsreicher waren die Ergebnisse 
bei der Einwirkung des Ozons auf Bakterien, die im Wasser aufgeschwemmt 
waren. Wurden Milzbrandsporen und -Bazillen oder Typhusbazillen in 
destilliertem und sterilisiertem Wasser aufgeschwemmt und in diese Flüssigkeit 
ozonisierte Luft eingeleitet, so trat nach kurzer Zeit eine vollständige Ver¬ 
nichtung der Mikroorganismen ein; wurde dagegen Kanalwasser, eine 
Gartenerdeaufschwemmung oder Spreewasser mit Ozon behandelt, so trat 
ein Erfolg in diesem Maße nicht ein *). 

„Auf eine größere Widerstandsfähigkeit der Bakterien in diesen 
Flüssigkeiten konnte ein solcher Befund nicht allein zurückgeführt werden. 
Denn es war nicht anzunehmen, daß die hier vorliegenden Bakterien re- 
eistenter waren als die vorher benutzten Milzbrandsporen, welche durch 
strömenden Dampf während einer Dauer von sieben Minuten in ihrer 
Lebensfähigkeit noch nicht beeinträchtigt wurden. Am ehesten wäre eine 
solche Annahme vielleicht noch bei der Gartenerdeaufschwemmung gerecht¬ 
fertigt gewesen; aber in dieser trat die Vernichtung der Keime früher ein 
als in der Kanaljauche. Auch in der Höhe der Keimzahl der drei Flüssig¬ 
keiten kann die Erklärung der Ursache dieses Ergebnisses nicht liegen; 
denn das Spreewasser hatte eine viel höhere Keimzahl als die Gartenerde¬ 
aufschwemmung, und dennoch wurde bei ersterem nach einem geringeren 
Ozonverbrauch Sterilität erzielt. Es blieb somit nur übrig, den verschieden¬ 
artigen Ausfall der Versuche mit dem Grade der Verunreinigung der an¬ 
gewandten Flüssigkeiten in Beziehung zu bringen. Von diesem bekommen 
wir ein annähernd richtiges Bild durch die Bestimmung der Oxydierbarkeit 
solcher Wässer mit Kaliumpermanganat. Tatsächlich verlief nun die Wirkung 
des Ozons auf die Bakterien ganz gleichmäßig mit der Höhe der Oxydations¬ 
größen: sie trat früher und energischer ein bei dem Spreewasser, welches 
die niederste Oxydierbarkeit hatte, als bei der Gartenerdeaufschwemmung 
und bei dieser wieder entsprechend rascher als bei der Kanal jauche, deren 
Oxydationsgröße die höchste war. 

„Nun ist bekannt, daß die organischen Stoffe, welchen wir in ver¬ 
unreinigtem Wasser begegnen, vermöge ihrer verschiedenartigen chemischen 
Beschaffenheit ungleichmäßig durch den vom Kaliumpermanganat ab¬ 
gespaltenen Sauerstoff oxydiert werden. Die Ergebnisse von Oxydierbarkeits¬ 
bestimmungen sind daher nur relative Größen. Da aber in den erwähnten 
Ozon versuchen Wässer verschiedener Herkunft angewendet wurden, so waren 
deren Oxydationsgrößen nicht direkt vergleichbar. Es war sonach mit einem 
einheitlichen und gleichmäßigen Material noch der Beweis zu erbringen, daß 
Höhe der Oxydierbarkeit und Ozon Wirkung von einander abhängig sind; als 
solches wurde eine Aufschwemmung von Milzbrandsporen in destilliertem, 
sterilisiertem Wasser benutzt, der bestimmte Mengen von Hammelserum in 
ansteigendem Maße zugesetzt wurden. In allen Proben nahm sonach die 
Oxydationsgröße gleichmäßig zu. Diese Versuche bewiesen in einwandfreier 


l ) Ebenda 8. 242 and 245. 


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136 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

Weise, daß die Ozonwirkung von der Höhe der Oxydierbarkeit abhängig 
ist. Hierdurch erklärt sich auch der Befund, den Großmann und Meyer¬ 
hausen 1 ) bei ihren Versuchen gewannen; sie hatten Heu- und Froschiufuse 
im hängenden Tropfen in der Engel mann sehen Kammer mit Ozon be¬ 
handelt, nach einigen Minuten stellten die Bakterien ihre Beweglichkeit ein; 
in der geringen Menge von Flüssigkeit war eben die Menge der organischen 
leblosen Masse sehr klein, das angewandte Ozon reichte hin, diese zuerst 
zu oxydieren und dann die Bakterien in ihrer Lebensäußerung zu schädigen. 
In gleichem Sinne muß auch ein Versuch von Binz 3 ) gedeutet werden. 
Binz hatte in etwa 500 ccm defibrinierten Blutes eine Stunde lang ozonisierte 
Luft eingeleitet; das Blut veränderte sich in seinem äußeren Ansehen, im 
mikroskopischen Bilde und in spektroskopischer Hinsicht keineswegs. Er 
schloß hieraus mit Recht, „daß das Ozon sich zuerst an die gelösten, orga¬ 
nischen Verbindungen des Blutes heranmacht, ehe es die geformten Träger 
des Farbstoffes angreift“. 

„Nach diesen Versuchen mit Hammelserumverdünnungen, welche noch 
bestätigt wurden durch solche, bei denen sterilisierter Kanaljauche in ab¬ 
nehmender Konzentration Typhus- und Cholerabakterien zugesetzt waren, 
konnte ich den Satz aufstellen, daß das Ozon bei der Anwendung auf 
Wasser zuerst die leblosen oxydablen Stoffe angreift und erst 
dann, wenn dieser Vorgang bis zu einem gewissen Grade ge¬ 
diehen ist, in kräftiger Weise auf das Leben der Bakterien ver¬ 
nichtend wirkt. 

„Es war sonach nicht daran zu denken, mit Ozon stark verunreinigtes 
Wasser, etwa Abwasser, zu sterilisieren, es bot vielmehr die Nutzbarmachung 
des Ozons nur da Aussicht auf Erfolg, wo es sich um wenig verunreinigtes 
Wasser handelte. Mit dieser Erfahrung war der Weg gezeigt, auf dem es 
gelingen würde, im Trinkwasser die Bakterien zu vernichten. Es be¬ 
durfte nur noch des technischen Ausbaues der Erzeugungs- und Anwendungs¬ 
art des Ozons, um das Verfahren in die Praxis zu übertragen. 

„Diese Anregung fiel auf einen fruchtbaren Boden. 

„Tindall war der erste, der, unterstützt von Schneller, im Jahre 
1893 in Oudshorn bei Leyden eine größere Versuchsanlage erbaute. Dort¬ 
selbst wurde Wasser vom „Alten Rheine“ mit Ozon behandelt, van Er- 
mengem 3 ) unterzog diese Anlage einer Prüfung und stellte fest, daß ihre 
Leistung den Erwartungen vollständig entsprach. Das Wasser enthielt bei 
einer Oxydierbarkeit von 2*5 mg (Sauerstoffverbrauch) für das Liter 385 Keime 
im Kubikzentimeter; durch die Ozonbehandlung wurde es vollkommen steril. 
Eine weitere Anlage erbaute dann Tindall in Blankenberghe. Im Jahre 
1895 führte er auf der hygienischen Ausstellung zu Paris einen Apparat 
vor, dessen Größe auf die Ozonisierung von 2 cbm Wasser in der Stunde 
bemessen war. Das Verfahren fand Anklang; seit 1895 beschäftigten sich 
Abraham und Marmier 4 ) eingehend mit dem Ausbau einer zweck¬ 
entsprechenden Anwendungsart. In dieser Richtung verdienen namentlich 

*) A. a. O. 

*) Zentralblatt für die med. Wissenschaften 1882, 8. 722. 

*) Annales de l’Institut Pasteur 189.% Tome IX, p. 673. 

4 ) Bulletin de la soeiätö internationale des 61ectriciens, Tome XVII, p. 414. 


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137 


Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 

auch die Arbeiten von Otto 1 ), Gosselin 9 ), Andreoli 8 ) und Vosmaer 4 ) 
besondere Erwähnung. Die Apparate von Otto, von Loir und Fern¬ 
bach 5 ) geprüft, lieferten befriedigende Resultate; ebenso waren die Befunde 
mit Apparaten der anderen Autoren günstig. 

„Diese Versuchsanlagen waren sämtlich auf praktische Verhältnisse 
eingerichtet, und es gebührt ihren Erfindern das Verdienst, zu der Über¬ 
zeugung von der Brauchbarkeit des Ozons zu dem gedachten Zwecke bei¬ 
getragen zu haben. So entstand dann auch bald die erste Anlage zur 
Reinigung von Trinkwasser für zentrale Versorgung. Im Jahre 1898 er¬ 
bauten Abraham und M armier im Aufträge der Stadt Lille ein Ozon werk, 
um das Quellwasser von Emmerin zu reinigen; dieses war auf eine Leistungs¬ 
fähigkeit von 35 cbm in der Stunde angelegt. Nach Fertigstellung wurde 
das Werk von einer wissenschaftlichen Kommission unter dem Vorsitze von 
Calmette 6 ) in bakteriologischer und chemischer Beziehung einer eingehenden 
Prüfung unterzogen. Der Keimgehalt des Quellwassers von Emmerin 
wechselte bei einer sehr niedrigen Oxydation von 0*8 mg (Sauerstoffverbrauch) 
für das Liter zwischen 988 bis 2000 im Kubikzentimeter; nach der Behandlung 
mit Ozon waren nur vereinzelte Exemplare des Bacillus subtilis nachzuweisen; 
in chemischer und physikalischer Hinsicht erfuhr das Wasser eine Ver¬ 
besserung. Das Werk ist aus nicht bekannten Gründen zur Zeit nicht mehr in 
Betrieb. — Das System Abraham und Marmier war auch auf der Welt¬ 
ausstellung zu Paris 1900 vorgeführt. 

„Eine weitere Anlage wurde in Schiedam bei Rotterdam errichtet; 
diese ist nach dem System Vosmaer erbaut und kann stündlich 20cbm 
Wasser reinigen. 

„Die Firma Siemens & Halske in Berlin, welcher unstreitig das 
Verdienst gebührt, das Ozon der technischen Verwertung zugänglich ge¬ 
macht zu haben, hat sich nach der gegebenen Anregung, Trinkwasser durch 
Ozon zu reinigen, angelegentlich mit dem Ausbau von Apparaten befaßt. 
Bei solchen Vorversuchen hatte Weyl 7 ) die chemischen und bakteriologischen 
Untersuchungen übernommen und stellte ebenfalls eine befriedigende Wirkung 
des Ozons fest. Die gesammelten Erfahrungen führten die Firma dann im 
Jahre 1901 zur Errichtung einer größeren Versuchsanlage mit einer 
Leistungsfähigkeit von 10 cbm in der Stunde an der nordwestlichen Grenze 
von Berlin zu Martinikenfelde. In ihrer ganzen inneren Einrichtung war 
diese Versuchsanlage auf die praktischen Verhältnisse zugeschnitten, sie 
bildete gewissermaßen das Vorbild für zu erbauende Ozon Wasserwerke. Die 


*) L’industrie de l’ozone. Extrait des m^moires de la sociätö des ing^nieurs 
civils de France (Bulletin de f6vrier 1900). 

*) Quelques considerations nur la production de Tozone et son application a 
la Sterilisation des eaux. 

3 ) Ozone, its commercial production, its application. 

4 ) Zeitschrift für Elektrochemie 1902, 8. 504. 

*) Epuration et Sterilisation industrielle des eaux par Teiectricite. 

•) Rapport sur la Sterilisation industrielle des eaux potables par Tozone 
(Procedäs et appareils de Marmier et Abraham). Annales de l’lnstitut Pasteur 
1899, Tome XIII, p. 344. 

7 ) Schillings Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 1899, S. 809 
und 826, und Zentralblatt für Bakteriologie u. s. w. I. Abteilung, Band XXVI, S. 16. 


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188 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

später entstandenen Ozonwasserwerke zu Schierstem bei Wiesbaden und 
Paderborn stellen Kopien derselben in größerer Ausmessung dar. Die ge¬ 
nannte Versuchsanlage wurde zunächst von den Sachverständigen der Firma 
selbst in technischer Hinsicht und bezüglich ihrer Wirkung geprüft. Die 
gewonnenen Erfahrungen hat Erl wein *) in einer Abhandlung „Trinkwasser¬ 
reinigung nach dem System Siemens & Halske“ niedergelegt. Später 
wurde dieselbe von Prall und mir 2 ) einer Prüfung unterzogen. Die hierbei 
gewonnenen Ergebnisse bezüglich der Einwirkung des Ozons auf pathogene 
Mikroorganismen sind dann von Schüder und Proskauer 3 ) sowohl be¬ 
stätigt, wie auch erweitert worden. Auf diese Arbeiten werde ich später 
des näheren eingehen. 

„Im Jahre 1902 errichteten die Herren Velten in ihrer Brauerei zu 
Marseille eine Anlage zur Sterilisierung des Wassers; diese wurde von 
Rietsch 4 ) neuerdings geprüft und in ihrer Leistung als gut befunden. 

„Zunächst einige Worte über die Darstellung des Ozons aus der atmo¬ 
sphärischen Luft. Im wesentlichen beruht das Prinzip auf der Herbei¬ 
führung der sogenannten Glimmentladung, welche durch hochgespannte 
elektrische Wechselströme erzeugt wird; streicht Luft durch die Zone der 
Glimmentladung, so wird der Sauerstoff derselben in Ozon umgewandelt. 
Der Vorgang verläuft energischer, wenn die Luft vorgetrocknet wird. Man 
hat dies mittels Durchleiten durch Schwefelsäure oder Chlorcalcium oder 
durch Erniedrigung der Temperatur an einer Kälteerzeugungsmaschine be¬ 
werkstelligt. Für die Praxis ist die Verminderung des Wassergehaltes der 
Luft nicht absolut erforderlich. 

„Zur Erzielung der Glimmentladung hat sich der 
Vorschlag Werner vonSiemens’ der Anwendung eines 
Dielektrikums am besten bewährt. Als solches verwandte 
Froelich bei seiner Ozonröhre Glas (Fig. 1). 

„Zwei Glasröhren sind konzentrisch übereinander 
geschoben, so daß sie zwischen sich einen Luftraum von 
allseitig gleichem Abstand lassen. Beide Röhren sind oben 
miteinander luftdicht verbunden, die innere ist unten 
geschlossen, die äußere zu einem oben gebogenen Rohre 
ausgezogen und mit einem seitlichen Tubus versehen, so 
daß durch den Raum zwischen beiden Röhren Luft hin¬ 
durchgeleitet werden kann. Der Apparat wird in ein 
Gefäß mit Wasser gesetzt, zu welchem der eine Pol 
eines Wechselstromes geführt ist; der andere, der Hoch¬ 
spannungspol, taucht in die mit Wasser gefüllte innere 
Röhre. Bei Schließung des elektrischen Stromes findet 
in dem Zwischenräume zwischen beiden Röhren eine Glimmentladung statt; 
die hindurchgeleitete Luft wird ozonisiert. 

*) Schillings Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung 1901, 8. 552. 

# ) Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte Band XVIII, S. 417. 

s ) Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten Band XXI, 8. 227. 

4 ) Sur l’äpuration bact6rienne de l’eau. Extrait du Marseille-M4dical, 15 Mai 
et 15 Juin 1903. 



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Reinigung des Triokwassers durch Ozon. 


139 


„Nach dem gleichen Prinzip ist der für die Praxis bestimmte Apparat 
<ler Firma Siemens & Halske gebaut (Fig. 2). Die hierzu verwendeten Ozon¬ 
röhren haben folgende Konstruktion: Ein hohler Metallzylinder ist in ein 
<*lasrohr mit gleichem Luftabstand eingesetzt und nach unten und oben 
isoliert. Mehrere solche Röhren sind in einen luftdicht geschlossenen, gu߬ 
eisernen Kasten eingesetzt und werden durch eine Wasserspülung gekühlt. 
Die Luft tritt am oberen Ende des Kastens ein, streicht durch die Ozon¬ 
röhren hindurch und verläßt in ozonisiertem Zustande den Kasten am 
unteren Ende. Um den Apparat ungefährlich gegen Berührung zu 
machen, ist der eine Pol des Hochspannungsstromes unter Vermittelung der 


Fig. 3. 



Eisenteile des Einschlußkastens geerdet, der andere ist isoliert und ver¬ 
bindet in Parallelschaltung die Metallzylinder der Ozonröhren. Eine in 
die Vorderwand des Einschlußkastens eingelassene, starke Spiegelglas¬ 
scheibe läßt den Vorgang der Glimmentladung jederzeit überblicken. Der 
Apparat wird mit einem Wechselströme von 8000 Volt bedient. 

„Abraham und Marmier benutzen flache Metallkästen (Fig. 3), 
welche von Wasser durchströmt und gekühlt werden. Als Dielektrikum 
sind hier Spiegelglasscheiben angewandt, zwischen 
welchen die zu ozonisierende Luft hindurchstreicht. 

Beide Hochspannungspole werden dem System zu- 
geführt. Angewandt werden 20000 bis 40000 Volt. 

Die Isolierung des Kühlwassers wird dadurch er¬ 
reicht, daß dessen Zu- und Abfluß in RegenfäUe 
aufgelöst sind. 

„Von diesen beiden Apparaten unterscheiden 
sich die folgend beschriebenen dadurch, daß bei 
ihnen kein Dielektrikum angewandt ist. 

„Bei Tindalls Apparat (Fig. 4) sind in einem Kasten parallel an¬ 
geordnete Metallplatten untergebracht, von welchen die geraden mit einem, 
die ungeraden mit dem anderen Hochspannungspol verbunden sind. In 
den Stromkreis ist ein Glyzerinwiderstand eingeschaltet. Die zu ozoni¬ 
sierende Luft tritt am Deckel des Kastens ein, durchstreicht die Räume 
zwischen den Metallplatten und tritt am Boden wieder aus. Die Spannung 
beträgt 20000 bis 40000 Volt. 



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140 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 


„Ottos Apparat (Fig. 5a und b) ist in der Weise gebaut, daß in eine 
eiserne Trommel horizontal eine rotierende Achse isoliert und luftdicht ein¬ 
gesetzt ist, auf welcher parallel angeordnete Aluminiumscheiben angebracht 
sind. Jede Scheibe hat an der Peripherie einen schlitzförmigen Ausschnitt, 
der jeweils gegen denjenigen der vorhergehenden Scheibe etwas ver- 


Fig. 5. 



Fig. 6. 


mm 


Fig. 7. 


schoben ist, so daß die Aus¬ 
schnitte über das Scheiben¬ 
system in einer Spirallinie 
verlaufen. Diese Einrichtung 
hat den Zweck, eine etwa 
eintretende Funkenbildung 
an dem rechteckigen unteren 
Ansatz der Trommel (siehe 
Fig. 5 b) aufzuheben. Durch 
die Trommel wird die zu 
ozonisierende Luft geleitet. Der Apparat arbeitet mit einer Spannung 
von 10000 bis 15000 Volt. 

„Über den Apparat von Vosmaer ist nichts Näheres bekannt ge¬ 
worden. 

„Nun will ich zur Schilderung der Verfahren übergehen, welche man 
zur Einwirkung des Ozons auf das Wasser angewendet hat. Diese beruhen 
im wesentlichen auf dem Gegenstromsystem. 

„Tindall benutzt einen 10 m hohen 
Turm (Fig. 6), der durch Siebeinsätze in 
\-y Abteilungen zerlegt ist. Durch den Turm 

fließt das Wasser von oben nach unten in 
einem Regenfall; das Ozon strömt, durch 
besondere Öffnungen in den Siebeinsätzen 
in Zickzackwege geleitet, in umgekehrter 
Richtung. 

„Abraham und M armier wenden 


ebenfalls einen Turm an, die innere Einrichtung desselben ist 
jedoch aus den vorliegenden Beschreibungen nicht zu ersehen. 
„Otto benutzt folgende Einrichtung (Fig. 7): 

„Das zu reinigende Wasser strömt unter Druck aus 
Düsen in einen geschlossenen Behälter und reißt die ozoni¬ 
sierte Luft mit sich; hierdurch wird schon eine innige Be- 
rühru ng zwischen Ozon und Wasser bewerkstelligt. Das Wasser 
ergießt sich mittels eines durchlöcherten Rohres in einen 
zweiten Behälter, der mit Steinen gefüllt ist. Das im ersten 
Behälter nicht verbrauchte Ozon tritt in den zweiten Behälter 
I von unten ein und strömt dem an den Steinen herabrieselnden 
Wasser entgegen. 

„Vosmaer läßt ebenfalls unter Druck das Ozon auf das Wasser ein¬ 
wirken. In einem 10 m hohen Turm (Fig. 8) fließt das Wasser von oben 
zu und unten ab; umgekehrt wird das Ozon am Fuße des Turmes ein¬ 
geführt und durch einen Trichter nach oben geleitet. Die aufsteigenden 
Ozonluftblasen stehen somit unter dem Druck der Wassersäule. 






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Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 


141 


„Siemens & Halske benutzen zur Einwirkung des Ozons auf das Wasser 
das Gegenstromsystem in folgender Anordnung. Ein oben geschlossener, in 
Zementmauerung ausgeführter Turm (Fig. 9) von 4 bis 5 m Höhe taucht, 
um einen Wasserabschluß zu erzielen, in ein Bassiu. Derselbe ist zum Teil 
mit Steinen von Taubeneigröße gefüllt. Das zu reinigende Wasser tritt 
oben in den Turm ein, wird durch eine Brause in Fäden aufgelöst und 
rieselt in feiner Verteilung durch die Steinfüllung hindurch. Hier begegnet 
es dem ozonhaltigen Luftstrome, welcher von unten in den Turm eintritt 
und am oberen Ende entweicht Gegenüber den anderen Systemen ist hier 
die vorteilhafte Einrichtung getroffen, daß das nicht verbrauchte Ozon zu 
den OzondarstellungBapparaten zurückkehrt und wieder in den Kreislauf 
kommt 

„Neuerdings hat Otto eine Vorrichtung zur Reinigung des Wassers 
mittels Ozon *) angegeben und Siemens & Halske haben den Sterilisierungs¬ 
raum so angeordnet, daß er zugleich als Filter benutzt werden kann *). 
Diese Einrichtungen haben wesent¬ 
lich nur technisches Interesse. 

„Die Firma Siemens & Halske 
hatte die Martinikenfelder Versuchs¬ 
anlage mit den vorher beschriebenen 
Apparaten zur Ozondarstellung und 
-Anwendung ausgestattet. Vor dem 
Eintritt in den Sterilisationsturm 
durchlief das W asser ein Kroehnke- 
sches Schnellfilter zur Beseitigung 
der sichtbaren Schwebestoffe. Zu 
den Versuchen, welche Prall und 
ich 3 ) an dieser Versuchsanlage aus¬ 
geführt haben, wurde Spreewasser 
oder Mischungen von solchem und 
Charlottenburger Leitungswasser 
verw4Ud6t;um beliebige Abstufungen 
in der Höhe der Oxydierbarkeit 
und der Keimzahl zu bekommen. 

„Das Wasser wurde vor und nach der Behandlung mit Ozon auf seine 
chemischen Eigenschaften untersucht, insoweit diese für diesen Zweck von 
Interesse waren: es wurde der Trockenrückstand, die Oxydierbarkeit, Ammo¬ 
niak, salpetrige Säure und Salpetersäure bestimmt. Im übrigen wurden 
die Keime im Wasser gezählt, nachdem es das Kroehnkesche Filter und 
den Sterilisationsturm durchlaufen hatte. Zur Kultur derselben wurde so¬ 
wohl gewöhnliche Nährgelatine verwendet, um die Ergebnisse mit den 
anderwärts gewonnenen vergleichen zu können, als auch ein von Prall 4 ) 

*) D. R.-P. Nr. 138 637, Klasse 85b. 

*) D. R.-P. Nr. 134525, Klasse 85 a. 

8 ) Vgl. „Die Behandlung des Trinkwassers mit Ozon“. Arbeiten aus dem 
Kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. XVIII, 8. 417. 

4 ) Vgl. „Beitrag zur Kenntnis der Nährböden für die Bestimmung der Keimzahl 
im Wasser“. Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. XVIII, 8. 436. 



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142 xxvm. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

zusammengestellter Nährboden, bestehend aus Gelatine, Agar und Nährstoff 
Heyden, welcher durchweg höhere Zahlenwerte lieferte. 

„Durch die Behandlung mit Ozon erfahrt die Beschaffenheit dea 
Wassers gewisse Veränderungen, welche eine Verbesserung desselben be¬ 
deuten. Vornehmlich gipfeln diese in der Verminderung des Keim- 
gehaltes, doch sind sie auch in chemischer und physikalischer Beziehung 
nicht ohne Belang. Um diese letzteren vorweg zu nehmen, so sei bemerkt,, 
daß eine Verminderung der gelösten organischen Stoffe eintritt. Nach der 
Wirkungsart des Ozons wäre zu erwarten gewesen, daß die anorganischen 
Stickstoffverbindungen in die höchste Oxydationsstufe, in Salpetersäure, 
übergeführt werden. Es zeigte sich aber, daß das freie Ammoniak in den 
Mengen, in denen es hier auftritt, nur schwach oxydiert und das gebundene, 
als Chlorid oder Karbonat, gar nicht beeinflußt wird. Anders verhält sich 
die salpetrige Säure; diese wird in freier und namentlich stärker in ge¬ 
bundener Form oxydiert. Nach diesen Befunden und in Rücksicht auf die 
Tatsache, daß bei der Ozonisierung der Luft ein Teil des Luftstickstoffes in 
Salpetersäure übergeführt wird, ist zu erwarten, daß in gereinigtem Wasser 
die Salpetersäure etwas vermehrt wird. Im hygienischen und physio¬ 
logischen Sinne ist eine solche Veränderung des Wassers völlig belanglos, 
sie kann eher zu einer Geschmacksverbesserung beitragen. Um unrichtige 
Deutungen auszuschließen, sei ausdrücklich betont, daß bei der Beurteilung: 
eines Wassers die Bestimmung der anorganischen Stickstoffverbindungen 
lediglich den Zweck hat, aus deren Anwesenheit Schlüsse auf die Art einer 
geschehenen Verunreinigung zu ziehen; hier geschah sie nur, um die 
Wirkungsweise des Ozons kennen zu lernen. 

„Das Ozon zerfällt im Wasser nach sehr kurzer Zeit, spätestens nacb 
16 bis 20 Sekunden, in Sauerstoff. Die Anreicherung des Wassers mit 
Sauerstoff bedeutet eine Verbesserung. Andererseits ist ein Angriff des Ozons 
auf das Rohrleitungsmaterial ausgeschlossen. Sofern die Beschaffenheit des 
Wassers eine nachteilige Wirkung durch den freien Sauerstoff auf das 
Metall der Leitungsröhren aus Eisen oder Blei befürchten läßt, so kann 
dieser durch Entlüftung beseitigt werden, wie dies in der Anlage zu Pader¬ 
born durch einen Kaskadenfall geschieht. 

„In physikalischer Beziehung wurde beobachtet, daß durch die Ein¬ 
wirkung des Ozons Färbungen des Wassers, welche durch die Gegenwart 
von Huminstoffen bedingt sind, vollständig verschwinden. Weiterhin ist 
von besonderer Bedeutung, daß durch das Ozon ein fremdartiger Geschmack 
und Geruch des WasBers nicht eintritt. 

„Fasse ich die chemische Wirkung des Ozons auf die gelösten Bestand¬ 
teile des Wassers zusammen, so werden hierdurch Veränderungen seiner 
Beschaffenheit herbeigeführt, welche Verbesserungen bedeuten, bestehend in 
der Verminderung der Oxydierbarkeit, der Vermehrung des freien Sauer¬ 
stoffes, der Beseitigung von färbenden organischen Stoffen. 

„Bedeutungsvoller als die Einwirkung des Ozons auf die gelösten 
Stoffe ist die auf die geformten und belebten, auf die Bakterien. 
Zu den Versuchen in Martinikenfelde wurde absichtlich ein sehr bakterien¬ 
reiches Wasser gewählt. Es gelang, den Keimgehalt, der sich in Mittel¬ 
zahlen von 8900 bis 86800 bewegte, auf 1 bis 32 herabzudrücken. 


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Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 


143 


'Wiederholt blieben einzelne Kultnrplatten vollkommen steril. Die Oxydier¬ 
barkeit des Wassers schwankte zwischen 4*24 bis 7*12 mg Sauerstoffverbrauch 
für das Liter Wasser. Zum Vergleich mit den anderwärts gewonnenen 
Ergebnissen können nur die mit der gewöhnlichen Nährgelatine erzielten 
Zahlen herangezogen werden; es wurden mit diesem Nährboden vor der 
Ozonisierung im Mittel 5700 bis 48000, nach derselben 1 bis 28 Keime im 
Kubikzentimeter ermittelt. Das Wasser des „Alten Rheins tt bei Oudshorn 
enthielt 385 Keime bei einer Oxydierbarkeit von 2*5 mg, das Quellwasser 
von Emmerin 988 bis 2200 bei einer Oxydationsgröße von 0*8 mg. Jn 
ersterem wurde vollkommene Sterilität erzielt, in Lille gingen vereinzelte 
Exemplare des Bacillus subtilis hindurch. Bei den Versuchen von Rietsch 
in der Brauerei zu Marseille wurde die Anzahl der Keime von 339 bis 2214 
auf 1 bis 31 herabgemindert. Erwägt man, daß in Oudshorn und Lille 
ein wesentlich reineres Wasser angewandt wurde, so sind die in Martiniken- 
felde erzielten Ergebnisse vollkommen befriedigend; sie sind dies auch vom 
hygienischen Standpunkte aus; denn ein Wasser mit 1 bis 28 Keimen ist 
gewiß als einwandfrei zu erachten. 

„Bei diesen Versuchen ergab sich wieder im Einklang mit früheren, 
daß für die Vernichtung der Bakterien weniger die Höhe der Keimzahl als 
die der Oxydierbarkeit bestimmend ist. Außerdem trat klar zutage, daß 
das Überleben einzelner Keime auf die Gegenwart resistenterer Formen 
zurückzuführen war. Hierin liegt ein qualitativer Unterschied des Ozon¬ 
verfahrens gegenüber der Sandfiltration; bei letzterer ist die Abscheidung 
unbeeinflußt von deren Lebensenergie, bei dem Ozonverfahren unterliegen 
zuerst die schwächeren Formen, die stärkeren bleiben nach Umständen am 
Leben. Wenn dies auch nur sehr wenige sind, so konnte einen Ausschlag 
über die Brauchbarkeit des Ozonverfahrens doch nur eine Untersuchung 
über das Verhalten der pathogenen Mikroorganismen geben, die bei der 
Wasserversorgung in Frage kommen. Es wurden daher noch Versuche mit 
Choleravibrionen und Typhusbazillen angestellt; von ersteren wurden dem 
Wasser so viel zugesetzt, daß sich im Kubikzentimeter schätzungsweise 2000 
befanden, an Typhusbazillen enthielt 1 ccm rund 17000. Beide Krankheits¬ 
erreger wurden durch das Ozonverfahren vernichtet. In je 10 Proben von 
180 bzw. 100 ccm Wasser konnten mit den üblichen Untersuchungsmethoden 
Choleravibrionen und Typhusbazillen nicht mehr ermittelt werden. 

„Schüder und Proskauer 1 ) haben in der Versuchsanlage in Marti- 
nikenfelde das Verhalten der Cholera- und Typhuserreger nachgeprüft und 
weiterhin noch Versuche mit Ruhrbazillen angestellt; sie konnten die Ver¬ 
suche stärker forcieren, indem sie als Füllung für den Sterilisation sturm eine 
kleinere Korngröße anwandten und dadurch die Einwirkung des Ozons 
begünstigten. Bei diesen Versuchen befanden sich durchschnittlich 
630000 Exemplare der betreffenden pathogenen Mikroorganismen im Kubik¬ 
zentimeter. Es wurden ferner größere Mengen des ozonisierten Wassers, 
mindestens 20 Liter, in Untersuchung genommen. Die Versuche bewiesen, 
daß selbst unter diesen Verhältnissen diese Krankheitserreger sicher ver¬ 
nichtet werden. 


*) Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten, Bd. XLI, 8. 227. 


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144 XXVin. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„In gleicherweise prüften Schüder und Proskauer 1 ) das Wies¬ 
badener Ozonwasserwerk zu Schierstein und verwandten hierbei cholera- 
und typhusähnliche Bakterien. Das Ergebnis war das gleiche: eine sichere 
Vernichtung dieser Bakterien. 

„Nach den Versuchen von Prall und mir, sowie nach denen von 
Schüder und Proskauer unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß es 
mittels des Ozons gelingt, das Wasser in bakteriell einwand¬ 
freier Weise zu reinigen. 

„Es ist das Bedenken erhoben worden, daß der Genuß der abgetöteten 
Bakterien nicht gerade appetitlich sei, und daß die Filtration den Vorteil 
der Abscheidung der Bakterien für sich habe. Dieses Bedenken läßt sich 
durch eine Rechnung zerstreuen. Nimmt man an, daß der Raum eines 
Kubikzentimeters mit einer recht kleinen Bakterienart, die nur 0‘4 fl Länge, 
Breite und Dicke besitzt, vollständig ausgefüllt sei, so würde man hierzu 
15 Billionen und 630 Millionen Exemplare dieser Bakterien brauchen. Die 
Trockensubstanz dieser Bakterien zu 20 Proz. genommen, müßten wir, wenn 
1 ccm Wasser eine Million solcher Bakterien enthält, ungefähr 80 Liter 
Wasser trinken, um 1 cbmm der Trockensubstanz aufzunehmen. Vor dem 
Genuß so minimaler Mengen organischer Substanz brauchen wir uns nicht 
zu scheuen, selbst wenn sie von Bakterien herrühren. In manchem Wasser, 
das wir als rein anerkennen, genießen wir Stoffe in größerer Menge, deren 
Herkunft minder appetitlich ist als das Protoplasma von Bakterien. 

„Dem ästhetischen Gefühle entspricht es aber, daß sichtbare Schwimm¬ 
stoffe durch eine Schnellfiltration aus dem Wasser entfernt werden, und 
zwar vor der Ozoneinwirkung. Selbst wenn es gelänge, diese Stoffe durch 
Ozon vollständig zu oxydieren, so würde doch ein solches Wasser minder 
appetitlich erscheinen. Auch aus einem anderen Grunde ist ihre vor¬ 
herige Beseitigung angezeigt; man kann nicht immer die Gewähr über¬ 
nehmen, daß die von ihnen eingeschlossenen Bakterien sicher abgetötet 
werden. 

„Die Wirkung des Ozons ist naturgemäß um so energischer, je höher 
der Gehalt der ozonisierten Luft an solchem ist. Es ist jedoch nicht not¬ 
wendig, den höchsten, erreichbaren Konzentrationsgrad anzustreben, da man 
mit einem geringeren den gleichen Erfolg erreicht, und man wird dies auch 
mit Rücksicht auf die höheren Kosten vermeiden. In der Martinikenfelder 
Anlage wurde mit einem Konzentrationsgrade von 3‘0 bis 5*5 g Ozon in 
1 cbm Luft, in Lille mit 5*8 bis 9*5g gearbeitet. Abraham 8 ) hält es für 
richtig, nicht unter die Grenzen von 4 bis 5 g herunterzugehen. Dagegen 
wurden in dem Wiesbadener Ozonwasserwerk schon mit Konzentrations¬ 
graden von 1*4 bis 2*3 g 8 ) vollkommen sichere Erfolge erzielt. Der Ozon¬ 
verbrauch richtet sich allein nach der Menge der oxydablen Stoffe im 
Wasser, und hiernach ist die Konzentration auf das richtige Maß einzu¬ 
stellen, wobei die Bestimmung der Oxydationsgröße des Wassers nach 
Kubel-Tiemann leitend ist. 

„Für die sichere Wirkung eines Ozonwasserwerkes ist eine unerläßliche 


l ) Ebenda, Bd. XLII, S. 293. 
*) A. a. O. S. 422. 

•) A. a. 0. S. 296. 


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Reinigung des Trink wassers durch Ozon. 145 

Bedingung, daß das zu reinigende Wasser mit dem Ozon allenthalben in 
innige Berührung kommt Es steht mir nicht das Urteil zu, auf welchem 
technischen Wege dies in vollkommenster Weise erreicht wird, aus eigener 
Erfahrung kenne ich nur das Verfahren, das die Firma Siemens & Halske 
angewandt hat, nämlich den mit Steinen gefüllten Sterilisationsturm, in 
welchem Wasser und Ozon im Gegenstrome sich bewegen. Die Versuche 
von Schüder und Proskauer 1 ) haben gezeigt, daß man dessen Leistungs¬ 
fähigkeit noch steigern kann, wenn man zu seiner Füllung Steine von 
kleinerer Korngröße nimmt. Der Erfolg beruht darauf, daß der Weg des 
Wassers länger und dadurch die Einwirkungszeit des Ozons größer wird. 
Meine früheren Versuche haben dargetan, daß die Ozonkonzentration um 
so höher ist, je langsamer die Luft durch den Ozonapparat hindurchstreicht 2 ). 
Läßt man aber die Luft rascher hindurchströmen, so wird allerdings relativ 
weniger, absolut aber in der Zeiteinheit mehr Ozon geliefert. Man muß 
daher annehmen, daß man mit der Vergrößerung der Verteilungsoberfläche 
des Wassers eine Verminderung der Ozonkonzentration — und damit eine 
Kostenerniedrigung — eintreten lassen kann. Aber für alle diese Verhält¬ 
nisse lassen sich keine bestimmten Vorschriften aufstellen; sie müssen von 
Fall zu Fall je nach der Beschaffenheit des zu reinigenden Wassers aus¬ 
probiert werden. Hierbei wird man nicht auf Schwierigkeiten stoßen, da 
der Ozonverbrauch bei der Sterilisierung des Wassers ein relativ geringer 
ist; der größere Anteil des Ozons verläßt wieder den Sterilisationsturm. Es 
wäre unvorteilhaft, dieses ungenutzt entweichen zu lassen. Daher hat man 
zweckmäßig die Einrichtung getroffen, daß das aus dem Turm entweichende 
Ozon vor dem Luftozonisierungsapparat wieder in den Kreislauf ein- 
tritt. Es ist nur hierbei dafür zu sorgen, daß frische Luft in dem Maße 
nachströmt, daß die Ozonkonzentration immer auf der bestimmten Höhe 
sich hält. 

„Es ist bereits erwähnt worden, daß die bakterienvernichtende Wirkung 
des Ozons keine uneingeschränkte ist, im wesentlichen hängt der Erfolg von 
der Höhe der Oxydierbarkeit des Wassers ab. Es erübrigt nunmehr noch 
die Frage, in welchen Fällen die Errichtung einer Ozonwasserreinigungs- 
anlage angezeigt ist. Im allgemeinen sei bemerkt, daß sich hierfür sowohl 
Oberflächenwasser, wie auch Grundwasser eignet. Wie bei jeder zentralen 
Versorgung, so wird man vor allem auch hier darauf bedacht sein, daß das 
Wasser aus ästhetischen Rücksichten nicht zu beanstanden ist. Grund- und 
Quellwasser, das aus zerklüftetem Gelände oder aus schotterigem Alluvialboden 
von Flüssen stammt und daher infolge mangelhafter ßodenfiltration dauernd 
oder vorübergehend einen hohen Bakteriengehalt aufweist, ist für die Ozon¬ 
behandlung besonders geeignet. Enthält solches Wasser keine trübenden 
Bestandteile, so kann die Vorflltration durch Schnellfllter entbehrt werden. 
Bei Oberflächen wasser jedoch wird sie nicht zu umgehen sein. Es kann 
eingewendet werden, daß dann mit der Ozonbehandlung des Wassers nicht 
viel gewonnen ist, weil man ihr eine Vorfiltration vorausschicken muß und 
diese so einrichten kann, daß das Wasser auch hierdurch schon den hygie- 


*) A. a. O. 

*) Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte, Bd. VIII, 8. 283. 

Viert« lj&hxsichrift fftr Geaundheitapflege, 1904. jq 


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146 XXVIII. Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

nischen Ansprüchen gerecht wird. Dem ist nicht so. Diese Vorfiltration 
bezweckt lediglich die Beseitigung der trübenden Stoffe und erfordert eben¬ 
so, wie die bei Enteisenungsanlagen zur Abscheidung des Eisenoxydhydrates 
weniger Sorgfalt und Beaufsichtigung und auch Kosten als die Sandfiltration. 
Gegenüber dem letzteren Verfahren hat die Reinigung des Trinkwassers 
mittels Ozon einen besonderen Vorteil voraus: Jedes Sandfilter muß sich 
erst einarbeiten, ehe es einwandfreies Wasser liefert, es bedarf der sorg¬ 
fältigen Behandlung und dauernden bakteriologischen Kontrolle, um den 
Zeitpunkt zu ermitteln, wo seine Leistungsfähigkeit abnimmt. Das Ozon¬ 
wasserwerk dagegen liefert von Anfang seines Betriebes an dauernd ein 
einwandfreies Wasser. Die Erfahrung von Jahrzehnten hat uns allerdings 
gelehrt, daß die zentrale Sandfiltration bei regelrechter Bedienung ein 
Wasser liefert, bei dem wir eine Infektionsgefahr nicht zu fürchten brauchen; 
immerhin haben C. Frankel und G. Piefke 1 ) den Beweis erbracht, daß 
pathogene Mikroorganismen nach Umständen durch die Filter hindurch¬ 
treten. Ich bin weit entfernt, hieraus eine Minderwertigkeit des Sand¬ 
filtrationsverfahrens ableiten zu wollen; aber vor diesem hat die Ozonbehand¬ 
lung doch voraus, daß die pathogenen Bakterien sicher vernichtet werden, 
weil sie erfahrungsgemäß gegen Ozon weniger widerstandsfähig sind als die 
Wasserbakterien. Daher ist das Ozonverfahren besonders angezeigt bei 
einem Wasser, das im Verdacht steht, die Erreger von Typhus, Cholera und 
Ruhr aufgenommen zu haben. In Fällen, wo die Entstehung solcher Epide¬ 
mien auf das Trinkwasser zurückzuführen ist, wird dessen Reinigung mittels 
Ozon von Vorteil sein. 

„Je nach der Höhe der Oxydierbarkeit des Wassers ist die Ozonkonzen¬ 
tration zu bemessen. Im allgemeinen ist diese in Wässern, die sich zum 
Trinken eignen, nicht so hoch, daß der eigentliche Zweck der Ozonanwendung, 
die Vernichtung der Bakterien, vereitelt würde. Wässer, die reich an Humin- 
stoffen sind, bedingen einen höheren Ozonverbrauch; sie werden dabei aller¬ 
dings außer der Bakterien Vernichtung noch weiterhin verbessert, indem die 
färbenden Substanzen gebleicht werden und verschwinden. Aber solche 
Wässer wird man nur zur Versorgung heranziehen, wo die Not dazu zwingt. 
Lästig für die Ozonbehandlung sind Eisenoxydulverbindungen; das Ozon 
wirkt auf diese oxydierend ein, und das Wasser trübt sich mehr oder minder 
je nach der Gegenwart des Eisenoxydhydrates. Solche Wässer müssen 
vorher durch ein Enteisenungsverfahren vorbehandelt werden. Man kann 
aber auch das Ausfallen des Eisens durch die Einwirkung des Ozons bewerk¬ 
stelligen, und dies wird namentlich dann angezeigt sein, wenn der störende 
Eisengehalt durch eine einfache Durchlüftung des Wassers nicht vollkommen 
beseitigt werden kann. Der Zweck der Ozonanwendung ist jedenfalls die 
Enteisenung nicht, diese erreichen wir durch die bekannten, üblichen 
Verfahren billiger; in Ausnahmefällen kann daran gedacht werden, das 
Ozon hierzu anzuwenden, dann ist aber eine solche Anlage besonders ein¬ 
zurichten. 

„Wenn die Errichtung eines Ozon Wasserwerkes geplant ist, so wird 
man sich zunächst an der Hand einer gründlichen chemischen und bakterio- 


l ) Zeitschr. f. Hygiene und Infektionskrankheiten, Bd. VIII, S. 30; 


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Reinigung des Trinkwassers durch Ozon. 147 

logischen Untersuchung des Wassers unter Berücksichtigung der örtlichen 
Verhältnisse über die Beschaffenheit des Wassers informieren. Nach der 
Höhe der Oxydierbarkeit läßt sich einschätzen, ob eine hohe oder eine nie¬ 
drige Ozonkonzentration angewandt werden muß; bestimmte Grenzzahlen 
werden sich dafür nicht aufstellen lassen, da die Zusammensetzung der 
oxydablen Stoffe des Wassers wechselnd ist. Doch genügt schon ein solcher 
Anhaltspunkt zur Bemessung der Ozonerzeugungsapparate. Ebenso wichtig 
wie die Höhe der Ozonkonzentration sind die Einrichtungen, welche eine 
innige Berührung des Wassers mit dem Ozon gewährleisten. Bei höherer 
Oxydationsgröße und namentlich dann, wenn es sich um die Vernichtung 
pathogener Mikroorganismen handelt, ist vorsichtshalber eine längere Durch¬ 
laufzeit angezeigt. 

„Es kann hier nur von Fall zu Fall entschieden werden. Daher darf 
kein Ozonwasserwerk dem Betriebe übergeben werden, ehe dessen zu¬ 
verlässige Wirksamkeit durch eine Prüfung festgestellt ist. 
Hierzu ist der Nachweis der Verminderung der Anzahl der Wasserbakterien 
bis auf einige wenige ausreichend. Da erfahrungsgemäß die pathogenen 
Mikroorganismen früher zugrunde gehen als jene, so kann der Zusatz von 
solchen zu dem zu reinigenden Wasser zum Zwecke der Prüfung der An¬ 
lage entbehrt werden. Die Oxydationsgröße wird sich mehr oder minder 
verringern, und man wird sioh noch zu überzeugen haben, ob nicht durch 
nachträgliche Eisenabscheidung eine Trübung des Wassers eintritt. 

„Wenn ein Ozonwasserwerk auf Grund des bakteriellen Befundes auf 
seine beste Leistungsfähigkeit eingestellt ist, so arbeitet es zuverlässig weiter, 
solange die Beschaffenheit des zu reinigenden Wassers sich nicht wesent¬ 
lich ändert Tritt beispielsweise bei Grundwasser eine Vermehrung der 
Eisenoxydulverbindungen auf, oder besteht bei Oberffächenwasser der Ver¬ 
dacht zunehmender Verunreinigung, so wird man sich von der Leistungs¬ 
fähigkeit der Anlage wieder zu überzeugen haben. Im übrigen bedarf das 
Ozonwasserwerk, dessen maschineller Betrieb einfach ist, keiner Kontrolle. 
Störungen können durch Versagen des elektrischen Stromes oder durch Aus¬ 
bleiben der zu ozonisierenden Luft eintreten. Für beide Fälle sind von 
dem Ingenieur Friberg der Firma Siemens & Halske selbsttätige Apparate 
ersonnen worden, welche die Störung anzeigen und sofort den Zufluß 
zu den Sterilisationsapparaten abschließen, so daß aus dem Wasserwerke 
kein Wasser fließen kann, das nicht unter der Einwirkung des Ozons ge¬ 
standen hat. 

„Je nach der Höhe der Kosten, welche für die Beschaffung der elek¬ 
trischen Energie erforderlich sind, stellt sich der Preis für die Reinigung 
von 1 cbm Wasser durch Ozon auf 0’7 bis 1*0 Pfennig. 

„Wenn ich zum Schluß meine Ansicht über die Trinkwasserreinigung 
durch Ozon zusammenfasse, so geht diese dahin, daß dieses Verfahren, in 
richtiger Ausführung in geeigneten Fällen angewandt, vollständig den 
hygienischen Anforderungen entspricht und in finanzieller Beziehung durch¬ 
führbar ist.“ 


10 * 


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148 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zn Dresden. 

Hierauf eröffnet der Vorsitzende die Diskussion. 

Geh. Medizinalrat Professor Dr. Löffler (Greifswald) ist der 
Ansicht, das die Ozonisierung des Wassers künftighin eine ganz hervorragende 
Stelle in der Beschaffung einwandfreien Trinkwassers einnehmen werde. 
Eine ganze Reihe von Städten sei gezwungen, Oberflächenwasser für ihren 
Bedarf zu nehmen oder auch Wasser aus dem Untergrund, welches dem 
Oberflächenwasser gleich zu achten sei; solche Wässer finde man namentlich 
da, wo der Untergrund der Ealkformation angehöre, weil hier häufig Risse 
und Spalten vorhanden seien, durch welche Wasser von der Oberfläche aus 
direkt in den Untergrnndwasserstrom ein dringe, wie dies z. B. in Paris und 
in Paderborn der Fall sei. Man habe alle möglichen Maßnahmen getroffen, 
um Schaden abzuwenden, welcher durch diese unreinen und nicht gewollten 
Zuflüsse von der Oberfläche her entstehen könne. In Paris z. B. nehme 
man eine sorgfältige bakteriologische Untersuchung des Wassers bei seinem 
Eintritt in Paris vor, um dadurch festzustellen, wenn in irgend einem Be¬ 
reiche des Versorgungsgebiets eine Verunreinigung des öffentlichen Ober¬ 
flächenwassers stattgefunden habe. Nach den vorliegenden Angaben solle 
diese bakteriologische Untersuchung gut funktionieren, es sollen durch die¬ 
selbe die Typbusinfektionen von Paris ferngehalten werden. Indes die 
Sache sei doch sehr unsicher. Jede Wasserleitung, die zeitweiliger Verun¬ 
reinigung ausgesetzt sein könne, sei und bleibe eine wahre Crux für die 
Bevölkerung und auch für die Betriebsleiter. Es sei notwendig, daß man 
sich gegen alle die Gefahren sichere, welche aus solchen Wässern erwachsen 
können. Und da scheine in der Tat das Ozon berufen, endgültig Wandel 
zu schaffen, um die sonst ausgezeichneten Wassermassen, die das betreffende 
Terrain liefere, für den Betrieb sicher und zuverlässig zu gestalten. 

Es sei die Frage aufgeworfen worden, ob Wasser, welches ozonisiert 
sei, für den Gebrauch irgend welchen Schaden haben könne, und die Frage 
sei auch auf dem internationalen hygienischen Kongress in Paris erörtert 
worden. Damals habe Professor Calmette ausgeführt, daß er und seine 
Familie und sein ganzes Institut jahraus jahrein von diesem ozonisierten 
Wasser trinken, und daß niemals jemand irgend welche Störungen empfun¬ 
den habe. Es gehe ja auch das Ozon sehr schnell in Sauerstoff über, und 
etwas mehr Sauerstoff im Wasser könne gewiß nicht schaden. 

Aber noch einen Punkt von Wichtigkeit wolle er erwähnen. Wenn die 
Beschaffenheit des Wassers sich ändere, wie dies bei den angeführten 
Wässern aus der Kalkformation nach Regengüssen ja häufig der Fall sei, 
dann müsse natürlich auch eine Änderung in der Ozonisierung, in der zu¬ 
geführten Ozonmenge eintreten. Man werde daher auch bei den Ozon¬ 
werken sich nicht einfach der Ruhe hingeben können, nachdem die ersten 
Prüfungen gemacht seien und der Betrieb danach geregelt sei, sondern man 
werde gehörig aufpassen müssen, ob solche Änderungen des Wassers ein¬ 
treten, um dann sofort diesen Änderungen die Ozonisierung anzupassen. 
Der Herr Referent habe zwar angeführt, daß immerhin erhebliche Schwan¬ 
kungen stattfinden können, wenn man von vornherein die dem Wasser zu¬ 
geführte Ozonmenge reichlich bemesse. Man werde aber doch wohl erst 
weitere Erfahrungen über die Anpassungsfähigkeit der Ozonwerke an quali- 


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Reinigung des Tränkwassers durch Ozon. 149 

• 

t&tive Änderungen des za reinigenden Wassers ab warten müssen, ehe man 
nach dieser Richtung hin ein Urteil abgeben könne. Der beregte Punkt 
sei ohne Zweifel von hervorragender Bedeutung für die ganze Zukunft der 
Wasserreinigung mittels Ozon. 

Professor Dr. Heyer (Dessau) erbittet sich von dem Referenten eine 
Auskunft Derselbe habe erwähnt, daß die Bedenken, die darüber geäußert 
worden seien, daß das durch Ozon sterilisierte Wasser gegen Metalle, ins¬ 
besondere gegen Eisen- und Bleiröhren angreifend wirken könne, in Pader¬ 
born dadurch beseitigt worden seien, daß man das Wasser Kaskaden passieren 
lasse. Er möchte nun erfahren, ob man nachher praktische Versuche 
angestellt und nachgewiesen habe, daß das Wasser, welches die Kaskaden 
passiert habe, auf Blei und Eisen nicht mehr angreifend wirke. Eis sei doch 
denkbar, daß bei der Ozonisierung eine erhebliche Menge Sauerstoff im 
Wasser zurückbleibe, und diese durch die Kaskadenrieselung eher vermehrt 
als vermindert werde. Er könne dem Vorredner nicht zustimmen, daß der 
Sauerstoff in allen Fällen gleichgültig sei, und es sei erwiesen, daß s. B. 
bei der Berieselung zum Zwecke der Enteisenung eine erhebliche Menge 
Sauerstoff in das Wasser hineingeleitet werde. Auch könne man der Mei¬ 
nung sein, daß durch die Oxydation, die durch das Ozon eintrete, aus orga¬ 
nischen Verbindungen Kohlensäure oder auch andere organische Säuren 
entstehen, und daß infolgedessen ein Wasser resultiere, welches stark auf Blei 
und Elisen einwirke, indem es entweder Blei in Lösung aufnehme oder korro¬ 
dierend auf Eisenteile einwirke, was ja allerdings mittels seiner bereits 
vielfach in Betrieb befindlichen Methoden wieder zu beseitigen sein würde. 

Hiermit ist die Diskussion geschlossen, und es erhält das Schlu߬ 
wort 

Referent, Geh. Regierungsrat Dr. OhlmQUer : „Zunächst darf ich 
meinem Dank Ausdruck verleihen, daß dieser Vortrag nach der Frühstücks¬ 
pause noch eine so zahlreiche Zuhörerschaft festhalten konnte. 

„Was nun die Anwendung des Ozons auf bestimmte Wasserarten be¬ 
trifft, so meine ich bereits angedeutet zu haben, daß das Grundwasser, das 
wir früher als ganz harmlos durchweg anzusehen gewohnt waren, manchmal 
doch nicht ganz einwandfrei ist. Es kommt ganz auf die geologische Kon¬ 
struktion des betreffenden Niederschlagsgebietes an, aus dem die Grund¬ 
wasser kommen, und nach der Art richtet sich nicht allein die chemische 
Beschaffenheit, sondern auch die bakteriologische. In der norddeutschen 
Tiefebene, wo allenthalben ein so vorzüglich filtrierender Sand ist, werden 
wir wohl selten einem Grundwasser begegnen, das vorübergehend oder 
dauernd bakterienreich ist. Anders ist es aber mit dem Grundwasser, das 
in gebirgigen und zerklüfteten Gebieten entsteht. Wenn beispielsweise eine 
Verwerfungsspalte von grobem Schotter ausgefüllt ist, so wechselt oft die 
Beschaffenheit des Wassers, sie richtet sich ganz und gar nach der Menge 
der Niederschläge. Ja, es sind nicht allein kolossale Mengen von Bak¬ 
terien, die abgeschwemmt werden, sondern nach Umständen auch trübende 
Substanzen, die glücklicherweise uns anzeigen, daß das Wasser nicht ein- 


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150 


XXVIII. Versammlung des Deutschen Vereins 

wandfrei ist. Man muH in der allgemeinen Beurteilung solcher Wässer aus 
der Besichtigung der örtlichen Verhältnisse sehr vorsichtig sein. 

„Es ist mir ein Fall bekannt, wo drei Quellen nebeneinander flössen in 
der Entfernung von ungefähr 70 Meter, und diese Quellen hatten chemisch 
und bakteriologisch ganz verschiedenes Wasser. Man konnte förmlich aus 
der Menge des Kalkes den Weg ableiten, den das Wasser macht, bzw. 
dessen Länge bemessen. Das kalkreichste Wasser war aus der Quelle ent¬ 
sprungen, welche am längsten im Sommer anhielt, also das größte Nieder¬ 
schlagsgebiet hatte und auch den größten Wasservorrat. Solche Verhält¬ 
nisse sind oft sehr verwickelt, aber sie sind gerade die dankbarsten, sie sind 
das gefundene Gebiet für die Reinigung des Trinkwassers durch Ozon, und 
ähnlich sind auch diejenigen Fälle, in denen es sich um Wasser im Alluvium 
von Flüssen handelt. 

„Was nun weiterhin die Anregung betrifft, die Herr Professor Hey er 
gegeben hat, so stehe ich auf dem Standpunkt — und der ist ja nicht 
neu —, daß die Lösung von Metallen im Wasser eigentlich immer vor sich 
geht. Das Wasser löst jedes Metall mehr oder weniger. Aber wenn wir 
dem Lösungsprozeß etwas näher gehen, so tritt er meist in der Weise ein, 
daß zunächst der Sauerstoff Oxyde des betreffenden Metalls bildet, daß 
weiterhin die freie Kohlensäure es unter Umständen durch Bildung von 
Karbonat in Lösung bringt. Es ist angestrebt worden bei dem Wasserwerk 
in Paderborn, durch einen Kaskadenfall den Sauerstoff herauszubringen bis 
zu einem gewissen Teil. Das gelingt auch, denn wenn das Wasser mit der 
Luft in Berührung kommt und, ich will einmal annehmen, mit Sauerstoff 
Tollständig gesättigt ist, so ist der Partialdruck des Sauerstoffs im Wasser 
ein so erheblicher, daß ein rascher Austausch stattflndet. Dadurch wird 
schon etwas gewonnen. Im übrigen ist mir aber nicht bekannt, daß durch 
die Anwendung des Ozons in Paderborn wie auch anderswo Nachteile be¬ 
züglich der Einwirkung des freigewordenen Sauerstoffs auf das Rohrmaterial 
eingetreten sind. u 

Vorsitzender, Geh« B&nr&t Stübben: „Damit ist w.ohl dieser 
Gegenstand erledigt, und wir haben Herrn Geheimrat Dr. Ohlmüller für 
die große Liebenswürdigkeit und die lehrreiche Art, wie er dem Wunsche 
des Ausschusses entsprechend sich dieser Mühewaltung unterzogen hat, 
unseren herzlichsten Dank zu sagen. u 


Schluß gegen 2 Uhr. 


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für öffentliche Gesundheitspflege zu Dresden. 


151 


Dritte Sitzung. 

Freitag, den 18. September, vormittags 9 Uhr. 

Vorsitzender, Geheimerat Stübben, eröffnet die Versammlung, 
begrüßt den anwesenden Staatsminister, Se. Exzellenz Herrn Ton Met sch, 
and gibt einige geschäftliche Mitteilungen. 

Vor Eintritt in die Tagesordnung erfolgte sodann zunächst gemäß § 7 
der Satzungen die 


Neuwahl des Ausschusses. 

Auf Antrag des Herrn Obermedizinalrat Dr. N i e d n e r (Dresden), 
welcher vorschlug, drei der austretenden Herren, die erst ein Jahr dem 
Ausschuß angehören, wieder zu wählen und für die anderen Herren, die 
dem Ausschuß bereits zwei Jahre angehört haben, drei neue Mitglieder zu 
wählen, erfolgte die Wahl, da von keiner Seite Widerspruch erhoben wird, 
mittels Zuruf. 

Es wurden gewählt die Herren: 

Oberbaurat Professor Baumeister (Karlsruhe), 

Oberbürgermeister Beck (Chemnitz), 

Oberbürgermeister Fuß (Kiel), 

Geh. Hofrat Professor Dr. Gärtner (Jena), 

Geh. Medizinalrat Dr. Roth (Potsdam), 

Geh. Baurat Stübben (Köln), 
welche in Gemeinschaft mit dem ständigen Sekretär, 

Geh. Sanitätsrat Dr. Spieß (Frankfurt a. M.) 
den Ausschuß für das Geschäftsjahr 1903/1904 bilden. 

(Nach Schluß der Sitzung wählte der Ausschuß gemäß § 7, Ab¬ 
satz 3 der Satzungen Herrn Oberbürgermeister Fuß zum Vorsitzen¬ 
den für das nächste Jahr.) 


Der Vorsitzende, Geheimerat Stübben, übergibt hierauf den 
Vorsitz an den stellvertretenden Vorsitzenden Geh. Medizinalrat Pro¬ 
fessor Dr. Löffler. 

Vorsitzender, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Löffler stellt hier¬ 
auf den letzten Gegenstand der Tagesordnung zur Verhandlung: 


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152 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 


Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen 
Gesundheitspflege. 

Es lautendievoudenReferenten Geh.BegiernngsratDr.Sampelt 
(Dresden) und Geh. Baurat Stübben (Köln) aufgestellten 

Leitsätze: 

1. Bedeutung der gesundheitlichen Forderungen. Bei allen Bauten 
sind die Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege, deren Wichtigkeit 
namentlich auch in sozialer Hinsicht anzuerkennen ist, in erster Reihe mit zu 
berücksichtigen. 

Diese Anforderungen sind teils zwingender Natur, teils bezeichnen sie nur 
das Wünschenswerte. Auch sind viele derselben dem Grade nach abhängig von 
den Verhältnissen des Ortes und des Ortsteiles, sowie von dem Umstande, ob es 
sich um rein ländliche und landwirtschaftliche oder um städtische, stadtähnliche 
und industrielle Verhältnisse, ferner ob es sich um Eigenwohnhäuser oder Miet¬ 
gebäude, wichtige oder minder wichtige Gebäudeteile handelt. Ländliche und 
landwirtschaftliche Bauten sollen hier außer Betracht bleiben. 

Zwingende Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege gehen den wirt¬ 
schaftlichen Interessen der Grundbesitzer und Bauherren, sowie den Bestrebungen 
auf Erhaltung alter und sogenannter volkstümlicher Bauweisen vor. Zwischen 
diesen Interessen und Bestrebungen einerseits und den bloß wünschenswerten ge¬ 
sundheitlichen Anforderungen andererseits muß ein billiger Ausgleich gesucht 
werden. 

2. Stadtbauplan. Schon bei Feststellung des Stadtbauplanes ist auf die 
gesundheitlichen Ansprüche Bedacht zu nehmen, namentlich mit Bezug auf Wasser¬ 
versorgung und Entwässerung, auf solche Straßenrichtungen und Blockbildungen, 
die eine ausreichende Besonnung, Erhellung und Lüftung sichersteUen, sowie auf 
die ausreichende Anlage von freien Plätzen und öffentlichen Pflanzungen, nament¬ 
lich Spiel- und Erholungsplätzen. 

Für die Ausführung des Stadtbauplanes ist die gesetzliche Regelung der 
Grundstücksumlegungen und die Erweiterung der Enteignungsbefugnisse, insoweit 
sie jetzt noch auf die für Straßen und Plätze bestimmten Fläohen beschränkt ist, 
insbesondere hinsichtlich der Enteignung unbebaubarer Restparzellen und gesund¬ 
heitswidriger Baulichkeiten, anzustreben. 

Auch ist es in der Regel erforderlich, daß die Gemeinden sich die eigene 
Herstellung der Straßen, Kanäle (Schleusen) und Wasserleitungen — unter Um¬ 
ständen für Rechnung der Grundbesitzer — Vorbehalten. 

3. Zulässigkeit der Bebauung. Durch die Bauordnung sind zunächst 
die Voraussetzungen der Bebauungsfähigkeit der Grundstücke zu bestimmen. 
Dabei ist im öffentlichen Gesundheitsinteresse festzustellen, daß kein Grundstück 
bebaut werden darf, solange nicht gesorgt ist: 

a) für geeignete Entwässerung durch Kanalisation oder andere unbedenk¬ 
liche Einrichtungen: 

b) für Versorgung mit ausreichendem und gutem Trinkwasser mittels 
Wasserleitung oder bedenkenfreier Brunnen; 

c) für die Beseitigung von Ablagerungen faulender und fäulnisfähiger 
Stoffe; 

d) für Regelung der Grenzen, soweit dieselbe zur Erzielung einer zweck¬ 
mäßigen Grundstücksform nötig ist; 

e) endlich, im Überschwemmungsgebiet, für Regelung oder Eindeichung 
des Wasserlaufs oder Aufhöhung der Straßen und des Baugrundes über 
die Hochwasserlinie. 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 153 

Die Anforderungen unter a, b und c sind zwingende, diejenigen unter d und 
e sind dringend wünschenswert. 

4. Anforderungen, die dem Grade nach veränderlich sind. Da die 
Luft-, Licht- und Besonnungsverhältnisse von größter Wichtigkeit für die öffent¬ 
liche Gesundheit sind, da ferner die dauernde Anhäufung vieler Menschen auf 
beschränktem Raum in gesundheitlichem Interesse vermieden werden muß, so ist 
die Bauweise derart festzusetzen, daß 

a) die Gebäudehöhe in angemessenem Verhältnis steht sowohl zur Straßen¬ 
breite als zu den Gebäudeabständen auf den Grundstücken; 

b) die Hinterlandbebauung behufs Gewionung ausreichender Höfe und 
Gärten überhaupt beschränkt wird; 

c) gewerbliche Betriebe, weiche durch Lärm, Staub, Rauch oder Aus¬ 
dünstungen gesundheitsschädigend oder belästigend wirken, von den 
Wohnstätten tunlichst ferngehalten werden; 

d) zwischen geschlossener Bauart einerseits und halboffener oder offener 
Bauart andererseits, soweit letztere nicht ausschließlich in Frage kommt, 
abgewechselt, 

e) die Zahl der übereinander liegenden Wohngeschosse beschränkt, 

f) auch die Zahl der Wohnungen in den einzelnen Geschossen begrenzt wird; 

g) endlich auch Licht und Luft im Innern der Gebäude überall ausreichend 
gesichert ist. 

Die vorgenannten gesundheitlichen Anforderungen sind ihrem Grade nach 
bedingt durch die Verschiedenheit der Bodenwerte, der Ortslagen, der Wohn weisen 
und der Gebäudeteile. Sie sind deshalb in der Regel abzustufen nach Orts¬ 
teilen, Gebäudegattungen und Raumgattungen. 

6. Die Abstufung nach Ortsteilen bezieht sich auf die Anforderungen 
4 a bis f, und zwar ist: 

Zu a. Ein solches Verhältnis zwischen Gebäudehöhe und Straßenbreite, bzw. 
Gebäudeabstand anzustreben, daß allen zum dauernden Aufenthalt von Menschen 
bestimmten Räumen das Himmelslicht unter einem Winkel von 45 Grad zugeführt 
wird. Außerdem empfiehlt es sich, die zulässige Maximalhöhe der Gebäude staffel¬ 
weise zu beschränken (z. B. von 20 m bis 12 m, gemessen bis zur Traufkante des 
Dachgesimses). 

Zu b. Die Freilassung des Hinterlandes kann herbeigeführt werden durch 
Verbot von Hinterwohnungen, d. h. solcher Wohnungen, die nur von den hinteren 
Grundstüoksteilen Luft und Licht beziehen, ferner durch Festsetzung rückwärtiger 
Baulinien, endlich durch Vorschriften über die Mindestbreite und Mindestfläche 
der Höfe. Die Mindest fläche wird entweder absolut oder im Verhältnis zur Größe 
des Baugrundstücks oder auf beide Arten bemessen; auch kann sie von der Zahl 
der Wohnungen abhängig gemacht werden. 

Zu c. Es ist wünschenswert, gewerbliche Betriebe der angegebenen Art von 
Wohnvierteln auszuschließen. Dagegen empfiehlt es sich, sie in anderen Ortsteilen 
durch entsprechende Einrichtungen, namentlich für Verkehr und Wasserableitung, 
zu begünstigen. 

Zu d. Luft, Licht und Sonnenstrahlen werden den Gebäuden am besten ge¬ 
währleistet durch die offene Bauart; ihrer allgemeinen Verbreitung stehen jedoch 
wirtschaftliche Nachteile geschäftlicher und baulicher Art entgegen. Für Ge¬ 
schäftsstraßen und städtische Arbeiterwohnhäuser muß deshalb auf die offene 
Bauweise in der Regel verzichtet werden. Unter Milderung der erwähnten Nach¬ 
teile werden die Vorzüge des offenen Baues großenteils beibehalten durch Anord¬ 
nung der halboffenen Bauweise oder des sogenannten Gruppenbaues, wobei nicht 
alle Häuser frei stehen, sondern geschlossene Reihen mit Lücken abwechseln. Be¬ 
sondere Empfehlung, auch für Arbeiterwohnhäuser, verdient diejenige halboffene 
Bauweise, bei welcher zwei Langseiten eines Blocks geschlossen bebaut werden, 
während die Querseiten in der Sonnenrichtung offen bleiben. 


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154 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Zu e. Die Höchstzahl der Wohngeschosse pflegt in Großstädten abgestuft 
zu werden von 6 bis 2 (so beispielsweise in München und in Berlin mit Vororten) 
oder von 4 bis 2 (so z. B. in Köln und Düsseldorf). In minder großen Städten 
empfiehlt es sich, die Höchstzahl der Wohngeschosse auf 3 und 2 festzusetzen. 

Zu f. Die Zahl der Wohnungen in demselben Geschoß kann stapelweise 
eingeschränkt werden auf etwa vier bis zwei Wohnungen oder bis auf eine Woh¬ 
nung. Die Zulassung von mehr als zwei Wohnungen in demselben Geschoß ist 
davon abhängig zu machen, daß jede Wohnung für sich ausreichend durchlüftet 
werden kann. 

6. Die Abstufung nach Gebäudegattungen kann besonders sich 
erstrecken auf die zulässige Zahl der Wohngeschosse, auf die Mindesthöhe der¬ 
selben, sowie auf die Breiten der Treppen und Flure (4, e und g). Als Gebäude¬ 
gattungen kommen namentlich in Frage große Miethäuser einerseits, sowie kleine 
Miethäuser und Einfamilienhäuser andererseits. Wo die Grenze zwischen großen 
und kleinen Miethäusern liegt, ist nach den Verhältnissen des Ortes zu bestimmen. 

Zu 4 e. Behufs Begünstigung des Baues kleiner Häuser und Einfamilien¬ 
häuser ist es zu empfehlen, für diese in den verschiedenen Ortsteilen ein Geschoß 
mehr zu gestatten als für das große Haus. 

Zu 4 g. Während in großen Häusern die geringste lichte Stockwerkshöhe 
(mit Ausnahme von Keller - und Dachgeschoß) in der Kegel 3 m betragen soll, 
kann sie beim kleinen Hause und besonders beim Einfamilienhause — wegen der 
minder dichten Bewohnung — in den oberen Geschossen bis auf 2,85 m ermäßigt 
werden. 

Ebenso kann beim kleinen Hause und Einfamilienhause die Breite der Treppen 
und Flure bis auf 1 m und weniger eingeschränkt werden. 

7. Die Abstufung nach Raumgattungen bezieht sich insbesondere auf 
solche Räume, welche zum dauernden, und solche, die nur zum vorüber¬ 
gehenden Aufenthalt von Menschen dienen, außerdem auf Räume im Keller- und 
im Dachgeschoß (4 g). 

a) Während für dauernd zu benutzende Räume (Wohn-, Schlaf- und 
Arbeitsräume, auch Küchen, Wirtszimmer und Verkaufsläden) die örtlich abge¬ 
stuften Anforderungen zu 4 a und b unbedingt gelten, empfiehlt es sich, behufs 
Erleichterung der Grundrißbildung und der besseren wirtschaftlichen Bodenaus¬ 
nutzung zu gestatten, daß vorübergehend benutzte Räume (wie Treppen, Flure, 
Speisekammern und andere Vorratsräume, Waschküchen, Badezimmer und Aborte) 
ihre Luft und ihr Lioht auch von kleineren Höfen, sogenannten Lichthöfen, unter 
geringerem Lichtwinkel beziehen. Auch die Flächengröße solcher Hilfshöfe ist 
zur Höhe der sie umfassenden Wände in ein angemessenes, minder strenges Ver¬ 
hältnis zu setzen. 

ß) Dauernd benutzte Räume bedürfen eines bestimmten Mindestverhältnisses 
der lichtgebenden Fensterfläche zur Bodenfläche oder Raumgröße; als gutes 
Mindestverhältnis ist 1 qm Fensterfläche auf 8 qm Bodenfläche oder 25 cbm Raum¬ 
inhalt zu betrachten. Für vorübergehend benutzte Räume, die auch durch 
bloßes Oberlicht erhellt werden können, bedarf es einer solchen Feststellung nur 
bezüglich der Aborte, deren Fenster zudem unmittelbar an Außenwänden oder 
Lichthöfen liegen müssen. 

y) Empfehlenswert ist die Vorschrift eines geringsten Gesamtinhaltes der 
zum dauernden Aufenthalt bestimmten Räume einer Familienwohnung von mehr 
als zwei Personen (z. B. 50cbm); ebenso die Vorschrift eines Mindestinhalts für 
Schlafräume der Dienstboten (Mädchenkammern), z. B. 15 cbm für die Person. 

cf) Kellerräume für den dauernden Aufenthalt müssen besonderen gesundheit¬ 
lichen Anforderungen in bezug auf die Abhaltung von Feuchtigkeit, die lichte 
Höhe und die Höhe der Decke über dem Erdreich entsprechen. Die Benutzung 
von Kellerräumen zu Wohn- und Arbeitszwecken, sowie zu offenen Geschäftsläden 
ist tunlichst zu beseitigen, und dort, wo sie noch nicht besteht, zu verhindern. 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 155 

Ganze Wohnungen im Kellergeschoß sind jedenfalls nur ausnahmsweise, beispiels¬ 
weise für die Familie des Hausmeisters, zu gestatten, aber nicht ausschließlich 
nach Norden. 

s) Dachraume für den dauernden Aufenthalt sind durch geeignete Bauart 
gegen Hitze und Kälte und gegen raschen Temperaturwechsel zu schützen. Sie 
sind nur zulässig unmittelbar über dem obersten Vollgeschoß, nicht über dem 
Kehlgebälk. Ihre lichte Höhe darf wegen der begünstigten Licht- und Luft¬ 
versorgung bis auf etwa 2*50 m (bei ungleicher Höhe im Durchschnitt zu messen) 
eingeschränkt werden. 

8. Anforderungen allgemeiner Art. 

a) Zur Verhütung des Aufsteigens von Bodenfeuchtigkeit sind bei 
allen Gebäuden geeignete Maßregeln (Unterkellerung, Isolierschichten) zu fordern. 

b) Zur Aufhöhung von Bauplätzen und besonders zum Ausfüllen der 
Zwischenböden darf nur eine vollständig trockene, mit faulenden oder fäulnis- 
fähigen, wie überhaupt organischen Stoffen nicht vermischte Masse verwendet 
werden. 

c) Mit Bezug auf die Aborte ist außer guten Lüftungseinrichtungen und 
den sonstigen, im Gesundheitsinteresse erforderlichen Vorkehrungen namentlich 
auch zu verlangen, daß mindestens für je zwei Wohnungen, in neuen Stadtteilen 
aber unbedingt für jede Familienwohnung, ferner allgemein für jede größere 
Werkstatt und jeden größeren Kaufladen ein Abort herzustellen ist. 

Sobald das Kanalsystem darauf eingerichtet ist, sind Aborte mit Wasser¬ 
spülung nicht nur zu gestatten, sondern vorzuschreiben. 

d) Schließlich sind gesundheitliche Anforderungen zu stellen: 

wegen der Hauskanalisation, deren Einrichtung, Lüftung und Prüfung; 
wegen der Gasleitungen, deren Anlage und Prüfung; 
hinsichtlich der Einrichtung der Stallungen und deren Abtrennung von 
den Wohnräumen; 

hinsichtlich der Abort- und Müllgruben ; 

bezüglich der Brunnen und ihres Abstandes von den vorgenannten Gruben; 
wegen Verbotes der Sieker-, Senk- und Versetzgruben. 

9. Anwendbarkeit auf bestehende Zustände. Die Bauordnung muß 
geeignete Handhaben bieten, auch bei schon bestehenden Bauwerken auf die Be¬ 
seitigung gesundheitswidriger Zustände zu dringen und derartige Ver¬ 
fügungen sowohl dem widerstrebenden als auch dem unvermögenden Eigentümer 
gegenüber wirksam durchzusetzen. 

10. Arbeiterschutz. Um die Gesundheit der Bauarbeiter zu schützen, be¬ 
stehen gegenwärtig im Deutschen Reiche wohl überall Bauordnungsvorschriften 
oder sonstige Polizeiverordnungen. Es gilt jedoch deren Durchführung durch 
geeignete Maßnahmen zu sichern. 

11. Bauaufsicht und Abnahmen. Um namentlich auoh die Erfüllung 
der gesundheitlichen Anforderungen sicherzustellen, ist in der Regel jeder Bau 
von einer polizeilichen Genehmigung abhängig zu machen und während der Aus¬ 
führung einer häufigen Besichtigung zu unterziehen. Besondere Revisionen sind 
zweckmäßig an bestimmte Abschnitte der Bauvollendung (Revision der Kanal- 
und Gasleitungen, Rohbauabnahme, Gebrauchsabnahme) anzuschließen. 

Die Festsetzung sogenannter Trockenfristen zwischen der Vollendung des 
Rohbaues, der Aufbringung des Putzes und der Ingebrauchnahme des Hauses 
hängt von den örtlichen Verhältnissen ab, insbesondere von Lage, Jahreszeit, 
Witterung und Bauart. 

12. Beteiligung der Ärzte. Die Beteiligung der Ärzte bedarf einer Er¬ 
weiterung. Die Medizinalbeamten sind über Bebauungspläne, Bauanzeigen und 
Gesuche um Ausnahmebewilligung von Bauvorschriften zu hören, sobald gesund¬ 
heitliche Fragen berührt werden, unter derselben Voraussetzung auch zu Revisionen 
zuzuziehen. Von besonderem Wert sind regelmäßige Besprechungen der Medi- 


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156 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

zinalbeamten mit den Vertretern der Baupolizeibehörde und anderen Bausach¬ 
verständigen. 

Wo mehrgliedrige Baupolizei-Kommissionen bestehen, soll auch ein Arzt zu 
den Mitgliedern zählen. 

Referent, Geh. Regierungsrat Dr. Rumpelt: 

„Der Eigentumsbegriff schließt nach unserem Rechtsbewußtsein die 
grundsätzlich unbeschränkte Verfögungsgewalt über die uns gehörige Sache 
in sich. In dieser bis zur letzten Folgerung durchgeführten Schärfe ist er 
uns aus dem römischen Rechte überkommen. Aber auch dem römischen 
Rechte dämmerte doch schon die Erkenntnis, daß selbst vom Rechtsstand¬ 
punkte noch höhere und allgemeinere Interessen zu berücksichtigen seien, als 
das Eigentum des Einzelnen. Der sogenannte ager desertus, der Anfall des 
brach und wüst liegenden Ackers an den neuen Bebauer, wenn der Eigentümer 
diesen nicht für seine Mühen und Kosten entschädigt, ist ein Zeugnis dafür; 
ebenso der Ausschluß der Eigentumsklage, wenn die Wegnahme der Sache 
Haus oder Weinbau gefährden würde. Auch der Römer wollte nicht, daß 
die Stadt, lediglich dem starren Eigentumsrechte zu liebe, in einen Trümmer¬ 
haufen verwandelt würde. Die unendlich vielgestaltigeren und engeren 
Beziehungen, welche unser modernes Leben zwischen dem Einzelnen und 
der Gesamtheit hergestellt hat, haben die Eigentumsbeschränkungen im 
Namen des öffentlichen Rechts und des öffentlichen Interesses außerordentlich 
vermehrt. Auf keinem Gebiete haben sie jedoch einen solchen Umfang und 
eine solche Bedeutung erlangt, wie auf dem des Baurechts. 

„Das Recht, auf meinem Grundstücke ein Gebäude zu errichten, ist an 
sich ein Ausfluß meiner im Eigentums begründeten Verfügungsgewalt. Von 
diesem Grundsätze der Baufreiheit gehen an sich auch alle Baugesetze 
und Bauordnungen aus. Art. 1 der württembergischen Bauordnung von 
1872 sagt ausdrücklich: 

Der Eigentümer eines Grundstücks ist berechtigt, auf demselben 
innerhalb seiner Eigentumsgrenze nach seinem Ermessen zu bauen, 
sofern er nicht durch Reichsgesetz oder durch die in dem gegenwärtigen 
Gesetze begründeten polizeilichen und nachbarrechtlichen Vorschriften 
beschränkt ist. 

„Gerade aber diese Beschränkungen sind bei den Baugesetzen und 
Bauordnungen die Hauptsache, sie bilden ihren eigentlichen Inhalt. In den 
engen Verhältnissen unserer alten Städte, wo Haus an Haus und Mensch 
an Mensch dicht zusammengedrängt waren, hat die Baupolizei, die Bauord¬ 
nung das Licht der Welt erblickt. Hier kommen sie schon seit dem 
13. Jahrhundert vor. Oberbürgermeister Adiek es hat den Entwickelungs¬ 
gang der Baupolizei einmal kurz und treffend dahin gekennzeichnet, daß 
es sich ursprünglich nur um die Fragen der Feuersicherheit und Festig¬ 
keit gehandelt habe, später habe man auch die Anforderungen des Verkehrs 
berücksichtigt, aber erst in neuerer und neuester Zeit sei sie unter den 
immer gebieterischer hervortretenden Gesichtspunkten der Gesundheitspflege 
und der Sozialpolitik ein wichtiger Bestandteil der gesamten öffentlichen 
Wohnungsfürsorge geworden. Mit der Würdigung baurechtlicher Fragen 
aus diesen Gesichtspunkten hat sich der Deutsche Verein für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege wiederholt beschäftigt, und er bewegt sich auf einem schon 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


167 


oft erörterten Gebiete, wenn er mit dem Thema: „Die Bauordnung im 
Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege u die Frage stellt: „Welche Be¬ 
schränkungen hat die grundsätzliche Baufreiheit im Interesse der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege zu erleiden ?“ 

„Um die tatsächlichen Verhältnisse kennen zu lernen, haben wir Frage¬ 
bogen an alle deutschen Städte mit mehr als 100000 Seelen ausgeschickt und 
beinahe von allen eingehende Antworten erhalten. Außerdem hatte der Vor¬ 
tragende Bat im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Geb. Regie¬ 
rungsrat Dr. Münchgesang, den ich um die neue Bauordnung für die Berliner 
Vororte, sowie um einige Provinzialbauordnungen gebeten hatte, die große 
Liebenswürdigkeit, mir eine außerordentlich reichhaltige Sammlung von 
preußischen Provinzial-, Bezirks- und Ortsbauordnungen zusammenstellen 
zu lassen. Endlich habe ich bei den sächsischen Bezirksärzten eine Um¬ 
frage nach den Wirkungen des neuen sächsischen Baugesetzes von 1900 
gehalten. Das Material ist mir schließlich über den Kopf gewachsen, seine 
erschöpfende Bearbeitung in den 2 l / a Monaten seit Anfang Juli war nicht 
möglich, ebensowenig seine Wiedergabe in dem Rahmen des mir hier ver- 
statteten Vortrages. Einige der uns eingesandten Bebauungs- und Zonen¬ 
einteilungspläne haben wir hier zum Aushange gebracht, eine noch reichere 
und interessantere Sammlung derartiger Pläne und anderer Beurkundungen 
baupolizeilichen Wirkens, die zu unserer heutigen Verhandlung gehörigen 
Abbildungen und Beispiele Anden Sie in der Städteausstellung. Bemerkens¬ 
wert ist übrigens, daß auf diesem Gebiete allerorten die lebhafteste Bewegung 
herrscht. Die geltenden Landes-, Provinzial-, Bezirks- und Ortsbauord¬ 
nungen stammen zumeist auB den letzten 10 bis 15 Jahren oder sind, wie 
in Württemberg, eben noch in der Umgestaltung begriffen. Bei diesen 
Neubearbeitungen sind überall die Einwirkungen zu erkennen, die die Ver¬ 
handlungen des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege und die 
fruchtbaren Anregungen seiner Führer und Leiter, der Männer wie Bau¬ 
meister, Stübben, Adickes u. a. ausgeübt haben. Auch unser säch¬ 
sisches Baugesetz von 1900 hat, wie ich ausdrücklich anerkennen möchte, 
diesen Einflüssen viel zu verdanken. 

„Ehe ich auf die einzelnen Fragen unseres Themas eingebe, möchte ich 
noch bemerken, daß die Ihnen vorliegenden Leitsätze von uns beiden Be¬ 
richterstattern gemeinsam aufgestellt worden sind. Sie werden manchen 
alten Bekannten darunter finden, der heute als Mahner und Warner, viel¬ 
leicht auch nach Ihrer Meinung als Querulant wiederkommt. Aber es 
rührt dies eben daher, daß er trotz aller Anerkennung in der Theorie prak¬ 
tisch noch nicht die erforderliche Beachtung gefunden hat. Nach der 
zwischen mir und Herrn Geh. Baurat Stübben getroffenen Vereinbarung 
werde ich mich in meinem Vortrage auf die mehr allgemeinen, rechtlichen 
und die Verwaltung berührenden Fragen beschränken, wie sie vornehmlich 
in den Leitsätzen 1 bis 3, 9 bis 12 berührt sind, während Sie die Aus¬ 
führungen über die mehr technischen Fragen in den Leitsätzen 4 bis 8 
jedenfalls selbst von keinem anderen als Herrn Geh. Baurat Stübben zu 
hören wünschen werden, der sich als ein so hervorragender Kenner und 
Könner gerade auf diesen Gebieten erwiesen hat. 

„Die sozialpolitischen Forderungen, die heute auch bei der Baupolizei 


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158 XXVIIL Versammlung d.D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

in den Vordergrund getreten sind, beruhen auf der Erkenntnis, daß in den 
tausendfältigen Beziehungen unserer modernen Gesellschaft der Einzelne 
mit seinen Rechten und Pflichten den Interessen der Gesamtheit unterworfen 
ist, der er den weitaus größten Teil seiner Daseinsbedingungen dankt und 
daher auch eine entsprechende Rücksicht schuldet Zu den wichtigsten 
sozial politischen Forderungen gehören die der öffentlichen Gesundheitspflege. 
Die Gesundheit ist ein kostbares Gut des einzelnen, aber es steht unter dem 
Schutze der Gesamtheit. Niemand darf — auch nicht in Ausübung eines 
Rechtes — Veranstaltungen treffen, die die Gesundheit anderer gefährden. 
Ungesunde Wohnungen auf den Markt zu bringen, ist genau so unzulässig, 
vielleicht aber noch gefährlicher als der Handel mit gesundheitsschädlichen 
Nahrungsmitteln. Und auch für seine eigene Person können wir dem ein¬ 
zelnen nicht mehr gestatten, beliebig über seine Gesundheit zu verfügen; 
denn es gibt eine ganze Anzahl Krankheiten, die durch Übertragung und 
Ansteckung sich jeden Augenblick auf weitere Kreise verbreiten können. 
Aber die gesundheitlichen Ansprüche im Bauwesen, auch soweit sie wissen¬ 
schaftlich und praktisch erprobt und außer Frage gestellt sind, haben 
keineswegs alle einen unbedingten Charakter. Auch hier ist oft das 
Bessere der Feind des Guten, auch hier müssen und können wir uns oft mit 
einem leidlichen Zustande begnügen, der eben noch erreichbar ist. Auch 
hängt das Maß dieser Forderungen von örtlichen und anderen Verhältnissen 
ab. In freier Gebirgsgegend sind die baulichen Vorkehrungen zur Wahrung 
von Luft und Licht weniger dringlich als in den Niederungen, dafür aber 
ein größerer Schutz gegen Wärme und Kälte von nöten. Mietkasernen mit 
12 bis 20 Familien Wohnungen bedürfen ganz anderer gesundheitlicher 
Sicherungen als Eigenwohnhäuser, ländliche und landwirtschaftliche Bauten 
vertragen eine nachsichtigere Behandlung als solche in Städten und Industrie¬ 
orten. Ländliche und landwirtschaftliche Bauten sollen aus unseren heutigen 
Erörterungen ausgeschieden bleiben: die Verhältnisse sind hier noch zu ver¬ 
schieden, zu wenig entwickelt Die Gesundheitsfrage hat hier nicht die gleiche 
Wichtigkeit, wie z. B. in den Städten, wenigstens quantitativ nicht, da 
der Kreis derer, die geschädigt werden können, ein beschränkter ist. Quali¬ 
tativ wird man allerdings die vielgerühmte Gesundheit des Wohnens auf 
dem Lande einigermaßen anzweifeln dürfen, da hier namentlich die Ent- 
wässerungs- und Brunnenverhältnisse oft noch so sehr im Argen liegen, 
daß die Gesundheit der Bewohner mehr gefährdet ist, als in manchem dicht¬ 
bevölkerten Arbeiterviertel. 

„Der Hauptgegner der immer mehr nach Geltung ringenden gesund¬ 
heitlichen Anforderungen ist der Schlendrian, die im Publikum ebenso wie 
bei Baumeistern, Sachverständigen und leider auch bei den Behörden be¬ 
stehende physische, geistige und moralische Trägheit, die sie veranlaßt, auch 
an dem schlechten Herkommen festzuhalten, überflüssig gewordene Anforde¬ 
rungen der Standfestigkeit oder Feuersicherheit trotz alledem mechanisch 
immer von neuem zu wiederholen und die nicht hergebrachten Rücksichten 
der Gesundheitspflege mit Nichtachtung zu behandeln. Hiergegen ist ein 
unerbittlicher Kampf zu führen, der um so gerechtfertigter ist, als gesunde 
bauliche Einrichtungen oft gar nicht kostspieliger sind als die hergebrachten 
Übelstände. Aber es finden sich auch ernstere finanzielle Widerstände. 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


159 


Der Wohnungsbau ist eine Geldfrage für die gemeinnützigen Unternehmen 
ebenso wie für die gewerbsmäßigen Vermieter. Wenn die Wohnungs- 
▼ermietung heute ein weit verbreitetes Gewerbe geworden ist, das übrigens 
in unseren großstädtischen Verhältnissen auch neben den gemeinnützigen 
Veranstaltungen nicht mehr entbehrt werden kann, so muß darauf gerechnet 
werden, daß der Mietertrag eine entsprechende Verzinsung des beim Haus¬ 
bau angelegten Geldes ergibt. Gewisse gesundheitliche Anforderungen, wie 
z. B. die Verminderung der Bau- und Wohn dichtigkeit, verteuern die An¬ 
lagekosten unzweifelhaft. Und wenn andererseits auch nach allgemeiner Er- 

Aachen 



Ortitatte Ar c 


fabrung strenge Bauordnungen der Bodenspekulation entgegenwirken und 
die noch nicht in die Hohe getriebenen Grundstückspreise niedrig zu erhalten 
geeignet sind, so haben wir in unseren Städten doch meistens schon mit der 
vollendeten Tatsache hoher Grundstückspreise zu rechnen. 

„Nun gestatten wir ja auch dem Landwirt nicht, sich vor einem Ver¬ 
mögensverluste dadurch zu schützen, daß er krankes Vieh ausschlachtet, 
verdorbene Milch, Butter oder Eier zu Markte bringt. Ebensowenig kann der 
Hausbesitzer verlangen, durch Vernachlässigung gesundheitlicher Rücksichten 
bei Herstellung seiner Mietwohnungen auf seine Kosten zu kommen. Aber 
es kann sich dabei doch immer nur um das absolut Notwendige, um die- 


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160 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu' Dresden. 

jenigen Einrichtungen handeln, deren Unterlassung unmittelbar gesundheits¬ 
schädlich ist. 

„Auch die kommunale Wohnungspolitik kommt dabei in Betracht. 
Unsere Gemeinden müssen darauf Bedacht nehmen, wie der großen Masse 
der unbemittelten Bevölkerung Wohnung verschafft wird, die ihren Ein¬ 
kommenverhältnissen entspricht. Aber es würde doch eine geradezu ver¬ 
hängnisvolle Wohnungspolitik sein, wenn die Gemeinden die Billigkeit der 
Arbeiterwohnungen durch Preisgabe wichtiger gesundheitlicher Anforderungen 
erzielen wollten. Die durch die höheren Grundstückspreise und die höheren 
Arbeitslöhne bedingten höheren Mietpreise der städtischen Wohnungen sind 
unvermeidlich und dienen zugleich als Schranke gegen den von den Städten 
selbst beklagten Zufluß von Bevölkerungselementen, die in ihren Daseins¬ 
bedingungen nicht gesichert sind. Übrigens kann manches, was heute durch 
gesteigerte gesundheitliche Anforderungen zur Verteuerung des Häuserbaues 
führt, auf der anderen Seite wett gemacht werden durch nachsichtigere 
Bestimmungen hinsichtlich der Feuersicherheit und Standfestigkeit. Das 
sächsische Baugesetz hat dies ausdrücklich ins Auge gefaßt. Aber unsere 
Baumeister können sich noch nicht daran gewöhnen, von diesen Zugeständ¬ 
nissen Gebrauch zu machen und namentlich auch an der Art und Menge 
des Baumaterials zu sparen. 

„Weniger von Bedeutung, aber als eine Frage der Gegenwart doch von 
Interesse, ist das Verhältnis der gesundheitlichen Anforderungen zu dem 
jetzt überall aufkommenden Bestreben, alte Bauten zu erhalten und neue in 
alter, bzw. in sogenannter volkstümlicher Bauweise zu errichten. In der 
Entwickelung unseres deutschen Hausbaues liegt ein guter Teil vaterländischer 
Kultur und Eigenheit, und wir wollen als selbstbewußtes Volk gewiß darauf 
halten und sie in jeder Weise pflegen. Aber die notwendigen gesundheit¬ 
lichen Forderungen gehen doch vor. Die Gesundheit des lebenden Ge¬ 
schlechtes, die zugleich die Gesundheit künftiger Geschlechter in sich schließt, 
gilt mehr als alle Vergangenheit. Auch der ästhetische Standpunkt kann 
dagegen nicht geltend gemacht werden: gerade in der Baukunst ist nichts 
schön, was nicht zweckmäßig ist und nichts zweckmäßig, was nicht ge¬ 
sund ist. 

„Alle diese Rücksichten müssen, wie der erste Leitsatz besagt, hinter 
die notwendigen Anforderungen der öffentlichen Gesundheitspflege 
zurücktreten. Soweit es sich um bloß Wünschenswertes handelt, muß 
ein billiger Ausgleich gesucht werden, bei dem übrigens die entgegen¬ 
stehenden Interessen nicht zu zaghaft und nachgiebig angefaßt werden 
dürfen. Eine klare und bestimmte Stellung der öffentlichen Verwaltung 
führt auch hier leicht zum Ziele. So berichtet z. B. die Stadt Halle, daß 
dort keine Dispensationen von den Bestimmungen über Licht- und Luft¬ 
zuführung erteilt werden. In Karlsruhe werden Ausnahmen nur zugelassen, 
wenn dadurch bessere Bauverhältnisse erzielt werden, in Braunscbweig 
gibt es in gesundheitlicher Hinsicht überhaupt keine Dispensationen. 

„Die gesundheitlichen Bauvorschriften für das einzelne Gebäude ent¬ 
hält die Bauordnung. Aber es ist notwendig, daß schon bei Aufstellung 
des Bebauungsplanes darauf vorgearbeitet wird. Was bei der Festsetzung 


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Bauart l Stadtkreis Berlin, 

gesthloweb. 4 Obergeschosse 

u n, Innere Vororte, g*schi<*wn. 

4 Obergeschosse 

„ D3. Teil von Charlottenburg. 

offene Bauweise 3 Obergeschosse 

„ IV, Äußere Vororte, geschlossen 

3 Obergeschoüe 

„ V, Äußere Vororte, offen« Bau 

weise l'?4 Obergeschosse 

, VI. 

Via. 

UTI offene Bauweise und Qruppenbi 
* VII, ' (Bauordnung vom 21 Apnl 




















Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 161 

der Straßen- und Baufluchtlinien bei der Ausmessung der Baublöcke ver¬ 
sehen wird, ist später im einzelnen Baufalle oft mit dem besten Willen 
nicht wieder gut zu machen. So bestimmt denn auch z. B. die württem- 
bergische Vollzugs Verordnung von 1882, daß „bei der Festsetzung der 
Baulinie u. a. auch auf einen geregelten Wasserlauf, auf Fernhaltung der 
Überschwemmungsgefahr und Gewinnung gesunder Bauquartiere Bedacht zu 
nehmen“ sei. Ebenso ist nach der neuen Allgemeinen Bauordnung für Bayern 
von 1901 bei der Festsetzung der Baulinien auf Schutz gegen Überschwem¬ 
mungen, auf den höchsten bekannten Grundwasserstand, auf möglichst 
geringe Steigungen und zweckmäßigste Entwässerungsanlagen Bedacht zu 
nehmen; 10 Proz., in München 5 Proz. des Geländes soll für Anlagen und 
öffentliche Pflanzungen Vorbehalten werden. Noch eingehendere Vor¬ 
schriften enthält in dieser Hinsicht das sächsische Baugesetz von 1900. 
Hiernach wird durch Bebauungspläne insbesondere auch geregelt: Die 
Bauweise, der Abstand der Gebäude von den Straßenfluchtlinien und von 
den Nachbargrenzen, die Gebäudehöhe, die Zulässigkeit gewerblicher An¬ 
lagen, Bowie der Umfang der zulässigen Bebauung des Hinterlandes, ferner 
die Berichtigung von Wasserläufen und die Entwässerung des Plangebietes, 
aus welchem die in das Hochflutgebiet fallenden Flächen von vornherein 
au8zu8cheiden sind. Bei Aufstellung der Bebauungspläne ist nach dem 
sächsischen Gesetze auf die Anforderungen auch der Gesundheit, auf die 
zweckentsprechende Wasserversorgung und Entwässerung, desgleichen auf 
die Lage und Entwickelung des Ortes oder Ortsteils Bedacht zu nehmen. 
Die Anlage der Baublöcke sowie der Straßen- und Blaufluchtlinien hat so 
zu erfolgen, daß eine ausreichende Besonnung der Wohnräume sichergestellt 
wird. Steigungen der Straßen sind möglichst gleichmäßig zu verteilen, 
große Steigungen sowie geradlinige Straßenfluchten in übermäßig langer 
Ausdehnung tunlichst zu vermeiden. Freie Plätze und öffentliche Pflan¬ 
zungen, auch öffentliche Spiel- und Erholungsplätze sind der Größe, Lage 
und Anzahl nach so anzulegen, daß sie sowohl den Verkehrs- als den wohl¬ 
fahrtspolizeilichen Bedürfnissen entsprechen. Geschlossene Bauweise soll, 
soweit sie ortsgesetzlich nicht ganz ausgeschlossen wird, in ausreichendem 
Umfange von Straßen mit offener Bauweise unterbrochen werden und es 
soll in den Außenbezirken eine Beschränkung der Bau- und Wohndichtigkeit 
eintreten. Ebenso sind Bestimmungen über die höchste zulässige Gescho߬ 
zahl, über Höfe und Gärten sowie über Hinterlandbebauung zu treffen. 
Diese Bauvorschriften sind ortsgesetzlich zu erlassen und bilden einen not¬ 
wendigen Teil des Bebauungsplans. Sie können nach Befinden mit Zonen¬ 
verteilung durch eine einzige Ortsbauordnung gleich für den ganzen Ge¬ 
meindebezirk festgesetzt werden. In einer Anleitung ist den Gemeinden 
jedoch, wenigstens den größeren Städten, empfohlen worden, für jedes Plan¬ 
gebiet besondere Bauvorschriften aufzustellen, „um den einzelnen Ortsteilen 
ihren individuellen Charakter zu wahren und jede lästige und einer 
gesunden baulichen Entwickelung nachteilige Schablone zu vermeiden“. 
Diesen Rat hat man, soweit es es sich um Neubaugebiet handelt, in Dresden, 
Leipzig, Chemnitz, Plauen befolgt, und Sie können z. B. hier in Dresden 
selbst sehen und beurteilen, ob nicht eine solche Individualisierung der 
einzelnen Vorstadtviertel auch vor der Zoneneinteilung noch den Vorzug 

VierteljahrMcbrift für Geaundhdtapflege, 1904. H 


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162 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

verdient. Wenn das preußische Fluchtliniengesesetz von 1875 nur be¬ 
stimmt, daß bei Festsetzung der Fluchtlinie auf die Forderung auch der 
öffentlichen Gesundheit Bedacht zu nehmen sei, so ist dies im Vergleich zu 
den sächsischen und süddeutschen Vorschriften etwas allgemein und wenig. 
Auch das zu erwartende neue Gesetz zur Verbesserung der Wohnungsver- 
hältnisse scheint dem Vernehmen nach in dieser Hinsicht nur die Forderung 
von Plätzen — Schmuckanlagen, Spiel- und Erholungsplätzen — in aus¬ 
giebiger Zahl hinzuzufügen. 

„Daß auch ein guter Bebauungsplan nicht ausreicht ohne Grund¬ 
stücksumlegung und Erweiterung des Enteignungsrechts, hat der Verein 
schon zu öfteren Malen anerkannt und ausgesprochen. Es genügt des¬ 
halb, auf die Wiederholung dieses Verlangens im zweiten Leitsätze hin¬ 
zuweisen. Außer Baden, Hamburg und Sachsen, sowie — in einer etwas 
anderen Art — Hessen hat jetzt auch die Stadt Frankfurt a. M. durch 
die lex Adickes das Umlegungsverfahren zur Erzielung geeigneter 
Baustellen erhalten. Dagegen ist die vorbehaltene Ausdehnung der lex 
Adiek es auf andere preußische Städte im Landtage vorläufig noch abgelehnt 
worden. Aachen und Posen bedauern dies nach ihrer Erklärung auf dem 
Fragebogen besonders lebhaft. Auch München und Nürnberg wünschen 
ausdrücklich ein bzw. Gesetz über die „Zusammenlegung“ der Grundstücke, 
wie sie es nennen. 

„Für die gesundheitlichen Fragen fast noch wichtiger ist die Er¬ 
weiterung des Enteignungsrechts. In Deutschland besteht in Elsaß-Loth¬ 
ringen auf Grund der früheren französischen Gesetzgebung und in 
Sachsen nach dem neuen Baugesetze von 1900 das Recht der Zonen¬ 
enteignung, von welcher z. B. in Dresden auch schon Gebrauch gemacht 
worden ist. Anderwärts ist die Enteignung immer noch auf das zum Bau 
der Straßen und anderen Gemeinanlagen erforderliche Land beschränkt. 
Es verbleiben dann Restparzellen, die eine zweckmäßige und gesunde Be¬ 
bauung der angrenzenden Grundstücke oft geradezu verhindern. Trotzdem 
ist die Meinung in Preußen geteilt. Berlin, Breslau, Danzig, Stettin, Altona, 
Kiel, Magdeburg, Barmen, Düsseldorf, Elberfeld erklären die bestehenden 
Vorschriften für genügend. Dagegen wünschen Königsberg, Halle, Kassel, 
Hannover, Dortmund, Essen, Krefeld, Aachen, Köln, Frankfurt a. M. und 
von süddeutschen Städten namentlich Nürnberg die Ausdehnung der Ent- 
eignungsbefugniß wenigstens auf die sogenannten Restparzellen. 

„Die Herstellung der in den Bebauungsplänen vorgesehenen Straßen 
und Plätze samt den darin anzulegenden Schleusenkanälen, Wasser- und 
Gasleitungen sollte überall den Gemeinden Vorbehalten werden, die, wenigstens 
in den Städten, größere Gewähr für eine der öffentlichen Gesundheit ent¬ 
sprechende Ausführung bieten. Die Straßenkanäle werden wohl auch jetzt 
schon in der Regel von den Stadtverwaltungen hergestellt und zwar auch 
dort, wo der Bau der Straßen dem Unternehmer überlassen wird. Letzteres 
kommt noch recht viel vor und scheint z. B. in Berlin, Kassel, Straßburg, 
Hamburg, Lübeck sowie auch in Leipzig die Regel zu sein. Anderwärts, 
wie z. B. in Essen, Altona, Hannover, Karlsruhe, München, Nürnberg, 
Braunschweig, Dresden und künftig auch in Chemnitz werden die Straßen 
grundsätzlich von den Gemeinden ausgeführt und solche Herstellungen, 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


168 


wenn überhaupt, nur ausnahmsweise Privatunternehmern überlassen. Nach 
dem Entwurf des neuen preußischen Wohnungsgesetzes sollen die Gemeinden 
zur Herstellung und Unterhaltung der Ortsstraßen öffentlich-rechtlich ver¬ 
pflichtet sein, die örtliche Wegepolizeibehörde die Fertigstellung anordnen 
können. Auch in Sachsen bestimmt die Baupolizeibehörde den Zeitpunkt 
der Ausführung. 

„Die Frage nach der Bebauungsfähigkeit der Grundstücke 
ist schon bei der Aufstellung des Bebauungsplanes zu berücksichtigen. 





sooo Meter 


Aber sie erhebt sich von Neuem der einzelnen Baustelle gegenüber. Hier 
muß die Bauordnung die gesundheitlichen Anforderungen rechtzeitig und 
nachdrücklich zur Geltung bringen. Der Anspruch, daß auf jedem Grund¬ 
stücke gebaut werden dürfe, kann nicht erhoben werden. Zunächst hängt 
die Bebauungsfähigkeit, in den Städten wenigstens, von der vorherigen 
Feststellung des Bebauungsplanes und von der Schaffung einer geordneten 
Zugänglichkeit ab. Im gesundheitlichen Interesse müssen jedoch, wie der 
dritte Leitsatz besagt, weiterhin als unbedingte Voraussetzung die vor 

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164 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

herige Regelung der Entwässerung und Wasserzuführung, sowie die Be¬ 
seitigung unreiner Ablagerungen gefordert werden. Letzteres ist sehr 
wichtig und wird vielfach übersehen, läßt sich aber stets bewerkstelligen 
und hält die Bebauung höchstens zeitlich auf. Ausreichende Trinkwasser¬ 
versorgung kann aber gelegentlich ohne unverhältnismäßige Kosten zur 
Unmöglichkeit werden, und ebenso eine zweckmäßige Entwässerung, wenn 
für eine Kanalisierung keine Vorflut beschafft werden kann und zu Be¬ 
rieselungsanlagen oder zur Abfuhr aus Sammelgruben auf Wiesen und 
Felder keine Gelegenheit vorhanden ist. Die Begründung des sächsischen 
Baugesetzes von 1900 sagt ausdrücklich, für größere Orte, Vorstadt- und 
Industriedörfer, sowie für alle Gemeinden mit schnell wachsender Bevölke¬ 
rung müsse der Grundsatz gelten, daß ein Grundstück, welches nicht 
beschleust, nicht mit dem öffentlichen Straßenkanal verbunden werden kann, 
auch nicht bebaut werden darf. Unter allen Umständen muß die Regelung 
der Entwässerungs- und Trinkwasserfrage vor der Baugenehmigung er¬ 
folgen. Sonst wird leicht eine Zwangslage geschaffen, aus welcher hinter¬ 
her kein mit den gesundheitlichen Interessen zu vereinbarender Ausweg zu 
finden ist. 

„Nicht ganz so zwingend, aber immer noch sehr wichtig sind zwei 
weitere Voraussetzungen. Zunächst die Regelung der Grenzen, soweit sie 
zur Erzielung einer zweckmäßigen Grundstücksform nötig ist. Dies ist 
namentlich dort dringlich, wo in geschlossener Reihe gebaut wird. Aber 
wenn das Gesetz eine solche Regelung nicht fördert, ist sie ohne Härten 
für den Bauenden oft nicht erreichbar. Das sächsische Baugesetz gibt des¬ 
halb das Enteignungsrecht auch zur Ergänzung oder Verschmelzung un¬ 
bebaubarer Grundstücksflächen in der geschlossenen Häuserreihe, soweit 
dies im öffentlichen, also namentlich im gesundheitlichen Interesse geboten 
erscheint. Abgesehen davon kann die Baupolizeibehörde auch außerhalb 
des Umlegungsverfahrens zur Herbeiführung von minder erheblichen Grenz¬ 
berichtigungen die Erteilung der Baugenehmigung davon abhängig machen, 
daß der Bauherr kleinere, zum Abschluß der eigenen oder einer benach¬ 
barten Baustelle erforderliche Landstreifen gegen Entschädigung erwirbt 
oder abtritt. 

„Die zweite Voraussetzung betrifft die Berücksichtigung des sogenannten 
Überschwemmungsgebietes. Nach dem sächsischen Gesetze soll das eigent¬ 
liche regelmäßige Hochflutgebiet von Bauten ganz freigehalten und deshalb 
von der zuständigen Verwaltungsbehörde oder ortsgesetzlich festgestellt 
werden. Die Bebauung des nicht zu diesem Gebiete gehörigen Geländes, 
welches Überschwemmungen ausgesetzt ist, kann beanstandet werden, so¬ 
lange nicht durch Berichtigung des betreffenden Wasserlaufes oder Aus¬ 
führung von Schutzdämmen oder Hochlegung der Straßen und des Bau¬ 
grundes alle zu menschlichen Wohn- und Aufenthaltszwecken bestimmten 
Räume vor dem Eindringen von Hochwasser gesichert sind. Auch muß für 
Geländeteile mit dauernd oder zeitweilig hohem Grundwasserstand vor der 
Bebauung eine ausreichende Entwässerung oder eine entsprechende Er¬ 
höhung der Straßen und des Baugrundes zum Schutze der Häuser vor¬ 
genommen werden. Nach der allgemeinen bayerischen Bauordnung in Ver¬ 
bindung mit einer hierzu ergangenen Ministerialentscheidung sollen 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 166 

Baulinien nicht gezogen werden, solange nicht für Beseitigung der Über¬ 
schwemmungsgefahr durch zweckmäßige Regulierung und Eindämmung des 
Flusses gesorgt ist. Freilich läßt sich dies alles in den Niederungen des 
deutschen Ostens, auch z. B. in der sächsischen Niederlausitz, nicht immer in 
dem wünschenswerten Maße erreichen. Daß die Sache aber auch hier mit 
Energie angefaßt werden kann, zeigt die neue Baupolizeiverordnung für die 
Stadt Posen von diesem Jahre, welche die städtische Baupolizeiverwaltung 
ausdrücklich ermächtigt, in den Überschwemmungsgebieten der Warthe und 
der Cybina eine den ungehinderten Abfluß des Wassers sichernde und 
Gefahren für die Gesundheit verhütende Entfernung der Baulichkeiten von 
den Wasserläufen und eine geeignete Stellung der Bauten nach Lage der 
obwaltenden Verhältnisse vorzuschreiben. 

„Die ganz besonders wichtigen Wünsche, die wir im Namen der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege an die Bauweise zu erheben haben, sind in den 
Leitsätzen 4 bis 8 ausführlich angegeben. Ich gehe jedoch nicht weiter dar¬ 
auf ein, da Herr Geh. Baurat Stübben diese Dinge näher beleuchten wird. 

„Eine Frage, die den Beteiligten viel Kopfzerbrechen verursacht, 
ist die, in welchem Maße und unter welchen Voraussetzungen die Vor¬ 
schriften der Bauordnung auf bereits bestehende Bauten anzuwenden 
sind. Es handelt sich dabei um zweierlei: einmal um solche bauliche Zu¬ 
stände, die früher ausdrücklich genehmigt worden sind und zwar noch 
immer den Genehmigungsbedingungen, aber nicht mehr den inzwischen 
erlassenen neuen Vorschriften genügen. Weiter gilt es aber auch, der Ver¬ 
wahrlosung von Baulichkeiten mit wirksamen Mitteln entgegenzutreten. 
Im ersteren Falle ist eine gewisse Schonung geboten, da es sich immerhin 
um genehmigte, also rechtlich anerkannte Zustände handelt. Es herrscht 
deshalb wohl ziemlich allgemein der Grundsatz, daß für bereits bestehende 
Anlagen und Einrichtungen die neuen Bestimmungen erst dann in Wirk¬ 
samkeit treten, „wenn und soweit an den Baulichkeiten Veränderungen oder 
umfassendere Herstellungen vorgenommen oder notwendig werden u , wie das 
sächsische Baugesetz sagt. 

„Das behördliche Einschreiten gegen Verfall und Verwahrlosung hat 
sich bisher nach den allgemeinen polizeilichen Grundsätzen gerichtet. Nach 
der Rechtsprechung des preußischen Oberverwaltungsgerichts ist ein solcher 
Eingriff gerechtfertigt, wenn er durch gesundheitliche Rücksichten geboten 
ist. Allgemein wird angenommen, daß der Hausbesitzer verpflichtet sei, 
alle Gebäude dauernd in gutem und gefahrlosem Zustande zu erhalten. 
In Baden kann nach einer Verordnung von 1874 der Bezirksrat die Ab¬ 
stellung gesundheitsschädlicher Zustände in den Wohnräumen herbeiführen. 
In Straßburg gilt noch ein französisches Gesetz von 1850, nach welchem 
der Gemeinderat auf das Gutachten einer Kommission die Verbesserungs¬ 
arbeiten bzw. die Schließung einer Wohnung anordnet. Schwierigkeiten 
entstehen den behördlichen Instandsetzungsauflagen nicht selten dann, 
wenn dem Hauseigentümer die nötigen Geldmittel fehlen und das Grund¬ 
stück verschuldet ist. Hier bat schon das preußische allgemeine Landrecht 
eine sehr einschneidende Maßregel an die Hand gegeben. Die Baupolizei¬ 
behörde kann nämlich die Zwangsversteigerung eines solchen Gebäudes 
herbeiführen mit der Auflage an den Ersteher, die baulichen Mängel abzu- 


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166 XXYI1I. Versammlung d. D. Vereins f. öffentL Gesundheitspflege zu Dresden. 

stellen. Diese alte Bestimmung ist in dem preußischen Ausführungsgesetz© 
zum Reichsgesetze über die Zwangsversteigerung und die Zwangsverwaltung 
beibehalten worden und auch in das sächsische Baugesetz und in das 
sächsische Ausführungsgesetz zu jenem Reichsgesetz übernommen worden. 
Nach dem sächsischen Baugesetz hat die Baupolizeibehörde darüber 
zu wachen, daß bestehende Gebäude nicht in einen gesundheitsgefähr¬ 
lichen Zustand geraten. Sie hat deshalb den Eigentümer — und wenn 
dieser nicht zu erlangen ist, den Inhaber, soweit dessen Innehabung 
reicht und solange sie dauert, — zur Abstellung der Mängel, nötigenfalls 
zur Leerstellung der zu beanstandenden Räume oder auch zur gänzlichen 
Beseitigung des Gebäudes anzuhalten und kann, wenn ihre Verfügung 
innerhalb der gestellten Frist nicht befolgt worden ist, das Erforderliche 
auf Kosten des Eigentümers selbst ausführen lassen. Äußersten Falles 
kann die Baupolizeibehörde, wie schon bemerkt, die Zwangsversteigerung 
beantragen. 

„Bis jetzt haben wir uns mit den gesundheitlichen Anforderungen 
an das herzustellende Bauwerk beschäftigt. Aber auch das Bauen selbst 
ruft solche hervor. Hier handelt es sich vor allem um den Bauarbeiter¬ 
schutz, der ein wichtiges Kapitel der öffentlichen Gesundheitspflege ist. 
Nun ist zwar durch die UnfallverhütungsVorschriften, die die Baugewerks¬ 
berufsgenossenschaften erlassen haben, in dieser Hinsicht wohl einigermaßen 
gesorgt. Aber diese Vorschriften beschränken sich doch, wie schon der 
Name sagt, auf die Verhütung von Unfällen, d. h. von solchen Ereignissen, 
die durch Abweichung von dem regelmäßigen Betriebsgange Leben und 
Gesundheit der Arbeiter bedrohen. Mit den aus dem normalen Betriebs¬ 
gange sich ergebenden Schädigungen, den sogenannten Betriebskrankheiten 
und ihrer Verhinderung befassen sich die Unfallversicherungsgesetze be¬ 
kanntlich nicht. Hier müssen polizeiliche Anordnungen in die Lücke treten, 
und die Errichtung von Baubuden und Arbeiteraborten, Maßregeln gegen 
die Unbilden des Winters bei Arbeiten in unvollendeten Neubauten, Aus¬ 
schluß der offenen Koksfeuer in geschlossenen Räumen, in denen Menschen 
beschäftigt werden, und dergleichen vorschreiben. Derartige Polizeiverord¬ 
nungen sind vom Reichsamt des Innern wiederholt sehr nachdrücklich 
empfohlen worden und bestehen jetzt wohl überall in Deutschland, meist 
in mehr oder weniger engem Anschlüsse an ein zunächst von Preußen aus- 
gegangenes Schema. Aber mit den Vorschriften der Unfallverhütung und 
des sonstigen Bauarbeiterschutzes ist es allein nicht getan. Es handelt 
sich vor allem um Maßregeln zu ihrer wirksamen Durchführung, und da 
bleibt noch viel zu wünschen übrig. Die Befolgung der Unfallverhütungs¬ 
vorschriften zu überwachen, liegt zunächst den Baugewerksberufsgenossen¬ 
schaften ob, die durch ihre Beauftragten kontrollieren lassen und nachlässige 
oder widerspenstige Bauunternehmer in höheren Gefahrenklassen mit 
höheren Beiträgen einstellen können. Beides genügt durchaus nicht; des¬ 
halb hat auch z. B. das Reichsversicherungsamt die Berufsgenossenschaften 
neuerdings wieder zur Vermehrung der Baukontrolleure gedrängt. Auch 
die Aufsicht der Baupolizeibehörden, die vielfach ihre Zwangs- und Straf¬ 
gewalt für die Unfallverhütungs Vorschriften einsetzen, ist nach den immer 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


167 


wiederkehrenden Erfahrungen noch lange nicht zureichend. Es wird des¬ 
halb vielfach empfohlen und von gewisser Seite geradezu gefordert, die 
Baukontrolleure aus den Kreisen der Bauarbeiter selbst zu nehmen. Einen 
Versuch damit hat zunächst Bayern durch die Allerhöchste Verordnung 
von 1900 gemacht. Hier wird bestimmt, daß zur Ausübung der Bau¬ 
kontrolle als Gehilfen der Bausachverständigen nach Bedürfnis Bauaufseher 
aus dem Arbeiterstande aufgestellt werden sollen. Ein solches Bedürfnis 
ist in München und außerdem vorwiegend in Gemeinden mit stärker ent¬ 
wickelter Bautätigkeit als gegeben zu erachten. Die Anstellung der 
erforderlichen Zahl verlässiger und befähigter Bauaufseher erfolgt durch 
die Baupolizeibehörde, welche Vorschläge aus den Kreisen der Arbeitgeber 
und Arbeiter entgegennimmt und soweit kein Bedenken vorliegt, berück¬ 
sichtigt. Die Bauaufseher sind amtlich zu verpflichten und unterstehen 
in bezug auf Dienstaufsicht und Disziplin der Baupolizeibehörde, welche 
das Dienstverhältnis durch besondere Vorschrift näher zu regeln hat. In 
der Dienstvorschrift ist den Bauaufsehern für die Dauer ihrer Funktion die 
Ausübung eines Bauhandwerks zu untersagen und überhaupt Vorsorge zu 
treffen, daß den Betreffenden eine von den Arbeitgebern und Arbeitern 
unabhängige Stellung gesichert bleibe. Nach den angestellten Erkundi¬ 
gungen ist diese Einrichtung in vielen bayerischen Orten durchgeführt 
worden und hat nirgends zu wesentlichen Unzuträglichkeiten geführt. Auch 
die Stadtverwaltungen von München und Nürnberg haben auf den Frage¬ 
bogen keine Einwendungen erhoben. Es Bteht nichts im Wege, diesen 
Versuch auch anderwärts nachzuahmen, wo man Bich einen gleichen Erfolg 
verspricht. Nur kommt dabei alles darauf an, daß diese Bauaufseher als 
wirkliche behördliche Organe und nicht etwa als Arbeitervertreter 
bestellt werden, die von Gewerkschaftskommissionen und Volksversamm¬ 
lungen geleitet und zur Verantwortung gezogen werden. Die gänzliche 
Durchdringung gerade der deutschen Arbeiterbewegung mit politischen, 
auf die Erringung der Macht im Staate und über den Staat gerichteten 
Bestrebungen, die ultrademokratische Richtung, welche hier wenigstens theo¬ 
retisch die Stellung zur öffentlichen Gewalt beherrscht, mahnen doch zu 
großer Vorsicht. 

„Damit sind wir bereits auf das Gebiet der behördlichen Bau- 
aufsioht übergetreten, mit deren Einrichtungen sich die Leitsätze 11. und 
12. beschäftigen. Da ist zunächst die Frage der polizeilichen Baugenehmigung, 
des sogenannten Baukonsenses. Nach der Zusammenstellung, die Löning 
in der 1899 erschienenen zweiten Auflage des Handwörterbuchs der Staats- 
wissenschaften gibt, besteht die grundsätzliche Genehmigungspflicht wenig¬ 
stens der wichtigeren Bauausführungen fast überall in Deutschland zu Recht, 
mit alleiniger Ausnahme von Hamburg, der bayerischen Pfalz, einzelner Ge¬ 
meinden in Baden und von ElBaß-Lothringen. In der bayerischen Pfalz ist sie 
durch die allgemeine Bauordnung von 1901 nunmehr ebenfalls eingeführt. 
Nach den ausgegebenen Fragebogen gilt die Genehmigungspflicht in allen 
beteiligten Städten, auch in Straßburg auf Grund der Bauordnung von 1871. 
Nur Hamburg begnügt sich mit der Anzeigepflicht und dem Rechte der 
Baupolizeibehörde zum Einschreiten gegen Ordnungswidrigkeiten. Es liegt 


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168 XXV111. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

aber auf der Hand, daß nur die Genehmigungspflicht eine gründliche 
Prüfung namentlich auch der gesundheitlichen Interessen und eine recht¬ 
zeitige Verhinderung von Fehlern verbürgt, welche von vornherein leicht 
zu vermeiden, nachträglich aber oft gar nicht wieder gut zu machen 
sind. Ebenso wichtig wie die Prüfung der Baupläne ist aber die regel¬ 
mäßige Überwachung der Bauausführung. Sie erfolgt in zweierlei Weisen, 
die aber zur Erzielung wirksamer Erfolge miteinander verbunden werden 
müssen. Einmal durch Revisionen, die sich an bestimmte Abschnitte der 
Bauausführung anschließen. Das sächsiche Baugesetz ordnet nur die Schluß- 
besicbtigung nach Vollendung des Baues an und überläßt die Festsetzung 
von Zwischenbesichtigungen der ortsgesetzlichen oder ortspolizeilichen 
Regelung. Tatsächlich finden in den großen Städten Deutschlands fast 
überall drei besondere Revisionen statt, die aber auch in verschiedenen 
preußischen Provinzial- und Bezirksbauordnungen vorgeschrieben sind: die 
sogenannte Sockelabnahme, zunächst wegen Einhaltung der Baufluchtlinien, 
dann aber auch zu der gesundheitlich wichtigen Revision der Kanal- und 
Gasleitungen, die Rohbauabnahme und die Schluß- oder Gebrauchsabnahme. 
In Breslau wird auch noch eine Materialienprüfung eingeschoben. Neben 
diesen besonderen Revisionen ist aber auch eine dauernde Überwachung 
des Baues nötig, wie sie z. B. von Barmen, Düsseldorf, Aachen berichtet 
wird. In Altona finden allwöchentlich Revisionen, in Hannover alle zwei 
Tage statt, in München alle Wochen bzw. alle vier Tage, in Straßburg 
aller drei Wochen, was kaum ausreichen dürfte. Sehr eingehende Revisions¬ 
vorschriften bestehen in Karlsruhe. Nach dem sächsischen Baugesetze hat 
die Baupolizeibehörde, und wenn diese nicht zugleich die Ortsbehörde ist, 
auch letztere unter Aufsicht der ersteren darüber zu wachen, daß kein Bau 
ohne die erforderliche Genehmigung begonnen und jeder Bau unter Beob¬ 
achtung der allgemeinen und ortsgesetzlichen Bestimmungen sowie in 
Gemäßheit der genehmigten Baupläne und der dabei etwa vorgeschriebenen 
besonderen Bedingungen ausgeführt wird. Durch Ortsgesetz oder örtliche 
Polizei Verordnung sind Vorschriften über die Einrichtung dieser Über¬ 
wachung (durch technische Beamte, Bauausschüsse u. dergl.) zu treffen, 
insbesondere können Zwischenbesichtigungen angeordnet werden. Die 
Weiterführung eines ohne die erforderliche Genehmigung oder unter Ab¬ 
weichung von dem genehmigten Bauplane oder den gestellten Bedingungen 
begonnenen Baues kann von der Baupolizeibehörde, und wenn Gefahr im 
Verzug ist, einstweilen auch von der Ortsbehörde verhindert werden. End¬ 
lich kann die Baupolizeibehörde den Bauherrn veranlassen, Gebäude, welche 
ohne die erforderliche Genehmigung oder plan- oder vorschriftswidrig er¬ 
richtet worden sind, auf seine Kosten zu ändern oder nötigenfalls zu 
beseitigen. Unterläßt er dies innerhalb der ihm gestellten Frist, so kann 
die Baupolizeibehörde das Erforderliche auf seine Kosten selbst vornehmen. 

„Eine Einrichtung, die sich bei den örtlichen Organen der Baupolizei 
einer großen Beliebtheit erfreut und namentlich in Norddeutschland viel ver¬ 
breitet zu sein scheint, sind die sogenannten Bezugs- oder Trockenfristen. 
In vielen Bauordnungen sind ein für allemal bestimmte Fristen festgesetzt, 
welche, meist von der Rohbauabnahme an gerechnet, abgelaufen sein müssen, 
ehe die Schlußabnahme bzw. die Benutzung des Gebäudes eintreten kann. 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 169 

Diese Fristbestimmung erspart der Behörde die genauere Prüfung des ein¬ 
zelnen Falles, wenigstens solange, als nicht um Dispensation gebeten wird. 




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Aber es wird nur zu leicht eine Schablone daraus, deren Gleichmäßigkeit 
oft als eine willkürliche Härte empfunden wird, weil sie dem Bauherrn 


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170 XXVm. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

vielleicht ganz unnötige Zins- und Mietverluste zumutet. Wie verschieden 
gerade in dieser Beziehung die Ansichten sind, geht unter anderem daraus 
hervor, daß die örtlichen Trockenfristen zwischen drei und neun Monaten 
(in Breslau) schwanken. Lage, Jahreszeit, Witterung und Bauart müssen 
hierbei mit in Betracht gezogen werden. So ist z. B. auch in Magdeburg 
die im allgemeinen geltende sechsmonatige Trockenfrist für Fachwerkbauten 
auf drei Monat, in Halle die viermonatige Trockenfrist für Fachwerkbauten 
auf zwei Monate herabgesetzt. 

„Daß in den Baupolizeibehörden und zu deren Unterstützung ban¬ 
technische Sachverständige mitwirken sollen, wird heute wohl nirgends mehr 
in Zweifel gezogen. Dagegen ist die Beteiligung des Arztes, des Medizinal¬ 
beamten, dieses berufenen Anwalts der öffentlichen Gesundheitspflege, viel¬ 
fach noch recht unzureichend. Dies gilt z. B. auch für Preußen. Hier sind 
zwar den Kreisärzten, die als staatliche Gesundheitsbeamte die technischen 
Berater des Landrats, in Stadtkreisen der Polizeibehörde sein sollen, durch 
die Dienstanweisung vom 23. März 1901 auch für die Bau- und Wohnungs¬ 
hygiene Vorschriften und Fingerzeige erteilt worden, die ganz auf der Höhe 
unserer neuzeitlichen Auffassungen stehen. Der Kreisarzt soll „nach Mög¬ 
lichkeit“ Wohnungen und Aufenthaltsräume für Menschen prüfen, ob sie 
den gesundheitlichen Anforderungen an Licht und Luft genügen, sowie ob 
sie den in dieser Hinsicht bestehenden baupolizeilichen Vorschriften ent¬ 
sprechen. Er hat ferner die Baupolizeiordnungen, deren Geltungsbereich 
nicht über seinen Amtsbezirk hinausgeht, vor ihrem Erlasse und die Orts¬ 
bebauungspläne vor ihrer endgültigen Festsetzung vom Standpunkte der 
öffentlichen Gesundheitspflege zu begutachten und etwaige Ausstellungen 
zur Sprache zu bringen. Er hat dabei insbesondere auf die Höhe der 
Häuser im Verhältnis zur Straßenbreite, die Zahl und Höhe der Stockwerke, 
die Größe und Gestalt der Höfe, die Lage der Fenster, die Wasserver¬ 
sorgung nnd Entwässerung der Grundstücke zu achten und bei den Be¬ 
bauungsplänen auf die Durchführung unterschiedlicher Vorschriften für 
verschiedene Zonen, die Anlage möglichst vieler Wohnstraßen und eine 
möglichste Verhütung zu großer Wohndichtigkeit hinzuwirken. Auch hat 
er seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß bei der Handhabung der 
baupolizeilichen Vorschriften die Interessen der Gesundheitspflege Berück¬ 
sichtigung Anden. Aber alle diese Vorschriften richten sich nur an den 
Kreisarzt für den Fall, daß sein Gutachten verlangt wird. Eine Bestim¬ 
mung, welche die Baupolizeibehörden nötigte, dem Kreisarzt die Bebauungs¬ 
pläne und Baugenehmigungsgesuche vorzulegen oder ihn zu Baurevisionen 
zuzuziehen, ist im allgemeinen nicht vorhanden und gilt höchstens für 
öffentliche Gebäude, Schulen, Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten, sowie 
für Anlagen im Sinne von § 16 der Gewerbeordnung. In der Hauptsache 
scheinen daher die vortrefflichen Bestimmungen der neuen Dienstanweisung 
auf dem Papier zu stehen, selbst Düsseldorf meldet, daß sie tatsächlich 
nicht gehandhabt würden. Etwas besser ist es zum Teil anderwärts: in 
Karlsruhe hängt die Befragung des Medizinalbeamten zwar auch vom 
Ermessen der Baupolizeibehörde ab, dagegen ist der Amtsarzt in München 
und Nürnberg bei allen Baugesuchen, wo es sich um gesundheitspolizei¬ 
liche Fragen handelt, in Braunschweig in Zweifelsfällen zu hören. In 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 171 

Hamburg herrscht eine beständige Fühlung zwischen dem Medizinal¬ 
amte und dem Baupolizeiamte, welche beide demselben Chef unterstehen. 
Nach der s&chsischen Ausführungsverordnung zum Baugesetze von 1900 
sind zur Beratung der Baupolizeibehörden im Interesse der öffentlichen 
Gesundheitspflege die Bezirksärzte berufen. Hier sind die Baupolizei¬ 
behörden angewiesen, die Bezirksärzte in allen Fällen, in denen es durch 
ein derartiges Interesse geboten erscheint, gutachtlich zu hören. Nament¬ 
lich gilt dies für die Entwürfe von Ortsgesetzen und örtlichen Polizeiver¬ 
ordnungen , Bebauungs- und Fluchtlinienplänen, Ortserweiterungsplänen, 
Umlegungs- und Enteignungsplänen, sowie in denjenigen Fällen, in 
denen sich gesundheitliche Bedenken im Sinne einzeln aufgeführter 
landesgesetzlicher oder dementsprechender ortsgesetzlicher Bestimmungen 
ergeben oder eine Ausnahme von diesen Vorschriften bewilligt werden 
soll. Glauben Sie jedoch nicht, daß unsere Bezirksärzte damit all¬ 
gemein zufrieden gestellt wären. Zunächst klagen viele von ihnen, 
daß sie auch in solchen Fällen, in denen sie nach der Vorschrift gehört 
werden müssen, von den Behörden, und namentlich von den städtischen 
Behörden, nicht oder doch nicht rechtzeitig gefragt würden. Andere be¬ 
mängeln, daß das Gehör des Bezirksarztes immer noch zu viel in das Er¬ 
messen der Baupolizeibehörde gestellt sei: diese allein habe zu befinden, 
ob ein gesundheitliches Interesse oder Bedenken vorliege, durch welche die 
Einholung des bezirksärztlichen Gutachtens geboten werde. Sie wünschen 
eine weitgehende Kasuistik in der Aufzählung der Fälle, in denen der 
Medizinalbeamte gefragt werden muß. Einzelne verlangen sogar, daß dem 
Bezirksarzte überhaupt jedes Baugesuch vorgelegt werden müsse. Dies 
geht entschieden zu weit und würde zu einer zwecklosen Verschwendung 
von Zeit, Kraft und Kosten führen. Überhaupt ist die ausgiebige Mit¬ 
wirkung der Medizinalbeamten wesentlich auch eine Kostenfrage, zumal in 
Sachsen, wo dem Bauherrn neben dem festgesetzten Gebührenpauschquantum 
besondere Gebühren des Bezirksarztes nicht berechnet werden dürfen und 
diese daher von der Baupolizeibehörde getragen werden müssen. 

„Wichtig ist auch die Art, wie der Medizinalbeamte gehört wird. 
Im allgemeinen erhält er wohl die Akten der Baupolizeibehörde und gibt 
ein schriftliches Gutachten ab und die Behörde setzt dann aus den ver¬ 
schiedenen schriftlichen Gutachten, die oft kaum miteinander zu vereinbaren 
sind, die Verfügung zusammen. Hier würden regelmäßige mündliche Be¬ 
sprechungen von großem Nutzen sein. Für die zweite Instanz hat eine 
Verordnung des sächsischen Ministeriums des Innern von 1902 sie geradezu 
empfohlen, indem es als wünschenswert bezeichnet wird, „daß zu der kollegialen 

Beratung der Kreishauptmannschaft über Rekurse und Beschwerden. 

tunlichst auch der medizinische Beirat und der bautechnische Sachverständige, 
event. auch der gewerbetechnische Rat der Kreishauptmannschaft zugezogen 
werden, damit sie ihr Gutachten vor dem Kollegium mündlich abgeben und 
begründen können und in der nachfolgenden mündlichen Besprechung eine 
möglichste Ausgleichung entgegenstehender Meinungen und Wünsche erzielt 
wird 11 . Auch in der Unterinstanz nimmt der Medizinalbeamte vielfach 
schon persönlich an den Beratungen teil, so z. B. bei Meinungsverschieden¬ 
heiten in Dresden, gelegentlich auch in Leipzig. Die Amtshauptmann- 


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172 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

schäften zu Dresden und Leipzig, zu deren Bezirken die zahlreichen 
Vorortgemeinden der beiden großen Städte gehören, veranstalten mündliche 
Besprechungen mit ihren Sachverständigen über wichtigere Fragen der 
Baupolizei. Überall, wo mehrgliedrige Baupolizeikommissionen bestehen, 
sollte auch ein Arzt, der berufene Medizinalbeamte, zu den Mitgliedern 
zählen. 

„Damit komme ich zum Schluß auf eine letzte Frage, die in den 
Leitsätzen nicht berührt worden ist: ob und wieweit es rätlich ist, die 
Handhabung der Baupolizei den Selbstverwaltungsorganen zu überlassen. 
In Sachsen ist dies schon seit längerer Zeit und in weitem Umfange ge¬ 
schehen. Ich bin wiederholt gefragt worden, ob wir denn nicht auch un¬ 
günstige Erfahrungen damit gemacht hätten, z. B. daß diese Selbstver¬ 
waltungsorgane dem Einflüsse der in der Gemeinde vorhandenen, mächtigen 
Interessentenkreise unterliegen, daß sie in unzulässiger Weise baupolizei¬ 
liche und kommunalflskalische Gesichtspunkte miteinander vermischen und 
dergl. Ich habe der Wahrheit die Ehre geben und bestätigen müssen, daß 
solche Dinge auch bei uns vorgekommen sind und teilweise auch heute 
noch Vorkommen. Trotzdem bin und bleibe ich ein entschiedener Anhänger 
der Selbstverwaltung gerade auch auf diesem Gebiete. Gewiß werden von 
einer bureaukratisch-organisierten und namentlich einer staatlichen Behörde 
neue Rechts- und Verwaltungsgrundsätze, wie sie unsere Zeit für das Bau¬ 
wesen hervorgebracht hat, in der Regel rascher und rücksichtsloser durch¬ 
geführt. Aber ihre Macht liegt im Zwange, der von den Betroffenen meist 
sehr widerwillig empfunden wird. Die Selbstverwaltung ist erfahrungs¬ 
gemäß konservativ im guten und Übeln Sinne des Wortes. Das neue Recht 
dringt hier langsamer durch, alle berechtigten und unberechtigten Wider¬ 
stände machen sich geltend. Sind sie aber schließlich durch die eigene 
Tätigkeit der Beteiligten überwunden, so wird das Gewonnene Gemeingut 
in dem Rechtsbewußtsein der Bürgerschaft. Wenn der Einzelne die Bau¬ 
ordnung heute als Mitglied des Bauausschusses in fremder Sache und 
morgen als Baumeister oder Bauherr in eigener Sache anzuwenden hat, so 
kann es nicht fehlen, daß ihre Einrichtungen nach und nach zur selbst¬ 
verständlichen Gewohnheit werden. Gerade in den Angelegenheiten der 
Bau- und Gesundheitspolizei möchte aber das Wort des Tacitus, daß bei 
unseren Altvordern gute Sitten mehr galten als anderwärts gute Gesetze, 
auch auf unsere Zeit anzuwenden sein. Ich will den Wert guter Bau¬ 
ordnungen gewiß nicht herabsetzen und leugne auch nicht, daß die Selbst¬ 
verwaltung die Mahnung und Warnung wirksamer Aufsichtsbehörden nicht 
entbehren kann. Aber schließlich werden gerade im Bau- und Wohnungs¬ 
wesen die durch Selbstverwaltung anerzogenen Lebensgewohnheiten breiterer 
Volkskreise, ihre Bedürfnisse und Ansprüche auf Licht und Luft, Wasser 
und Reinlichkeit die öffentliche Gesundheitspflege mehr fördern, als es für 
sich allein die beste Bauordnung vermöchte.“ 

Korreferent, Gßh. Baurat Stübben: 

„Meine Herren! Gestatten Sie mir, an die Ausführungen des Herrn 
Vorredners zunächst einige allgemeine Betrachtungen anzuknüpfen. Wir 
wollen, so lautet die vom Ausschüsse unseres Vereins gestellte Aufgabe, die 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


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174 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Bauordnung in den Dienst der öffentlichen Gesundheitspflege 
stellen, d. h. wir wollen die Bauart unserer Wohnhäuser derart beeinflussen, 
daß die gesundheitliche Schädigung der Bewohner vermieden, die gesundheit¬ 
liche Entwickelung der Bevölkerung gekräftigt werde. Von den ver¬ 
schiedenen Gesichtspunkten, die für baupolizeiliche Vorschriften leitend sind, 
wollen wir uns heute mit dem gesundheitlichen Gesichtspunkte beschäftigen, 
wohl wissend, daß dieser nicht ausschließlich zur Geltung kommen kann. 
Wir sind nicht bloße Theoretiker. Die Zusammensetzung unseres Vereins 
und seine bisherigen Taten bürgen dafür, daß wir keine philanthropischen 
und wissenschaftlichen Utopien erstreben, sondern auf dem Boden der 
Wirklichkeit stehen, insbesondere auch die volkswirtschaftlichen und privat¬ 
wirtschaftlichen Rücksichten nicht außer acht lassen und uns ein praktisch 
erreichbares Ziel stecken. 'Dieses Ziel ist im wesentlichen ein zweifaches: 
1. Ausreichendes Tageslicht und unverdorbene Luft überall, in den Woh¬ 
nungen, auf den Straßen, in den Höfen; 2. Vermeidung von allzu viel Woh¬ 
nungen in demselben Hause. 

„Die letztere Forderung hat nicht bloß eine gesundheitliche, sondern 
auch eine soziale Bedeutung. Und mit der Pflege der öffentlichen Gesundheit 
geht die Pflege der Sittlichkeit — dieses Wort in engerem und weiterem 
Begriffe aufgefaßt — Hand in Hand. 

„Bekanntlich haben wir zwei große Gruppen von Wohnformen zu 
unterscheiden: Das Eigenhaus und das gemeinschaftliche Miethaus. Beide 
Formen sind zwar in ganz Europa bekannt; aber es herrscht doch die be¬ 
merkenswerte Tatsache, daß das Eigenhaus alsWohntypus vorherrscht in 
den Städten Englands, Belgiens, Hollands, des nordwestlichen Deutschland 
und des nördlichen Frankreich, während im ganzen übrigen Europa, so 
namentlich im größten Teile Deutschlands und in den slawischen und roma¬ 
nischen Ländern das gemeinsame Miethaus die allgemeine städtische Wohn- 
form darstellt. Die örtliche Grenzlinie beider Wohnformen wird annähernd 
durch einen Kreisbogen gebildet, der von Amsterdam als Mittelpunkt ge¬ 
schlagen wird und die Städte Bremen, Koblenz und Amiens umzieht. 
Amiens und Bremen sind entschieden Eigenhaus- oder Einfamilienhausstädte; 
südlich und östlich davon herrscht das Mehrfamilienhaus, das im Massen¬ 
miethaus seine abschreckende Entwickelungsstufe zeigt. Dort beträgt die 
durchschnittliche Behausungsziffer einer Stadt sechs bis acht Personen, hier 
steigt sie auf 60 bis 80! In holländischen Städten wohnt jede Arbeiter¬ 
familie in einem Hause für sich, in Berlin finden wir hundert und mehr 
Arbeiterfamilien in einem Hause. Welche Wohnform die sozial höher stehende 
ist, kann nicht zweifelhaft sein. Daß auch gesundheitlich das große Miet¬ 
haus gegenüber dem kleinen Hause im Nachteil ist, wegen Beschränkung 
des Luftraums, Beeinträchtigung von Tageslicht und Sonne, wegen der engen 
Berührung so vieler dauernd zusammenlebenden Menschen und aus anderen 
Gründen, das von ärztlich sachverständiger Seite ausführlich zu begründen, 
wird in dieser Versammlung kaum nötig sein. 

„Der Aufschwung der deutschen Städte in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts hat die Entwickelung des städtischen Wohnwesens sehr fühlbar 
beeinflußt, und zwar nicht bloß in günstiger Weise durch technische Fort¬ 
schritte, durch bessere Ausstattung, durch Wasserversorgung und Kanali- 


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Die Bauordnung im Dienste der offentlichen Gesundheitspflege. 175 

sation, sondern auch in ungünstiger Weise durch Anhäufung der Wohnungen, 
Verkleinerung und Verteuerung des Rauminhalts der einzelnen Wohnung. 
In die Städte der nordwestlichen deutschen Eigenhauszone ist das Miethaus 
vorgedrungen, die Behausungsziffer rheinischer Städte ist bis auf 20 gestiegen. 
Und in den übrigen deutschen Städten hat sich fast durchweg das ursprüng¬ 
lich für wenige Familien bestimmte Miethaus in der Richtung zum Massen¬ 
hause vergrößert. Die durchschnittliche Behausungsziffer ist überall — 
wenige Ausnahmen rechtfertigen die Regel — gewachsen. 



„Sollen wir dieser Entwickelung mit verschränkten Armen Zusehen? 
Wer heute noch im Zweifel ist, den darf man unter dem Berge von Schriften 
über die Wohnungsfrage nur auf die beiden Werke von Rudolf Eber¬ 
stadt: „Städtische Bodenfragen“ (mit besonderer Rücksicht auf Berlin) und 
„Rheinische WohnungsVerhältnisse“ (mit Bezug auf Düsseldorf, Barmen und 
Elberfeld) verweisen. Die Mietkaserne ist der Feind. Das Eigenhaus ist 
eine schöne Vätersitte des Westens. Das gemeinsame Miethaus wurzelt, wie 
zuzugeben ist, in der Wohnsitte des östlichen, mittleren und südlichen 
Deutschland und anderer Länder; aber die Mietkaserne wurzelt ausschließ- 


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176 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

lieh in der Bodenspekulation. Es ist keine natürliche, sondern eine künst¬ 
liche Entwickelung; sie schafft nicht durch Vereinigung zahlreicher Familien 
neben- und übereinander in demselben Hause der einzelnen Wohnung mehr 
Raum und geringeren Preis, sondern umgekehrt räumliche Beschränkung 
und höhere Miete. Und ebenso ist das Eindringen des größeren Miethauses 
— gottlob im allgemeinen noch nicht der Mietkaserne — in die deutsche 
Eigenhauszone ausschließlich auf die von Osten beeinflußte Bodenspekulation 
zurückzuführen. Denn die Vergrößerung der Wohngebäude, die Anhäufung 
der Wohnungen, die Steigerung der Mieteinnahme vermehrt den Preis des 
Baugrundes. Die künstliche Erhöhung der Bodenpreise ist der treibende 
Gedanke im Bautypus des Massenhauses. 

„Man darf gewiß nicht die Bodenspekulation als solche verurteilen; 
denn sie ist es, die sich die Umwandlung von Ackerland in marktreife 
Baugrundstücke zur Aufgabe stellt und dadurch eine sehr wichtige wirt¬ 
schaftliche Funktion ausübt. Zu bekämpfen aber sind die Auswüchse der 
ungezügelten Boden- und Bauspekulation, wie wir sie aus so vielen Beispielen 
kennen. Der Ruf nach Zügelung dieser Spekulation durch Stadtbauplan, 
Bauordnung und andere Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung ist 
heute weit verbreitet; auch der Verband der deutschen Haus- und Grund- 
besitzervereine stimmt diesem Rufe bei und verwirft die zunehmende 
Entwickelung des städtischen Wohnwesens zur Mietkaserne. 

„Das Eigenhaus ist das beste. Wo es Sitte ist, muß es durch die 
Bauordnung geschützt werden. Wo es nicht Sitte ist, muß es wenigstens 
ermöglicht werden. Aber auch das kleine Miethaus ist gesundheitlich nicht 
zu beanstanden, selbst das mittelgroße Miethaus ist erträglich — bedenklich 
unter allen Umständen ist die Mietkaserne. Wo hört aber das erträgliche 
Miethaus auf, wo fängt die verwerfliche Mietkaserne an? Die Grenze läßt 
sich nicht durch bestimmte und allgemein gültige Zahlen ausdrücken. In 
den Eigenhausstädten wird mau vielleicht schon die Vereinigung von sechs 
Wohnungen in einem Hause bedenklich Anden; in manchen Miethausstädten 
fallt das Sechsfamilienhaus noch unter den Begriff der kleinen Häuser. Ein 
Haus mit 12 bis 20 Familien Wohnungen oder 60 bis 100 Einwohnern gehört 
aber zweifellos in die Kasernenklasse. 

„Somit werden wir aus sozialen und sanitären Gründen das Eigenhaus 
und das nur wenigen Familien dienende kleine Haus nach Möglichkeit be¬ 
günstigen, das mittelgroße Miethaus —7 sagen wir einmal mit drei bis zehn 
Wohnungen — nach Möglichkeit zu vervollkommnen suchen, das Massen¬ 
miethaus aber als ein Übel betrachten, dessen Verbreitung nach Möglichkeit 
zu hemmen ist. Denn wirtschaftliche Rücksichten nötigen uns, die Theorie 
einzudämmen und auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben. In Stadtteilen, 
wo der Baugrund bereits einen allgemein anerkannten Wert von einer be¬ 
stimmten Höhe besitzt, der in Kauf und Beleihung, Nutznießung und Be¬ 
steuerung zum Ausdruck gekommen ist, da ist diese Werthöhe als etwas 
Gegebenes zu berücksichtigen. Und wenn sie nur zur Rente gebracht 
werden kann durch Erbauung größerer Miethäuser, dann muß der Sozial¬ 
politiker und Hygieniker vor der wirtschaftlichen Notwendigkeit die Segel 
streichen. 

„Wir sind nicht so einseitig und unverständig, zu verlangen, daß die 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 177 

Erweiterung unserer Städte sich ausschließlich durch den Bau kleiner 
Einzelhäuser, umgeben von Gärten, vollziehe, in denen jedermann seinen 
eigenen Kohl pflanzt. Aber mit voller Entschiedenheit wollen wir dem 
nicht bloß sozialen und gesundheitlichen, sondern auch volkswirtschaftlichen 
Unfug entgegentreten, daß in der ganzen Stadtumgebung auf bisher jung¬ 
fräulichem Boden, dessen Wert bis dahin nach der Fähigkeit bemessen 
wurde, Kartoffeln hervorzubringen, vielstöckige Massenhäuser entstehen, um 
die Bevölkerung zu kasernieren und dadurch die Bodenwerte künstlich empor¬ 



zutreiben. Sit modus in rebus. Nach den reellen Bodenwerten einerseits, 
nach der Eigenart des Stadtteiles und der voraussichtlichen Bestimmung 
seiner Bauten andererseits wollen wir als praktische Leute unsere gesundheit¬ 
lichen Bauanforderungen einrichten, d. h. abstufen. 

„Ich weiß, daß ich in den meisten deutschen Städten mit meinen Aus¬ 
führungen offene Türen einstoße; aber ich weiß auch, daß in manchen 
Städten die Türen für die Abstufung der Bauordnung noch nicht geöffnet 
sind, daß selbst in der Verwaltung großer Städte noqh Mißverständnisse in 
diesem Punkte obwalten, daß endlich nicht selten Mangel an Einsicht und 
geschäftliches Interesse den Fortschritt erschweren. 

Viertelj&hrMchrift füx-G^tmdhtitspfleg«, 1904. 12 


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178 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öfl'entl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Indem wir von der Abstufung der sanitären Bauvorschriften, von deren 
Anpassung an die örtlichen Verhältnisse reden, geben wir zu, daß gewisse 
Anforderungen der Hygiene dem Grade nach veränderlich sind, nicht alle. 

„Die unveränderlichen Forderungen sind im achten Abschnitt unserer 
Leitsätze aufgeführt. Um sie hier vorweg zu nehmen, sei erwähnt, daß die 
Abhaltung der Bodenfeuchtigkeit und der Witterungsnässe aus allen zum 
Aufenthalt von Menschen bestimmten Gebäuden, die Vermeidung hygienisch 
bedenklicher Stoffe zum Aufhöhen von Bauplätzen sowie zum Ausfüllen von 
Gewölbzwickeln und Balkenfeldern, die sachgemäße Anordnung, Dichtung 
und Prüfung der Gas- und Entwässerungsleitungen, die gute Durchlüftung 
der letzteren, endlich die gesundheitlich einwandfreie Bauart von Aborten, 
Abortgruben, Müllgruben, Stallungen und Brunnen — daß alle diese Forde¬ 
rungen keiner Abschwächung unterliegen. Hier handelt es sich durchweg um 
die Erstrebung der bestmöglichen Herstellungsart, bei den Aborten allgemein 
um tadellose Wasserspülung, sobald das Kanalsystem darauf eingerichtet ist, 
bei den zum Verschlingen von Schmutzwasser bestimmten Senk- und Versitz¬ 
gruben ein unbedingtes Verbot. Eine gewisse Rücksichtnahme auf örtliche 
Erreichbarkeit mag Platz greifen hinsichtlich der geforderten Mindestzahl der 
Aborte. Grundsätzlich gehört zu jeder Wohnung ein Aboit — nur das gewähr¬ 
leistet Reinlichkeit, gute Unterhaltung, Vermeidung von Ansteckungsgefahr 
und Gestank. Enge Raumverhältnisse aber mögen in alten Stadtteilen die 
Forderung dahin ermäßigen, daß auf höchstens zwei Familien oder 10 Personen 
ein Abort kommen soll. Wo es sich nicht um Wohnungen, sondern um 
Werkstätten, Fabriken, Verkaufsläden u. dgl. handelt, kann die Zahl der 
auf einen Abort angewiesenen Personen auf 25 gesteigert werden. 

„Die eigentliche Abstufung gesundheitlicher Anforderungen aber ist in 
unseren Leitsätzen in den Abschnitten vier bis sieben beleuchtet. An die 
Luft- und Lichtversorgung und gegen die Bau- und Wohndichtigkeit stellen 
wir um so strengere Forderungen, je weniger uns wirtschaftliche und andere 
Rücksichten beengen. Oder besser umgekehrt ausgedrückt: Wir schränken 
unsere gesundheitlichen Forderungen auf ein minder großes Maß ein, insoweit 
das nötig ist, um die Schädigung berechtigter Geschäfts-, Gewerbe- und 
Vermögensinteressen zu vermeiden. 

„Das Verhältnis zwischen der Gebäudehöhe und den Ab¬ 
messungen der unbebauten Hof- und Straßenräume ist grundlegend 
für den Grad der Luftversorgung und für den Einfall des Lichts in die 
Räume unserer Wohngebäude. Durch die Beschränkung der Hinterland¬ 
bebauung, durch die Verminderung der Zahl der Wohngeschosse im Hause 
und der Wohnungen im Geschoß, vermittelst der Durchsetzung des ge¬ 
schlossenen Reihen- und Blockbaues mit offener und halboffener Bauweise 
wollen wir dem allzu dichten Neben- und Übereinanderwohnen der städtischen 
Bevölkerung entgegenwirken, wollen wir die allgemeine Verbreitung des 
großen Miethauses und namentlich der Mietkaserne verhindern. Durch die 
örtliche Einschränkung lästiger Fabriken fördern wir die Gesundheit und 
Annehmlichkeit des Wohnens. Schließlich aber streben wir dahin, daß Luft, 
Licht und Sonne den eigentlichen Wohnräumen des Hauses mehr zustatten 
kommen als den Nebenräumen. 

„Betrachten wir zunächst die Abstufung dieser gesundheitlichen 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 179 

Anforderungen nach Ortsteilen, so kennen wir alle den hygienischen 
Satz, daß den Wohnräumen das Himmelslicht in einem Winkel zufallen soll, 
der nicht kleiner ist als 45 Grad, d. h. von jedem Erdgeschoßfenster, ja von 
jedem Kellerfenster aus, insoweit der Keller Räume zum dauernden Aufenthalt 
von Menschen enthält, soll man das Himmelsgewölbe in einer Richtungslinie 
sehen können, die von der Senkrechten um höchstens 45 Grad abweicht. 
Ich weiß, daß auch andere Lichteinfallwinkel wissenschaftlich untersucht 
und empfohlen worden sind, aber ich erwähne hier die einfache Halbierung 
des rechten Winkels, da wir ohnehin zu Abstufungen genötigt sind. Die 
Rücksicht auf den Lichtwinkel hat zu der Forderung sich verdichtet, daß 
jedes zur Beleuchtung eines Wohnraumes notwendige Fenster von einer 
gegenüberstehenden Gebäudewand wenigstens so weit entfernt sein soll, als 
diese Wand hoch ist; oder was annähernd dasselbe ist: Straßenbreite = Ge¬ 
bäudehöhe (b = Ä); Abstand der Gebäudeseiten am Hofe gleich Höhe der¬ 
selben (bi = Ä x ). 

„Dabei ist zweierlei zu berücksichtigen. Enthält das Kellergeschoß 
keine zum dauernden Aufenthalt dienenden Räume, kommt also nur das 
Erdgeschoß in Frage, so wird beim Verhältnis h = b und hi = b x der 
Lichteinfallwinkel der Erdgeschoßfenster größer als 45 Grad, also günstiger; 
das schadet nicht. Soll ferner der Winkel von 45 Grad für die Belichtung 
eines Fensters gesichert sein, so muß der Abstand desselben von der 
gegenüberliegenden Wand sich richten nach der Höhe dieser fremden 
Wand, nicht nach der Höhe der eigenen Wand. h oder h x bedeutet 
nicht die eigene, sondern die jenseitige Höhe. An der Straße führt 
das zu keinen Schwierigkeiten; h = b gilt für die eine wie für die andere 
Straßenseite. Am Hofe ist das oft anders, weil es ja dem Besitzer eines 
Baugrundstücks in der Regel unverwehrt ist, auf der Grenze seines Eigen¬ 
tums ein Gebäude aufzuführen, ohne auf den Lichteinfall des Nachbars 
Rücksicht zu nehmen; er kann in der Regel nur verpflichtet werden, die 
Höhe seiner Gebäudeteile zu den freien Räumen auf seinem eigenen Grund¬ 
stück in Beziehung zu setzen. Für den Nachbar gilt das gleiche. Unter 
solchen Verhältnissen kommt man notgedrungen dazu, in der Abstandsregel 
b x = \ den Wert h x nicht auf die fremde, sondern auf die eigene Außen¬ 
wand zu beziehen, indem man sagt: ein Gebäude soll nicht höher aufgeführt 
werden, als es von der Grenze des Grundstücks oder von einer gegenüber¬ 
liegenden anderen Gebäude wand entfernt ist. Diese Unstimmigkeit kann 
den Lichteinfallwinkel ungünstig oder günstig beeinflussen. Bei b x = h x 
kann der Lichtwinkel ^45° sein. 

„Die Regel h = b läßt sich in neuen Stadtteilen ohne Schwierigkeit 
durchführen, sie steht auch fast überall in Kraft, ja zumeist übertrifit wohl 
die lichte Breite des Straßenraumes die Gebäudehöhe. Auch bei schmalen 
Wohnstraßen läßt der Lichtwinkel sich durch Vorgärten sichern. Nicht so 
in alten Stadtteilen; hier ist man oft genötigt, h > b zuzulassen, was ja 
auch in gewissem Maße unbedenklich ist, wenn das Kellergeschoß keine 
Wohnräume, Läden usw. enthält. Ob es rätlicher ist, die Gebäudehöhe die 
Straßenbreite um ein absolutes Maß, z. B. 2 oder 3 m, übersteigen zu lassen 
oder die Mehrhöhe als Bruchteil der Straßenbreite festzusetzen, z. B. 
h = 1 l /g b oder l 1 /^, das muß örtlich entschieden werden. Ersteres ent- 

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180 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

spricht mehr der wirtschaftlichen, letzteres mehr der gesundheitlichen An¬ 
schauung. 

„Die Abstandsregel hx = b x läßt sich dagegen weder in alten noch in 
neuen Stadtteilen leicht durchführen. Führt sie schon an sich, wie gesagt, 
oft einen geringeren Lichteinfallwinkel als 45 Grad herbei, so haben die 
wirtschaftlichen und gewerblichen Verhältnisse leider der Regel nach zu 
noch größerer hygienischer Bescheidenheit genötigt. Die Vorschrift h x = b x 
ist meines Wissens zuerst vom Vater unserer modernen Bauordnungs¬ 
wissenschaft, R. Baumeister, in Außenteilen von Mannheim verwirklicht; 
sie ist seitdem in manche andere Bauordnungen eingeführt worden, aber 
immer nur für bestimmte äußere Ortsteile, wo Bauart und Wohnform es 
zulassen, oder für den hinteren Teil der Grundstücke, z. B. in mehr als 
18 m Abstand von der Baufluchtlinie. Im übrigen aber ist zumeist hx ]> b x . 
Als zweckmäßige Abstufungen haben sich namentlich erwiesen die Sätze: 
h x = b x = 1*5 ; ausnahmsweise auch hx = 2 b x . 

„Wir wollen aber nicht bloß den Lichteinfallwinkel regeln, der ja bei 
hohen Gebäuden mit großen Höfen derselbe sein kann wie bei niedrigen 
Gebäuden mit kleinen Höfen, der aber, wie erläutert, im Innern der Grund¬ 
stücke überhaupt nicht allgemein in der erwünschten Größe von 45 Grad 
zu erzielen ist — sondern wir wollen Luft, Licht und Besonnung auch da¬ 
durch verbessern, daß wir die Anhäufung der Wohnungen überhaupt mäßigen, 
wo es wirtschaftlich unbedenklich ist. In diesem Sinne empfiehlt es sich, 
die zulässige Höhengrenze der Gebäude nach Ortsteilen ab¬ 
zustufen, also im Innern der Stadt z. B. 20 m oder 18 m Gebäudehöhe, 
von der Straße bis zur Dachtraufe gemessen, zuzulassen, in äußeren Stadt¬ 
teilen aber die Einschränkung bis auf 16 m, 14 m, 12 m vorzuschreiben. 

„Denselben Zweck verfolgt die örtliche Abstufung der zulässigen 
Zahl der Wohngeschosse. In östlichen und südlichen Städten, z. B. in 
Berlin, Dresden und München, sieht man sich genötigt, fünf übereinander 
liegende Wohngeschosse in der inneren Stadt zu dulden; in westlichen 
Städten, z. B. Köln und Düsseldorf, geht man nicht über vier Wohn¬ 
geschosse. Dabei werden Keller- und Dachgeschoß, insoweit letzteres nicht 
ganze Wohnungen enthält, außer acht gelassen. In Dresden und Berlin 
wäre es ein harter wirtschaftlicher Eingriff, wollte man in der inneren 
Stadt das fünfte Obergeschoß nicht mehr zulassen; in Köln und Düsseldorf 
wäre es ein hygienischer Mißgriff, wollte man das fünfte Obergeschoß ent¬ 
gegen der bisherigen Bausitte mehr als ganz ausnahmsweise gestatten. Für 
äußere Ortsteile geht die Geschoßzahl herab auf vier, drei und zwei, je nach 
dem herrschenden Bodenwert und der zu erwartenden oder zu erstrebenden 
Wohnform. In mittleren und kleineren Städten sollten, bisherige Bau¬ 
gepflogenheiten fortsetzend, mehr als drei übereinander liegende Wohn¬ 
geschosse überhaupt nicht zugelassen werden. 

„Die besprochene Beschränkung der Gebäudehöhen und der Gescho߬ 
zahl fördert die Weiträumigkeit des Wohnens und zugleich die wohl¬ 
verstandenen Interessen des Grundbesitzes dadurch, daß die Wohnungen 
über größere Flächen ausgedehnt und zahlreichere Grundstücke der Wertsteige¬ 
rung durch denWohnzweck zugänglich gemacht werden. Dieser extensiven 
Wertsteigerung steht freilich die Beschränkung der intensiven Wertsteigerung 


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182 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

gegenüber. Es ist aber ein Irrtum, daß die dichte Bebauung eine Quelle 
des Reichtums der Stadtbevölkerung sei, die weiträumige Bebauung nicht. 
Neapels Bevölkerung z. B. ist weit ärmer als diejenige Brüssels. Die dichte 
Bebauung macht vielmehr das Gros der Einwohnerschaft einigen wenigen 
tributpflichtig, während die weiträumige Bebauung die Zahl der Eigentümer 
vermehrt. Die Statistik zeigt deutlich diese soziale Überlegenheit der west¬ 
lichen Eigenhausstädte gegenüber den östlichen Miethausstädten. 

„Fernere Mittel zur Erzielung weiträumigen Wohnens unter verbesserten 
Luft-, Licht- und Besonnungsverhältnissen sind die Vorschriften der Frei¬ 
lassung des Hinterlandes und die Vorschriften der offenen Bauweise in ihren 
verschiedenen Abarten. 

„Die Freilassung des Hinterlandes kann herbeigeführt werden auf 
verschiedenen Wegen. Man kann in gewissen Ortsteilen die Herstellung von 
Hinterwohnungen, d. h. von Wohnungen, die nur vom Innern des Grund¬ 
stücks Luft und Licht beziehen, untersagen. Man kann die Zahl der in 
demselben Geschoß zulässigen Wohnungen überhaupt beschränken, z. B. auf 
vier, drei oder zwei, jedenfalls die Zulassung der dritten und vierten Woh¬ 
nung von ausreichender selbständiger Durchlüftung abhängig machen, wie 
es hier in Sachsen geschieht. Auch kann man vorschreiben, daß in gewissen 
Blöcken oder Ortsteilen über eine bestimmte rückwärtige Baulinie (z. B. über 
eine in 18 m der vorderen Baufluchtlinie parallel gezogene Linie) hinaus 
nicht gebaut oder nur bis zu einer geringen Höhe gebaut werden darf. Das 
sind vielerlei vortreffliche Mittel, um auch bei geschlossenem Reihenbau die 
Entstehung eines geräumigen freien Blockinnnern herbeizuführen, so daß 
sehr angenehme und gesunde Wohnungen sich rings um eine zusammen¬ 
hängende Gartenfläche reihen. Namentlich für Familienhäuser liefert die 
Beobachtung einer rückwärtigen Baulinie ein sehr gutes und empfehlens¬ 
wertes Bau- und Wohnsystem. Freilich können solche Bestimmungen tief 
einschneidend sein und sind unter Umständen einschneidender als die 
Vorschrift offener Bauweise. Es ist darum nach den Verhältnissen des 
Orts vorsichtig abzuwägen, in welchen Geländeteilen derartige Bestimmungen 
ohne Verletzung berechtigter Interessen überhaupt durchführbar sind. Be¬ 
scheidener wirken auf Weiträumigkeit hin die üblichen Vorschriften über 
Mindestbreite und Mindestfläche der Höfe, die als eine Ergänzung der vorhin 
besprochenen Abstandsregel zu betrachten sind. Man findet vorgeschriebene 
Mindestbreiten von 3 bis 7 m, Mindestflächen von 15 bis 60 qm; auch 
Verhältniszahlen zwischen Hofinhalt und Grundstücksinhalt, die ungefähr 
von 1:5 bis 3:5 abgestuft sind. Die gesundheitliche Bedeutung dieser 
Maße und Zahlen ist, weil abhängig von der Bauplatzeinteilung, der Gebäude¬ 
höhe und der Bauweise, örtlich zu beurteilen; sie unterliegen deshalb auch 
der örtlichen Staffelung. Einen allgemein gültigen, absoluten Wert besitzen 
sie nicht. Von besonderer Wichtigkeit und gesundheitlichem Einflüsse kann 
aber die in einigen Bauordnungen, z. B. für Teile von Frankfurt a. M. und 
von sächsischen Städten, sich findende vortreffliche Bestimmung sein, daß 
die erforderliche Flächengröße des Hofraumes bemessen wird nach der Zahl 
der Familien, die im Hause wohnen. 

„Manche unnötige Fehde in Schrift und Wort hat die Frage der offenen 
Bauweise veranlaßt. Diese ist keineswegs gleichbedeutend mit Weiträumig- 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 183 

keit des Bauens, sondern sie ist, wie gesagt, eines der Mittel, um die Weit¬ 
räumigkeit herbeizuführen. Betrachten wir zuerst die offene Bauweise im 
strengsten Sinne, so ist es klar, daß ein von allen Seiten freistehendes Ge¬ 
bäude der Luftversorgung, dem Lichteinfall und der Besonnung grundsätz¬ 
lich besser zugänglich ist als ein von zwei oder drei Seiten eingebautes Haus. 
Ebenso ist klar, daß in einem offen umbauten Block ein freierer und frischerer 
Luftwechsel und eine geringere Behinderung sowohl des diffusen Himmels¬ 
lichtes als der unmittelbaren Sonnenstrahlen stattfindet als in einem rings 
umbauten Block. Dazu bedarf es wirklich keiner gelehrten und ungelehrten 
Luftbewegung8 - und Belichtungstheorien. Es ist ferner unbestreitbar, 
daß der Lärm und Staub einer schlecht angelegten und unterhaltenen 
Straße in das Zimmer eines offenen Blocks leichter eindringen kann als in 
einen geschlossenen Block, wie es umgekehrt sicher ist, daß bei einem ge¬ 
schlossen umbauten Block mehr Fenster und Türen den Straßenstaub zum 
Eindringen in die Wohnungen einladen als bei einem offen bebauten Block. 
Daraus ist nach meiner Meinung nicht zu folgern, daß die Fenster- und 
Türöffnungen und die Bebauungslücken schlechte Einrichtungen seien, daß 
man alle diese Öffnungen schließen müsse, um nach orientalischer Sitte alle 
Luft und alles Licht vom Innern der Grundstücke und der fest umschlossenen 
Blöcke zu nehmen, sondern es ist der Schluß zu ziehen, daß städtische 
Straßen gut hergestellt, unterhalten und gereinigt Werden müssen. Die 
offene Bauweise ist aber unter Umständen mit anderen, nicht gesundheit¬ 
lichen, sondern wirtschaftlichen Schwierigkeiten verknüpft. Sie hat ähnlich 
wie das Verbot der Bebauung des Hinterlandes und wie das unbedingte 
Verlangen eines Lichtwinkels von 45 Grad eine so stark verminderte Aus¬ 
nutzung der Fläche zur Folge, daß bei allgemein anerkannten Bodenpreisen 
von bestimmter Höhe der Grundstücks wert nicht mehr zur Rente gebracht 
werden kann. 

„Sie eignet sich ferner wenig für gewerbliche und geschäftliche Betriebe, 
vielleicht mit Ausnahme von Restaurationen, Gasthöfen und gewissen Verkaufs- 
geschäften, denen eine Ausstellung im Freien dienlich ist. Und endlich ist 
sie im allgemeinen wegen der erhöhten Baukosten und Heizungskosten wenig 
vorteilhaft für die Schaffung billiger städtischer Kleinwohnungen. Somit 
wird man sie in der Bauordnung einer Stadt gern auf nicht zu teuere, schön 
gelegene Gelände beschränken, die zur Errichtung vornehmerer Wohnhäuser 
oder besserer Mittelstandswohnungen einladen, und zwar in einer Ausdehnung, 
die den Verhältnissen der Ortsbevölkerung entspricht. Bewährte Beispiele 
sind Ihnen aus fast allen Städten bekannt. Badeorte und Rentner¬ 
städte können ausgedehntere Villenbezirke oder Landhausviertel gebrauchen 
als Industrieorte. 

„Nun aber ist der Begriff eines Landhausviertels keineswegs identisch 
mit „offener Bauweise“, namentlich dann nicht, wenn man bei letzterer die 
ganz offene, die halb offene und die Gruppenbauweise unterscheidet. Die 
Terminologie steht nicht fest. Ich möchte mit „ganz offener u oder schlecht¬ 
hin „offener u Bauart diejenige bezeichnen, bei welcher jedes Haus von allen 
Seiten frei steht, auf jedes Haus an der Straße also eine Lücke, ein sogenannter 
„Wich“, folgt. Werden zwei oder drei (vielleicht sogar vier bis fünf) Häuser 
aneinandergebaut, ehe ein Wich folgt, so entsteht die „Gruppenbauweise“, 


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184 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

bei welcher ein Häuserblock immer noch nach allen Seiten offen ist Die „halb- 
offene“ Bauweise aber entsteht, wenn zwei ganze Seiten eines viereckigen 
Blocks geschlossen bebaut werden, während die beiden anderen Seiten offen 
bleiben. Man bemerkt, wie die vorhin erwähnten wirtschaftlichen Nachteile 
des offenen Bauens beim Gruppenbau und noch mehr beim halboffenen 
Block sich mildern, wie deshalb der Gruppenbau besonders für Mittelstands- 
Wohnungen, der halboffene Bau auch für städtische Arbeiterwohnungen 
recht brauchbar ist. Gesundheitlich ist die halboffene Bauweise besonders 
dann empfehlenswert, wenn die offenen Blockseiten so zu den Himmels¬ 
richtungen gelegen sind, daß sie die Sonnenstrahlen ungehindert in das 
Blockinnere eintreten lassen. Soviel ich weiß, sind diese halboffenen 
Blöcke namentlich in sächsischen Städten beliebt; ich habe mich selbst be¬ 
müht, sie in verschiedenen anderen Städten einzuführen. 

„Über die Haushöhe und Wichbreite lassen sich allgemein Vorschriften 
nicht aufstellen; das ist örtlich zu regeln, kann auch örtlich abgestuft 
werden. Man wird gut tun, die Wichbreite in Beziehung zu setzen zur 
Gebäudehöhe, unter Umständen auch zur Gebäudetiefe. Geringer als 3m 
bis zur Grenze, also geringer als 6m von Haus zu Haus, wird man den 
Wich nicht anordnen dürfen; denn bei 12m Höhe gibt das schon ein 
Verhältnis h x = 2:1. Beim Gruppenbau wird man anf größere, bei der 
halboffenen Bauweise auf noch größere Lücken (im letzteren Falle etwa 
20 m) halten müssen, um dem Zwecke der Lüftung und Besonnung des 
Blockinnern gerecht zu werden. Bei den verschiedenen Arten der offenen 
Bauweise ist es leichter, die Abstandsregel 1^ = bi im Innern der Grund¬ 
stücke durchzuführen als beim geschlossenen Reihenbau, da die hohe Grenz¬ 
bebauung fortfällt. 

„Wir haben in unseren Leitsätzen den Wechsel zwischen geschlossener 
und offener Bauart verlangt, einesteils weil die allgemeine Anwendung der 
letzteren an den geschilderten Schwierigkeiten scheitert, anderenteils weil 
die offenen Bauviertel nach Art öffentlicher Gärten, wenn auch in ab¬ 
geschwächter Weise, den benachbarten geschlossenen Blöcken und der auf 
den Straßen verkehrenden Bevölkerung zustatten kommen. Man setzt ge¬ 
wissermaßen Reservoirs frischer Luft zwischen die geschlossenen Mauerblöcke, 
und das Pflanzenleben erfreut — wie ein Stück Ländlichkeit — Auge, Gemüt 
und Lunge aller. 

„Einen Vorwurf hat man gegen die offene Bauweise wie gegen das 
Eigenhaussystem und das weiträumige Bauen überhaupt erhoben, der noch 
einige Aufmerksamkeit verdient. Man befürchtet, daß die größere Aus¬ 
breitung der Stadt die Anlage- und Unterhaltungskosten des Straßennetzes 
und der Leitungsnetze ins Unerträgliche steigere. Diese Befürchtung ist 
der Theorie entnommen, nicht der Erfahrung. Stehen Bremen und Brüssel 
in diesem Punkte wirklich ungünstiger als — um irgend welche Namen zu 
nennen — als Posen und Stettin? Hat nicht die dichte Zusammendrängung 
der Bevölkerung breitere Straßen, erhöhte Straßenanlagekosten und ver¬ 
mehrte Unterhaltungskosten zur Folge? Sind nicht die Unterhaltungskosten 
reiner Wohnstraßen bei weiträumiger Bebauung und guter Anlage fast 
Null? Sollte aber das in mäßigen Grenzen gehaltene weiträumige, gesunde 
Wohnen an die Gemeinde wirklich auch in mäßigen Grenzen erhöhte An- 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


185 



sprüohe stellen, so darf man fragen: gibt nicht mit Recht die Gemeinde für 
andere hygienische Einrichtungen Millionen aus? 


„In Paris und in italienischen Städten geht man bis zu sieben und acht 
Wohngeschossen; es ist zuzugeben, daß die südlichen Verhältnisse gleich der 


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186 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

südlichen Sonne anders zu beurteilen sind. Ob ein so sehr großer Unter¬ 
schied gegen deutsches Wohnen gerechtfertigt ist, lasse ich aber dahingestellt. 
In Amerika geht man noch weiter. Ich habe, abgesehen von den 45 stockigen 
Geschäftshäusern, von 21 Wohngeschossen übereinander gelesen. Gesehen 
habe ich das nicht, ich würde sonst mit größerer Sicherheit über diese 
Entwickelung urteilen körihen. Ich denke mir aber, daß sich das ertragen 
läßt, solange die Wolkenkratzer nur vereinzelt emporsteigen, daß aber die 
Straßen zu Kellerschlitzen und die Höfe zu Schornsteinen werden, daß ferner 
die unteren 15 Geschosse auch bei Tage der künstlichen Beleuchtung be¬ 
dürfen, wenn dies Bausystem verallgemeinert wird. Sollte ich mein Urteil 
nach einem demnächstigen Besuche in Amerika ändern, so werde ich nicht 
unterlassen, mich zu berichtigen. 

„In unseren Leitsätzen finden Sie schließlich bei der Abstufung nach 
Ortsteilen erwähnt, daß gewerbliche Betriebe, welche durch Lärm, Staub, 
Rauch oder Ausdünstungen gesundheitsschädigend oder belästigend wirken, 
von den Wohnstätten tunlichst fern gehalten werden sollen. Das heißt, es 
sollen diese lästigen Betriebe in reinen Wohnvierteln untersagt werden. 
Daraus folgt aber ihre Sammlung und Begünstigung in anderen Ortsteilen, 
somit die Einteilung der Stadt in Wohnviertel, gemischte Viertel und Fabrik¬ 
viertel. Ist diese Teilung grundsätzlich wohl überall als zweckmäßig an¬ 
erkannt, so müssen wir doch, um nicht als einseitige Hygieniker zu er¬ 
scheinen, entschieden betonen, daß die polizeiliche Negative nicht genügt, 
daß vielmehr im wohlverstandenen wirtschaftlichen Interesse der Gesamt- 
bevölkerung kommunale positive Maßregeln hinzutreten müssen. Die Fabrik¬ 
viertel müssen nicht bloß im sogenannten Bauzonenplan mit einer rußigen 
Farbe bezeichnet, sondern es muß zugleich für die einladenden Vorbedingungen 
des Gewerbebetriebes, besonders des Großgewerbebetriebes, auf den rußigen 
Flächen gesorgt werden, namentlich durch Verkehrseinrichtungen: Straßen, 
Wasserwege, Eisenbahnanschlüsse, Industriebahnen, durch öffentliche Ent¬ 
wässerungsanlagen, durch den Bau von Arbeiterwohnungen in der Nähe. 

„Die Abstufung der Bauvorschriften nach Gebäudegattungen 
entspricht der Absicht, die Entstehung des Eigenhauses und des kleineren 
Miethauses, wie wir es aus gesundheitlichen und sozialen Gründen anstreben, 
zu begünstigen, das Eigenhaus, wo es besteht, zu schützen, dem kleineren 
Hause den Wettbewerb mit dem großen Massenhause zu erleichtern. Dabei 
kann es sich selbstredend nur um solche Verschiedenheiten in den Bau¬ 
bestimmungen handeln, die in dem Unterschiede der Baulichkeiten begründet 
sind. Treppen, Flure, Mauerstärken können beim kleinen Hause in den 
Abmessungen sparsamer gehalten werden. Aber wir haben es hier nur mit 
gesundheitlichen Vorschriften zu tun. Nun wird man nicht etwa sagen 
wollen: das kleine Haus soll an die Luftversorgung, den Lichteinfall, an 
Zwischenböden, Gasleitungen, Entwässerungsanlagen, Aborte, Brunnen u.s.w. 
geringere hygienische Ansprüche machen als das große. Wohl aber wird 
man z. B. in bezug auf Stockwerkshöhen und auf die zulässige Zahl der 
Wohngeschosse dem Eigenhause und dem kleineren Miethause entgegen- 
kommen dürfen. 

„Man kann, um die Errichtung von Einfamilienhäusern und kleineren 
Miethäusern für Mittelwohnungen und Arbeiterwohnungen zu begünstigen, 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 187 

die Lichthöhen in den oberen Geschossen etwas ermäßigen, z. B. von 
dem üblichen Maß von 3 m znrückgehen auf 2*85 m oder 2*75 m. Das recht¬ 
fertigt sich durch die geringere Dichtigkeit der Bewohnung sowie durch den 
verbesserten Luftwechsel und den günstigeren Lichteinfall, vorausgesetzt, 
daß für die letzteren Vorzüge wirklich gesorgt ist. 

„Man kann auch in dem Einfamilienhause und kleineren Miethause 
ein Wohngeschoß mehr zulassen, als in dem betreffenden Ortsteil für größere 
Miethäuser gestattet ist. Das klingt paradox, ist aber doch zutreffend. 
So ist z. B. in Hannover und Posen in der zweigeschossigen Bauklasse ein 
drittes Wohngeschoß unter dem Namen Wirtschaftsgeschoß zugelassen, sobald 
es sich offenkundig um die Errichtung eines Einfamilienhauses handelt. 
Denn in der Tat verdient das dreigeschossige Einfamilienhaus bei guter 
Luft- und Lichtversorgung gesundheitlich wie sozial den Vorzug vor dem 
zweigeschossigen Hause, welches in mehrere, vielleicht zahlreiche Wohnungen 
geteilt ist. Ebenso dürfte der Vergleich eines viergeschossigen Hauses, 
welches in jedem Stockwerke zwei abgeschlossene Arbeiterwohnungen enthält, 
mit einem dreigeschossigen Gebäude, das etwa in 24 Kleinwohnungen zerteilt 
ist, in der Regel zugunsten des ersteren ausfallen. 

„Sie bemerken, daß die Abstufung gewisser Bauvorschriften nach 
Gebäudegattungen nicht die allgemeine Bedeutung besitzt wie die Staffelung 
der Baudichtigkeit nach Ortsteilen. Sie enthält aber einen fruchtbaren, 
entwickelungsfähigen sozialen Kern und durfte in diesem Zusammenhänge 
nicht übergangen werden, weil sie an manchen Orten, namentlich im Westen, 
als ein willkommenes und gesundheitlich zulässiges Mittel zur Förderung 
des Kleinwohnungsbaues sich erwiesen hat. 

„Daß nach Raumgattungen die gesundheitlichen Ansprüche 
verschieden sind, ist allgemein anerkannt. Man unterscheidet Räume 
zum dauernden Aufenthalt von Menschen und solche Räume, die nur 
zum vorübergehenden Aufenthalt bestimmt sind. Zu ersteren rechnet man 
Wohn-, Schlaf-, Arbeite- und Geschäftsräume, also auch Kochküchen, Werk¬ 
stätten, Verkaufsläden und Wirtszimmer. In die Gruppe der vorübergehend 
benutzten Räume fallen dagegen Waschküchen, Badezimmer, Speisekammern 
und sonstige Vorratsräume, Aborte, Treppenhäuser und Flure. 

„Die mehrfach besprochene Abstandsregel zugunsten des Lichteinfalls 
bezieht sich nur auf die zur Erhellung der dauernd zu benutzenden Räume 
nötigen Fenster. Es würde die Grundrißbildung namentlich ausgedehnter 
Gebäude in unzulässiger Weise hemmen, wollte man den gleichen Licht- 
einfallswinkel auch für die Fenster derjenigen Räume verlangen, die nur 
zum vorübergehenden Aufenthalt von Menschen bestimmt sind. Oberlicht 
von angemessener Größe und das Tageslicht aus kleineren Höfen wird hier 
als ausreichend zu betrachten sein. Einer gewissen Mindestvorschrift sollten 
aber auch diese Hilfshöfe, zumeist Lichtböfe genannt, genügen. Vielleicht 
ist als zulässiges Mindestmaß der Breite 2*5 m, des Flächeninhalts also 
6*25 qm anzusehen, wenn nicht die Höhe der Umfassungen des Lichthofes 
über 10 m hinausgeht. Schreibt man ein Viertel der Mehrhöhe als Breiten¬ 
vergrößerung vor, verlangt also beispielsweise für 16 m Höhe eine Hofbreite 
von 4m, so erhält man für die in Rede stehenden untergeordneten Räume 
eine Abstandsregel 1:4, d.h. einen kleinsten Lichteinfallwinkel von 14 Grad. 


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188 XXV11I. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Außer dem Winkel des Lichteinfalls ist aber der Öffnungswinkel, clh. 
die Höhe und Breite der lichtdurchlassenden Fläche von Bedeutung. Man 
will eben nicht bloß direkte Strahlen des Himmelslichts an der Fensterwand, 
sondern auch möglichst tief in den Raum hinein. Die unteren Geschosse 
sind in dieser Beziehung schlechter daran als die oberen; für erstere 
sind darum Vorschriften am nötigsten. Für alle dauernd benutzten Räume 
pflegt man die geforderte Flächengröße der Fenster in Beziehung zu setzen 
zur Fußbodenfläche oder, was noch zutreffender ist, zum Rauminhalt. Das 
Verhältnis von 1 qm Fensterfläche zu 8 qm Fußboden oder zu 25 cbm Raum 
ist -meines Wissens allgemein als gut anerkannt. Die theoretische Be¬ 
gründung würde hier zu weit führen. Bei bescheideneren Ansprüchen ist 
man sogar auf das Verhältnis 1:12 bzw. 1:40 hinabgegangen. 

„Von Räumen zum vorübergehenden Aufenthalt sind es nur die Aborte, 
die sich in den Bauordnungen einer Fürsorge für die Fenstergröße erfreuen; 
und zwar mit Recht, da die ausreichende Erhellung des Aborts die Vor¬ 
bedingung seiner Reinhaltung ist. Man pflegt das Verhältnis 1 qm Fenster 
zu 8 qm Fußboden, außerdem aber die unbedingte Lage des Abortraumes 
an einer Außenwand oder einem genügend großen Lichthofe vorzuschreiben, 
die mittelbare Erhellung eines Aborts vom Treppenraum oder Flur also zu 
untersagen. 

„Eine ganz schwierige Frage ist die, ob in der Bauordnung auch ein 
Mindestraumgehalt einer Familienwohnung vorgeschrieben werden soll. Im 
Wege des Privatvertrages mit Ankäufern oder Erbpächtern stößt ein dies¬ 
bezüglicher Vorbehalt auf keine Schwierigkeiten. Auch pflegt man in 
Wohnungspolizei Verordnungen einen gewissen Mindestraum für jeden 
Schläfer zu fordern, meistens 10 cbm für den Erwachsenen, 5 cbm für Rinder. 
Aber die Übertragung des letztgedachten Maßes in die Bauordnung führt 
zu so kleinen Raumgrenzen, daß praktisch damit nichts gewonnen ist. Man 
müßte schon wenigstens 50 oder 60 cbm als kleinsten Inhalt einer Familien¬ 
wohnung für mehr als zwei Personen feststellen, um einen geringen Einfluß 
auf die Abteilung der Kleinwohnungen auszuüben: aber auch das bedeutet 
nur, daß eine Familienwohnung mindestens aus einem mittelgroßen oder aus 
zwei sehr kleinen Räumen bestehen muß. Immerhin mag das empfehlens¬ 
wert sein gegenüber der Tatsache, daß die Wohnungsenquete in fast allen 
Städten, wo man überhaupt ernsthaft an die Untersuchung herangetreten 
ist, beängstigend kleine Rauminhalte ergeben hat. In München maß z. B. 
die ermittelte kleinste Wohnung nur 8‘9 cbm 1 ). Bodenkammern für Dienst¬ 
boten gingen dort sogar zurück bis auf 6*9 cbm Inhalt. Es ist gewiß nicht 
zu viel, wenn man in der Bauordnung fordert, daß den Schlafräumen für 
Dienstboten (die sich im Bauplan als Mädchenkammern kenntlich zu machen 
pflegen) ein Rauminhalt von wenigstens 15 cbm für die Person gegeben werde. 

„Aber nicht bloß der Lichteinfall und der Rauminhalt, auch die Lage 
ist für die gesundheitliche Beurteilung einer Wohnung von Einfluß. Sonnige 
Lage oder Nordlage, Dachgeschoß und Kellergeschoß kommen in Frage. 
Dachräume für den dauernden Aufenthalt von Menschen sind 
durch geeignete Bauart gegen die Einwirkungen von Hitze und Kälte und 


l ) Zeitschrift für Wohnungswesen in Bayern, Jahrgang I, Seite 41. 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 189 

gegen rasche Temperaturwechsel zu schützen; das bezieht sich namentlich 
auf den Fall, daß diese Räume zu ganzen Familien Wohnungen dienen. Mit 
der lichten Höhe kann wegen der besseren Luft- und Lichtversorgung wohl 
unbedenklich auf 2*6 oder 2*5 m zurückgegangen werden; aber Dachräume 
für den dauernden Aufenthalt über dem Kehlgebälk, also zwei bewohnbare 
Dachgeschosse übereinander, sollte man niemals zulassen. 

„Eine besonders sorgfältige Behandlung erheischt schließlich das 
Kellergeschoß, insoweit es Räume zum dauernden Aufenthalt enthalten 
soll. Einzelne Räume dieser Art wird man bei vollständigem Schutz gegen 
Feuchtigkeit, guter Lüftung, hinreichendem Lichteinfall und mäßiger Tief läge 
des Fußbodens zwar dort zulassen können, wo diese Benutzung des Keller¬ 
geschosses bisher üblich ist, obschon es sich wegen der beeinträchtigten 
Wärmezufuhr und der im Vergleich mit den oberen Geschossen stets minder¬ 
wertigen Lioht- und Luftversorgung keinesfalls um eine hygienisch er¬ 
wünschte Einrichtung handelt. Sie einzuführen, wo sie noch nicht besteht, 
wird keinem Hygieniker einfallen. Auch wird es statthaft sein, in großen 
öffentlichen und Privatgebäuden, wenn man auf besonders gute Ausführung 
rechnen darf, eine verhältnismäßig luftige und helle Hausmeisterwohnung 
oder Pförtnerwohnung im Kellergeschoß zuzulassen. Ja, man kann, genötigt 
von ererbten örtlichen Gepflogenheiten, mit denen wirtschaftliche Existenzen 
verknüpft sind, in alten Stadtteilen unter Umständen vielleicht auch einen 
Schritt weitergeben. So habe ich beisqielsweise in Posen selbst vorschlagen 
müssen, bei Neubauten im alten Stadtkern zu gestatten, daß auch in Zu¬ 
kunft eine, höchstens zwei, an der Straße liegende Kellerwohnungen in 
einem Hause eingerichtet werden; dabei ist vornehmlich an die üblichen 
Läden für Gemüse und andere Lebensmittel gedacht. Aber folgende Ge¬ 
sichtspunkte sind auf alle Fälle zu beobachten: jede solche, ausnahmsweise 
zugelassene Kellerwohnung muß durchlüftet werden können; keine derartige 
Wohnung darf ausschließlich nach Norden liegen; und endlich in neuen Stadt¬ 
teilen ist die Einrichtung von ganzen Kellerwohnungen unbedingt zu ver¬ 
bieten. Hier ist nirgendwo ein berechtigtes wirtschaftliches Interesse vor¬ 
handen, dem zuliebe es zu verantworten wäre, einen Teil der Bevölkerung in 
Wohnungen zu treiben, welche grundsätzlich in gesundheitlicher Beziehung 
minderwertig sind. 

„Meine Herren! Auf der hiesigen Städteausstellung spielt auch das 
Baupolizeiwesen als Ausstellungsgegenstand eine Rolle, freilich eine recht 
bescheidene Rolle. Unter 128 an der Ausstellung beteiligten Städten habe 
ich 20 gezählt, die ihre „Bauzonenpläne u , richtiger gesagt: ihre Ortspläne 
über die Verteilung der Bauklassen ausgestellt haben. Mein Herr Vorredner 
hat in diesem Saale eine weitere Sammlung von Bauzonenplänen ausgehängt 1 ). 
Auch sind auf der Ausstellung manche gedruckte Bauordnungen ausgelegt; 
die kann man aber nicht im Vorübergehen studieren. Eine wirkliche Ver¬ 
anschaulichung von Bauvorschriften bieten nur die sechs Städte Breslau, 

l ) Mehrere dieser Bauzonenpläne sind in den hierzu gehörigen Abbildungen 
wiedergegeben. Die Bauzonenpläne von Altona, Bochum, Frankfurt a. M., Han¬ 
nover, Köln, Wiesbaden und Wien finden sich im Heft I, Jahrg. 1896 dieser Zeit¬ 
schrift. D. Red. 


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190 XXVIII. Versammlung d. I). Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Dortmund, Dresden, Hannover, Mannheim und Wiesbaden. Wirksam sind 
besonders die zeichnerische Verdeutlichung gewisser Hauptvorschriften von 
Dresden, Hannover und Wiesbaden und die Modelle von Mannheim. Diese 
Modelle reden deutlicher und eindringlicher über die Bedeutung der Luffc- 
und Lichtversorgung der Wohnungen als ein ganzes Buch; man darf die 
Stadt Mannheim, so scheint mir, beglückwünschen, daß sie die Bauordnung 
von 1892 durch eine neue ersetzt hat. Auch darf man das Königreich 
Sachsen beglückwünschen zu seinem neuen Baugesetz, dessen Anwendung 
in den Städten des Landes manchen Widerstand, aber schließlich doch weit 
mehr Anerkennung gefunden hat und überall Segen stiftet. Im übrigen 
werde ich mich hüten, hier in eine Kritik der Bauordnungen der ausstellenden 
Städte einzutreten; das wäre einerseits eine ungerechte Bevorzugung der 
großen Mehrzahl der Städte, die sich einer baupolizeilichen. Ausstellung 
enthalten haben, und andererseits würden die Dresdener oder Münchener 
mich hier schön zerzausen, wollte ich ihre Bauordnungsvorschriften schal¬ 
meistern. Zur sachgemäßen Beurteilung einer Staffelbau Ordnung gehört 
zudem viel mehr als guter Wille; dazu bedarf es einer so eingehenden Orts- 
kentnis der betreffenden Städte, wie sie dem Fremden nicht zu Gebote steht. 
München besitzt z. B. neun Baustaffeln und daneben noch gewisse Sonder- 
Vorschriften; in Hamburg, Stuttgart, Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen 
pflegt die Abstufung der Bauvorschriften gleichzeitig mit der Feststellung 
von Teilen des Bebauungsplanes vorgenommen zu werden. Das alles mit 
Verständnis zu überschauen, ist dem Auswärtigen nicht möglich; selbst die 
einheimischen Architekten und Bauunternehmer klagen mitunter über die 
Vielheit der Bestimmungen. Ob und wo eine Vereinfachung tunlich und 
empfehlenswert ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erkennt man 
welche verantwortliche und schwierige Aufgabe es ist, für eine größere Stadt 
eine Staffelbauordnung aufzustellen. In Sachsen, Württemberg und anderen 
Ländern geschieht das durch Ortsstatuten oder Ortsgesetze, die von Ge¬ 
meindeverwaltung und Gemeindevertretung beraten und staatlich geprüft 
und genehmigt werden. In Preußen kann es die Ortspolizeibehörde, d. h. 
der Bürgermeister oder Polizeiverwalter, für sich allein; er muß nur, wenn 
er nicht auch selbst Gemeindevorstand ist, diesen anhören. Das ist viel 
einfacher; ich wage aber nicht zu entscheiden, ob es besser ist. Auch die 
Handhabung der Bauordnung ist an vielen Orten rein persönlich, rein 
bureaukratisch. Das ist zu bedauern, namentlich wenn es mitunter za 
Wortklaubereien führt, anstatt das Wesen der Sache im Auge zu behalten. 
Zweckmäßig scheint mir überall die Einsetzung mitberatender Baupolizei¬ 
kommissionen zu sein, in welchen bei grundsätzlichen Fragen einerseits 
Ärzte, andererseits Bautecbniker und Gewerbesachverständige, wie schon mein 
Herr Vorredner ausgefübrt hat, sich nützlich erweisen können. 

„In Summa, und damit schließe ich, handelt es sich um ein Gebiet, 
dessen Bedeutung weit hinausgewachsen ist über die einfacher Polizei¬ 
maßregeln. Es handelt sich um eine positive Beeinflussung des ganzen 
Wohnwesens und der gesundheitlichen Verhältnisse der Bevölkerung; nicht 
bloß um gelegentliche polizeiliche Beaufsichtigung und Zurückweisung, 
sondern um eine weitgreifende soziale Betätigung zum Heile von Staat und 
Gemeinde. Vieles ist in diesem Sinne geschehen, vieles bleibt noch zu tun! u 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 191 

Hierauf eröffnete der Vorsitzende die Diskussion. 

Oberbaurat Professor Baumeister (Karlsruhe) erklärt sich durch¬ 
weg mit den Ausführungen der Referenten einyerstanden, möchte aber noch 
auf einige ethische Gesichtspunkte der Bauordnung eingehen. 

In den Leitsätzen seien die baupolizeilichen Vorschriften nach drei 
Gesichtspunkten abgestuft, nach Ortsteilen, nach Gebäudegattungen und 
nach Raumgattungen. Glücklicherweise sei ein vierter Gesichtspunkt, der 
in den bestehenden Bauordnungen ab und zu noch seine Rolle spiele, aus¬ 
geschaltet, das sei der Wohlstand der Bewohner, der in einzelnen Bau- 
ordnnngen seinen Ausdruck in mancherlei Ausnahmebestimmungen zu¬ 
gunsten von Wohnungen der ärmeren Klassen, von Arbeiterwohnungen, 
finde. Er freue sich, daß dies in den Leitsätzen nicht geschehen sei, denn 
die Bauordnung vertrage derartige Unterschiede aus moralischen Gründen 
nicht. Schon bei der Feuersicherheit müsse man nicht nach dem Range 
der Bewohner urteilen, Leben und Eigentum gegen Feuergefahr zu schützen, 
sei jedermann gleich wichtig, es dürfe hier nur auf die Gefährlichkeit einer¬ 
seits und auf die Rettungsmöglichkeit andererseits Rücksicht genommen wer¬ 
den, und dies sei wesentlich durch die Anzahl der Bewohner in einem Stock¬ 
werk, bzw. im Hause charakterisiert. Wenn man in bezug auf Feuersicher 
heit einen Unterschied machen wollte zwischen Wohlhabenden und Armen, so 
müßte man für die letzteren einen erhöhten Grad von Sicherheit verlangen, 
weil im allgemeinen diese ärmeren, weniger sorgfältig erzogenen Leute auch 
weniger sorgfältig mit Feuer umzugehen pflegen, und weil in ihren ge¬ 
drängten Wohnungen die Rettung um so schwieriger werde. 

Ähnlich verhalte es sich mit der Festigkeit. Wenn man die Festig¬ 
keitsregeln, also in erster Linie die Mauerdicke, genau vorschreiben wolle, 
so werde diese verschieden zu wählen sein für ein Gebäude mit vielen 
kleinen Räumen (infolge der vielen Verspannungswände und Gebälke) und 
für Häuser mit wenigen großen Räumen. Von zwei Gebäudevolumina, die 
in ihren Gesamtdimensionen übereinstimmen, verlange ein Haus mit wenigen 
großen Räumen mehr Mauerdicke als ein Haus, das in viele Stockwerke 
mit lauter kleinen Räumen eingeteilt Bei. Über diese Verschiedenheiten 
habe man sich oft hinweggesetzt durch Einführung gleicher Regeln für 
Mauerdicken im allgemeinen, eine Bequemlichkeit zugunsten der Bauenden 
und der den Bau Prüfenden. Aber streng genommen müsse hier ein Unter¬ 
schied gemacht werden, und dieser falle dann zugunsten der Kleinwoh¬ 
nungen aus. Wenn man sich mit einfachen Regeln für alle Gebäude über¬ 
einstimmend begnügen wolle, so komme dabei die Kleinwohnung schlecht 
weg, und dadurch seien die Ausnahmen, die vielfach zugunsteu von Klein¬ 
wohnungen aufgestellt worden seien, verursacht worden. Wenn man aber 
das genau durchdenke, dann seien Ausnahmen, bei denen die Armut der 
Bewohner eine Rolle spiele, nicht erforderlich. 

So sei es auch mit der Gesundheit. Vergleiche man zwei Gebäude 
von gleichem Gesamtvolumen, das eine bestimmt für arme Leute, das andere 
für Reiche, so sei es doch gewiß unrichtig, wie auch vorgeschlagen worden 
sei, den ersteren weniger Luft und Licht und Besonnung zu geben. Man 
solle nicht Wohnungen zweiter Klasse für die armen Leute bilden, sondern 


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192 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 


die gesamte Bevölkerung solle das gleiche Maß von Luft, Licht und Be¬ 
sonnung genießen. Es sei auch schwer, diesen verschiedenen Bedürfnissen 
für Reiche und Arme in einem Stadtbauplane zu genügen. Man könne 
doch unmöglich hier Bezirke für reiche und dort für arme Leute statuieren. 
Es sei ja richtig, daß der Arme weniger Ansprüche zu machen pflege, weil 
er an weniger Licht und Luft in seiner Wohnung gewohnt sei. Aber er 
halte es für eine soziale Aufgabe der heutigen Zeit, ihn zu erziehen zu 
größeren Ansprüchen an Luft und Licht, und jedenfalls ihm baulich die¬ 
selben Ansprüche zu gestatten und zu gewähren wie dem Reichen. 

Er freue sich deshalb, daß in den Leitsätzen ein Unterschied für Klein¬ 
wohnungen und Großwohnungen in bezug auf Licht und Luft nicht gemacht 
sei. Die Absicht eines solchen Unterschiedes liege gewöhnlich darin, daß man 
den kleinen Leuten billigere Wohnungen verschaffen wolle, und man glaube, 
wenn man sie zusammendränge, wenn man hohe Gebäude, geringe Lüftung, 
schlechten Lichteinfall zulasse, so würden dadurch die Kosten und somit auch 
die Mieten sinken. Erfahrungsgemäß sei dies aber nicht der Fall. Die 
Mieten seien nicht kleiner bei Zulassung enger Wohnungen, wie der Ver¬ 
gleich zwischen verschiedenen Städten genugsam lehre, und sie werden 
auch nicht kleiner, wenn durch Änderung der Bauordnung die Baudichte 
in einem Bezirk vermehrt werde. Der Preis der Mieten hänge von vielen 
Faktoren zusammen ab, man könne nicht den einen Faktor, Luft und Lioht, 
dafür allein in Rechnung stellen. Der Mietpreis hänge ab von den Bau¬ 
kosten im engeren Sinn, von den Bodenpreisen, von den Straßenbeiträgen, 
und was speziell die Bodenpreise betreffe, so seien diese wieder abhängig 
außer von der Baudichtigkeit, wie der Herr Korreferent mit Recht hervor¬ 
gehoben habe, auch von der Lage, von dem Verhältnis zwischen Angebot 
und Nachfrage, von allerlei örtlichen Verhältnissen. 

Auf die Abhängigkeit des Mietpreises von der Bau dich tigkeit könne 
er hier nicht näher eingehen, aber es sei zu wünschen, daß diese ziffern¬ 
mäßig festgelegt werde. Dann komme wenigstens der Techniker zu einem 
greifbaren, verwendbaren Ergebnis. Er habe das mehrfach versucht und 
sei dabei zu der Überzeugung gekommen, daß in der Tat die Wohnungs¬ 
frage zwar nicht ausschließlich, aber doch in erster Linie eine Bodenfrage sei. 

Sehr wünschenswert aber wäre es weiterhin, den Zusammenhang zwi¬ 
schen Baudichtigkeit und Gesundheit exakt darzustellen, und zwar nicht 
bloß mit allgemeinen Betrachtungen, wie sie der Arzt nach seinen Erfah¬ 
rungen ausspreche, sondern wirklich in großem Maßstabe, womöglich mit 
Hilfe der Statistik. Dann erst werde man in der Lage sein, die Vorschriften 
der Bauordnung mit Rücksicht auf die Gesundheit zu begründen, was jetzt 
noch sehr wenig der Fall sei. Über den Einfluß der Höhenlage einer Woh¬ 
nung im Hause, der Höhe der einzelnen Stockwerke, der Bau dich tigkeit, der 
Größe der Höfe, des Licbteinfalls u. dgl. auf die Gesundheit der Bewohner, 
dafür fehle es noch an ausreichendem ziffernmäßigen Material trotz mancher 
dahingehender Einzelarbeiten. Es sei ja sehr schwer, z. B. den Zusammen¬ 
hang von Baudichtigkeit und Gesundheit reinlich herauszubringen, weil eine 
Menge anderer Faktoren ebenfalls auf die Gesundheit der Bewohner ein¬ 
wirke: die soziale Lage, Beruf, Ernährung u. a. Aber daß es möglich sei, 
habe beispielsweise die sehr sorgfältige Untersuchung von Reineke in 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 193 

Hamburg aus dem Cholerajahre bewiesen, wo der Einfluß der Baudichtigkeit 
auf die Cholerasterblichkeit zahlenmäßig und in bildlichen Darstellungen 
vortrefflich vorgeführt worden sei. Dieses Gebiet zu erweitern, halte er für 
eine lohnende Aufgabe der Hygieniker und Statistiker. 

Nun komme er zu dem Verlangen von These 3, daß auf den zur Be¬ 
bauung bestimmten Gebieten gewisse Bedingungen für geeignete Entwässe¬ 
rung und gegen Überschwemmungen erfüllt sein sollen, und diese Forde¬ 
rung habe der Herr Referent in seinem Vortrage noch schärfer als in den 
Leitsätzen betont, während in den Leitsätzen, namentlich unter a und c, eine 
gewisse Latitüde zugelassen sei. Das letztere scheine auch durchaus richtig. 
Man könne das sogenannte „wilde“ Bauen nicht ganz entbehren, sonst würde 
die Erweiterungsfähigkeit einer Großstadt, namentlich in einer industriellen 
Stadt, ganz ungebührlich unterbunden werden. Man müsse die Bebauungs- 
fahigkeit auch ohne regelrechte Entwässerung zulassen, sofern provisorische 
Maßregeln von genügender Sicherheit für die Entwässerung der Baulich¬ 
keiten dargeboten werden. Das sei namentlich bei industriellen Baulich¬ 
keiten möglich, bei Wohnungen allerdings etwas schwieriger, und hier wäre 
eine Beschränkung der Wohnungsfähigkeit unent wässert er Gelände, etwa 
auf Wohnungen von ländlichem Charakter oder auf Wohnungen, die reihen¬ 
weise für Arbeiter hergestellt wären, wohl zulässig. In einigen neueren 
Bauordnungen seien solche Ausnahmebestimmungen getroffen, welche einen 
Übergangszustand bis dahin statuieren, daß eine regelmäßige Entwässerung 
durch allmähliche Ausbauung der Kanalisation möglich werde; das scheine 
ihm durchaus wünschenswert. 

Ähnlich verhalte es sich auch bei Überschwemmungsgebieten. 
Wenn man die Bebauung der Überschwemmungsgebiete verhindern wolle, so 
komme man unter Umständen auf gewaltig hohe Kosten der Auffüllung dieses 
Gebietes, und zwar gewöhnlich auf Kosten der Gemeinde. Das sei durchaus 
nicht immer notwendig, man könne solche Überschwemmungsgebiete füglich 
in die Bebauung hineinziehen, in der Voraussetzung, daß eine genügende 
unterirdische Entwässerung gemacht worden sei und im übrigen die Über¬ 
schwemmung selbst durch genügende Deiche verhindert werde. 

Mit Recht habe sich der Herr Referent gegen die bestehenden schlechten 
Zustände gewandt, welche in älteren Stadtteilen vielfach zu Anden seien, 
und habe nachgewiesen, inwiefern die baupolizeilichen Forderungen gegen 
diese bestehenden schlechten Zustände Anwendung Anden dürfen. Aber als 
Korrelat müsse auch durch die Bauordnung ein Schutz gewährt werden zu¬ 
gunsten von bestehenden guten Zuständen, und das scheine in vielen 
Städten sehr wenig der Fall zu sein. Man habe Außenbezirke von länd¬ 
lichem Charakter, sonst gut baufähig, auch gesund hergestellt, und da komme 
einer und baue, wenn die Bauordnung das nicht verhindere, eine Miets¬ 
kaserne hinein und verschände den ganzen Stadtteil, wie solches z. B. in 
den reizvollen Vorstädten Hamburgs mehrfach zu sehen sei. Darauf müsse 
die Bauordnung ihr Augenmerk richten, was auch möglich sei, als ja an 
bestehende Zustände ein ganz anderer Maßstab gelegt werden könne als an 
Zustände, welche erst im Werden begriffen seien. 

Den bestehenden Bauverhältnissen einen Zwang anzulegen, werde den 
vorhandenen Wohnungen nur zugute kommen, allerdings aber die weitere 

VierteljahrsschrJft für Gesundheitspflege, 1904. 13 


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194 XXVI11. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Ausschlachtung, die weitere Ausnutzung des Geländes in übertriebener 
Weise verhindern. 

In bezug auf die Abstufung der Bauvorschriften seien in den 
Städteausstel]ungen verschiedene Arten zu sehen. Die allgemeinste, wie sie 
in Frankfurt, Köln, Mannheim bestehe, teile das ganze Bebauungsgebiet in 
große, ausgedehnte Zonen, mehr oder weniger regelmäßig gestaltet, aber im 
allgemeinen in drei, vier, fünf große Flächen. Damit aber sei die individuelle 
Behandlung der einzelnen Blöcke und Straßen nicht erreicht, und wolle man 
diese auch noch berücksichtigen, dann komme man auf das von dem Herrn 
Referenten, geschilderte sächsische Verfahren, wobei man durch sogenannte 
Regulative die einzelnen Bezirke des Erweiterungsgebietes einzeln behandle. 
Dadurch komme man dann vielleicht auf zwanzig, dreißig verschiedene 
Regulative, wie sie hier in Dresden tatsächlich bestehen. 

Ein anderes Verfahren behufs dieser individuellen Behandlung sehe 
man in der Städteausstellung in den außerordentlich interessanten Plänen 
von München dargestellt. Da seien die neuen Bautypen, und zwar mit ver¬ 
schiedenen Farben und Bezeichnungen versehen, nicht bloß bezirksweise, 
sondern auf die einzelnen Straßen, sogar auf die einzelnen Straßenstrecken 
im voraus über das ganze Gebiet verteilt, ein außerordentlich buntes Bild, 
bei dem aber ohne Zweifel die größte Sorgfalt bei der Behandlung der 
einzelnen Strecken Vorgelegen habe. Und nun gebe es auch noch einen 
vierten Weg, den man in Stuttgart einschlage. Man suche dort erst bei 
der Erschließung einer neuen Straße durch Bestimmung über Höhe der 
Häuser, über Stockwerkzahl und Hofgröße u. s. w. das Bausystem festzustellen, 
also nicht etwa im voraus, wie München es weit hinaus getan habe, sondern 
nur immer von Fall zu Fall: sobald eine Straße eröffnet oder verlängert 
werde, komme auch eine neue Bestimmung dazu. 

Welche dieser Methoden nun die zweckmäßigste sei, das könne zum 
Teil von örtlichen Gewohnheiten abhängen; aber doch auch nur zum Teil. 
Um den Einfluß dieser verschiedenartigen Methoden der Abstufung auf das 
Bauwesen zu kennzeichnen, sei es wichtig, zu untersuchen und nachzuweisen, 
welche Vorzüge und welche Nachteile vorhanden seien, sowohl für die All¬ 
gemeinheit wie auch für die Interessen der Baulustigen und der Grund¬ 
eigentümer. 

Zum Schluß wolle er betonen, daß die Leitsätze keine bestimmte 
Forderungen enthalten, daß sie wohl absichtlich als Ratschläge aufgestellt 
seien, um alle die Gegenstände zu nennen, nach denen von den einzelnen 
Städten ihre Bauordnungen aufzustellen seien. Die Leitsätze seien dehnbar, 
aber um so eher auch anwendbar für sämtliche Städte und auch für das 
ganze Deutsche Reich, und so hoffe er, daß eine Reichsbauordnung auf 
<?rund dieser Ratschläge entstehen möge. 

Bezirksarzt Medizinalrat Dr. Hesse (Dresden) gibt als Arzt und 
Medizinalbeamter der Überzeugung Ausdruck, daß die Leitsätze und die 
Ausführungen der Referenten wohl geeignet seien, allgemein als Grundlage 
für die Ortsbauordnungen zu dienen. Nur zu wenigen Punkten wolle er 
sich einige Bemerkungen erlauben. 

Zunächst sei es in 5a der Leitsätze der Lichteinfallswinkel von 45°, 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 195 

der große Schwierigkeiten biete, den der Herr Korreferent so erklärt habe, 
daß dieser Winkel nicht vom Erdboden aus zu messen sei, sondern von 
dem unteren Rande der Erdgeschoßfenster. In Sachsen werde so verfahren, 
daß man die Haushohe von der Erdoberfläche bis zur Hauptsimskante rechne 
und nun diese Haushohe als Maß für die Straßen breite, bzw. die seitlichen 
Hausabstände annehme. Eine weitere Schwierigkeit ergebe sich, wenn das 
Dach ausgebaut werden solle. Dadurch erhöhe sich das Haus und dem 
Erdgeschoß der gegenüberliegenden Häuser werde natürlich der Winkel von 
45° nicht mehr gewahrt. In solchen Fällen fordere man in Sachsen ent¬ 
sprechend größere Gebäudeabstände. 

Zu 7a der Leitsätze, wo von der Beleuchtung und den Lichthöfen 
die Rede sei, wolle er bemerken, daß doch die Treppen und Flure etwas 
anders dastehen als die anderen mitgenannten Räume: Waschküche, Bade¬ 
zimmer und Aborte. Für letztere könne er dem Text der Leitsätze zu¬ 
stimmen, bezüglich der Treppen und Hausflure aber habe er Bedenken, 
wenn auch in der Praxis es sich oft nicht anders werde machen lassen. 

Dann wolle er auch der Schwierigkeit gedenken, die hinsichtlich der 
kleinen Familienwohnungen vorliege. In Dresden habe man etwas 
andere Bestimmungen. Man rechne für eine kleinste Familienwohnung 
30 qm Bodenfläche, von denen 15 qm auf die Schlafräume fallen müssen, 
ein allerdings sehr geringes Maß, zu dessen Aufstellung aber zwingende 
Umstände wohl Veranlassung gewesen Beien. Ferner dürfte es sich empfehlen, 
bei 7d, Kellerwohnungen, die Beleuchtung nicht zu vergessen; nach 
den Dresdener Bestimmungen müsse, soweit überhaupt Kellerwohnungen 
zugelassen werden, die Summe der lichten Fensteröffnungen den sechsten 
Teil der Fußbodenfläche betragen. Zu 8b empfehle es sich, als Auffüll¬ 
material ein solches zu verlangen, das nicht hygroskopisch sei. 

Zu der Feststellung der Trockenfristen wolle er bemerken, daß es 
vom ärztlichen Standpunkte aus sehr wünschenswert sei, daß durch die 
Bauverständigen festgestellt werde, daß die Wohnungen in der Tat trocken 
seien, bevor sie bezogen werden. Die Einführung gesetzlicher Bestimmungen 
werde ihre großen Schwierigkeiten haben, wenngleich die Ausführung der 
Mort elfe uchtigkeitsbestimmungen, die notwendig sei, eine verhältnismäßig 
leichte Sache sei. 

Bezüglich der Beteiligung der Ärzte, Nr. 12 der Leitsätze, wolle 
er noch bemerken, daß angesichts der Unentbehrlichkeit dieser Forderung 
in seinem Bezirke ziemlich bäuflg solche Besprechungen, wie sie von den 
Referenten vorgeschlagen seien, abgehalten werden, und daß der Erfolg 
dieser Besprechungen ein außerordentlich günstiger sei. Man sei schließlich 
dahin gekommen, daß es ziemlich gleichgültig sei, ob der Verwaltungsbeamte 
oder der Bausachverständige oder der Medizinalbeamte ein Gutachten abgebe, 
sie seien alle so durchdrungen von gleichmäßigen Anschauungen, daß sie im 
großen und ganzen in hygienischer Hinsicht ein und derselben Meinung seien. 

Baupolizeidirektor Olshausen (Hamburg) bestätigt die Äußerung 
des Herrn Referenten, daß Hamburg die einzige Stadt sei, in welcher das 
Genehmigungsverfahren nicht eingefübrt sei, aber tatsächlich komme 
das Hamburger Verfahren ganz auf dasselbe hinaus wie das Genehmigungs- 

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196 XXYI1I. Versammlung d. D. Vereins f. offentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

verfahren. Die Bauordnung enthalte die Bestimmung, daß auf eine Bau¬ 
anzeige innerhalb 14 Tagen Bescheid erteilt werden müsse. Werde kein 
Bescheid erteilt, durch welchen der Beginn des Baues untersagt werde, so 
könne der Mann mit dem Bau beginnen. Untersagt könne der Baubeginn 
werden, wenn die Vorlagen nicht vollständig seien, oder wenn sie erkennen 
ließen, daß die gesetzlichen Bedingungen nicht befolgt seien. Das komme 
also auf dasselbe hinaus, die Untersagung habe absolut dieselbe Wirkung, 
daß gesundheitsschädliche Zustände nicht entstehen können dadurch, daß 
ein ungesetzlicher Bau begonnen werde. 

Zu der Beaufsichtigung der Bauausführung, die er ebenfalls 
für unbedingt notwendig halte, müsse er aber doch der Mitteilung des Herrn 
Referenten gegenüber, daß z. B. in Hannover der Bau alle zwei Tage, in 
München alle vier Tage revidiert werde, nach seiner fast 30jährigen Er¬ 
fahrung erklären, daß das einfach unmöglich sei. Die Bauarbeit sei eine 
Saisonarbeit, es gebe eine Zeit großer Bautätigkeit und eine Zeit kleiner 
Bautätigkeit; dazu komme noch der 1. April und der 1. Oktober, die Termine, 
die im Bürgerlichen Gesetzbuche für den Wohnungswechsel vorgeschrieben 
seien, und jeder Bauherr strebe danach, zu diesen Terminen seine Wohnung 
fertigzustellen. Gerade zu diesen Terminen komme aber dann für die Bau¬ 
polizei eine ganz außerordentlich große Inanspruchnahme, die Beschaffung 
eines genügenden Baupolizeipersonals sei eine schwierige Aufgabe für die 
Stadtverwaltungen. Deshalb sei er der Ansicht, man solle in die Bauord¬ 
nung nichts über die Revisionen hineinschreiben, sondern es der Behörde 
überlassen, wie sie sich einrichten könne. Sie könne niemals in dem Moment, 
wenn eine sehr große Menge von Bauanzeigen komme, eine große Menge 
von Bauten zur Ausführung gelange, plötzlich das nötige Personal beschaffen. 
Sie müsse sich dann eben behelfen, wenn auch einmal einer etwas warten 
müsse; immerhin müsse es natürlich das Bestreben der Baupolizei sein, den 
Bauenden so weit wie möglich gerecht zu werden. 

Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg) wendet sich zunächst 
zu These 3, in welcher von der Zulässigkeit der Bebauung die Rede sei und 
gewisse Vorschriften gegeben werden, die unter allen Umständen zu erfüllen 
seien, so die geeignete Entwässerung durch Kanalisation oder andere 
unbedenkliche Einrichtungen. So sehr er diesem Satz beistimme, so habe 
er doch auch, wie Herr Baumeister, das Gefühl, daß der Herr Referent in 
seinen Ausführungen wesentlich schärfer gewesen sei als der an sich 
unverfängliche Satz in These 3. Der Herr Referent habe verlangt, daß 
überall da, wo ein ordnungsmäßiges Entwässerungssystem vorhanden sei, 
überhaupt ein Neubau nicht gestattet werde, ohne daß er an dieses Kanali¬ 
sationsnetz angeschlossen werde. Aber wenn dies gewiß auch als Regel 
gelten müsse, gebe es doch in den Verhältnissen einer Großstadt Zustände, 
die unter Umständen eine Abweichung im wohlverstandenen Interesse der 
Stadt nötig machen, und auch mit der Maßgabe, daß dadurch eine Schädi¬ 
gung der hygienischen Interessen nicht herbeigeführt werde. Es sei doch 
eine Tatsache, daß da, wo wirklich die Bebauung bereits in größerem Um¬ 
fange sich entwickelt habe, die Bauterrains meist so teuer seien, daß man 
z. B. Arbeiterwohnungen gar nicht oder nur in sehr beschränktem Umfange 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 197 

herstellen könne. Auf der anderen Seite sei aber das Bedürfnis nach der 
Errichtung solcher Wohnungen ein ganz eklatantes, und die Folge sei dann, 
daß der Arbeiter den inneren Kommunalbezirk der Stadt verlasse und sich 
in irgend einem Vororte ansiedle, der in bezug auf die baulichen Verhält¬ 
nisse der Kontrolle der Großstadt überhaupt nicht mehr unterliege, und wo 
in baupolizeilicher Beziehung Verhältnisse bestehen, die sehr viel schlechter 
seien als in der Stadt. Dann siedle sich der Arbeiter in immer größerer 
Menge dort an, der Vorort wachse, er komme der Stadt immer näher, und 
bald trete dann die Frage der Eingemeindung an die Stadt heran. Dadurch 
erhalte die bis jetzt tadellose Stadt plötzlich einen Stadtteil, der nach dieser 
Richtung sehr vieles zu wünschen übrig lasse. Deshalb sei es das Gebot 
einer gesunden Politik, tunlichst dafür zu sorgen, daß derartige Leute von 
vornherein auf dem engeren Gebiete der eigentlichen Gemeinde angesiedelt 
werden. Dies gehe aber nur dadurch, daß man sie an die Peripherie bringe 
und diejenigen Erleichterungen ihnen zugestehe, die es ihnen möglich machen, 
eine solche Ansiedelung auszuführen. Eine solche Kolonie von Arbeitern 
an der Peripherie habe man neuerdings in Magdeburg gestattet und habe 
ihnen den Anschluß an die Kanalisation einstweilen erlassen mit Rücksicht 
darauf, daß der Kanalbau zwischen der jetzt schon kanalisierten Strecke 
und jenem Terrain so außerordentliche Kosten verursachen würde, daß es 
unmöglich sein würde, sie aufzubringen. In solchen Fällen sei sorgfältig 
zu prüfen, ob demnächst bei der weiteren Entwickelung der Stadt dieser 
Teil in rationeller Weise an die Kanalisation angeschlossen werden könne. 
Mit dieser Maßgabe, glaube er, könne man einstweilen recht wohl erleich¬ 
ternde Bestimmungen zugestehen, und so habe man in Magdeburg wider¬ 
ruflich zugestanden, daß dort vorläufig Gruben, natürlich mit ordnungs¬ 
mäßiger Abfuhr, angelegt werden. Auf diese Weise könne man den wirk¬ 
lichen und berechtigten Bedürfnissen der Stadt gerecht werden, ohne daß 
man die gesundheitlichen und sonstigen kommunalen Interessen irgendwie 
schädige. 

In bezug auf einen weiteren Punkt, inwieweit die vom Standpunkte 
der Öffentlichen Gesundheitspflege aufgestellten Forderungen Anwendung 
finden sollen auf bereits bestehende Gebäude, müsse man, wie er glaube, 
mit großer Vorsicht verfahren. Das städtische Haus sei allerdings ja nicht 
mehr, was es früher gewesen sei, ein erb- und eigentümliches Besitztum der 
Familie, es habe jetzt mehr oder weniger den Charakter einer Ware be* 
kommen, welche frei verkäuflich von einer Hand in die andere gehe. Aber 
in dieser Richtung scheine doch noch ein Unterschied zu bestehen bezüglich 
des alten Zentrums der Städte, da es hier doch noch vielfach vorkomme, 
daß dieselbe Familie seit Jahrhunderten in dem Besitze eines Hauses sei, 
wo das Haus keineswegs den Charakter der Ware habe, und wo die ganze 
wirtschaftliche Existenz des Mannes häufig mit dem Besitz dieses Hauses 
verbunden sei. Da müsse man mit der Aufstellung von Forderungen, die 
für die neuen Stadtteile zweifellos nach jeder Richtung hin berechtigt seien, 
sehr vorsichtig sein, wenn man nicht zugunsten einer wichtigen Rücksicht 
der öffentlichen Gesundheit andere wichtige Rücksichten wirtschaftlicher 
Art, die unter Umständen außerordentlich schwerwiegend seien, einseitig 
begünstigen wolle. Deshalb solle man hier nur das verlangen, was im ge- 


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198 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins £. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

sundheitlichen Interesse unbedingt erforderlich sei. Wirklich sanitär un¬ 
haltbare Zustände dürfe man natürlich nicht dulden, aber mit dieser Maßgabe 
werde man gewiß Übergangsstadien und Übergangszeiten konzedieren 
müssen, die den Leuten Gelegenheit geben, sieb auf die neuen Verhältnisse 
einzurichten, ohne daß sie ihren wirtschaftlichen Ruin zu befürchten haben. 

Ein in der Praxis sehr schwieriger Punkt sei die Trockenfrist. Der 
Herr Referent habe sich darüber gewundert, daß eine Reihe von Städten 
dies gewissermaßen schematisch behandelt habe, indem man eine gewisse 
Zeit als obligatorisch vorgeschrieben habe, vor deren Ablauf die Schlu߬ 
abnahme gegenüber der Rohbauabnahme nicht erfolgen dürfe. Man könne 
in der Festsetzung dieser Frist zu weit gehen, man könne auch zu wenig weit 
gehen, trotzdem glaube er vom Standpunkte des Praktikers dringend emp¬ 
fehlen zu sollen, in die Bauordnung feste Fristen hineinzunehmen, wenn 
man sich nicht den größten Unannehmlichkeiten aussetzen wolle. Er selbst 
sei in der Lage gewesen, Bauordnungen handhaben zu müssen, bei denen 
diese Vorsichtsmaßregel der Frist nicht gewahrt sei, und die Folge sei ge¬ 
wesen, daß, wenn einmal bei besonders günstigen klimatischen Verhältnissen 
oder aus anderen Umständen ein Haus frühzeitig trocken und abnahmefahig 
gewesen und die Abnahme erfolgt sei, dann von anderen Bauunternehmern 
dieser Vorgang benutzt werde, um für sich unberechtigte Vorteile herauszu¬ 
schlagen und die gleich kurze Frist zu verlangen, obwohl die Verhältnisse 
vielleicht ganz anders liegen. Deshalb sei es besser, man setze eine feste 
Frist, die vernünftig und nach Maßgabe der Verhältnisse bemessen werden 
könne, auch verschieden bemessen werden könne je nach der Jahreszeit, in 
der der Rohbau erfolgt sei. Und Dispens von dieser Frist solle man nur 
in wenigen Ausnahmefällen zugestehen, da, wo wirklich Ausnahmezustände 
vorliegen, die eine Berücksichtigung ganz besonders wünschenswert er¬ 
scheinen lassen. Sehr wichtig sei es dabei, daß dieser Dispens nicht von 
der Baubehörde, sondern von einer von dieser unabhängigen Behörde erteilt 
werde, in Preußen also durch den Bezirksausschuß. 

Sehr erfreut sei er durch die Anerkennung, die der Herr Referent der 
kommunalen Baupolizeiverwaltung gespendet habe, die Anerkennung, 
die er dahin ausgesprochen habe, daß seiner Meinung nach die Handhabung 
der Baupolizei durch die Selbstverwaltungskörper die richtige sei, trotz 
mancher Mängel, die ihr anhaften. Dieses Wort aus dem Munde eines 
hohen Staatsbeamten sei sehr wertvoll, und er möchte nur wünschen, daß 
auch in den anderen Bundesstaaten dieses Wort Beherzigung finden möge, 
und daß den Gemeinden dieser wichtige Zweig der Verwaltung auch in 
immer weiterem Umfange übertragen werde, wie es leider in vielen Teilen 
des Reiches bisher noch nicht geschehen sei. 

Die von dem Herrn Korreferenten geäußerte Meinung, es solle den 
Polizei Verwaltungen eine beratende Behörde zur Seite stehen, sei eine 
Sache, die auch sehr vorsichtig angefaßt werden müsse. Denn die Polizei 
lasse sich niemals parlamentarisch betreiben, da sei die persönliche Initiative, 
die persönliche Verantwortung und das Bewußtsein dieser persönlichen Ver¬ 
antwortung von ganz ausschlaggebender Bedeutung. Und dann komme es 
bei der Polizei vor allen Dingen darauf an, nicht nur, daß richtig verfahren 
werde, sondern auch daß rasch verfahren werde. Wenn dann erst ein be- 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 199 

ratender Körper zwischengesetzt werden solle, so könne das Publikum das 
in einem sehr bedenklich verlangsamten Geschäftsgang recht unangenehm 
empfinden. In grundsätzlichen Fragen möge solch eine gutachtliche Kom¬ 
mission unentbehrlich sein, und in diesem Sinne könne es auch in die Bau¬ 
ordnung aufgenommen werden, für die Exekutive aber, för den laufenden 
Dienst müsse es in erster Reihe bei dem bleiben, dafi deijenige, der die 
Verantwortung trage, auch die Macht habe. 

Oberingenleur Yermobren (Hamburg) hat Bedenken dagegen, dafi 
in These 3c als erste Vorbedingung für eine gesunde Bebauung die Ein¬ 
deichung des im Überschwemmungsgebiet belegenen Baugeländes genannt 
sei und erst in zweiter Linie die Aufhöhung desselben auf sturmflutfreie 
Höhe. Wenn er sich dafür aussprechen müsse, dafi die Aufhöhung der 
Strafien und des Baugeländes als erste Forderung aufzustellen sei, so stelle 
er sich dadurch zwar in einen gewissen Widerspruch zu Herrn Bau¬ 
meister, welcher in gewissen Fällen provisorisch eine Eindeichung zu- 
lasßen wolle, finde aber darin eine Beruhigung, dafi sowohl sein Vor¬ 
gänger Andreas Meyer stets die Aufhöhung als erste Forderung hin¬ 
gestellt habe, als auch dafi der Verein früher den Grundsatz aufgestellt habe, 
dafi das Baugelände so hoch liegen müsse, dafi es vor Überschwemmungen 
gesichert sei. 

Zu diesen Ausführungen komme er, weil man gerade jetzt in Hamburg 
ausgedehnte Gebiete neu der Bebauung erschließen wolle. In Hamburg sei 
ein Stadtteil, Hammerbrook, der ursprünglich als Fabrikdistrikt beabsichtigt 
gewesen sei, der aber nachher in der Bebauung eine wesentlich andere 
Eigenschaft angenommen habe und zu einem Wohndistrikt mit hohen Etagen¬ 
häusern geworden sei. Dieser Distrikt liege unter der Sturmfluthöhe der 
Elbe und sei eingedeicht, und wegen der niederen Lage der Siele in ihm 
müsse alle8 Abwasser in ein höheres Sielnetz aufgepumpt werden. Das sei 
natürlich eine mißliche Sache, sie erfordere erhebliche Kosten und bei 
schweren Gewitterregen besondere Vornahmen. Der Hauseigentümer, dessen 
Keller zu tief liege, oder der kein Rückstauventil eingerichtet habe, so dafi 
die tiefliegenden Geschosse von Überschwemmungen zu leiden haben, ver¬ 
mute dann die Ursache in nicht genügender Arbeit der Sielpumpe und 
belästige die Behörde mit nicht gerechtfertigten Beschwerden. Man 
solle deshalb, wo es irgend zu vermeiden sei, ein Baugelände nicht auf 
Pumpen der Sielabwässer einrichten. In einzelnen Teilen einer bebauten 
Stadt werde man sich zuweilen auf solche Weise durch provisorische Ma߬ 
nahmen helfen müssen, neue Stadtteile aber solle man gleich hoch anlegen. 
Die tiefe Lage der Strafien und Häuser habe eine tiefe Lage der Siele im 
Grundwasser zur Folge, wodurch der Bau derselben außerordentlich schwierig 
werde, ja praktisch unausführbar werden könne. Ferner könne man den 
Sielen kein ordentliches Gefälle geben, weil man sonst mit den oberen Siel¬ 
strecken aus der Straße herauskommen würde; man müsse die Siele an¬ 
nähernd horizontal legen, wie es in dem bereits erwähnten Hammerbrook auch 
geschehen sei. Die Folge davon sei gewesen, dafi die ursprünglich horizon¬ 
tal angelegten Siele in dem Marschgrunde teilweise versackt seien und im 
Längsprofil eine Zickzacklinie bilden, in deren Tiefpunkten sich dannSink- 


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200 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Stoffe ablagern, die za Ausdünstungen Veranlassung geben und fortwährend 
bedeutende Reinigungsarbeiten erfordern. 

Bei einer Berechnung und Gegenüberstellung der Kosten des Aufpum- 
pens und der Aufhöhung sei man zu dem überraschenden Resultat gelangt, 
daß unter den in Hamburg vorliegenden Umständen, wo Auf höhungsmaterial 
aus der Baggerei reichlich zur Verfügung stehe, es kaum mehr koste, das 
Gebiet aufzuhöhen, als das Sielwasser überzupumpen, wobei die jährlichen 
Kosten des Überpumpens kapitalisiert seien. Da nun in Hamburg den 
Grundeigentümern für das Überpumpen der Sielwässer keine besondere Ge¬ 
bühr berechnet werde, so könnte also der Staat mit denselben Kosten das 
Gelände auf höhen und den Käufern zur Verfügung stellen, ohne ihnen für 
diese Aufhöhung besondere Auflagen zu machen. 

Er müsse deshalb die Sicherung neuer Baugelände gegen Überschwem¬ 
mungen als absolut notwendig und nicht nur als wünschenswert bezeichnen 
und die Anlage der Straßen und des Baugrundes in hochwasserfreier Höhe 
in erster Linie fordern, und erst, wenn solche durchaus nicht ausführbar 
erscheine, die Eindeichung des Geländes. Eine solche Hervorhebung der 
genügenden Aufhöhung eines Geländes vor der Gestattung seiner Bebauung, 
die der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege auch stetB betont 
habe, würde für den Techniker, der die Bebauungspläne aufzustellen und 
zu vertreten habe, außerordentlich wertvoll sein. 

Sanitätsrat Dr. Altschul (Prag) berichtet, daß man in Böhmen ein 
Baugesetz habe, das für das ganze Land gelte, und daß man dann noch für 
einzelne Städte, so für Prag, lokale Bauordnungen habe. In diesen sei 
allerdings den sanitären Anforderungen noch nicht in der Werne Genüge 
getan, wie es die heutige Hygiene fordere, was sich aber voraussichtlich sehr 
bald ändern werde. 

In Böhmen sei die Baupolizei der Gemeinde übertragen, die Gewerbe¬ 
behörde sei aber die politische Behörde. Bei gewerblichen Anlagen werde 
das sogenannte Ediktalverfahren eingeleitet, d. h. es finde eine Erhebung 
statt, bei welcher sowohl der Arzt (Landesbezirksarzt) als der Staatstech¬ 
niker sein Gutachten abgebe. Die Behörde in erster Instanz, die Bezirks¬ 
hauptmannschaft, bewillige oder verweigere, und dann komme der Rekurs 
an die Statthalterei, die den Landessanitätsrat als Begutachter habe, so daß 
auch hier das ärztliche Gutachten gehört werde. Darüber stehe dann als 
letzte Instanz das Ministerium des Innern, welchem der Obersanitätsrat als 
beratende Instanz zur Seite stehe. Auf diese Weise werde die Anlage von 
Gewerbeunternehmungen nach der baulichen wie nach der sanitären Rich¬ 
tung hin in der entsprechenden Weise geregelt. 

Die Stadt Prag stehe zurzeit mitten in einer Assanierung im großen 
Stile. Ein Stadtteil mit 25000 Bewohnern liege im Überschwemmungsgebiet, 
und hier habe genaue Nachforschung ergeben, daß Wohnungsdichte, die 
Dichtigkeit der Bebauung und die Dichtigkeit der Bewohner mit den Ge¬ 
sundheitsverhältnissen im umgekehrten Verhältnis stehe; in diesem dichtest 
bebauten Stadtteil seien die Infektionskrankheiten, besonders Typhus und 
Blattern, gar nicht auszurotten gewesen. Deshalb sei die Assanierung dieses 
Stadtteils beschlossen worden, ein Teil sei auch bereits ausgeführt. Wie 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 201 

bei der Assanierung von Neapel habe man auch in Prag die Überzeugung 
gewonnen, daß bloß durch Niederlegung des ganzen Stadtteils Wandel ge¬ 
schaffen werden könne, und dies sei auch tatsächlich in Angriff genommen 
worden. 

Die Assanierung in Prag habe etwas gelehrt, was in epidemiologischer 
Beziehung wichtig sei. Im Jahre 1830 sei dieser Stadtteil der gesündeste 
Stadtteil von Prag gewesen; er sei das Ghetto, die Judenstadt, gewesen. 
Jetzt sei er nicht mehr das Ghetto, sondern der Wohnsitz der armen Be¬ 
völkerung, und die Armut sei es in erster Linie, nicht nur die Wohndichtig- 
keit, die diesen Stadtteil zum ungesundesten Teil der Stadt gemacht habe. 

Nun komme er aber noch zu einem wichtigen Punkt: die Assanierung 
vertreibe die arme Bevölkerung aus diesem Teil der Stadt, man habe aber 
keinen Ersatz, um die Leute unterzubringen. Prag habe keine Peripherie, 
die Stadt sei derart gelegen, daß sie ohne natürliche Grenze von Vororten 
umrahmt sei, die ihre eigenen Verwaltungen haben. Es scheine ihm doch 
sehr wichtig zu sein, bei Assanierungsfragen zu entscheiden, wo die aus 
diesem Assanierungsgebiet vertriebene Bevölkerung untergebracht werden 
könne. In Prag seien die armen Leute gezwungen, recht weit hinauszu¬ 
wandern und in noch ungesundere Wohnungen zu kommen, als die sie eben 
verlassen haben. Die Assanierung geschehe eigentlich für die Reichen, es 
werde dort ein Gebiet geschaffen, in welchem Paläste mit sehr hohen Miet¬ 
zinsen sich befinden, und der Arme müsse sehen, wo er bleibe. 

Professor Dr. T. Esmarch (Göttingen) weist darauf hin, daß von den 
beiden Referenten betont worden sei, welches wertvolle Material an Plänen, 
Skizzen und Abbildungen in der Städteausstellung vereinigt sei, die alle zu 
studieren wohl kaum jemand hier in der Lage sein dürfte. Deshalb erlaube 
er sich den Vorschlag, diese Gelegenheit zu benutzen, um das Wichtigste 
von Plänen, Skizzen und Abbildungen, das eben behandelte Thema be¬ 
treffend, das sich zurzeit auf der Städteausstellung vereinigt befinde, dem 
Bericht über die Versammlung beizufügen. Auf diese Weise werde der Be¬ 
richt an Wert gewinnen und eine dauernde Erinnerung an die Ausstellung 
geben, die zweifellos allseitig gewürdigt und geschätzt werde J )* 

Professor Nussbaum (Hannover) findet sich in den meisten Punkten 
in Übereinstimmung mit den Referenten, nur in einem Punkt nicht; es sei 
dies der Widerstreit der Meinungen, ob die geschlossene oder die offene 
Bauweise die gesündeste sei. In dieser Frage seien einige Gesichts¬ 
punkte hier noch nicht erwähnt worden, welche für die Anwendung der ge¬ 
schlossenen Bauweise sprechen. In erster Linie sei das Verkehrsgeräusch 
zu nennen, welches bei der offenen Bauweise ungehindert in das Innere des 
Blocks, in die Höfe und Gärten eintrete, umgekehrt unter Umständen auch 
heraustrete, z. B. beim Teppichklopfen. — Ferner sei nicht berührt, daß ge¬ 
schlossene Bauweise es erst ermögliche, in den Städten die Familienhäuser, 
d. h. die bescheideneren bürgerlichen Familienhäuser zur Durchführung zu 

*) Nach Schluß der Sitzung beschloß der Ausschuß, die Herren Rumpelt und 
Stubben zu ersuchen, unter den im Saale ausgehängten Plänen die geeignet 
erscheinenden auszusuchen und ihren Referaten beizufügen. 


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202 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

bringen, wobei er die Frage nicht entscheiden wolle, ob das geschlossen 
oder das offen gebaute Einfamilienhaus den Vorzug verdiene. Wenn der 
Herr Referent sich Bremen ansehen wolle, werde er wohl auch zu der Über¬ 
zeugung gelangen, daß die geschlossene Bauweise, wenn man gleiche Ge¬ 
bäudehöben und gleiche Gebäudeabstände zugrunde lege, solche Vorteile 
vor der offenen habe, daß eine Bevorzugung der offenen Bauweise aus hygieni¬ 
schen Gründen kaum möglich sein werde. Die offene Bauweise biete aus¬ 
schließlich ästhetische Vorzüge, deshalb solle man sie anwenden, um schöne 
Städte oder schöne Stadtteile schön zu erhalten. Aus volkswirtschaftlichen 
Gründen werde es jedoch erforderlich sein, daß man die offene Bauweise in 
der Regel auf die Gebiete der landhausmäßigen Bebauung beschränke. 

Vermißt habe er ferner in dem Referat die Behandlung der Wärme¬ 
verhältnisse im Hause. Neben Licht und Luft seien gerade die Wärme¬ 
verhältnisse, im Sommer wie im Winter, maßgebend für die Gesundheit der 
Bewohner. Unter Umständen trete Licht und Besonnung in Gegensatz zu 
den Bedingungen der Wärmeverhältnisse, sowohl in der Straße, namentlich 
in Süddeutschland, wo man des Schattens im Sommer für den Verkehr drin¬ 
gend bedürfe, wie in den Wohnungen, wo eine ringsum freie Lage der Außen¬ 
wände im Winter wie im Sommer höchst ungünstig für die Wärmeverhält¬ 
nisse der Räume einwirke. Namentlich für die ärmere Bevölkerung spiele 
dieser Umstand eine große Rolle und müsse berücksichtigt werden, sowohl 
bei der Festsetzung der Freilage der Gebäude, wie bei der Bemessung der 
Fensterflächen. 

Den Darlegungen des Herrn Baumeister über die Stellung der Klein¬ 
wohnungen in der Bauordnung, namentlich der Bemerkung, daß im allge¬ 
meinen eine Trennung in bezug auf gesundheitliche Forderungen nicht statt¬ 
finden dürfe, stimme er bei. Aber ein Hauptgesichtspunkt sei unerwähnt 
geblieben: Man fordere eine Bevorzugung der Kleinwohnungen in der Bau¬ 
ordnung aus volkswirtschaftlichen Gründen, damit Kleinwohnungen in größe¬ 
rer Anzahl entstehen. An ihnen sei allerorts Mangel, und kein Bauunter¬ 
nehmer, kaum ein Großunternehmer sei geneigt, unter den jetzigen Verhält¬ 
nissen Kleinwohnungen zu bauen. Biete man ihm aber wesentliche Ver¬ 
günstigungen, so sei zu hoffen, daß einer solchen Anregung Folge geleistet 
und der Kleinwohnungsmarkt dann ausreichend beschickt werde. Dieser 
Gesichtspunkt sei ein so wichtiger, daß man kleine Nachteile wohl mit in 
den Kauf nehmen könne. 

Ferner handle es sich darum, denjenigen Gesellschaften und Genossen¬ 
schaften zu helfen; sie zu fördern und zu unterstützen, die gemeinnützig 
vorgeben, um die Zahl der gesunden und dennoch preiswerten Kleinwoh¬ 
nungen zu vermehren. Auch nach dieser Richtung dürfe die Bauordnung 
sich denjenigen Gesichtspunkten nicht entziehen, gegen welche Herr Bau¬ 
meister gesprochen habe. 

In bezug auf die Trockenfristen wolle er bemerken, daß der Vor¬ 
schlag, sie aufzugeben, nur bezweckt habe, an die Stelle eines höchst un¬ 
sicheren Verfahrens zur Feststellung der Trockenheit einer Wohnung ein 
sicheres Verfahren treten zu lassen. Die Trockenfrist gebe unter Um¬ 
ständen, wenn die klimatischen Verhältnisse, die Witterungseinflüsse u.s.w. 
günstig seien, allerdings eine gewisse Sicherheit der Austrocknung der Woh- 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 203 

nungen, aber nur in gewissen Fällen; in der Regel fehle jede Sicherheit. 
Deshalb sei er dafür, daß man an Stelle der Trockenfristen eine Unter¬ 
suchung der Wohnung auf den Feuchtigkeitsgehalt der Wände vor dem 
Beziehen anstelle, wodurch allein ein sicheres und exaktes Verfahren durch¬ 
geführt werden könne. Über die Möglichkeit der Durchführung zu ent¬ 
scheiden, sei nicht seine Sache, aber in Hinsicht auf den wissenschaftlichen 
Wert müsse er betonen, daß die Trockenfristen desselben yöllig ermangeln. 

Legationsrat Gerstmeyer (Berlin) will auf Grund seiner Erfah¬ 
rungen als ehemaliger Dezernent der Baupolizeiverwaltung in Breslau sich zu 
der Frage äußern, ob eine kommunale oder staatliche Baupolizei 
vorzuziehen sei. Der Herr Referent habe die Befürchtung geäußert, die 
städtische Baupolizei Verwaltung werde vielleicht geneigt sein, die Baupolizei 
zu lax zu handhaben. Ihm habe es seinerzeit in Breslau obgelegen, die 
staatliche Baupolizei in eine städtische Überzufuhren, und bei dieser Gelegen¬ 
heit sei er gerade zu der entgegengesetzten Ansicht gelangt. Bald nachdem 
die Baupolizei von der Stadt übernommen worden sei, seien in der Stadt¬ 
verordnetenversammlung Klagen laut geworden, daß die Baupolizei zu streng 
gehandhabt werde, und zwar obwohl fast alle Baugesuche in Übereinstim¬ 
mung mit der Baudeputation erledigt worden seien. Er könne versichern, 
daß die Bauhandwerker, die als Mitglieder der Baudeputation bei der Bau¬ 
polizei beteiligt gewesen seien, für die baupolizeilichen Anforderungen stets 
das größte Verständnis und Interesse gezeigt hätten. Als Beispiel dafür 
wolle er nur anführen, daß, als es sich darum gehandelt habe, einen Bau, 
der infolge minderwertiger Ausführung mit dem Einsturz gedroht habe, ab¬ 
brechen zu lassen und an den Unternehmer eine entsprechende polizeiliche 
Forderung zu stellen, die Mitglieder der Baudeputation in Übereinstimmung 
mit den städtischen Baupolizeibeamten dafür gewesen seien, der königliche 
Kreisbauinspektor aber auf privates Ansuchen des betreffenden Bauunter¬ 
nehmers sich habe bereit Anden lassen, ihm zu bescheinigen, daß der Bau 
ohne Gefährdung des öffentlichen Interesses stehen bleiben könne. Die Sache 
habe nachher auch die Regierung und den Herrn Oberpräsidenten beschäftigt, 
und von beiden sei zugunsten der städtischen Baupolizei entschieden wor¬ 
den. Seiner Überzeugung nach sei die Verbindung zwischen Kommunal¬ 
verwaltung und Baupolizei eine außerordentlich glückliche gerade wegen der 
Möglichkeit einer leichten Verständigung zwischen Baupolizei und Kommu¬ 
nalverwaltung. Im übrigen sei er auch der Ansicht, daß die Berücksichti¬ 
gung der kommunalen Interessen und zum Teil auch der kommunal-fiskali¬ 
schen Interessen auch im wohlverstandenen Interesse der Baupolizei liege. 

Medizinalrat Dr. Reineke (Hamburg) gibt gegenüber dem von 
Herrn Baumeister ausgesprochenen Wunsch, daß die Medizinalbeamten ein 
reicheres statistisches Material über den Zusammenhang zwischen der 
Beschaffenheit der Wohnungen und der Gesundheit der Bevölkerung liefern 
möchten, der Befürchtung Ausdruck, daß die Medizinalbeamten wohl kaum 
in der Lage seien, diesen Wunsch zu erfüllen. Bei seiner Bearbeitung der 
Cholera in Hamburg, die Herr Baumeister als Muster hingestellt habe, sei 
die Sache sehr einfach gewesen. Da habe man zwei feste Punkte gehabt, 


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204 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

einmal die in ihrer Wirkung sehr charakteristische Schädlichkeit, die wäh¬ 
rend einer ganz kurzen Zeit, drei bis vier Wochen, auf die Bevölkerung ge¬ 
wirkt habe, und zweitens den Umstand, daß sie auf eine Bevölkerung ein¬ 
gewirkt habe, die während dieser Zeit nicht umgezogen, sondern in derselben 
Wohnung geblieben sei. Wenn sich solche Verhältnisse bei anderen Epi¬ 
demien wiederholen, könne man ähnliche Statistiken machen, man könne 
es vielleicht auch bei Säuglingssterblichkeit tun, bei welcher man nur ein 
Lebensjahr vor sich habe und ein Wohnungswechsel in der Regel nicht 
stattfinde, aber man werde auf die allergefährlichsten Irrwege der Statistik 
geraten, wenn man den Einfluß der Wohnung auf die Gesamtbevölkerung 
nach anderen Beziehungen statistisch prüfen wolle. Man solle beispielsweise 
die Beeinflussung der Gesundheit eines Menschen beurteilen, der während 
seines Lebens in vielen Wohnungen gewohnt habe, bald in dieser, bald in 
jener Stadtgegend, bald im Keller, bald unter dem Dach; gerade der Arme, 
der in mangelhaften Wohnungen hause, ziehe ja häufig um. Wie wolle 
man nun sagen, welche von diesen Wohnungen es gewesen sei, die auf sein 
Befinden Einfluß gehabt habe, und ob die in seinem Befinden eingetretenen 
Nachteile nun auch wirklich Folge der Wohnung seien, oder ob noch 
andere Faktoren daran beteiligt seien, Not, Überfüllung, Schmutz und 
andere Dinge! 

Dann müsse aber doch auch darauf hingewiesen werden, daß man be¬ 
treffs der Gesundheitsschädigungen ein einigermaßen brauchbares Zahlen¬ 
material nur über die Todesfälle besitze, während die Schädlichkeit der 
Wohnung sich doch nicht in erster Linie in der Sterblichkeit geltend mache. 
Die meisten Schädlichkeiten offenbaren sich in Gestalt von Blutarmut, 
Rheumatismus und ähnlichen Leiden, und gerade darüber fehle es an allen 
Zahlen. Es gebe ja eine ganze Reihe von Statistiken über den Einfluß von 
Kellerwohnungen, von Bodenwohnungen u. s. w. auf die Gesundheit, aber 
nach seiner Ansicht seien alle diese Arbeiten wenig wert Der Arzt könne in 
Hülle und Fülle Einzelbeobachtungen bringen, jeder Arzt, der einigermaßen 
zu tun gehabt habe, werde erzählen können von bleichen, leidenden Kindern 
und Müttern, die aufgeblüht seien, wenn sie aus schlechten Wohnungen in 
bessere gekommen seien, wie habituelles Kopfweh verschwunden, Bleichsucht 
besser geworden sei und tausend ähnliche Dinge. Und das dürfe auch ge¬ 
nügen, um die hier gestellten Anforderungen an die Beschaffenheit der 
Wohnungen zu rechtfertigen. Aber zahlenmäßige Beweise, wie Herr Bau¬ 
meister sie gewünscht habe, und gar Beweise für den Einfluß der einzelnen 
Stockwerke u. dgl. seien absolut nicht zu beschaffen, und wolle sich einer 
daran versuchen, so werde er bald festgeraten und jedenfalls kein brauch¬ 
bares Material beibringen. 

Oberbaurat Professor Baumeister (Karlsruhe) widerspricht der 
Äußerung von Professor Nussbaum, daß man mit Rücksicht auf die wirt¬ 
schaftlichen Verhältnisse bei Kleinwohnungen ein wenig hygienische Nach¬ 
teile mit in den Kauf nehmen müsse. Der Ansicht sei er nicht, er glaube, 
daß Kleinwohnungen und Großwohnungen, arme und reiche Leute das 
gleiche Maß von hygienischer Fürsorge, von Licht und Luft genießen sollen. 
Um Beweise für oder gegen zu geben, würde eine möglichst zahlenmäßige 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 205 

Darstellung einmal von dem Einfluß der Baudichte auf die Kosten und 
andererseits von dem Einfluß der Baudichte auf die Gesundheit erforderlich 
sein. Da letzteres, wie der Vorredner dargelegt habe, außerordentlich 
schwierig sei, so werde die Frage vielleicht noch lange in suspenso bleiben 
und mehr dem Gefühl zu überlassen sein. Aber das sei sicher: man dürfe 
in sozialer und moralischer Hinsicht einen Unterschied zwischen Armen- und 
Reichenwohnungen nicht statuieren, wenigstens nicht von vornherein in 
neuen Bauordnungen; da müsse gleiches Recht für alle gefordert werden. 

Herrn Vermehren gegenüber wolle er betonen, daß es ihm gleichgültig 
erscheine, ob in Überschwemmungsgebieten die Eindeichung oder die Auf¬ 
höhung in erster Linie genannt werde, es seien eben zwei Mittel, die sorg¬ 
fältig von Fall zu Fall überlegt werden müssen, und von denen man weder 
das eine, noch das # andere unter allen Umständen als das richtige hin¬ 
stellen könne. In dieser Beziehung wolle er auf ein Beispiel hinweisen. 
Nach dem französischen Kriege habe es sich um die Stadterweiterung von 
Straßburg gehandelt, und das Erweiterungsgebiet sei Überschwemmungsgebiet 
der lim gewesen. In der Kommission, der er auch angehört habe, seien die 
Ansichten geteilt gewesen, und speziell die Straßburger seien für die Ein¬ 
deichung gewesen, einer von ihnen mit der Bemerkung: nous sommes un 
peuble canard! Die Kommission sei in ihrer Mehrheit aber doch anderer 
Ansicht gewesen, und heute sei dieser Stadtteil von der alten Stadt bis nach der 
Ruprechtsau hinaus vollständig aufgehöht. Dabei seien oft sehr ver¬ 
schiedene Dinge zu beachten, nicht bloß der Gegensatz zwischen Aufhöhungs¬ 
kosten und Pumpkosten, sondern auch die Verschiedenheit in den Siel¬ 
kosten selbst, ferner die ganz bedeutenden Fundamentierungskosten der 
Gebäude, wenn diese alle um mehrere Meter in die Höhe rücken sollen, 
natürlich auch etwaige 8chiffahrtsinteressen u. a. 

Da sich niemand weiter zum Wort gemeldet hat, schließt der Vor¬ 
sitzende die Diskussion und erteilt den Referenten das Schlußwort. 

Korreferent, Geh. Baurat Stflbben: „Meine Herren! Gestatten 
Sie mir als Schlußwort nur wenige Bemerkungen, von denen sich die ersten 
an meinen hochverehrten Gönner Herrn Oberbürgermeister Schneider in 
Magdeburg wenden, und zwar zunächst zu der Frage, ob man Neubauten, 
ja ganz neue Straßenanlagen, kleine Stadtviertel sogar, gestatten soll in 
Außenteilen der Gemeinden, wo noch keine geordnete Entwässerung, keine 
Kanalisation vorhanden ist. Diese Frage ist man vielleicht als Stadt¬ 
vertreter mitunter zu bejahen genötigt, denn es gibt Fälle, wo es noch 
wichtiger ist, die Wohnungen zu vermehren, als bei Wohnungen die äußer¬ 
sten Forderungen der Gesundheitspflege zur Geltung zu bringen. Das 
kommt gewiß vor, es sind aber unbedingt Ausnahmen. Und noch eins: Die 
Gemeindevertreter sind schließlich bereit, auf das Drängen von Baulustigen 
oder Baugenossenschaften, von gemeinnützigen Baugesellschaften hin der¬ 
artige neue kleine Stadtviertel draußen ohne geordnete Wasserableitung 
entstehen zu lassen, mit Rücksicht auf die großen Kosten, die es macht, auf 
große Entfernungen hinaus eine geeignete Kanalisation einzurichten. Ich 
mache aber darauf aufmerksam, daß recht häufig nachher die Rechnung 


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206 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

präsentiert wird, daß, nachdem man eine Zeitlang sich mit allerlei Hilfs¬ 
mitteln, mit den dichten, aber undichten Gruben, mit der regelmäßigen, aber 
unregelmäßigen Abfuhr beholfen hat, dann doch so dringend an die Stadt- 
yerwaltung und die Stadt Vertretung die Forderungen kommen: Schafft uns 
doch endlich auch eine geordnete Kanalisation, wir sind doch nicht Bürger 
zweiter Klasse, das gehört sich ja gar nicht u. s. w., daß dann die Stadt ge¬ 
nötigt ist, nachher vielleicht noch etwas tiefer in den Geldbeutel zu greifen, um 
den inzwischen entstandenen Übelständen abzuhelfen. Ich wollte darauf auf¬ 
merksam machen, um den hochverehrten Herren Gemeindevertretern, die 
hier versammelt sind, es nicht allzu leicht zu machen, neue Straßen oder 
gar neue Stadtteile entstehen zu lassen auf Grund unzureichender hygieni¬ 
scher Vorbedingungen. 

„Das Zweite ist die Frage der Baupolizeikommissionen. Der 
Herr Oberbürgermeister hat es mit Freuden verzeichnet, daß Herr Geheim¬ 
rat Rumpelt als hoher Staatsbeamter es anerkannt hat, wie trefflich die 
Baupolizei durch kommunale Organe verwaltet wird, und ich bin aus eigener 
Erfahrung der Meinung, daß darin Herrn Geheimrat Rumpelt zuzustimmen 
ist; dieser hat aber sein Anerkenntnis zu einem Hauptteile damit begründet, 
daß bei der kommunalen Handhabung der Baupolizei gerade in den 
Baudeputationen, in den Baupolizeikommissionen den sachverständigen 
Bürgern der Stadt als Vertrauensmännern der Bürgerschaft Gelegenheit 
gegeben wird, sich von der Güte der baupolizeilichen Vorschriften persön¬ 
lich zu überzeugen, daß sich allmählich die Überzeugung, daß die Bau¬ 
ordnung gehandhabt werden müsse, nach außen überträgt, und daß so 
die Gewöhnung an neue Vorschriften mehr und besser in die Bevölkerung 
übergeht, als wenn alles nur von oben herab von Staatsbeamten rein bureau- 
kratisch gehandhabt wird. Wenn nun bloß der Staatsbeamte durch den 
Kommunalbeamten ersetzt würde und der das ebenso bureaukratisch macht, 
so sind wir eigentlich keinen rechten Schritt weiter gekommen. Eine 
Kleinigkeit weiter sind wir vielleicht insofern, als dieser Kommunalbeamte 
mit der städtischen Behörde in Zusammenhang ist und gewisse allgemeine 
Interessen der Stadt besser zu beachten und zu betreiben vermag als der 
Staat. Hat das auch gewisse Schattenseiten, so überwiegen die Vorteile 
doch zweifellos. Aber ich habe doch den Wunsch, daß man diesen Kommunal¬ 
beamten etwas stärken möge gegenüber der Bürgerschaft, auch stärken 
möge gegenüber der staatlichen Aufsichtsbehörde, und zwar dadurch stärken 
möge, daß man ihm einen gewissen Rückhalt in einer kommunalen Bau¬ 
polizeikommission gibt. Es gibt ja viele Städte mit solchen Kommissionen; 
ich glaube, die Mehrzahl hat ähnliche Einrichtungen unter verschiedenen 
Namen. Andere gibt es, die derartige Kommissionen oder Deputationen 
nicht haben. Ich wünsche nun keinesfalls eine Baupolizeikommission, die 
über alle Fälle aburteilt und die sich an die Stelle des Polizeichefs setzt. 
Davon kann gar nicht die Rede sein. Darin bin ich mit Herrn Oberbürger¬ 
meister Schneider unbedingt einverstanden, daß die Exekutive allein in 
den Händen des Polizeichefs sein muß, damit er schnell, bestimmt und 
schneidig handeln kann. Aber für eine ganze Reihe sowohl von grundsätz¬ 
lichen Fragen als von Auslegungsfragen, bei Ausnahmebewilligungen und 
bei Erlaß neuer Bestimmungen ist es wichtig, daß der Polizeivorstand sich 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 207 

stützen kann auf das Gutachten einer beratenden Baupolizeikommision. Nur 
in dem Sinne habe ich diese empfohlen. 

„Mit Herrn Kollegen Vermehren hat sich ja schon Herr Oberbaurat 
Baumeister insofern einverstanden erklärt, als die Frage, ob man im 
Überschwemmungsgebiet eindeichen oder aufhöhen soll, örtlich zu lösen ist. 
Ich will Herrn Vermehren darin durchaus zustimmen, grundsätzlich besser 
ist zweifellos die Aufhöhung, denn dann hören alle die Schwierigkeiten und 
Kosten auf, die bei einem eingedeichten Stadtteil nachher unvermeidbar 
sind. Ich bin persönlich so weit gegangen, daß ich Straßen bis auf 7 m habe 
aufhöhen lassen und die Baugründe auch. Es stand sehr guter Boden zur 
Verfügung, und das Gebiet war nicht allzu groß. Während man damals 
anfangs große Augen machte über einen solchen Vorschlag, ist man heute 
darüber einig, daß es zweifellos die richtige und die beste Lösung der Sache 
gewesen ist. Es gibt aber manche Fälle, wo man durchaus eindeichen muß. 
Wir haben am Rhein ganze Stadtflächen, die eingedeicht sind, und auch 
solche, die zukünftig eingedeicht werden sollen. Ja, man kann nicht einmal 
absolut verhindern, daß innerhalb eines uneingedeicbten Überschwemmungs¬ 
gebietes das eine oder das andere gebaut werde. Das sind aber seltene 
Ausnahmefälle, die man als solche zu behandeln hat. 

„Gegen Herrn Professor Nuß bäum möchte ich noch wenige Bemer¬ 
kungen machen. Die ungünstigen Wärmeverhältnisse bei der offenen Be¬ 
bauung sind in beschränktem Umfange gewiß vorhanden, auch von mir an¬ 
gedeutet worden; sie gehören zu denjenigen, so oft übertriebenen Punkten, 
in welchen die offene Bauweise hinter der geschlossenen zurücksteht. Gewiß 
kann man auch in geschlossener Reihe gesundheitlich befriedigend bauen, 
wie nicht bloß Bremen, sondern auch rheinische, holländische und belgische 
Städte zeigen. Aber dabei müssen wir doch feststellen, daß grundsätzlich 
die offene Bebauung hygienisch den Vorzug vor dem geschlossenen 
Reihenbau verdient, und daß es deshalb vom Hygieniker unrichtig wäre, die 
offene Bebauung bekämpfen zu wollen. Das sollten wir anderen überlassen. 
Die Nachteile, die, wie gesagt, meistens übertrieben werden, liegen auf der 
wirtschaftlichen Seite, und deshalb können wir die offene Bauart nicht absolut 
und überall einführen. Wir müssen sie einschränken, unter Umständen 
sehr einschränken nach den Verhältnissen des Ortes, nach der Art der Be¬ 
wohner, nach der Art des Geländes. Namentlich für Arbeiterwohnungen 
allgemein oder auch nur in großem Maßstabe die offene Bebauung zu ver¬ 
langen , das würde in einer großen Stadt zu weit gehen. Der Reihenbau 
verdient für Arbeiterwohnungen den Vorzug, soweit man nicht mit denselben 
an die Peripherie geht. Es empfiehlt sich aber sehr — und das ist in 
sächsischen und rheinischen Städten vielfach zur Ausführung gebracht 
worden — an die von mir geschilderte halb offene Bebauung zu denken, 
die auch den Arbeiterwohnungen den großen Vorzug direkter Besonnung 
gewährt. 

„Was die Bevorzugung von Kleinwohnungen durch baupolizeiliche Be¬ 
stimmungen betrifft, so dürfen wir die nicht erkaufen durch Opferung wich¬ 
tiger hygienischer Anforderungen. Ich schließe mich in dieser Hinsicht 
Herrn Professor Baumeister an. 

„Noch eine kleine Bemerkung, meine Herren, bezüglich der Publikation, 


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208 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

die Herr von Esmareb wünschte. Ich darf wohl mitteilen, daß der 
Ausschuß des Vereins bereits eine kleine Summe bewilligt hat, um einen 
Bearbeiter zu Anden, der dieses ganze schöne Material, das Herrn Geheim¬ 
rat Dr. Rumpelt zugegangen ist, in eine faßliche Beschreibung bringen 
soll, die in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege“ erscheinen soll. Ob es schon möglich sein wird, sie dem Bericht 
über diese Versammlung beizufügen, das weiß ich nicht; ich fürchte, daß die 
Zeit nicht ausreichen wird. Eine ganz andere Sache ist aber die Menge von 
schönen Ausstellungsgegenständen hier in der Städteausstellung. Diese 
können wir natürlich nicht als Gesundheitspflege verein bearbeiten; sie 
werden aber bearbeitet werden, wie ich auch mitteilen kann, durch den 
Ausschuß des deutschen Städtetages. Wir werden also eine doppelte, für 
die Dauer berechnete Veröffentlichung sowohl über unsere Verhandlung 
haben, wie über das, was auf der Städteausstellung hier in baupolizeilicher 
Beziehung ausgestellt ist. 

„Im übrigen danke ich für die freundliche Beurteilung.“ 

Referent, Geheimer Regierungsrat Dr. Rumpelt: 

„Meine hochgeehrten Herren! Wenn ich Wert daraufgelegt habe, das 
letzte Wort zu haben, so bin ich mir gleich bewußt gewesen, daß das in dem 
speziellen Falle den Nachteil für mich hätte, nach Herrn Geheimrat Stübben 
zu sprechen. Es bleibt mir nichts weiter übrig, als die Brosamen zu 
sammeln, die von seinem Tische gefallen sind. 

„Ich möchte da aber vor allen Dingen konstatieren, daß unsere Leit¬ 
sätze doch im allgemeinen die Zustimmung der Versammlung gefunden zu 
haben scheinen, daß wesentliche Beanstandungen doch eigentlich nicht er¬ 
folgt sind. Beanstandet wurden nur einzelne meiner Ausführungen, die 
nach der Meinung einiger Herren von den vorsichtiger gehaltenen Leit¬ 
sätzen abwichen und die Gedanken in einer ihnen unerwünschten größeren 
Schärfe zum Ausdruck brachten. Es bezieht sich das hauptsächlich auf die 
Frage der Bebauungsfähigkeit vor erfolgter Entwässerung, sowie innerhalb 
des Überschwemmungsgebietes. Ich muß bekennen, meine Herren, daß ich 
hier beeinflußt worden bin durch unsere sächsischen Verhältnisse. Das 
sächsische Baugesetz enthält in dieser Beziehung ganz bestimmte Vor¬ 
schriften. Es geht davon aus, daß in den Städten, wenigstens für Neubau¬ 
gebiete, unbedingt die Entwässerung vorangehen muß, bevor gebaut werden 
darf, und ebenso bestimmt unser Baugesetz, was zu geschehen hat innerhalb 
des Überschwemmungsgebietes. Ich muß auch dazu bemerken, daß das 
nicht etwa nur von den Sachverständigen und Ministerialbeamten, sondern 
in allererster Linie von unseren sächsischen Gemeinden selbst angeregt worden 
ist. Gerade Vertreter unserer sächsischen Gemeinden haben bei den Be¬ 
ratungen im Landtage ganz ausdrücklich gefordert, daß Ausnahmen hin¬ 
sichtlich der Entwässerung, der Beschleusung höchstens in ländlichen Ver¬ 
hältnissen bewilligt werden dürfen. 

„Das Bild, das der Herr Oberbürgermeister Schneider aus Magdeburgs 
Ihnen entworfen hat von der städtischen Arbeiterkolonie draußen an der 
Grenze des städtischen Weichbildes, ist das, was unsere Gemeinden mit 
Schrecken erfüllt, und nach den Erfahrungen, die wir mit derartigen Kolonien 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 209 

gemacht haben, ist es allerdings, glaube ich, etwas, was auf das äußerste 
zu widerraten ist, und es ist auch selbst der Übelstand, den das Hinaus¬ 
drängen gewisser Arbeiterkreise in die benachbarten Landgemeinden für 
die Stadt mit sich bringt, viel, viel geringer als solche von der eigentlichen 
Stadt losgerissene und außer jedem Zusammenhang befindliche große Kolo¬ 
nien. Wir werden jedenfalls hier in Sachsen daran festbalten, daß die Be- 
bauungsfahigkeit in den Städten und in industriellen Orten abbängt von der 
vorherigen Regelung der Entwässerungsfrage. Ebenso werden wir in bezug 
auf das Überschwemmungsgebiet an unseren Grundsätzen festbalten, und 
ich glaube, nicht zum Schaden unserer öffentlichen Verhältnisse. 

„Dann ist auch von Herrn Oberbürgermeister Schneider geltend ge¬ 
macht worden, daß den bestehenden Verhältnissen gegenüber doch vielleicht 
eine noch größere Schonung nötig wäre, als sie selbst von meiner Seite 
schon empfohlen worden ist. Auch ich hatte ausdrücklich anerkannt, daß 
es sich hier eben doch um rechtlich bestehende Verhältnisse handelt. Auch 
in den Fällen, die der Herr Oberbürgermeister vielleicht im Auge hat, wenn 
es sich um größere Veränderungen schon vorhandener Bauten handelt, wird 
man nicht etwa die Vorschriften für Neubaugelände in ihrer ganzen Schärfe 
zur Anwendung bringen dürfen. Aber, meine Herren, wir müssen 
doch auch damit rechnen, daß gerade im Stadtinnern unserer großen 
Städte vielfach eine ganz andere Entwickelung vor sich geht; es ist die 
Verwandlung der Wohnviertel in reine Geschäftsviertel. Es bildet sich auch 
in unseren deutschen großen Städten nach und nach im Innern eine City 
mit kolossal gesteigerten Werten und mit vollständiger Entleerung von 
wirklichen Wohnungen. Daß es unter solchen Verhältnissen nicht zu hart 
ist, kostspieligere Herstellungen und Vorkehrungen zu verlangen, glaube ich, 
wird wohl von allen Seiten zugestanden werden können. 

„Meine Herren! Der Herr Vertreter unseres böhmischen Nachbarlandes 
hat hervorgehoben, daß man bei den Assanierungen gar zu leicht dahin 
käme, gerade kleine Leute wohnungslos zu machen, und dadurch in gesund¬ 
heitlicher Beziehung eher schädigend wirke. Ich darf im Anschluß daran 
vielleicht nur kurz bemerken, daß in unserem sächsischen Baugesetz für die 
Fälle der Zonenenteignung oder auch der Umlegung ausdrücklich den Ge¬ 
meinden zur Pflicht gemacht worden ist, darauf Bedacht zu nehmen, daß 
die Leute, welche infolge dieser Maßregeln ihre Wohnungen verlieren, auch 
in entsprechender Weise wieder untergebracht werden können. 

„Dann, meine Herren, die Frage der Trockenfristen! Ich glaube, 
die Äußerungen, die hierüber gefallen sind, bestätigen, was ich gesagt habe, 
daß sich die Trockenfristen bei den kommunalen Behörden und bei den 
Baupolizeibehörden überhaupt einer großen Beliebtheit erfreuen. Sie sind 
zweifellos im allgemeinen recht bequem; ich will auch nicht dagegen polemi¬ 
sieren. Ich möchte aber davor warnen, daß sie zu schablonenhaft festgestellt 
und gehandhabt werden. Aus meiner eigenen Erfahrung als Amtshauptmann 
in Chemnitz muß ich bemerken, daß in denjenigen Gemeinden, welche 
Trockenfristen eingeführt hatten, fast bei jedem Bau um Dispens gebeten 
wurde, und daß, wenn einmal eine Trockenfrist eingehalten wurde, das Haus 
so und so oft trotzdem nicht trocken war, als es bezogen wurde. Ich habe 
infolgedessen etwas skeptischer über diese Trocken fristen denken gelernt. 

Vierteljahrsschrift för Gesundheitspflege, 1904. 24 


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210 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

„Meine Herren! Was die Frage der städtischen Baupolizei an¬ 
langt, so hatte ich allerdings ein etwas schlechtes Gewissen bei der Zu¬ 
stimmung, die Herr Oberbürgermeister Schneider mir ausdrückte. Denn 
er sang ja eigentlich gerade das Lob der bureaukratischen Baupolizeibehörde. 
Aber ich glaube, wir verständigen uns in dem Sinne, den Herr Geheimer 
Baurat Stübben bereits angedeutet hat. Für die Erledigung des einzelnen 
normalen Baugesuches soll nicht der immerhin etwas schwerfällige 
Apparat der ganzen Selbstverwaltung in Bewegung gesetzt werden. Aber 
bei prinzipiellen und zweifelhaften Fragen ist es allerdings sehr wünschens¬ 
wert, daß auch die Selbstverwaltungsorgane mit eingreifen. 

„Meine Herren! Ich glaube das Zeugnis der hohen Versammlung an- 
rufen zu können, daß ich mit großer Wärme für diese Selbstverwaltung 
eingetreten bin. Ich habe es deswegen nicht ganz verstanden, daß einer 
der Herren gegen mich polemisiert und mir vorgebalten hat, die Breslauer 
städtische Baupolizeibehörde habe so sehr viel besser gearbeitet als die 
staatliche Behörde. Ja, meine Herren, wenn das in einem einzelnen Falle 
vorgekommen sein sollte, daß ein staatlicher Bauinspektor zu nach¬ 
giebig und lax gewesen wäre, so beweist dies an sich noch gar nichts. 

„Im allgemeinen werden mir die Herren, die im Kommunaldienst 
stehen, recht geben, daß gewisse Schattenseiten und Übelstände auch bei 
der kummunalen Verwaltung der Baupolizei bestehen, und daß namentlich 
rasches und rücksichtsloses Durcbgreifen für eine bureaukratische staat¬ 
liche Behörde leichter ist als für ein Selbstverwaltungsorgan. Das bindert 
mich aber, wie gesagt, nicht, für die Selbstverwaltung auch auf diesem Ge¬ 
biete einzutreten. 

„Meine Herren! Ich komme zum Schluß. Ich darf wohl nochmals 
konstatieren, daß sich ein sehr erfreuliches Einverständnis bekundet hat 
hinsichtlich aller wesentlichen Punkte in unseren Leitsätzen und damit 
hinsichtlich aller derjenigen Anforderungen, die wir im Interesse und im 
Namen der öffentlichen Gesundheitspflege an die Baupolizei zu stellen haben. 

„Herr Oberbaurat Baumeister hat in dem schönen Idealismus, der sein 
ganzes Wirken von Anfang an gekennzeichnet hat, der uns in allen diesen 
Fragen so wertvolle Anregungen gegeben und uns auch schon zu so be¬ 
merkenswerten Zielen geführt hat, in diesen Leitsätzen bereits die Grund¬ 
lage für eine Reichsbauordnung erblickt. Diesem Idealismus kann ich mich 
nun allerdings nicht hingeben. Ich glaube nicht, daß die Leitsätze bereits 
eine geeignete Unterlage für einen gesetzgeberischen Akt des Reiches bieten. 
Auch hat gerade die heutige Besprechung wieder gezeigt, daß unsere Ver¬ 
hältnisse in Deutschland noch lange nicht überall so ausgeglichen sind, um 
von einer allgemeinen Reichsbauordnung eine glückliche Lösung der ein¬ 
schlagenden Fragen zu erwarten. In Sachsen haben wir im Gegenteil 
weiter dezentralisiert und haben gesagt: das Landesbaugesetz gilt, wenn 
und soweit nicht die Gemeinden sich eigene, ihren individuellen Interessen 
und Bedürfnissen entsprechende baugesetzliche Vorschriften geben, und ich 
glaube, meine Herren, gerade im Interesse des Wohlseins unserer Gemeinden 
und gerade im Interesse einer wirklich praktischen Baupolizei werden wir 
besser tun, diesen Weg auch weiter zu beschreiten. Wir können dabei 
immer, wenn wir auch getrennt marschieren, vereint schlagen.“ 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 211 

Vorsitzender Geh. Medizinalrat Dr. Löffler: 

„Meine Herren! Nachdem die Herren Referenten ihr Schlußwort ge¬ 
sprochen haben, ist dieser Gegenstand erledigt, und es bleibt mir nur noch 
übrig, denselben den allerauf richtigsten herzlichen Dank des Vereines aus¬ 
zusprechen für die außerordentliche Mühe und Sorgfalt, welche sie verwendet 
haben, um das so sehr umfangreiche und schwierige Material in so aus¬ 
gezeichneter Weise zu bewältigen. Von ganzem Herzen wünschen wir, daß 
die Ergebnisse ihrer Studien, wie sie jetzt vorliegen, zum Heil und Segen 
für die weitere Entwickelung unserer deutschen Städte gereichen mögen, 
und daß künftighin doch einmal, wie es unser Altmeister Baumeister 
gesagt hat, auf die Schlußsätze eine neue Reichsbauordnung sich auf bauen 
möge. Das wird dann der schönste Lohn für ihre Mühen sein. u 

Hierauf übernimmt Güll. B&urat Stübbeil wieder den Vorsitz und 
erteilt zu einer Mitteilung zur Geschäftsordnung das Wort an 

Bürgermeister Dr. Job&nsen (Minden): „Meine Herren! Gestatten 
Sie mir nur wenige Worte zur Geschäftsordnung. 

„Ich muß vorausschicken, daß ich zum ersten Male diesen Kongreß be¬ 
suche. So außerordentlich interessant und wertvoll die Verhandlungen und 
die Ergebnisse für uns alle sind, erlauben Sie mir vielleicht, einem leichten 
Befremden doch Ausdruck zu verleihen. Dieses Befremden bezieht sich 
auf die Geschäftsordnung, und zwar auf zwei Punkte. Der erste ist der: 
Von den fünf Punkten, die auf der Tagesordnung stehen, fehlte bei vier das 
Korreferat, auch beim fünften waren zwar zwei Referenten vorhanden, aber 
kein Referent und Korreferent. Meine Herren! Ich glaube, daß es sicher im 
Interesse der Behandlung einer Frage liegt, wenn man den Gegenstand 
gleich zweiseitig beleuchtet, und zwar, wie das ja eigentlich bei der Zusammen¬ 
setzung unserer Versammlung gegeben ist, neben der Theorie und der Wissen¬ 
schaft auch der Verwaltung von vornherein das Wort gibt 

„Meine Herren! Wenn Sie in diesem Punkte vielleicht nicht ganz mit 
mir übereinstimmen, so, glaube ich, werden Sie vielleicht im zweiten Punkte 
doch eher meiner Ansicht sein. Bei dem ersten Punkte, der auf der Tages¬ 
ordnung des ersten Tages stand, hatten sich acht Herren zum Worte gemeldet. 
Da glaubte der Herr Vorsitzende die Pflicht zu haben, die Herren aufzu¬ 
fordern , sich möglichst kurz zu fassen. Als sich dann noch ein neunter 
Herr gemeldet hatte, da meinte er der Zustimmung der Versammlung sicher 
zu sein, wenn nunmehr die Rednerliste geschlossen würde. Ganz das gleiche 
Schauspiel entwickelte sich bei dem ersten Punkte der Tagesordnung des 
zweiten Tages. Meine Herren! Wenn ich das Verzeichnis der Teilnehmer 
dieser Versammlung durchsehe, so finde ich fast ausnahmslos Herren, die 
mitten in der Praxis stehen: beamtete und nicht beamtete Ärzte, Architekten, 
Staatsbeamte, Mitglieder städtischer Vertretungen oder Verwaltungen. Meine 
Herren! So außerordentlich wertvoll für uns die Referate sind, ich glaube, 
einem großen Teil der Versammlung ist noch wertvoller die Praxis, und die 
gibt nur die Diskussion. Daß wir den Leitsätzen im wesentlichen alle zu¬ 
stimmen, ich glaube, das wird regelmäßig am Schlüsse jedes Punktes mit 
Freude konstatiert werden. Aber ich glaube, nicht ich allein habe diese 

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212 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

Sehnsucht nach den Mitteilungen, die die Diskussion liefert; denn die liefert 
uns erst die Mitteilungen, wie die von uns für richtig erkannten Grundsätze 
in der Praxis durchzuführen sind, welche Erfolge man damit erzielt, welche 
Mißerfolge, welche Bedenken u. s. w. sich da geltend gemacht haben. 

„Es geht lediglich mein Wunsch dahin, der Ausschuß möge in Erwä¬ 
gung ziehen, ob es nicht angängig ist, in Zukunft das Korreferat zuzufügen, 
und ob es nicht möglich ist, durch eine andere Einteilung der Geschäfts¬ 
ordnung der Praxis und den Mitteilungen aus der Praxis denjenigen Raum 
zu geben, den heute am letzten Tage, meine Herren, die Verhandlungen 
schon in Wirklichkeit gewonnen haben.“ 

Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg): „Meine Herren! Ich 
habe es immer als einen wesentlichen Vorzug unserer Versammlungen be¬ 
trachtet, daß wir unserem Vorstande in bezug auf die geschäftliche Behand¬ 
lung das vollste Vertrauen entgegengebracht haben. Meine verehrten Herren! 
Ich glaube nicht, daß die Ausführungen des Herrn Vorredners irgendwie 
geeignet sind, uns in unserem Vertrauen gegenüber dem Vorstande auch nur 
irgendwie beeinträchtigen zu lassen. Ich möchte hier nur feststellen, daß 
der Vorstand, wie er es stets gewohnt gewesen ist, in unparteiischer, in 
zweckmäßiger und in sachgemäßer Weise die Geschäfte gehandhabt hat, 
daß auch namentlich der Vorwurf, es sei irgend einer der Herren verkürzt 
worden in der Redefreiheit, als unberechtigt zurückzuweisen ist. Ich glaube, 
die sämtlichen Verhandlungsgegenstände sind in so erschöpfender Weise 
verhandelt worden, wie es nach Lage der Verhältnisse und nach Lage der 
uns immerhin nur beschränkt zu Gebote stehenden Zeit möglich war, und 
ich glaube, die Ergebnisse der Verhandlungen sind derart, daß wir jeder 
einzelne, nach Hause gehen werden mit dem vollen Bewußtsein, wir haben 
hier wie gewöhnlich gründlich, erschöpfend verhandelt, und wir haben unser 
Wissen, unser Können in den verschiedenen Verhandlungszweigen wesent¬ 
lich erweitert. 

„Meine Herren! Namentlich möchte ich ganz dringend bitten, daß wir 
die Frage, ob neben dem Referenten auch noch ein Korreferent zu bestellen 
ist, ausschließlich unserem geehrten Vorstande überlassen, der in dieser Be¬ 
ziehung ja zweifellos am meisten geeignet ist, zu wissen, ob der Gegenstand 
nach seinem Umfange, nach seiner Bedeutung, nach den Zweifelsfragen, die 
sich nach der einen oder anderen Richtung ergeben haben, geeignet ist, von 
einem oder von zwei Referenten behandelt zu werden. Grundsätzlich für 
jeden Gegenstand zwei Referenten zu bestellen, würde ich — und ich glaube. 
Sie werden mir in Ihrer großen Mehrheit beistimmen — lediglich für einen 
ganz unnötigen und öden Formalismus halten. 

„Ich glaube, das war doch nötig zu sagen meinem verehrten Vorredner, 
der mir das nicht verübeln möge.“ 

Baumeister Stadtrat Hartwig (Dresden): „Meine Herren! Der 
Wunsch von Herrn Bürgermeister Johansen wird von mir nicht aufgefaßt 
als ein Vorwurf gegen den Vorstand. Ich glaube, mein verehrter Herr Vor¬ 
redner, Herr Oberbürgermeister Schneider, hat das in dieser Beziehung 
etwas zu scharf aufgefaßt. Es war ein Wunsch, dem ich volle Berechtigung 


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Die Bauordnung im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege. 


213 


zusprechen möchte, und ich bin auch von der Höhe des Vorstandes überzeugt, 
daß er einen solchen Wunsch nicht übelnehmen wird. Gerade bei der Bau¬ 
polizei wäre es doch im intensivsten Maße wünschenswert gewesen, wenn ein 
Korreferat zustande gekommen wäre. Ich nenne etwas anderes ein Korreferat, 
eine Beleuchtung derjenigen Sätze, welche die beiden Referenten gegeben 
haben, und welchen Meinungen gegenüber nun doch auch andere Meinungen 
möglich sind. Zum Beispiel hätte aus der Praxis der Baupolizei in Sachsen 
eine Beleuchtung derjenigen Umstände, unter welchen sie gehandhabt wird, 
überraschende Resultate ergeben, namentlich die Hinweise darauf, wie und 
unter welchen Umständen Dispensationen erteilt werden, von denen nach¬ 
mals kein Mensch versteht: wieso, warum! Ich habe mit einem in der Bau¬ 
polizei praktisch tätig gewesenen Manne diese Grundsätze besprochen, und 
wir beide sind darüber einig gewesen, daß das Wesentlichste, was jetzt gesagt 
werden muß, in einem Korreferat treffend zu verwerten gewesen wäre. u 

Vorsitzender Gflh.B&urat Stflbben: „Meine Herren! Ich nehme an, 
daß die Geschäftsordnungsdebatte sich erschöpft hat, und ich nehme ferner 
an, daß Herr Bürgermeister Johansen, wenn er noch öfter an unseren Ver¬ 
handlungen teilnimmt, folgendes als richtig anerkennen wird: Die Geschäfts¬ 
praxis unseres Vereins hat sich in dreißigjähriger Tätigkeit gebildet und, ich 
glaube wohl sagen zu dürfen, erprobt. Der Ausschuß berät über die Frage, 
ob Referent und Korreferent, oder ob auch im Sinne des Herrn Hartwig 
ein Gegenreferent aufgestellt werden soll, ausführlich und sehr vorsichtig. 
Daß er dabei natürlich auch einmal so beschließen kann, wie es einem der 
geehrten Anwesenden nicht genehm ist, liegt ja in der Natur der Sache. Ich 
möchte aber bitten, daß wir das jetzige Geschäfts verfahren, das sich erprobt 
hat, auch für die Zukunft beibehalten. Ich habe für mich die Überzeugung, 
daß Herr Bürgermeister Johansen, wenn er uns länger hier besucht haben 
wird, dem beistimmen wird.“ 

Bürgermeister Dr. Johansen (Minden): „Ich bitte um Entschuldi¬ 
gung, wenn ich in der Tat falsch verstanden worden bin. Ich will mich mit 
dem Herrn Vorredner, der eben gesprochen hat, durchaus nicht identifizieren. 
Ich habe auch durchaus nicht beabsichtigt, dem Ausschuß irgend welchen 
Vorwurf zu machen. Ich habe lediglich — wenn die Herren sich an die 
Worte erinnern wollen, die ich sagte — erklärt, ich möchte dem Ausschuß 
anheim geben, zu erwägen, ob er nicht nach dieser Richtung hin eine Ände¬ 
rung eintreten lassen wollte. Ich habe das lediglich getan, weil ich an den 
beiden ersten Tagen bei den ersten Punkten den Eindruck hatte, es wäre 
schade, daß wir nicht etwas aus der Praxis über diese Punkte gehört haben. 
Ein Mißtrauen liegt mir durchaus fern. tt 


Oberbürgermeister Schneider (Magdeburg): „Ich nehme an, daß 
der Herr Vorsitzende unsere Versammlung schließen will, und da ich ja nach¬ 
her das Wort nicht mehr habe, möchte ich es vorher erbitten. Ich bin fest 
überzeugt, daß ich mich in dem zu Sagenden in vollster Übereinstimmung mit 
Ihnen allen befinden werde. Es liegt mir am Herzen, in Ihrer aller Namen 


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214 XXVIII. Versammlung d. D. Vereins f. öffentl. Gesundheitspflege zu Dresden. 

dem geehrten Vorstande für die umsichtige und tatkräftige Leitung unserer 
diesjährigen Verhandlungen unseren ganz besonderen Dank auszusprechen, 
aber speziell diesen Dank auszusprechen unserem hochverehrten Herrn 
Geheimerat Stübben, von dem wir ja gewohnt sind, daß er seine Sache 
meisterlich macht, der aber diesmal sich noch selber flbertroffen hat. Denn er 
ist wirklich in einer Reihe von Rollen aufgetreten, von denen jede einzelne 
ihre ganz besonderen Schwierigkeiten hat. Er hat hier unsere Geschäfte in 
gewohnter Weise mit Umsicht und mit Tatkraft und mit Verständnis geleitet, 
er ist aufgetreten an den verschiedenen Festtafeln als ein gottbegnadeter 
Gelegenheitsredner und hat uns dadurch große Freude bereitet, und heute 
hat er uns auch noch schließlich in all der Arbeitslast einen schönen be¬ 
lehrenden Vortrag gehalten. Ich glaube, daß eine derartige Vielseitigkeit 
eines Vorsitzenden noch nicht leicht zu verzeichnen gewesen ist. Also, 
meine verehrten Herren, ich glaube, wir dürfen unsere Verhandlungen nicht 
schließen, ohne daß wir allen diesen verehrten Herren und speziell Herrn 
Geheimerat Stübben unseren wärmsten Dank aussprechen!“ 

Vorsitzender, Geh. Baurat Stübben: „Ich danke Ihnen, meine 
Herren und Damen, und namentlich Herrn Oberbürgermeister Schneider 
für die freundliche Beurteilung meiner Tätigkeit hier! 

„Ich habe dann nur noch, bevor ich die Versammlung schließe, allen 
denen, die zu ihrem guten Gelingen beigetragen haben, den Herren Refe¬ 
renten namentlich, nochmals den Dank des Ausschusses auszusprechen und 
diesen Dank in besonderer Weise noch auszudehnen und zu wiederholen an 
die Adresse der Stadt Dresden und ihrer Verwaltung. In diesem Sinne 
schließe ich die diesjährige Tagung mit dem Rufe: Der deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege, er lebe hoch! — und nochmals 
hoch und zum dritten Male hoch!“ 

(Die Anwesenden, die sich erhoben haben, stimmen freudig in das drei¬ 
malige Hoch ein.) 


Schluß der Sitzung 2 Uhr. 


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Kritiken und Besprechungen. 


215 


Kritiken und Besprechungen. 


Das Gesundheitswesen des Preufsisohen Staates im Jahre 1901 . 

Bearbeitet von der Medizinalabteilung des Ministeriums fflr geist¬ 
liche usw. Angelegenheiten. Berlin, R. Schoetz, 1903. gr. 8. XV 
— 497 und 117 S. 

Kaum ist ein halbes Jahr verflossen seit Erscheinen des letzten Sammel¬ 
berichtes, so liegt auch schon der neue stattliche Band über das Jahr 1901 
vor, und es ist in Aussicht genommen, daß die Veröffentlichungen jährlich 
und in schnellerer Aufeinanderfolge stattfinden sollen. 

Dieses Vorhaben ist nur mit Freuden zu begrüßen, das Werk wird sich 
dadurch nur noch mehr Freunde erwerben, und der Wert des Buches wird 
durch die nur kurze Zeit zurückliegenden Erfahrungen und Erhebungen er¬ 
heblich gesteigert. 

Trotzdem in dem Bericht nur das Jahr 1901 Berücksichtigung findet, 
so ist der Umfang desselben doch nur wenig geringer im Verhältnis zu 
denen, welche eine dreijährige Berichtszeit umfaßten. Das liegt einesteils 
an der so lobenswerten ausführlichen Beschreibung der gemeldeten Beob¬ 
achtungen, anderenteils an der Erweiterung der Funktionen, welche durch 
das Kreisarztgesetz entstanden sind, und den eifrigeren sanitären Bestre¬ 
bungen , welche mit Hilfe dieses Gesetzes mehr in Fluß gebracht wurden. 

Ferner ist durch die Gründung der königlichen Versuchs- und Prüfungs¬ 
anstalt für Wasserversorgung und Abwässerbeseitigung in Berlin ein großes, 
segenverheißendes Feld sowohl für die beamteten Ärzte als auch besonders 
für die Städte und Ortschaften eröffnet worden. 

Der Bericht selbst bietet im ersten Jahr nach der Neuorganisation des 
preußischen Sanitätswesens noch manche Lücken, welche durch die Neu¬ 
besetzung der Stellen und die Übergangszeit ihre Erklärung finden. 

Das Kapitel „Infektionskrankheiten“ ist durch eine kritische Beurtei¬ 
lung der Zu- und Abnahme von Krebsfällen in den einzelnen Ortschaften 
bereichert. 

Die Beteiligung der Kreisärzte auf den Gebieten der Wohnungshygiene, 
Sanierung der Ortschaften, Wasserversorgung, Beseitigung der Abfallstoffe, 
Schulhygiene, Armen- und Krankenpflege ist in erfreulichem Zunehmen be¬ 
griffen. 

Zwischen den beamteten Ärzten und Gewerbeinspektionen scheint es 
noch nicht so zum harmonischen und eifrigen Zusammenarbeiten gekommen 
zu sein, wie es im Interesse der Sache wünschenswert erscheint. Sollte 
die Ursache nicht in dem an manchem Orte noch etwas schwerfälligen Ap¬ 
parat zu suchen sein, indem zu viel Papier verschrieben wird, während ge¬ 
meinschaftliche Besichtigungen sowohl die Menschen als auch manche Fragen 
der Lösung näher bringen? 

Durch die Gründung bakteriologischer Laboratorien an dem Sitze ein- 


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216 


Kritiken und Besprechungen. 

zelner Regierungen ist einem vielfach geäußerten Bedürfnis abgeholfen 
worden, allerdings noch keineswegs in genügendem Maße, denn bei der 
Reichhaltigkeit der kreisärztlichen Tätigkeit, bei der Überwachung der 
Vorschriften des Reichsseuchengesetzes werden notwendig noch mehr Unter¬ 
such ungsstationen folgen müssen, welche nicht zu weit weg von den Seuchen¬ 
herden liegen dürfen. 

Ein Typhusstuhl, welcher eine längere Bahnreise gemacht hat, kann im 
Laboratorium mit geringerer Sicherheit als solcher diagnostiziert werden, 
als wenn er möglichst frisch zur Verarbeitung kommt. Der Bericht führt 
allerdings eine Reihe von Untersuchungsstellen auf, welche ihre Räume und 
Kräfte zur Verfügung halten, es werden diese Institute aber nicht so nutz¬ 
bringend für die betreffenden Kreise, speziell in hygienischen Fragen arbeiten 
können, da sie nach anderen Gesichtspunkten und für andere Zwecke ge¬ 
gründet sind. 

Die Einrichtung von Gesundheitskommissionen scheint auf fruchtbaren 
Boden gefallen zu sein, das Verständnis der Gemeinden für die Desinfektion 
und die Anstellung dazu geeigneter Leute ist im Zunehmen begriffen, bis in 
den fernsten Osten ist in sanitären Fragen ein frischer, fröhlicher Wind zu 
spüren. Die Ziele und Wünsche, welche bei der Neuregelung des Kreisarzt¬ 
gesetzes niedergelegt sind, von denen auch im letzten Kapitel die wichtigsten 
Erlasse angeführt werden, sie beginnen allmählich sich zu verwirklichen und 
haben zum großen Teil schon herrliche Früchte gezeitigt, wovon der ganze 
Bericht ein schönes Zeugnis ablegt; und hoffentlich ist die Zeit nicht mehr 
fern, wo den Kreisärzten nicht nur fliegende, sondern feststehende Kranken¬ 
stationen zur Verfügung gestellt werden. Es wird die Arbeitsfreudigkeit 
erhöht, und die Seuchenbekämpfung kann wirksamer gestaltet werden. Die 
Zeit ist reif dafür, jetzt heißt es werben. Prophylaxe und Therapie müssen 
Zusammenarbeiten. 

Diese Wünsche gehören zwar nicht in ein Referat, aber wenn man 
sieht, wie schön und verständnisvoll das Sanitätswesen ausgebildet worden 
ist, wie überall an seinem Ausbau gearbeitet wird, so ist man versucht, 
auch den nötigen Schlußstein zu fordern. Es wird sicher jeder den Bericht 
mit großem Genuß lesen, und vielen wird der gleiche Gedanke kommen. 

E. Pfeiffer (Hamburg). 


Dr. med. A. Grotjahn und Dr. phil. F. Kriegei: Jahresbericht 

über die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiete 
der sozialen Hygiene und Demographie. Zweiter Band: 
Bericht über das Jahr 1902. Jena, Fischer, 1903. gr. 8. 473 S. 

Sehr prompt ist der zweite Band dieses Jahresberichtes (für das Jahr 
1902) erschienen, lind dies verdient besonders hervorgehoben zu werden, 
weil der Wert von derartigen retrospektiven Literaturauszügen mit der 
Raschheit ihres Erscheinens wächst. Die Zahl der Mitarbeiter ist auf zwölf 
erhöht worden, wodurch ein reichhaltigerer Inhalt des Jahresberichtes er¬ 
möglicht wurde, so daß der zweite Band in sehr „erweitertem Umfange 14 
erscheinen konnte. 

Neu sind die Abschnitte: „Aus den Parlamenten“ und „Von den Kon- 


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Kritiken und Besprechungen. 


217 


gressen". Wenn auch diese Abschnitte zumeist nur die Aufz&hlung der 
Verhandlungsgegenstände enthalten, so wird man dennoch in dieser Quellen¬ 
angabe für bestimmte wissenschaftliche Arbeiten einen willkommenen Behelf 
erblicken können. 

Die Einteilung des Stoffes ist im übrigen dieselbe geblieben wie im 
ersten Jahresberichte: Chronik der sozialen Hygiene, Gesetzestafel von 
Deutschland und dem Auslande, Methode und Geschichte der sozialen 
Hygiene, Bevölkerungsstatistik und Mortalität, Morbidität, Prophylaxe und 
Krankenfürsorge, Soziale Hygiene der Arbeit, Soziale Hygiene der Ernährung, 
Soziale Hygiene der Wohnung und Kleidung, Soziale Hygiene der Kinder 
und jugendlicher Personen, öffentliche Gesundheitspflege, Entartungstheorie, 
Konstitutionspathologie und sexuelle Hygiene, Vermischtes. 

Sehr ausführlich (und in gleicher Weise wie die Referate eingeteilt) 
ist die „Bibliographie“ gehalten. 

Die Referenten: A. Gottstein, A. Grotjahn, A. Koch-Hesse, 
J. Marcuse, F. Prinzing, P. Hüls, F. Kriegei, B. Spiethoff, 
A. Blaschko, M. Bloch, G. Bernhard, S. Saenger, A. Südekum, 
haben sich ihrer schweren Aufgabe mit vielem Geschick entledigt. Die 
Referate sind kurz und präzise abgefaßt, und es erscheint auch manche 
kritische Bemerkung eingefügt, die uns die Orientierung erleichtert. Manchem 
Leser werden vielleicht die Referate oft zu kurz erscheinen: aber „Jahres¬ 
berichte“ sollen nur den wesentlichen Inhalt der angezeigten Werke an¬ 
geben, sie sollen und können nicht als Literaturfaulenzer dienen, die uns 
der Mühe der Literaturstudien entheben, sie sollen uns nur die Auswahl 
erleichtern und eine allgemeine Orientierung ermöglichen, und diesen Zweck 
erfüllt der Jahresbericht von Grotjahn und Kriegei in vollständigstem 
Maße. Altschul (Prag). 


Prof. Dr. Max Rubner: Lehrbuch der Hygiene. Systematische 
Darstellung der Hygiene und ihrer wichtigsten Untersuchungs¬ 
methoden. Zum Gebrauch für Studierende der Medizin, Physikats- 
kandidaten, Sanitätsbeamte, Ärzte, Verwaltungsbeamte. 7. Auflage. 
Leipzig und Wien, Deuticke, 1903. gr. 8. 983 S., mit 295 Abbild. 

Das Rubnersche Lehrbuch erschien erstmalig im Jahre 1890. Wenn 
innerhalb 13 Jahren sieben Auflagen notwendig wurden, so spricht dies 
mehr für die Vortrefflichkeit und Brauchbarkeit des Buches als alle aner¬ 
kennenden Besprechungen. Der Zweck des Buches, nicht nur den Ärzten, 
sondern auch den Verwaltungsbeamten die wichtigeren Fragen der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege auseinanderzusetzen, ist vollkommen erfüllt. Die 
gewaltigen Fortschritte, die die Gesundheitslehre ständig macht, sind in 
jeder weiteren Ausgabe voll verwertet worden, so auch in der jetzt erschie¬ 
nenen siebenten Auflage, die alle neueren wissenschaftlichen Tatsachen der 
letzten Jahre, nicht minder auch die stets zunehmende praktische Verwertung 
hygienischer Erkenntnis in vollem Umfang berücksichtigt. Was dem 
Rubnersehen Buch von Anfang an besonderen Wert verlieh, war die große 
Zahl trefflicher Abbildungen, die in der neuen Ausgabe fast die Zahl 300 
erreicht. F. A. 


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218 


Kritiken und Besprechungen. 

Prof. Dr. Ludwig Heim: Lehrbuch der Hygiene. Stuttgart, 
Enke, 1903. gr. 8. 363 S., mit 43 Abbildungen im Text. 

Ben Zweck des vorliegenden neuesten Lehrbuches der Hygiene charak¬ 
terisiert der Verfasser dahin, daß die Darstellung des Gesamtgebietes der 
Hygiene kurz und bündig sein soll; daß außer den Meistern und ihren 
Schülern auch andere und jüngere Autoren mit ihren Ansichten und For¬ 
schungsergebnissen zu Worte kommen sollen, und daß ferner die Quintessenz 
der praktischen Erfahrung und wissenschaftlichen Erkenntnis, die hygie¬ 
nische Gesetzgebung, in großem Umfang berücksichtigt werden soll. Diesem 
Plan ist das Buch treu geblieben. Da es wesentlich für Ärzte geschrieben 
ist, sind selbstverständlich die ärztlichen Teile der Gesundheitspflege, der 
öffentlichen wie der privaten, in erster Linie berücksichtigt, und speziell die 
Infektionskrankheiten nehmen einen sehr großen Teil des Lehrbuches für 
sich in Anspruch. Doch finden auch alle übrigen Kapitel der Hygiene, 
Nahrung und Kleidung, Schule und Gewerbe, Wohnung mit Lüftung und 
Heizung, Wasserversorgung und Badewesen, Beseitigung der Abfallstoffe, 
Krankenhäuser u. a. ihre Schilderung. Besonders wertvoll sind die sehr 
zahlreichen und vollständigen Hinweise auf die gesetzlichen und behörd¬ 
lichen Vorschriften, die sich in allen Kapiteln finden. Ein sorgfältiges 
Namen- und Sachregister erleichtert die Benutzung des Lehrbuches als Nach- 
schlagebuch. Der reiche Inhalt und die knappe übersichtliche Form werden 
dem Buch zahlreiche Freunde und weite Verbreitung sichern. F. A. 


Prof. Dr. H. Büchner: Acht Vorträge aus der Gesundheits- 
lehre. Zweite durchgesehene Auflage besorgt von Prof. Dr. M. 
Gr über. Leipzig, Teubner, 1903. 8. 138 S., mit zahlreichen Ab¬ 

bildungen im Text. 

Die Vorträge sind im Winter 1896/97 im Münchener Volkshochschul¬ 
verein vor einem aus allen Bevölkerungsschichten zusammengesetzten Hörer¬ 
kreis von dem damaligen, leider so früh gestorbenen Ordinarius der Hygiene 
an der Münchener Hochschule, Professor Büchner, gehalten worden und 
sind erstmalig im Jahre 1898 im Druck erschienen. Schon nach wenigen 
Jahren war das Büchlein vergriffen, und so hat Büchners Nachfolger auf 
dem Lehrstuhl der Hygiene in München, Professor Max Gruber, es über¬ 
nommen, diese zweite Auflage zu besorgen, wobei er so wenig als möglich 
an Text und Ton der Vorträge etwas geändert und tiefergreifende Ände¬ 
rungen nur da vorgenommen hat, wo durch den Fortschritt der Wissenschaft 
dies geboten schien. 

So hat das Schriftchen den frischen, fesselnden Ton beibehalten, den 
ihm Büchner zu geben wußte, der, wie er die strengsten wissenschaftlichen 
Probleme zu erforschen und zu lösen verstand, auch ausgezeichnet war als 
populärer Darsteller der feststehenden Wahrheiten und Lehren der Gesund¬ 
heitspflege. Die Vorträge, kurz, präzis und für jedermann verständlich ab¬ 
gefaßt, begreifen alle die wichtigsten Gebiete der Hygiene: Luft, Licht, 
Wärme, Wohnung, Ventilation, Wasserversorgung und Boden Verunreinigung, 
denen sich dann in den beiden letzten Vorträgen die Lehre von den Infek¬ 
tionserregern, den Spaltpilzen, und von der Desinfektion an9chließen. 


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Kritiken und Besprechungen. 

Das Büchlein, das sich leicht und angenehm liest, überragt weit die 
meisten der zahlreichen sog. populären Schriften über Gesundheitspflege, 
nnd ist ihm weiteste Verbreitung zu wünschen. A. S. 


Hafenarzt Dr. Nocht: Der Dienst des Hafenarztes in Hamburg. 
Zweiter Bericht. Hamburg, Voß, 1903. gr. 4. 62 S., mit 6 Ab¬ 

bildungen und 1 Karte im Text. 

Nachdem die Gesetzgebung und Organisation des seit 10 Jahren ein¬ 
gerichteten hafenärztlichen Dienstes für die gesundheitspolizeiliche Über¬ 
wachung des gesamten Schiffsverkehres im Hamburger Hafen jetzt zu einem 
gewissen Abschluß gelangt zu sein scheint, ist die in diesem die Jahre 1885 
bis 1902 umfassenden zweiten Bericht des Hafenarztes Dr. Nocht gegebene 
eingehende Darstellung des Dienstes und seiner Ergebnisse von besonderem 
Wert. 

Eine Reihe von Anlagen bringt die gesetzlichen Bestimmungen. 

Wichtig ist die in der Hafenordnung von 1897 getroffene Anweisung 
der Schiffsführer betr. die gesundheitspolizeiliche Beaufsichtigung des Schiffs¬ 
verkehrs durch den Hafenarzt, sowie die in § 22 dieser Verfügung gegebene 
Festlegung der Befugnisse desselben: „Der Hafenarzt ist befugt, alle Iso¬ 
lierungen, Ausschiffungen, Desinfektionen, Impfungen und sonstigen Ma߬ 
nahmen, welche ihm im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege erfor¬ 
derlich erscheinen, an Bord anzuordnen und erforderlichenfalls mit Hilfe 
der Hafenpolizei ausführen zu lassen. Dasselbe gilt von Anordnungen in 
bezug auf die Instandhaltung und Sauberkeit, Ventilation, Heizung und 
Einrichtung der Mannschaftsräume und auf die Güte des Proviants und des 
Trinkwassers.“ — Für die aus verseuchten Häfen kommenden Schiffe gelten 
noch die durch eine Desinfektionsanweisung für Seeschiffe ergänzten Verord¬ 
nungen gemäß den internationalen Sanitätskonventionen von Dresden und 
Venedig und den daraufhin von den deutschen Seeuferstaaten getroffenen 
Vereinbarungen, von denen die zu erwartenden Bundesratsvorschriften im 
Gefolge des Reichsgesetzes betr. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krank¬ 
heiten grundsätzliche Abweichungen kaum bringen werden. 

Die sanitätspolizeiliche Untersuchung und Überwachung der Seeschiffe 
wird im einzelnen dargelegt; die getroffene Verwendung von unter den 
Ärzten stehenden Gesundheitsaufsehern für viele der Besichtigungen erwies 
sich als zweckdienlich. Interessant sind die Ausführungen über die ver¬ 
schiedenen gegen die Schiffsratten eingeleiteten Vernichtungsmaßregeln; die 
Tötung durch ein aus CO und CO 2 bestehendes, nicht explosibles und nicht 
entzündliches Gasgemisch, das, durch geeignete Verbrennung von Koks in 
einem Generatorofen erzeugt und durch die Ventilatoren in die Laderäume 
geleitet, überallhin, auch zwischen dichtgestautes Ladegut dringt, bewährte 
sich gut. 

Zu den Dienstobliegenheiten des Hafenarztes gehört durch die neue 
Medizinalordnung nunmehr auch die Leitung der gesundheitspolizeilichen 
Kontrolle der Seeschiffe in Cuxhaven, des ärztlichen Dienstes beim Aus¬ 
wandererwesen, sowie des Seemannskrankenhauses und des damit verbun¬ 
denen Institutes für Schiffs- und Tropenkrankheiten, schließlich durch 


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Kritiken und Besprechungen. 


besondere Verfügung des Senats die medizinalbehördliche Prüfung der Aus¬ 
rüstung der Kauffarteischiffe mit Hilfsmitteln zur Krankenpflege und der 
Mitnahme von Schiffsärzten. F. Reiche (Hamburg). 


Sanitätsrat Dr. G. Herzfeld, Bahnarzt: Handbuch der bahnärzt- 
lichen Praxis. 

Wie Verfasser in dem Vorwort zu seinem Handbuch sagt, stellt das¬ 
selbe einen ersten Verbuch dar, alles zusammenzufassen, was dem Bahnarzt 
in seinem Beruf als solchem nötig zu wissen und zu kennen ist. 

Referent bemerkt hier voraus, daß der Versuch im ganzen recht wohl 
gelungen ist, und daß die Lücken des Werkes in einer zweiten Auflage 
leicht beseitigt werden können; allzu große und allzu viele sind es ja nicht. 
Ebenso können, ohne daß der Wert des Buches darunter leiden wird, manche 
Abschnitte wesentlich gekürzt werden, während andere, wie die Statistik 
und die Hygiene der Eisenbahnen, dringend nach einer Erweiterung ver¬ 
langen. 

In der Einleitung bespricht Verfasser die Aufgaben und Obliegenheiten 
des Bahnarztes und macht die Forderungen des um die Eisenbahnhygiene 
hochverdienten Otto Braehmer zu seinen eigenen. — Der Abriß der Ge¬ 
schichte der deutschen Eisenbahnen ist kurz ausgefallen; ohne vermittelnden 
Übergang kommt Verfasser dann auf die Verwaltung der Eisenbahn zu 
sprechen, um dann ebenso unvermittelt auf das Reichseisenbahnamt über¬ 
zugehen. Vortrefflich gelungen ist die Bearbeitung der Betriebsordnung 
für die Haupteisenbahnen Deutschlands, ebenso die Signalordnung; nur ist 
zu furchten, daß dieselben eine Abänderung erfahren haben werden, bis sie 
die Bahnärzte nach dem Buch studiert haben werden. 

Den Hauptabschnitt des Werkes bildet die Besprechung der bahnärzt¬ 
lichen Tätigkeit, wobei Verfasser die der Beamten selbst einer eingehenden 
Beschreibung würdigt, den Einfluß des Dienstes bespricht, die Schwere des 
Dienstes ins Auge faßt und dann die Erkrankungen des Dienstpersonals 
erläutert. An dieser Stelle mußte unbedingt die Besprechung der Nachtruhe 
der Beamten, sowie die Übernachtungslokale, die Vorrichtungen für die Ver¬ 
pflegung der Beamten (Kocheinrichtungen , Bäder usw.) gebracht werden; 
dieselben werden allerdings später erwähnt, aber unter dem Kapitel der 
Beamtenfürsorge, als ob mit der Errichtung von Übernachtungslokalen z. B. 
den Beamten zunächst eine Wohltat erwiesen werden sollte. Nein! Tadel¬ 
lose Übernachtungslokale sind in erster Linie eine absolute Forderung für 
die Sicherheit des Betriebes. 

Ausführlich bespricht Verfasser die Erkrankungen des Dienstpersonals 
und die Unfallserkrankungen desselben. 

In dem Kapitel der Beamtenfürsorge finden sich leider wesentliche 
Mängel; zumeist ist nur auf die kgl. preußisch - hessische Eisenbahngemein¬ 
schaft Rücksicht genommen, während die übrigen Eisenbahnverwaltungen 
kaum berührt werden. Dem hier untergebrachten Kapitel der Kleidung der 
Eisenbahnbeamten werden ganze zwölf Zeilen gewidmet, den Badeeinrich¬ 
tungen für die Eisenbahnbeamten einige Zeilen mehr. Gut bearbeitet ist 
das Rettungswesen und die Tätigkeit des Bahnarztes als Sachverständiger. 


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Kritiken und Besprechungen. 


221 


Zu umfangreich scheint dem Referenten das Kapitel Aber die Mit¬ 
wirkung bei Ausführung des sozialen Gesetzes zu sein; es umfaßt weit über 
100 Seiten, während die Statistik auf einer Seite abgetan wird. Auch die 
Eisenbahnhygiene ist knapp und einseitig besprochen und bedarf bei der 
nächsten Auflage einer gründlichen Umarbeitung. 

Die letzten Kapitel betreffen die sanitätspolizeiliche Tätigkeit, die Orga¬ 
nisation der Bahnärzte, Verträge und Vertragsbestimmungen. — Das Literatur¬ 
verzeichnis ist nicht erschöpfend. 

Jedem Bahnarzte müssen wir die Anschaffung des Werkes dringend 
ans Herz legen; dasselbe wird ihm als Nachschlagebuch in vielen Fragen 
rasch und sicher Aufschluß bieten. Stich (Nürnberg). 


Dr. R. Wehmer, Regierungs- und Medizinalrat: Enzyklopädisches 
Handbuch der Schulhygiene. Erste Abteilung. Leipzig und 
Wien, Pichler, 1903. gr. 8. mit 134 Abbildungen. 

Die Schulhygiene hat in dem vorliegenden Werke wieder eine aus¬ 
gezeichnete Bearbeitung gefunden, was darauf zurückzuführen ist, daß der 
Herausgeber, der selbst durch die Herausgabe eines „Grundrisses der Schul¬ 
gesundheitspflege“ sich mit der Materie als besonders vertraut erwiesen hat, 
verschiedene Mitarbeiter gefunden hat, welche durch ihre spezielle Sach¬ 
kenntnis für die Bearbeitung der einzelnen Abschnitte besonders geeignet 
erschienen. 

Die Abschnitte über Baumaterialien und Baustoffe und über den Bau¬ 
grund von Büsing, über Ausflüge, Wanderungen, Bergsteigen, Schüler- 
(und Turn-)fahrten, über Erwerbstätigkeit oder -arbeit der Kinder, über 
Ferien, über häusliche Aufgaben von Krollik enthalten, um einzelne Bei¬ 
spiele anzuführen, alles Wissenswerte in Kürze und dem neuesten Stand der 
Anschauungen und Erfahrungen entsprechend, ebenso die medizinischen 
Abschnitte von Nawratzki (Psychiatrie), Silen (Augenheilkunde) und dem 
Herausgeber (allgemeine Erkrankungen und Infektionskrankheiten). Vielen 
der Leser werden die Berichte über das Schulwesen und die schulhygie¬ 
nischen Einrichtungen in verschiedenen Ländern in der vorliegenden Abtei¬ 
lung: Baden, Bayern, Belgien, China, Dänemark, Elsaß - Lothringen, Frank¬ 
reich, Freie und Hansastädte, Griechenland, Großbritannien, Hessen, Japan 
sehr willkommen sein. Einzelne derselben hätten vielleicht etwas kürzer 
ausfallen können; so haben z. B. in Belgien die Gehaltsverhältnisse der Schul¬ 
lehrer, wie die Anstellung derselben stattfindet, welche Beiträge der Staat, 
die Gemeinden und die Provinzen für die Schule leisten, für die Schulhygiene 
nur eine recht fern liegende Bedeutung. 

Die Ausstattung des Buches ist bezüglich der Abbildungen eine recht 
gute, der Druck ist für ein Buch über Hygiene unzulässig, so daß er für 
den Gebrauch beim Unterricht verboten werden müßte. Während nach den 
von verschiedenen Schulverwaltungen angenommenen Vorschriften Cohns 
durch eine 1 qcm große Öffnung nicht mehr als zwei Zeilen sichtbar sein 
dürfen, sind in der Enzyklopädie reichlich drei Zeilen zu lesen, es entspricht 
demnach keineswegs den Forderungen der Augenhygiene und damit auch 
bezüglich der Ausstattung nicht denen der Schulhygiene und der Hygiene 
überhaupt. Arthur IIartmann (Berlin). 


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222 


Kritiken und Besprechungen. 

Paul Johannes Müller: Das Schulzimmer. Vierteljahrsschau 
über die Fortschritte auf dem Gebiete der Ausstattung 
und Einrichtung der Schulräume, sowie des Lehrmittel¬ 
wesens mit besonderer Berücksichtigung der Forderungen 
der Schulhygiene. Verlag von P. Johs. Müller & Co., Berlin SW* 
Bei der kritischen Beurteilung der neuen Zeitschrift, deren erstes Heft 
vorliegt, muß man für einen Augenblick vergessen, daß der Herausgeber 
der neuen Zeitschrift selbst Fabrikant von Schulmöbeln ist, was immerhin 
eine objektive Wertbemessung anderer, von der „Konkurrenz“ gelieferter 
Einrichtungen der „Schulzimmer“ mindestens erschwert. Wenn man aber 
von dieser Tatsache absiebt, so muß man sagen, daß der Inhalt des vorliegen¬ 
den Heftes ein recht wertvoller und interessanter ist. 

Paul Johannes Müller hat eine sehr beachtenswerte Abhandlung 
geliefert „Über den Wert der Begriffe: Plusdistanz, Nulldistanz und Minus¬ 
distanz. Ein Beitrag zur Klärung der Schulbankfrage“. Sehr instruktive, 
vortrefflich ausgeführte Photogramme machen es in der Tat äußerst fraglich» 
ob die Festhaltung der bisher immer geforderten Minusdistanz für die rich¬ 
tige Sitz- bzw. Schreibhaltung der Schüler jene Bedeutung und jenen Wert 
haben, den man ihnen bislang beigemessen hat, und man muß Müller bei¬ 
pflichten, wenn er verlangt, daß man der „Distanz“ keine Bedeutung bei¬ 
messe und seine Aufmerksamkeit dem horizontalen Abstande zwischen der 
Lehne und der Pultkantenprojektion zuwende. Natürlich wird man noch 
weitere praktische Versuche und Nachprüfungen der Müll er sehen Vor¬ 
schläge von anderer Seite abwarten müssen, ehe man die ganze Streitfrage 
als erledigt betrachten kann. Immerhin sind aber Müllers Einwände gegen 
die „Distanz“ so gewichtige, daß man dieselben nicht ignorieren kann. 

Hans Suck bespricht die Versuche Wernickes mit staubbindenden 
Ölen und kommt auf Grund eigener Versuche zu dem gleichen Resultate wie 
W'ernicke, daß diese Öle ein vortreffliches Mittel sind, den Staub in den 
Schulen zu vermindern, wenn auch der Anwendung dieser Öle noch kleine 
Fehler anhaften. Suck empfiehlt unter anderem, zum Auskehren nicht 
weiche Haarbesen, sondern Piassavabesen zu verwenden. 

„Amtliche Verfügungen“, „Kurze Mitteilungen“ und eine „Patentschau* 
(technische Neuheiten), sowie „Besprechungen“ bilden den weiteren Inhalt 
des vorliegenden Heftes. Altschul (Prag). 


Dr. Paul Ritter: Zahn- und Mundhygiene im Dienste der 
öffentlichen Gesundheitspflege. Supplement II, Liefg. 4 des 
Handbuchs der Hygiene, herausgegeben von Weyl. Jena, Fischer, 
1903. gr. 8. 220 S., mit 5 Abbildungen und 2 Kurven. 

Der Verfasser hat in der vorliegenden Arbeit den Versuch gemacht, 
die Mund- und Zahnhygiene im Dienste der öffentlichen Gesundheitspflege 
in zusammenfassender Darstellung zu behandeln, ein Gebiet, das noch ver¬ 
hältnismäßig neueren Datums ist, und für das, wie die neuerlichen Be¬ 
wegungen namentlich auf dem Gebiete der Schulgesundheitspflege wie in 
der Militärhygiene dartun, das Interesse in steigendem Maße zunimmt. 
Dementsprechend hat die Literatur über diesen Gegenstand in den letzten 


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Kritiken und Besprechungen. 


223 


Jahren einen außerordentlichen Umfang angenommen. Die hier gefundenen 
Ergebnisse zu ordnen, den Weg der Forschung anzugeben und endlich die 
aufzustellenden Forderungen zu pr&zisieren, war der Zweck der Ausführungen 
des Verfassers. 

Eline Durchsicht des Gebotenen lehrt, daß es dem Verfasser in vollem 
Umfange gelungen ist, dieses Ziel zu erreichen. 

Im ersten, allgemeinen Teil behandelt Verfasser die Pflege der Zähne 
und des Mundes und ihre Beziehung zum Gesamtorganismus des Kindes 
und des Erwachsenen, sowohl bei vorhandener allgemeiner Gesundheit wie 
bei Störungen derselben und Erkrankungen anderer Organe. In pro¬ 
phylaktischer Beziehung haben hierbei diejenigen Punkte Berücksichtigung 
gefunden, welche nach dem heutigen Stande der Hygiene geeignet erscheinen, 
dem in der Entwickelung begriffenen Individuum gesunde Zähne zu schaffen 
und zu erhalten. 

Im zweiten, speziellen Teil erörtert der Verfasser die Mittel und Wege, 
die in Anwendung zu kommen haben, um die notwendigen prophylaktischen 
Maßnahmen im Interesse des Volkswohls durchzusetzen. Ihrer Bedeutung 
entsprechend nehmen hierbei die Zahn- und Mundpflege in der Schule und 
das bisher auf diesem Gebiete Geleistete, die Zahn- und Mundpflege in 
Gewerbebetrieben, unterschieden nach den einzelnen in Frage kommenden 
gewerblichen Schädlichkeiten, und die Zahn- und Mundpflege im Heere einen 
verhältnismäßig großen Raum ein. Außer statistischen Unterlagen gibt der 
Verfasser ein übersichtliches Bild der hier bestehenden Einrichtungen unter 
Berücksichtigung auch des Auslandes, um im Anschluß daran die zu er¬ 
hebenden besonderen Forderungen zu erörtern. 

Die vorliegende Arbeit stellt einen wertvollen Beitrag auf dem großen 
Gebiet der Hygiene dar, der sich auf dem speziellen Gebiet der Zahn- und 
Mundpflege als ein ebenso willkommener wie brauchbarer und zuverlässiger 
Führer erweisen wird. Roth (Potsdam). 


Dr. med. Schwarz, Direktor des städtischen Schlacht- und Viehhofes zu 

Stolp i. P.: Bau, Einrichtung und Betrieb öffentlicher 
Schlacht- und Viehhöfe. Dritte, neu bearbeitete und stark 
vermehrte Auflage. Berlin, Springer, 1903. gr. 8. 948 S., mit 

400 Abbildungen und 6 Tafeln. 

Wenn ein umfangreiches Werk wie das vorliegende nach je vier Jahren 
zuin dritten Male eine neue Auflage erfordert, so ist damit seine Bedeutung 
erwiesen. In der Tat ist das Buch seit Jahren der Ratgeber aller Sanitäts¬ 
und Verwaltungsbeamten und erfreut sich einer großen Wertschätzung, die 
ihm in der neuesten Bearbeitung erst recht entgegengebracht werden wird, 
da namentlich die bildnerischen Beigaben sehr beträchtlich vermehrt er¬ 
scheinen. Einem „Wunsche der Kritik“ entsprechend wurde insbesondere 
auch der historische Teil erweitert: das 1. Kapitel des Buches ist ein höchst 
interessantes Stück wichtiger Kulturgeschichte geworden. Dank dem Eifer, 
mit welchem sich jetzt alle Gemeinden ihrer Pflichten auf diesem Gebiete 
bewußt werden, ist die Zahl der neu errichteten Anlagen in stetem Wachsen, 
und wie das Buch eine Anzahl neuer Anstalten als „Musterbeispiele“ aus- 


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224 


Kritiken und Besprechungen. 


führlich beschrieb, hat es dem baulichen Teile überhaupt mit Recht einen 
sehr großen Umfang gewidmet, so daß dieser Teil allein so groß geworden ist 
wie in seiner ersten Auflage das ganze Buch. Aber aus demselben Grunde 
ist es bedauerlich, daß man mit Rücksicht auf die Stärke des Buches davon 
Abstand nahm, auch ein Literaturverzeichnis beizufügen, denn die Gemeinden, 
welche an die Neuordnung ihrer Schlachthausaufgaben herantreten, müssen 
sich mit Rücksicht auf die bedeutenden dabei in Betracht kommenden 
Finanzfragen in umfassender und vielseitigster Weise informieren können. 
Außer allen technischen Seiten der Angelegenheit (einschließlich der Beamten- 
und Versicherungsfragen) sind auch die neuen zahlreichen einschlägigen 
Gesetze, Regulative usw. in dem Buche behandelt und mit reichlichen An¬ 
merkungen und Erläuterungen versehen. 

Landsberger (Charlottenburg). 


Professor Dr. Otto Busse, Greifswald: Das Obduktionsprotokoll. 

Zweite Auflage. Berlin, R. Schütz, 1903. 

Der von Grawitz’ langjährigem Assistenten bearbeitete Leitfaden der 
Protokollartechnik hat in verhältnismäßig kurzer Zeit seine zweite Auflage 
erlebt und damit schon seine praktische Brauchbarkeit erwiesen. Wer das 
Buch kennt, wird diesen Erfolg als verdient bezeichnen, da es seinen Gegen¬ 
stand in sachgemäßer und erschöpfender Weise behandelt, und wird seine 
Verbreitung begrüßen, da von ihr eine Minderung der den Obduktions¬ 
protokollen noch vielfach anhaftenden Mängel zu erhoflen steht. 

Die neue Auflage hat gemäß den entsprechenden Bestimmungen die 
technischen Fremdworte durch deutsche Ausdrücke ersetzt, soweit jene nicht 
ganz in unsere Sprache übergegangen sind — eine gewiß zu billigende 
Einschränkung. Es sind ferner einzelne Ergänzungen besonders in betreff 
der alsbald bei der Obduktion auszuführenden mikroskopischen Unter¬ 
suchungen angefügt worden. Die Zeichnungen, welche die Herz- und Ge¬ 
hirnschnitte veranschaulichen sollen, sind klar und übersichtlich. Ein An¬ 
hang bringt ein Musterprotokoll und den Wortlaut des preußischen Regulativs 
von 1875. Beigegeben ist dem Buche ein 20 Seiten starkes Oktavheft 
„Schemata für Obduktionsprotokolle“. Diese Schemata führen in der vor¬ 
geschriebenen Buchstaben- und Nummerneinteilung sämtliche Punkte auf, 
die im Protokoll zu berücksichtigen sind. Referent hat sich besonders dar¬ 
über gefreut, daß der Verfasser sich darauf beschränkt hat, diese Punkte 
als Stichworte anzuführen, und der Versuchung widerstanden hat, ein voll¬ 
kommenes, in Sätze gefaßtes Protokollschema auszuarbeiten, das der Obdu¬ 
zent mit möglichster Schonung jeder Denktätigkeit dann nur noch durch 
Auswahl einzelner Worte zu vervollständigen hat. 

F. Straßmann (Berlin). 


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Ken erschienene Schriften. 


225 


Neu erschienene Schriften über öffentliche 
Gesundheitspflege. 

(100. Verzeichnis.) 


1. Allgemeines. 

Arbeiten ans dem kaiserlichen Gesundheitsamte. Bd. XX, Heft 2. Berlin, 
Springer, 1903. Lex.-8. S. 155 — 386 mit 4 Tafeln. 10 M. 

B&loh, Lewis: Amannal for boards of healtb and health offioers. Albany, Banks, 
1903. 12. 204 p. 

Baumgarten, A., Dr.: Katechismus der Gesundheitslehre für die Schuljugend. 
Unter Mitwirkung eines Lehrers zusammengestellt. Wörishofen 1908. gr. 8. 
V — 79 S. 0*50 M. 

Baur, Alfred, Dr. med.: Hygienischer Taschenatlas für Haus und Schule. Wies¬ 
baden, Nemnich, 1903. 12. 26 Tafeln mit erläuterndem Text. 1*50 M. 
Berninger, Johannes: Ziele und Aufgaben der modernen Schul- und Volks¬ 
hygiene. Winke und Ratschläge für Lehrer, Schulärzte und Eltern. Wies¬ 
baden, Nemnich, 1903. gr. 8. 90 S. 2 M. 

Gruber, Max, Dr., Prof.: Führt die Hygiene zur Entartung der Rasse? Vortrag. 

Stuttgart, Moritz, 1903. gr. 8. 36 S. 0*75 M. 

Heim, Ludwig, Dr., Prof.: Lehrbuch der Hygiene. Stuttgart, Enke, 1903. gr. 8. 

VIII — 863 S. mit 43 Abbildungen im Text. 8 M. 

Langlois, J. P.: Precis d’hygiene. Paris, Doin, 1903. 18. 8 Frcs. 

Laurent, H. Dr.: Manuel d’hygiöne populaire. Paris, impr. David, 1903. 8. 
T50 Frcs. 

Le Noir de Tourteauville: De la protection de la saute publique. Commen- 
taire et guide pratique de la loi du 15 fevrier 1902. Reims, Michaut, 1903. 
8 . 20 Frcs. 

Momy, Dr.: La Protection de la sante publique. Loi — commentaires de la 
hoi — räglements d’administration. Paris, Bailliöre, 1903. 16. 96 p. 

1*50 Frc. 

Offizieller Bericht über die zweite Hauptversammlung des Deutschen Medizinal¬ 
beamten-Vereins zu Leipzig am 14. und 15. September 1903. Berlin, Fischers 
med. Buchhandlung, 1903. 8. 193 S. 

Pavette, 0.: Notions pratiques de Sciences et d’hygiene ä Pusage des öcoles 
primaires et des classes elemeutaires des lycees et Colleges. Avec collabo- 
ration pour les notions d’hygiöne de M. Guillou. Paris, Belin, 1903. 12. 
Avec 74 figures. 1*50 Frc. 

Pfeiffer, A., Dr., Reg.- und Geh. Medizinalrat: Neunzehnter Jahresbericht über 
die Fortschritte u. Leistungen auf dem Gebiete der Hygiene. Jahrgang 1901. 
Supplement zur „Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheits¬ 
pflege*, Band XXXIV. Braunschweig, Vieweg & Sohn, 1903. gr. 8. X—660 S. 
Poore, G. Vivian, Dr.: Essays on rural hygiene. Third edition. London, Long- 
mans, Green & Co., 1903. 

BeyUaud, Gustave: Note sommaire sur Phygiöne des oolons dans lespays chauds. 
Paris, Gainche, 1903. 8. 26 p. 

Wakefield, H. Rowland: Experimental hygiene. London, Blackie, 1903. 8. 228 p. 
illustr. 2 sh. 6 d. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1904. 15 


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226 


Neu erschienene Schriften. 


Weyl, Th., Dr.: Handbuch der Hygiene. Dritter Supplementband, 1. bis 3. 
Lieferung. Inhalt: G. Pinkenburg: Der Lärm in den Städten und seine 
Verhinderung. — Dr. H. Leymann: Die Verunreinigung der Luft durch 
gewerbliche Betriebe. — B. Tschorn: Die Rauchplage. Jena, Fischer, 
1903. gr. 8. 200 S. mit 78 Abbildungen. 4*80 M. 

2 . Statistik und Jahresberichte. 

Bericht über die Gesundheitsverhältnisse und Gesundheitsanstalten in Nürnberg. 
Herausgegeben vom Verein für öffentliche Gesundheitspflege zu Nürnberg 
unter Mitwirkung des Stadtmagistrats. Jahrgang 1902. Nürnberg 1903. 8. 
365 S. 

Clöment, Henry: La depopulation en France; ses causes et ses remedes, d’apres 
los travaux les plus recents. Paris, Bloud, 1903. 8. 64 p. 

Coghlan, T. A.: The delcine in the birth rate of New South Wales. An essay 
in statistics. Sydney, Gullick, 1903. gr. 8. 69 p. 

Hirschberg, E., Dr., Prof., Dir.: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 
XXVII. Jahrgang, enthaltend die Statistik der Jahre 1900 bis 1902. Im Auf¬ 
träge des Magistrats herausgegeben. Berlin, Stankiewicz, 1903. 8. XVII— 
702 S. mit 3 Tafeln. 14 M. 

Jung, Jules: Familie, population. Etüde critique des moyens actuellement pro- 
poses pour favoriser Paccroissement de la natalite en France. Paris, Pedone, 
1903. 8. 5 Frcs. 

Medizinalbericht von Württemberg für das Jahr 1901. Im Auftrag des königl. 
Ministeriums des Innern herausgegeben von dem königl. Medizinalkollegium. 
Stuttgart, Kohlhammer, 1903. Lex.-8. 172 S. mit 6 Plänen und 2 Über¬ 

sichtskärtchen im Text. 2*50 M. 

Salvat, Pax: La depopulation de la France. These. Lyon, Storck, 1903. 8. 
2 50 Frcs. 

Statistik, Schweizerische —, 137. Lieferung: Ehe, Geburt und Tod in der 
schweizerischen Bevölkerung während der 20 Jahre 1871 bis 1890. III. Teil, 
2. Hälfte: Die Todesursachen. Zürich, Orell Füßli, 1893. gr. 4. 75 und 

163 S. mit 5 farbigen Tafeln. 8 M. 

3. Wasserversorgung, Entwässerung und Abfuhr. 

Baucher, T.: Analyse chimique et bacteriologique des eaux potables et mine¬ 
rales. Epuration des eaux. Lögislation. Paris, Vigot, 1903. 12. avec 16 figures. 
7 Frcs. 

Bloch, Heinrich: Beitrag zur Bakterienflora der Straßburger Wasserleitung. 
Inaugural-Dissertation. Straßburg 1903. 

Dibdin, W. S.: Purification of sewage and water. Tird edition. London, Sani- 
tary Publ., 1903. 8. 416 p. 21 s. 

Dobel, E., Reg.-Baumeister, Bauinspektor: Kanalisation. Anlage und Bau städti¬ 
scher Abzugskanäle und Hausentwässerungen. Vierte neu bearbeitete Auf¬ 
lage. Nebst einem Anhang: Abwässerreinigung von Reg. - Baumeister Emil 
Maier. Stuttgart, Kohlhammer, 1903. gr. 8. VIII —178S. mit Abbildungen 
und 16 Tafeln. 4*80 M. 

Fried, Rudolf, Assistent : Die Wasserversorgung der Ortschaften, besonders für 
Feuerlöschzwecke. München, Schweitzer, 1903. gr. 8. IV — 95 S. mit 82 Ab¬ 
bildungen. 1 M. 

Frühling, A., Geh. Baurat, Prof.: Die Entwässerung der Städte. Erste Hälfte: 
Anlagen der Brauch- und Regenwässer. Leipzig, Engelmann, 1903. Lex.-8. 
410 S. mit 601 Abbildungen und 6 Tafeln. 11 M. 

Jolles, Adolf, Dr., Dozent: Über Wasserbegutachtung. Ein Vortrag. Wien, 
Deuticke, 1903. gr. 8 . 29 S. 1* M. 


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Neu erschienene Schriften. 


227 


Tj flhmsnn ^ K. B., Dr., Prof.: Die Verunreinigung des Kanalhafens von Franken¬ 
thal, ihre Ursachen, ihre Folgen und die Mittel zur Abhilfe. . Gutachten, er¬ 
stattet im Aufträge des Kgl. Bezirksamts Frankenthal. Würzburg, Stüber, 
1903. gr. 8. 81 S., mit 1 Karte. 3 M. 

Leigthon, M. 0.: Normal and polluted waters in Northeastern United States. 
Washington, Govt. print. off., 1903. 8. 192 p. 

Maröchal, £.: Les sources vauclusiennes dans le däpartement du Doubs. Etüde 
bacteriologique. Besangon 1903. 8. 23 p. 

Middleton, Reginald E.: Water supply; a students handbook on the condition» 
governing the selection of sources and the distribution of water. London, 
Griffin, 1903. 8. 173 p. 83 h 6 d. 

Overbeck, Dr., Stabsarzt: Wie kam Metz zu der Wassernot? Auf Grund amt¬ 
lichen Materials. Metz, P. Müller, 1903. gr. 8. 85 S. 1'50 M. 

Schmidt, H., Wasserbauinspektor: Der heutige Stand der Abwässerklärungs¬ 
frage und die Reinhaltung unserer Vorfluter. Vortrag. Leipzig, Leineweber, 
1903. gr. 8. 65 S. mit Abbildungen. 2 M. 

Vaillard: L’epuration de l’eau potable en Campagne. Paris, Bailiiere, 1903. 8. 
39 p. 1*25 Frc. 

Wataon, T. D.: The purification of sewage, with special reference to the works 
of the Birmingham, Tarne, and Rea District Board. Appendix (plates). 
Birmingham, 1903. 4. 57 p. 

4. Straßen-, Bau- und Wohnungshygiene. 

Beauverie, J.: Etüde sur le Champignon des maisons (Merulius lacrymans), 
destructeurg des bois de charpentes. Lyon, Rey, 1903. 8. 66 p. aveo figures. 

Bericht über die V. Generalversammlung des Rheinischen Vereins zur Förde¬ 
rung des Arbeiterwohnungswesens und über die Versammlung des Ver¬ 
bandes der Rheinischen Baugenossenschaften am 14. und 15. Mai 1903 in 
der Stadthalle zu Elberfeld. Düsseldorf, Wolfram, 1903. 8. 54 S. 

Buchan, David W.: The house healthful: Vital points for proprietors, house 
agents and householders. Glasgow, Jack & Carrick, 1903. 

C&cheux, Emile: Les Habitations ouvrieres en tous pays. Supplement ä la 
seconde edition de l’ouvrage de MM. Müller et Cacheux, publiee en 1869. 
Paris, Beranger, 1903. 4. avec 40 planches. 25 Frcs. 

Mehl, W., Ingenieur: Zur Beurteilung der Luftbeschaffenheit geschlossener 
Aufenthaltsräume mit dauernder Benutzung. Leipzig, Leineweber, 1903. 
gr. 8. 21 S. 0*50 M. 

Mehl, W., Ingenieur: Über Rauch und Ruß, sowie deren Verminderung, unter 
besonderer Berücksichtigung der häuslichen Feuerungsanlagen. Leipzig, 
Leineweber, 1903. gr. 8. 51 S. 1 M. 

Ortabauordnimg für die Stadt Leipzig. Erster Teil. Leipzig, Matth es, 1903. 
gr. 8. III—40 S. 1 M. 

Beid, A. H.: The sanitation of buildings and building areas. Cape Town, 1903. 
8 . 15 p. 

Bost, Otto, Architekt: Vorschläge zu neuen Bestimmungen für eine Berliner 
Baupolizeiordnung, resp. zu einem Deutschen Baugesetz. Berlin, Eckstein, 
1903. gr. 8. 80 S. mit Abbildungen. 2 M. 

Tschom, Bernhard, Gewerberat: Die Rauchplage. Jena, Fischer, 1903. gr. 8. 
74 S. mit 43 Abbildungen. 2*40 M. 

5. Schulhygiene. 

B&ur, Alfred, Dr. med.: Die Hygiene des kranken Schulkindes. Für Schulvor¬ 
stände, Lehrer und Schulbibliotheken. Mit Beiträgen von Medizinalrat 
Dr. Koch und Dr. Schmid-Monnard. Stuttgart, Enke, 1903. gr.8. 686S. 
mit 275 Abbildungen. 14 M. 

15* 


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228 Neu erschienene Sohriften. 

Belloro, A. 6., Ingenieur: Tipi nuovi di costruzioni scholastiche. Torino, 
Pozzo, 1903. 4. 16 p. 

Burgerstein, Leo: Gesundheitsregeln für Schüler and Schülerinnen, und zwar 
für vorgeschrittene Besucher von Volksschulen, ferner für jene der Bürger¬ 
schulen, der unteren Klassen von Gymnasien und Realschulen usw., sowie 
für Zöglinge der Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten. Wien, k. k. 
Schulbücherverlag, 1903. 8. 15 S. 10 Heller. 

Burgerstein, Leo: Zur häuslichen Gesundheitspflege der Schu^ugend. Be¬ 
merkungen für die Eltern und die Pfleger von Kostzöglingen. Wien, k. k. 
Schulbücherverlag, 1904. 8. 14 S. 10 Heller. 

Eloui Bey, Mohammed: Contribution ä l’etude de la granulation conjonctivale; 

de sa nature et de sa prophylaxie dans les ecoles. Le Gaire 1909. 8. 121 p. 
Ergebnisse der Sommerpflege, Die — in Deutschland (Ferienkolonien, Kinder¬ 
heilstätten etc.) im Jahre 1902. Bericht der Zentralstelle der Vereinigungen 
für Sommerpflege in Deutschland. Berlin, Puttkammer und Mühlbrecht, 1903. 
gr. 8. 56 S. 1*50 M. 

Frenzei, Fr., Hilfsschulleiter: Die Hilfsschulen für Schwachbegabte Kinder in 
ihrer Entwickelung, Bedeutung und Organisation. Hamburg, Voll, 1903. 
gr. 8. 88 S. 1 M. 

Igl, Johann, Dr.: Zweiter Bericht über die Tätigkeit der städtischen Bezirks¬ 
ärzte in Brünn als Schulärzte für die Zeit vom 1. März 1902 bis 1. März 

1903. Brünn 1903. gr. 8. 62 S. 

Kabrhel G., F. Nelich und A. Hraba: Die Lüftung und Heizung der Schulen. 
Wien, Safaf, 1904. 

Kerschensteiner, Georg, Dr., Stadtschulrat: Eine Aufgabe der Stadtverwal¬ 
tungen. Vortrag auf dem sechsten deutschen Kongresse für Volks- und 
Jugendspiele zu Dresden. München, Gerber, 1903. gr. 8. 34 S. 0*75 M. 
Müller, P. Johannes: Das Schulzimmer. Vierteljahresschau über die Fort¬ 
schritte auf dem Gebiete der Ausstattung und Einrichtung der Schulräume 
sowie des Lehrmittelwesens mit besonderer Berücksichtigung der Forde¬ 
rungen der Schulhygiene. Erster Jahrgang, Oktober 1903 bis September 

1904. 4 Nummern. Berlin, P. J. Müller, 1903. gr. 8. (Nr. 1: 75 S. mit Ab¬ 
bildungen.) 4 M. 

Oebbecke, Dr., Stadtarzt : Jahresbericht über den schulärztlichen Überwachungs¬ 
dienst in den Volksschulen zu Breslau für das Schuljahr 1902. Breslau 1903. 
gr. 8. 40 S. 

Wehm er, R., Dr., Reg.- und Medizinalrat: Enzyklopädisches Handbuch der 
Schulhygiene. Erste Abteilung. Leipzig u. Wien, Pichler, 1903. gr. 8 mit 
134 Abbildungen. 

Witlaczil, Emanuel, Dr., Seminar-Prof.: Bau, Tätigkeit und Pflege des mensch¬ 
lichen Körpers. Zunächst für Mädchenlyzeen. Wien, Holder, 1903. gr. 8. 

III — 69 S. mit 4 Holzschnitten. P10 M. 

6. Hospitäler und Krankenpflege. 

Bürli, J., Dr.: Taschenbuch für die erste Hilfe bei Unglücksfällen und Er¬ 
krankungen, mit besonderer Berücksichtigung der Krankenpflege and der dazu 
nötigen Utensilien, nebst Anleitung zum Einrichten und zur zweckmäßigen 
Benutzung von Verband- und Arzneikästen. Bern, Heuberger, 1908. 8. 

IV —124 S. mit 53 Abbildungen. 1*60 M. 

Christeller, Dr.: Die erste Hilfe bei Unglücksfällen. Berlin, Buchhandlung 
Vorwärts, 1903. 8. 24 S. mit 9 Abbildungen. 0*20 M. 

Delmas, D.: La tuberculose infantile medicale et les sanatoria maritimes. 
These. Montpellier 1903. 

Doll, K., Dr.: Die häusliche Pflege bei ansteckenden Krankheiten, insbesondere 
bei ansteckenden Kinderkrankheiten. Drei Vorträge. München, Oldenbourg, 
1903. gr. 8. 76 S. 0*40 M. 


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Neu erschienene Sohriften. 


m 

Felix, Jules: Sanatoires populaires et oolonies sanitairee an point de vue de lg 
prophylaxie de la taberculose et du traitement des tuberculeux. Bayonne, 
Seite, 1903. 8. 8 p. 

Müller, Ottilie, Schwester: Anleitung zur häuslichen Krankenpflege. Berlin, 
Harrwitz, 1903. gr. 8. 45 S. mit Abbildungen. 1*20 M. 

Bosenthal, Georges: Les dispensaires antituberculenx. Paris 1903. 8. 87 p. 

Stewart, Isla, und H. E. Cuff: Practioal Nursing. 2 Yolumes. London, Black* 
wood, 1903. 

Sultan, G., und E. Schreiber: Die erste Hilfe in Notfällen. Leipzig, Vogel, 
1903. 8. 365 S. mit 78 Abbildungen. 8 M. 

Vaudremer, A.: Les colonies agriooles dans la tubereolose. L’Asile Pasteur. 
Paris, Bailliere, 1903. 8. 29 p. 1 Fra 

Weicker, Hans, Dr.: Beiträge zur Frage der Volksheilstatten. VUI: Mitteilungen 
aus Dr. Weickerts Volkssanatorium „Krankenheim“ in Görbersdorf. Leipzig, 
Leineweber, 1903. gr. 8. 123 S., mit 16 Tabellen. 9 M. 

Welcher, Hans, Dr.: Tuberkulose —Heilstätten — Dauererfolge. Eine kritische 
Studie. Leipzig, Leineweber, 1903. gr. 8. 55 S. 1*60 M. 

7. Militär- und Schiffshygiene. 

Cron, Stabsarzt: Studie über den Gefechts-Sanitätsdienst im Rahmen eines 
Korps. Entwickelt an der Hand der militärischen Ereignisse der Westpartei 
im Treffen vom Nachod am 27. Juni 1866. Wien, Safaf, 1904. gr. 8. 
III—283 S. mit 9 Skizzen als Beilage. 6*40 M. 

Dieu: Snr Pevolution et la prophylaxie des maladies veneriennes dans l’armäe 
fran^aiee. Melun, Impr. administrative, 1903. 8. 14 p. 2 cart 

Guttenberg, Dr., Kolonnenarzt: Grundzüge des theoretischen Unterrichts der 
freiwilligen 8anitätskolonnen. Für Wiederholungskurse in Frage und Ant¬ 
wort. Zweite Auflage. Karlsruhe, Braun, 1904. 12. VI—60 S. 0*50 M. 

Querat, Auguste: Du Service de saute dans les armees de Pancien regime. 
These. Paris 1903. 8. 

Roths Jahresbericht über die Leistungen und Fortschritte auf dem Gebiete des 
Militär -Sanitätswesens. Herauegegeben von der Redaktion der Deutschen 
militärärztlichen Zeitschrift. XXVIIT. Jahrgang: Bericht für das Jahr 1902. 
Berlin, Mittler, 1903. gr. 8. XXXVIII—185 S. 5 M. 

Sagrandi: Guide profeseionel et technique ä l’usage des membres des sooiätäs 
d’assistance aux malades et blesses des armees de terre et de mer. Paris, 
Maloine, 1903. 12. 325 p. 

Sanitätsberioht über die königl. preußische Armee und das XII, XIX u. XIII 
Armeekorps f&r den Berichtszeitraum vom 1. Oktober 1900 bis 30. September 
1901. Bearbeitet von der Medizinalabteilung des königl. preuß. Kriegsmini- 
sterium8. Berlin, Mittler, 1903. gr. 4. VI^208 u. 167 8., mit 25 Karten in 
9 graphischen Darstellungen. 10*35 M. 

8 . Infektionskrankheiten und Desinfektion. 

Adamkiewioz, Albert, Dr., Prof.: Die Heilnng des Krebses. Wien, Braumüller 
1903. gr. 8. XIX — 237 S. mit 3 Abbildungen. 4*80 M. 

Andrewes, F. W.: Lessons on disinfection and Sterilisation. London, Churchill, 
1903. gr. 8. 222 p. 3 sh. 

Antonin: De la serotberapie dans la fiövre scarlatine; ätude pathogenetique et 
de therapeutique pathogenique. These. Montpellier 1909. 

Arathoon: Etat actnel de la Science sur la question die l’etiologie da cancer. 
Th&se. Bordeaux 1903. 

Bancel, Louis: Le bacille d’Ebert et le poumon des typhiquee. These. Lyon, 
Legeadre, 1908. 8. 90 p. 


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230 Neu erschienene Schriften. 

v. Baumg&rten, P., Dr., Prof., und Prof. Dr. F.Tangl: Jahresbericht über die 
Fortschritte in der Lehre von den pathogenen Mikroorganismen, umfassend 
Bakterien, Pilze und Protozoen. XVII. Jahrgang, 1901, 2. (Schluß)-Abteilung. 
Leipzig, Hirzel, 1903. gr. 8. XII und S. 561—1114. 16 M. 
v. Behring, E., Prof.: Tuberkulosebekämpfung. Vortrag. Marburg, Eiwert, 
1903. gr. 8. 34 S. 1 M. 

Bell, Robert: Cancer. Is it curable? Yes. Glasgow, Cameron, 1903. gr. 8. 31 p. 
1 sh. 

Boeck, Hans: Über die Wirksamkeit des Antistreptokokkenserums bei septi¬ 
schen Puerperalerkrankungen. Inaugural-Dissertation. Halle 1903. 

Boldt, J., Dr., Oberstabsarzt: Das Trachom als Volks- und Heereskrankheit. 

Bibliothek von Coler, Heft 10. Berlin, Hirschwald, 1903. gr. 8. 240 S. 5M. 
Borrel, F., Dr.: Cholera et peste dans le pelerinage musulman, 1860—1903. 

Paris, Masson, 1903. 8. 200 p. 4 Frcs. 

Bouisson, H.: Lee procedes de laboratoire pour le diagnostic de la fievre typhoide. 
These. Montpellier 1903. 

Boucher: La peste ä la fin du XIX e et au XX e siede. Rouen 1903. 8. 21p. 
Breymann, Margarete: Über Stoffwechselprodukte des Bacillus pyocyaneus. 
Inaugural-Dissertation. Straßburg, 1903. 

Broido, S., Mlle.: Les dysenteries; etude critique. Paris, Naud, 1903. 8. 171 p. 
Chavant, Ferdinand: La peste ä Grenoble 1410—1643. Paris, Storck, 1903. 8. 
77 p., avec planches et figures. 

Clark, J. Jackson: Protozoa and disease. Newyork, Wood, 1903. 8. 196 p. 
7 sh. 6 d. 

Claude, Dr.: Cancer et tuberculose. Paris, Bailliere, 1903. 16. 496 p. avec 
figures. 1*50 Frcs. 

Crespin, J.: L’hematozoaire de la malaria. Ses diverses formes, envisagees au 
point de vue de leur correspondance en clinique. Paris, Leve, 1903. 8. 19 p. 
Ddvd, A., Dr.: Etude ütiologique ä propros du scorbut. Paris, Maloine, 1903. 
8 . 880 p. 8 Frcs. 

Dhingra, M. L., Dr.: Elementary Bacteriology. London, Longmans, Green <fc Co., 
1903. er. 8. 145 p. with 26 figures in text. 3 sh. 

Dutton, J. Everett: Report of the Malaria expedition to the Gambia, 1902, and 
an Appendix by F. V. Theobald. London, Longmans, Green & Co., 1903. 
imp. 8. X — 51 p. 10 sh. 6 d. 

Ferrier, L.: Quelques considerations sur une epidemie de diphterie ä Toulouse. 
Th&se. Toulouse 1903. 8. 48 p. 

Fisch, R., Dr.: Tropische Krankheiten. Anleitung zu ihrer Verhütung und Be¬ 
handlung. Für Missionare, Kaufleute und Beamte. Dritte, gänzlich umge¬ 
arbeitete Auflage. Basel, Missionsbuchhandlung, 1903. 8. 239 S. 5 Frcs. 
Flick, L. F.: Consumption, a curable and preventable disease. Philadelphia, 
Mc Kay, 1903. gr. 8. 295 p. 5 sh. 

Foumier: Les maladies typhoides; l’hygi&ne et le sol en Poitou. These. Bor¬ 
deaux 1903. 

Garrigue, Dr.: Maladies microbiennes. Nouvelle synthese biologique, ses lois et 
leur deductions, et nouvelle therapeutique. Troisieme edition. Paris, 
Bailliere, 1903. 18. 394 p. 4 Frcs. 

Georges, L.: Tuberculose et casernement. Paris, Balliere, 1903. 8. 11 p. 

0*50 Frc. 

Glaeser, J. A., Dr.: Ketzerische Briefe über die Tuberkulose. Hamburg, 
Mauke, 1903. gr. 8. 45 S. 0*80 M. 

v. Gröaz, Emil, Prof.: Die Grundprinzipien der Trachombekämpfung. Aus dem 
Ungarischen. Tübingen, Pietzcker, 1903. gr. 8. 15 S. 0*50 M. 

Hewlett, R. T.: Serum therapy; bacterial therapeutics and vaccines. London, 
Churchill, 1903. gr. 8. 270 p. 5 sh. 

Instructions contenant les mesures ä prendre contre les maladies endemiques. 


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Neu erschienene Schriften. 


281 


epidemiques et contagieuses, malaria, fievre jaune, lepre, bäriberi, tuber- 
culose et alcoolisme, fievre typhoide, Cholera, peste, variole. Publication du 
Ministere des colonies. Paris, Doin, 1903. 8. 2 Frcs. 

Kraemer, C., Dr.: Das Prinzip der Dauerheilung der Tuberkulose. Tübingen, 
Pietzoker, 1903. gr. 8. 24 S. 0*80 M. 

de Körangat: L’origine ostreaire de la fievre typhoide. These. Bordeaux 1903. 

Kisskalt, Karl, Dr.: Beiträge znr Lehre von der natürlichen Immunität. I. Die 
kutane Infektion. Habilitationsschrift. Gießen 1903. 

Kleba, Edwin, Dr., Prof.: Die kausale Therapie. Zeitschrift für kausale Be¬ 
handlung der Tuberkulose und anderer Infektionskrankheiten. Erster Jahr¬ 
gang, Oktober bis Dezember 1903. 3 Nummern. Bremerhaven, v. Vangerow, 
1903. gr. 8. Nr. 1, 26 Seiten. 2 50 M. 

Krenoker, Ernst, Über die Bakterizidie von Bakterieninfiltraten. Inaugural- 
Dissertation. Straßburg i. E. 1903. 

Krumholz, August, Architekt: Die Infektion durch Tuberkulose in den Lehr¬ 
sälen der Normalschulen. Hygienisch-technische Studie. Wien, Selbst¬ 
verlag, 1903. gr. 8. 8 S. 0*30 M. 

Lacoste: Quelques recherches sur la frequence des antecedents alcooüques chez 
les tuberculeux. These. Bordeaux 1903. 

Landsberger, Moritz: Über den Bakteriengehalt des Darmkanals und die be¬ 
hauptete Bakterizidie der Darmsäfte. Inaugural - Dissertation. Königsberg 
1903. 

Laveran, A.: Prophylaxie du paludisme. Paris, Bailliöre, 1903. 8. 204 p. avec 
figures. 2*50 Frcs. 

Llänos, Enrique: Über das Wachstum der Diphtheriebazillen auf vegetabilischen 
Nährböden und Milch. Inauguraldissertation. Freiburg 1903. 

Manson, P., Dr.: Maladies des pays chauds. Traduit de l’anglais. Paris, Naud, 
1903. 8. avec 3 plane et 113 figures. 12 Frcs. 

Manson, P M Dr.: The relation of the Panama Canal to the introduotion of 
yellow fever into Asia. London 1903. 8. 40 p. 

MoFarland, Joseph: A text book upon the pathogenic bacteria for students 
of medicine and physicians. Fourth edition, rewritten and enlarged. 
Philadelphia, Saunders, 1903. 8. 629 p. 2 pl. 

MoFarland, J., and 0. T. Osbome: Serumtherapy, Vaccines, Toxines and 
Antitoxins, Organotherapy etc. Principles of therapeutics digest. Index. 
London, Rebman, 1903. ö. 10 sh. 6 d. 

Meier, Otto: Über das Wachstum der Tuberkelbazillen auf vegetabilischen Nähr¬ 
böden. Inaugural-Di8sertation. Freiburg 1903. 

Pannwits, Dr., Prof.: Zur Tuberkulosebekämpfung 1903. Verhandlungen des 
Deutschen Zentralkomitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke 
in der 7. Generalversammlung am 16. Mai 1903 in Berlin. Berlin-Charlotten¬ 
burg, Hardenbergstr. 1, 1903. gr. 8. 66 S. 

Parker, Herman B., George E. Bayer and 0. L. Pothier: Report of working 
party No. 1. Yellow Fever Institute. A study of the etiologie of yellow 
lever. Washington, Govnt. print., 1903. 8. 48 p., 28 pl. 

Ransome, Arthur, Dr.: The principles of „open air“ treatment of phthisis and 
of Sanatorium construction. London, Smith, Eider & Co., 1903. 8. 104 p. 
5 sh. 

Rosenau, M. J.: A practical guide to disinfection. London, Rebman, 1903. 

10 sh. 6 d. 

Rüge, Reinhold: Introduction to the study of malarial diseases. Translated by 
P. Edgar. London, Rebman, 1903. 8. 9 sh. 

8 ambon, L. W. and G. C. Low: Report on two experiments on the Mosquito- 
malaria theory instituted by the Colonial Office and the London School of 
Tropical medicine. London, Lewis, 1902. 8. 56 p. with 5 plates and 

11 figures. 


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292 Neu erschienene Schriften. 

Schubert, Bernhard: Versuche über Wertbemesstmg des Sobernheimschen 
Milzbrandserums. Inaugural-Dissertation. Gießen 1908. 

Bohumburg, Wilhelm, Dr., Privatdozent: Die Tuberkulose, ihr Wesen, ihre 
Verbreitung, Ursache, Verhütung und Heilung. Für die Gebildeten aller 
Stande gemeinfaßlich dargestellt. Leipzig, Teubner, 1903. 8. VIII—189 S. 
mit 1 Tafbl und 8 Figuren im Text. 1 M. 

Sergent, Ed. et Et.: Moustiques et maladies infectieuses. Guide pratique 
pour l’ätude des moustiques. Paris, Masson, 1903. 8. 2*60 Frcs. 

Spaet, Franz, Dr., Bezirksarzt: Typhus, Pettenkofer und Koch. Augsburg, 
Eieger, 1908. gr. 8. 31 S. 1 M. 

Spiegelberg, Joh. H., Dr.: Die Influenza im Kindesalter. Ein kurzer kritischer 
Überblick über die Literatur der letzten 16 bis 20 Jahre. Leipzig, Konegen, 
1908. gr. 8. 14 S. 

Stephens, J. W. W. and Christophers, S. R.: The practical study of malaria, 
and other bioöd parasites. London, Longmans, 1908. 8. 878 p. illustrated. 
10 sh. 

Thomson, J. C.: Malarial prevention in Hong Kong 1900—1903. Hong Kong, 
Victoria Goal, 1903. 8. 

Dr., Prof.: Ansteckende Krankheiten und ihre Bekämpfung. Drei Vor¬ 
trage. Bremen, Winter, 1908. gr. 8. 76 S. 1 M. 

Williams, M. F.: How to take care of a consumptive. London, Long, 1903. 
12 . 1 sh. 

Wright, Hamilton: An inquiry into the etiologie and pathologie of beri -beri. 
Vol. II, No. 1. London, Churchill, 1903. 3 sh. 

Yvert, A., Dr.: La theorie des germes et ses applications a la medecine, ä la 
Chirurgie et a l’hygiöne. Paris, Alcan, 1903. 8. 6 Frcs. 

Zabel, Arnold: Über Blennorrhoea neonatorum ohne Gonokokken. Inaugural- 
Dissertation. Halle 1903. 

Zapflee, Ferd. C.: Bacteriology. A manual for students and practitioners. Phil¬ 
adelphia and Newyork, Lea, 1903. 8. 360 p. and 146 figures. 1*60 Doll. 

Zilgien: Analyses bacteriologiques des eaux et epidömies de fievre typhoide a 
Nancy. Paris 1903. 8. 6 p. 

9. Hygiene des Kindes. 

Baratier, A., Dr.: Comment ondefendses enfants au village. Paris, Ed. medicale, 
1908. 8. 1 Frc. 

v. Bunge, G., Dr., Prof.: Die zunehmende Unfähigkeit der Frauen, ihre Kinder 
zu stillen. Die Ursachen dieser Unfähigkeit, die Mittel zur Verhütung. 
Dritte, durch neues statistisches Material vermehrte Auflage. München, 
Reinhardt, 1903. gr. 8. 82 S. 0*80 M. 

Chevillet, Georges: Les enfants assistes a travers l’histoire. Paris, Berger- 
Levrau lt, 1908. 8. X—269 p. 5 Frcs. 

Finkeistein, H., Dr., und Dr. L. Ballin: Die Waisensäuglinge Berlins und ihre 
Verpflegung im städtischen Kinderasyl. Ein Beitrag zur Frage der Anstalts¬ 
behandlung von Säuglingen. Wien, Urban & Schwarzenberg, 1904. gr. 8. 
IV — 82 S. mit 6 Abbildungen und 2 Grundrissen. 2 M. 

Fischer, Wilhelm, Dr.: Jungmuttersorgen. Eine Anleitung zur Pflege des ge¬ 
sunden Säuglings für Mütter und Pflegerinnen. Stuttgart, Schwabacher, 
1903. 8. 85 S. 1*20 M. 

Jex-Blake, Sophia: The care of infants. A manual for mothers and nurses. 
Second edition. London, Simpkin, 1903. gr. 8. 124 p. 1 sh. 6 d. 

Loibsohn, Monscha: Zur Entwickelung der Lehre von der Säuglingsernährung. 
Inaugural-Dissertation. Berlin 1903. 

Marfan, A. B., Dr., Prof.: Handbuch der Säuglingsernährung und der Ernäh¬ 
rung im frühen Kindesalter. Nach der zweiten Auflage des französischen 


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Neu erschienene Schriften. 


233 


Originals und mit Anmerkungen versehen von Privatdozent Dr. Rudolf 
Fi8ch 1. Wien, Deuticke, 1904. gr. 8. XIX — 495 S. mit Abbildungen. 
12 M. 

Maygrier, Ch., Dr.: Les consultations de nourrissons. Paris, Mapson, 1903. 8 . 
1*25 Frc. 

McCawj John: Aids to the feeding and hygiene of infants and children. Lon¬ 
don, Bailliere, Tindall & Cox, 1903. 12. 129 p. 2 sh. 

Moffett, Elizabeth J.: Home nursing for young honsekeepers. Witli special 
reference to the care of infants and children. London, Paul Trübner, 1903. 
gr. 8. 108 p. illustrated. 1 sh. 6 d. 

Milche, Klara: Die ersten Mutterpflichten und die erste Kiudespflege. Vom 
Standpunkte der arzneilosen Heilweise für junge Frauen und Mütter. Zweite 
völlig umgearbeitete Auflage. Leipzig, Grieben, 1903. 8. IV—120 S. 1*20 M. 

Myers, Bernard: Home nursing. London, Bailiiere, Tindall & Cox, 1903. gr. 8. 
144 p. 2 sh. 6 d. 

ühem, Charles: Les EnfantB abandonnes. These. Paris, Rousseau, 1903. 8. 
5 Frcs. 

de Rothschild, H., Dr.: Traite d’hygiene et de pathologie du nourrisson et des 
enfants du prämier äge. Tome I. Paris, I)oin, 1903. 8. XXVI—760 p., 

avec 40 figures et 12 planches. 15 Frcs. 

Royer, Louis: De la protection des enfants assistes et moralement abandonnes 
(decret du 19 janvier 1811 et loi du 24 juillet 1889). These. Caen, Delesques, 
1903. 8. 8 Frcs. 

Seiffert, Max, Dr., Privatdozent: Die Versorgung der großen Städte mit Kinder¬ 
milch. 1. Teil: Die Notwendigkeit einer Umgestaltung der Kindermilch¬ 
erzeugung. Leipzig, Weigel, 1904. gr. 8. 278 S., mit 4 Kurventafeln. 6 M. 

10. Variola und Vaccination. 

Bussiöre: La Vaccine et 1a variole au Senegal, dans lTnde et en Indo-Chine. 
Paris, Gainche, 1903. 8. 13 p. 

Cougoule, L.: De la relation d’une petite epidemie de variole qui a regne ä 
Toulouse en hiver et au printemps 1902—1903. These. Toulouse 1903. 

Meroier: Considerations sur la variole et la vaccine ä Bordeaux, 1882 — 1902. 
These. Bordeaux 1903. 

Stengel, Martin: Über einen Fall von generalisierter Vaccine. Inauguraldisser¬ 
tation. München 1903. 

Young, Meredith, Dr.: Special report on an outbreak of Small-pox, 1902—1903, 
County Borough of Stockport. Stockport 1903. 8. 27 p. 

11. Geschlechtskrankheiten. 

Caufeynon, Dr.: Les Venus impudiques. La grande Prostitution ä travers les 
äges. Paris, Chamuel, 1903. 12. 4 Frcs. 

Ettlinger, Karl: Die Reglementierung der Prostitution, ihre Gegner und Für¬ 
sprecher. Leipzig. Magazinverlag, 1903. 8. 49 S. 0*50 M. 

Laurent-Montanus: Prostitution und Entartung. Ein Beitrag zur Lehre von 
den geborenen Prostituierten. Freiburg i. Br. und Leipzig, Lorenz, 1903. 8. 
50 S. 1-20 M. 

Laurent - Montanus: Die Prostitution in Indien. Freiburg i. Br. und Leipzig, 
Lorenz, 1903. 8. 19 S. 0*60 M. 

Ries, Karl: Über unverschuldete geschlechtliche Erkrankungen. Stuttgart, 
Enke, 1903. 8. 31 S. 1 M. 

Schulz, Emil: Die Prostitutionsfrage für europäische Heere auf asiatischen 
Kriegsschauplätzen mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse wäh- 

15* 


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234 


Neu erschienene Schriften. 


rend des chinesischen Feldzuges 1900/1901. InaugurabDissertation. Leipzig 
1903. 

Thibierge, Georges: Syphilis et deontologie: Secret medical; Respousabilite 
civile; Enonce du diagnostic; Jeunes gens syphilitiques; la Syphilis avant 
et pendant le mariage; Divorce; Nourrissons syphilitiques; Nourrices syphi¬ 
litiques etc. Paris, Masson, 1903. 8. 5 Frcs. 

Verhandlungen des ersten Kongresses der deutschen Gesellschaft zur Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten in Frankfurt a. M. am 9. und 10. März 
1903. Herausgegeben vom Vorstande der Gesellschaft. Leipzig, Barth, 1903. 
gr. 8. XXII — 405 S. 12 M. 

12 . Gewerbe- und Berufshygiene. 

Bauer, Stephan, Dr., Prof.: Gesundheitsgefährliche Industrien. Bericht über 
ihre Gefahren und deren Verhütung, insbesondere in der Zündhölzchen- 
iudustrie und in der Erzeugung und Verwendung von Bleifarben. Im Auf¬ 
trag der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschulz heraus¬ 
gegeben. Jena, Fischer, 1903. gr. 8. 457 S. 7*50 M. 

Bekanntmachung des Rates der Stadt Leipzig vom 15. Juli 1903, betr. die 
Verhütung von Bleierkrankungen. Leipzig, Serig, 1903. Plakat 28 V 42 cm. 
0 25 M. 

Dietere, Paul: Prophylaxie de la tuberculose. Note sur la mortalite par tuber- 
culose chez les ouvriers mineurs. Melun, impr. administrative, 1903. 8. 39 p. 

Fauquet: La protection legale des femmes avant et apres Paccouehernent. 
Paris, Alcan, 1903. 16. 0 60 Frc. 

Hartmann, Konrad, Prof., Geh. Reg.-Rat: Unfallverhütung für Industrie und 
Landwirtschaft. Stuttgart, Moritz, 1903. 8. 204 S. mit 80 Illustrationen. 

2*50 M. 

Leymann, Hermann, Dr., Reg.- und Gewerberat: Die Verunreinigung der Luft 
durch gewerbliche Betriebe. Jena, Fischer, 1903. gr. 8. V — 94 S. mit 
24 Abbildungen. 2*80 M. 


13. Nahrungsmittel. 

Alvord, Henry E., and R. A. Pearson: The milk supply of two hundred cities 
and towns. Washington, Govt. print. off., 1903. 8. 210 p. 

Baratier, A., Dr.: Comment ou defend sa sante par l’hygiene. II: Les Boissons. 

Paris, L’Edition medicale, 1903. 16. 1 Frc. 

Beythien, Adolf, Dr., Dr. H. Hempel und Dr. Paul Bohrisch: Bericht über 
die Tätigkeit des Chemischen Untersuchungsamtes der Stadt Dresden im 
Jahre 19i)2. Dresden 1903. Lex.-8. 39 S. 

Blyth, A. Wynter, and M. Wynter Blyth: Poods: their composition and ana- 
lysis. Fifth edition, thoroughly revised. London, Griffin, 1903. 

Carel, Armand, Dr.: Le lait sterilise. Paris, Steinheil, 1903. 8 . 6 Frcs. 
Henseval: Les microbes du lait et de ses derives. Lierre, Van In, 1903. 8. 

126 p. 

Jensen, C. 0., Prof.: Grundriß der Milchkunde und Milchhygiene. Stuttgart, 
Enke, 1903. 8. VII — 228 S. mit 22 in den Text gedruckten Abbildungen. 
4*80 M. 

Keuten, J., Dr., Kreistierarzt: Gesetzliche Bestimmungen für den Trichinen- 
schauer. Geldern, Schaffrath, 1903. gr. 16. 61 und III. S. 0*60 M. 
Kratschmer, Florian: Taschenbuch für praktische Untersuchungen der wichtig¬ 
sten Nahrungs- und Genußmittel. Wien, Säfär, 1903. 12. 87 S. 5 PI. 
Liohtenfelt, H., Dr.: Anleitung zur Begutachtung de9 Nährwertes der Kost 
Privater und der in öffentlichen Anstalten. Bonn, Cohen, 1903. 8. 26 S. 
0*80 M. 


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Neu erschienene Schriften. 


235 


Meyer, F., Obertierarzt: Fleischbeschau- und Trichinenschau-Kalender. Zweiter 
Jahrgang, 1904. Köln, Kölner Verlags-Aust., 1904. 12. VIII—232 S. 2*50 M. 

Ostertag, Dr., Prof.: Die sanitätspolizeiliche Regelung des Milchverkehrs. 
Berlin, Schoetz, 1903. 4. 8 S. 0 20 M. 

Ostertag, Edelmann und Glage: Deutsche Fleischbeschauerzeitung. Erster 
Jahrgang: Oktober 1903 bis September 1904. 12 Hefte. Berlin, Schoetz, 

1903. gr. 8. 6 M. 

Postolka, August, Amtstierarzt: Lehrbuch der allgemeinen Fleischhygiene, 
nebst einer Sammlung einschlägiger Normalien, für Beamte der politischen 
Behörden, der Gemeinden und für Richter. Wien, Braumüller, 1903. gr. 8. 
XII—544 S. mit 42 Abbildungen. 12 M 

Röttger, H., Dr., Oberinspektor: Kurzes Lehrbuch der Nahrungsmittelchemie. 
Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Leipzig, Barth, 1903. gr. 8. 
XIV — 698 S. mit 21 Abbildungen. 11 M. 

Schmutterer, W.: Taschenbuch für Fleischbeschauer. München, Gerber, 1903. 
12 . 29 S. 

8 molensky, P., Dr.: Traite d’hygiene, procedes rapides de recherche des falsi- 
fications et alterations. Traduction du russe par S. Broido et Zaguelman. 
Paris, Steinbeil, 1903. 8. 784 p. avec 119 figures. 20 Frcs. 

TJngewitter, R.: Die Nährwerte der Nahrungsmittel und ihre Verwendung 
zur rationellen Ernährung nach Dr. Lahmann nebst Obersichtstabelle. 
Zum Gebrauch für die praktische Küche zusammengestellt. Zweite ver¬ 
besserte und vermehrte Auflage. Stuttgart, Koch, 1903. gr. 8. 12 S. und 
Tabelle 61 X 47*5 cm. 0*50 M. 

Weiß, Albert, Dr., Geh. Medizinalrat: Lehrkursus der praktischen Trichinen- 
und Finnenschau für angehende und angestellte Trichinenschauer im Deutschen 
Reich und in Preußen. Sechste vermehrte Auflage. Düsseldorf, Schwann, 
1903. 12. 127 S. 1*50 M. 

Windisch, W., Dr., Prof.: Das Bier auf seinem Wege vom Faß ins Glas. Volks¬ 
tümlicher Vortrag. Berlin, Parey, 1903. gr. 8. 64 S. 0 50 M. 

Anhang: Alkoholismus. 

Ackermann, Oswald, Dr.: Alkoholgenuß als Krankheitsursache. Gemeinver¬ 
ständlich bearbeitet. Leipzig, Barth, 1904. 8. 64 S. 1 M. 

Alkohol-Merkblatt: Gegen den Mißbrauch geistiger Getränke! Bearbeitet im 
kaiserl. Gesundheitsamte. Berlin, Springer, 1903. schmal Fel. 4 S. mit 
Abbildungen. 0*05 M., 10 Stück 0*50 M. 

Auf zum Kampfe gegen den Alkohol! Ein offenes und herzliches Wort an 
alle, die es lesen wollen. Braunschweig, Wollermann, 1904. gr. 8. 14 S. 
0*10 M. 

v. Bunge, G., Dr., Prof.: Wider den Alkohol. Gesammelte Reden und Abhand¬ 
lungen. Basel, Alkoholgegnerbund, 1903. 8. 71 S. 0*20 M. 

Dannmeier, H., Rektor: Die Aufgaben der Schule im Kampf gegen Alkoholis¬ 
mus. Vortrag. Langensalza, Beyer, 1903. gr. 8. 26 S. 0 35 M. 

Frey, Hermann, Dr.: Alkohol und Muskelernährung. Eine kritische Studie 
über die diesbezüglichen Arbeiten von Prof. Destree, Prof. Kraepelin, 
Dr. Scheffer und Dr. Schnyder, nebst neueren eigenen Beiträgen. Wien, 
Deuticke, 1903. gr. 8. 62 S. mit 7 lith. Tafeln. 4 M. 

Martius, Wilhelm, Dr.: Die schulentlassene erwerbsarbeitende Jugend und der 
Alkohol. Zweite vermehrte Auflage. Berlin, Mäßigkeitsverlag, 1903. gr. 8. 
76 S. 0*75 M. 

Naef, Eduard, Dr.: Zur Revision der Gesetzgebung über das Alkoholmonopol. 
Zürich 1903. 16. 26 S. 

Popert, Hermann M., Dr., Landrichter: Hamburg und der Alkohol. Zweite 
Auflage. Volksausgabe. Hamburg, Gräfe, 1903. 89 S. 0*50 M. 


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236 


Neu erschienene Schriften. 


Btaehelin, E., Pfarrer: Wurde Christus heute Abstinent sein? Ein Vortrag. 

Basel, Helbing & Liehtenhahn, 1903. gr. 8. 28 S. 

Talion, P., Cpt.: La Campagne antialcoolique dans l’armee. Rule de l’officier. 
Paris, Berger-Le vrault, 1903. 12. 76 p. 0*75 Frc. 

14. Verschiedenes. 

Beerwald, R., Dr.: Die Ursachen u. die Beseitigung der Kurpfuscherei. Vortrag. 

Berlin, Coblentz, 1903. gr. 8. 20 S. 0*50 M. 

Huber, Walter: Die Feuerbestattung, ein Postulat kultureller Entwickelung, 
und das St. Galler Krematorium. St. Gallen, Scheitlin, 1903. gr. 8. 72 S. 
mit Abbildungen. 1*50 M. 

Pinkenburg, G., Stadtbauinspektor: Der Lärm in den Städten und seine Ver¬ 
hinderung. Jena, Fischer, 1903. gr. 8. 26 S. mit 11 Abbildungen. 1 M. 
Sepp, P. B., Gymnasialprofessor: Wichtige Gesundheitsregeln. Achte Auflage. 
Augsburg, Kranzfelder, 1903. 8. 16 S. 0*10 M. 



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Alexander Spiess f 


Einen sehr schweren und schmerzlichen Verlust haben 
die Herausgeber und der Verleger dieser Zeitschrift, hat 
der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege er¬ 
litten. Der langjährige Mitredakteur der Vierteljahrsschrift, 
der ständige Sekretär des Deutschen Vereins für öffentliche 
Gesundheitspflege seit seiner Gründung im Jahre 1873, 
Geheimer Sanitätsrat Dr. Alexander Spiess, hat in den 
Morgenstunden des 31. Januar seine Augen für immer ge¬ 
schlossen. Ein Fehltritt von einer Treppenstufe führte zu 
einer Zerreissung der* Kniescheibensehne und nach drei¬ 
wöchigem Krankenlager zum Tode. 

Alexander Spiess, der Sohn des in seiner Vater¬ 
stadt Frankfurt a. Main hochgeachteten Arztes Dr. Gustav 
Spiess, welcher durch seine Mitarbeit an Virchows Patho¬ 
logie und Therapie auch weiteren ärztlichen Kreisen bekannt 
geworden ist, wurde am 6. April 1833 geboren, studierte 
in Göttingen, promovierte daselbst 18B6 und begab sich 
dann bis zu seiner Niederlassung in Frankfurt im Jahre 
1859 auf Studienreisen, erweiterte sein medizinisches Wissen 
und erwarb Welt- und Menschenkenntnis. 

Angeregt durch seinen Vater und Georg Varren- 
trapp beschäftigte er sich schon in den ersten Jahren 
nach der Niederlassung mit Fragen der öffentlichen Ge¬ 
sundheitspflege, redigierte von 1866 ab die vom Ärztlichen 
Verein herausgegebenen Jahresberichte über die Verwaltung 


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II 


des Medizinalwesens, der Krankenanstalten und der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege der Stadt Frankfurt a. Main und 
beteiligte sich an diesen Berichten mit einer nicht geringen 
Zahl von Aufsätzen. 

Am 15. September 1873 wurde der Deutsche Verein 
für öffentliche Gesundheitspflege in Frankfurt a. Main ge¬ 
gründet. Der Ausschuss wählte den Verstorbenen am 
folgenden Tage zum ständigen Sekretär des Vereins; in 
dieser Stellung blieb er zur Freude aller Mitglieder bis 
zu seinem Tode. Mit bewundernswerter Umsicht hat er 
stets seines wahrlich nicht leichten Amtes in aller Be¬ 
scheidenheit gewaltet, alle Vorbereitungen zu den Ver¬ 
sammlungen so sachkundig getroffen, dass der Verlauf 
derselben von Anfang bis zu Ende gesichert war. Seine 
persönlichen Beziehungen zu den Leitern der städtischen 
Behörden, zu allen massgebenden Persönlichkeiten, nicht 
zum mindesten seine Liebenswürdigkeit im Umgänge, sein 
feiner Takt, seine umfassenden Kenntnisse überwanden die 
oft nicht geringen Schwierigkeiten, welche die örtlichen 
Verhältnisse der Versammlungsorte, mehr noch aber die 
Zusammensetzung des Vereins mit sich brachten; allen 
Teilnehmern an den Versammlungen wird der mit Buhe 
und klarem Blick unermüdlich tätige, Jedermann zur Ver¬ 
fügung stehende ständige Sekretär unvergesslich bleiben. 

Vom Jahre 1875 ab leitete Spiess mit Varrentrapp 
diese Zeitschrift, welche er seit Varrentrapps Rücktritt 
am 1. Januar 1886 mit dem Unterzeichneten weitergeführt 
hat; zahlreiche Besprechungen hygienischer Schriften und 
eigene Arbeiten, namentlich aus dem Gebiete der Schul¬ 
hygiene, hat er in der Vierteljahrsschrift veröffentlicht. 
Von allen Fachmännern als besonders wertvoll anerkannt 
sind die von Spiess für die Vierteljahrsschrift jährlich 
gelieferten Repertorien der in deutschen und ausländischen 


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III 


Zeitschriften erschienenen Aufsätze über öffentliche Gesund¬ 
heitspflege, eine überaus mühevolle und zeitraubende Arbeit, 
die nur von einem so gewissenhaften, ordnungsliebenden 
und sorgfältigen Manne wie Spiess einwandfrei geleistet 
werden konnte. Wie sorgsam der Verewigte gearbeitet 
hat, das kann ausser seiner Familie nur sein Mitredakteur 
beurteilen, der es während eines Zeitraumes von 18 Jahren 
erfahren hat und jetzt bei Einsicht der über die Redaktion 
geführten Bücher bewundernd vor dieser Zuverlässigkeit 
steht. 

Neue Arbeit, aber auch neue Freude brachte dem Ver¬ 
storbenen die Ernennung zum Stadtarzt im Jahre 1883, ein 
Amt, für welches Georg Varrentrapp seit Jahren unter 
Hinweis auf englische Vorbilder geschrieben und gewirkt 
hatte. Spiess war der erste Stadtarzt im Deutschen Reich 
und wurde massgebender Berater der städtischen Behörden 
in allen hygienischen Fragen. Der neuen Aufgabe widmete 
er sich voll und ganz, nahm an allen Fragen der öffent¬ 
lichen Gesundheitspflege regen Anteil, war Mitglied des 
Armenamtes und leitete die Geschäfte der Armenärzte, an 
deren Sitzungen er beratend teilnahm, verteilte die Arbeiten 
der Schulärzte und hatte entscheidenden Einfluss bei der 
Gestaltung der Baupläne für die Schulen nach hygienischen 
Gesichtspunkten, welche er nachdrücklich und mit Erfolg 
vertrat. Besondere lebhaft interessierte sich Spiess, der 
auch Mitglied der Anstaltsdeputation und Vorsitzender der 
Krankenhausdeputation war, für die Arbeiten der Gesund- 
b eitskommission. 

Seine Tätigkeit für . den Deutschen Verein für öffent¬ 
liche Gesundheitspflege fand die verdiente Anerkennung 
bei der Feier des 25 jährigen Bestehens des Vereins auf 
der Versammlung zu Köln im Jahre 1898 nicht nur von 
staatlicher Seite durch die Verleihung des Roten Adler- 


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IV 


Ordens 3. Klasse mit der Schleife, sondern auch durch ein 
Ehrengeschenk des Vereins für öffentliche Gesundheitspflege. 
Die seit der Gründung desselben noch lebenden Mit¬ 
glieder der jährlich neu gewählten Vereinsausschüsse, welche 
nach den Sitzungen in seinem gastfreien Hause stets die 
angenehmsten Stunden verlebt hatten, überreichten ihm eine 
kunstvoll gearbeitete altdeutsche Uhr, an der in sinnigen 
Versen und Sätzen seine Tätigkeit für den Deutschen Verein 
dargestellt war. 

Bei der letzten Tagung des Vereins in Dresden im 
Jahre 1903 ernannte die Versammlung Alexander Spiess 
zum Ehrenmitglied, eine Auszeichnung, welche vor ihm 
nur Max v. Pettenkofer erfahren hatte. 

Hochgeachtet von seinen Mitbürgern als Arzt und als 
Mensch, tief betrauert von seiner Familie und seinen Freun¬ 
den ist der anspruchslose Mann, der unscheinbar und still 
ohne weiteres Streben als Pflichterfüllung nach innerem 
Triebe und eigener Überzeugung sein Leben führte, von 
uns geschieden. Am 3. Februar fand, ganz seinem Wesen 
entsprechend auf seinen Wunsch das stille Begräbnis auf 
dem schönen Frankfurter Fried hofe statt. 

Ein treuer, deutscher Mann, voll geraden Sinnes, der 
niemals aus Eigenliebe, Eigensucht oder Eigensinn sich 
beugte oder an seinen Ansichten festhielt, ist dort gebettet. 

Aber solange diese Zeitschrift erscheint, solange der 
Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege besteht, 
wird Alexander Spiess nicht vergessen werden. 

Namens der Herausgeber und des Verlages der Deutschen 
Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 

M. Pistor. 


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Th. Oehmcke, Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


237 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

Insbesondere hergeleitet aus dem Gegensätze von Stadt zu Land und von 
Mietshaus zu Einzelhaus, samt Abriß der städtebaulichen Entwickelung 
Berlins und seiner Vororte. 

Von 

Th. Oehmcke, 

Regierung«- und Baurat a. D. in Gr.-Lichterfelde bei Berlin. 


Kennzeichnende Merkmale des abgelaufenen Jahrhunderts sind die 
Entstehung, sowie das unaufhaltsame Wachsen der Großstädte, welche Er¬ 
scheinung in Deutschland namentlich in den späteren Jahrzehnten des Jahr¬ 
hunderts von einer stärkeren Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in 
die Städte begleitet ist. Als eine der Hauptursachen des Anschwellens der 
Großstädte ist die zu jener Zeit stattgehabte mächtige Entwickelung der 
Industrie anzusehen. Sie verschaffte sich eine Überlegenheit über das 
Handwerk, indem sie sich die schnellen Fortschritte der realen Wissen¬ 
schaften zunutze machte und sich in umfassendem Maße der Mitarbeit 
wissenschaftlich vorgebildeter Kräfte bediente. 

Für Industrie wie für Handwerk ist das Absatzgebiet maßgebend. Die 
Industrie braucht, um die kostbareren leitenden Kräfte bezahlen zu können, 
Großbetriebe und damit weite Absatzgebiete. Die überraschende Entwicke¬ 
lung der Verkehrsmittel war eine weitere Hauptursache des Emporblühens 
der Industrie und für die Zunahme der Großstädte. Der Handwerker war 
früher bei dem Absätze seiner Arbeiten vorwiegend auf seinen Wohnort be¬ 
schränkt, wird auch jetzt bei den verbesserten Verkehrsmitteln sich seltener 
ein über seinen Wohnort und die nächste Umgebung hiuausgehendes Absatz¬ 
gebiet erobern. 

Fast jeder Industriezweig stützt sich, sowohl was Warenerzeugung als 
was Warenverteilung angeht, auf zahlreiche, möglichst ihm räumlich nahe 
gelegene andere Industriezweige. Die für eine industrielle Entwickelung 
notwendige Ansammlung zahlreicher verschiedener Großbetriebe drängt aber 
auf die Bildung von Großstädten hin, in manchen Fällen und für gewisse 
Betriebe auch auf die Entstehung von Industriegegenden, welche mit Gro߬ 
städten nach mancher Richtung hin ähnlich sind. 

Das Anwachsen der Großstädte hat bisher schon den betreffenden 
Städteverwaltungen die größten Aufgaben gestellt und erfordert die volle 
Aufmerksamkeit der Landesverwaltungen. Dies Anwachsen ist für die Ent¬ 
wickelung der Wissenschaft der öffentlichen Gesundheitspflege in deren 
wesentlichsten Teilen erst der Anlaß geworden. 

Auch die hier im nachfolgenden zu besprechenden Fragen einer weit- 

15* 


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238 


Th. Oehmcke, 


räumigen und luftigen Anlage und Gestaltung der Städte haben ihre Bedeu¬ 
tung zum großen Teil erst durch das Anschwellen der Großstädte erhalten. 

Um das Jahr 1800 gab es in dem Gebiete des jetzigen Deutschen 
Reiches nicht eine Stadt mit 200000 Einwohnern und nur zwei Städte mit mehr 
als 100 0000 Einwohnern, Berlin und Hamburg. Nach der Volkszählung 
von 1895 hatten dagegen nicht weniger als 28 Städte des Deutschen Reiches 
mehr als 100 000 Einwohner, welche Zahl sich 1900 sogar auf 33 erhöhte. 

Die Einwohnerzahl von Berlin stieg von etwa 172 000 im Jahre 1800 
auf 1 888 848 am 1. Dezember 1900. Sie hat sich in den letzten vier Jahr¬ 
zehnten des Jahrhunderts vervierfacht. Die graphische Darstellung (Abb. 1) 
veranschaulicht dieses Wachstum des näheren. 

Abb. 1. 

Einwohn. 



London hatte 1801 958 000 Einwohner. Es gab in Großbritannien 
damals keine weitere Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern. Im Jahre 
1901 zählte London deren 4 537 000 (mit Vororten 6 581000), und gab es 
außerdem in Großbritannien vier Städte mit mehr als 500 000 Einwohnern. 

Die eingangs erwähnte, mit dem schnellen Anwachsen der Großstädte 
einhergehende starke Abwanderung der Bevölkerung des platten Landes in 


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239 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

die Städte ist für einige Staaten in Tabelle 1 ersichtlich gemacht. Diese 
Abwanderung ist im Deutschen Reiche besonders erheblich. Als eine be¬ 
merkenswerte, aus dieser Tabelle ersichtliche Tatsache erscheint uns das 
noch außerordentlich starke Überwiegen des ländlichen Anteils in der Be¬ 
völkerung der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 


Tabelle 1 (nach Rubner) 1 ): 


Staat 

Jahr 

Stadt 

Proz. 

Land 

Proz. 

Deutsches Reich . 

f 1871 

36-1 

639 


l 1890 

47-0 

53*0 

Frankreich. 

i 1851 

25*5 

74-5 


l 1886 

36*0 

64*0 

England. 

1891 

71*7 

28*3 


[ 1840 

8 5 

91'5 

Vereinigte Staaten von Nordamerika . . 

l 1890 

23 ' 1 

70*9 ( 76 * 9 ?) 


Nach Baliod a. a. 0., S. 36 hatte von 1875 bis 1895 in Preußen die 
Bevölkerung der Landgemeinden um etwa 11*5 Proz., die der Städte um 
47 Proz. zugenommen. Die Stadtbevölkerung betrug 1875 34*7 Proz. der 
Gesamtbevölkerung, 1895 40*7 Proz. derselben. 

Die landwirtschaftliche Bevölkerung, welche nicht mit der ländlichen 
Bevölkerung zusammenfällt, machte in Preußen 1867 48*85 Proz., 1882 
42 Proz., 1895 nur noch 36 Proz. der Gesamtbevölkerung aus. 

Kapitel I. Stadt und Land. 

1. Abschnitt. Allgemeines. 

Zwei Anhaltspunkte wollen wir für die Hervorhebung des hygienischen 
Gegensatzes der dichten Bebauung unserer städtischen Wohnplätze einer¬ 
seits und des weiträumigen städtischen Anbaues anderseits benutzen, 
nämlich zuerst die Gegenüberstellung des gesundheitlichen Einflusses des 
Wohnens in der Stadt und desjenigen auf dem Lande, sodann zweitens die 
Gegenüberstellung des gesundheitlichen Einflusses des Wohnens in einem 
großstädtischen Mietshause und des Wohnens in einem Einfamilienhause. 
Der Gegensatz zwischen dem Wohnen in der Stadt und demjenigen auf dem 
Lande, sowie der G^ensatz zwischen dem Wohnen in einem großen Miets¬ 
hause und demjenigen in einem Einfamilienhause sind sehr ausgeprägte. 
Nach Klarlegung dieser Gegensätze wird es uns, wie wir hoffen, eher ge¬ 
lingen, die voneinander abweichenden Wirkungen des dichten und des 
weiträumigen städtischen Anbaues annähernd zutreffend darzustellen. 

Beginnen wir mit dem Gegensätze von Stadt und Land. Derselbe soll 
uns indessen nur so weit beschäftigen, als es für die Behandlung unseres 
Hauptthemas wünschenswert ist. Wir haben uns daher im wesentlichen 
auf die Erörterung der äußeren Verhältnisse des Wohnens in der Stadt 
gegenüber dem Wohnen auf dem Lande zu beschränken, und soll der Unter- 

• *) „Hygienisches von Stadt und Land“, a. a. 0. (siehe Literaturverzeichnis 
am Schluß). 


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240 


Th. Oehmcke, 


schied der städtischen and der ländlichen Berufe, der bezüglich seines hygie¬ 
nischen Einflusses ein sehr großer ist, nur kurfc berührt werden. 

Betrachten wir einen noch in etwas größerer Entfernung von einer 
Großstadt gelegenen, etwa neugegründeten Vorort, in dem Wasserleitung usw. 
noch fehlt, der aus mit Gärten eingefaßten Häusern von bescheidener Höhen¬ 
entwickelung besteht, so werden die gesundheitlichen Verhältnisse in dem¬ 
selben von denen auf dem platten Lande nicht sehr verschiedene sein. 

Wird dieser Vorort im Laufe der Zeit mit besserem Straßenpflaster, 
mit Wasserleitung und Kanalisation versehen, wird aber dieselbe landbaus¬ 
mäßige Art der Bebauung beibehalten, so werden die Gesundheitsverhält¬ 
nisse dieses Vorortes bezüglich des Wohnens oft entschieden günstiger 
werden, als diejenigen auf dem platten Lande es sind. 

Sehen wir uns dagegen einen näher an einer Großstadt gelegenen Vor¬ 
ort oder eine Vorstadt an, in welchen zwar eine weiträumigere Bebauung 
als im Stadtinneren festgehalten wird, jedoch das umfangreiche Mietshaus 
mit zahlreichen Stockwerken vorherrscht, so werden die Gesundheitsverhält¬ 
nisse oft erheblich ungünstiger sein — selbst wenn auch Wasserleitung usw. 
hier schon ausgeführt sein sollten — als auf dem Lande. Für die Fest¬ 
stellung des Unterschiedes zwischen derartigen städtischen Wohnplätzen 
und dem Stadtinneren wird die Heranziehung des hygienischen Gegensatzes 
von Stadt und Land von beschränkterem Werte als im Falle vorher sein. 

Für die Erörterung unseres Besprechungsvorwurfes Land und Stadt 
und der unterschiedlichen Einwirkung von Land und Stadt auf die Ent¬ 
wickelung der Widerstandsfähigkeit des Menschen gegen die Angriffe des 
Klimas und gegen die Angriffe der sozialen Schädlichkeiten ist es geboten, 
einen Blick auf die allmähliche Entwickelung der körperlichen und geistigen 
Eigenart der jetzigen Kulturvölker zu werfen. Reihen von Jahrtausenden 
hat es bedurft, bis der Jäger, der wegen des Kampfes gegen die dem ein¬ 
zelnen überlegene Tierwelt und gegen die menschlichen Bedroher seiner 
Jagdgebiete zu Horden sich zusammenschloß, zum Viehzüchter, und dieser 
nach langer Entwickelung *) zu dem schon geregeltere Gemeinschaften bil¬ 
denden Ackerbauer wurde. Um sich vor Untergang zu bewahren, mußte 
der einzelne seine Leibes- und Geistesorgane derart ausbilden, wie es die 
genannten Berufe, auf die er allein angewiesen war, ihm geboten. Die vom 
einzelnen erworbenen Eigenschaften gingen durch Auslese und Vererbung 
in den Besitz der Rasse über und wurden zu für die Rasse kennzeichnenden. 

Die Eigenschaften, welche die in Frage kommenden Völker 6ich durch 
diese genannten ländlichen Berufe, die auch vielfach nebeneinander ausgeübt 
wurden, erworben hatten, sicherten der Gattung auf lange hin ihren Bestand. 
Ganz unvermittelt änderte sich nun in neuester Zeit die Zusammensetzung 
der Volkskörper bezüglich der Berufe nach dem lange unveränderten Be¬ 
stände. Große Teile der bis dahin fast ausschließlich ackerbautreibenden 
Bevölkerungen gingen zu städtischen Berufen über, und bei einigen Völkern 
bildet der schnell anwachsende Teil der Stadtbewohner schon die Volks¬ 
mehrheit. 


*) Hansen «zibt a. a. 0., 8. 89 ff. eine anziehende Darstellung dieser Vor¬ 
gänge, wie wir letztere nach dem Stande unseres Wissens annehmen müssen. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


241 


Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 wohnten 45*65 Proz. 
der Einwohner des Deutschen Reiches in Gemeinden unter 2000 Einwohnern 
— man rechnet diese als Landgemeinden — und 54*35 Proz. in größeren 
Gemeinden. Noch im Jahre 1895 war das Verhältnis nahezu gleich. Im 
Jahre 1871 wohnten noch 64 Proz. in den kleineren (Land-) und 36 Proz. 
in den größeren (Stadt-) Gemeinden. 

Das Gebiet des jetzigen Königreiches Preußen, in dem 1895 die land¬ 
wirtschaftliche Bevölkerung nur noch 36 Proz. der Gesamtbevölkerung betrug, 
besaß bis vor etwa 100 Jahren nur einen kleinen Bruchteil von städtischer, 
namentlich großstädtischer Bevölkerung. Der damals noch unerschöpfliche 
Zuzug vom Lande schaffte mit Leichtigkeit Ersatz für den Abgang in dem 
schneller sich verbrauchenden, aber wegen seines geringen Umfanges nicht 
ins Gewicht fallenden städtischen Anteile der Bevölkerung. 

Man hat die Frage aufgeworfen, ob die Eigenart eines solchen Volkes, 
die ihm seinen Bestand in der Ausübung ländlicher Berufe sicherte, die 
Gewähr bietet, es in städtischen Berufen und bei städtischer, namentlich 
großstädtischer Lebensweise in seinem Bestände zu erhalten. Hüppe sagt 
darüber folgendes 1 ): „Die Akklimatisationsfähigkeit einer Rasse ist auch 
noch von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten, nämlich in bezug 

auf die Einflüsse des Land- und Stadtlebens usw. tt . „Die Großstadt 

einerseits, das Landleben des Ackerbauers, des Tierzüchters und des Wander¬ 
hirten anderseits stellen aber ganz verschiedene Anforderungen in körper¬ 
licher, sittlicher und geistiger Beziehung usw. tf .... „Während sich jetzt 
die Städte wenigstens zum Teil selbst erhalten können, vermochten sie es 
früher nur durch Zuzug vom Lande. u 

Hansen unternimmt a. a. 0. an der Hand ausgedehnter statistischer 
Unterlagen in einigem Gegensätze zu dieser letzten Anführung den Nach¬ 
weis, daß eine Stadtbevölkerung ohne Zuzug vom Lande ihrem Nieder¬ 
gange nicht entgehen könne. In bezug auf das Beispiel Leipzigs sagt er 
S. 27: „Wenn aber die Bevölkerung einer stationären Stadt fortwährend 
zur Hälfte aus Zugezogenen besteht, so folgt daraus, daß die eingeborene 
Bevölkerung in je zwei Menschen altern durch den Zuzug von auswärts voll¬ 
ständig ersetzt wird“ *). 

Wenn man auch die Frage der vollständigen Anpassungsfähigkeit der 
neueren, noch im wesentlichen den ländlichen Berufen angepaßten Kultur¬ 
völker an das Stadtleben, namentlich an das Großstadtleben, dahingestellt 
sein lassen will, wird man doch die Frage einer „teilweisen“ Anpassungs¬ 
fähigkeit zu bejahen haben, und die Möglichkeit der erheblichen Verlang¬ 
samung des immer noch stattfindenden unverhältnismäßig schnellen Ver¬ 
brauches der Stadt- und Großs.tadtbevölkerung zugeben müssen. 

l ) A. a. O., 8. 217 ff. 

*) Hansen bezieht sich, wie erwähnt, auf die Bevölkerung Leipzigs, welche 
nach der Zählung von 1875 aus 25 Proz. in Leipzig und aus 75 Proz. auswärts 
Geborenen bestand. Um die Größe der „stationären* Bevölkerung in seinem Sinne 
zu erhalten, rechnet er von der Gesamtbevölkerungszahl 25 Proz. für solche, welche 
sich nur vorübergehend in Leipzig aufhielten, und weitere 25 Proz. für den Zuzug 
mit der dazu gehörigen Kinderzahl aus anderen Städten ab. 

Hansen will also eigentlich sagen, daß die eingeborene Bevölkerung in je 
zwei Menschenaltern durch den Zuzug „vom Lande* vollständig ersetzt wird. 

Vierteljahnschrift für Gesundheitspflege, 1904. jß 


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242 


Th. Oehmcke, 


Id welcher Weise und unter welchen Bedingungen eine solche für den 
Bestand der einzelnen Völker notwendige Anpassung stattfinden und eine 
solche Umbildung des Menschen befördert werden kann, kann hier nur 
flüchtig und nur nach wenigen Richtungen hin angedeutet werden. Uner¬ 
läßlich für die Beförderung dieser Anpassung ist eine viel allgemeinere Ver¬ 
breitung der Kenntnis von den Schädlichkeiten des städtischen Lebens und 
der Erfahrung, dieselben in bezug auf sich und andere zu verhüten. Un¬ 
erläßlich ist es namentlich, daß die Angehörigen des gebildeten Teiles der 
städtischen Bevölkerung ausnahmslos von der Notwendigkeit sich über¬ 
zeugen, daß sie bewußt hygienisch leben müssen, um bei den gesund¬ 
heitlichen Gefahren des Stadtlebens einem vorzeitigen Siechtum zu ent¬ 
gehen 1 ). 

In der Jugenderziehung muß schon der Gedanke vorwaltend werden, 
daß die Widerstandsfähigkeit gegen die schädlichen Einwirkungen des Stadt¬ 
lebens entwickelt werden müsse. Die Griechen und in dem ersten Teil ihrer 
Geschichte auch die Römer waren Stadtbewohner, und doch wußten sich 
dies'e Völker vor einem frühzeitigen Verfall zu schützen. In ihrer Jugend- 
und Volkserziehung wurde aber auch das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, 
die Körperausbildung zu pflegen und die Beeinträchtigung derselben durch 
eine einseitige Geistesausbildung, wozu im städtischen Leben die Gefahr 
vorliegt, zu vermeiden. 

Die Engländer gehören von den neueren Völkern am meisten zu denen, 
welche Stadtbewohner geworden sind. Nach Tabelle 1 betrug 1891 die 
Zahl der Landbewohner bei ihnen nur noch wenig mehr als ein Viertel 
der Bevölkerung. Der mächtige Aufschwung der Industrie war hier schon 
früher eingetreten als auf dem europäischen Festlande und hatte schon im 
Laufe der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zur Bildung nam¬ 
hafter Großstädte geführt. Es nahmen bei der Zusammendrängung gewal¬ 
tiger Menschenmassen in ihnen auch die gesundheitlichen Zustände dieser 
Großstädte zunächst ein recht bedrohliches Ansehen an. Indessen lernten 
es die Engländer bald, Stadtbewohner zu sein. Durch die Ausbildung ihrer 
hygienischen Gesetzgebung, die um die Mitte des Jahrhunderts bereits 
achtungswerte Anfänge aufwies, und die jetzt einen sehr umfangreichen 
Hauptteil ihrer Gesetzgebung überhaupt ausmacht, haben sie es ver¬ 
standen, jener die Gesundheitsverhältnisse ihrer Großstädte und Städte 
bedrohenden Gefahren Herr zu werden, bzw. sie in erheblichem Maße ein¬ 
zuschränken. 

Die Notwendigkeit der Pflege des Gesundheitswesens und der hygieni¬ 
schen Gesetzgebung ist bei den Engländern viel früher eingetreten als bei 
den anderen Völkern, schon zu einer Zeit, als es beispielsweise bei uns 


*) Absehend von dem Thema „Stadt und Land“ möchten wir einschalten, 
daß die gebildete Klasse dem handarbeitenden Teile der Bevölkerung gegenüber 
der gesundheitlichen Segnungen der in der Berufstätigkeit liegenden Körperübung 
entbehrt. Unseres Dafürhaltens ist diesem Umstande zu einem Teile der schnell 
wachsende politische Einfluß der handarbeitenden Klasse zuzuschreiben. Dieser 
Einfluß dürfte nur dann wieder in engere Grenzen zu weisen sein, wenn die gebil¬ 
dete Klasse dem die Körperentwickelung zurückhaltenden Mißstande einseitig 
geistiger Berufstätigkeit durch Körperschulung nachhaltig begegnet. 


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243 


Gesundheit and weiträumige Stadtbebauung. 

Großstädte und ihre Gesundheitsgefahren in erheblichem Maße noch nicht 
gab, und als der vom Lande in die Stadt fließende Bevölkerungsstrom in 
Deutschland noch mehr als reichlich floß, um ein gesundheitliches Zurück¬ 
gehen der Stadtbevölkerung zu verhüten. 

Die englische Gesundheitsgesetzgebung verdankt übrigens, in ihren 
Anfängen wie in dem Hauptteile ihrer Entwickelung, der Rührigkeit der 
Selbstverwaltungskörperschaften ihren Ausbau, hat daher in der Überzeu¬ 
gung des „einzelnen“ von der Wichtigkeit der öffentlichen Gesundheits¬ 
pflege ihre Wurzel. 

Diese Teilnahme und Befähigung für die Aufgaben einer bewußten 
Gesundheitspflege ist ein kennzeichnendes Merkmal für die vollzogene An¬ 
passung einer Bevölkerung an das Stadtleben. Sie wird auch für eine 
zweckdienliche Gestaltung der städtischen Wohnweise und der städtischen 
Wohnplätze — des Gegenstandes unserer näheren Besprechung — nicht zu 
entbehren sein. 

Was die Neigung zum Landleben bei den einzelnen Rassen betrifft, 
so darf die geringe Begabung zum Städtegründen und das Festhalten der 
germanischen Völker an ländlichen Berufen, am Anfänge der geschicht¬ 
lichen Zeit und später, als bekannt vorausgesetzt werden. Erst spät er¬ 
hielt das Städteleben bei ihnen eine Bedeutung, während bei den Griechen, 
den italischen Völkerschaften und anderen mit dem Anfänge der Ge¬ 
schichte der einzelnen Stämme meist auch schon Städtegründungen eng 
verknüpft sind. 

In Deutschland gilt Heinrich I. als eigentlicher Städtegründer. Er 
regierte zu einer Zeit, als schon seit einer Reihe von Jahrhunderten ger¬ 
manische Stämme Weltreiche zertrümmert und solche errichtet hatten. 

Tacitus berichtet in der „Germania“: „Daß die germanischen Völker 
keine Städte bewohnen, ja, daß sie nicht einmal in zusammenhängenden 
Wohnsitzen leben, ist allbekannt. Einsam und abgesondert siedeln sie sich 
an, wo gerade ein Quell, eine Au, ein Gehölz einladet.“ An dieser von 
Tacitus beschriebenen Art zu wohnen halten die Landbebauer nieder¬ 
sächsischen Stammes, welcher der Mischung mit nichtgermanischen Völkern 
wenig oder gar nicht ausgesetzt gewesen ist, noch heute fest. Die stattlichen, 
in gewollter Absonderung voneinander stehenden Bauernhäuser, welche 
Wohnung, Stall und Scheune unter einem Dache vereinen, kennzeichnen 
noch immer die Grenzen dieses und der ihm enger verwandten Stämme 
— so der Friesen — mit den anderen deutschen Stämmen. 

Während in Deutschland ein erheblicher Teil der Angehörigen der 
Stände, die durch Bildung und Einfluß ausgezeichnet sind, unter den Land¬ 
bewohnern zu suchen ist 1 ), spielt sich das Leben der höheren Stände, z. B. 
in Italien, wie es auch zu Zeiten der Renaissance und vorher schon der Fall 
gewesen ist, fast lediglich in den Städten ab *). Der hierauf achtende 


l ) Einen der sehr zahlreichen Beläge hierfür bietet uns das Leben des großen 
Kanzlers des Deutschen Beiches, der mit warmer Liebe am Landleben hing. 
Außer vielem anderen bestätigen dies zahlreiche Stellen seiner „Briefe an seine 
Braut und Gattin“ (so der Brief vom 16. Mai 1851). 

*) Eine eingehende geschichtliche Herleitung dieser Erscheinung findet sich 
in Hansen, a. a. 0., 8. 251 ff. 

16 * 


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244 


Th. Oehmoke, 


Reisende wird es unschwer erkennen, wie in Italien die Besitzer der 
übrigens dort wenig zahlreichen im landwirtschaftlichen Großbetriebe be¬ 
wirtschafteten Landgüter oder der sonstigen umfangreicheren ländlichen 
Besitzungen nicht auf diesen Gütern, sondern meist in der Stadt ihren 
Wohnsitz haben und die Bewirtschaftung jener Güter Pächtern oder Ver¬ 
waltern überlassen. 

Eine außerordentliche Vorliebe für das Landleben und für ländliches 
Wohnen ist den Engländern eigen. Diese Vorliebe ist einst aus dem Mutter¬ 
lande in die Vereinigten Staaten von Nordamerika verpflanzt und hat sich 
— wenigstens nach schriftstellerischen Zeugnissen von daher — dort auch 
erhalten. 


2. Abschnitt. Statistik, 
a) Statistik der Sterblichkeit in Stadt und Land. 

Für Beurteilung der Gesundheitsverhältnisse der Bewohner verschie¬ 
dener Orte, der Angehörigen verschiedener Berufe usw. ist man in erster 
Linie auf die Sterblichkeitsstatistik angewiesen. Zum Zwecke des Ver¬ 
gleiches der Sterblichkeit in Stadt und Land beginnen wir mit älteren, öfter 
anderweit schon angeführten Angaben. 

Nach Finkelnburg (a. a. 0.) starben von 1000 Lebenden im Jahre: 



In sämtlichen 

Auf dem 

Mehr in den 


Städten 

Lande 

Städten 

England 1864 bis 1874 .... 

247 

19*5 

52 

Preußen 1875 bis 1879 .... 

27*4 

247 

2*7 


Es sind nach derselben Quelle für jenen Zeitraum für alle preußisohen 
Provinzen, mit Ausnahme einer, die Sterbeziffern füt die Städte größer als 
die für das Land. 

Wie sehr die Gesundheitsverhältnisse der mit industriellen Arbeitern 
überfüllten Großstädte seinerzeit hinter den GesundheitsVerhältnissen rein 
ländlicher Bezirke in England zurüokgestanden haben, wird aus folgenden 
Zahlen ersichtlich. 

Es starben im Durchschnitt der Jahre 1849 bis 1853 von 1000Lebenden: 



Männer 

Frauen 

In 51 Healthy districts. 

17-5 

16*2 

In Manchester. 

35*4 

30*5 

ln Liverpool. 

40*9 

36*3 


Der verschiedene Anteil einer Anzahl der Hauptkrankheiten an den 
Sterbeziffern in Stadt und Land in Preußen für 1877, für Männer und 
Frauen getrennt, kann aus Tabelle 2 ersehen werden. 


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245 


Gesundheit und weiträumige Stadtbobauung. 

Tabelle 2. 

Todesursachen im Königreiche Preußen im Jahre 1877, nach Stadt 
und Land geschieden (im Auszüge). 

Es starben nach der amtlichen preußischen Statistik auf 10 000 Lebende: 


“1 

Todesursachen 

Männer 

^ Frauen 

t 


Land 

Stadt 

Land 

Stadt 

1 

Altersschwäche (über 60 Jahre). 

2606 

15*77 

29*63 

1 

22*38 

2 

Scharlach. 

8*21 

8*28 

7*28 

7*37 

3 

Masern und Böteln. 

5*45 

3 43 

4'97 

3*38 

4 

Diphtherie und Croup. 

19-21 

1400 

16*64 

13*20 

5 

Keuchhusten. 

7*09 

4*46 

7*30 

5*48 

6 

Typhus. 

6*04 

6*35 

5*49 

5*90 

7 

Einheimischer Brechdurchfall. 

1*61 

8*30 

1*33 

7*68 

8 

Diarrhöe der Kinder. 

1*54 

7*10 

1*18 

5*75 

9 

Tuberkulose . 

31-96 

42*76 

26*63 

32*00 

lOj 

Luftröhrenentzündung und Lungenkatarrh . . 

1*21 

6*03 

1*00 

5*52 

11 

Lungen- und Brustfellentzündung 

11*07 

| 14*70 

7*87 

11*27 

12 

Andere Lungenkrankheiten. 

318 

4*01 

2*26 

2*72 

13 

Herzkrankheiten . 

0*93 

303 

0*95 

3*38 

14 

I Gehirn krankheiten. 

3*20 

10*05 

2*30 

7*61 

15 

| Nierenkrankheiten. 

0*92 

288 

0*35 

1*68 

16 

Selbstmord. 

242 

4*04 

0*45 

0*74 

I 

■J 

Überhaupt 

(einschließlich auch der hier nicht aufgeführten 
Krankheiten) 

264*87 

290*77 

232*37 

255*83 


Den die Höhe der Sterblichkeit des Säuglingsalters bestimmenden 
Krankheiten erliegen in den Städten fünfmal so viel Opfer als auf dem 
Lande. An der verheerendsten Volkskrankheit, der Tuberkulose, starben 
in der Stadt ein Drittel Männer mehr als auf dem Lande. Eine Mehr¬ 
sterblichkeit der städtischen Frauen ist auch vorhanden, aber sie ist nicht 
so groß. Man glaubt daher die Ursache für die Verschiedenheit der Ver¬ 
breitung dieser Krankheit in Stadt und Land in der Verschiedenheit der 
Berufstätigkeit — ob diese in geschlossenen, mit staubbildenden Stoffen 
angefüllten Räumen oder ob sie, wie beim Landmann, im Freien stattfindet 
— suchen zu sollen. 

Wo die Beschäftigung in Fabriken bei der Landbevölkerung vorherrscht, 
ist die Tuberkulosesterblichkeit auch bedeutend, allerdings nach den Unter¬ 
suchungen Finkelnburgs für die Rheinprovinz nirgend ganz so hoch wie 
in den zu vergleichenden Fabrik städteD. 

Für Herz-, Gehirn- und Nierenkrankheiten stellen sich die Sterbeziffern 
unserer Tabelle für die Stadt je auf das Dreifache von denen des Landes, 
und zwar sowohl für Männer als für Frauen. 

Die allgemeinen Sterbeziffern haben, wie aus den hier im folgenden 
benutzten neuesten statistischen Erhebungen und Untersuchungen ersicht¬ 
lich werden wird, in den letzten Jahrzehnten erheblich abgenommen. 

Rahts stellt in Bd. V der Medizinal - statistischen Mitteilungen aus 
dem Reichsgesundheitsamte Vergleichungen zwischen der Sterblichkeit der 


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246 


Th. Oehmcke, 


Gesamtbevölkerung von 25 Großstädten (über 100 000 Einwohner) des 
Deutschen Reiches (nur 3 der 28 dieser sind ausgelassen) und der Sterblich¬ 
keit der Bevölkerung außerhalb der 25 Großstädte, sodann zwischen den 
Sterbeziffern jener Bevölkerung der Großstädte und der Gesamtbevölkerung 
des Deutschen Reiches an. Er berechnet dabei die relativen Sterbeziffern 
nach den Zahlen der Sterbefalle des Jahres 1896 und nach den Bevölke¬ 
rungszahlen, wie sie die Volkszählung vom 2. Dezember 1895 ergab. 

Auf je 100 000 Lebende starben in den Großstädten 1 ) 1986, in der 
Gesamtheit der Staaten 2106. 

Danach könnte es scheinen, als ob die 25 Großstädte schon günstigere 
Sterbeziffern als die Gesamtbevölkerung aufwiesen. Indessen erscheinen die 
Zahlen in anderem Lichte, wenn wir die verschiedene Besetzung der Alters¬ 
klassen in Stadt und Land in Rücksicht ziehen. 

Nach Rahts entfielen auf 1000 Lebende: 


an Bewohnern 

bis 15 Jahre 

über 60 Jahre 

in den 25 Großstädten. 

290 

58 

in der Gesamtheit von 19 deutschen Staaten .... 

347 

79 

in den preußischen Landgemeinden und Gutsbezirken 

378 

82 


Die Besetzung der jüngsten und der ältesten Altersklasse, welche beide 
stets die höchsten Einzelsterbeziffern haben, ist auf dem Lande also viel 
stärker als in den Großstädten. Durch diese hohen Einzelsterbeziffern wird 
die Gesamtsterbeziffer des Landes sehr ungünstig beeinflußt und erscheint 
höher, als sie es ist. 

Aus Tabelle 3 geht hervor, daß nur in der Altersklasse über 60 Jahre 
die Großstädte günstigere, unter dem Durchschnitt bleibende Sterblichkeits- 

Tabelle 3. 


Es starben in 1896 nach Rahts: 


Auf je 10 000 Lebende 

In der 

Gesamtheit der 
19 Staaten 

In den 

25 Großstädten 

Außerhalb der 
25. Großstädte 

des ersten Lebensjahres .... 

2481*8 

2727*4 

2449-6 

von 1 bis 15 Lebensjahren . . 

101-5 

115*3 

99-8 

von 15 bis 60 Lebensjahren . . 

89*8 

93*1 

89*2 

von 60 Jahren und darüber . . 

685-6 

659-6 j 

688*5 


Verhältnisse aufweisen, aber nur scheinbar, da festgestellt ist, daß die Greise 
auf dem Lande im Durchschnitt älter sind als in der Stadt und daher natur¬ 
gemäß eine größere Sterblichkeit haben als die in der Stadt. In den drei 
anderen Klassen sind die Sterbeziffern für die Großstädte höher als für die 
Gesamtheit der Staaten und für die Bevölkerung außerhalb der Großstädte. 

Es sind ferner in der Gesamtheit der Staaten 24*5 Proz., in den Gro߬ 
städten aber 30*6 Proz. aller Gestorbenen gerade im lebenskräftigsten Alter 
(15 bis 60 Jahre) gestorben. 

l ) 1895 betrug die Bevölkerung der Großstädte 13*9 Proz. der Gesamtbevölke¬ 
rung des Reiches. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


247 


Rahts kommt für das Jahr 1896, also für einen noch nicht lange 
zurückliegenden Zeitraum, bei seiner eingehenden und vorsichtigen Unter¬ 
suchung zu dem Schlüsse, daß die Sterblichkeitsverhältnisse in den Gro߬ 
städten — trotz der viel größeren Aufwendungen für Hygiene in ihnen — 
jedenfalls entschieden ungünstigere sind als außerhalb derselben. 

Wir haben gesehen, daß für den Vergleich der Sterbeziffern von Gro߬ 
stadt und Land der Verschiedenheit der Altersgliederung eine ausschlag¬ 
gebende Bedeutung beizumessen ist. In der Tabelle 4 ist die Besetzung 

Tabelle 4. 

Besetzung der Altersklassen der Bevölkerung in den deutschen 
Großstädten und im Deutschen Reiche. 

(Nach Maurice Block, angeführt bei Oldendorff-Weyl.) 

Von 1000 Personen standen am 1. Dezember 1875 im Alter von: 


_ 1 

im Deutschen 

Reiche 

in 

Berlin 

in 

Dresden 

in 

Köln 

in 

München 

0 bis 

10 Jahren .... 

246 

196 

171 

197 

154 

10 n 

20 

» . . . . ^ 

197 

167 . 

190 

188 

151 

20 „ 

30 

II * * * * 

159 

261 

259 

240 

241 

30 „ 

40 

T» .... 

134 

173 

147 

147 

167 

40 „ 

50 

n .... 

103 

97 

100 

93 | 

122 

50 „ 

60 

n .... 

84 

i 62 

i 73 

75 

87 

60 „ 

70 

*> .... 

51 

29 

39 

4! 

53 

70 „ 

80 Jahren .... 

21 

1 12 

16 

16 1 

21 

80 und mehr Jahren . . 

3-7 

1*9 

2 9 

3*1 | 

3*6 

Alter unermittelt .... 

1*1 

| 0*9 

2*3 

0*3 

0*3 


der Altersklassen von 10 zu 10 Jahren in einigen der bedeutendsten deut¬ 
schen Großstädte und im Deutschen Reiche enthalten. Auch in dieser Tabelle 
ist der vorhin angedeutete Unterschied der Altersgliederung und die viel 
stärkere Besetzung der lebenskräftigsten Altersklassen in den Großstädten 
der schwächeren Besetzung dieser Klassen im ganzen Lande gegenüber augen¬ 
fällig, wenn auch die Zahlen einen etwas zurückliegenden Zeitpunkt betreffen. 

Wie die allgemeinen Sterbekoeffizienten sich in den letzten Jahrzehnten 
in Stadt und Land stetig verringert haben, tun die Zahlen der Tabelle 5 


Tabelle 5. 

Sterbeziffern für das Tausend Lebender in Preußen. 
(Preußische Statistik.) 


Jahr 

Stadt 

Land 

Jahr 

Stadt 

Land 

1875 ....... 

29*3 

27*5 

1891. 

24*5 

24*1 

1880 . 

28*5 

26*6 

1892 . 

24*6 

24*9 

1885 . 

27*4 

26*9 

1895 . 

23*1 

23*2 

1890 . 

25*3 

25*5 

1897 . 

22*2 

226 


aufs deutlichste dar. Von 1875 bis 1897 sind die darin enthaltenen Sterbe¬ 
ziffern in den Städten um 25 Proz., auf dem platten Lande nur um 18 Proz. 
gesunken. Es würde voreilig sein, aus letzterer Tatsache den Schluß 


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248 


Th. Oehmoke, 


ziehen zu wollen, daß die Sterblichkeit in den 22 Jahren auf dem Lande 
langsamer gesunken sei als in den Städten. Man wird sich zunächst die 
Frage vorzulegen haben, ob die nach dem obigen Zahlenverhältnis scheinbar 
stärkere Abnahme der Sterblichkeit in den Städten dem Lande gegenüber 
nicht zum großen Teil Folge einer innerhalb der 22 Jahre etwa stärker 
gewordenen Wanderung der lebenskräftigsten Alter vom Lande in die Stadt 
ist. Bailod (a. a. 0.) kommt auch, wie später mitgeteilt werden wird, zu 
einem anderen Ergebnis, als es das vorerwähnte, für das Land ungünstige 
Zahlenverhältnis vermuten läßt. 

Bisher haben wir schon mehrfach gesehen, daß die allgemeinen Sterbe¬ 
ziffern für den Vergleich verschiedener Bevölkerungen nur wenig Wert 
haben, wenn in ihnen stärker wandernde Bevölkerungsteile vorhanden, d. h. 
wenn ihre Altersgliederung eine verschiedenartige ist. Man hat sich daher 
bestrebt, für den erwähnten Zweck einen geeigneteren Ausdruck für die 
Gesamtsterblichkeit aufzustellen, als es die allgemeinen Sterbeziffern sind. 
Wie Boeckh für die Stadt Berlin und andere Statistiker für andere Ört¬ 
lichkeiten, hat Ballod a. a. 0. für die Orte und Gebiete Preußens für er¬ 
dachte Bevölkerungen durch wissenschaftliche Berechnungen Sterbetafeln 
aufgestellt. Für diese erdachten Bevölkerungen ist dabei eine Zusammen¬ 
setzung vorausgesetzt, wie sie die Bevölkerungen der Orte und Gebiete 
haben würden, wenn die Bewohner alle am Orte ihrer Geburt verblieben 
sein würden, und auch kein Zuzug von außen stattgefunden haben würde, 
d. h. wenn diese Bevölkerungen „stationär“ geblieben wären. 

Aus diesen Sterbetafeln Ballods (nur für Preußen sind es 67 Stück) sind 
die Lebensaussichten (mittlere Lebensdauer) aller Altersklassen für Gegenwart 
und Vergangenheit zu ersehen. Daraus wird dann auch ein summarischer 
Sterbekoeffizient der Gesamtbevölkerung (Umkehrung der mittleren Lebens¬ 
dauer der Neugeborenen) abgeleitet, in welchem der Einfluß der verschie¬ 
denen Besetzung der Altersklassen ausgeschieden ist. 

Aus einzelnen Angaben jener Sterbetafeln ist von Ballod neben zahl¬ 
reichen anderen zum Vergleich der Sterblichkeit in Stadt und Land auf¬ 
gestellten Tabellen Tabelle 6 zusammengestellt. Dieselbe gibt uns ein 
Tabelle 6 (Auszug aus der Tabelle von Ballod). 

Es betrug die mittlere Lebensdauer für das männliche Geschlecht in Preußen 
beim Alter: 





Unterschied 




Großstädte 

gegen Land 

Land 




Proz. | 


30 Jahre . 

f 1880/81 

29*29 

11*7 

32*74 

1 1895/96 

30*95 

15*3 

35*70 

40 Jahre . 

1 1880/81 

21*84 

16 

25*35 

( 1895/96 

23*66 

17*4 

27*40 

50 Jahre . 

f 1880/81 

16*78 

11 

18*50 

|( 1895/96 j 

!7*65 

16 

20*37 


anschauliches Bild davon, wie sehr die erwachsene männliche Bevölkerung 
der Großstädte in ihrer Lebensdauer hinter der Bevölkerung der Land¬ 
gemeinden Preußens zurücksteht, und wie stark sich dieses Verhältnis von 


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249 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

1881 bis 1896 noch mehr zuungunsten der Großstädte verschoben hat. 
Es sind jene Unterschiede der Lebensdauer in Großstadt und Land im 
allgemeinen noch nicht einmal die größten, welche sich aus dem Vergleiche 
von Großstädten und Land überhaupt ergeben. So führt Ballod an, daß 
die Lebensdauer der männlichen Erwachsenen der Großstädte von derjenigen 
der zu 78 Proz. in Landwirtschaft tätigen Landgemeinden der vier Ost- 
provinzen noch erheblich mehr abweicht, als dies nach Tabelle 6 der Fall 
ist, nämlich in denselben Altersklassen für 1895/96 um 21 bis 24 Proz. 

Er nimmt daher für Preußen als erwiesen an: 1. Die Lebensdauer hat 
im allgemeinen erheblich zugenommen; 2. diese Zunahme ist für die Er¬ 
wachsenen auf dem Lande stärker gewesen als in den Städten, erheblicher 
beim männlichen als beim weiblichen Geschlecht. Er kommt zu dem End¬ 
ergebnis: „Der Gegensatz in der Lebensdauer zwischen Stadt und Land, 
besonders in dem kräftigen Mannesalter, besteht nicht nur unverändert 
weiter, sondern hat sich noch verschärft. u Diese Tatsachen sind um so 
schwerwiegender, als in den Großstädten in den letzten Jahrzehnten außer¬ 
ordentlich große Aufwendungen für Pflasterung, Straßenreinigung, Trink¬ 
wasserversorgung, Kanalisation, Krankenhauswesen, Schlaohthausbauten und 
sonstige Gesundheitswerke gemacht worden sind, während von allem diesem 
den Landgemeinden fast noch nichts zugute gekommen ist. Außerdem hat 
die in neuerer Zeit stattgefundene Steigerung der Lebenshaltung in der 
Hauptsache nur auf die städtische und industrielle Bevölkerung Bezug 
gehabt, wie wir mit Ballod annthmen können. 

Etwas außerhalb des Kähmens der vorstehenden Erörternngen über 
den Unterschied der Sterblichkeit in Stadt und Land fällt der Inhalt der 
Tabelle 6a, welcher die Sterbeziffern Berlins und seiner Hauptvororte ent- 

Tabelle 6 a. 

Gewöhnliche Bterbeziffern auf 1000 Lebende (ohneTotgeborene) für 1898 
für Berlin und eine Anzahl Vororte, nach dem statistischen Jahrbuch der 

Stadt Berlin von 1900. 


Berlin. 

Charlottenburg . 

.17*24 

.14*17 

Groß-Lichterfelde (einschließlich 
Lankwitz). 

11*01 

Vororte der 

Teltower Seite: 

Vororte der Barnimer Seite: 
Lichtenberg.22*04 

ßchöneberg . . . 

.11*61 

Pankow . 

18-81 

Bixdorf . . . . 

.18*01 

Weißensee (mit Neu-Weißensee) 

24*25 

Wilmersdorf . . 

.10*99 

Boxhagen-Rummelsburg .... 

23*89 

Friedenau . . . 

.12*37 

Reinickendorf. 

21*60 

Steglitz. 

.13*68 

Friedrichsfelde. 

20*58 


hält. Es dürfte indessen der Inhalt der Tabelle eine unmittelbarere Be¬ 
ziehung zu unserem Hauptbesprechungsthema „Gesundheitlicher Einfluß 
des gedrängten und des weiträumigen städtischen Anbaues u haben. Wir 
können die Zahlen der Tabelle nicht kurzerhand als Beweis für die Über¬ 
legenheit des weiträumigen städtischen Anbaues (Vororte) über den ge¬ 
drängten Anbau (Berlin) ins Feld führen. Die Tabelle enthält eben nicht 
die korrekten, sondern nur die gewöhnlichen Sterbeziffern; es ist darin also 
nicht die Verschiedenheit der Altersgliederung zum Ausdrucke gekommen. 


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250 


Th. Oehmcke, 


Zudem wird mannigfachen anderen Umständen, so dem verschiedenen Grade 
der Wohlhabenheit, dem geringen Alter der Vororte usw., ein erheblicher 
Einfluß auf die Sterbeziffern der Tabelle zuzusprechen sein. 

Immerhin erscheint es beachtenswert, daß die westlichen und südwest¬ 
lichen Vororte mit ihrer vielfach landhausmäßigen Bebauung, trotzdem in 
einzelnen derselben noch nicht einmal die Kanalisation durchgeführt ist, im 
allgemeinen so viel niedrigere Sterbeziffern aufweisen l ) als Berlin und die 
nördlichen und nordöstlichen Vororte mit der dort baupolizeilich gestatteten 
erheblich dichteren Bebauung. 

Daß die Sterbeziffern für die nördlichen und nordöstlichen Vororte 
größer sind als die für Berlin selbst, dafür wird der Grund vornehmlich 
darin zu suchen sein, daß in jenen Vororten die Arbeiterbevölkerung mehr 
vorherrscht und daß dort die öffentlichen Gesundheitswerke noch hinter 
denen Berlins zurückstehen. 

Die Krankheitsstatistik ist im Gegensätze zur Sterblichkeitstatistik nur 
in geringem Grade ausgebildet. Es dürfte daher hier von Wert sein, eine 
Arbeit Dr. No de re 2 ) kurz zu berühren, in welcher Großstadt und Land 
mit Hilfe einer Krankheitsstatistik verglichen sind. 

Die Ärzte des bayerischen Regierungsbezirkes Schwaben beteiligen 
sich zu 88 Proz. an einer Statistik der Ansteckungskrankheiten. Noder 
stellt nun bezüglich derselben die Stadt Augsburg mit rund 82 000 Ein¬ 
wohnern der Bevölkerung der ländlichen Orte Schwabens gegenüber. In 
Augsburg erkrankten in den vier Jahren 1895 bis 1898 jeder 8., auf dem 
Lande jeder 14. Bewohner an ansteckenden Krankheiten. Die höhere Er¬ 
krankungsziffer für die Großstadt — fast die doppelte des Landes — 
beruht nach Noder nicht auf außergewöhnlichen Schwankungen und beson¬ 
deren epidemischen Anschwellungen in einzelnen Krankheitsgruppen, sondern 
entspricht einem zutreffenden Durchschnitt. Er führt als Hauptgründe für 
diese bedeutende Rückständigkeit der Großstadt gegenüber dem Lande die 
in ersterer so sehr vermehrte Berührung der Personen untereinander und 
die ungünstigeren gesundheitlichen Allgemeinzustände der Großstadt an. 

b) Statistik der Wehrfähigkeit in Stadt und Land. 

Eine wertvolle Ergänzung des Bildes, welches wir durch die an der 
Hand der Sterblichkeitsstatisik angestellten Vergleiche von dem Gegensätze 
von Stadt bzw. Großstadt und Land erhalten, ergibt sich uns aus der Stati¬ 
stik über die Wehrfähigkeit in Stadt und Land. 

Nach Notthaft 3 ) stand die Provinz Ostpreußen, welche vorzugsweise 
eine ackerbautreibende Bevölkerung aufweist, mit 60 Proz. aller Ersatz¬ 
pflichtigen an Militärtauglichen an der Spitze der preußischen Provinzen; 
die Provinz Brandenburg — wegen der darin liegenden Stadt Berlin — 


l ) Schöneberg mit den niedrigen Sterbeziffern und der verhältnismäßig dichten 
Bebauung macht hier eine Ausnahme. 

*) Dr. A. Koder, Wodurch unterscheiden sich die Gesundheitsverhältnisse in 
Großstädten von denen auf dem Lande? Deutsche Vierteljahrsschrift f. öffentliche 
Gesundheitspflege 1902, S. 251. 

®) A. a. O., S. 487. Notthaft entnimmt diese Angaben aus E. A. Schmidt’s 
Jahrbuch., Jahrgang 1898. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


251 


mit 41 Proz. an letzter Stelle. Schon 1870/71 hatte der vorherrschend 
industrielle Kreis Waldenburg nur 20 Proz., der benachbarte Kreis Striegau, 
mit vorherrschend landwirtschaftlicher Bevölkerung, 60 Proz. Taugliche. 

Einer Tageszeitung entnimmt Notthaft, daß bei der Musterung von 
1898 von den Gestellungspflichtigen im Mainzer Stadtbezirk 80 Proz. 
zurückgestellt wurden; 15 bis 20 Proz. dieser Zurückgestellten hatten Herz¬ 
fehler. Von den Gestellungspflichtigen Nürnbergs waren 1897 33 Proz. 
tauglich, 1898 nur noch 18 Proz. 

Diesen allgemeineren Angaben lassen wir die eingehenden Vergleiche 
Ballods 1 ) folgen. Um vor allem die Zahlen der Eingestellten nach ihren 
Geburtsgebieten festzustellen, zieht er die seit langem vorhandene Statistik 
über die Schulbildung der ins Heer Eingestellten heran. In Tabelle 7 stellt 


Tabelle 7 (nach Ballod). 

Relative Wehrfähigkeit industrieller und agrarischer Gebiete des 

Deutschen Reiches. 



Flächen¬ 

inhalt 

qkm 

1 Bevölke¬ 
rung in 
Millionen 

1895 

i Eingestellte 
1893/94 
1894/95 
1895/96 

Auf 

10 000 Be¬ 
wohner ein¬ 
gestellt (in 

3 Jahren) 

Deutsch es Reich . . . 

540 657 

52*28 

759 986 

145*3 

a) Mehr industrielle Hälfte (der 
Bevölkerung *). 

174 469 

2614 

337 957 

129*3 

b) Mehr agrarische Hälfte (der 
Bevölkerung). 

366 078 

I 

26*14 

422 029 

161*5 

«) Industriegebiete mit über 
81‘4 Proz. industriell im 
Handel und Verkehr Er¬ 
werbstätigen . 


11*46 

120 162 1 

1 

1 104-8 

ß ) Agrargebiete mit über 65'5 
Proz. landwirtschaftlich Er¬ 
werbstätigen .I 


6*00 

' 

112 200 

1 

187*0 


er Gruppen von Bewohnern aus Gebieten mit in verschiedenen Graden mehr 
industrieller Bevölkerung und solche aus Gebieten mit mehr landwirtschaft¬ 
lich Erwerbstätigen zusammen. Er kommt auf Grund des Vergleiches zu 
dem Ergebnis, daß beim Vorhandensein stärkerer Industrie die Verhältnis¬ 
zahl der Tauglichen einer Bevölkerung erheblich kleiner ist. So lieferten 
nach Tabelle 7 die stärkst industriellen Gebiete des Deutschen Reiches 
104*8, die stärkst landwirtschaftlichen 187 Eingestellte auf 10 000 der Be¬ 
völkerung; die letztere Verhältniszahl ist das 1*78 fache der ersteren. 

Man hat sich die Frage vorgelegt, ob es bei Berechnung dieser Ver¬ 
hältniszahlen zulässig ist, die Zahl der Eingestellten mit der zur Zeit der 
Einstellung vorhandenen Bevölkerungszahl in Beziehung zu setzen. In 
Tabelle 8, welche die verschiedene Wehrfähigkeit einiger Provinzen 
Preußens usw. anschaulich machen soll, sind zur Berechnung der Verhältnis- 


1 ) A. a. O., S. 84. 


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252 


Th. Oehmcke, 


Tabelle 8 (naoh Ballod). 

Relative Wehrfähigkeit verschiedener Provinzen Preußens usw. 



Eingestellte. 

Es kommen Eingestellte 


Mittel aus 

auf 10 000 Bewohner der 


1898/94, 1894/95 

Gesamtbevölkerungszahl von 


und 1895/96 

1895 

1875 

Ostpreußen . 

13 407 

66*81 

72*21 

Westpreußen. 

8 942 

59*84 

66*60 

Brandenburg-Berlin. 

17 801 

39*57 

56*94 

Schlesien. 

21 580 

48*87 

56*14 

Rheinland. 

23 432 

45*89 

61*60 

Königreich Sachsen. 

14 686 

38*79 

53*20 

Reg.-Bez. Potsdam-Berlin . . . 

10 952 

32*90 

52*99 

Hamburg. 

1 900 

29*29 

51*36 


zahlen außerdem auch die zur Zeit des mittleren Geburtsjahres der Ein¬ 
gestellten vorhanden gewesenen Gesamtbevölkerungszahlen berücksichtigt. 
Auch in dieser Tabelle zeigt sich eine Überlegenheit der agrarischen Pro¬ 
vinzen und Gebiete über die städtisch-industriellen und die Großstädte. 

Bemerkenswerte Mitteilungen über die Militärtauglichkeit der Berliner 
Bevölkerung macht Professor Sering-Berlin in den Verhandlungen der 
XXX. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates *). In seinem 
ausgedehnten Berichte zu der Frage der Verschiedenheit der Wehrfähigkeit 
der Bevölkerung des Deutschen Reiches äußert er sich auf Grund amtlicher 
Statistik an einer Stelle wie folgt: „Verglichen mit Ost- und Westpreußen 
liefert Berlin nur etwa halb so viele Taugliche auf das Hundert Abgefertigter, 
und bei Hinzurechnung der zur Ersatzreserve Überwiesenen auf beiden 
Seiten verschlechtert sich noch das Verhältnis. So wurden im Jahre 1900 
— einschließlich der vor dem 20. Jahre Eingetretenen — für tauglich zum 
Dienst in der Linie oder in der Ersatzreserve befunden in Berlin nicht ganz 
40 auf das Hundert, in Ostpreußen mehr als 82. u 

Sering fügt dieser Anführung hinzu, daß von 1893 und 1894 bis 1900 
die Berliner Tauglichkeitsziffer Jahr für Jahr zurückgegangen sei, nämlich 
von 45 und 39 Proz. in den Jahren 1893 und 1894 auf 32 Proz. in 1899 
und 1900, und, wenn die der Ersatzreserve Überwiesenen eingerechnet 
werden, von 59 und 53 auf 37 und 38 Proz.; erst das Jahr 1900 zeige einen 
Stillstand gegen das Vorjahr. 

Obwohl die Statistik der Wehrfähigkeit hiernach bedeutungsvolle und 
unanfechtbare Tatsachen festgestellt hat, fehlten bisher unmittelbare Erhe¬ 
bungen über Herkunft und Beruf der Militärpflichtigen und Eingestellten. 
Auf Anregung des Deutschen Landwirtschaftsrates hat der Herr Reichs¬ 
kanzler hierüber für das Jahr 1902 solche Erhebungen angeordnet. In der 
Tabelle 8 a, welche sich auf jeüe Erhebungen bezieht, sind die Militärpflich¬ 
tigen in Gruppe I (auf dem Lande geboren) und in Gruppe II (in -der Stadt 
geboren) getrennt. Jede Gruppe enthält, wie ersichtlich, je zwei Untergruppen. 

*) Deutscher Landwirtschaftsrat: „Die Bedeutung der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung für die Wehrkraft des Deutschen Reiches.“ Berlin, Paul Parey, 1902. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


263 


Tabelle 8 a 

(nach der Denkschrift des Herrn Reichskanzlers betreffend die 

Ermittelungen über die Herkunft und die Beschäftigung der beim 
Heeresergänzungsgeschäfte des Jahres 1902 zur Gestellung gelangten 

Militärpflichtigen)*). 


Gruppen 

Zahl 

der 

Taug¬ 

lichen 

Von je 100 
Tauglichen 
kamen 
auf jede 
Gruppe 

Von je 100 
abgefertigten 
Militärpflichtigen 
jeder Gruppe 
waren tauglich 

L Auf dem I 
Lande j 
geboren ! 

( a) in Land- oder Forst¬ 
wirtschaft beschäftigt 
[ b) anderweit beschäftigt 

75 606 

110 389 

25*72 

37*55 

58*64 

58*40 


1. zusammen 

185 995 

63*27 

58-50 

II. In der | 
Stadt 

geboren 1 

f a) in Land- oder Forst-1 
Wirtschaft beschäftigt i 
[ b) anderweit beschäftigt 

! 

10 697 

97 263 

3*64 

33*09 

5852 

53-52 


II. zusammen 

1 107 960 

36*73 

53-97 


I. und n. zusammen 

293 955 

100*00 

56-75 


Bemerkenswert ist es, daß nach der Tabelle zwei Drittel aller Ein« 
gestellten vom Lande und nur ein Drittel aus der Stadt stammen. Die 
Tauglichkeitsziffern von 58*50 Proz. (der auf dem Lande Geborenen) und 
von 53*97 Proz. (der in der Stadt Geborenen) weichen nicht so stark von¬ 
einander ab, als man nach unseren bisherigen Betrachtungen erwarten 
sollte. Die Ziffern würden erheblich mehr voneinander verschieden sein, wenn 
die in den Land- und Kleinstädten Geborenen, deren Zahl etwa ein Viertel 
der Zahl der Gesamtbevölkerung beträgt und welche den auf dem Lande 
Geborenen an Militärtauglichkeit nur wenig nachstehen, nicht zur Gruppe II 
gerechnet wären. Auch andere Verhältnisse (in ländlichen Industriegegenden 
Geborene) sind hierbei zu berücksichtigen. 

Für unsere Betrachtungen kommt in erster Linie der Gegensatz der 
Tauglichkeitsziffern von Großstadt und Land in Frage. Dieser Gegensatz 
tritt deutlicher in der ebenfalls durch die beregten Erhebungen für 1902 
festgestellten Tatsache hervor, daß im III. preußischen Armeekorps, das die 
Provinz Brandenburg mit Berlin umfaßt, die Tauglichkeit der in der Stadt 
geborenen und anderweit beschäftigten Bevölkerung sich auf 41 Proz. gegen 
61 Proz. der dort auf dem Lande geborenen und in Land- oder Forst¬ 
wirtschaft beschäftigten Bevölkerung ergibt. 

Bei der erheblichen Überlegenheit der ländlichen und agrarischen Be¬ 
völkerung in bqsug auf Erstellung eines ausgiebigen Heeresersatzes erscheint 
das schnelle und stetige Zurückgehen des Anteils der ländlichen Bevölke¬ 
rung an der Gesamtbevölkerung für die Machtstellung des Deutschen Reiches 
nicht unbedenklich. Wenn auch, wie wir in Tabelle 5 gesehen haben, die 
Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten in Stadt und Land erheblich ab- 


l ) Reichstagsdrucksachen 1903/04. 


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254 


Th. Oehmcke, 


genommen hat, so kann daraus, wie auch unsere Betrachtungen über die 
Statistik der Wehrfähigkeit erkennen lassen, keineswegs gefolgert werden, daß 
die körperliche Tüchtigkeit und die Militärdiensttauglichkeit zugenommen, 
geschweige in demselben Maße zugenommen haben, denn die allerdings noch 
wenig ausgebildete Krankheitsstatistik kann ganz andere Ergebnisse auf¬ 
weisen als die Sterblichkeitsstatistik. 

Nachdem wir die Tatsache des Gegensatzes von Stadt und Land an 
der Hand der Statistik erörtert haben, wollen wir in den beiden folgenden 
Abschnitten versuchen, die Ursachen zu finden, welche diese Verschiedenheit 
der körperlichen Gesundheit, sowie auch der geistigen Gesundheit und der 
sittlichen Zustände in Stadt und Land hervorgebracht haben. 

3. Abschnitt. Ursachen des Gegensatzes von Stadt und Land 
in bezug auf die leibliche Gesundheit. 

Wir werden mit der Behauptung kaum auf Widerspruch stoßen, daß 
für das körperliche Wohlbefinden des Städters und insbesondere des Gro߬ 
städters ein etwas längerer Aufenthalt auf dem Lande meist von günstigen 
Folgen begleitet ist. Unbewußt wohnt dem Stadtbewohner die Vorstellung 
inne, daß er die in der dumpfen Luft der Straßen ermüdeten Sinne und die 
in der Enge der Arbeitsstätte erschlafften Kräfte nur in der freien Natur, 
im Sonnenschein und frischer Luft, in der Ausschau auf Wälder und Berge 
zu erfrischen und zu heben vermag. Er sucht deshalb in seinen Feier¬ 
stunden auf Spaziergängen wenn irgend möglich außerhalb der Stadt Er¬ 
holung. An schönen Sonn- und Festtagen ergießen sich Scharen von 
Erfrischungsuchenden, oft die Mehrheit der Einwohnerschaft, in die Um¬ 
gebung der Stadt. Zur Zeit der sommerlichen Ferien vollzieht sich die 
Flucht aus der Großstadt in die mannigfaltigsten Sommerfrischen, in wald¬ 
reiche Orte, ans Meer, ins Gebirge, mit ähnlicher Naturgewalt, mit welcher 
die steigende Industrie und der wachsende Verkehr die Flucht vom Lande 
in die schnell anwachsenden Großstädte veranlassen. 

In der Heilkunde gilt für die durch die Großstadt an ihrer Gesundheit 
Geschädigten und für Genesende der Aufenthalt auf dem Lande als Allheil¬ 
mittel. Man schickt mit dem besten gesundheitlichen Erfolge Kinder mittel¬ 
loser städtischer Eltern zu vielen Tausenden in ländliche Ferienaufenthalte. 
Man hält an dem Grundsätze fest, daß die neuerdings in so großer Zahl 
errichteten Lungenheilstätten ihren Zweck nur dann erfüllen, wenn sie in 
sorgfältig ausgewählter, ländlicher Lage sich befinden. Und trotz aller dieser 
Tatsachen werden die gesundheitlichen Vorzüge des Landlebens von den 
breiten Schichten der Bevölkerung doch noch lange nicht genug gewürdigt. 

a) Klima. 

Was zur Hochsommerzeit die Massenwanderung aufs Land veranlaßt, 
ist die in der Stadt oft viel drückendere Hitze. Die Bewegung der Luft, 
welche auf dem Lande die Hitze erheblich leichter ertragen läßt, wird in der 
Stadt durch hohe Häuser, schachtartige Höfe und enge Straßen gehemmt und 
eingeschränkt. Durch diesen Mangel an Luftbewegung wird die an sich schon 
schwierigere Durchlüftung der Stadtwohnungen noch mehr erschwert, so 
daß in heißen Zeiten auch in der Nacht in den Zimmern keine Kühlung 


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255 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

eintritt. Alle Umstände deuten nach Finkelnburg 1 ) und Wasserfuhr*) 
darauf hin, daß die Überhitzung des kindlichen Organismus, wie sie in den 
heißen Sommermonaten in den überfüllten, schlecht gelüfteten Wohnungen 
der größeren Städte eintritt, neben der Ansteckung, eine Hauptursache der 
daselbst dem Lande gegenüber so viel größeren Säuglingssterblichkeit bildet. 

In größeren Städten ist die Temperatur im Winter höher; dafür ent¬ 
behrt man auf dem Lande auch in dieser Jahreszeit nicht des wohltätigen 
Einflusses des Sonnenscheines, dessen Zutritt durch hohe Häuser in der 
Stadt vielfach gehindert wird. 

b) Luft. 

Während wir die reine, geruchfreie Luft der Felder und die würzige 
Waldluft angenehm empfinden, und durch sie unsere Atmung kräftig an¬ 
geregt wird, empfinden wir die Luft in den Städten öfter als unrein oder 
gar mit widerlichen Gerüchen erfüllt, wodurch unser Wohlbehagen beein¬ 
trächtigt wird. 

Man unterscheidet gasige Verunreinigungen der Luft und durch Staub 
und Ruß veranlaßte. Die gasigen schädlichen Beimischungen der Stadtluft 
im Freien und in den Wohnungen sind sehr vielfacher Art. 

Durch die oft seit Jahrhunderten geübte, später noch zu besprechende 
Verunreinigung des Untergrundes, und durch die Übersättigung des Stadt¬ 
bodens mit organischen Stoffen, werden der Luft sich mitteilende Fäulnis¬ 
gase, als Schwefelwasserstoff, Ammoniak und Grubengas, erzeugt. Ebenso 
entstehen solche Gase in reicher Fülle durch die Fäkalstoffe der Hofgruben, 
durch Abgänge des Haushaltes und durch gewerbliche Abgänge, wenn für 
deren ordnungsmäßige Fortschaffung nicht genug gesorgt wird. Wie be¬ 
lästigend solche Luftverunreinigung werden kann, davon kann man sich u. a. 
in den Hinterstraßen von Städten, in denen Kanalisation und Schlachthäuser 
noch fehlen, unschwer überzeugen. 

Werkstätten, Fabriken aller Art, darunter auch chemische Fabriken, 
erzeugen in den Städten ebenfalls übelriechende und zudem noch ätzende 
Gase. Die massenhaft verbrannte Steinkohle teilt der Luft beträchtliche 
Mengen von schwefliger und Schwefelsäure, auch geringere Mengen von 
Kohlenoxydgas mit. Nach Hüppe 3 ) enthielt die Luft in England in einer 
Million Kubikmeter: auf dem Lande 474 g, in London 1670 g, in Manchester 
2518 g und in der Nähe einer Fabrik daselbst 2668 g Schwefelsäure. Leucht¬ 
gas entweicht ebenfalls aus den nie ganz dichten Leitungen in nicht un¬ 
beträchtlicher Menge. Einer kräftigen Erneuerung und Reinigung der mit 
allen diesen Gasen geschwängerten Stadtluft steht ihre durch die erwähnten 
Umstände veranlaßte verhältnismäßige Bewegungslosigkeit im Wege. 

Renk [nach Noder 4 )] sagt allerdings, daß trotz der kolossalen Mengen 
von Gasen, welche unter Umständen der Luft übergeben werden, es nur in 
den seltensten Fällen möglich sei, in der Luft der nächsten Umgebung des 
Entstehnngsortes meßbare Mengen jener Gase aufzufinden. Renk will daher 


l ) A. a. O., 8. 50. 

•) A. a. O., 8. 195. 

•) Handbuch, a. a. O., 8. 150. 
4 ) A. a. O. 


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256 


Tb. Oehmoke, 


die gesundheitsschädliche Wirkung der in der Luft im Freien enthaltenen 
Fäulnis- und anderer Gase mehr dadurch erklären, daß durch die veran- 
laßten schlechten Gerüche und durch Ekelerregung die Kraft und die Tiefe 
des Atmens herabgesetzt und dadurch ungenügend werden. 

Hüppe 1 ) (Handbuch, S. 149 ff.) nimmt aber an, daß die erwähnten 
Gasbeimischungen neben der obigen Wirkung auch die Widerstandsfähigkeit 
gegen Seuchen herabsetzen können. Sie griffen die Zellen des menschlichen 
Körpers an, und ermöglichten oft erst einen wirksamen Angriff der An¬ 
steckungsbakterien. Es wäre, wie er sagt, die vielfach zu beobachtende 
Vernichtung der Pflanzen durch Gehalt der Luft an schwefliger Säure ein 
bemerkenswerter Fingerzeig für die Wirkung auf lebendes Protoplasma 3 ). 

Was die durch die Atmungstätigkeit des Menschen in Innenräumen 
veranlaßte Luftverschlechterung anbetriflt, so wird der zu messende Kohlen¬ 
säuregehalt der Luft dafür als Anzeiger angesehen. Nach Pettenkofer 
gilt ein Kohlensäuregehalt von 1 Prom. als die für geschlossene Räume im 
allgemeinen nicht zu überschreitende Grenze. Für gewöhnlich weist der 
Kohlensäuregehalt der Luft im Freien in den Städten keine sehr merk¬ 
lichen Unterschiede gegenüber der auf dem Lande auf. Nach Rubner (bei 
Noder) enthält die Stadtluft im Mittel 0*385, die Landluft 0*318 Prom. 
Kohlensäure. 

Nach dem Jahresberichte des Landesmedizinalkollegiums über das 
Medizinalwesen im Königreiche Sachsen für das Jahr 1894 (Gesundheits- 
Ingenieur 1896, S. 196) hatte die freie Luft in den Schulhöfen und Schul¬ 
gärten der Dresdener Volksschulen nicht 0*4 Prom., wie man gewöhnlich an¬ 
nimmt, sondern sie stieg nicht selten tfuf 0*7 bis 0*8 Prom. Nach sorgfältigen 
Messungen schwankte der Kohlensäuregehalt in den Straßen und Plätzen 
Dresdens zwischen 0*32 und 0*91 Prom. Nach Schneefall, bei ruhiger, kalter 
Luft, ging er selbst in engen Straßen in den frühen Morgenstunden auf 
0*32 Prom. herab. Im Sommer betrug er an milden Tagen mit ruhiger Luft 
nur 0*38 bis 0*45 Prom. Bei stürmischer Witterung, welche das Aufsteigen 
der Verbrennungsgase aus den Schornsteinen verhindert, nimmt er beträcht¬ 
lich zu und stieg er sowohl im Winter als im Sommer bis zu 0*91 Prom. 

Als gesundheitlich viel bedenklicher wie die in der Stadtluft beob¬ 
achteten gasigen Verunreinigungen im Freien es sind, ist die durch Atmung 
und Entwickelung schädlicher Gase herbeigeführte Luftverschlechterung der 
geschlossenen Räume, insbesondere die der überfüllten städtischen Woh¬ 
nungen, anzusehen. Wenn ein Kohlensäuregehalt von 9 Prom. in der Luft 
von Schulzimmern keine Seltenheit ist, wird man einen solchen in der Luft 
überfüllter Privatwohnungen auch öfter antreffen. Sehr zur Luftverunreini¬ 
gung der Wohnungen trägt auch die durch Verschmutzung der Zwischen¬ 
deckenfüllstoffe erzeugte Entwickelung von Fäulnisgasen bei. 


l ) Näheres darüber bringt Hüppe in „Bakteriologie und Biologie der Woh¬ 
nung“. Weyls Handbuch der Hygiene, 4. Bd., 8. 924 ff. 

*) Nach Tagesblättern beabsichtigt die staatliche Forstverwaltung ihre in der 
Nähe der südöstlichen Vororte Berlins belegenen Forsten zu verkaufen — oder hat 
sie zum Teil schon verkauft —, da angeblich wegen der Bauch- und Gasentwicke¬ 
lung der dort befindlichen zahlreichen Fabriken, Eisenbahnen und des Dampf- 
schiffsverkehres die Bäume dieser Forsten frühzeitigem Verderben ausgesetzt sind. 


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267 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

Die Durchlüftung der Stadtwohnungen im Gegensätze zu der der Woh¬ 
nungen auf dem Lande ist durch den Umstand sehr beeinträchtigt, daß die 
Räume der großen eingebauten städtischen Häuser durch die natürliche 
Ventilation meist nur die bereits verdorbene Luft daranstoßender bewohnter 
Räume erhalten. Auch die unbewegte Luft geschlossener Höfe ist zur Luft¬ 
versorgung für die daranliegenden Räume oft wenig geeignet. Ungünstig ist 
es auch, daß in den großen Stadthäusern mit Massenwohnungen der für eine 
ausgiebige Lüftung erforderliche Gegenzug meist nicht zu bewerkstelligen ist. 

Man hat für die Gesundheitsgefährdung der Luft stark mit Menschen 
besetzter Räume ein besonderes Atmungsgift verantwortlich gemacht. Wenn 
es auch der Wissenschaft trotz sehr vieler Versuche bisher nicht gelungen 
ist, dieses Gift aufzufinden, so dürfte dies doch wenig an der aus vielen 
Erscheinungen und alten Erfahrungen hervorgehenden Tatsache der großen 
Schädlichkeit solcher Luft ändern. Neben den bisher angenommenen, durch 
Atmung und Ausdünstung erzeugten üblen Einwirkungen auf die Luft, hat 
man neuerdings auch den Wasserdampfgehalt der Luft in Verbindung mit 
der Erhöhung der Wärmegrade, welcher in mit Menschen besetzten Räumen 
schnell ansteigt, hervorgehoben. 

Die Schädlichkeit schlechter Luft für die Gesundheit wird von allen 
Kulturvölkern, und meist schon seit geraumer Zeit, als feststehende Tat¬ 
sache angesehen. 

Wir gehen nunmehr von den gasigen Verunreinigungen zu den im 
Freien und in den Wohnungen vorkommenden Verunreinigungen der Stadt¬ 
luft durch den „Staub“ über. 

Der Staub ist entweder grob (Teilchen vom Steinpflaster, von Baustoffen, 
vom Straßenkehricht, von Lebensmittelresten, unverbrannte Kohlenteilchen 
aus den Feuerungen usw.), so daß er mittels Besen zu entfernen ist, oder 
er ist nur in der Form von Sonnenstäubchen sichtbar und ist organischer 
Herkunft (Wolle, Baumwolle, Zusammenballungen von Mikroorganismen usw.). 
Die kleinsten Formen der Mikroorganismen sind namentlich vereinzelt auch 
als Sonnenstäubchen nicht mehr sichtbar, und sind nur durch ein Verfahren 
als Sonnenstäubchen sichtbar zu machen. Unter den kleinsten Lebewesen 
befinden sich auch die meist aus den mannigfachen Ausscheidungen des 
Menschen herrührenden Ansteckungsträger der verschiedensten Krankheiten. 
Diese Ansteckungsträger erfüllen die Stadtluft, wie schon im statistischen 
Teil angedeutet wurde, in viel stärkerem Maße als die Landluft, welche in 
gewissen Fällen sogar ganz frei von solchen Keimen sein kann. 

Der diese Keime tragende Staub gelangt in die Wohnungen, indem er 
durch die Fußbekleidungen, denen er anhaftet, oder durch Luftströmungen 
oder Auf andere Weise in die Zimmer befördert wird. Er häuft sich auf 
Fluren, Treppen und Laufgängen, namentlich der großstädtischen Riesen¬ 
häuser geringeren Ranges, deren Reinhaltung vielfach zu wünschen übrig 
läßt, oft in großen Mengen an. 

Vom Staube getragen, durch das Trinkwasser oder sonstwie finden die 
Ansteckungskeime den Weg in den Menschen. Wie man annehmen kann, 
wird für ihren dort oft verhängnisvollen Angriff der Boden durch die schä¬ 
digende Wirkung der auf die verschiedenste Weise entstehenden Fäulnisgase 
und anderer Verunreinigungen der Atmungsluft erst vorbereitet. 

Viertel jahrtBChrlft Ar Gesundheitspflege, 1904. iy 


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Th. Oehmcke, 


Die Ursachen, die wir für das Überwiegen der Ansteckungsgefahr in 
der Stadt, dem Lande gegenüber, bereits erwähnt haben, nämlich die Ver¬ 
mehrung der Zahl der AnsteckungBkeime in Luft und Wasser durch das 
Zusammendrängen der Menschen, sowie die vervielfachte gegenseitige Be¬ 
rührung der Menschen, machen sich in großstädtischen Riesenhäusern mit 
ihrer zahlreichen Bewohnerschaft in sehr erhöht bedrohlicherWeise geltend. 

Eine arge Verunreinigung erfährt die Stadtluft durch den Ruß und die 
Aschenbestandteile der in größeren Städten massenhaft vorhandenen Kohlen¬ 
feuerungen. Zusammen mit den aus letzteren auch entstehenden, bereits 
besprochenen gasigen Verunreinigungen, von deren Schädlichkeit allerdings 
sehr die Schädlichkeit des Rußes übertroffen wird, bilden diese durch die 
Feuerungen verursachten Verunreinigungen die Rauchplage der größeren 
Städte. 

Nähert man sich mit der Eisenbahn einer Groß- oder Industriestadt, 
so wird man oft mit Beklemmung wahrnehmen, wie sich schon außerhalb 
des Weichbildes der Stadt das Blau des Himmels in ein trübes Grau ver¬ 
wandelt, und wie das fahle Sonnenlicht kaum den mit mißfarbenen Wolken 
der verschiedensten Töne erfüllten Luftkreis zu durchdringen vermag. 

Aus einer vom Deutschen Verein für öffentliche Gesundheitspflege 1899 
bei den Verwaltungen aller deutschen Städte von über 15 000 Einwohnern 
veranstalteten Umfrage geht hervor 1 ), daß etwa ein Fünftel bis ein Viertel 
dieser Städte unter Rauchbelästigungen in mehr oder minder hohem Grade 
zu leiden haben. Da dies gerade bei den großen und größeren Städten der 
Fall ist, darf schätzungsweise angenommen werden, daß etwa die Hälfte der 
Städtebewohner im Deutschen Reiche und die weitaus bedeutendste Mehrzahl 
der Großstädter unter Rauchbelästigung zu leiden haben, mit welcher, wie 
vorher erwähnt, vielfach eine Belästigung durch den Gehalt der Luft an 
schwefliger Säure und an anderen ätzenden oder giftig wirkenden Gasen 
verbunden ist. 

Der Grad der Belästigung hängt nach jener Umfrage von der Art der 
verbrauchten Kohle ab. Von allen Gewerbebetrieben tragen die Klein¬ 
betriebswerkstätten (namentlich Bäckereien) zu den Klagen etwa viermal so 
viel bei wie die Kesselfeuerungen. Ein recht bedeutender Anteil fällt auch 
den häuslichen Feuerstätten dann zur Last, wenn an einem Orte Kohlen¬ 
beschickung die Regel bildet. In Berlin ist infolge der dort gebräuchlichen 
Brennmaterialien die Rauchplage eine verhältnismäßig geringere als in ver¬ 
schiedenen anderen deutschen Großstädten. 

Der Aufenthalt in Städten mit massenhaften Steinkohlenfeuerungen 
vermehrt nach Finkelnburg 2 ) erheblich die Zahl der Erkrankungen an 
Luftröhrenentzündung und an Lungenkatarrh. Die Sterblichkeit an diesen 
Krankheiten war 1875 bis 1879 — sowohl im ganzen preußischen Staate 
(siehe auch Tabelle 2) wie in der Rheinprovinz — in den Stadtgemeinden 
um mehr als das Doppelte größer als in den Landgemeinden. In den 
großen Industriestädten, z. B. Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund, stieg sie 


*) Nußbaum, „Die Rauch belästigung in deutschen Städten. 4 D. Viertel¬ 
jahrsschrift f. öffentliche Gesundheitspflege 1900, S. 562. 
f ) A. a. O., S. 43 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

zu der ganz außerordentlichen Höhe des 10- bis 13 fachen der bezüglichen 
Durchschnittssterblichkeit der Landgemeinden der Rheinprovinz. 

Jene große Zunahme der Sterblichkeit an Luftröhrenentzündung und 
Lungenkatarrh in den Hauptstätten des industriellen Kohlenverbrauches 
betrißt nun aber beide Geschlechter annähernd in gleichem Maße. Es han¬ 
delt sich daher nicht, wie bei der Lungentuberkulose, wesentlich um Ein¬ 
flüsse der Beschäftigung, sondern jedenfalls auch um solche des bloßen 
Aufenthaltes in den betreffenden Städten. 

c) Die Nebel. 

Nicht zufällig ist es, daß mit einer Vermehrung der Rauchplage in den 
Großstädten ein Häufigerwerden der Nebel einhergeht. 

A. und H. Wolpert 1 ) äußern sich über Nebelbildung folgendermaßen: 
„Nach den Untersuchungen, die Aitken und v. Helmholtz 1886 über 
Nebelbildung angestellt haben, kann nur an festen oder flüssigen Körpern 
und in der freien Atmosphäre nur dort, wo die Luft bereits mit festen oder 
flüssigen Teilchen geschwängert ist, ein weiterer Niederschlag sich bilden. 
Die Sättigung der Luft mit Wasserdampf ist weder die notwendige noch die 
hinreichende Voraussetzung für die Nebelbildung; denn einerseits ist es 
möglich, gesättigte Luft unter den Taupunkt abzukühlen, ohne daß sich 
Feuchtigkeit niederschlüge, wenn ihr nämlich Staubkerne mangeln; 
andererseits gibt es Nebel, die den Luftkreis auch dann noch erfüllen, wenn 
dieser nicht mehr vollständig gesättigt ist. tf London hat jährlich mindestens 
30 bis 50 Nebeltage; die meisten im Winter. 

Nach Rubner gab es vom Dezember bis Februar in London: 1870 bis 
1875 93, von 1875 bis 1880 119, von 1880 bis 1885 181 und von 1885 
bis 1890 156 Nebel. 

Nach demselben Schriftsteller erkennt man auch in Hamburg die Wir¬ 
kungen der Großstadt auf die Erzeugung von Nebeln; es hat jährlich 126 
Nebeltage, Helgoland 39 und Sylt 43. Die Nebel sind in den Städten nach 
Rubner viel häufiger als auf dem Lande, im Winter häufiger als im Sommer. 
Sie werden namentlich Personen von zarter Gesundheit schädlich. Sie 
machen die Kälte in erhöhtem Maße empfindlich. 

d) Das Liebt. 

Rauchentwickelung und Nebel vermindern die Wirkung des Sonnen¬ 
scheines in den Städten. Für das Land ist vielfach die mehrfache Zahl 
von Sonnenscheinstunden im Jahr von der der Großstädte festgestellt worden. 
Überdies wird in der Stadt der Zutritt von Licht und Sonnenschein durch 
die Enge der Straßen und Höfe und die Höhe der Häuser beschränkt. Es 
gibt in den Großstädten zahlreiche Wohnungen an Höfen, in Hintergebäuden 
und Kellern, die ohne Sonnenschein sind. 

Die unmittelbar wohltätige Wirkung des Sonnenscheines auf die Sinne 
und das Gemüt ist bekannt. Die Sonnenstrahlen sind, vermöge ihrer keim¬ 
vernichtenden Kraft, für die Reinigung der Luft, des Wassers und des Bodens 
von Ansteckungsbakterien unersetzbar. Sonnenschein und Wärme gehen in 


l ) A. und H. Wolpert, »Theorie und Praxis der Ventilation und Heizung*. 
4. Aufl., Bd. H, 8. 61. 


17* 


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Th. Oehmcke, 


ihrem Auftreten miteinander einher. Sonnenbeschienene Wände sind trocken 
und porig, befördern daher sowohl die natürliche Ventilation der Wohnräume, 
als sie wegen dieser Trockenheit und Porigkeit schlechte Wärmeleiter sind 
und einen besseren Kälteschutz gewähren als sonnenlose und feuchte Wände. 

Der Italiener sagt daher mit rollern Rechte: Dove non va il sole, ya il 
medico; wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin. 

Die häufige Lichtlosigkeit der städtischen Wohngelasse verursacht eine 
Schwächung des Sehvermögens. Wasserfuhr äußert sich hierzu wie folgt: 
„Dieser Schaden ist gerade für unsere Nation besonders hoch zu veran¬ 
schlagen, weil sich dieselbe ohnehin durch Schwachsichtigkeit in bedauer¬ 
licher Weise vor ihren Nachbarvölkern auszeichnet. Nirgends trifft man so 
viele Personen jeden Alters, männliche und weibliche, welche Brillen und 
Kneifer tragen, wie in Deutschland, und wenn man im Auslande einem Herrn 
oder einer Dame mit dergleichen Instrumenten über der Nase begegnet, 
spricht die Vermutung immer dafür, daß man es mit Deutschen zu tun habe. tf 

e) Boden und Wasser. 

Die Verunreinigung, des Bodens in den Städten haben wir bei Be¬ 
sprechung der gasigen und der staubförmigen Luftverunreinigungen bereits 
berührt. Nach Blasius, erwähnt in Weyls Handbuch der Hygiene (Städte¬ 
reinigung), entfallen an menschlichen und tierischen Abfällen, an Haus- und 
Straßenkehricht, sowie an festen gewerblichen Abfällen, was alles aus der 
Stadt zu entfernen ist, ausschließlich Abwässer, auf jeden Bewohner Braun- 
schweigs jährlich 890kg, in festem, wasserfreiem Zustande etwa 279kg. 
Die Entfernung der Abfallstoffe geschah früher fast allgemein in allerunvoll¬ 
kommenster Weise. Wie man an der Einsenkung der Fußböden älterer 
Kirchen in das umliegende Gelände sehen kann, hat sich durch die all¬ 
mähliche Anhäufung der Abfallstoffe dieses Gelände in den Städten meist 
sehr erheblich erhöht. 

Organische Stoffe, die den Hauptinhalt der städtischen Abfälle bilden, 
gehen bei genügendem Zutritt von Sauerstoff in Verwesung über, ist aber 
der Luftzutritt ungenügend, so geraten sie in Fäulnis. 1 ha Boden ist im 
Stande, die Abfallstoffe von 80 Menschen in der oben pro Kopf angegebenen 
Menge zur Verwesung zu bringen oder zu mineralisieren. Da aber in den 
dichtbebauten Städten 800 und darüber Einwohner auf 1 ha kommen, wird 
in den Städten meist nicht Verwesung, sondern Fäulnis der für die Verar¬ 
beitungskraft des Bodens zu großen Menge der organischen Stoffe eintreten. 

Es bleibt nicht allein bei der, oft bis in größere Tiefen gehenden, 
Durchsetzung des Bodens mit faulenden Stoffen. Durch Tageswässer be¬ 
wirkte Auslaugungen der faulenden Stoffe verunreinigen auch das Grund¬ 
wasser, die Flachbrunnen und die Wasserläufe. In diese finden aber auch 
von den Bewohnern ausgestreute Ansteckungskeime ihren Weg und ist die 
Verbreitung derselben durch das Wasser viel bedrohlicher als die durch 
die Luft. 

In den größeren Städten sind allerdings, im Vergleiche zu früher, 
merkliche Fortschritte in der Beseitigung der Abfallstoffe gemacht worden. 
Auch für die Reinigung des durch die frühere Nichtbeseitigung verunrei¬ 
nigten Untergrundes ist in zahlreichen größeren Städten namentlich durch 


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261 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauuug. 

Kanalisation löbliches erreicht worden. Wo Kanalisation durcbgeführt ist, 
ist die Typhussterblichkeit außerordentlich eingeschränkt und nicht selten 
schon geringer als anf dem Lande geworden. 

Auch die Trinkwasserverhältnisse sind infolge Ausführung von Wasser¬ 
werken in zahlreichen Städten einwandsfreier geworden, als sie anf dem 
Lande sind. 

f) Städtische und ländliche Lebensweise. 

Wir können die Verschiedenheit des vielfach ausschlaggebenden Ein¬ 
flusses der städtischen Berufe einerseits und der ländlichen andererseits als 
außerhalb des Rahmens, den wir uns gestellt haben, liegend, nur flüchtig 
andeuten. Der Stadtbewohner ist im allgemeinen, wie erwähnt, durch seinen 
Beruf, im Gegensatz zum Landmann, auf geschlossene Arbeitsstätten mit oft 
durch Menschenansammlung verdorbener Luft angewiesen. Es fehlt ihm 
vielfach auch die für die Gesundheit unentbehrliche Muskelübung, sowie die 
berufsmäßige Veranlassung, sich gegen Witterungsverhältnisse abzuhärten. 
Nicht wenige städtische Berufe erzeugen ausschließlich eine Ermüdung des 
Gehirnes und des Nervensystemes J ). Der Städter hat seinen Beruf meist in 
genau einzuhaltenden Arbeitszeiten oft in fliegender Hast, oder mit spekula¬ 
tiver Tätigkeit verbunden, zu erledigen, während der Landmann seinem 
allerdings schweren Berufe großenteils mit mehr Gemächlichkeit nachgeht. 

Die nicht vom Berufe abhängige Lebensweise, wie sie allein durch das 
Wohnen, den Aufenthalt in Stadt oder Land als solchem bedingt wird, haben 
wir hier etwas näher zu betrachten. Es übt die Verschiedenheit dieser 
durch das bloße „Wohnen“ in der Stadt oder auf dem Lande bedingten 
Lebensweise ebenfalls eine gegensätzliche Wirkung auf unsere Gesundheit 
aus. Das ländliche Wohnen veranlaßt uns allein schon zti einem vermehrten 
Aufenthalte im Freien und zu einer ausgiebigen Betätigung im Freien. 
Männer und Frauen setzen sich auf dem Lande mehr den Witterungs- 
einflüssen aus und bleiben im Gegensätze zu den Stadtbewohnern, die leichter 
der Verweichlichung anheimfallen, wetterhart. Wenn auch der Landbewohner, 
z. B. der städtische Vorortbewohner, nicht zugleich Landbebauer ist, hat er 
doch leichter als der Stadtbewohner Gelegenheit und Veranlassung, sich mit 
Gartenarbeit zu beschäftigen und sich auch sonst abzuhärten. Abgehärtet¬ 
sein deckt sich nun aber in umfassender Weise mit Gesundbleiben. 

Von erheblichem Einflüsse auf die Gesundheit sind bei den Angehörigen 
der gebildeteren Klassen die gegensätzliche Lebensanschauung und Lebens¬ 
gewöhnung in Stadt und Land. Die Befriedigung ihrer mehr und mehr 
verfeinerten und vergeistigten Lebensbedürfnisse verzärtelt die Stadt¬ 
bewohner, Männer wie Frauen, oft und läßt sie zur Entwickelung ihrer 
körperlichen Leistungsfähigkeit im allgemeinen meist in geringerem Grade 
kommen, als dies bei den Landbewohnern der Fall ist, welche vermöge der 
Befriedigung ihrer vielfach derber gestalteten Lebensbedürfnisse doch mehr 
auf die Übung und Stählung des Körpers hingewiesen werden. 

Gesundheitlich nachteilig wirkt auch der städtische Lärm, der sich 
namentlich in der Großstadt bei Gesunden und Kranken oft bis zur Uner¬ 
träglichkeit steigert. Der Stadtbewohner ist vorwiegend auf gesellige Zer- 

l ) Vgl. Bubner, Hygienisches von Stadt und Land. 


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262 


Th. Oehmcke, 


Streuungen angewiesen, die auf stärkere Nervenerregung hinauslaufen. Der 
häufigere Wirtshausbesuch der Stadtbewohner, der zu diesen Zerstreuungen 
gehört, ist für die Gesundheit schädlich. 

Wie günstig Wohnungen mit freier Umgebung auf die Wahl einer 
gesundheitsgemäßeren Art der Zerstreuung in den arbeitsfreien Stunden 
und auf Gewöhnung des Volkes an Betätigung im Freien, an Bewegungs¬ 
spiele u. dgL einwirken, zeigt uns das Beispiel Englands. Dort wird z. B. 
bei neueren, in freier Umgebung liegenden Arbeiterhausanlagen die Anlage 
eines Fußballplatzes meist als festes Erfordernis angesehen, und wird ein 
Fabrikherr die Herrichtung eines solchen Platzes beim Neubau solcher 
Arbeiterhausanlagen in seinem eigensten Interesse kaum unterlassen. 

Die gesundheitlichen Vorzüge ländlichen Wohnens machen sich für das 
Kindesalter in besonders erhöhtem Maße geltend. Körper und Sinne bilden 
sich kräftiger aus, und ist außerhalb der Stadt wohnenden Kindern viel eher 
eine frische, fröhliche Jugendzeit gewährleistet als den Stadtkindern. Die 
Kinder gedeihen in ländlichen Wohnungen meist von selbst, während dies 
Gedeihen in den eng gebauten Teilen größerer Städte trotz vieler kost¬ 
spieliger Aufwendungen (Spazierenführen der Kinder u. dgl.) doch öfter zu 
wünschen läßt. 

Dihses bessere körperliche Gedeihen der Kinder ist auch als Haupt¬ 
beweggrund für den immerhin schon beachtenswerten Zuzug von Bewohnern 
aus der Stadt anzunehmen, dessen sich z. B. die Vororte Berlins zu er¬ 
freuen haben. 

4. Abschnitt. Wirkung des Gegensatzes von Stadt und Land 

auf die geistige Gesundheit und die sittlichen Zustände. 

Wir besprechen die geistige Gesundheit hier gesondert, obwohl sie zu 
einem großen Teile auf der leiblichen Gesundheit ihre Grundlage hat. Mens 
sana in corpore sano. Vieles, was unter dem landläufigen Ausdruck „geistige 
Gesundheit“ verstanden wird, ist leibliche Gesundheit. 

Das Leben in größeren Städten wird durch ein viel größeres Maß von 
geistigen Eindrücken, denen wir durch deu äußeren Verkehr, durch die 
Beziehungen zu einer großen Anzahl von Menschen ausgesetzt sind, gekenn¬ 
zeichnet. Namentlich in Großstädten wird dies Maß leicht zu einem Über¬ 
maß. Auf dem Lande kann, zumal in den breiteren Volksschichten, von 
einem solchen Übermaß kaum gesprochen werden. Das ländliche Wohnen 
bringt vielmehr den Menschen der Natur näher und gestattet eine gesunde 
Betätigung der Sinne. Das Ansohauen und Verfolgen der Vorgänge in der 
Natur sind unserem Gemüt wohltuend und fördern das Gleichgewicht unserer 
Seelenkräfte. 

Das Leben in ländlichen Orten, die Beschäftigung in Garten und Feld 
begünstigen in uns die Verfolgung näher liegender, praktischer Lebensziele 
und behüten unsere Einbildungskraft davor, sich in unerreichbaren Plänen 
zu ergehen. 

Dem Stadtbewohner bieten sich nach der Tagesarbeit Genüsse und 
Anregungen in Fülle, als Konzerte, Theater usw., dar. Da aber schon die 
Tagesbeschäftigung oft einseitig geistig ist, werden diese mit geistiger Er¬ 
regung verbundenen abendlichen Genüsse nicht selten die geistige Ermüdung 


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Gesundheit und weiträumige St&dtbebauung. 263 

in schädlichem Grade steigern und dem Städter dauernde Nervosität ein¬ 
tragen. 

Nervenschwäche ist aber gleichbedeutend mit Herabsetzung der geistigen 
Leistungsfähigkeit, und nähert sich stufenweise einer ernsten Krankheit. 
Nach Tabelle 2 war 1877 die Sterblichkeit an Gehirnkrankheiten in Preußen, 
wie bereits erwähnt, in den Städten bei Männern und bei Frauen mehr als 
dreimal so groß als auf dem Lande. Wenn nun auch dies Überwiegen der 
Geisteskrankheiten bei den Stadtbewohnern vielfach auf die Wirkung der 
geistig aufreibenderen städtischen Berufe zurückzuführen sein mag, wird 
auch ein guter Teil dieses Überwiegens der ungünstigeren Lebens- und 
Wohnweise der Stadtbewohner zur Last zu legen sein. Zeigen doch für 
diese Geisteskrankheiten die Sterbezahlen der städtischen Frauen, bei denen 
die Einwirkung der Berufe zurücktritt, wie schon früher erwähnt, das gleich 
ungünstige Bild wie die Sterbezahlen der städtischen Männer. 

Von großem Einflüsse auf die geistige Gesundheit sind die zum Teil 
voneinander verschiedene äußere Sitte und die sittlichen Zustände in 
Stadt und Land. Das Verhältnis der Menschen zur äußeren Sitte und auch 
zur Sittlichkeit wird merklich durch den Umstand beeinflußt werden, daß 
die Bewohner auf dem Lande und in kleinen Städten in geschlossenen 
Kreisen von geringem Umfange leben, innerhalb deren einer den anderen 
genau kennt und einer sich von dem Urteil und Beifall des anderen auf 
Schritt und Tritt bestimmen läßt, während dieser Umstand bei den Gro߬ 
stadtbewohnern viel mehr zurücktritt, die sich meist leicht der Beobachtung 
und der Beeinflussung durch ihre Nachbarn usw. entziehen können. 

Eine Bestätigung letzterer Ansicht finden wir bei Hansen 1 ), welcher 
eine in lebhafter Darstellung gehaltene Auslassung Alexander v. Öt- 
tingens aus dessen Moralstatistik wie folgt wiedergibt: 

„Nach ihm (Alexander v. Öttingen) neigt zwar die ländliche Be¬ 
völkerung lange nicht in so hohem Grade, wie die städtische, zur Prosti¬ 
tution, zum Verbrechen und zum Selbstmord; sobald sie aber die Tore der 
Stadt hinter sich hat, ändert sie ihren Charakter vollständig/ Alexander 
v. öttingen kennt auch den Grund. „Wo kein bindendes Interesse der 
Liebe vorhanden“, so sagt er, „da ist die Gefahr des Verbrechens eine 
doppelte und dreifache. Der heiße Schmerz über die Verletzung der Nahe¬ 
stehenden ist selbst für den Gottlosen ein bewahrendes Moment. Daher 
auch in den großen Städten die kolossale Kriminalbeteiligung solcher, die 
an Ort und Stelle fremd, nicht ansässig sind. Das psychologische Motiv 
ist ein ähnliches, wie bei der Prostitution. Niemand kümmert sich um 
meine Ehre in dem wüsten Menschengetriebe: so gehe ich denn meinen 
Weg ohne alle Rücksicht fort.“ 

Die sozialen Mißstände in den Großstädten nach einer der in vor¬ 
stehender Anführung angedeuteten Richtungen finden in den Zahlen der 
Tabelle 9 einen sprechenden Ausdruck. Danach beträgt die Erkrankungs- 
ziffer an Geschlechtskrankheiten für die Hauptstadt Kopenhagen das 47 fache 
von der für das platte Land Dänemarks. Wenn diese Mißstände auch 
Torwiegend das Gebiet der „leiblichen“ Gesundheit berühren, wird ihnen 


*) A. a. O., 8. 196. 


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264 


Th. Oehmcke, 

Tabelle 9. 

Für Dänemark, wo Anzeigepflicht für Geschlechtskrankheiten 
besteht, wird folgende Statistik in der Deutschen Vierteljahrsschrift 
für öffentliche Gesundheitspflege 1898, 8. 530, von Dr. Martin Brasch 

mitgeteilt: 


ln den Jahren von 1874 bis 1885 
erkrankten: 

| pro Mille der Einwohnerzahl, jährlich 

an Geschlechts¬ 
krankheiten 

davon Syphilis 

in Kopenhagen. 

29*02 

416 

in den Provinzen. 

1*36 

0*24 

in den größeren Provinzialstädten .... 

5*16 

0*80 

auf dem platten Lande. 

0-62 

014 


doch auch ein wesentlicher Einfluß auf die geistige Lebensluft einer Stadt 
und auf die geistige Gesundheit ihrer Bewohnerschaft zuzusprechen sein. 

Brasch hat die Zahl der in dem Jahre 1890 in Berlin vorgekommenen 
Erkrankungen an Gonorrhoe auf 30 000 bis 36 000 (2 bis 2*4 Proz. der Be¬ 
völkerung) berechnet. Die Zahl der in einer bestimmten Reihe von Jahren 
daran erkrankt Gewesenen ist sehr viel größer und ist sie ein großer 
Bruchteil, namentlich der Zahl des lebenden männlichen Zeitgeschlechtes, 
einer Großstadt. Nach Nöggerath werden die Erkrankungen an Gonorrhoe 
vielfach nur scheinbar geheilt, und haben sie dann großenteils verhängnis¬ 
volle Folgen für das Familienleben und die Nachkommenschaft der hieran 
erkrankt gewesenen 1 ). Nach Blaschko beträgt für Berlin die entsprechende 
Zahl der Erkrankungen an Syphilis 5000 (4 pro Mille der Bevölkerung). 

Das häufige Sichtbarwerden der durch diese Zahlen in ihrer großen 
Ausbreitung gekennzeichneten Prostitution in der Öffentlichkeit und ihres 
Treibens im öffentlichen Verkehr wird auch für die heranwachsende Jugend 
der Großstädte nicht selten von bedenklichem Einfluß werden. 

Man könnte fragen, welchen Zusammenhang unser Eingehen auf die 
eben erwähnten sozialen Mißstände der Großstädte mit der Erörterung 
unseres Themas: „Dichter und weiträumiger städtischer Anbau“ habe. Man 
kann antworten, daß lichte, weiträumig gebaute, schlupfwinkelfreie Stadt¬ 
teile, namentlich locker und luftig angelegte Vororte mit gut geordnetem 
Wohnungswesen, auch in bezug auf die Einschränkung der eben gekenn¬ 
zeichneten sozialen Übel eine entschiedene Überlegenheit über die dicht¬ 
bebauten Großstadtviertel mit ihren Riesenhäusern und Massenwohnungen 
besitzen. 

Wir können nicht umhin, noch eine soziale Erscheinung, die in den 
Großstädten unvorteilhaft auffällt, nämlich das Überwiegen der Zahl der 
unehelichen Geburten gegenüber dem platten Lande, zu berühren. Wir 
tun dies allerdings weniger aus dem Grunde, weil dieser Mißstand gerade 
besonders mit unserem Thema zusammenhinge, als vielmehr, um auch das 
allgemeine Bild, das wir bisher von dem Gegensatz von Stadt und Land 
gewonnen haben, an dieser Stelle wenigstens etwas zu vervollständigen. 

l ) Dr. Löblowitz, „Frauenasyle“. Deutsche Vierteljahrsschrift f. öffentl. 
Gesundheitspflege 1900, S. 567. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


265 


Die Zahl der unehelichen Geburten wird von zahlreichen Schriftstellern 
weniger als Gradmesser für die Sittlichkeit, als vielmehr als Kennzeichnung 
gewisser, innerhalb einer Bevölkerung bestehender sozialer Verhältnisse 
aufgefallt. 

Tabelle 10. 


Die Zahl der unehelichen Geburten 
betrug l ): 

im Jahre 

Prozent 
der ehelichen 

Preußen. 

1878 

745 

Westfalen. 

1879 

2*64 

Deutsches Reich. 

1878 

8*58 

Berlin . 

| 1871? 

15-40 

Breslau. 

1868 bis 1874 

18*57 

Hamburg. 

1871? 

13*85 


Nach Tabelle 10 übertrifft der Vomhundertsatz der unehelichen Ge¬ 
burten deutscher Großstädte erheblich den Durchschnitt Preußens und des 
Deutschen Reiches. Noch viel stärker zeigt sich dieser Gegensatz zwischen 
Paris und ganz Frankreich. Nach Lagneau, erwähnt bei Ballod, a.a. 0., 
gab es im Jahre 1886 in Frankreich 91*5 Proz. eheliche und 8*5 Proz. un¬ 
eheliche Kinder, in Paris 72*4 Proz. eheliche und 27*6 Proz. uneheliche 
Kinder. 

Aus der vorstehenden Erörterung einiger unerfreulicher Erscheinungen 
der Großstadtverhältnisse möge nicht selbst für die Großstädte gefolgert 
werden, daß die allgemeine Sittlichkeit zurückgegangen sei. Sehr beachtens¬ 
werte Forscher (Hüppe, Handbuch. S. 654) führen an, daß für Mitteleuropa 
im letzten Jahrhundert sogar ein durchschlagender Fortschritt in der all¬ 
gemeinen Sittlichkeit zu verzeichnen sei. 

Was insbesondere das der Bevölkerung der Großstädte innewohnende 
große Maß von geistigem Können, dessen sie zur Erfüllung ihrer erweiterten 
Aufgaben so sehr bedarf, betrifft, so führen wir eine diesbezügliche Aus¬ 
lassung Professor Eulen bürg s an, worin er der geistigen Bedeutung der 
Großstadtbevölkerung ein hervorragend hohes Maß zuweist, und worin er 
unter anderem der Ansicht entgegentritt, als ob die Großstädte nur Orte 
Bind, in denen eine große Zahl von Kleinstädtern wohnen 3 ). Er sagt: 
„„Denn, indem eine Masse von Kleinstädtern in einer Großstadt zusammen¬ 
wohnt, wird aus ihnen durch Luft und Umgebung, durch den genius loci, 
vor allem aber durch die gegenseitige Beeinflussung unmerklich etwas ganz 
anderes, etwas — in gewissem Sinne wenigstens — intellektuell Über¬ 
legenes: eben die „Großstadtbevölkerung u mit ganz auderen Welt- und 
Lebensanschauungen, mit viel weiteren Horizonten, weiter gesteckten Zwecken 
und Zielen und vor allem mit weiter reichenden Mitteln zu ihrer erfolg¬ 
reichen Durchführung.““ Wir halten die Anführung dieser Worte Eulen- 
burgs für eine notwendige Ergänzung zu unseren vorherigen Erörterungen 

1 ) Nach Hanshofer, Lehrbuch und Handbuch der Statistik. Wien 1882. 

*) „Nervenhygiene in der Großstadt“, Vortrag Prof. A. Eulenburgs, ge¬ 
halten auf Veranlassung des Deutschen Vereins für Volkehygiene. Zeitschr. »Die 
Woche“, 1902, Nr. 9. 


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266 


Th. Oehmcke, 


und behalten uns vor, auf die Bedeutung der Städte und Großstädte für den 
menschlichen Fortschritt noch des näheren zurückzukommen. 

Wie wir die Vorzüge ländlichen Wohnens für die körperliche Gesund¬ 
heit, besonders der Kinder, haben hervorheben können, so können wir dies 
auch bezüglich der geistigen Gesundheit tun. Die Überfülle der geistigen 
Eindrücke des Stadtlebens und die dauernde geistige Beanspruchung be¬ 
lasten wohl nicht selten die Tragkraft des noch nicht gefestigten Fassungs¬ 
vermögens des Kindes übermäßig, und beeinträchtigen manchmal durch 
Überspannung die Schnellkraft des kindlichen Geistes für lange Zeit. Der 
Geist des in stillerer, ländlicher Umgebung sich langsamer entwickelnden 
Kindes wird eher ein festes Gefüge erhalten, und wird er den Angriffen des 
späteren Lebens sich öfter als widerstandsfähiger erweisen, als der des Stadt- 
und des Großstadtkindes. 

Viele Dinge in der Natur, die dem Kinde und der heranwachsenden 
Jugend auf dem Lande durch unmittelbare Anschauung früh geläufig werden, 
lernt das Kind, namentlich das der unbemittelten Stände, der Großstädte 
meist nur mangelhaft und in späteren Jahren kennen. Der Mangel der 
Anschauungen von den Dingen der Natur, welche der unerläßliche Unterbau 
für ein gesundes Fühlen und Denken sind, wird durchaus nicht ganz beim 
Stadtkinde durch die im allgemeinen bessere Schulbildung, welche es emp¬ 
fängt, und durch die Vertrautheit mit den Verhältnissen des städtischen 
Lebens, ausgeglichen. 

Hansen spricht sich über diesen Mangel der Anschauung der Dinge 
und der Vorgänge in der Natur und auch über die dem Stadtkinde minder 
gebotene Gelegenheit, die Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft zu¬ 
treffend kennen zu lernen, auch aus. Er sagt 1 ): „Sodann herrscht, trotz 
der Gleichartigkeit der Beschäftigung, unter den Bauern keine Konkurrenz. 
Der Gewinn des einen ist nicht der Verlust des anderen“ usw. . . . „Es ist 
klar, daß ein Kind, das in solcher Umgebung aufwächst, vieles vor dem 
Stadtkinde voraus hat. Statt der vier Wände des Kinderzimmers hat es 
Wald und Feld; ihm brauchen nicht Spielwarenkästen und Bilderbücher eine 
kümmerliche Vorstellung von den lebendigen Geschöpfen zu geben“ usw.. . . 
„Dazu kommt das Leben im Dorfe. Die Einwohnerzahl ist nicht so groß, 
daß nicht ein jeder alle Dorfgenossen kennen lernen könnte. Und nicht 
bloß oberflächlich, sondern durch häufige Berührung in den verschiedensten 
Beziehungen, in Freude und Trauer, in Liebe und Haß. Wer aber hundert 
Menschen gründlich kennt, der kennt sie alle, der kennt die Menschen über¬ 
haupt. Das Stadtkind dagegen sieht zwar in einer Stunde vielleicht mehr 
Menschen, als das Dorfkind im ganzen Jahr. Aber was sieht es von ihnen? 
Eilig und gleichgültig hastet alles aneinander vorüber, ohne daß einer sich 
um den andern kümmert.“ 

Was den Einfluß des Berufes auf die geistige Gesundheit betrifft, so 
haben wir zur Ergänzung des schon im vorigen Abschnitte Angedeuteten 
nur wenig hinzuzufügen. 

In den städtischen Berufen gibt es, wie erwähnt, meist bestimmte, 
genau einzuhaltende Arbeitszeiten; ohne solche wären die Aufgaben derVer- 


l ) A. a. 0., 8. 162 ff. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


267 


waltung und des Handels nicht zu lösen. Durch scharfe geistige Anspannung 
sollen hier oft sogleich sichtbare Erfolge erzielt werden, während der Landmann 
auf Erfolge hinarbeitet, die oft erst nach langen Fristen eintreten sollen. 

Während die geistige Tätigkeit im ländlichen Berufe meist dem eigenen 
Betriebe gilt, bei dem das Maß der Leistung sich von selbst nach dem 
Maße der Leistungsfähigkeit regelt, handelt es sich in den städtischen Be¬ 
rufen viel öfter um eine Tätigkeit „nicht u im eigenen Betriebe, sondern als 
„Angestellter“ 1 ). Bei letzterer Tätigkeit muß sich umgekehrt das Maß der 
Leistung nach den von „anderen" festgesetzten Anforderungen eines meist 
zahlreiche Menschen umfassenden, kunstreich zusammengesetzten Betriebes 
richten. Hierbei können die Anforderungen nicht immer so abgewogen 
werden, daß sie nicht oft dauernd den Einzelnen erheblich über seine natür¬ 
liche Leistungsfähigkeit hinaus belasten und diese vorzeitig untergraben. 

Kapitel HL Stockwerkhaus und Einfamilienhaus. 

1. Abschnitt. Allgemeines und Statistisches. 

Wir haben den Gegensatz von dichtem und von weiträumigem städti¬ 
schem Anbau in bezug auf die Gesundheit an dem in die Augen springen¬ 
den Gegensätze des Wohnens in der Stadt und auf dem Lande deutlich 
zu machen versucht. Der Gegensatz von Stockwerkhaus und Einfamilien¬ 
haus ist ebenfalls ein sehr ausgeprägter. Durch seine Erörterung hoffen 
wir jene gegensätzliche Wirkung des dichten und des weiträumigen städti¬ 
schen Anbaues noch klarer hervortreten lassen zu können, wobei wir zudem 
im großen und ganzen annehmen können, daß das Stockwerkhaus von der 
dichten Bebauung bedingt wird, und daß die Vorbedingung für das Ein¬ 
familienhaus im allgemeinen die weiträumige Stadtbebauung ist 

In Deutschland ist man sich des Gegensatzes von Stockwerkhaus und 
Einfamilienhaus vor noch nicht langer Zeit, und zwar vornehmlich durch 
Bekanntwerden englischer Wohnverhältnisse, auf welche maßgebende Schrift¬ 
steller immer von neuem hingewiesen haben, bewußt geworden. Die Zu¬ 
sammenstellung der auf je ein Haus in verschiedenen europäischen Haupt- 
und Großstädten durchschnittlich entfallenden Bewohnerzahlen — wie sie 
Tabelle 11 aufweist — zeigt, wie verschieden diese Zahlen sind, und wie 

Tabelle 11. 

Nach Stübben, „Der Städtebau“ (1890), im Handbuch der Architektur, 
beträgt die Zahl der Einwohner durchschnittlich für jedes Haus in: 


London .... 

. . 7 Düsseldorf . . 

. . 16*8 

Paris. 

36 

Lüttich .... 

. . 7*6 Aachen . . . 

. . 17*5 

Magdeburger Stadt- 


Rotterdam . . . 

. . 8*4 Dortmund . . 

. . 18*5 

erweiterung . . . 

47’ 

Philadelphia . . 

. . 9 Stuttgart . . 

. . 22 

Breslau. 

50 

Brüssel .... 

. . 9 München . . 

. . 28 

St. Petersburg . . . 

55 

Köln. 

. . 14 Chemnitz . . 

. . 34 

Wien. 

63 


Berlin. 


63 



l ) Nach Fr. Zahn (Conrads Jahrbücher 1901) gab es im Deutschen Reiche 
nach der Berufszählung von 1895 selbständige (nicht angestellte bzw. nicht ge¬ 
löhnte) Erwerbstätige (nebst Familie): in der Landwirtschaft 83*02 Proz., in 
Handel und Verkehr 50*84 Proz., in der Industrie 46*36 Proz. der Angehörigen 
der einzelnen Berufe. 


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266 Th. Oehmcke, 

abweichend voneinander die in diesen einzelnen Städten herrschende Wohn- 
weise ist. 

In England ist das Wohnen im Einfamilien hause immer die festgehaltene 
Art zu wohnen geblieben, und ist diese Sitte von dort nach Amerika ver¬ 
pflanzt. Erst in den letzten Jahrzehnten Anden sich in England unerheb¬ 
liche Ausnahmen von dieser Sitte. In Deutschland ist das Einfamilienhaus 
bis ins 16. Jahrhundert hinein auch das gebräuchliche gewesen. 

Die nebenstehende Tabelle 12 ist ein Auszug aus einer von Dr. Bleicher 
zusammengestellten statistischen Übersicht, welche der Versammlung des 
Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege im Jahre 1864 bei der 
Besprechung über ein demunserigen fast gleiches Thema unterbreitet worden 
ist. Die Tabelle ergibt, wie sehr in Deutschland das Stockwerkhaus vor 
dem Einzelhause — in scharfem Gegensätze zu England — vorwiegt. 

In den Städten von über 100000 Einwohnern kommen in Deutschland 
1890 nach dieser Tabelle im Gesamtdurchschnitte 23*6 Einwohner und 
5*3 Haushaltungen auf ein bewohntes Gebäude, in England 1891 6*1 Ein¬ 
wohner und 1*31 Haushaltungen auf ein bewohntes Haus. Die entsprechen¬ 
den Zahlen für die Städte über 50 000 bis 100000 Einwohner sind für 
Deutschland 18*5 Einwohner und 4*0 Haushaltungen, für England 5*5 Ein¬ 
wohner und 1*13 Haushaltungen. Mit Ausschluß von London entfallen in allen 
Städten Englands von über 100000 Einwohner im Durchschnitt nur 1*08 Haus¬ 
haltungen auf ein bewohntes Haus, was nicht in Tabelle 12 enthalten ist. 

Die Sitte des Wohnens im Einfamilienhause kann nach den angeführten 
Zahlen selbst für den englischen Arbeiter der ungeheuer anwachsenden 
Großstädte als eine gefestete, ja fast ausschließlich übliche angesehen werden. 
Dies lehrt auch z. B. in London der Augenschein. 

Für die bedeutendsten deutschen Großstädte kann man dagegen an¬ 
nehmen, daß der Arbeiter fast lediglich in Wohnkasernen wohnt. Unter den 
deutschen Städten über 50000 Einwohner sind nur zwei, welche bezüglich 
der auf je ein Gebäude entfallenden Kopfzahl mit den englischen Städten über¬ 
haupt verglichen werden können. Es sind dies Bremen mit 7*6 und Lübeck 
mit 8*7 Einwohnern (1890). Die Kopfzahl für das Haus wird für London 
für das Jahr 1866 zu 7*7 angegeben. Sie hat sich nach der Tabelle bis 1891, 
wo sie 7*6 ist, also noch etwas verringert, während die Kopfzahl für Berlin 
schon von 1880 bis 1890 erheblich gestiegen ist, nämlich von 44*9 auf 52*6. 

Im Gesamtdurchschnitt der Teile A und B der Tabelle, also für alle 
Städte über 50000 Einwohner, ist in Deutschland in dem zehnjährigen Ab¬ 
schnitte die auf ein bewohntes Gebäude entfallende Bewohnerzahl von 22*1 
auf 22*5 gestiegen, in England ist die entsprechende Zahl von 6*2 auf 6*0 
für ein bewohntes Haus gefallen. 

Der englische Arbeiter ist bezüglich des Vorzugs des Wohnens im Ein¬ 
familienhause nicht allein dem deutschen Arbeiter, sondern auch den An¬ 
gehörigen der Mittelklassen und selbst meist den Angehörigen der oberen 
städtischen Gesellschaftsklassen Deutschlands überlegen. 

2. Abschnitt. Leibliche Gesundheit. 

Der Gegensatz der Einwirkungen von Stockwerkhaus und Einfamilien¬ 
haus, oder von Wohnkaserne und Einzelhaus, auf die leibliche Gesundheit 


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Nach^Dr. Bleicher. In der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege 1895, S. 104. 



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270 


Th. Oehmcke, 


berührt sich in vielen Beziehungen mit dem Gegensätze von Stadt und 
Land. Luft, Licht und Sonne haben zu dem Einzelhause einen unbe¬ 
schränkteren Zutritt als zu den Räumen des Stockwerkhauses. Letztere 
sind bezüglich ihrer Lüftung oft nur auf die meist bedenkliche Luft schacht¬ 
artiger Höfe oder auf die verbrauchte Luft der sie umschließenden Räume 
der Nachbarwohnungen angewiesen x ). 

Die Wohnungen in den festländischen Mietshäusern sind oft drei, vier, 
in Großstädten manchmal sogar fünf Treppen hochgelegen. Dieser Umstand 
erschwert, namentlich für kleine Kinder und Kranke, die des Genusses der 
Außenluft am wenigsten entbehren können, das Insfreiegelangen außerordent¬ 
lich. Das tägliche Ersteigen so großer Höhen wirkt auf die Gesundheit von 
schwächlichen Personen und Frauen oft bedenklich ein. Baumeister sagt 
a. a. 0.: „Bei kinderreichen Familien ist das Spazierenführen der Kinder 
bei Stockwerkswohnungen eine unbequeme und wenig ausreichende Sache." 

Die in einem Mietshause bestehende größere Gefahr der Verbreitung 
ansteckender Krankheiten ist schon berührt. In einem z. B. von 40 Per¬ 
sonen bewohnten Mietshause mit gemeinsamen Fluren, Treppen, Korridoren 
und mit gemeinsamem Hofe sind viel mehr Personen der Ansteckung durch 
einen mit einer ansteckenden Krankheit behafteten Bewohner des Hauses 
ausgesetzt, als durch „einen" solchen Kranken in einem z. B. von sieben 
Personen bewohnten Hause bedroht sind. 

Es kommen für die durch das Haus verursachte Ansteckungsgefahr 
besonders die Krankheiten mit einem flüchtigen Kontagium, namentlich die 
hitzigen Hautausschläge, wie Pocken, Masern, Röteln und Scharlach, sodann 
Keuchhusten und Diphtherie, welche besonders Kinder befallen, ferner auch 
Flecktyphus in Betracht. Vor Ansteckung durch diese Krankheiten, ins¬ 
besondere durch Scharlach, Diphtherie und Flecktyphus schützt (vgl. auch 
Wasserfuhr, a. a. 0.) selbst die größere Wohlhabenheit nicht. Wenn Kinder 
armer Leute im Keller oder im vierten Stock von einer jener Krankheiten 
befallen werden, sind die Kinder der in den zwischenliegenden Stockwerken 
des Mietshauses wohnenden wohlhabenden Familien mehr oder weniger 
ebenfalls gefährdet. 

Beispiele für durch umfangreiche Mietskasernen verursachte bedenk¬ 
liche Ausbreitung ansteckender Krankheiten finden wir in folgender Mit¬ 
teilung Albrechts 3 ), die aus Berichten Albus vom Anfang der 70er Jahre, 
einer Zeit, wo in Berlin Wohnungsnot und große Wohnungsüberfüllung be¬ 
stand, entnommen ist. Innerhalb des 61. Medizinalbezirks (Armenarztbezirke) 
lieferte von 153 Flecktyphuskranken ein Haus allein deren 150. Aus dem 
18. Medizinalbezirke kamen von 675 Armenkranken auf ein Haus allein 
177 = 30*8 Proz.; alle sechs in diesem Bezirke unter den Armen vorge¬ 
kommenen Cholerafälle entstammten diesem Hause; ebenso 46 Proz. aller 
Ruhr- und 80 Proz. aller Diphtheriefälle. Ein anderer Häuserkomplex, in 
welchem über 1000 Menschen hausten, lieferte 53 Proz. aller in vier Monaten 

l ) In England hält man sehr darauf, selbst Einzelhäuser nicht Rücken an 
Rücken (back to back) zu stellen, um sich die Möglichkeit der Lüftung mittels 
Gegenzuges zu erhalten. 

*) H. Al brecht, „Die Wohnungsnot in den Großstädten und die Mittel zu 
ihrer Abhilfe“ (1891), erwähnt bei Weyl-Oldendorff. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 271 

im 13. Medizinalbezirke behandelten Kranken. Die Zahlen zeigen, wie groß 
allem Anschein nach der Einfluß nur der Wohnung auf die Gesundheit war, 
und wie sonstige Verhältnisse, als unregelmäßige Lebensweise, mangelhafte 
Nahrung usw. in jenen Fällen dagegen zurücktraten. 

Die Vorzüge der sogenannten Pavillonbauweise vor der geschlossenen 
Bauweise und vor dem Stockwerksbau ist für den Bau von Krankenhäusern 
allgemein anerkannt. Aber ebenso, wie dies Pavillonsystem für die Heilung 
der Kranken unentbehrlich oder doch sehr förderlich ist, ebenso dürften in 
nicht viel geringerem Maße, was aber noch nicht derart anerkannt wird, 
die flache, lockere Bauweise, die dem Pavillonsystem doch nahe verwandt ist, 
und die Vermeidung des Mietskasernenwesens im Städtebau für die mög¬ 
lichste Gesunderhaltung der noch nicht Erkrankten unentbehrlich sein. 

3. Abschnitt. Geistige Gesundheit und sittliche Zustände. 

Die meisten Schriftsteller beschäftigen sich bei Besprechung des Gegen¬ 
satzes von Einzelhaus und Zinshaus mit Vorliebe damit, wie dieser Gegensatz 
sieb in bezug auf die geistige Gesundheit der Bewohner, auf volkswirtschaft¬ 
liche und sittliche Verhältnisse geltend macht — weniger, wie er auf die 
leibliche Gesundheit einwirkt. 

R. Baumeister sagt in seinen „Stadterweiterungen“ S. 19, wo er aller¬ 
dings außerdem die Folgen der Wohnungsnot bespricht: „Mit der leiblichen 
steht die geistige Gesundheit in naher Beziehung, denn der Degeneration 
des Leibes folgt die Entartung der Sitten auf dem Fuße und umgekehrt, 
beide Übel steigern sich gegenseitig/ Bei Besprechung des Gegensatzes 
von Eigentum und Miete, S. 26 ff., erwähnt er, daß Einfamilienhäuser im 
Gegensatz zu Stockwerkhäusern sämtlich Eigentum ihrer Bewohner werden 
könnten, und es sehr oft auch tatsächlich würden, weil sie kleinere Verkaufs¬ 
stücke darstellten. 

Derselbe Gewährsmann sagt dort weiter: „Es ist überflüssig, den Reiz 
der Seßhaftigkeit zu schildern, welcher schon den elendesten Wohnungen 
armer Bauern anhaftet, und noch weit mehr in anständigen, gesunden 
Familienhäusern empfunden wird. Die Neigung zum Grundbesitz ist eine 
der stärksten im Menschen. Jeder wird in seinem bescheidenen Eigentum 
mehr Freude und Vorteil finden, als in der schönsten gemieteten Wohnung. 
Erfahrungsmäßig folgen aus dem Bewußtsein des Besitzes eine Reihe von 
Tugenden, welche im Kontrast zur Unsicherheit desselben besonders bei den 
unteren Klassen auffallen. Mit der Möglichkeit des Erwerbes, mit dem 
Fortschritte des Erwerbes zu freiem Eigentum steigert sich dieser günstige 
Einfluß, welcher sowohl haus wirtschaftlich als sozialpolitisch von höchster 
Wichtigkeit ist.“ 

„Der Arbeiter wird Kapitalist/ „Das eigene Interesse führt 
zur Sparsamkeit und Arbeitsamkeit, zunächst um die Wohnung schuldenfrei 
zu machen und den Reiz der Unabhängigkeit zu steigern, sowie zur Er¬ 
haltung und Verteidigung der öffentlichen Ordnung/ . . . „Ähnliche günstige 
Umwandlungen wären aber heutzutage auch bei den mittleren und höheren 
Ständen vielfach zu wünschen, und sind gewiß in Familienhäusern zu er¬ 
warten/ .... „Die Mietswohnung wird zum steinernen Zelt, in welchem 
die Nomadenfamilie auf unbestimmte Zeit ihr Lager aufschlägt/ 


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272 


Th. Oehmcke, 


Diese Worte Baumeisters, welche geeignet waren, seinerzeit bahn¬ 
brechend zu wirken, rühren aus dem Jahre 1876 her. Sie dürften nach 
der seitherigen Entwickelung unserer sozialen Zustände ihren Wert auch 
für die Jetztzeit durchaus noch nicht verloren haben. 

In den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts beginnt in der Literatur 
und auf den volkswirtschaftlichen Kongressen in Deutschland eine Bewegung, 
die Verständnis für die Vorzüge des Einfamilienhauses zu verbreiten sucht, 
und dabei meist englische Wohn weise als Vorbild rühmt. 

Der treffliche, leider zu früh verstorbene Kunst- und Architektur¬ 
forscher R. Dohme führt das englische Haus in seinem angeführten, 1888 
erschienenen Buche durch Wort und Bild in zahlreichen schönen Beispielen 
vor. Er führt S. 2 ff. aus, wie die Stadt auf dem Kontinent vom Städter 
für sich als selbstverständlicher bzw. als einziger Aufenthalt betrachtet wird. 
In England dagegen ist die Stadt für alle, die es ermöglichen können, nur 
Arbeitsstätte. Auf dem Lande, im eigenen Heim findet der Engländer der 
besseren Stände die Behaglichkeit („privacy“) des Lebens. Er schätzt diese 
so hoch, daß er die täglichen, bisweilen mehrere Stunden vom Tage in An¬ 
spruch nehmenden Eisenbahnfahrten zur Stadt nicht scheut. 

Aber nicht allein durch Wort und Schrift, sondern auch durch das 
praktische Beispiel war Dohme vorher schon für das Einzelwohnhaus ein¬ 
getreten. Davon legt noch jetzt das durch ihn in den 70er Jahren in Berlin 
für sich und seine Familie nach englischem Vorbilde erbaute Haus, das 
durch die Enthaltsamkeit in bezug auf äußere Kunstformen seinerzeit von 
sich reden machte, Zeugnis ab *). 

J. Stübben führt in seinem Städtebau, a. a. 0., aus, wie das städtische 
Einzelhaus meist für das Bedürfnis einer bestimmten Familie gebaut zu 
werden pflegt, in deren Besitz es vielfach längere Zeit bleibt. Es bilden 
sich zwischen ihm und seinen Bewohnern — im Gegensätze zu dem in dem 
Mietshause gleichgültig bleibenden Verhältnisse — vertrauliche Beziehungen 
heraus. Das Einzelhaus kennzeichnet den seßhaften Bürgerstand. Es ist 
die Heimat im engsten, traulichsten Sinne des Wortes. „My house is my 
castle“, heißt es in England. Der Bewohner des Zinshauses kann in 
diesem Sinne nicht von seiner Burg sprechen; sein Kind bat kein Vaterhaus. 

Julius Faucher verdanken wir eine erschöpfende und vorbildliche 
Darstellung des Gegensatzes von Einzelhaus und Stockwerkhaus, in Be¬ 
ziehung auf die Gesundheit des Einzelnen und des Volkes. Er ist einer der 
ersten in Deutschland gewesen, der auf die große Bedeutung dieses Gegen¬ 
satzes hingewiesen hat. Seine Schrift, „Die Bewegung für Wohnungsreform 1 * a ), 
die sich außerdem auch mit den Ursachen der Wohnungsnot beschäftigt, 
bildet bei wissenschaftlichen Erörterungen über diese Fragen sehr vielfach 
die Grundlage. Auch bei den bedeutsamen Verhandlungen des Deutschen 
Vereins für öffentliche Gesundheitspflege über die Notwendigkeit weit¬ 
räumiger Bebauung bei Stadterweiterungen usw. vom Jahre 1894 3 ) hat 

*) Es ist das Haus Händelstraße Nr. 1. Es lag bei seiner Erbauung etwa 
auf der damaligen Grenze der städtischen Bebauung. Eine bildliche Darstellung 
ist in „Berlin und seine Bauten“, II, S. 150, enthalten. 

*) A. a. 0., Jabrg. 1865, Bd. 4, S. 127, und 1866, Bd. 3, S. 86. 

a ) Deutsche Vierteljahrsschrift f. öffentl. Gesundheitspflege 1895. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


273 


Oberbürgermeister Adickes, der verdiente Vorkämpfer für Aus- und Um¬ 
gestaltung des Städtebaues, die genannte Schrift Fauchers besonders ge¬ 
würdigt und sie nach verschiedenen Richtungen hin in seinem Referate 
zum Ausgangspunkte seiner Betrachtungen gemacht 

Am längsten — so führt Fan eher aus — pflegt man die Erschei¬ 
nungen, die man am häufigsten sieht und die zugleich auf unser Wohl und 
Wehe den größten Einfluß haben, ohne zu denken, unabänderlich hinzu¬ 
nehmen. Erst ein Stoß muß oft unsere von der Gewohnheit eingelullten 
Gedanken wachrütteln. Erat ganz neuerdings ist man überhaupt erat auf 
die Frage gekommen: 

Wie kommt es, daß in einer Stadt die Wohnungsmiete schneller steigen 
kann als das Einkommen, aus dem sie bezahlt wird, so daß sie unablässig 
härter drückt? 

Wie kommt es, daß wir die Stockwerke aufeinander türmen, und Hof 
und Garten, Boden- und Kellerraum unserer Häuser uns verkümmern lassen, 
sowie daß wir einen Teil der Einwohner sogar mit ihren Betten unter die 
Erde verweisen? 

Daß das Wohnen in hohen Stockwerkhäusern für die Großstädte keine 
unabänderliche Notwendigkeit ist, sehen wir an englischen Städten. In dem 
weiteren Gebiete von London mit Beinen 3 Vs Millionen Einwohnern — 
Faucher schreibt dies 1865 — gibt es mit unerheblichen Ausnahmen nur 
solche Privathäuser, welche nicht mehr als eine Wohnung enthalten *)> 

Das englische Volk ist gewöhnt, das Beziehen eines Stockwerkhauses, 
also das Aufgeben des Familienabschlusses auf gesondertem Grundstück, 
als Übergang zum wirtschaftlichen Verfall der Familie anzusehen. 

Das Aufgeben der Anstrengung, für seine Familie die gesonderte Haus¬ 
tür zu behaupten, wird als ein Hinabgleiten von der sozialen Stufenleiter 
betrachtet. 

Faucher stellt den allgemeinen Grundsatz auf: „Ein Aufgeben der 
Anstrengung, die in einem Lande gewohnheitlicbe Form des Familienlebens 
zu behaupten, ist ein sicheres Zeichen des Verfalles der Familie.“ Die 
Wohnung ist von allen KulturbedürfnisBen das größeste und spielt für die 
Form des Familienlebens die Hauptrolle. Daher findet der angeführte 
Fauchersche Grundsatz in der englischen Anschauung betreffs Behauptens 
der gesonderten Haustür eine Stütze. 

Den Willen, sagt Faucher, beherrscht jener segensreiche Zwang, der 
aus der gesellschaftlichen Natur des Menschen stammt, das Ehrgefühl. Es 
hält den Willen beim Behaupten der einmal errungenen Lebensstufe und 
Lebensform fest. 

Im Mittelalter herrschte in ganz Nord- und Mitteleuropa das Einzel¬ 
haus vor. Wegen des Fehdewesens war dort für die Städtebewobner das 
Wohnen nur innerhalb der Befestigungsmauern möglich. Beim Wachsen 
der Städte mußten von diesen hohe Ausgaben für die Erweiterung der Be¬ 
festigungen aufgebracht werden. Als nun wegen der großen Belastung der 
Gemeinwesen mit Ausgaben für neuauftretende anderweite Bedürfnisse die 
Erweiterung der Befestigungen, die man auch nicht niederreißen wollte, 


l ) Vgl. die Tabelle 12 und unsere bereits daran geknüpften Betrachtungen. 

ViertaljahrMchrift fttr Qevondheitspflege, 1904. jg 


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274 


Th. Oehmcke, 


unterlassen wurde, und die Bevölkerung in den Städten vielfach stark wuchs, 
blieb, wenn freie Bauplätze innerhalb der Stadtmauern nicht mehr vor¬ 
handen waren, nur das Auskunftsmittel übrig, an Stelle der bisher gebräuch¬ 
lichen niedrigen Häuser solche mit mehreren Wohnschichten übereinander 
zu bauen, und an Stelle des Eigenhauses das Mietshaus treten zu lassen. 
Bei manchen Städten unterblieb die Erweiterung der Befestigungen auch 
aus anderen Gründen. 

Die angedeutete bedeutungsvolle Änderung in der Wohnweise in den 
deutschen Städten vollzog sich vom Jahre 1500 bis etwa zum westfäli¬ 
schen Frieden. Nur in dem wohlhabenden Nordwesten Deutschlands fand 
das Stockwerkhaus nur wenig Eingang. 

Im allgemeinen waren selbst bei den wohlhabenderen Familien Luft, 
Stille, Friede und privater Abschluß im Hause je länger je mehr unbekannte 
Bedürfnisse geworden. Mit der Sitte und dem Zwange, im eigenen Hause 
zu wohnen, war auch der Anreiz erheblich zurückgegangen, die Mittel für 
ein solches zu sammeln. So übte das Sinken des Wohnbedürfnisses und 
mit ihm der normalen Lebensform auch einen nachteiligen Einfluß auf das 
Sinken des Volkswohlstandes aus. 

Die Jahrhunderte alte Gewöhnung an das Übereinanderschichten der 
Wohnungen war so groß geworden, daß man auch daran festhielt, als nach 
den Erfahrungen der napoleonischen Kriege zahlreiche Städte von den sie 
einschnürenden Befestigungen befreit werden konnten. Die auf der Stelle 
dieser für die Bebauung freigewordenen Gürtel nahmen — infolge dieser 
Gewöhnung und unter der zutreffenden Voraussetzung, daß sie mit denselben 
hohen Häusern, wie Bie im Stadtinnern bestanden, bebaut werden könnten — 
auch die hohen Bodenpreise des Stadtinnern an. Wo die Erkenntnis von 
der Notwendigkeit weiträumigen städtischen Anbaues in der Stadtumgebung 
später wirklich erwachte, wurde dieser letztere nun durch die Bodenver¬ 
teuerung ebenso unmöglich gemacht, wie eine weiträumige Bebauung im 
Stadtinnern ehemals durch die Stadtumwallungen unmöglich gemacht worden 
war. Nach Bebauung des Geländes der Befestigungen wiederholte sich 
dieses Spiel der Bodenverteuerung wieder bei dem nächst zu bebauenden 
Gürtel usw. 

Die hohen Bodenpreise veranlaßten ein straffes Festhalten an der Stock¬ 
werkstürm ung bei neuen Stadtanlagen, ließen die Entwickelung des Eigen¬ 
hausbaues nicht aufkommen, und riefen zudem auch häufig empfindliche, 
vielfach mit tiefgehender Volkserregung verbundene Wohnungsnot hervor. 

Als Hauptmitte], die Verteuerung des Baulandes zu beseitigen und zu 
verhindern, empfiehlt Faueher folgende Maßnahme: „Es sind entlegenere 
Gelände der Stadtumgebnng, in denen der Bodenpreis erst wenig den land¬ 
wirtschaftlichen Wert übersteigt, in umfassendem Maße als städtisches Bau¬ 
land heranznziehen. Die niedrigen Preise dieser Gelände in ihrer großen 
Flächenausdehnung treten mit den hohen Preisen des räumlich viel kleineren 
Gürtels, welcher der Stadt zunächst liegt, in wirksamen Wettbewerb.** 

Außer den bisher erörterten üblen Wirkungen des Mietskasernenwesens 
treten mit demselben auch bedenkliche Erscheinungen bezüglich der Stellung 
des Familienoberhauptes und bezüglich der Erziehungsaufgaben der 
Familie auf. 


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275 


Gesundheit and weiträumige Stadtbebauung. 

Im Bereiche der gemeinsamen Einrichtungen des geteilten Hauses, als 
des Flures, der Treppe, des Hofes, des Waschkellers, Trockenbodens usw., 
muH der Hauswirt im Interesse der Gesamtheit der Mieter Herr bleiben. 
Die Mieter und deren Gesinde werden Anordnungen und nicht selten auch 
Zurechtweisungen des Hauswirtes sich gefallen lassen müssen, welche 
manchmal auch wohl auf die private, nicht zu den gemeinsamen Teilen des 
Hauses gehörende Hälfte der Wohnung übergreifen. Durch diese hauswirt- 
liche Erziehungsberechtigung wird die hausherrliche Stellung des Mieters 
oft empfindlich getroffen. 

Die Hausgenossenschaft von Familien verschiedenen Ranges hat sodann 
unerfreuliche Einwirkungen auf die Kinder. Kinder, welche ohne Aufsicht 
miteinander verkehren — ein solcher unbeaufsichtigter Verkehr von Kindern 
der verschiedenen Familien ist im Mietshause nicht zu vermeiden — lernen 
meist nur Unarten voneinander. Das gut erzogene Kind verliert dabei; das 
Kind von schlechter Familienerziehung gewinnt nicht dadurch. Im Einzel¬ 
hause ist ein solcher Verkehr leicht zu beaufsichtigen oder auBznschließen. 

Mehrfacher Art sind die Einwirkungen des großen Mietshauses auf die 
Haushaltungen mit Dienstboten. Bei dem regen Verkehr der Dienstboten 
untereinander sind sie, wenn sie auch ganz verschiedenen Schlages, und 
wenn sie auch bei Herrschaften verschiedenen Ranges bedienstet sind, nur 
zu sehr geneigt, ihre Lage zu vergleichen und dadurch unzufrieden zu 
werden. Oft wird die Erziehung der Dienstboten durch ihren Verkehr mit 
im Hause wohnenden, nicht selten im wirtschaftlichen und auch im sittlichen 
Rückgänge befindlichen Familien beeinträchtigt. 

Die Erfahrung lehrt, daß bei Vorwiegen der Einzelhäuser die Liefe¬ 
rung der täglichen Wirtschaftsbedürfnisse durch den Versendungswagen zu 
geschehen pflegt, während beim Vorwalten von Stockwerkhäusern solche 
sich seltener einbürgern. Dies hat zur Folge, daß bei Stockwerkswohnungen 
daa Einholen der WirtschaftsbedürfniBse den Dienstboten zufällt. Der un¬ 
beaufsichtigte Verkehr der Dienstboten mit den kleineren Geschäftsleuten 
kann zu Verdruß für die Hausfrau Anlaß geben. 

Die Ausbildung und Erziehung der Dienstboten ist im Einzelhause 
viel mehr sichergestellt als in der Stockwerks wohnung. Fauch er nimmt 
an, daß durch das Überhandnehmen der großen Mietshäuser in Berlin ein 
Mangel geschulter Dienstboten daselbst eingetreten sei, und daß viele 
Familien deshalb keine oder weniger Dienstboten hielten. Dies wird da¬ 
durch bestätigt, daß die Zahl der Haushaltungen mit Dienstboten sehr 
zurückgegangen wäre. 

In vorstehendem Auszuge konnten die eindringenden und umfassenden 
Ausführungen Fauchers nur in sehr knapper Weise angedeutet werden. 

Diesen Andeutungen und den angeführten Auslassungen der anderen 
Schriftsteller haben wir bezüglich des Besprechungsgegenstandes dieses Ab¬ 
schnittes nur wenig hinzuzufügen. Der Wunsch, mit seiner Familie abge¬ 
schlossen zu wohnen, ist ein dem Menschen ureigener. Es ist auch in den 
für diese Verhältnisse ungünstigsten Zeiten dem Volke das Gefühl nicht 
ganz abhanden gekommen, daß nur das Einzelhaus den für die Erfüllung 
der Bestimmung der Familie notwendigen Abschluß und den Schutz nach 
außen biete und nicht ein Haus, das man mit vielen Familien teilen muß. 

18 * 


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276 


Th. Oehmcke, 


Diese Empfindung ist bei uns nur vorübergehend durch allerdings lange 
andauernde Verhältnisse zurückgedrängt. 

Nachdem der Wert des Einzelhauses von der Wissenschaft gewisser¬ 
maßen von neuem entdeckt ist, handelt es sich darum, jene Empfindung 
durch Lehre und Beispiel wieder zu beleben und zu verbreiten. Für die 
Ausbreitung des Einzelhauses ist es günstig, daß der Wohlstand auch in 
Deutschland sehr zugenommen hat, und daß sogar Verhältnisse eingetreten 
sind, die es vielen Bevorzugten gestatten, große Aufwendungen für glänzende 
Wohnungen in Mietspalästen zu machen, die es diesen aber auch gestatten 
würden, mit denselben Aufwendungen sich einen eigenen behaglichen Herd 
auf eigener Scholle zu errichten, wenn der Sinn dafür in ihnen erweckt wäre. 

Auch für die Angehörigen des Mittelstandes ist es schon in zahlreichen 
Fällen möglich geworden, ein eigenes Heim in den Vororten der Großstädte 
zu erwerben, wenn sie von den Vorzügen davon sich überzeugt hatten. 
Eigener Herd ist GoldeB wert. Der Besitz der Wohnung im eigenen Hause 
erhöht stets das Gefühl der Sicherheit des Daseins, daB Selbstbewußtsein 
und die Lebensfreude. Er verknüpft den Besitzer auch enger mit dem Wohl 
und Wehe des Gemeinwesens. 

Daß die Verhältnisse alsbald sich so ändern werden, daß es dem städti¬ 
schen Arbeiter öfter möglich werden wird, und daß auch das Bedürfnis dazu 
in ihm rege werden wird, ein eigenes Häuschen zu bewohnen, dafür sind 
in Deutschland die Aussichten noch wenig bedeutend 1 ). In Großstädten 
steht ja dem auch der vielfach häufige Wechsel der Arbeitsgelegenheit ent¬ 
gegen. Daß es dem Arbeiter aber bei unB möglich ist, im eigenen Hause 
zu wohnen, dafür ist das vielerorts ausgebreitete Käthner- und Häuslertum 
des ländlichen Arbeiters ein Beispiel. Niederhaltung der Bodenverteuerung 
durch Förderung der Weiträumigkeit der Bebauung wird in besonders 
hohem Maße für den städtischen Arbeiter die Möglichkeit des Wohnens 
im Eigenhause mit seinen angedeuteten weittragenden erzieherischen Folgen 
vermehren. 

Fauch er führt aus, daß die Erhöhung des Wohnbedürfnisses auch 
eine Erhöhung des Ebrbedürfnisses bedeute. Wir möchten dem bekräftigend 
hinzufügen, daß dieses Ehrbedürfnis auch für den handarbeitenden Teil des 
Volkes eine unersetzbare Triebkraft bildet und von ausschlaggebender Be¬ 
deutung für die sittliche Kraft des Gesamtvolkes ist. 

Derselbe Forscher betont nachdrücklich den Zusammenhang von Einzel¬ 
haus und Dienstbotenerziehung. Wir können dazu bemerken, daß der Fall 
jetzt schon nicht so selten eintreten dürfte, daß Familien lediglich mit Rück¬ 
sicht auf die Dienstbotenfrage eine reich ausgestattete Wohnung im gro߬ 
städtischen Mietshause mit einer viel bescheideneren, im Vorort gelegenen 
Einzelhauswohnung vertauschen. Die Dienstbotenfrage verdient große Be¬ 
achtung. Wird diese Frage noch viel bedenklicher, als sie gegenwärtig 


l ) Vgl. Dr. Eberstadt, „Rheinische Wohnverhältnisse und ihre Bedeutung 
für das Wohnungswesen in Deutschland“. Nach einer Besprechung dieser ßchrift 
in der Deutschen Bauzeitung 1903, Nr. 36, ist die arbeitende Bevölkerung in den 
ßtädten Elberfeld, Barmen und Düsseldorf allerdings stark am Hausbesitz beteiligt. 
In Elberfeld fallen 18 7, in Düsseldorf 20 Einwohner auf ein Haus. Dort wie hier 
haben drei Viertel sämtlicher Hausbesitzer nur ein Grundstück. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


277 


schon ist, so hört die Arbeitsteilung auf dem Gebiete der Hauswirtschaft, 
eine wesentliche Vorbedingung menschlichen Fortschritts überhaupt, allmäh¬ 
lich auf. Mangelhafte Dienstbotenerziehung trägt auch ihre bedenklichen, 
später eintretenden Folgen in die Abertausende von denjenigen Familien 
der Arbeiter und kleineren Handwerker hinein, deren Hausmütter aus dem 
Stande der Dienstboten hervorgehen. 

Welchen Vorteil es hat, wenn ein Volk an seiner angestammten Wohn- 
weise festhält, sehen wir an dem Beispiel Englands. Die dort hoch¬ 
gehaltene Sitte, im Einzelhause zu wohnen, läßt in den englischen Städten 
und Großstädten die Tätigkeit der Baupolizei zum großen Teil entbehrlich 
erscheinen, deren Hauptaufgabe es bei uns ist, die zu dichte Bebauung und 
das zu hohe Bauen zu hindern. Jene in England ohne Zutun yon oben her 
festgehaltene Sitte möchte als eine erfreuliche Äußerung des in jenem Lande 
gepflegten Seif government anzusehen sein. 

Die Sitte des Wohnens hinter eigener Haustür dürfte übrigens vielleicht 
nicht unwesentlich auch die Fähigkeit eines Volkes zu kolonisatorischer 
Tätigkeit erhöhen, indem das Volk dadurch in der Lage bleibt, diese immer¬ 
hin von einer gewissen Überlegenheit über andere Kulturvölker zeugende 
Sitte auch in die zu kolonisierenden Länder zu verpflanzen. Ein Beispiel 
hierfür dürfte, wie angedeutet, das Verhältnis von England zu den Ver¬ 
einigten Staaten bieten, welche von England diese Sitte seinerzeit über¬ 
nommen haben. 

4. Abschnitt. Bedingte Notwendigkeit des Stockwerkhauses 
und Verbesserung desselben. 

So sehr wir wünschen müssen, daß das Verständnis für die Vorzüge 
des Einzelwohnhauses in immer weitere Kreise dringe, und daß das Eigen¬ 
baus in Deutschland immer mehr zum Bedürfnis werde, muß doch zugegeben 
werden, daß seiner Verbreitung natürliche Grenzen gezogen sind. 

Im allgemeinen werden die Herstellungskosten einer Wohnung im 
Einzelhause größere sein, als einer solchen im Stockwerkhause. Funda¬ 
mente der Mauern, Flure, Treppenräume, Dach sind im Stockwerkhause 
für eine Anzahl Wohnungen gemeinsam, und sind die für die einzelne 
Wohnung in demselben dafür aufzuwendenden Kosten deshalb meist ge¬ 
ringere als beim Einzelhause. Bei den Kosten des Bauplatzes macht sich 
dieser Umstand in gleicher Weise geltend, wenn der Bauplatz des Einzel¬ 
hauses nicht ganz besonders wohlfeil ist. 

Das Einfamilienhaus, bei dessen Errichtung wohlfeiles Bauland Voraus¬ 
setzung ist, kann in der Großstadt gewöhnlich nur entfernt von der Ge¬ 
schäftsgegend errichtet werden, da in der Nähe der letzteren das Bauland 
dafür zu kostbar ist. Bei zahlreichen Geschäftsleuten ist aber eine zu starke 
räumliche Trennung von Berufstätigkeit und Wohnung ausgeschlossen. 

Beamte, Militärs und Angestellte aller Art, die meist einem öfteren 
Wobnortwechsel durch Versetzung ausgesetzt sind, können nur selten an 
den Erwerb eines Einzelhauses denken. Selbst die Anmietung eines solchen 
beeinträchtigt in der Regel schon zu sehr die für diese Klassen erforderliche 
Beweglichkeit, zumal auch die Anmietung schon größere Anschaffungen für 
Haus und Garten voraussetzt als die Anmietung einer Etagenwohnung im 


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278 


Th. Oehmoke, 


Stockwerkhauee. Die Errichtung von Einzelhäusern zum Vermieten ist für 
Unternehmer zudem im allgemeinen nicht besonders vorteilhaft. 

Die Verwaltung des gemieteten Einzelhauses, die dem Mieter zuzufallen 
pflegt, legt diesem auch eine erheblich größere äußere Mühewaltung auf, als 
er sie als Mieter im geteilten Mietshause hat, wo der Hauswirt gemeinhin 
diese Verwaltung besorgt. Die Vorteile der solchergestalt im geteilten 
Hause stattfindenden Arbeitsteilung können oft nicht von stärker mit Berufs- 
geschäften belasteten Mietern entbehrt werden. 

Die Lage aller Zimmer der Wohnung in einem Stockwerk, auch das 
horizontale Wohnsystem im Gegensätze zu dem vertikalen Wohnsystem, wie 
es das Einzelhaus darstellt, so genannt, erscheint vielen als eine unentbehr¬ 
liche Bequemlichkeit und Annehmlichkeit und als ein ganz besonderer Vor¬ 
zug einer Wohnung. Mit Rücksicht auf die jahrhundertlange Gewöhnung 
des Volkes hat diese Anschauung ihre bedingte Berechtigung, und muß mit 
ihr gerechnet werden. Stübben führt in seinem „Städtebau" 1 ) an, daß 
im östlichen Deutschland die städtische Bevölkerung zu 90 bis 96 Proz. zur 
Miete wohnt. Aus dem Umstande, daß MietBWohnungen überwiegend im 
geteilten Hause liegen, kann aus obigen Zahlen mittelbar geschlossen werden, 
wie sehr das Einzelhaus dort in den Städten zurücktritt, und wie stark die 
Gewöhnung an die Etagenwohnung noch sein muß. 

Wenn wir auch anzustreben haben, daß das Einzelhaus in Deutschland 
bald das bevorzugte Haus des seßhaften Bürgertums werde, gemahnen uns 
die letztgenannten Zahlen doch daran, über den Bestrebungen für die Aus¬ 
breitung des Einzelhauses nicht die Bestrebungen für die Verbesserung des 
für uns einstweilen noch erheblich wichtigeren Stockwerkhauses zu ver¬ 
nachlässigen. Mit Rücksicht auf die angeführten Zahlen wird als das 
weitest mögliche Ziel auch für Neuanlagen von Stadtteilen für geraume Zeit 
noch im allgemeinen meist nur das gemischte Wohnsystem, eine Durch¬ 
dringung der Systeme deB Vielfamilienhauses und des Einzelhauses ange¬ 
strebt werden können. 

Unsere Betrachtungen über das Einzelhaus und den städtischen Anbau 
in ländlicher Art haben sich zur Aufgabe gestellt, auch für die Bestrebungen 
auf Verbesserung des Mehrfamilienhauses nutzbar zu sein. Die voran¬ 
gedeuteten Nachteile, die bei den Stockwerkhäusern sich vielfach zeigen, 
lassen sich erheblich einschränken. Es wird das im allgemeinen in dem 
Grade eintreten, als sich die Vielfamilienhäuser dem Einzelhause nähern, 
und als bei deren Errichtung die Rücksicht auf verhältnismäßig weiträumigen 
Anbau des Geländes festgehalten wird. 

Kapitel 8. Die weiträumige Bebauung des Geländes beim Städtebau. 

1. Abschnitt. Notwendigkeit der Weiträumigkeit. 

Bezüglich der Nutzanwendung der in den vorstehenden Kapiteln ent¬ 
haltenen Erörterungen auf unseren eigentlichen, in der Überschrift dieses 
Kapitels näher berührten Besprechungsgegenstand, haben wir anführen 
können, daß ein größerer Teil der Vorzüge, die sich uns als Folgen des 
Wohnens auf dem Lande ergeben haben, auch dem Wohnen in Vororten 

l ) Handbuch der Architektur, T. 4, Halbband 9. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

und Vorstädten mit mehr oder weniger lockerer Bauweise zuzusprechen ist. 
In allerdings vermindertem Grade werden diese Vorzüge auch bezüglich 
der weiträumiger gestalteten Teile des Stadtinnern gegenüber den gedrängt 
gebauten Teilen sich geltend machen. 

Man wird sagen können, daß im allgemeinen die städtischen Wohn- 
plätze die erwähnten Vorzüge des Landes in demselben Grade besitzen, in 
welchem Grade der Weiträumigkeit sie angelangt sind. 

Ähnlich verhält es sich, wie schon erwähnt, mit der Wohnweise im 
Einzelhause und ihrer besprochenen Überlegenheit über die Wohnweise im 
Vielfamilienhause, um so mehr, als die Vorbedingungen für die Verbrei¬ 
tung des Einzelhauses die Anlage weiträumiger Vororte und die weit¬ 
räumige Bebauung des Stadtgeländes sind. 

Die Überlegenheit der Anlage der Wohnplätze auf dem Lande in be¬ 
treff der Weiträumigkeit gegenüber der gedrängten Anlage derselben in 
den Städten und Großstädten hat sich uns als eine Hauptursache der an 
der Hand der Statistik und sonst erkannten Überlegenheit der Gesundheits- 
Verhältnisse des Landes über die der Städte und Großstädte ergeben. Es 
wird daher die Durchführung der Weiträumigkeit bei neuen und bestehen¬ 
den städtischen Wohnstätten um so mehr als Notwendigkeit anzusehen 
sein, als die Mehrzahl der Haupt Völker Europas, zumal das deutsche Volk, in 
einem unaufhaltsamen schnellen Übergange von ländlichem zu städtischem 
Leben und von ländlichen zu städtischen Berufen begriffen sind, und 
als beispielsweise in Deutschland der Anteil der Städtebewohner an 
der Gesamtbevölkerungszahl, wie erwähnt, den Anteil der Landbewohner 
schon jetzt übertrifft und sehr bald noch viel ausschlaggebender über¬ 
treffen wird. 

Die gesundheitliche Überlegenheit des Landes der Stadt gegenüber, 
aus der wir vorstehend die Notwendigkeit des weiträumigen städtischen 
Anbaues herleiteten, könnte vielleicht nicht schwerwiegend und zweifelsfrei 
genug erscheinen, um diese Notwendigkeit weiträumiger Bauweise in den 
Städten daraus folgern zu können, zumal die Gesundheitsverhältnisse sowohl 
auf dem Lande als in den Städten in den letzten Jahrzehnten sehr erheblich 
sich gebessert haben (vgl. Tabelle 5). 

Demgegenüber können wir auf unsere bereits gemachten Andeutungen 
uns beziehen, daß die gesundheitliche Überlegenheit des Landes vorhanden 
war und weiter besteht, und daß die Gesundheitsverhältnisse in den Städten 
sich langsamer gebessert haben als auf dem Lande, trotzdem für die Durch¬ 
führung der sogenannten Gesundheitswerke in den Städten in den letzten 
Jahrzehnten außerordentlich große Aufwendungen gemacht worden sind, 
während auf dem Lande dafür viel weniger geschehen konnte. 

Was die Bedenklichkeit des geringeren Fortschrittes der Volksgesund¬ 
heit in den Städten im Vergleich zum Lande noch vergrößert, ist der Um¬ 
stand, daß in zahlreicheren größeren Städten die hauptsächlichsten bisher 
bekannten Gesundheitswerke — wir nennen nur Wasserleitung und Kanali¬ 
sation — zum größten Teil durchgeführt worden sind, und daß von der 
weiteren Durchführung dieser Gesundheitswerke keine so große fernere 
Minderung der Sterblichkeit ingenen Städten, als bisher erzielt, möglicher¬ 
weise mehr zu erwarten ist. 


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280 


Th. Oehmcke, 


Die angeführte Tatsache, daß die gewöhnlichen Sterbeziffern für die 
Städte deshalb ein zn günstiges Bild der wirklichen Sterblichkeit geben, da 
den Städten nnd namentlich den Großstädten die lebenskräftigsten Alters¬ 
klassen stetig Zuströmen, können wir vielleicht am deutlichsten an dem 
Beispiele Berlins erläutern. Nach Böckh *) ist für Berlin für das Jahr 1895 
die korrekte Sterbeziffer (26*66 pro Mille einschließlich Totgeborener) um 
5*42 pro Mille höher als die gewöhnliche. 

Diese korrekte Sterbeziffer Berlins, die also im wesentlichen sich 
durch Aussonderung des Einflusses der Altersgliederung kennzeichnet, 
dürfte sich übrigens ohne größeren Fehler mit der gewöhnlichen Sterbe¬ 
ziffer des ganzen Landes, wo der Einfluß der Wanderungen nahezu entfällt, 
in Vergleich ziehen lassen. Die Sterbeziffer Preußens für 1895 einschlie߬ 
lich Totgeborener beträgt 23*15. Die Sterblichkeit Berlins von 26*66 pro 
Mille übertriffk die Sterblichkeit Preußens demnach, wenigstens annähernd, 
um 3*50 pro Mille. 

Die GesundheitsVerhältnisse der Städte im Vergleich zu denen des 
Landes erscheinen in der Beurteilung nach der Statistik der Wehrfähigkeit 
und nach der eigentlichen Gesundheitsstatistik wohl gleich ungünstig, als 
in der Beurteilung nach den Gesamtsterbeziffern. 

Die Weiträumigkeit des Anbaues auf dem Lande sowie in Vororten 
und Vorstädten — als Gesundheitswerk an sich betrachtet — wird nach 
unseren Ausführungen in nicht seltenen Fällen eine Anzahl der anderen 
Gesundheitswerke zusammengenommen allein aufzuwiegen bzw. zu er¬ 
setzen vermögen, was auch für # die Notwendigkeit der Weiträumigkeit 
spricht. 

Schließlich kann auch die allgemeine Bedeutung der Städte für das 
Volksdasein als Beweggrund angesehen werden, welcher es notwendig er¬ 
scheinen läßt, die Gesundheit in den Städten mit allen Mitteln, und nicht 
zuletzt mit dem Mittel weiträumigen Anbaues, zu fördern. Wir haben 
schon erwähnt, daß den Großstädten die Verfolgung erweiterter Kulturziele 
obliegt, und daß ihnen viel reichere Mittel zu deren Erreichung zur Ver¬ 
fügung stehen. Die Verhältnisse der Großstädte sind in geistigen, geschäft¬ 
lichen und gewerblichen Dingen meist für das ganze Land vorbildlich und 
ausschlaggebend, und wirkt ihr Gedeihen in hohem Maße auf das allgemeine 
Gedeihen zurück. Die Großstädte sind in der Regel auch der Sitz der 
Landesregierungen, welche die Geschicke des Landes selbstredend sehr 
beeinflussen; es ist ihnen auch aus diesem Grunde eine erhöhte Bedeutung 
beizumessen. 

Auch abgesehen von den Großstädten ist der Einfluß der Städte im 
allgemeinen ein für das Volk vielfach bestimmender. Sie sind in besonderem 
Maße die Heimstätten des Gewerbefleißes sowie des Handels, und der Hort 
des Landeswohlstandes. Die Blüte der Städte ist die Vorbedingung für die 
Entfaltung der edlen, schöne Sittlichkeit fördernden Kunst und für die 
Entwickelung der Wissenschaft, nach Goethe „des Menschen allerhöchster 
Kraft“. 


*) B. Böckh, Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin, Jahrg. 1900, 8. 77. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


281 


2. Abschnitt. Mittel zur Durchführung der Weiträumigkeit 
und Stand der Durchführung in Berlin, 
a) Allgemeine« über die Mittel. 

Die im Städtebau angewandten Maßnahmen beziehen sich erstens auf 
die angemessene Bebauung der außerhalb des bebauten Stadtinnern liegen¬ 
den Gelände (Stadterweiterungen) und zweitens auf die Bauten in dem vor- 
handenen Stadtinnern, sowie auf die Verbesserung des letzteren. 

Die einzelnen Mittel zur Durchführung weiträumigen Anbaues sind im 
wesentlichen folgende: 

Baupolizeiliche Vorschriften, welche das Maß der Bebauung der 
Fläche des Baugrundstücks sowie die Höhe der Gebäude einschränken; 

Förderung des Anbaues außerhalb des Stadtinnern, in Vorstädten 
und namentlich in entfernter gelegenen Vororten; 

Herstellung yon Verkehrsmitteln zur Entlastung des übervölkerten 
Stadtinnern und zur leichteren Erreichung weiträumig gebauter 
Wohnplatze; 

angemessene Gestaltung des Bebauungsplanes der Stadtumgebung, 
namentlich mit Rücksicht auf Belassung freier Plätze und Schaffung 
von Garten- und Parkanlagen, sowie mit Rücksicht auf vorteilhafte 
Bemessung der Tiefe der Baublocks und der Straßenbreiten (Schaffung 
von Verkehrs- und Wohnstraßen, Verhinderung großer Baukomplexe); 

Ausschließung der Herstellung von Anlagen, die Rauch und schäd¬ 
liche Gase entwickeln oder ungewöhnliches Geräusch verursachen 
(Fabriken usw.) für bestimmte Gegenden, namentlich für die landhaus- 
mäßig zu bebauenden Bezirke, um den Landhausbau hier nicht zu 
hindern; 

Umgestaltung des Stadtplanes des Stadtkerns, wo erforderlich, Durch- 
legung yon Straßen, Beseitigung zu enger Viertel, nachträgliche Anlage 
öffentlicher Gärten und Parks im Stadtinnern; 

schließlich Verhinderung unverhältnismäßiger Preissteigerung des 
Baugeländes in der näheren und weiteren Umgebung der Stadt durch 
andere als in obigen Maßnahmen schon enthaltene — namentlich durch 
steuertechnische — Maßnahmen. 

Wir wollen versuchen, ein Bild von dem Stande der Durchführung 
einiger dieser hauptsächlichsten Mittel und Maßnahmen für Berlin und seine 
Umgebung zu gewinnen, welches ja auch für andere deutsche größere und 
Großstädte von Wert sich erweisen dürfte. 

b) Bevölkerungsdichtigkeit Berlins. 

Nach Tabelle 11 (s.S. 267) weisen von allen dort aufgeführten europäi¬ 
schen Hauptstädten Berlin und Wien die größte auf je ein Haus entfallende 
Bewohnerzahl auf, nämlich 63 (die Tabelle ist wohl etwa im Jahre 1890 
zusammengestellt). 

ln Berlin stieg in der östlichen Luisenstadt, einem Arbeiterviertel, von 
1880 bis 1890 die je auf ein Grundstück kommende Personenzahl von 96 
auf 127. Wie sehr die Höhe der Häuser Berlins die Höhe der Häuser 
anderer deutscher Großstädte hinter sich läßt, ist leicht aus den Zahlen der 
Tabelle 13 abzuleiten. 


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282 Th. Oehmeke, 


Tabelle 13. 


Stadt 

Zahl der auf 

1 ha Hausfläche 
entfallenden 
Bewohnerzahl 

Stadt 

Zahl der auf 

1 ha Hausfläche 
entfallenden 
Bewohnerzahl 

Berlin. 

745 

Köln. 

305 

Hamburg ....;. 

292 

Dresden. 

318 

München. 

248 

Magdeburg. 

293 

Breslau. 

443 

Frankfurt a. M. . . . 

173 


Die auf je einen Einwohner entfallende Bodenfläche, die nach Tabelle 14 
im Jahre 1880 für ganz Berlin 56*01 qm betrug, ging bis 1890 *) nm 16 qm 
nnd dann bis 1895 noch um rund 2'5 qm zurück. Die Fläche betrug nach 
unserer Berechnung 1901 bei rund 1880000 Einwohnern Berlins nur noch 
33*37 qm. Wenn auf weite Stadtgebiete, wie in der Luisenstadt jenseits 
des Kanals und im Spandauer Viertel, diese Zahl in der Tabelle 14 auf 16 
und 18 qm sinkt, so kann man in der Tat von einer Zusammenpferchung 
der Bevölkerung daselbst sprechen. Wenn in derselben Tabelle das Königs- 
viertel mit 83 qm und der Wedding mit 77 qm günstig erscheinen, so ist 
dabei zu berücksichtigen, daß größere Flächen dieser Stadtteile überhaupt 
noch nicht bebaut sind. 

Auf 1 ha Stadtfläche kamen: 

in der Luisenstadt jenseits des Kanals in 1890 .... 604 Bewohner 8 ) 

in einzelnen Arbeitervierteln Berlins in 1890 . . bis 822 „ 

in London (nicht dem Outer London) durchschnittl. in 1891 138 „ 

Wien verdankt seine günstige Bevölkerungsdichtigkeit (auf die ganze 
Stadtfläche bezogen, Tabelle 14) meist dem Umstande, daß die Stadt so große 
Parks und öffentliche Gärten, wie den Prater (1712 ha) 8 ), den Augarten, 
den Stadtpark (145 ha) und zahlreiche große fürstliche Parks besitzt, und 


*) In London kamen 1891 bei 4211056 Einwohnern und bei 304 qkm Flächen¬ 
inhalt 72 qm Stadtfläche auf je einen Bewohner. Die Fläche für Berlin von 
39*83 qm (1890) auf einen Bewohner erscheint der Fläche für London von 72 qm 
(1891) gegenüber recht ungünstig. Für 1901 stellt sich die Fläche für London 
bei 4 537 000 Einwohnern und 302 qkm Stadtfläche auf 66*6 qm auf den Einwohner. 

In London finden sich an den Bändern der bebauten Stadtfläche innerhalb 
des Stadtgebietes weniger unbebaute Flächen als in Berlin, wo der Band der 
Stadtbebauung an mehreren Stellen noch ziemlich weit von der Weichbildgrenze 
entfernt ist. Die Zunahme der Bevölkerung von Berlin (ohne Vororte) beträgt für 
das Jahrzehnt 1890 bis 1900 19*3 Proz. (also 1*9 Proz. für das Jahr), von London 
für das Jahrzehnt 1891 bis 1901 7*3 Proz. (für das Jahr 0*7 Proz.). Mithin wird 
sich für die nächste Zeit die auf jeden Einwohner entfallende Stadtfläche für 
Berlin von 33.37 qm erheblich mehr vermindern bis die für London von 66*6 qm 
(beide Zahlen für 1901). 

Die Flächenzahl für Paris der Tabelle von 31*87 qm auf einen Einwohner 
(1890) würde sich erheblich höher stellen, wenn das tatsächlich zur Stadt gehörige, 
aber nicht dazu gerechnete Bois de Boulogne mit 873 ha freier Fläche in das 
Stadtgebiet eingerechnet wäre, wie dies mit der Fläche des Tiergartens für Berlin 
geschehen ist. 

*) „Berlin und seine Eisenbahnen“, a. a O., Tabelle S. 110 und Tafel 5. 

•) Nach einem Stadtplan von Umlauft hat der Prater auch schon vor 1891 
zum Stadtgebiet gehört. 


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288 


Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


Tabelle 14. 

Bevölkerungsdiohtigkeit Berlins nach Stadtteilen 1 ). 


ü 

fc 

© 

2 

8 tftndesamts bezirke 

Auf einen Einwohner 
kommen Quadratmeter Gesamtfläche 
des Stadtteiles bzw. der Stadt 



1880 

1885 

1890 

1895 

1 

I. Berlin, Kölln, Dorotheenstadt, 
Friedrichs werder. 

3226 

33 71 

36*12 

42 28 

2 

H. Friedrichstadt. 

30*58 

SO’96 

31-36 

34*44 

3 

HI. Untere Friedrich- und Schöne¬ 
berger Vorstadt (früher) . . 

46*58 

35*23 

30*54 

31*30 

4 

IV. Obere Friedrich- und Tempel¬ 
hofer Vorstadt. 

58*87 

44*42 

32*95 

30*80 

5 

V. a und b Luisenstadt jenseits 
des Kanals. 

23*76 

20*55 

1655 

16-27 

6 

VL a und b Luisenstadt diesseits 
des Kanals und Neukölln 

20*09 

21-15 

21*17 

2297 

7 

VH. a und b Stralauer Viertel . . 

44*91 

38*05 

33*05 

31*52 

8 

Vm. Königsviertel. 

124*87 

103-12 

86*13 

82-77 

9 

IX. Spandauer Viertel. 

20*02 

18*45 

17-09 

18-10 

10 

X. a und b Bosenthaler Vorstadt 

58*28 

47*36 

37-60 

30*96 

11 

XL Oranienburger Vorstadt . . . 

37*09 

32*07 

27*08 

25*69 

12 

XU. Friedrich Wilhelmstadt, Moa¬ 
bit, Tiergarten (früher) . . 

149*86 

104*89 

61*89 

53*32 

13 

XIH. Wedding. 

161*96 

126*02 

91*86 

76*71 


Zusammen Berlin (ohne die 
Wasserbevölkerung) .... 

56*01 

47-78 

39*83 

37*48 


Wien (1880, 1890, 1895) . . . 

160*32 


135*04 

117*87 


Paris (1881, 1886, 1891) . . . 

34*38 

33*28 

31-87 

v 


daß bei Niederlegung der Festungswerke ein breiter Gürtel von der Be¬ 
bauung freigehalten worden ist« 

c) Baupolizei-Ordnung von 1887. 

Für die Durchführung größerer Weiträumigkeit im Stadtinnern durch 
baupolizeiliche Einwirkung bedeutet der Erlaß der Baupolizeiordnung für 
den Stadtkreis Berlin vom 15. Januar 1887 den Anfang durchgreifender 
Maßnahmen. Durch diese Bauordnung wurde das Maß der Bebauungsfläche 
der Grundstücke und die Höhe der auszuführenden Bauten erheblich gegen 
früher eingeschränkt. Die bebaubare Fläche der Grundstücke, für die bisher, 
abgesehen von der vorgeschriebenen Hofgröße, keine Einschränkung be¬ 
standen hatte, wurde im wesentlichen bei vorher nicht bebaut gewesenen 
Grundstücken durch die neue Bauordnung auf zwei Drittel der Grundstück¬ 
fläche festgestellt. Das Mindestmaß für die Fläche des bei Bebauung der 


l ) Die Tabellen 13 und 14 sind dem Werke „Berlin und seine Eisenbahnen*, 
Bd. 1, 8. 111 u. 112, entnommen. Die im Jahre 1880 erfolgte Eingemeindung 
des Tiergartens (rund 250 ha) ist darin nur bei dem Gesamtergebnis für Berlin 
berücksichtigt. Für Wien ist die Fläche des Stadtgebietes vor 1891 (5540 ha) zu¬ 
grunde gelegt. 


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284 


Th. Oehmcke, 


Grundstücke freizulassenden Hofes wurde erheblich erhöht, nämlich von 
5*34 m X 5*34 m = 28*5 qm der früheren Festsetzung auf 60 qm. 

Die nach Erlaß der neuen Baupolizei - Ordnung entstandenen neuen 
Stadtteile weisen, wie es namentlich der Anblick der größeren Höfe in den¬ 
selben erkennen läßt, auch nach dem Augenschein eine merkbar größere 
Weiträumigkeit auf als die älteren Stadtteile. Zu Ungunsten dieser letzteren 
haben diese neuen Stadtteile vielfach eine starke Anziehungskraft auf die 
Wohnungsuchenden ausgeübt. So dankbar die Wirkungen der Baupolizei- 
Ordnung von 1887 anzuerkennen sind, kann doch nicht verkannt werden, 
daß die Gefahren des Zusammendrängens der Bevölkerung durch sie nicht 
beseitigt sind, worauf wir später noch zurückkommen, auch nicht beseitigt 
werden konnten, wollte man nicht durch die Bauvorschriften in gewaltsamer 
Weise in die bestehenden privaten Besitzverhältnisse eingreifen. 

An die Stelle der Baupolizei - Ordnung von 1887 trat später die vom 
15. August 1897, welche indessen keine sehr einschneidenden Änderungen 
herbeiführte. 

d) Wachstum der Vororte Berlins. 

Wohl zeitlich die erste umfassende Gegenwirkung, welche die Zusammen- 
drängung der Bevölkerung der einzelnen Stadtviertel Berlins hervorrief, 
war die Entstehung seiner Vororte. Die eigentlichen Vorort-Gründungen 
beginnen mit der zunächst nicht geglückten von Westend. Fau eher führt 
an, daß die bald nach 1865 erfolgte Gründung dieses Vorortes anscheinend 
auf Anregung des im Jahre 1865 erschienenen ersten Teiles seiner mehr¬ 
erwähnten Schrift erfolgt wäre. 

Die zeitlich etwa an zweiter Stelle stehenden, zur Bekämpfung der Be¬ 
völkerungsüberlastung des Berliner Stadtbezirks dienenden bzw. zu diesem 
Zwecke ergriffenen Mittel waren: die von den Stadtbehörden begünstigte 
Ausbreitung der Straßenbahnen und der von der staatlichen Verwaltung 
gepflegte Bau der Eisenbahnen für den Nahverkehr. 


Tabelle 15. 

Es betrug die Bevölkerung von Berlin bzw. diejenige der im 
vormaligen weiteren Polizeibezirke gelegenen Vororte 1 ): 


Datum 

Bevölkerung 
von Berlin 

Zunahme 

Prozent 

Bevölkerung 
der Vororte 

Zunahme 

Prozent 

3. 

Dezember 1858 . 

458 637 

— 

30 450 

— 

1 . 


1871.1 

826 341 

80 

57 676 

90 

1 . 

„ 

1875 . 

966 858 

17-1 

103 949 

80*2 

1 . 


1880 . 

1 122 330 

16*2 

123 333 

1 18*6 

1. 


1885 . 

1 315 287 

17-5 

163 546 

32*5 

1 . 

r 

1890 . 

| 1 578 794 

20*0 

268 507 

64-3 

2. 


1895 . 

1 677 135 

6*2 

| 434 588 

i 61*7 


l ) Die Tabelle ist entnommen aus dem genannten Werk: „Berlin und seine 
Eisenbahnen“. Zum vormaligen weiteren Polizeibezirk gehörten; Oharlottenburg, 
Wilmersdorf, Sohmargendorf, Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Tempelhof, Rixdorf, 
Britz, Treptow, Niederschön weide, Ostende, Stralau, Rummelsburg, Friedriohsfelde, 
Biesdorf, Lichtenberg, Hohen- und Niederschönhausen, Weißensee, Heinersdorf, 
Pankow, Reinickendorf und Tegel. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 

Wie lebhaft 
die Entwickelung 
der V ororte, welche 
ja auch aufs engste 
mit der Entwicke¬ 
lung der eben er- 
wähnten Verkehrs¬ 
mittel zusammen¬ 
hängt, war, dürfte 
aus Tabelle 15 er¬ 
sichtlich sein. Bei 
den Zahlen dieser 
Tabelle,welche das 
schnelle Wachs¬ 
tum der Vororte 
darstellen, ist 
allerdings zu be¬ 
rücksichtigen, daß 
die volkreichsten 
Teile der größe- 
sten dieser Vororte 
wegen ihres tren¬ 
nungslosen Zu¬ 
sammenhangs mit ^ 

Berlin, und da sie ^ 
bezüglich der Höhe 
der Häuser u. dgl. 
dasselbe Gepräge 
wie Berlin haben, 
jetzt mit diesem 
ein einheitliches 
Ganzes bilden, 
wenn sie auch dem 
Namen nach nicht 
dem Stadtbezirk 
Berlin angehören, 
ln diesem Sinne 
ist ein großer Teil 
des durch jene 
Zahlen dargestell¬ 
ten bedeutenden 
Wachstums der 
Vororte auch als 
Wachstum Berlins 
anzusehen. 

Unter den an¬ 
gegebenen Um¬ 
ständen erfreuen 


285 


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Teile der Berliner Vororte Steglitz und Südende, von Süden gesehen, 

Erbaut im wesentlichen nach der Baupolizei-Ordnung von 1892. 




286 


Th. Oehmcke, 

sich diese Vororte durchaus nicht in überwiegendem Maße einer wirklich 
weiträumigen oder gar landhausmäßigen Erscheinung ihrer Straßen und 
Häuser — wir erwähnen nur die in die Hauptstadt aufgehenden Teile von 
Charlottenburg und Schöneberg. Für die Arbeiterstadt Rixdorf konnte unter 
den obwaltenden Verhältnissen eine lockere Bauweise überhaupt nicht in 
Frage kommen. Wesentlichen Eintrag hat es der Festhaltung weiträumiger 
Bebauung für größere Gebiete der Vororte getan, daß die offene Bauweise 
erst etwas verspätet den Schutz der behördlichen Vorschriften erfuhr. Durch 
die im Jahre 1887 für einen größeren Teil der Vororte getroffenen Ma߬ 
nahmen und durch die Bestimmung, daß daselbst entweder an der Nachbar¬ 
grenze oder mit einem Wich von 6 m (statt früher 2*5 m) gebaut werden 
müsse, wurde, entgegen der Absicht des Gesetzgebers, bis zum Erlaß der 
Vororte-Bauordnung von 1892 die offene Bauweise mehr gehemmt als be¬ 
fördert. 

Für 1895 entfallen von den 434 588 Vorortbewohnern der Tabelle zu¬ 
sammen rund 255 000 auf Charlotten bürg, Schöneberg und Rixdorf, deren 
Bauart in ihren größten Teilen nur noch wenig von der gedrängten Bauart 
Berlins abweicht 1 ). 

Eine weitere Anzahl von Vororten weisen ein unerfreuliches Gemenge 
von Mietshäusern mit hoben Brandgiebeln und von Landhäusern auf (vgl. 
Abb. 2 a. v. 8.). 

ln einem Teile der Vororte wurde allerdings von vornherein in ganz 
überwiegendem Maße an der landhausmäßigen Bebauung festgehalten, und 
zwar vornehmlich dank der von den betreffenden Gründungs-Baugesell¬ 
schaften den einzelnen Grundstückskäufern auferlegten und im Grundhuche 
eingetragenen bezüglichen Baubeschränkungen. 

e) Verkehrsmittel. 

Ermöglicht worden ist die bedeutende Entwickelung der Vororte nur 
durch die Entwickelung eines umfassenden Netzes von Straßenbahnen und 
besonders von Eisenbahnen für den Nahverkehr. Im Jahre 1872 wurden die 
Ringbahn, am 7. Februar 1882 die den Osten mit dem Westen Berlins ver¬ 
bindende Stadtbahn dem Verkehr übergeben. An letzterem Zeitpunkt wurde 
auf dieser und auf der Ringbahn ein Nahverkehr mit häufiger Zugfolge 
eröffnet. 

Nicht für die Vororte allein ist das Jahr der Eröffnung des Verkehrs 
auf der Stadtbahn, deren Bau als Privatunternehmen begonnen, dann aber 
vom Staate übernommen und durchgeführt wurde, von grundlegender Be¬ 
deutung gewesen. Auch für die Umgestaltung der Hauptstadt in ihrer 
äußeren Erscheinung bedeutet dies Jahr nach vielen Richtungen hin einen 


l ) Nach einer Zeitungsnachricht ist es in einem neueren Hefte der Charlotten¬ 
burger Statistik ausgeführt, wie das Ergebnis einer kürzlichen Grundstücksauf¬ 
nahme in den westlichen Vororten den Übergang vom Landhaus zur Mietskaserne 
erkennen lasse. Im Jahre 1885 kamen danach in Charlottenburg nur 29 Ein¬ 
wohner auf ein Grundstück. 1890 bereits 41, 1900 sogar 90. Günstigere Verhält¬ 
nisse zeigen die anderen westlichen Vororte: In Wilmersdorf kamen Ende 1900 
43 Einwohner auf ein Grundstück, in Friedenau 29, in Schmargendorf 23, in der 
Villenkolonie Grünewald 11. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


287 


Merkstein. Indem die Stadtbahn nach umfassenden Teilen der Stadt einen 
bis dahin nicht gekannten Verkehr leitete, bot sie der Stadtverwaltung zur 
Verbesserung des Stadtplanes und zur Beseitigung unzeitgemäßer Stadt¬ 
viertel vielfach den Anlaß. 

Von den zahlreichen damals eingeleiteten bzw. durchgeführten Straßen- 
durchlegungen seien nur genannt: das mit einem Kostenaufwande von 
11 Millionen Mark in den Jahren 1877 bis 1887 durchgeführte, einer Bau- 
gesellschaft übertragene Straßenunternehmen der Kaiser Wilhelmstraße, 
sodann die Parallelstraße „An der Stadtbahn u , die Verbreiterung des Mühlen¬ 
damms, sowie die Durchlegung der Zimmerstraße nach der Königgrätzer- 
straße. In den nächsten fünf Jahren, d. h. bis 1908, sollen nach einem 
von den staatlichen Aufsichtsbehörden bereits genehmigten Beschluß der 
städtischen Körperschaften von einer zur Erweiterung der städtischen Be¬ 
triebsanlagen und zu sonstigen baulichen Zwecken aufzunehmende Anleihe 
von 228 Millionen Mk. 36 301000 Mk. für Straßendurchlegungen und Ver¬ 
breiterungen verwandt werden, darunter 11*3 Millionen für die Beseitigung 
des sogenannten „Scheunenviertels“ und 9’9 Millionen für die Verbreiterung 
der Landsberger Straße. 

Von wesentlicher Bedeutung für die Entwickelung der Vororte und 
Berlins war sodann die 1891 eröffnete neuere Wannseebahn, welche der alten 
Stammbahn hinzugefügt wurde. Sie verbindet die bedeutenden südwest¬ 
lichen Vororte und Potsdam mit Berlin und wurde gleich in der Anlage 
nur für den Nahverkehr gebaut. Außer Ring-, Stadt- und Wannseebahn 
wurden eine Anzahl kleinerer Linien für den Nahverkehr, teils unter Be¬ 
nutzung der vorhandenen Fernbahnen, eingerichtet, teils neu gebaut (vgl. 
den ÜberBichtsplan Abb. 3 a. f, S.). 

Die staatliche Verwaltung schuf alle diese Schnellverkehrsmittel in der 
— wie in dem Werke „Berlin und seine Eisenbahnen“ betont ist — be¬ 
stimmten Absicht, durch Förderung des Emporblühens der Vororte die Stadt 
selbst baulich zu entlasten, und in ihr der Wohnungsnot sowie dem Zu¬ 
sammendrängen der Menschen und Häuser Einhalt zu tun. 

Die Art der Entwickelung der Vororte, deren Wachstum in hohem 
Grade von ihrer Lage zu den Vororteisenbahnen bedingt ist, hatte bald er¬ 
kennen lassen, daß unter den Verhältnissen einer Stadt von der Größe 
Berlins, Schnellverkehrsmittel, wie nur die Eisenbahnen es sind, für die 
Entwickelung von Vororten, die zur Entlastung der Stadt mit Erfolg bei¬ 
tragen sollen, die wesentlichste Vorbedingung seien 1 ). 

Weitere vollspurige Eisenbahnen außer der Stadtbahn durch das überall 


l ) Dem Vernehmen nach beschäftigt die Eisenbahnverwaltung zur Zeit die 
Erwägung über die Einführung von Vorort-Schnellzügen, die von den Interessen¬ 
vertretungen einzelner Vororte neuerdings angestrebt werden. Auf dem Stadt¬ 
eisenbahnnetz von London und seiner Umgebung verkehren schon seit geraumer 
Zeit zwischen den bedeutenderen Vororten und den Hauptbahnhöfen der Stadt in 
größerer Anzahl Vorortzüge ohne Aufenthalt auf den Zwischenstationen. In dem 
Vorortverkehre Berlins sind bisher nur vereinzelte derartige Verbindungen ein¬ 
gerichtet. 

Einen erheblichen Fortschritt würde die Einführung des elektrischen Betriebes 
für die dem Nahverkehr dienenden Volleisenbahnen Berlins bedeuten, welcher 
Betrieb für zwei Strecken schon probeweise eingerichtet ist. 


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Abb. 3 


Th. Oehmcke, 


dichtbebaute Stadtinnere zu führen, ist wegen der Höhe der Granderwerbs¬ 
kosten nicht möglich. Um weitere Schnellverkehrsmittel, wie sie für die 
bauliche Entlastung der Stadt ebenso unerläßlich geworden sind, wie für 
die Bewältigung des außerordentlich starken Verkehrs zu schaffen, wird 



man auf den Bau von Untergrund- und Hochbahnen, wie eine solche in 
der elektrischen Hoch- und Untergrundbahn schon entstanden ist, oder 
ähnlicher Bahnen, angewiesen sein. 


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Gesundheit und weiträumige Stadtbebauung. 


289 


f) Wirkung der ergriffenen Maßnahmen zur Entlastung des Stadtinnern 

im einzelneu. 

An der Hand der Tabelle 14 haben wir feststellen müssen, daß die 
Bevölkerungsdichtigkeit des Stadtbezirks von Berlin im Gesamtdurchschnitt 
noch stetig zunimmt. Vergleichen wir diese Zunahmen indessen von 
Jahrfünft zu Jahrfünft, so sehen wir, daß sie geringer werden. Bei den 
Zahlen der Bevölkerungsdichtigkeit für die einzelnen Stadtteile sehen wir 
sogar, daß diese Zahlen für einige Stadtteile abnehmen. Es betrifft dieses 
die Bezirke des Kernes des Stadtinnern, während die Zahlen der Bevölke¬ 
rungsdichtigkeit der Außenteile des Stadtbezirks durchweg zunehmen. Diese 
Abwanderung der Bevölkerung aus dem eigentlichen Berlin — dem Berlin 
innerhalb der früheren Stadtmauer — nach den Weichbildgrenzen hin hat 
sich schon 1895 bestimmt bemerkbar gemacht. 

Diese Wendung zum Besseren in den Wohnverhältnissen der Stadt, die 
außer der Einwirkung der erlassenen Baupolizei-Verordnungen eine Anzahl 
von Ursachen hat, dürfte in der Hauptsache auf die Verbesserung der Ver¬ 
kehrsmittel, auf das Emporblühen der Vororte und auf die größere An¬ 
ziehungskraft der Wohnungen in den neueren Außenteilen des Stadtbezirkes, 
welche, der Bauordnung von 1887 gemäß, weiträumiger gebaut sind, zurück¬ 
zuführen sein. 

Abb. 4. 



Hinteransicht einer Mietshäuserreihe in Moabit. 
Erbaut im Jahre 1895. 


Sind die Bevölkerungs- und Wohnverhältnisse Berlins also in der Ge¬ 
sundung begriffen — wozu ja auch die erwähnte rege Tätigkeit auf dem 
Gebiete der Straßendurchlegungen beiträgt — so sind sie allerdings noch 
weit davon entfernt, befriedigende zu sein. Dem Mietskasernentum als 
solchem wurde durch die Baupolizei - Ordnung von 1887 Abbruch nicht 
getan. Als Bestätigung hierfür diene die dem Werke „Berlin und seine 
Eisenbahnen“, S. 106, entnommene Abb. 4, welche einen Begriff von der 
nicht seltenen Ausschlachtung von Baugeländen in Berlin gibt. 

Vierteljahrsschrift für Gesundheitspflege, 1904. 29 


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290 


Th. Oehmcke, 


g) Gestaltung der Vororte im einzelnen und Baupolizei - Ordnung für die 
Vororte von Berlin von 1892. 

Auf die bauliche Gestaltung der Vororte, die wir bei Gelegenheit des 
Wachstums derselben schon berührt haben, haben die Baupolizeivorschriften 
einen weitgehenden Einfluß ausgeübt. Hatte die Übertragung der Bau¬ 
polizei-Ordnung für Berlin selbst von 1887 auf eine